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Nervous Systems, Deep Dreams. Von Künstlicher Intelligenz, Moral Machines und der Rückkehr von Magie im digitalen Zeitalter: Tabita Rezaires Premium Connect (2017)

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Abstract and Figures

Tabita Rezaires Kunst lässt sich als radikale Annäherung naturwissenschaftlicher, technologischer und spiritueller Perspektiven verstehen, in der ganz unterschiedliche Wissensformen und Erkenntnisweisen eine wichtige Rolle spielen. Bezüge zu Mikrobiologie und Informatik werden genauso relevant wie verkörpertes Wissen und übersinnliche Praktiken. In Premium Connect geht es speziell um die Frage, wie im Zeitalter digitaler Verknüpfungsmöglichkeiten verschiedene Arten und Weisen der Wissensgenerierung einander systematisch angenähert werden können. Rezaire konturiert dazu einige Orientierungspunkte an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und magischen Erklärungsmodellen und zeigt, wie sie die komplexe Gegenwart navigiert, indem sie unterschiedliche Bezugssysteme miteinander verwebt. Die Arbeit macht Rezipient*innen damit ein Angebot für komplexe Verwicklungen in einer ebenso komplexen Gegenwart.
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PrePrint, erscheint als:
Klein, Kristin (2020): Nervous Systems, Deep Dreams. Von Künstlicher Intelligenz, Moral Machines und der
Rückkehr von Magie im digitalen Zeitalter: Tabita Rezaires Premium Connect (2017). In: Bernhard Balkenhol,
Christa Sturm (Hg.): Kunst#quer#Kopf. Kunst und Neurowissenschaften begegnen sich. München: kopaed.
Nervous Systems, Deep Dreams
Von Künstlicher Intelligenz, Moral Machines und
der Rückkehr von Magie im digitalen Zeitalter:
Tabita Rezaires Premium Connect (2017)
Nervous Systems, so lautet der Titel einer Ausstellung zum quantifizierten Leben und der
sozialen Frage 2016 im Berliner Haus der Kulturen der Welt.
1
Er steht zum einen für die
zunehmende Verstrickung von Mensch und Technologie und damit einhergehender Re-
Definitionen: Mit der digitalen Vernetzung von Menschen, Gegenständen und Prozessen
verändern sich nicht nur Modalitäten der Kommunikation, des Informationsaustausches und
der Wissensspeicherung, sondern zunehmend auch die Konzeption kognitiver Aktivitäten.
Was als Wissen und was als erkenntnisfähiges Subjekt gelten kann, reicht dabei weit über die
Grenzen einzelner Individuen hinaus. Sinnbildliche Beschreibungen wie die der Nervous
Systems referieren auf die wachsende Fusion insbesondere menschlicher und technologischer
Informationsverarbeitung.
Zum anderen dienen sie als Analogie für gegenwärtige Kontrollgesellschaften im Kontext
globalisierter, interdependenter Märkte, zunehmender Überwachungsstrukturen und
unüberschaubarer Wirkungsgefüge digitaler Kommunikation. Diese sind nicht allein durch
einfache Ursache-Wirkung-Rationalisierungen zu begreifen: Zwar steigt durch digitale
Technologie die Möglichkeit, verschiedene Daten in großem Umfang miteinander zu
verbinden, Muster und Wahrscheinlichkeitsbeziehungen herzustellen und dadurch
Zusammenhänge in neuer Weise sichtbar zu machen (vgl. Nassehi 2019, S. 31 & S. 35),
zugleich scheinen Gesellschaften jedoch im höchstem Maße unüberschaubar, instabil, nervös
(vgl. Franke, Hanky & Tuszynski 2016, S. 16 f).
Die Konnotationen solcher erweiterten Nervous Systems werden im Folgenden anhand der
Video-Arbeit Premium Connect (2017)
2
der Künstlerin Tabita Rezaire in Ergänzung weiterer
Beispiele skizziert. Während netzwerktheoretische Perspektiven derzeit besonders in der
sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung des Globalen Nordens vor dem Hintergrund
digitaler Plattformen nicht ohne Zufall verstärkt Aufmerksamkeit erfahren (vgl. Jörissen
2016), zeigt die Künstlerin Tabita Rezaire in ihren Arbeiten, dass netzwerkförmige
Beschreibungen von Natur, Kultur und Technologie bereits auf eine lange (nicht-westliche)
Tradition zurückzuführen sind.
Rezaires Kunst lässt sich als radikale Annäherung naturwissenschaftlicher, technologischer
und spiritueller Perspektiven verstehen, in der ganz unterschiedliche Wissensformen und
Erkenntnisweisen eine wichtige Rolle spielen. Bezüge zu Mikrobiologie und Informatik
werden genauso relevant wie verkörpertes Wissen und übersinnliche Praktiken. In Premium
Connect geht es speziell um die Frage, wie im Zeitalter digitaler Verknüpfungsmöglichkeiten
verschiedene Arten und Weisen der Wissensgenerierung einander systematisch angenähert
werden können. Rezaire konturiert dazu einige Orientierungspunkte an der Schnittstelle von
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https://hkw.de/de/programm/projekte/2016/nervoese_systeme/nervoese_systeme_start.php (01.11.2019).
2
Diese ist online verfügbar unter folgendem Link: https://vimeo.com/247826259 (13,04 min). Es empfiehlt sich, diese vor
der Lektüre des Textes anzusehen.
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Kunst, Wissenschaft und magischen Erklärungsmodellen und zeigt, wie sie die komplexe
Gegenwart navigiert, indem sie unterschiedliche Bezugssysteme miteinander verwebt. Die
Arbeit macht Rezipient*innen damit ein Angebot für komplexe Verwicklungen in einer
ebenso komplexen Gegenwart.
Deep Dreams
„Developers, please help! We’re drowning (not waving) in a sea of data with data, data
everywhere, but not a drop of information
3
, so zitiert die Künstlerin Hito Steyerl eine interne
Seite der NSA (Sontheimer 2015, zit. nach Steyerl 2018, S. 2). In dieser Darstellung
erscheinen Daten als übermächtiger Ozean, eine populäre Metapher für digitale Technologie
in ihren verschiedenen Aggregatzuständen verwiesen sei an dieser Stelle nur auf
Semantiken von Datenleaks, der Cloud oder der Zeit, als man noch im Internet surfte.
Ein Mehr an Daten ist jedoch nicht zwangsläufig mit Informations- oder Erkenntniszuwachs
gleichzusetzen. Zu Informationen werden Daten erst, wenn sie aufeinander bezogen und
strukturiert dargestellt werden. Um tatsächlich Wissen aus großen Datenmengen zu
generieren, müssen valide Muster identifiziert werden, um bisher unbekannte
Abhängigkeiten, Cluster oder Anomalien erkennen zu können (siehe Abbildung 1): „It’s now
a question of defining flocks, swarms rhythms, and constellations within the deafening noise
of intercepted data (Steyerl 2018, S. 2).
