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Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive

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Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive

Abstract

Die wirtschaftliche und soziale Welt der Nachkriegszeit hat sich ungefähr zur Halbzeit, Anfang der 1980er-Jahre, zu Beginn der Wirkungsphase des Neoliberalismus, wesentlich verändert. Die Rahmenbedingungen für Arbeit und soziale Sicherheit haben sich für erhebliche Teile der Bevölkerung verschlechtert; Vermögen wird daher bedeutsamer, doch dessen Verteilung ist sehr ungleich; ein gutes Leben ist – selbst bei Bemühen – nicht mehr die Norm. Unter diesen Voraussetzungen sind Konkurrenzkampf und Missgunst verbreitete individuelle Strategien. Wie die Bevölkerung sieht auch die Ökonomik die Wirtschaft stark aus einer individualistischen Perspektive, wobei freilich der Wirtschaftswissenschaft eine besondere Verantwortung in der Lehre und der breiten Kommunikation von Forschungsergebnissen zukommt. In der Wirtschaftswissenschaft gibt es immerhin einige starke Ansätze, die der Individualisierung entgegengehalten werden können. Hauptantriebe zu einer populären (statt populistischen), einer solidarischen Wirtschaftspolitik sind das Engagement der Zivilgesellschaft, die demokratische Beteiligung und die hohe Verantwortung, der sich die Politik bewusster werden muss. Individualism and solidarization from an economic perspective The economic and social world has markedly changed, roughly in the middle of the post-war era, at the beginning of the 1980s, the beginning of the impact of neoliberalism. The framework conditions for labour and social security have been deteriorating for considerable parts of the population. Hence, wealth has become more and more important, but its distribution is rather uneven. Leading a good life is not the rule anymore, even when striving for it. Under such conditions, competitive struggle and resentment are widespread individual strategies. Like the population, economics view the economy pretty from an individualistic perspective where, of course, economics bear particular responsibility in teaching and broadly communicating research results. Anyway, economics present us with powerful approaches useful to counter the individualisation. Major stimuli for a popular (not populist), a solidary economic policy are the involvement of grassroots movements, democratic participation and politics’ huge responsibility which politics must grow more conscious about.
INSTITUT FÜR SOZIAL- UND WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN
WIRTSCHAFTS- UND SOZIALPOLITISCHE ZEITSCHRIFT
Nr. 1/20 | März 2020 | 43. Jahrgang
Rainer Bartel: Individualismus und Solidarisierung aus
ökonomischer PerspektivePetra Unger: Gleich?
Jetzt! 40 Jahre Gleichbehandlungsgesetz. Eine kurze
Geschichte der Gleichbehandlung • Gertrud Nagy:
Schulpartnerschaft und Schulerfolg – schlechte
Karten für Kinder an Brennpunktschulen
AK-Wissenschaftspreis 2019: Philip Rathgeb: Politi-
sche Ursachen von Ungleichheit am Arbeitsmarkt
Gloria Kutscher: Sind wir denn alle Mittelschicht? •
Janine Heinz: Komplexe Unsicherheit und die Flucht
ins Autoritäre
Dennis Tamesberger: Rezension Marie Jahoda: Ar-
beitslose bei der Arbeit
Individualismus und Solidarisierung aus
ökonomischer Perspektive
1. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und
Individualisierung 10
2. Wie die Ökonomik grundsätzlich denkt und was
sie lehrt 18
3. Solidarisierung 29
4. Weitblick 36
Rainer Bartel
Außerordentlicher
Universitätsprofes-
sor am Institut für
Volkswirtschaftslehre
der Johannes Kepler
Universität Linz
9
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
10
In unserer Zeit, in der gesamtwirtschaftliche Probleme deutlicher
fühlbar sind (Umwelt- und Klimagefährdung, hohe und hartnäckige
Arbeitslosigkeit, verschlechterte Arbeitsbedingungen, wachsende
Ungleichheit, zunehmende Unsicherheit und Verunsicherung),
sollten eigentlich Gemeinschaftsanliegen – die Lösung der typisch
gesamtwirtschaftlichen Probleme – in den Vordergrund unseres
Interesses rücken. Diese Probleme entstehen doch (trotz nicht zu
bestreitender Wirtschaftsleistungen im Gesamten) vornehmlich
durch die Entscheidungen von Individuen auf Märkten, sind also
individuell bzw. durch die Märkte offenbar nicht oder kaum zu lö-
sen. Daher stellen sich grundlegende Fragen. Warum dominiert der
Individualismus im wirtschaftlichen Denken und Handeln und gibt
es gute Argumente für eine Solidarisierung (verstärkte Solidarität)
individuellen, besonders aber kollektiven (gemeinsamen, v. a. wirt-
schaftspolitischen) Handelns? Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
können das private und politische Handeln prägen, entweder indem
sie die herrschenden Zustände verfestigen oder aber eine Heraus-
forderung und Motivation zu deren Änderung bieten. Was kann die
Ökonomik (Volkswirtschaftslehre) dazu sagen?
1. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Individualisierung
Wir leben heute in einer anderen Welt. Das ist keine Leerformel, eher
eine Binsenweisheit, aber eine wichtige. Betrachten wir einmal jene
Nachkriegszeit, für welche die Arbeitslosenquoten leicht verfügbar
sind, also von 1950 bis 2019. Teilen wir diese 70 Jahre unwillkürlich
in zwei gleich lange Teilperioden, nämlich 1950 bis 1984 und 1985
bis 2019, so erkennen wir die Unterschiedlichkeit der Welt vorher
und nachher (Tabellen 1 und 2). Die Zweiteilung unseres Zeitraums
entspricht grob der Ära vor bzw. mit dem Einuss des neoliberalen
Gedankenguts auf die Wirtschaftspolitik, ausgehend von Thatcher,
Reagan, Kohl und Schüssel. Dabei verwischt die strikte Halbierung
die Unterschiedlichkeit sogar ein wenig (v. a. bei der Arbeitslosen-
quote); der Kontrast bleibt allerdings markant genug.
Tabelle 1: Reale BIP-Wachstumsraten für Österreich, in Prozent
Teilperioden Minimum Maximum Mittelwert Median
1950–1984 – 0,4 12,4 4,6 4,6
1985–2019 – 3,8 4,3 2,1 2,3
Fragestellungen
die Welt hat
sich verändert
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Tabelle 2: Arbeitslosenquoten für Österreich nach der Registermethode,
in Prozent
Teilperioden Minimum Maximum Mittelwert Median
1950–1984 1,5 8,7 3,6 2,7
1985–2019 4,8 9,1 6,7 6,8
1.1 Die Zeiten verschlechtern sich für viele ganz wesentlich und
verlangen Lösungen im Interesse aller
Arbeitslosenquoten haben hinsichtlich ihrer Verursachung viel
mit Wirtschafts- und Produktivitätswachstum zu tun (wie viele
Arbeitskräfte braucht die Wirtschaft mehr oder weniger?), mit Ar-
beitskräftepotenzial (wie viele Menschen wollen noch beschäftigt
werden?) und mit Qualikationsprol und -anforderungen (können
die Menschen den Anforderungen der Unternehmen gerecht werden?).
Kostenminimierungs- und Anforderungsmaximierungsstrategien der
Unternehmen unter dem Druck des Wettbewerbs oder Maximierung
des Shareholder Value in Zeiten neoliberaler Denkweise haben ten-
denziell nicht nur die Beschäftigung gedrückt, sondern auch die
Qualität der Arbeit: Teilzeitarbeit, in manchen Bereichen schlechte
Entlohnung, Mehrfachjobs, mangelnde Arbeitszeitsouveränität, Ar-
beitsverdichtung und -entgrenzung, Überforderung durch Selbst- und
Fremdausbeutung, abnehmende soziale Teilhabe und Desintegration,
Arbeitszeitverkürzung durch und Stigmatisierung von Arbeitslosig-
keit, Arbeitsplatzverlustangst und ökonomisch-soziale Abstiegsangst
sind – ohne Anspruch auf Vollständigkeit der Aufzählung – nicht zu
übersehen. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verschärft sich und
wird allgemein bedrückender (Marchart 2013). Harvard-Ökonom
Dani Rodrik (2020) attestiert den Unternehmen quasi einen für sie
selbst kontraproduktiven Umgang mit ihren Beschäftigten – gerade
auf einer Entwicklungsstufe, wo es entscheidend um Qualität in der
Dienstleistungsgesellschaft und Innovativität im Gütermarktwettbe-
werb geht oder gehen sollte: ein alter Hut, zumal dies schon Joseph
Alois Schumpeter (1942/1993) festgestellt hatte. Und obendrein
zeitige dieser Missstand gravierende gesellschaftliche Konsequenzen:
„Kontrolle durch Arbeitnehmer_innen ist wichtig für das Ge-
gengewicht zu den Anreizen der Investor_innen, das Wohl der
Beschäftigungs-
und Arbeitsbe-
dingungen ver-
schlechtert
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Gegengewicht der
Arbeitnehmer_in-
nen auch politisch
wichtig
externe Kosten der
Arbeitslosigkeit
soziale Kosten
der Arbeitslosigkeit
Beschäftigten zu ignorieren. (…) In Gemeinden, wo gute, Mit-
telklasse-Arbeitsplätze selten werden, entwickeln eine breite
Palette sozialer und politischer Übel zerbrochene Familien,
Suchtabhängigkeit, Verbrechen, Abbau von Sozialkapital [Ver-
schlechterung des sozialen Gefüges und seiner allseitigen
Vorteilhaftigkeit; Anm.], Fremdenangst und eine zunehmende
Hinneigung zu autoritären Werthaltungen“ (Rodrik 2020, o. S.,
eigene Übersetzung). „Rosa Jochmann stellte sich gegen eine
Interpretation, der zufolge der Faschismus wie eine ‚Epidemie‘
oder ‚Naturkatastrophe über die Menschen ‚hereingebrochen‘
wäre. Stattdessen plädierte sie dafür, die gesellschaftspoli-
tischen Ursachen der Entwicklungen in Blickfeld zu rücken“
(Duma 2019, S. 158).
Arbeitslosigkeit hat nicht nur „individuelle Kosten“ (Nachteile für
die betroffene Person), sondern auch „externe Kosten“: Nachteile
(auch) für die anderen. Die staatlichen, teils auch privaten Ausgaben
für die Linderung des sozialen Elends (materielle Armut und sozi-
ale Ausgrenzung, psychische und psychosomatische Beschwerden,
schlechte Nahrung, Antriebslosigkeit und Bewegungsarmut etc.)
schränken den nanziellen Spielraum für jene Ausgaben ein, die
in dem Sinn zukunftsträchtig sind, dass Arbeitslosigkeit, Prekariat
und soziales Leid verhindert werden, oder erhöhen die Staatsver-
schuldung, die oft mit verantwortungsloser Verschwendungssucht
gleichgesetzt wird – obwohl die Verschwendung im Sparen und so
im Zulassen von Arbeitslosigkeit liegt.
Die „sozialen Kosten“ (die individuellen und externen Kosten) der
Arbeitslosigkeit tendieren zur Selbstverfestigung und -verstärkung.
Gesellschaftlich marginalisierte und sozial gebrochene Bevölke-
rungsschichten verlieren samt ihren Kindern Chancen auf gute
(Aus-)Bildung und können weniger wertvolle Beiträge zu Wirtschaft
und Sozialem leisten. Mit um sich greifendem Kosten- statt Qua-
litätswettbewerb und dann freilich billigen und schlechten Jobs
lässt sich die „soziale Wohlfahrt“ (das Wohlergehen der Gesellschaft
insgesamt, auch der Schwächeren) nicht halten oder gar nachhaltig
entwickeln. Sozialkapital im Allgemeinen und Bildungsnähe und
-erfolg, Berufserfolg und -erfüllung, Entlohnung, Lebenszufrieden-
heit und soziale Integration werden, wie längst bekannt und breit
akzeptiert ist, sozial vererbt (vgl. z. B. Stiglitz 2016).
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Koordinations-
versagen auf dem
Markt und in der
Politik
Rahmenbedingun-
gen schwierig
1.2 Eingebüßte Chancen, scheiternde Lebensentwürfe und schwa-
che Politik
Aufgrund solcher Verhältnisse ist das Hauptproblem heutzutage die
fehlende Chancengerechtigkeit (nicht Ergebnisgleichheit!). Der Druck
auf die Menschen besteht auf längere Sicht hauptsächlich in der
Perspektivlosigkeit, nämlich insofern, als Bemühen
und Leistung oft nicht mehr für ein abgesichertes,
angenehmes, erfülltes und zufriedenes Leben hin-
reichen. Besorgt sehen ältere Generationen eine
objektiv und empndlich verschlechterte Lage für
die jüngeren, während jüngere Generationen mit der Frustration zu
leben lernen, es nicht mehr so weit bringen und so gut haben zu
können wie die vorangegangenen. Der Wettbewerb um ein gutes
Leben fordert immer mehr und überfordert immer eher. Sinnent-
leerung kann sich breitmachen, Desillusionierung kann zu Rück-
zugsverhalten, fortschreitendem geistigen Nihilismus, Zorn, (Auto-)
Aggression und politischer Radikalität führen. Solche Tendenzen
sind längst nicht mehr neu, sie werden abgelehnt und kritisiert, sie
sollten politisch – wie sonst? – korrigiert werden, aber es tat sich
bislang nichts Entscheidendes.
Koordinationsversagen ist auf dem Markt und in der Politik fest-
zustellen, gemeint als eine Koordination der wirtschaftlichen bzw.
politischen Verhaltensweisen mit der Zielrichtung von ökonomisch
und sozial besseren Wirtschafts- und Gesellschaftsergebnissen für
alle. Im gegenwärtigen System wird Alternativlosigkeit nicht nur
immer wieder verneint, ja sie wird im Zeitgeist des Neoliberalismus
von den meisten politischen Parteien – jeweils mehr oder weni-
ger auch vertreten und kommuniziert. Dies bestärkt die Tendenz,
dass sich die Wirtschaft aus der Gesellschaft „entbettet“ (Polanyi
1944/1977); d. h., die Gesellschaft ist für die Wirtschaft da, nicht die
Wirtschaft für die Gesellschaft. Die Grundfrage ist, ob die Wirtschaft,
aber v. a. die Politik, das Koordinationsversagen überwinden und
die Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft den Erwartungen
der Menschen (v. a. der Arbeitnehmer_innen, Wähler_innen und
Konsument_innen) anpassen kann.
Freilich sind die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen objek-
tiv schwieriger geworden (Rothschild 1982), aber etwa ein Joseph
Stiglitz, erst Weltbank-Chefökonom, dann Professor an der Columbia
Ungerechtigkeit und
Perspektivlosigkeit
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Politik versagt
individualistische
Strategie:
Missgunst
University, New York, und Nobelpreisträger 2001, sieht wie andere,
aber bei weitem nicht die Mehrheit der Ökonom_innen, u. a. die
Wachstums- und Beschäftigungsschwäche primär dem Neolibera-
lismus und der von ihm geprägten Politik geschuldet:
„Es können viele Lehren gezogen werden, wenn wir über die Kri-
se 2008 nachdenken, aber die wichtigste ist, dass die Heraus-
forderung eine politische, keine ökonomische war – und bleibt:
Es gibt nichts, was unsere Wirtschaft im Inneren daran hindert,
in einer Art geführt zu werden, welche Vollbeschäftigung und
geteilten Wohlstand sichert. Langfristige Stagnation war nur
eine Ausrede für mangelhafte Wirtschaftspolitiken. Solange die
Eigensucht und Kurzsichtigkeit, die unsere Politik denieren (…),
nicht überwunden werden, bleibt eine Wirtschaft, die den vielen
statt den wenigen nützt, ein unmöglicher Traum” (Stiglitz 2018,
o. S., eigene Übersetzung).
1.3 Die neue Welt übersteigert Konkurrenz und Individualismus,
fördert relative Benachteiligung und Missgunst
So lange bleibt also die Ungerechtigkeit der Chancen und somit
der Wirtschafts- und Sozialergebnisse bestehen. Und so lange ist
situationsbedingt die individuelle Strategie naheliegend: Die an-
deren sind meine Konkurrent_innen, den anderen gönne ich den
Erfolg nicht, denn ich habe mich genauso oder gar mehr bemüht,
bin aber nicht ebenso erfolgreich bzw. nicht erfolgreicher. Ich gön-
ne ihnen auch keine Sozialleistungen, weil auch ich sie nicht oder
nicht in derselben Höhe erhalte. Ich fühle mich im Vergleich mit
vielen benachteiligt: Man nennt das „relative Deprivation“ (Keynes
1936/1973). Der Individualismus ist gesät; die Individualisierung
schreitet, bedingt und gefördert durch die sich verschlechternden
Rahmenbedingungen, voran. Der Slogan „Geht es der Wirtschaft
gut, geht es den Menschen gut“ gilt bei weitem nicht für alle. Er ist
auch schon unglaublich alt:
„In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts begann man zu
glauben, dass ‚eine steigende Flut alle Boote hochhebt‘: Wirt-
schaftswachstum würde zunehmenden Wohlstand und stei-
gende Lebensstandards für alle Teile der Gesellschaft bringen.
Damals gab es einige Evidenz für diesen Anspruch. (…) Heute
hat sich die Tendenz zu größerer Gleichheit (…) umgekehrt. (…)
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Lebensstandard,
relative
Benachteiligung
und Misstrauen
Vermögen wird
bedeutsamer
Verteilung nach
Quintilen
[D]ie steigende Flut hat nur die großen Yachten gehoben, und
viele der kleineren Boote sind, auf den Klippen zerschmettert,
zurückgeblieben“ (Stiglitz 2016, S. 134, eigene Übersetzung).
Die absolute Verbesserung des Lebensstandards durfte im Hinblick auf
das Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins nicht wesentlich relevant
sein, kommt es doch offenbar auf die Entwicklung der Verteilung an;
Mensch vergleicht sich halt und fühlt sich eben ungerecht behan-
delt. Manchmal stimmt das Gefühl der Benachteiligung, manchmal
erhält man den gegenteiligen Eindruck, nämlich, wenn man Gesamt-
oder Durchschnittsgrößen betrachtet (die aber im Einzelfall kaum
zutreffen). Selbst wenn keine Benachteiligung vorzuliegen scheint
oder objektiv nicht vorliegt, ist es das subjektive Gefühl, das für das
Individuum maßgeblich ist. Misstrauen in System und Politik kön-
nen die Unzufriedenen zu selektiver Wahrnehmung und verzerrten
Empndungen veranlassen, und das ist freilich ebenso bedenklich.
Doch welche Rolle spielt nun die tatsächliche Verteilungssituation?
1.4 Verteilung wird in Zeiten wie diesen wichtiger und problema-
tischer
„In einer Gesellschaft, wo die Beschäftigung eher nachhaltig ist
und wo der Wohlfahrtsstaat großzügig Bildungs-, Gesundheits- und
Wohnleistungen bereitstellt, gegen das Risiko der Arbeitslosigkeit
absichert und die Einkommensniveaus im Alter hochhält, stellt die
Regelmäßigkeit tatsächlicher und erwarteter Einkommensströme
sicher, dass Lebensstandards gewahrt werden und der Besitz von
Vermögen weniger bedeutend ist. Wenn diese Voraussetzungen
auslassen, wegen erhöhter Arbeitsplatzunsicherheit und verrin-
gerter Sozialausgaben, nimmt Vermögen eine neue Bedeutung für
den Wohlstand der Haushalte an“ (Draghi 2007, zit. n. BMASK 2017,
S. 87, eigene Übersetzung).
Der „Household Finance and Consumption Survey Austria“ (HFCS,
dritte Welle: Ergebnisse für 2017) misst die Verteilungssituation
für Österreich, was (Netto-)Vermögen und Einkommen betrifft. Der
Bericht verdeutlicht mittels jüngster Daten anhand von Quintilen
(das sind Bevölkerungsfünftel, vom ärmsten bis zum reichsten
Fünftel) die stärkere Ungleichheit in der Verteilung der Vermögen
als in der Verteilung der Einkommen (Fessler u. a. 2019/2020) – ein
für Österreich schon mehrfach festgestelltes Phänomen.