Abbildung 1: Data, Information, Knowledge, and Wisdom. Nach Gene Bellinger, Durval Castro, Anthony
Mills und in Anlehnung an Russel L. Ackoff.
Was dabei als Information (an)erkannt und was als solche hergestellt wird, hängt wesentlich
von den jeweiligen Vorprägungen bzw. von den Datenbanken, den Kontexten der
Datenerhebung und ihren Auswertungszwecken ab. Datenkorpusse beinhalten auf
verschiedenen Ebenen politisch relevante Dimensionen (Steyerl 2018, S. 3 ff).
3
Inwiefern bereits die Datengrundlage das Ergebnis beeinflusst, verdeutlicht sich beispielhaft
in der Anwendung von Googles Deep Dream Generator, einer Visualisierungs-Software auf
Basis eines künstlichen neuronalen Netzwerks, das ursprünglich der Erkennung und
Klassifizierung von Bildinhalten diente. Im Fall des Deep Dream Generators wird der
Prozess der Bilderkennung jedoch umgekehrt. Es werden demnach keine Bilder per
Bilderkennung klassifiziert und bestimmten Kategorien zugeordnet, sondern Bilder werden
mithilfe der Software so verändert, dass ausgewählte trainierte Strukturen des Netzes in
besonderer Weise in Bildern aktiviert werden. Stark vereinfacht dargestellt: Die Software
überidentifiziert Motive in Bild- bzw. Datenpunkten, auf die sie trainiert worden ist und hebt
diese im Bild plastisch hervor. Sie liest gewissermaßen ihr Wissen in die Bilder hinein. In der
schrittweisen Überzeichnung von Farben, Konturen und abgebildeten Formen erscheinen in
alltäglichen Motiven traumartige, surreale Landschaften, die beispielsweise eine Vielzahl an
Augen oder tierähnlichen Formen zeigen. So wird annährungsweise sichtbar, welche
Trainingsdaten in das künstliche neuronale Netzwerk eingegangen sind. In einem unter
Wasser aufgenommenen Bild von Ohrenquallen (Abbildung 2) tauchen durch hohe
Kontrastierung vorhandener Bilddatenpunkte in dutzenden Iterationen mittels Deep Dream
Generator beispielsweise Hundegesichter auf (Abbildung 3). Vergleichbar etwa mit einer
Person, der in einer Wolke menschliche Konterfeis oder andere Gestalten zu erkennen meint.
Es werden die zuvor eingeübten, bzw. im zuletzt genannten Fall evolutionsbiologisch
vorteilhafte, Strukturen aktiviert.
Abbildung 2: Ohrenqualle im Naturkundemuseum Karlsruhe. Foto von Martin Thoma
4
Abbildung 3: 50 Iterationen von DeepDream. Foto von Martin Thoma
In ähnlicher Weise lese ich die Video-Arbeit Premium Connect im Folgenden als
Überzeichnung von Datenpunkten. Insbesondere solcher, die in wissenschaftlichen Kontexten
des Globalen Nordens lange unterrepräsentiert waren. Im Kontext einflussreicher, zumeist
westlicher Plattformen und monopolisierter Internet-Konzerne, die nicht nur über die größte
Infrastruktur, sondern auch über Datennutzung verfügen und politisch Einfluss nehmen zum
Beispiel das online Sagbare, teils über staatliche Organe hinweg, regulieren und kontrollieren
können (vgl. Seemann 2018) steht für Rezaire die Frage nach dekolonialen und
widerständigen Technologien im Vordergrund (vgl. Goodman Gallery 2017, o. S.):
Indeed, the West controls the Internet, in terms of domain ownership, content input and data
utilization, while Africa remains the least visible continent on the Internet.
The fantasized
global online culture is still mainly a one-way flow, from them to the rest of the world.
Considering the Global South context, we can ask ourselves if the Internet is a colonized
space, and if we are still victims of a hegemonic power. How can culture have an impact on
this social divide and misrepresentation? And can the Internet still be a space for dissent?
(Rezaire 2014, S. 186).
Mit digitaler Technologie sind bei Rezaire, wie sich zeigen wird, nicht nur diskrete, in Nullen
und Einsen codierbare Einheiten und (Zahlen)Werte gemeint. Stattdessen sind in
metaphorischer Verwendung auch die Austauschsysteme der Natur und des kollektiven
Gedächtnisses angesprochen, die sie in Premium Connect auf unkonventionelle Weise und
stets vor dem Hintergrund aktueller digitaler Kulturen zu einem dichten Gebilde verwebt.
Die Künstlerin versucht in einem weiten Verständnis von Technologie eben jene Strukturen
und Erkenntnisweisen herauszustellen, die sich einer Digitalisierung verwehren, zugleich aber
ein anderes Verständnis für digitale Technologie ermöglichen können.
5
Premium Connect
Premium Connect, so heißt es im Portfolio der Künstlerin, ist eine Studie
grenzüberschreitender Informations- und Kommunikationstechnologien, eine Untersuchung
kybernetischer Räume, in denen sich die organische, technologische und spirituelle Welt
verbinden (vgl. Goodman Gallery 2017). Im Folgenden soll es nicht um eine genaue Inhalts-
oder um eine Analyse ästhetischer Mittel der Video-Arbeit gehen, sondern vielmehr um die
Art und Weise der Verknüpfung von Daten, der Herausstellung von Strukturen und
verschiedenen Wissenspraktiken anhand dreier exemplarischer, in Premium Connect
thematisierter Perspektiven. Die ersten beiden gehen von Begrifflichkeiten aus, die in
Premium Connect als „Wood Wide Web“ und „Divine Internet“ genannt sind. Sie werden
durch zahlreiche Verweise und Exkurse ergänzt. Am Ende folgt eine wissenschaftskritische
Metaperspektive, die ebenfalls in Premium Connect angelegt ist:
Wood Wide Web Perspektiven der Naturecultures
befasst sich mit externen Datenspeichern und Kommunikationssystemen von Pflanzen
sowie mit der kontinuierlichen Verflechtung von Mensch, Natur, Kultur und
Technologie
Divine Internet Perspektiven der Multimodalität
befasst sich mit tradierten Praktiken der Weissagung als Zugriff auf das Wissen der
Ahnen und als Hilfe zur zukünftigen Entscheidungsfindung
Was durch die Netze fällt Perspektiven der Digitalisierung vor der
Digitalisierung
befasst sich mit blinden Flecken in wissenschaftlichen Diskursen der Digitalisierung,
v. a. des Globalen Nordens
Rezaire fusioniert diese Perspektiven und stellt sie gängigen Dichotomien von Natur/Kultur,
Mensch/Technologie gegenüber, um vorherrschende Verständnisse speziell von
Digitalisierung zu queren: Overcoming the organism/spirit/device dichotomies, this work
explores spiritual connections as communication networks and the possibilities of decolonial
technologies (ebd.).