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Lesebeispiel
für Tabelle 3
globale
Entwicklung
der Verteilung
Tabelle 3: Verteilung von Nettovermögen und Bruttoeinkommen 2017
in Österreich
Quintile (Q)
Nettovermögen gesamt Bruttoeinkommen gesamt Bruttoeinkommen der
Unselbstständigen
in % des 5.
Quintils
in % des
gesamten
Vermögens
in % des 5.
Quintils
in % des
gesamten
Bruttoeink.
in % des 5.
Quintils
in % des
unselbstst.
Bruttoeink.
Q1 -0,3 -0,2 14,8 6,3 15,9 6,3
Q2 2,1 1,6 26,2 11,2 30,4 12,0
Q3 9,5 6,9 38,3 16,5 44,8 17,7
Q4 26,0 18,9 53,6 23,0 61,4 24,3
Q5 100,0 72,9 100,0 49,2 100,0 39,6
So zeigt Tabelle 3 etwa, dass das Nettovermögen (Vermögen minus
Schulden) im ersten Quintil (Q1) negativ ist; d. h., im ärmsten Bevöl-
kerungsfünftel sind die Schulden höher als das Vermögen. Das zweite
Quintil (zweitärmste Bevölkerungsfünftel) besitzt ein Nettovermögen,
das nur 2,1 % (ein Fünfzigstel) des Nettovermögens des fünften
Quintils (reichsten Bevölkerungsfünftels) beträgt; das vierte Quintil
(Q4) besitzt immerhin 26 % (ca. ein Viertel) des Nettovermögens des
fünften Quintils. Wird die Verteilung durch Anteile am gesamten
Nettovermögen (nicht mehr wie bisher als Anteile am Nettovermögen
des reichsten Quintils) beschrieben, sehen wir, dass das erste Quintil
(Q1) Nettoschulden in Höhe von 0,2 % des Nettogesamtvermögens
hat, das zweite Quintil (Q2) ein Nettovermögen von 1,6 % des ge-
samten Nettovermögens. Die Angaben über die Einkommen sind in
der gleichen Weise zu lesen (vgl. dazu auch Endnote 9).
Thomas Pikettys Standardwerk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“
bietet eine Vielzahl interessanter Einblicke in die langfristige Ver-
teilungsentwicklung auf internationaler Ebene. Die seit den 1990ern
weltweit abnehmende Ungleichheit – zwischen USA und Europa als
den Reichen auf der einen Seite und Asien und Afrika als den Armen
auf der anderen Seite – (Piketty 2014, S. 90) ist aber auf das Aufholen
an Einkommen in Staaten mit früher hoher nationaler Ungleichheit
zurückzuführen, wogegen sich die Wohlstandsverteilung innerhalb
der meisten Staaten tendenziell ungleicher gestaltet (für die EU
vgl. Dauderstädt/Keltek 2011). Die Ungleichheit der Einkommen,
gemessen als Anteil des reichsten Dezils (Bevölkerungszehntels) am
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soziale Indikato-
ren sozialer
(Un-)Gerechtigkeit
Verteilung und
soziale Gerechtig-
keit in Österreich
Ansatzpunkte
für die Politik
Nationaleinkommen, nimmt in den USA seit Anfang der 1970er-Jahre
und in Europa seit Beginn der 1980er-Jahre zu; bezüglich des Ver-
mögens gilt dieselbe Entwicklung wie beim Einkommen (Piketty
2014, S. 429, 465).
1.5 Soziale Gerechtigkeit reicht über Einkommen und Vermögen
hinaus und legt eine umfassende Gemeinwohlpolitik nahe
Gerechtigkeitsempndungen kommen nicht nur aufgrund der
Verteilungssituation bei Einkommen und Vermögen zur Geltung.
Unter dem ständigen Titel „Social Justice in the EU and OECD“ legt
die Bertelsmann-Stiftung wiederholt an den Tag, wie soziale Un-/
Gerechtigkeit in einem weiteren Sinn sich mit einem System von
Indikatoren und Indizes einigermaßen erfassen lässt, zuletzt in
ihrem „Index Report 2019“ (Hellmann u. a. 2020, S. 12ff.): Armutsri-
siko, Bildungszugang, Arbeitsmarktzugang (Beschäftigung, Jugend-
und Langzeitarbeitslosigkeit, ungewollte Teilzeitbeschäftigung,
Häugkeit von Niedrigentlohnung u. dgl.), sozialer Einschluss und
Nichtdiskriminierung, Gerechtigkeit zwischen den Generationen (v. a.
Umwelt-, Pensions- und Familienpolitik, Forschung und Entwicklung)
sowie Gesundheit (Gesundheitspolitik, gesunde Lebenserwartung,
Ärztedichte, Selbstbehalte, empfundener Gesundheitszustand nach
Einkommensquintilen der Bevölkerung).
Österreich hat sich im Lauf des vergangenen Jahrzehnts um 0,1 auf
6,33 Indexpunkte verbessert; der Durchschnitt der 41 untersuchten
Staaten liegt aktuell bei 6,09 Punkten; das entspricht einer Ver-
schlechterung von 0,05 Punkten. Im Ranking liegt Österreich auf
Platz 17, mit relativ guten bzw. durchschnittlichen Platzierungen
in den Bereichen Gesundheit (Platz 12), Armutsvermeidung (16)
und Generationengerechtigkeit (17), hingegen relativ schlecht bei
sozialem Einschluss und Nichtdiskriminierung (20), Arbeitsmarktzu-
gang (25) und Bildungszugang (36). Am ehesten auffällig sind die
leichte tendenzielle Verbesserung beim Bildungszugang und eine
ebensolche Verschlechterung im Hinblick auf sozialen Einschluss
und Nichtdiskriminierung; Armutsvermeidung und Gesundheit haben
sich jüngst verschlechtert (Hellmann u. a. 2020, S. 7f., 142).
Jedenfalls zeichnen all diese inhaltlichen Punkte die Ansatzpunkte
für eine Gemeinwohlpolitik („soziale Wohlfahrtspolitik“) vor, welche
der Abneigung eines erheblichen Teils der Bevölkerung gegen das
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je reicher,
desto
zufriedener
im Mittelpunkt
der Mensch als
Individuum
homo oeconomi-
cus auch in …
System sowie deren Politikverdrossenheit und in der Folge einer
Entpolitisierung oder politischen Radikalisierung – entgegenwirken
kann. Dazu gehört neben einer Politik der Chancengerechtigkeit –
nicht nur, aber auch – eine stärker ausgeprägte, im Allgemeinen wie
im Einzelfall gut argumentierte und kommunizierte Ver teilungspolitik.
Die „European Union Statistics on Income and Living Conditions 2015“
(EU-SILC 2015, S. 220) misst die allgemeine Lebenszufriedenheit
auf einer Skala von null („überhaupt nicht“) bis zehn („vollkommen
zufrieden“) je nach folgenden Einkommensgruppen: niedrig bedeutet
weniger als 60 %, mittel 60 bis 180 % und hoch mehr 180 % des
um die Haushaltsstruktur bereinigten („äquivalisierten“) mittleren
Einkommens. Die Ergebnisse zeigen Zufriedenheitsnoten von 7,1, 7,9
und 8,3 jeweils für Bezieher_innen niedriger, mittlerer bzw. hoher Ein-
kommen. Demnach gilt, je einkommensreicher jemand in Österreich
ist, desto höher ist ihre bzw. seine empfundene Lebenszufriedenheit.
2. Wie die Ökonomik grundsätzlich denkt und was sie lehrt
Was erfahren wir in der Frage nach einem guten Leben („soziale
Wohlfahrt“) sowohl über die als auch von der Ökonomik (Volks-
wirtschaftslehre)?
2.1 Das Individuum als heikler Punkt in der ökonomischen Analyse
Im Mittelpunkt steht der Mensch – aber als Individuum. Das hängt
grundsätzlich mit dem Forschungsinteresse am Wirtschaftlichen
zusammen. Was können wir im Hinblick aufs Wirtschaften dem
Menschen grundsätzlich unterstellen? Er oder sie will ein bestimm-
tes Ziel mit dem geringen Aufwand erreichen, bzw. er oder sie will
aus dem betriebenen Aufwand das Beste für sich herausholen. Das
bedeutet, ökonomisch rational zu handeln. Und wenn er oder sie
gefragt wird, ob es von den Annehmlichkeiten, die einem durch
gekaufte Güter oder die Umgebung erwachsen, mehr sein darf –
mehr vom Gleichen oder etwas Neues dazu , dann wird der Mensch
sich im Allgemeinen für das Mehr entscheiden. All das ist etwas
einleuchtend Menschliches, von dem wir aus ökonomischer Sicht
ausgehen können.
Mit dieser Vorstellung vom wirtschaftenden Menschen (und jeder/
jede wirtschaftet) ist der Verhaltenstyp des homo oeconomicus, des
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… gesamtwirt-
schaftlichen
Modellen
homo oeconomi-
cus muss nicht
egoistisch sein
ökonomisch rational agierenden Menschen, gemeint („geboren“
bereits vor etwa 150 Jahren). Seither prägt diese individualistische
Sicht die Analytik der Ökonom_innen nicht nur auf einzelwirt-
schaftlicher Ebene (Mikroökonomik), sondern auch auf kollektiver
Ebene (Makroökonomik), sei doch die Gesamtwirtschaft die Summe
aus wirtschaftenden Individuen und deren Wirtschaftsergebnissen.
Wir kennen in der Makroökonomik die agent-based models, das sind
Modelle (also nichts anderes als exakt strukturierte Denkweisen)
von der Gesamtwirtschaft, die auf Vorstellungen über das Verhalten
des Individuums beruhen, – und die gibt es selbst in der mainstre-
am-kritischen (heterodoxen) Volkswirtschaftslehre (z. B. Di Guilmi
2017). Diese representative agents (die für das jeweilige Modell
repräsentativen, ja identischen Wirtschaftsteilnehmer_innen) ha-
ben allesamt ein Zielsystem, das ihren Neigungen („Präferenzen“)
entspricht, die sie annahmegemäß, siehe oben, ökonomisch rational
verfolgen: Sie maximieren ihren Nutzen bzw. Gewinn unter den
Einschränkungen der Mittelknappheit.
Eine solche, eben diese „orthodoxe“ Analysemethodik unterliegt
immer schon der Kritik durch heterodoxe Ökonom_innen (z. B. Truger
1998), doch die Orthodoxie (der Mainstream
in der wirtschaftswissenschaftlichen Mei-
nung) blieb unangefochten – und das doch
mit einiger Berechtigung. Denn die Kritik,
ein homo oeconomicus könne als reiner
Kopfmensch, nur ökonomisch Denkender
und noch dazu völliger Egoist kein Abbild
irgendeines real existierenden Menschen sein, tut der orthodoxen
Ökonomik unrecht. Warum? Ohne ein gewisses Modell im Kopf
kann niemand von uns über die Realität nachdenken; dazu ist sie
zu komplex. Und Modellbildung (Nachdenken) funktioniert ohne
Vereinfachung (ohne „Abstraktion von der Realität“) nicht. Daher
ist der homo oeconomicus kein Abbild vom real existierenden
Menschen, sondern ein grundlegender Verhaltenstypus, den wir
beim modellhaften Nachdenken über ökonomische Situationen
unterstellen können.
Der homo oeconomicus kann zwar im Extrem ein lupenreiner Egoist
sein, muss es aber gar nicht oder zumindest nicht zur Gänze sein.
Seine oder ihre individuelle Maximierung, seine Entscheidungs- und
Verhaltensoptimierung, gilt ja seinen bzw. ihren Zielsetzungen: Was
homo oeconomicus ist
kein realer Mensch,
sondern ein Verhaltenstypus
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
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20
die Lehre
muss präzise
formulieren
er oder sie erreichen will, soll optimal erreicht werden; die Ziele
können dabei egoistisch (d. h. nur mir nützend) und/oder altruistisch
(d. h. anderen dienend) sein. Er oder sie kann sozial rücksichtslos
agieren (Egoismus), aber etwa auch die Sozialleistungen oder
Entwicklungszusammenarbeit ökonomisch optimieren (efzienter
Altruismus). Diese Doppelgleisigkeit gilt sowohl für das Individual-
verhalten (er oder sie entscheidet für sich selbst) als auch für das
Organverhalten: als politische Mandatar_innen oder Verwaltungs-
personal oder Manager_innen, nämlich mit Zielen, die im Interesse
der Gemeinschaft liegen (sollen), aber nicht unbedingt die eigenen
sind. Ökonomische Rationalität herrsche eben auf jeder Ebene – der
individuellen wie der kollektiven –, wie dies die orthodoxe Ökonomik
unterstellt (Bartel 2016).
2.2 Analytisch saubere Betrachtung des Individuums als homo oe-
conomicus soll einseitiges Denken, Fehlschlüsse und Missbräu-
che verhindern
Freilich ist die notwendige Unterscheidung zwischen dem Ziel-
system (egoistisch oder altruistisch) einerseits und der Zielerrei-
chungsmethodik (ökonomisch rational) andererseits zumindest auf
den ersten Blick nicht offensichtlich und sollte daher in der Lehre
hervorgehoben und verdeutlicht werden. Gerade den einführenden
Lehrbüchern wird eine prägende Bedeutung für das weitere Studium
und beruiche Wirken der späteren Wirtschaftsakademiker_innen
zugeschrieben (Bäuerle 2017). Und gerade in einführenden und
gar mittelstugen Lehrbüchern wird, der Einfachheit halber, oft
nicht sauber argumentiert (Bartel 2020). Dies, zusammen mit dem
Umstand, dass Studierende der Ökonomik sich signikant von
anderen Studierenden und besonders von der Gesamtbevölke-
rung unterscheiden, nicht nur, was ihre Vorliebe für ökonomische
Efzienz, sondern auch ihre weniger soziale Einstellung betrifft
(Cappelen u. a. 2015), kann immerhin dazu führen, dass Ökonomik
in Wissenschaft und Praxis (ökonomischer Politikberatung) über
Gebühr individualistisch betrieben wird. Mittlerweile wenden
sich längst Studierende in vielen Teilen der Welt dagegen und
verlangen mehr Offenheit und breitere Sicht (vgl. z. B. Engartner/
Schweitzer-Krah 2019), was wissenschaftstheoretisch durchaus le-
gitim erscheint. Doch der zu einseitige Mainstream hält stark seine
Position – selbst nach der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise
(ab 2007 bzw. 2009).
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
21
individuelle
Optimierung,
Harmoniedenken
und Staatsskepsis
Fatalität
Populismus
Das ist ein historisch ererbtes Problem, da schon seit der ökonomischen
Klassik des späten 18., frühen 19. Jahrhunderts (speziell seit dem
„Utilitarismus“ eines Jeremy Bentham) die Vorstellungen verbunden
werden, dass eben aufgrund der individuellen Optimierung erstens
ein möglichst freies Marktwirtschaftssystem zu ökonomisch-sozialer
Harmonie führe und dass zweitens in Politik und Verwaltung egoisti-
sche, unfähige und korrupte Funktionsträger_innen vorzunden seien
(Mueller 1989). Eine derartig überzogene Individualisierung der Wirt-
schaftswissenschaft, noch dazu mit vereinzelten Wissenschafter_innen,
die sich für die Außenwirkung der von ihnen erzielten Ergebnisse
weder ethisch noch politisch verantwortlich fühlen, kann auf Politi-
ker_innen oder Administrator_innen treffen, die bloß danach Ausschau
halten, welche wirtschaftswissenschaftlichen Ergebnisse – oder gar
nur zugespitzten Folgerungen daraus – in ihre rein ideologische (d.
h. nicht faktenbasierte, sondern populistische) Parteistrategie passen.
Diese Mischung ist insofern doppelt fatal, als sich daraus erstens
post-faktische, populistische Politik ergeben kann, deren Propo-
nent_innen zweitens kommunizieren, es gäbe keine vernünftige
Alternative zu einem Gesamtsystem, wo sich die Gesellschaft mit
all ihren Individuen dem Wirtschaftssystem unterzuordnen hätte.
Wenn die Menschen die Botschaft der Alternativlosigkeit oft genug
hören, beginnen sie, diese Botschaft zu glauben, sie zu „internalisie-
ren“, also sich zu eigen zu machen. Nach Michel Foucault entsteht
eine „Selbstherrschaft“, wo sich die Menschen in ihrem Denken und
Tun wie von selbst den Mächtigen unterwerfen (Fisch 2011), selbst
wenn die Heilsverheißungen der Populist_innen nicht und nicht
eintreten wollen. Als Hauptsache erscheint, dass man wieder wahr-
und ernstgenommen wird, dass man der populistischen Bewegung
angehören darf (gleichsam: man ist schließlich doch noch jemand)
und deswegen einen gewissen sozialen Status wiedererlangen oder
bewahren kann. Mit dabei zu sein, dient als vermeintlicher Schutz
gegen schnelles soziales Abrutschen. Selbstbewusstsein und Selbst-
sicherheit steigen wieder, aber ohne eine wirtschaftliche Basis dafür.
Menschen neigen dazu, „Karaoke“ zu singen, wie es Ridderstrale/
Nordström (2004) formulierten: Emotional (aus dem Bauch heraus)
selektieren sie aus dem, was sie hören und lesen, dasjenige, was
ihrem Gefühl des Unverdient-zu-kurz-gekommen-Seins entspricht,
und machen sich das vermeintlich Vernünftige zu eigen. An diesem
Punkt werden sie von Populist_innen „abgeholt“.
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
22
Hausverstand
kann ökonomisch
problematisch sein
Kommunikation
des Richtigen ist
zu zauderhaft
Leistungsgesell-
schaft und die
Probleme der …
2.3 Die Problematik des ökonomischen Hausverstands und die Mis-
sion der Wirtschaftswissenschaft und -politik
Selbst wenn man der Verlockung des Populismus und der Ver-
einnahmung durch ihn widersteht und sich eine eigene Meinung
leistet, besteht ein Grundproblem: Jeder und jede ist Experte und
Expertin für Wirtschaft und daher auch für Politik. Diese meist in-
dividualistische, unsolidarische Auffassung scheint dem „gesunden
Menschenverstand“ zu entspringen, den schon Friedrich Engels
kritisierte. Doch die Menschen nehmen ihren wirtschaftlichen
Alltag eben individualistisch verzerrt wahr; die Volkswirtschaft
arbeite wie eine Firma, der Staat funktioniere wie ein Privathaus-
halt (Bartel 2000). Da setzen die Verantwortung und die Mission
der Ökonomik ein.
„Ökonomik, im Gegensatz etwa zur Physik, zieht gern Glauben und
Meinen an, die von Nicht-Spezialist_innen mit so viel Sicherheit
gehalten werden wie von Expert_innen in der Disziplin. Dennoch
ist Ökonomik nicht nur Hausverstand. Nein, es gibt Fakten – die
oft erstaunen und konterintuitiv [gegen die landläuge Auffas-
sung; Anm.] sind , die nur durch die speziellen Fähigkeiten der
Ökonom_innen bestimmt werden können. Freilich gibt es Dinge,
welche Ökonom_innen nicht wissen. Aber Ökonom_innen können
voll Vertrauen zu dem sein, was sie zu wissen glauben, selbst, wenn
das von großen Teilen der Bevölkerung, geschweige denn von
Spitzenpolitiker_innen und Trägern der Wirtschaftspolitik, nicht
geglaubt wird“ (Budd 2004, o. S.).