Wood Wide Web Perspektiven der naturecultures
In Premium Connect wird das sogenannte Pflanzeninternet vorgestellt, ein unterirdisches
Zell-Netzwerk, in dem Pilze eine bedeutende Rolle spielen: Während nur ein geringer Teil der
Pilze der Fruchtkörper aus dem Boden ragt, besteht der Großteil ihrer Körper aus einer
Masse dünner Fäden, Myzel genannt. Die Fäden des Myzels fungieren als unterirdisches
Netzwerk, das die Wurzeln verschiedener Pflanzen, mitunter kilometerweit, miteinander
verbindet. Während das vernetzte, rhizomartige Wurzelgeflecht Deleuze und Guattari als
postrukturalistisches Modell der Wissensorganisation diente, verglichen es zahlreiche
Medientheoretiker*innen später mit der Infrastruktur des Internets. Biolog*innen
bezeichneten es außerdem als Wood Wide Web der Pflanzen (vgl. Simard u.a.1997). In diesem
Pilz-Netzwerk-Zusammenschluss können Nährstoffe und Informationen ausgetauscht werden,
ein Schädlingsbefall im Netz mittels chemischer Signale an weiter entfernte Bereiche des
Netzwerks kommuniziert, Nährstoffe verteilt, genauso aber einander lebenswichtige Stoffe
entzogen und unerwünschte Pflanzen durch giftige Chemikalien über das Netzwerk sabotiert
werden. Dieser Austausch ist nicht nur zwischen Pflanzen gleicher Art möglich, sondern auch
zwischen verschiedenen Arten. Dabei haben Pflanzen, die an das Pilz-Netz angeschlossen
6
sind, in der Regel eine höhere Wahrscheinlichkeit zu überleben als im Alleingang (vgl. Smith
& Read 2008).
Im sichtbaren Bereich der Oberfläche scheinbar autarke Organismen sind miteinander
verbunden und haben großflächige Kommunikationssysteme ausgebaut, die der Wissenschaft
lange Zeit nur bedingt zugänglich waren oder für Forschungszwecke interessant erschienen.
Was im Globalen Norden noch nicht allzu lang beachtet wird, so lautet zumindest Rezaires
Beschwörung, ist im Wissensschatz indigener Völker allerdings seit jeher fester Bestandteil.
Diese wüssten, wie man mit der Natur kommuniziert und deren Wissen hier zeigt sich
Rezaires metaphorischer Bezug zur Digitalisierung herunterlädt: We have much to recover
in terms of connectivity and its potentialities. As science recently discovered the role of
underground fungi networks used by plants to communicate and transfer information, ancient
tradition have long known how to communicate with nature and download its knowledge”
(Goodman Gallery 2017).
Premium Connect konstruiert, gegenüber Forschungsdisziplinen, die ein zur Umwelt
eindeutig abgrenzbares Subjekt voraussetzen, eine andere subjektive Bezogenheit zur Welt:
diese ist durch Umwelt, durch belebte wie unbelebte Natur beeinflusst, durch
Sauerstoffkreisläufe und Nahrungsaufnahme, durch kosmische Strahlung, biotechnologische,
medizinische, virale und pharmakologische Einwirkungen (vgl. Latour nach Bennett 2010, S.
117). Menschliche Subjekte sind bei genauerer Betrachtung also selbst bereits
Multispeziesverbände (vgl. Gane & Haraway 2006). Allerspätestens, seit Mikroplastik in
lebenden Organismen nachgewiesen und gezielt in den genetischen Code eingegriffen wird,
kann von einer klaren Natur-Kultur-Trennung nicht mehr die Rede sein. Begriffskonzepte wie
Nature-Culture von Donna Haraway oder Naturecultures von Bruno Latour (vgl. van der
Tuin 2018, S. 269) gehen daher von einem Kontinuum aus, in dem Natur und Kultur bzw.
Mensch und Technologie in direkten Austauschverhältnissen stehen. Vielmehr noch, sie
gehen durch-einander hervor und sind nicht eindeutig auszumachen. In dieser Definition sind
menschliche Subjekte immer eingebettet, situiert und von ihren jeweiligen Kontexten und
Umwelten abhängig bzw. Teil dieser. Sie können damit keinen distanzierten Blick von außen
einnehmen (vgl. Braidotti 2019, S. 135ff.).
Umgekehrt verändern sie das Beobachtete bereits im Zuge der Beobachtung. Wie Nils Bohr
nachwies, üben Messweisen Einfluss auf subatomarer Ebene aus und verändern
beispielsweise das Verhalten bzw. die Position von Elementarteilchen, wodurch die
beobachten Phänomene mithervorgebracht werden. Apparatur und beobachtetes Objekt sind
damit, so Karen Barad mit Bezug auf Bohr, untrennbar voneinander, materielle und
diskursive Ebenen ineinander verschlungen. Dieser Umstand erfordert ein neues Nachdenken
über Epistemologie und Wissensontologie insbesondere in ihrer Verschränkung (vgl. Barad
2007, S. 200ff.). Legt man Premium Connect zugrunde, relativiert sich konsequenterweise,
was Aufgabe bzw. Möglichkeitsraum von Wissenschaft sein kann. Der theoretische Physiker
Sylvester James Gates wird dort folgendermaßen zitiert: „„Science is not about finding the
truth. What science is about is making our beliefs of nature less false” (Premium Connect
2017, min 11:19).
Exkurs: Von Künstlicher Intelligenz und Moral Machines
Mit digitaler Technologie kommt in der Perspektive der naturecultures eine weitere
Komponente zum Tragen, die aktuell das Verständnis von menschlichen Erkenntnisprozessen
fundamental verändert und die in Rezaires Arbeit Hauptgegenstand ist. Gegenwärtig führen
besonders Digitalisierungsprozesse und -effekte neue Konzeptionen u.a. der Kognition,
verstanden als menschliche Denk- und Wahrnehmungsvorgänge, herbei. Paradoxerweise
7
lassen sich durch Prozesse der Automatisierung und die Entwicklung künstlicher neuronaler
Netzwerke kognitive Elemente in menschlichen Tätigkeiten ausmachen, die zuvor für die
(Technik-)Forschung weitgehend uninteressant schienen. Durch Machine Learning im
Bereich des automatisierten Fahrens zeichnet sich z.B. ab, dass Tätigkeiten wie Auto fahren
die lange Zeit als hauptsächlich manuelle Aktivitäten galten umfangreiche kognitive
Fähigkeiten voraussetzen. Nun aber werden diese als komplexes Zusammenspiel bewusster
und unbewusster Prozesse, verinnerlichter Regeln, mechanischer Handlungen, motorischen
Gedächtnisses, sozialer und ethischer Konventionen, kultureller Codes und Situationsspezifik
ausgemacht (vgl. Pasquinelli 2019). Was in diesem Kontext mitunter als Künstliche
Intelligenz beschrieben wird, ist tatsächlich eine Kulmination der aufgeführten Parameter, die
nahezu unmöglich in algorithmisierte Regelhaftigkeit zu überführen sind allein die
Dilemmata der Moral Machine
4
(Abbildung 4) für das Szenario eines selbstfahrenden Autos
zu entscheiden, veranschaulichen dies.