Ökonomik hat eben nicht nur mit wirtschaftlichem Hausverstand
zu tun, denn das Anspruchsvolle an der Ökonomik ist nicht selbst-
erklärend. Die Kommunikation des Richtigen ist eine Aufgabe von
Wissenschaft, Bildung und Politik. Doch diese zaudern, lassen die
wirtschaftlich-sozialen Rahmenbedingungen im Wesentlichen
unverändert. Und die Auswirkungen davon schmerzen viele Men-
schen, lassen ihr Vertrauen in Wirtschaftswissenschaft und -politik
schmelzen und neigen einem extremen Individualismus zu. Hinzu
tritt der Leistungswettbewerb mit seinen sozialen Folgen.
In einer Leistungsgesellschaft wie der unseren deniert man sich
hauptsächlich über Leistung. Doch bekommen (zu) viele ihre gerech-
ten Chancen nicht, können sie – trotz Bemühens – nicht wahrnehmen,
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
23
… Chancengleich-
heit und sozialen
Schande
Wo ist die
Leistung?
wider die
Individualisierung
Ordnung der
Wirtschaft und
des Sozialen
und dies gerade in einer Ära steigender Leistungsanforderungen,
Bildungs- und Integrationserfordernisse (Eichmann u. a. 2019). Auf
der einen Seite ist ökonomischer Misserfolg eine Schande, wird er
doch gesellschaftlich geächtet („selber schuld, hilf dir selber!“);
die Mächtigen der Gesellschaft herrschen also letztlich mit dem
Prinzip Schande. In der Folge werden die tendenziell knausrigeren
Sozialleistungen nicht einmal voll ausgeschöpft, selbst wenn ein
gesetzlicher Anspruch darauf besteht, wie längst mehrere Studien
aufzeigen (z. B. Fuchs u. a. 2019).
Auf der anderen Seite ist ökonomischer Erfolg oft deshalb nicht
mehr nachvollziehbar, weil außergewöhnlich hohe Einkommen
und Vermögen nicht mehr auf individuelle Leistung zurückgeführt
werden können. So gerät das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit in
seiner Umsetzung in berechtigten Zweifel und Systemverdrossen-
heit macht sich breit.
2.4 Ökonomische Argumente wider den extremen Individualismus
und für eine stärker gemeinwohlorientierte Wirtschaftspolitik
Immerhin gibt es in der Ökonomik einige Ansätze, die der Indi-
vidualisierung entgegengehalten werden und – im Weg eines
wissenschaftlichen Anspruchs an die Politik – in Richtung einer
gesellschaftlichen Solidarisierung wirken können.
2.4.1 Wirtschafts-, Sozial- und Umweltordnung
Zwar betonen Marktwirtschafter_innen in den meisten Fällen zurecht
die fundamentale Bedeutung einer gesetzlichen Wirtschaftsord-
nung für das Funktionieren der Märkte (Wettbewerbs-, Produkt- und
Produktionsvorschriften). Doch die größere und entscheidende
Frage ist, wie generell-abstrakt (alibihaft) oder individuell-konkret
(effektiv) die Spielregeln für das Marktverhalten der Individuen
gefasst werden. So kommt bei der Sozialen Marktwirtschaft noch
eine Sozialordnung dazu, doch diese ist erfahrungsgemäß stets
schwächer verankert, dominiert doch auch hier die Auffassung vom
Vorrang der Wirtschaft vor dem Sozialen. Alternativen, ob denn
Wirtschaft und Soziales nicht insgesamt besser kombiniert werden
könnten, werden nicht ernsthaft gesucht und geprüft. Ähnlich wie
dem Sozialen ergeht es dem Ökologischen in der Ökosozialen
Marktwirtschaft.
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
24
Wettbewerb ist
wichtig, aber …
2.4.2 Das Problem des funktionsfähigen Wettbewerbs
Es sind letztlich Individuen, die den Wettbewerb tragen und somit
seine wirtschaftlichen und sozialen Ergebnisse zeitigen. Wettbewerb
spielt in Marktwirtschaften allerdings eine entscheidende Rolle für
ökonomisch efziente Marktergebnisse; Märkte müssen daher so
funktionieren oder geregelt sein, dass sie ihre Funktionen grund-
legend, wenn auch im Endergebnis immer noch korrekturbedürftig,
erfüllen können: die Allokationsfunktion (welche Ressourcen in
welchem Ausmaß in welchen Produktionen eingesetzt werden) und
die Ver teilungsfunktion (wer aufgrund seiner oder ihrer persönlichen
Präferenzen und Kaufkraft sowie angesichts der Marktpreise wie viel
von welchen Gütern bekommt).
Doch erstens garantiert sich Wettbewerb nicht von selbst (das sagt
im Gegensatz zum Neoliberalismus – auch der Ordoliberalismus),
und zweitens ist Wettbewerb nicht gleich Wettbewerb.
Was ist damit gemeint? Erforderlich und erwünscht ist
Wettbewerb auf dem Markt, wo sich Gewinner_innen
und Verlierer_innen von Einzelfall zu Einzelfall ab-
wechseln und dadurch das Entstehen von „nicht mehr
herausforderbarer“ Marktmacht verhindern: Wettbewerb dient als
ein Mechanismus gegen Marktmachtentstehung. Hingegen tendiert
Wettbewerb unter den Bedingungen unserer Zeit (Technisierung,
F&E-Intensität, Unternehmungskonzentrationstendenz, hohe „ver-
sunkene Kosten“ bei Fehlinvestitionen) eher zu einem Wettbewerb
um den Markt. Dabei scheiden die Unterlegenen aus und haben
wenig Chance, erfolgreich wieder in den Markt einzutreten und die
Machtposition der Überlegenen zu „bestreiten“: Wettbewerb ist hier
ein Mittel zum Machtausbau und zur Wettbewerbseinschränkung.
So wichtig Wettbewerb ist, so sehr kann er sich selbst untergraben.
Das schränkt die Möglichkeiten der Wettbewerbsverlierer_innen
merklich ein und die soziale Wohlfahr t leidet darunter. Industrie- und
Wettbewerbspolitik sind daher zurecht als wesentliche Grundlagen
jedes marktwirtschaftlichen Systems erkannt worden.
2.4.3 Mikroökonomische Externalitäten und ihre staatliche Inter-
nalisierung
Selbst wenn oder gerade wenn der Wettbewerb bestmöglich funkti-
oniert, kann das Problem der externen Effekte (direkte Auswirkungen
… Wettbewerb ist
auch problematisch
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externe Effekte
verlangen
nach staatlicher
Internalisierung
externe Effekte
und das
Versagen von
Marktlösungen
wirtschaftlicher Handlungen auf Basis von Verträgen zwischen je
zwei oder mehreren Wirtschaftspartner_innen auf den Nutzen und/
oder Gewinn unbeteiligter Dritter) vom Markt selbst nicht gelöst
werden, d. h.: eben nicht durch Verhandlungen der Geschädigten mit
den Schädigenden (z. B. entschädigen Umweltverschmutzer_innen
Umweltgeschädigte nicht) bzw. nicht durch Verhandlungen der
Begünstigenden mit den von ihnen unwillkürlich Begünstigten
(Tourismusunternehmen belohnen Landschaftspeger_innen nicht).
In vielen Fällen könnte, bildlich gesprochen, der Runde Tisch für
solche Verhandlungen nicht groß genug sein bzw. würde er zu groß
sein, um Kommunikation überhaupt zu ermöglichen (in beiden Fäl-
len existieren zu hohe „Transaktionskosten“). Daher werden – bei
hinreichend hohen Transaktionskosten (und das ist im „large-number
case“ der Fall) – externe Effekte vom Markt nicht „internalisiert“. D.
h., externe Kosten werden nicht verursachungsgerecht angelastet,
externe Nutzen nicht verursachungsgerecht entgolten – im Ge-
gensatz zum berühmten Werk von Ronald Coase (1960), der von
geringen Transaktionskosten ausging. Daher drängen sich kollektive
statt individueller Lösungen für das Internalisierungsproblem auf.
Externe Effekte sind der zentrale Erklärungsansatz für die Umwelt-
problematik (einerseits die externen Kosten der Umweltschädigung,
andererseits der externe Nutzen der Umweltverbesserung). Ist der
Wettbewerb stark genug, können es sich die Schädigenden nicht
leisten zu entschädigen und die Begünstigten können die Begüns-
tiger_innen nicht entlohnen. Selbst wenn Letzteres möglich wäre,
könnten die Begünstigten (bspw. die durch Aufforstung gegen
Lawinen und Muren gesicherten Tourismusbetriebe) individuell
strategisch schlau vorgeben, sie bräuchten und wollten diesen
externen Nutzen, den sie empfangen, gar nicht und würden daher
nanziell auch nichts zu dessen Herstellung beitragen („Freifahrer-/
Trittbrettfahrer-/Schwarzfahrer-Verhalten“). Kollektiv ist dieses in-
dividuell rationale Verhalten nicht optimal, weil dann z. B. weniger
aufgeforstet wird und mehr Muren- und Lawinenschäden entstehen
(Bartel 1994). Die Umweltökonomik hat längst ihren Beitrag zur
Problemlösung geleistet, nur die Politik ist noch in Verzug, wird
aber ihre Versäumnisse nicht unbegrenzt hinausschieben können,
wenn das Kippen des Systems wahrscheinlicher und deshalb der
gesellschaftliche Druck zu effektivem Umweltschutz größer wird.
Allerdings muss die Bevölkerung noch lernen: Umweltschutz ist
nicht gratis.