Abbildung 4: Moral Machine. Screenshot.
Während der Vergleich des menschlichen Geistes mit technologischen Innovationen in der
Vergangenheit, z.B. mit hydraulischen Modellen, Maschinen oder Computern (vgl. Premium
Connect 217, min 06:53), sowie Analogien zwischen biologischen und technologischen
Systemen einen verlustfreien Übertrag organisch-belebter in binäre Strukturen implizierten,
stellt sich diese Beziehung als weitaus vielschichtiger heraus. Die Verflechtung von
organischer, technologischer und spiritueller Sphäre ist nicht gleichbedeutend mit deren
eineindeutiger Übersetzbarkeit. Dieter Mersch und andere argumentieren für eine
Inkommensurabilität der Welt: Ihm zufolge lässt sich eben nicht alles abzählen und
berechnen, um computerisierbar zu werden dies zeigt sich nicht zuletzt an Kunst, die nicht
nur abbildet, sondern ihre eigenen Darstellungsregeln ästhetisch reflektiert (vgl. Mersch
2019).
Durch digitale Technologie verändern sich nicht nur Arten und Weisen des Denkens und das
Spektrum dessen, was als kognitive Fähigkeiten zu verstehen ist. Es verkompliziert sich
weiter die Definition erkenntnisfähiger Subjekte: so etwa, wenn Erinnerungsfunktionen
zunehmend an Smartphones ausgelagert werden, Algorithmen an Entscheidungs- und
Erkenntnisprozessen beteiligt sind oder Informationen wie Videosequenzen in lebenden
4
http://moralmachine.mit.edu/
8
Zellen codiert und von dort wieder abgerufen werden können (vgl. Shipman, Nivala, Macklis
& Church 2017). Hier zeichnet sich ab, dass kognitive Funktionen nicht allein auf ein
abgeschlossenes Subjekt zurückzuführen sind, sondern auf ein wechselwirksames Geflecht
von Mensch und Technologie. Das menschliche Subjekt wird dabei, in der ständigen
Anforderung, sich in verschiedenen Kontexten immer wieder herzustellen, selbst zum
Nervous System (vgl. Franke, Hanky & Tuszynski 2016).
Diese hier nur beispielhaft angeführten Perspektiven werden derzeit in subjekttheoretischen
Ansätzen reflektiert, die über die physischen Limitierungen des individuellen, menschlichen
Nervensystems hinausgehen. Mit Bezug auf verschiedene, u.a. netzwerktheoretische und/oder
posthumane Positionen bilden sie Versuche, Subjektivierung als Ko-Konstitution materieller
und diskursiver Relationen von Natur, Kultur und Technologie durch menschliche und nicht-
menschliche Akteur*innen zu verstehen (vgl. Barad 2007, Braidotti 2019). Damit werden der
gegenwärtigen Zentralität menschlicher Akteur*innen in den humanistischen Wissenschaften
des globalen Nordens alternative Theoriemodelle gegenübergestellt.
Darüber hinaus werden Beschreibungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten als
Anthropomorphisierung galten, heute viel selbstverständlicher in ihren Interdependenzen und
in Bezug auf Affordanzstrukturen nicht-menschlicher Akteure (wie z.B. digitale Geräte und
Infrastruktur) verstanden (vgl. Leeker, Schipper & Beyes 2017, S. 11ff.).
Noch einmal auf Premium Connect zurückgeführt, kann dies jedoch auch anhand anderer
(Speicher)Medien beobachtet werden: dort sind die Netzwerke der Natur als Wissensarchiv
zu verstehen, Pflanzen als Lehrer*innen (Premium Connect 2017, min 04:43). Dies ist nicht
nur metaphorisch zu lesen. Donna Haraway verweist auf das Beispiel der Ophrys apifera,
auch als Bienen-Ragwurz bekannt; eine Orchideenart, die die Fortpflanzungsorgane einer
weiblichen Biene, deren Art mittlerweile in vielen Regionen ausgestorben ist, imitiert. Durch
das Mimikry der Pflanze sind Rückschlüsse auf das Aussehen der Bienenart möglich,
allerdings, wie Haraway betont, als Interpretation der Pflanze darüber, wie Geschlechtsorgane
einer weiblichen Biene für männliche Bienen aussehen bzw. anziehend sein könnten (vgl.
Haraway 2016, S. 69). Wie sich in diesem Beispiel und den vorangegangenen Abschnitten
zeigt, ist das Wissenssubjekt und sind dessen Affordanzen in der Verstrickung von Natur,
Kultur und Technologie nicht genau zu verorten.
Divine Internet Perspektiven der Multimodalität
„We humans are so insecure that we want to understand, it’s just another form of control
(Premium Connect 2017, min 05:15), verkündet eine Protagonistin in Premium Connect.
Sinnzusammenhänge rein analytisch verstehen und begreifen zu wollen, ist für sie Ausdruck
eines Kontrollstrebens, das die Welt zwar scheinbar systematisch in Begriffe einzuordnen
weiß, sich dabei allerdings nur unzureichend selbst als machtvolle Wissenspraxis in den Blick
bekommen, geschweige denn darüber hinaus gehen kann: Wenn einerseits von einer
unüberschaubar komplexen und kaum kontrollierbaren Gegenwart und andererseits von nicht
eindeutig definierten Subjekten auszugehen ist, stellt sich die Frage, wie Handlungs- oder
Entscheidungsfähigkeit ohne allumfassendes Verständnis denkbar ist.
Während sich hierzulande z.B. Risikoanalyse und Zukunftsforschung als solche Versuche im
Kontext ökonomischen Spekulierens etabliert haben, referiert Premium Connect auf
dialogische Formen traditioneller, überlieferter Wissenspraxen und -strukturen, speziell auf
das Ifá-Wahrsage-System. Dieses besteht aus einem umfangreichen Korpus an Texten und
mathematischen Formeln und wird von den Yoruba-Gemeinschaften in Westafrika und der
afrikanischen Diaspora u.a. in den USA praktiziert. Das Wissen über Ifá wurde in den
Yoruba-Gemeinschaften und unter den Ifá-Priester*innen überwiegend mündlich tradiert.
Unter dem Einfluss kolonialer Herrschaft wurden die Praktiken jedoch häufig verboten und
die Weitergabe der Tradition geriet in Gefahr. Technologie spielt hier eine wichtige Rolle, um
9
diese Rituale am Leben zu erhalten. Sie ist Speicher und Träger spiritueller Praxen. Und sie
verändert wiederum traditionelle Rituale.
5
Abbildung 5: Ifá Divination App. Screenshot aus Premium Connect, 2017.
In Premium Connect wird erneut eine Analogie zum Internet hergestellt, in diesem Fall zu
Wissenspraxen der Vorfahren: We are praising our ancestors because also, what they
provide for us is a divine record of consciousness. They are the divine internet (Premium
Connect 2017, min 06:46). Eine solche Verbindung mit anzestraler Weisheit wird, in diesem
Beispiel, durch Zugänge wie die Weissagung möglich. Durch sie lässt sich Wissen über
verschiedene Zeithorizonte hinweg konzipieren: Weissagung ist eine tradierte, je nach
kulturellem und religiösem Kontext verschieden ausgeübte Praktik, mithilfe derer in der
Gegenwart auf noch unbekannte, in der Zukunft liegenden Informationen zugegriffen werden
kann (vgl. Premium Connect 2017, min 02:34) eine Zeitreise gewissermaßen (ebd., min
08:11). Im Gegensatz zu anderen Formen der Weissagung, beruht die Ifá-Wahrsagerei nicht
auf einer Person mit Orakel-Kräften, sondern auf einem standardisierten Ritual und einem
System von Zeichen, die von Wahrsager*innen mithilfe einer Divinationskette und
Palmnüssen und im Kontakt mit einer übersinnlichen Entität interpretiert werden. Das Ifá-
Wahrsage-System kommt immer dann zum Einsatz, wenn eine wichtige individuelle oder
kollektive Entscheidung ansteht. Es ist als Hilfe zur Entscheidungsfindung in einer
undurchschaubaren Lage mit unbekannten Variablen zu verstehen. Wahrsagerei kann als eine
systematische Methode angesehen werden, mit der augenscheinlich Unzusammenhängendes,
Zufälliges so organisiert wird, dass es ein Problem in einem bestimmten Licht erscheinen lässt
und Fragenden gewissermaßen angeboten werden. Dies unterscheidet sie von der
Zukunftsvorhersage.
6
Was sich ohne Kenntnis der Ifá-Wahrsagerei leicht als Dilemma präsentiert diese einerseits
als alternative Wissenspraxis anzuführen und andererseits nicht in der Lage, sie aus eigener
Erfahrung genau nachzuvollziehen kann zumindest in eine Aufmerksamkeit gegenüber
eingeübten Interpretationsschemata münden: Welche Auslegungsmuster richten sich wie auf
welche Gegenstände und was sagen diese v.a. in der Selbstreflexion? Wissenschaftlich
5
Vgl. Cutting-edge Technology for an Ancient Religion. Online: https://www.youtube.com/watch?v=lQb3CB0MUrs
6
Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Divination (01.11.2019).
10
etablierte Methoden können gerade Phänomene außerhalb ihres Einzugsbereichs nur
unzureichend erfassen. Der Regentanz, in der Vergangenheit von verschiedenen Kulturen
Afrikas, Amerikas und in Teilen Europas praktiziert, ist ein solches Beispiel. Einseitige
kausale Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen als Referenzrahmen müssen hier offensichtlich
scheitern (vgl. Brülisauer 2008, S. 193f.). Auch wenn der Regentanz nach heutigem
Erkenntnisstand nicht tatsächlich zu Regen führt, so ist er doch sinnstiftend für die
Ausführenden; dem Ritual sind latent-rationale Komponenten wie die soziale Zusammenkunft
und die Stärkung des gemeinsamen Glaubens inhärent (ebd.). Die wichtigere Frage in
Hinblick auf kulturelle Praktiken ist jedoch: Von welcher Position aus, in welchem Kontext,
zu welchem Zeitpunkt usw. ergibt etwas für wen welchen Sinn? Bzw. wo wird Sinn explizit
außer Kraft gesetzt?
Mit Premium Connect lässt sich fragen, welche Systeme sich sowohl im Alltag als auch in der
Wissenschaft des Globalen Nordens etabliert haben, um Daten auszulesen und zu
Informationen und Wissen zusammenzuweben. Und es lässt sich fragen, welche Erzählungen
dabei außen vorgelassen werden: Noch Leibniz begründete das Rechnen mit der Zahl 0,
indem Gott die 1 sei, der alles aus dem nichts, der 0, geschaffen habe. Also musste es möglich
sein, mit der 0 zu rechnen.
7
Isaac Newton, Vorbild für viele Denker*innen der Aufklärung,
gelangte zu seinen Erkenntnissen wohl v.a. auf seiner lebenslangen Suche nach dem Stein der
Weisen, seine alchemistischen Studien beeinflussten nachweislich seine physikalischen
Abhandlungen. Bekannt ist er heute jedoch viel mehr für seine in der klassischen Mechanik
wegweisenden Arbeiten denn als Magier.
Wissenschaftliche empirische Forschung ist zwangsläufig eine in der Darstellung bereinigte
Form der Beobachtung
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, die die eigene Methodik und ihre Unschärfen sowie ihre in Teilen
quasi-religiösen Glaubenssätze nur unzureichend reflektieren kann. Premium Connect
hingegen fädelt verschiedene Wissenspraxen und -ontologien nebeneinander auf, die auf
einem Sowohl als Auch basieren: Theoretische Physik, Magie und Biologie liegen hier in
ihren unterschiedlichen Wissensordnungen, jedoch ohne klar erkennbare Hierarchie nah
beieinander.
Der Künstler James Bridle konstatiert vor dem Hintergrund aktuellen Weltgeschehens und
digitaler Vernetzung, die Notwendigkeit für die Entwicklung multimodaler und
situationsspezifischer methodischer Instrumente und Prozesse des Wissens:
The greatest driving force of progress in the last centuries has been the central idea of the
Enlightenment itself: (the idea) that more knowledge more information leads to better
decisions [...] In its early years, the Internet was often referred to as the information
highway, a source of knowledge that illuminates the world in the flickering light of fiber
optic cables. Every fact, every quantum of information, is available today with a mouse click
that's how we made ourselves believe. And so today we are connected to huge stores of
knowledge, and yet we have not learned to think. In fact, the opposite is true: [...] The wealth
of information and the plurality of worldviews now accessible to us via the Internet do not
produce a coherent reality of consensus, but one torn apart by fundamentalist insistence on
simplified narratives, conspiracy theories and post factual politics. (Bridle 2018, S. 27)
Was der Künstler hier zugespitzt formuliert, findet seine Entsprechung auch in soziologischen
Überlegungen. Die schiere Menge an Daten data data everywhere überfordert etablierte
7
Dieses Beispiel stammt aus einem Vortrag von Benjamin Jörissen: Police, Politik und ästhetische Bildung im Regime des
Komputablen anlässlich der Tagung Ästhetik digitaler Medien an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel am
12.10.2019.
8
Ebd.