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
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26
Wirtschaftskrise
Krise,
Budgetdezite und
Budgetsanierung
2.4.4 Makroökonomische Externalitäten und staatliche Krisenbe-
kämpfung
Es gibt nicht nur mikroökonomische (wie bisher betrachtet), sondern
auch makroökonomische Externalitäten. Wenn eine Wirtschafts-
krise aufzieht, ist es individuell rational, mehr zu sparen (weniger
zu konsumieren), damit ich bei nun wahrscheinlicher werdender
Arbeitslosigkeit ggf. neben dem Arbeitslosengeld auf ein höheres
Finanzvermögen zurückgreifen kann, als wenn ich jetzt nicht mehr
sparen würde als zuvor. Das schwächt die Güter- und Arbeitsnach-
frage und verschärft die Krise. Würden angesichts der dräuenden
Krise die Haushalte mehr konsumieren statt mehr zu sparen und
die Unternehmen mehr statt weniger investieren, würde sich die
Wirtschaft selber aus der Krise ziehen (bildlich wie Münchhausen
an seinem Zopf). Doch das Schwarzfahren dominiert (siehe 2.4.3),
weil alle ihr individuelles Risiko minimieren statt des gemein-
samen („kollektiven“) Risikos, da sich keines der Individuen des
„kooperativen“ Verhaltens der jeweils anderen sicher sein kann.
Auch hier versagt die Koordination durch den Markt und ruft nach
staatlicher Nachfragepolitik in Form expansiver Budgetpolitik und
sie unterstützender Zentralbankpolitik. Zumindest in schweren Kri-
sen vertreten dies selbst konservative und liberale Ökonom_innen
und Politiker_innen in den Jahren 2009 und 2020.
Doch wenn die Priorität in der Wirtschaftspolitik meist (d. h. bis
auf besonders starke Krisenphasen wie 2009) auf nahezu aus-
geglichenen Budgets liegt statt auf einer Nachfrage, die stark
genug ist, um die Krise noch zu vermeiden oder rasch zu über-
winden, handelt man sich sowohl eine schwerere Krise ein, als
es sein müsste, als auch ein Budgetdefizit, das nun entsteht, weil
krisenbedingt die Einnahmen einbrechen und die Sozial- und
Förderausgaben ansteigen, statt dass mit einem rechtzeitigen
Budgetdefizit die Krise vermieden und der kollektive Wohlstand
gewahrt worden wäre (zur aktuellen Lage vgl. Heimberger 2020).
Auf dem G20-Gipfel Anfang 2009 war es US-Präsident Obama zu
danken, dass es gelang, Schwarzfahren – individualistische Wirt-
schaftspolitik zu vermeiden und die großen Industriestaaten zu
überzeugen, ihre Staatsausgaben angesichts der Wirtschaftskrise
koordiniert zu erhöhen (allerdings wurde die nachfolgende Bud-
getsanierung zu früh begonnen). Daher war und ist es nicht ehrlich,
die darauffolgenden Budgetdefizite (Staatsschuldenerhöhungen)
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Krisen sind durch
neoliberale
Wirtschaftspolitik
weder zu
vermeiden noch
zu überwinden
moderne
Makroökonomik
ist kein individua-
listischer Ansatz
mit Verschwendungssucht gleichzusetzen und eine Staatsschul-
denkrise herbeizureden oder aufzubauschen. Denn die Staaten
haben nicht über ihre Verhältnisse gelebt; vielmehr haben ihre
Volkswirtschaften – bedingt durch die Krise, die zu zögerlich und
zu kurz bekämpft worden war – unter ihren Verhältnissen gelebt:
Einkommen und Beschäftigung waren niedriger als nötig.
Verstärkt herrscht aber nun wiederum (oder immer noch?) in ein-
flussreichen Kreisen die Auffassung, dass Märkte mit völlig flexiblen
Preisen die Wirtschaft nach Schocks rasch und völlig stabilisieren
und eine große Krise vermeiden könnten (Stichwort „Resilienz“:
Widerstandsfähigkeit), etwa in Zentralbank- und Wirtschaftsver-
tretungskreisen (OeNB/WKO 2018). Eine solche Auffassung macht
fortschreitende Deregulierung des Arbeitsmarktes und maximale
Flexibilisierung der Preisbildung – nach dem (unerreichbaren)
Vorbild einer Börse zum Hauptinstrument der Krisenvermeidung
und -bekämpfung: ein Fehler, der schon zu Zeiten der historischen
Weltwirtschaftskrise (von ihrem Ausbruch 1929 bis zu Präsident
Roosevelts New Deal Program) gemacht wurde, insbesondere
in der wirtschaftsliberalen Universitätshochburg Chicago, mit
kontraproduktiven Auswirkungen auf die praktische Wirtschafts-
politik, die Wirtschaft und die Menschen, wie der Ökonom und
Nobelpreisträger von 1970, Paul Samuelson, schildert:
„In den Volkswirtschaftsklassen von Chicago kamen die Märk-
te immer ins Gleichgewicht. Dennoch wussten einige Studie-
rende und Lehrende, dass sie den theoretischen Glaubenssatz
mit dem sie umgebenden Elend der Depression vereinbaren
mussten“ (Samuelson 1985, S. 4, eigene Übersetzung).
Eine moderne, wahrlich makroökonomische Theorie zur glaubhaften
Erklärung gesamtwirtschaftlicher Krisen lieferte John Maynard Key-
nes leider erst Anfang 1936. Auch Charles P. Kindleberger, Fed- und
MIT-Ökonom und, wie Keynes, Zeitzeuge der Weltwirtschaftskrise,
wurde auch Spezialist für sie. Er meinte, der orthodoxe Analyse-
ansatz mit seiner – individualistischen – Einzelmarktorientierung
(Nutzen- und Gewinnmaximierer_innen bringen jeden einzelnen
Markt sofort wieder ins optimale Gleichgewicht) wäre für Erklä-
rung und Bekämpfung gesamtwirtschaftlicher Krisen ungeeignet
(Kindleberger 1973).
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
28
Keynesianismus
versus Resilienz
Staatsfunktionen
Steuern zu hoch
oder zu niedrig?
Umso mehr verwundert, dass keynesianische Theorien selbst nach
der jüngsten Krise noch nicht wieder fußfassen konnten, wogegen
das Streben nach Resilienz platzgreife. Resilienz verlange allen
Leistungsträger_innen etwas ab – den Abschied von Gewohntem,
Stabilem, Beschaulichem –, aber bringe viel Arbeit und Flexibilität
(als individuelles Leistungsmerkmal begrifich positiv besetzt),
niedrige Abgaben (ohne Blick auf die staatlichen Leistungen
ebenfalls positiv besetzt), niedrige Preise, keine hohen Schulden-
lasten für unsere Kinder und Kindeskinder und keine unfreiwillige
Arbeitslosigkeit mehr: So wird es kommuniziert. Die Unexiblen,
Leistungsverweigerer und Sozialschmarotzer würden unsere Soli-
darität nicht verdienen. Nur wer mitmacht, gehört zu uns und hat
unsere Wertschätzung.
2.4.5 Wahrnehmung der Staatsfunktionen und erforderliche Fi-
nanzkraft
Grundsätzlich besteht zwar Einigkeit in Wissenschaft und Politik,
dass der Staat bestimmte Funktionen zu erfüllen hat (Musgrave
1959): Allokation (Wettbewerb, Bildung, Gesundheit, Ver- und Entsor-
gung, Nachhaltigkeit, Schutzbestimmungen u. v. a. m.), Distribution
(Umverteilung), Stabilisierung (Krisenbekämpfung) und – als von
den anderen Aufgaben abgeleitete, d. h. nachrangige Aufgabe – die
Finanzierung. Im Detail gibt es allerdings große Auffassungsunter-
schiede, was das Ausmaß der jeweiligen Aufgabenerfüllung betrifft,
wie wir uns hinsichtlich des oben in 4.2. Gesagten gut vorstellen
mögen. Bleibt noch die Finanzierungsaufgabe anzusprechen, denn
Wirtschaftspolitik kann nicht aus staatlicher Mittellosigkeit erwach-
sen, sondern ist oft ausgabenintensiv.
Im Hinblick auf das enge budgetpolitische Korsett, das die EU den
nationalen Budgets ihrer Mitgliedstaaten bis jüngst auferlegt hat
(Heimberger 2020), erhebt sich – trotz der wiederholten Rhetorik
von immer wieder zu senkenden Steuern und Beiträgen – die Fra-
ge, ob nicht die staatlichen Einnahmen zu gering sind, um einen
Wohlfahrtsstaat zu nanzieren, von dem alle protieren (ja: selbst
die Nettozahler_innen). Sind die Abgaben nicht zu gering, um ein
konjunkturbereinigt ausgeglichenes Budget (wenn man es schon
unbedingt will) zu ermöglichen, zu gering, um eine wesentliche Um-
verteilung nach dem Leistungsfähigkeitsprinzip der Besteuerung zu
erzielen, zu gering, um die für eine fortschrittliche Entwicklung von
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29
populäre
Wirtschaftspolitik
ist solidarisch
Grundsätze
populärer
Wirtschaftspolitik
Wirtschaft und Gesellschaft förderliche Umverteilung zu erreichen?
Scheitert speziell die stärkere Besteuerung von Umweltverbrauch
an der Bedingung, die Steuern nicht zu erhöhen?
3. Solidarisierung
Individualismus im Kollektiv Freier, Gleichgesinnter und Erfolgreicher
einerseits und andererseits der Populismus, der Zu-kurz-Gekom-
menen eine emotionale, zuweilen außerdemokratische, ja verein-
zelt sogar revolutionäre Heimat bietet, stehen nicht nur einander
gegenüber, sondern auch den Verfechter_innen einer populären,
solidarischen, aber eben nicht populistischen Wirtschaftspolitik.