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Formen von Kritik und Überprüfbarkeit, die sich v.a. im Kontext der Buchkultur
gesellschaftsübergreifend herausgebildet haben (vgl. Baecker 2018). Bridle spricht keine
Pauschalverdammung der Technologie aus. Vielmehr ginge es darum, sich als Teil von
Technologie zu begreifen und das Verständnis dessen, was über (oder vielmehr mit und
durch) Technologie gewusst und gedacht werden kann, zu revidieren (vgl. Bridle 2018, S.
31f.).
Rezaire bringt, indem sie in Premium Connect auf die Weissagung im digitalen Zeitalter
referiert, Praktiken der Magie auf den Plan; weniger als religiöse Glaubensbekenntnis, denn
als Form des Pragmatismus. Wie der Journalist Erik Davis bemerkt:
It’s not about the return of the gods or there-enchantment of a technologically disenchanted
reality. Instead, it’s about the rediscovery of tools and strategies that are, paradoxically
again, pragmatic and instrumental. We (…) intuitively recognize that magic may help us map,
manipulate, and navigate the weird multiverse that yawns before us, as consensus reality
melts down. (Davis 2019, S. 61)
Magie und Mystizismus sind Symptome einer unüberschaubaren und unkontrollierbaren
Komplexität. In einer Welt der Blackboxes, in der Computer Zeithorizonte und
Datenkapazitäten erfassen können, die dem Menschen sowohl in Umfang als auch in ihrer
Regelhaftigkeit intransparent bleiben, in einer Welt, die somit nahezu theologische Züge
aufweist, stellt Magie eine Möglichkeit dar, diese zu navigieren und weiterhin handlungsfähig
zu bleiben. Es geht dabei nicht um eine Beförderung starker Steuerungs- und
Kontrollfantasien wie sie die Grundlage von Verschwörungstheorien bilden. Ganz im
Gegenteil, es geht um die Anerkennung von Unkontrollierbarem. Premium Connect erinnert
daran, dass Anrufungen alter Geister, dass Zufall, Begehren, Unwissen, Non-Linearität
ohnehin immer Teil epistemischer Praxen sind, auch wenn sie nicht immer als solche markiert
werden. Das Beispiel des Divine Internets bzw. der Wahrsagerei dient hier als exemplarischer
Anlass, über die Pluralität wissenschaftlicher wie alltagspraktischer Rituale im digitalen
Zeitalter nachzudenken.
Die Arbeit Rezaires verbindet verschiedene Perspektivierungen, aus denen eine Methodik der
Lockerung zwischen Wissensontologien und Wissenssubjekten abgeleitet werden kann (vgl.
auch Schmitz 2014, S. 283). Nicht der Disput zwischen den Disziplinen oder die Verfestigung
von Positionen, sondern das Nebeneinander unterschiedlicher Logiken, je nach Kontext
gewichtet, stehen hier im Vordergrund (vgl. auch Braidotti 2019). Um den Ansprüchen
heutiger komplexer Gesellschaften gerecht zu werden, schlagen auch Rick Dolphijn und Iris
van der Tuin gegenüber typisierenden und kategorisierenden wissenschaftlichen Arbeitens
einen Shift vor von der Kategorisierung hin zur Kartographie, um zugleich Möglichkeiten
ihrer Überschreitung und alternative Formen der Kritik ins Auge zu fassen (Dolphijn & van
der Tuin 2012, S. 167). Was postmoderne Kulturtheorien zwar für sich beanspruchen, den
beiden zufolge jedoch nicht tatsächlich einlösen können, soll mithilfe der Kartographie
begünstigt werden. Sie plädieren für ein Bewusstsein, das sich auf die Art und Weise der
Verknüpfung verschiedener Wissensformen und Epistemologien richtet. Damit würden
dualistische Begriffskonstruktionen und der Bezug auf Paradigmenwechsel oder
Denkschulen, wie sie in den Geistes- und Sozialwissenschaften verbreitet sind, zugunsten
dynamischer Theorieproduktion aufgelöst. Es geht ihnen um eine Deterritorialisierung
tradierter Klassifikationen (vgl. Dolphijn & van der Tuin 2010, S. 110ff.) und um die
Reflektion von Erkenntnisbedingungen.
In einer Zeit, in der durch digitale Technologie in nie gekannter Dichte Wissen abgerufen und
(politisch bedeutsame) Verbindungen hergestellt werden können, scheint es umso wichtiger,
12
die Art und Weise dieser Verbindung zu befragen und Aufmerksamkeit darauf zu richten,
welche Kontexte aufgerufen werden, welches Gewicht diese dadurch erhalten. Um es in den
Worten Haraways im Anschluss an die Sozialanthropologin Marilyn Strathern auszudrücken:
It matters what matters we use to think other matters with; it matters what stories we tell to
tell other stories with; it matters what knots knot knots, what thoughts think thoughts, what
descriptions describe descriptions, what ties tie ties. It matters what stories make worlds,
what worlds make stories. (Haraway 2016, S. 12)
Was durch die Netze fällt Perspektiven der Digitalisierung vor der Digitalisierung
Woman voice: Ifá is not a religion but contains religion. Ifá is not history but contains
history. Ifá is not philosophy but contains philosophy. Ifá is not science but it contains
science, and a very profound kind of science. What is a profound kind of science?
Computerized male voice: Surely, not one relying on exploitation, oppression, and
disconnection. (Premium Connect 2017, min 3:04)
Premium Connect untersucht gängige Subjektentwürfe und daran anschließend die Frage nach
der Verortung von Wissen (vgl. den Abschnitt zu Perspektiven der naturecultures) sowie die
Bedingungen von Wissensgenerierung (vgl. den Abschnitt zu Perspektiven der
Multimodalität). Darüber hinaus weist die Video-Arbeit explizit auf blinde Flecken und
machtvolle Strukturen wissenschaftlicher Traditionen hin, speziell in der Historisierung von
Digitalisierung. Diese bildet den Fokus des dritten Abschnitts.
Wenn heute von den Ursprüngen der Digitalisierung die Rede ist, fangen viele zeitliche
Verortungen frühestens bei Leibniz, der oft als der letzte Universalgelehrte stilisiert wird,
an. Folgt man z.B. der Darstellung Sybille Krämers, so war es Leibniz, der den Binärcode
erfand und als Vordenker netzartiger Verbindungen Grundlagen der digitalen Kultur
geschaffen
9
hat. Was in der vorliegenden Interviewsituation vermutlich zugunsten einer
kommunikativen Reduktion außen vorgelassen wird, stellt, erneut auf Premium Connect
Bezug nehmend, allerdings keinen Einzelfall dar (vgl. Goodman Gallery 2017). Es wären
jedoch Darstellungen und Narrative möglich, die nicht vordergründig an den Vorstellungen
von Einzelpersonen und -autor*innen festhalten. In Premium Connect werden Forschungen
angeführt, denen zufolge das Binärsystem seinen Ursprung u.a. in der Bamana-
Sandweissagung hat, einer Form des Hellsehens, auch Geomantie genannt, bei der
Markierungen und Muster in der Erde oder im Sand zum Einsatz kommen. Die Geschichte
der Digitalisierung könnte dann etwas anders lauten: Europäer*innen trugen die Prinzipien
der Bamana-Sandweissagung ins maurische Spanien, wo diese Praxis zunächst von
Alchimisten aufgegriffen und in die dortige Wahrsagerei integriert wurde. Später leitete
Leibniz den binären Code aus der Geomantie ab (Premium Connect 2017, min 08:22).