3.1 Populäre gegen populistische Wirtschaftspolitik
Populäre Wirtschaftspolitik ist in dem Sinn solidarisch, dass sie das
große Ganze mit all seinen Problemen im Auge hat und dabei auf
niemanden vergisst. Sie zielt auf das Wohl des Volkes („populus“)
ab, nicht zuletzt jener breiten Bevölkerung, deren Probleme oft im
Jubel über das Gesamteinkommen und dessen Wachstum sowie über
das Durchschnittseinkommen und dessen Wachstum untergehen
(Bartel u. a. 2006).
So beherzigt populäre Wirtschaftspolitik erstens einen zutiefst soli-
darischen Grundsatz, der sich aus dem Hauptwerk des Philosophen
John Rawls aus 1971 ableiten lässt (aber zugänglicher ist Rawls 1995):
Präge Politikmaßnahmen so aus, dass sie den Schwächsten am meisten
zugutekommen! Hiermit ist ein Verteilungsgrundsatz angesprochen.
Zweitens folgt populäre Wirtschaftspolitik dem Grundsatz, den
John Hicks (1939) und Nicholas Kaldor (1939) aufgestellt haben:
Wirtschaftspolitik ist so lange gerechtfertigt und angezeigt, als die
sozialen Wohlfahrtszuwächse, die sie erzielt, groß genug sind, um
daraus diejenigen, die durch die jeweiligen wirtschaftspolitischen
Maßnahmen schlechter gestellt worden sind (etwa Arbeitslose
infolge von Strukturreformen), vollständig zu entschädigen – und
damit zu entstigmatisieren , und dass danach auch noch ein Teil
der sozialen Wohlfahrtszuwächse übrig ist, damit auch die anderen,
die nicht Benachteiligten, ebenfalls vom wirtschaftlich-sozialen
Fortschritt protieren. Damit ist ein Niveaugrundsatz angesprochen,
nämlich welche und wie viel Wirtschaftspolitik optimal ist.
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
30
den Wohlfahrts-
staat erhalten
positive
Zeitpräferenz und
Populismus
Politik auf
Meta-Ebene
Das bedeutet, den Wohlfahrtsstaat nicht zum reinen Sozialversi-
cherungsstaat oder gar zum bloßen Sozialhilfestaat rückzubauen,
sondern zu gewährleisten, dass auch die wirtschaftlich Bessergestell-
ten aus der Umverteilung absoluten Nutzen ziehen können wenn
auch nicht relativen (weil es ja bei Umverteilung Nettozahler_innen
geben muss und das die steuerlich Leistungsfähigeren sein sollen).
3.2 Voraussetzungen für eine populäre/solidarische Wirtschafts-
politik
Welche Erkenntnisse der Ökonomik können Hoffnung geben auf eine
populäre, durch Solidarität gekennzeichnete Wirtschaftspolitik?
3.2.1 Positive bzw. verzerrte Präferenzen der Individuen und eine
Wirtschaftspolitik auf der Meta-Ebene
Populäre Wirtschaftspolitik wird gern mit den Schlagwortkeulen
„Kollektivismus“ oder gar Kommunismus“ abgetan, zumal diese
Schlagworte mit den Schattenseiten zentraler Planwirtschaft und
mit politischer Diktatur verbunden werden und daher negativ besetzt
sind. Währenddessen wird Populismus viel weniger mit illiberaler
Demokratie und schleichend fortschreitender Aushöhlung der
Demokratie in Verbindung gebracht. Obwohl Populismus wirt-
schaftlichen und politischen Schaden erzeugt, der sich tendenziell
selbst verfestigt (siehe 1.1), wiegen dem Menschen die Vorteile der
Gegenwart und näheren, absehbareren Zukunft schwerer als die
weiter in der Zukunft liegenden und sohin nebulöseren Nachteile.
Die Ökonomik sagt dazu nicht nur, die Menschen hätten eine „po-
sitive Zeitpräferenz“, sondern sie meint auch, die Menschen hätten
„zeitlich verzerrte Präferenzen“: Im Nachhinein ist man gescheiter,
und wenn man die schlechte Erfahrung schon früher gemacht hätte,
wären die Entscheidungen anders ausgefallen.
Daher braucht es eine Politik, die nicht auf der Basis persönlicher
Gefühle und individueller Interessen betrieben wird, sondern
auf einer übergeordneten Ebene („Meta-Ebene“) angesiedelt ist,
wo kühl und rational auf der Basis von Fakten und orientiert an
gesamtgesellschaftlichen Erwägungen entschieden wird. Dazu
müssen die politischen Entscheidungsträger_innen möglichst frei
von eigenen Interessen (Individual-, Gruppen- und rein dogma-
tisch-ideologischen Interessen) abwägen und entscheiden können
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
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Solidarität und
Altruismus
Solidarität lernen
Freiheit ist nicht
gleich Freiheit
(ein auffälliges Gegenbeispiel wäre etwa Donald Trump). Wie sind
also Solidarität und politische Kooperation möglich?
3.2.2 BeeinussbarePräferenzen,Gelehrsamkeit,FreiheitundSo-
lidarisierung
Solidarität ist am ehesten als Hilfe von Stärkeren (Personen, Institu-
tionen) an Schwächere aufzufassen – und hat demnach untrennbar
mit Altruismus zu tun. Ökonomisch gesehen ist Solidarität eine
Übertragung von Ressourcen (v. a. meine Arbeitskraft) und Ein-
kommen an andere Menschen, zu denen ich keine familiären oder
freundschaftlichen Beziehungen hege.
Altruismus bzw. Solidarität können „intrinsisch“ sein; d. h., sie stellen
dann einen Wert an sich dar und brauchen nicht irgendwie begründet
zu werden (in unserem Fall ökonomisch). Doch kommt auch hier öko-
nomisches Wissen ins Spiel: Präferenzen (Vorlieben) sind nicht starr,
sondern beeinussbar, und zwar durch Werbung, politische „Seelen-
massage“, Manipulation auf der Grundlage von Wissensvorsprüngen
der Manipulierenden bzw. Wissensdeziten der Manipulierten, durch
Bildung und durch soziales Lernen: Normen, selbst in Gestalt bestimm-
ter Werthaltungen (was das Über-Ich sagt, dass man tut oder nicht
tut) sind wichtige wirtschaftliche und soziale „Institutionen“, die sich
im Lauf der Zeit ändern können. Wir sprechen daher von endogenen
oder „adaptiven Präferenzen“ (von Weizsäcker 2011).
So könnten Gesellschaft im Allgemeinen und Bildung im Speziellen
etwa die Auffassung vermitteln, dass der ökonomisch-inhaltliche,
soziale Freiheitsbegriff (jemand ist in der Lage zu wählen und inso-
fern frei zu entscheiden) die bessere Norm sei als der rein formale,
individualistische Begriffsinhalt von Freiheit (frei ist jemand, der
oder die vom Staat in seinem Verhalten kaum eingeschränkt wird).
Der inhaltlich-ökonomische Freiheitsbegriff – Freiheit zu etwas
und nicht Freiheit von etwas – begründet schließlich auch eine
Norm der Verteilungsfairness, gesehen als die Einräumung von
gerechten (gleichen?) Chancen auf ein gutes Leben, als eine Art
Mindestanspruchsniveau, eventuell normiert durch ein „kulturelles
Existenzminimum“, das die Gesellschaft jedem und jeder zugesteht
(die weiterführende Frage ist dann, ob und welche Bedingungen
daran geknüpft werden). Solidarische Umverteilung trägt also zur
Gewährleistung von Freiheit im ökonomisch-inhaltlichen Sinn bei.
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
32
ökonomisch
erklärbarer
Altruismus
Aus der „Dozilität“ (Gelehrsamkeit) der Menschen, was Normen
betrifft, ergibt sich auch, dass die Grundeinstellung der Individuen
zum Staat, zu Interessenvertre-
tungen, zur Sozialpartnerschaft
und Zivilgesellschaft eine
gesellschaftlich förderlichere
werden kann (nicht mehr bloß
„Staat, lass nach!“, „pressure
groups“, „Nebenregierung“ bzw.
„Gutmenschen“). Das ist nur zu erreichen, wenn überprüfbare und
überprüfte Fakten aufgezeigt und Zusammenhänge nachvollziehbar
erklärt und breit kommuniziert werden und wenn die den Staat
und die Gesellschaft tragenden Institutionen in ihrem Verhalten
nicht selbst egoistisch oder korrupt agieren (ein Negativbeispiel
für Gruppeninteressen, Taktieren und Verhindern wären die bereits
unzähligen, aber ergebnisschwachen Verhandlungen der Gebiets-
körperschaften über den Finanzausgleich). Es ist entscheidend, der
Öffentlichkeit die schon zur Selbstverständlichkeit gewordenen
staatlichen Leistungen überhaupt erst wieder bewusst zu machen
(Corona) und sowohl ein Einsehen für die erforderliche Finanzierung
zu erreichen als auch die ökonomische und soziale Vernunft der
Umverteilungsstruktur verständlich zu machen.
3.2.3 Ökonomisch erklärbare Präferenzen, soziale Intelligenz und
Solidarisierung
Jedenfalls ist die Ökonomik als angewandte Wissenschaftsdisziplin
zuständig, wenn Altruismus extrinsisch ist, also durch äußere, eben
ökonomische Bestimmungsfaktoren erklärt werden kann. Der erste
Erklärungsansatz nennt sich „erwartete Reziprozität“; er besagt,
dass sich sogar Menschen vom Verhaltenstypus eines homo oeco-
nomicus auch altruistisch verhalten, weil sie selbst einmal in die
Lage geraten könnten, solidarisch unterstützt zu werden, und sie
diese Unterstützung umso wahrscheinlicher erhalten, wenn sie sich
vorher selbst altruistisch verhalten. Den zweiten Erklärungsansatz
kann man „erwarteter Systemnutzen“ nennen; damit ist gemeint,
dass ein homo oeconomicus nicht nur ökonomisch rational, son-
dern auch „sozial intelligent“ handelt (Illouz 2009 bezieht sich mit
dieser ihrer modernen Interpretation auf das alte Gedankengut
eines Adam Smith). Der homo oeconomicus zeigt auch Altruismus;
er übt Solidarität, damit das Produktionsergebnis der Volkswirt-
Gelehrsamkeit und Grundeinstellung
zu Staat, Sozialpartnerschaft
und Zivilgesellschaft
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
WISO / 43. Jg. (2020), Nr. 1
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soziale
Intelligenz und
ihre möglichen
Ergebnisse
Schlüsselposition
Bildung
Ohr für die breite
Bevölkerung und
Konkretisierung
für die Politik
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
schaft maximiert wird. Durch diesen Niveaueffekt steigen auch die
wirtschaftlichen Möglichleiten und Erfolge dieses altruistischen
Egoisten (Bartel 2016).