9
https://www.fu-berlin.de/campusleben/forschen/2016/160127-leibniz-interview-kraemer/index.html
13
Abbildung 6: Fraktale Strukturen in afrikanischer Architektur und Design. Screenshot aus Premium
Connect, 2017.
Nicht nur das Binärsystem, auch andere relativ neue Teilgebiete der Mathematik und
Computer-Modellierung sowie von High-Tech-Anwendungen in Biologie, Geologie und
anderen Naturwissenschaften haben ihren Ursprung in Afrika und Asien, etwa das arabische
Zahlensystem oder der Algorithmus. Fraktale Geometrie und Prinzipien wie Rekursion und
Skalierung sind in Architektur, Musik oder in Mustern traditionellen afrikanischen Designs
sehr verbreitet. Sie lassen sich nicht etwa als unbewusste Aktivität, sondern in Form
explizierten Wissens (vgl. Eglash 1999, S. 6) in vielen afrikanischen Ländern und Regionen
finden, schon bevor dies in Europa bekannt war. In seiner Systematisierung war es allerdings
lange übersehen:
When Europeans first came to Africa, they considered the architecture very disorganized and
thus primitive. It never occurred to them that the Africans might have been using a form of
mathematics that they hadn't even discovered yet. (Eglash 2007)
Luftaufnahmen ermöglichen u.a., die zugrundeliegende Ordnung afrikanischer
Siedlungsarchitektur zu erkennen (vgl. Eglash 1999, S. 21ff).
Um auf eines der Ausgangsbilder dieses Texts zurückzukommen: Wie Googles Deep Dream
Generator sind Auge, Verstand und Urteilsvermögen des Menschen auf Basis eines
eingeübten Datensatzes trainiert, der wesentlich darüber entscheidet, ob etwas vertraut
erscheint und Sinn hergestellt werden kann. Rezaires Arbeiten stellen zugrundeliegende
Wahrnehmungsprotokolle des Globalen Nordens auf die Probe und kritisieren deren
Filtermechanismen: Kulturelle Attributionen vieler Erfindungen sind durch Auslassungen,
durch machtvolle und weniger machtvolle Narrative gekennzeichnet (vgl. z.B. Audrey Bennet
2012, die die Kontroverse über die Herleitung des Goldenen Schnitts thematisiert). Once
again the origin of knowledge has been erased in favor of Western achievements. (vgl.
Goodman Gallery 2017) heißt es etwa im Abstract zu Premium Connect in Bezug auf den Ifá-
Binärcode.
Zugleich sind Formulierungen über einen Ursprung des Wissens nicht unproblematisch, wie
in den vorangegangen Abschnitten skizziert werden konnte. Folgt man erneut dem Physiker
Gates in Premium Connect, sind Codes, fraktale Strukturen und mathematische
14
Beschreibungen bereits in der Natur angelegt (vgl. Premium Connect 2017, min 12:00). Die
Anordnung von Blättern oder Samen in der Fibonacci-Ordnung stellt für Pflanzen
beispielsweise die effizienteste Weise dar, Sonnenlicht einzufangen oder auf engem Raum
möglichst viele Samen unterzubringen. Methoden, die der mathematischen Beschreibung der
Welt dienen, lassen sich demnach bereits in der Natur finden. Digitale Technologie ist hier
nur in Verwicklung mit Natur und Kultur und als soziokulturell verankert zu begreifen.
„You’ve been living a dream world Neo.” (Premium Connect 2017, 13:01 min), so wird zum
Schluss der Arbeit Morpheus aus dem Film Matrix zitiert. Diese Szene, in der eine schwarze
Person eine weiße über die Verfasstheit der Realität aufklärt, fasst zusammen, was ebenfalls
Anliegen von Premium Connect ist. Rezaires Arbeit macht sichtbar, was dem eurozentristisch
gebildeten Blick entgeht, indem sie in Vergessenheit Geratenes überzeichnet blinde Flecken
westlicher Erzählungen, einseitig rationale Welterklärungsmodelle.
Ausblick: Eine Frage der Formatierung
Tabita Rezaires Arbeiten können als Ausdruck einer unüberschaubaren Gegenwart der
vernetzten Gesellschaften gelesen werden, in der tagtäglich unterschiedlichste Inhalte,
Lebensweisen, Weltverhältnisse aufeinandertreffen. In der ungeprüfte Aussagen eine
Wirkmacht allein dadurch erhalten, dass sie zehntausendfach geteilt werden. In der
Verschwörungstheorien und alternative Weltanschauungen als Reaktion auf die steigende
Komplexität wieder an Einfluss gewinnen. In der Techniken der Selbst-Affirmation und
Mindfulness ein Revival erleben, nicht nur in Form esoterischer Praxis, sondern längst
verankert in Managerkreisen, zugleich als Flucht aus einem durchkapitalisierten Alltag und
als Mittel der Effizienzsteigerung. In dieser losen Aufzählung von Phänomenen liegen
zahllose bewusste und unbewusste Wissenspraktiken, die nicht nur der Orientierung im Alltag
dienen.
Premium Connect nähert verschiedene Perspektiven der Wissensgenerierung einander an. Die
Video-Arbeit ruft wissenschaftlich etablierte genauso wie marginalisierte Wissenskontexte
auf, bezieht spirituelle Praxen genauso ein wie popkulturelle Bezüge. Es kommen sowohl
Einzelsubjekte als auch verteilte Natur-Kultur-Technologie-Subjekte zur Sprache. Dabei
skizziert sie transdisziplinäre Ansätze, die über anthropologische und humanistische
Traditionen hinausgehen und aktuellen Herausforderungen, nicht nur der zunehmenden
Verbindung von Mensch und Technologie, als Beschreibung und gleichermaßen theoretischen
Annäherung angemessen scheinen. Vor diesem Hintergrund ist speziell der für diesem Band
wichtige Begriff der Kognition, ist Wahrnehmen und Denken in netzwerklogischer Verteilung
zu verstehen; als Nervous System.
Premium Connect konturiert darüber hinaus speziell den Begriff der Digitalisierung als einen
überaus vielschichtigen. Dazu bietet Rezaire mit Premium Connect ein Format der
Übertragung an, um ein Verständnis von Daten als im weiteren Sinne kulturelle Einheiten und
deren für Menschen lesbare Codierung herzustellen. Wie eine Protagonistin am Ende des
Films erläutert:
Encoding is the translation of data from one format to another. A piece of data is an abstract
information. In order to read this data we must encode it into a format we understand. We
could potentially see the same world differently through another format. (Premium Connect
2017, min 12:37)
Künstlerische Arbeiten wie Premium Connect übersetzen schließlich abstrakte Informationen
in kulturell dechiffrierbare Dimensionen. Zugleich fragen sie immer auch danach, was sich
nicht digitalisieren lässt, was sich entzieht, was unverfügbar bleibt oder in der Übersetzung
15
verloren geht. Allerdings nicht in einer naiven Annahme, man könne sich den Bedingungen
von Digitalität enthalten, sondern in einer Benennung von Qualitäten, die sich nicht in 0en
und 1sen abbilden lassen, dennoch aber durch Digitalisierung beeinflusst und in Veränderung
begriffen sind.
Abbildung 7: We could potentially see the same world differently through another format. Screenshot aus
Premium Connect, 2017.
16
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thinking.org/dikw/dikw.htm (22.11.2019).
Abbildung 2: Ohrenqualle im Naturkundemuseum Karlsruhe. Foto von Martin Thoma.
Online: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Aurelia-aurita-3.jpg
Abbildung 3: 50 Iterationen von DeepDream. Bild von Martin Thoma. Online:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Aurelia-aurita-3-0049.jpg
(04.04.2020).
Abbildung 4: Moral Machine. Screenshot. Online: http://moralmachine.mit.edu/ (22.11.2019).
Abbildung 5: Ifá Divination App. Screenshot aus Premium Connect, 2017. 13:04 min. Online:
https://vimeo.com/247826259 (1.10.2019).
Abbildung 6: Fraktale Strukturen in afrikanischer Architektur und Design. Screenshot aus
Premium Connect, 2017. 13:04 min. Online: https://vimeo.com/247826259 (1.10.2019).
Abbildung 7: We could potentially see the same world differently through another format.
Screenshot aus Premium Connect, 2017. 13:04 min. Online: https://vimeo.com/247826259
(1.10.2019).
Film
Tabita Rezaire: Premium Connect, 2017. 13:04 min. Online: https://vimeo.com/247826259
(1.10.2019)
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Article
Full-text available
In this paper, I challenge the assumption that the golden rectangle originated solely in ancient Europe and examine existing evidence within broader interdisciplinary discourse that the golden rectangle is more of an outcome of interaction between African and European civilizations.
Article
Full-text available
Different plant species can be compatible with the same species of mycorrhizal fungi, and be connected to one another by a common mycelium,. Transfer of carbon, nitrogen, and phosphorus, through interconnecting mycelia has been measured frequently in laboratory experiments, but it is not known whether transfer is bidirectional, whether there is a net gain by one plant over its connected partner, or whether transfer affects plant performance in the field,. Laboratory studies using isotope tracers show that the magnitude of one-way transfer can be influenced by shading of `receiver' plants,, fertilization of `donor' plants with phosphorus, or use of nitrogen-fixing donor plants and non-nitrogen-fixing receiver plants,, indicating that movement may be governed by source-sink relationships. Here we use reciprocal isotope labelling in the field to demonstrate bidirectional carbon transfer between the ectomycorrhizal tree species Betula papyrifera and Pseudotsuga menziesii, resulting in net carbon gain by P. menziesii. Thuja plicata seedlings lacking ectomycorrhizae absorb small amounts of isotope, suggesting that carbon transfer between B. papyrifera and P. menziesii is primarily through the direct hyphal pathway. Net gain by P. menziesii seedlings represents on average 6% of carbon isotope uptake through photosynthesis. The magnitude of net transfer is influenced by shading of P. menziesii, indicating that source-sink relationships regulate such carbon transfer under field conditions.
Article
Looking at the digital–cultural–political means of resistance and media activism on the Internet, this article explores Internet art practices in South Africa as a manifestation of cultural dissent towards western hegemony online. Confronting the unilateral flow of online information, Afro Cyber Resistance is a socially engaged gesture aiming to challenge the representation of the African body and culture through online project. Talking as examples the WikiAfrica project, Cuss Group’s intervention Video Party 4 (VP4) and VIRUS SS 16 by artiste Bogosi Sekhukhuni, this article attempts to demonstrate that the use of the Internet as a medium for digital cultural production and as a platform of dissemination is crucial to raise social awareness and defy African stereotypes and misrepresentation. Creating a unique visual language using the ‘global’ aesthetics of the Internet, yet rooted in African culture, these works deeply reflect on the social environment they spawn from and therefore act as cultural and visual resistance.
Book
In Vibrant Matter the political theorist Jane Bennett, renowned for her work on nature, ethics, and affect, shifts her focus from the human experience of things to things themselves. Bennett argues that political theory needs to do a better job of recognizing the active participation of nonhuman forces in events. Toward that end, she theorizes a “vital materiality” that runs through and across bodies, both human and nonhuman. Bennett explores how political analyses of public events might change were we to acknowledge that agency always emerges as theeffect of ad hoc configurations of human and nonhuman forces. She suggests that recognizing that agency is distributed this way, and is not solely the province of humans, might spur the cultivation of a more responsible, ecologically sound politics: a politics less devoted to blaming and condemning individuals than to discerning the web of forces affecting situations and events. Bennett examines the political and theoretical implications of vital materialism through extended discussions of commonplace things and physical phenomena including stem cells, fish oils, electricity, metal, and trash. She reflects on the vital power of material formations such as landfills, which generate lively streams of chemicals, and omega-3 fatty acids, which can transform brain chemistry and mood. Along the way, she engages with the concepts and claims of Spinoza, Nietzsche, Thoreau, Darwin, Adorno, and Deleuze, disclosing a long history of thinking about vibrant matter in Western philosophy, including attempts by Kant, Bergson, and the embryologist Hans Driesch to name the “vital force” inherent in material forms. Bennett concludes by sketching the contours of a “green materialist” ecophilosophy.
oder Die Lücke, die der Rechner lässt
  • Literatur Baecker
Literatur Baecker, Dirk (2018): 4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt. Leipzig.
Was können wir wissen? Grundprobleme der Erkenntnistheorie
  • Bruno Brülisauer
Brülisauer, Bruno (2008): Was können wir wissen? Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Stuttgart.
Why has so much of millennial culture turned towards psychedelics? In: Spike 58
  • Erik Davis
Davis, Erik (2019): Why has so much of millennial culture turned towards psychedelics? In: Spike 58, S. 60-61.
The fractals at the heart of African designs
  • Ron Eglash
Eglash, Ron (2007): The fractals at the heart of African designs. TEDGlobal. Online: https://www.ted.com/talks/ron_eglash_on_african_fractals/transcript?language=en (30.11.2019)