Zur sozialen Intelligenz mag speziell auch zählen, dass in Wirt-
schaft, Wähler_innenschaft und Politik Berücksichtigung ndet,
dass Arbeitslosigkeit eine teure (siehe ihre sozialen Kosten in 1.1)
und unfaire Art der Arbeitszeitverkürzung ist (vgl. 3.1). Jedenfalls
könnte durch eine geplante, gleichmäßige Arbeitszeitverteilung
Gerechtigkeit gemehrt, Unzufriedenheit reduziert und Radikalismus
eingedämmt werden. Dazu kann auch beitragen, das Regime der
Arbeitsbewertung fortschreitend zu modizieren: Unangenehme
Arbeit soll tendenziell besser, umgekehrt soll angenehme Arbeit
hingegen schlechter entlohnt werden („compensating wage diffe-
rentiation“). Das erfordert allerdings ein ebenso großes Umdenken
wie Arbeitszeitumverteilung von Beschäftigten zu Arbeitslosen, wie
auch die langwierige Geschichte geregelte Arbeitszeitverkürzung
zeigt (Szigetvari 2020).
Also auch hier, im extrinsischen Bereich der Solidarität, hat Bildung
offenbar eine Schlüsselposition inne. Dieser Bedarf an zusätzli-
chem Wissen betrifft nicht zuletzt speziell auch die Politik und
die Politiker_innen.
3.3 Lehren für die Politik
Dringend erforderlich sind ein scharfer analytischer Blick auf die
Fakten, Offenheit für alternative Erklärungsansätze, ein Ohr für die
Bedürfnisse der breiten Bevölkerung (nicht überwiegend der „Leis-
tungsträger_innen, die allzu oft eine Schimäre, eine ständig wieder-
holte Sprechblase oder bloße Worthülse sind), v. a. ein Verständnis
für die Bedürfnisse der benachteiligten Teile der Bevölkerung (und
nicht das Schwingen der viel zu breiten rhetorischen „Keule“ von
den vorgeblich „Nicht-Leistungswilligen“). Dabei genügt es nicht,
als eine politische Kraft nur gegen etwas zu sein. Wie die Politik-
wissenschafterin Chantal Mouffe, die sich auch mit der relativen Er-
folglosigkeit der Arbeitnehmer_innen_bewegung auseinandersetzt ,
betont, kann es nicht nur vage politische Visionen geben, sondern
muss begreiich gemacht werden, was konkret anzustreben ist,
wenn eine gesellschaftliche Veränderung einigermaßen wirksam
herbeigeführt werden will (Laclau/Mouffe 2001).
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
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Wähler_innen
müssen verstehen
und vertrauen
können
diskursive Floskeln
und Politik-
verdrossenheit
individuell-
private Solidarität
nicht optimal
Die Wähler_innen, tatsächliche wie auch potenzielle, müssten
das Gefühl bekommen, dass die von ihnen gewählten politischen
Mandatar_innen egal, ob in der Regierung oder Opposition
auch tatsächlich zu deren politischen Absichten stehen, für die sie
gewählt worden sind, und den in den Wahlen geäußerten Willen
der Wähler_innen umzusetzen gewillt und bestrebt sind und
letztlich nicht vor angeblichen „Sachzwängen“ kapitulieren (und
das vielleicht sogar gern, weil es halt einfacher ist). Immerhin
ist jedoch die reale Umsetzung ihres politischen Programms für
Parteien nicht einfach: erstens, weil es ohne absolute Mehrheit
bzw. ohne Alleinregierung der politischen Kompromisse bedarf
(dies mag für ein – minderheitenfreundliches – Mehrheitswahl-
rechtssystem statt eines Verhältniswahlrechtssystems sprechen).
Zweitens berücksichtigt funktionierende Demokratie die Meinung
und Anliegen der politischen Minderheiten mit und fördert so die
gesellschaftliche Integration. Und auch das ist zu kommunizieren.
Das Gefühl der Wähler_innen, dass die Politik nachvollziehbar
und konsequent handelt, leidet allerdings unter der modernen,
unverfänglichen Sprechweise vieler Politiker_innen, insbesondere
auf höheren und höchsten föderalen Ebenen. Es ist doch praktisch,
sich nicht festzulegen und sich einer effektiven demokratischen
Kontrolle entziehen zu können. Freilich können komplizierte
Fragen nicht immer mit einem bloßen Ja oder Nein beantwortet
werden, aber nachvollziehbare Argumentation ist abzuverlangen
und zuzumuten. Lange Erklärungen ohne (be-)greifbare Inhalte,
durchsetzt mit den „diskursiven Floskeln“ (Sprechblasen, die durch
Wiederholung glaubhaft gemacht werden sollen), welche die
Spin-Doktor_innen (die wahren Politiker_innen?) ihren Kund_in-
nen eingedrillt haben, enervieren die Zuhörer_innen und fördern
Politikverdrossenheit, Rückzugsverhalten aus der Demokratie und
gesellschaftliche Radikalisierung.
3.4 Private Mildtätigkeit und die Impulsfunktion der Zivilgesell-
schaft
Auf die individuell-private Ebene der Solidarität sollte man sich
nicht verlassen. „Karitative Tätigkeiten im Rahmen des Famili-
enverbands im Kleinen und der ‚Bürgergesellschaft‘ im Großen
schaffen – trotz der bekundeten menschenfreundlichen Absicht
faktisch soziale Abhängigkeiten statt Rechtsansprüche, Erpress-
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Zivilgesellschaft
als treibende Kraft,
Politik als umset-
zende Macht
wie wir unsere
Konikte lösen
wollen
barkeit statt Sicherheit, Unfreiheit statt Entscheidungsfreiheit“
(Bartel 2010, S. 5).
Der Zivilgesellschaft kann – jenseits von Familie, Markt und Staat
eine entscheidende Kontroll- und Impulsfunktion im Hinblick auf
solidarische Wirtschaftspolitik zukommen; dazu müsste sie sich
aber, zersplittert, wie sie durch die zahllosen Gruppeninteressen,
denen sie sich widmet, ist, zu einer strategischen Zusammenar-
beit im Dienst des Gemeinwohls nden, und zwar auf der jeweils
am stärksten für das betreffende Anliegen relevanten Ebene,
von regional bis global. Der globale Charakter der Verteilungs-,
Beschäftigungs-, Virus- und Umweltproblematik verlangt eine zu-
nehmend internationale Kooperation der Zivilgesellschaft. In den
USA engagieren sich bundesweite Basisbewegungen kämpferisch
und in enger Zusammenarbeit mit den großen politischen Parteien.
Die ermöglichende Rolle und letztlich realisierende Funktion liegt
unweigerlich bei der Politik.
3.5 Sozialer Grundkonsens über den Umgang mit Meinungsver-
schiedenheiten
Letztlich soll sich im Zusammenwirken all dieser Bereiche ein
auch faktisch gelebter „gesellschaftlicher Grundkonsens“ (Frey/
Kirchgässner 2002) herausbilden, wie mit Meinungsverschieden-
heiten zivilisiert und konstruktiv umzugehen ist (allerdings ist die
Institution Sozialpartnerschaft wesentlich geschwächt worden).
Auf der obersten Zielebene herrscht naturgemäß Konsens (Friede,
Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit, soziale Wohlfahrtssteigerung),
doch auf den nachgeordneten Ebenen der Zielhierarchie – in
den Fragen nach dem Wie der Erreichung der obersten Ziel- und
Wertvorstellungen – entsteht Dissens, natürlich bedingt durch
Werturteile aller Art: ontologische (wie unsere Welt funktioniert),
teleologische (wie unsere Zielpyramide aussehen soll und wie
wir diese Ziele effizient erreichen können), ideologische (wovon
wir grundlegend überzeugt sind) und subjektive (was wir offen-
kundig irrationaler Weise glauben und meinen). Deshalb und weil
so manche wirtschaftspolitische Maßnahme später kaum wieder
umkehrbar ist (z. B. Privatisierungen oder Ernennungen in öffent-
liche Ämter auf Lebenszeit), ist ein sorgsamer und ergebnisoffener
gesellschaftlicher Dialog wichtig.
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zur Motivation
4. Weitblick
„Der Weltuntergang naht? Alles ist verloren? Solche Gedanken führen
zu Schockstarre. Es bringt uns als Gesellschaft nicht weiter, den Kopf
in den Sand zu stecken. Was wir jetzt vielmehr brauchen, ist ein fröh-
liches Ausprobieren neuer Wege. Zuversicht in unsere Möglichkeiten.
Oder wie [der Soziologe] Harald Welzer sagt,Wir müssen utopisch
denken, um realistisch zu sein.‘ (…) [Er] entwirft eine gute, eine mögliche
Zukunft. Anstatt nur zu kritisieren, macht er sich Gedanken, wie eine
gute Zukunft aussehen könnte“ (Renner Institut 2020, o. S.).
Anmerkungen
1. Quellen: https://staatsschulden.at/bip, https://www.oenb.at/isaweb/report.
do?lang=DE&report=7.3 (Stand vom 31. 1. 2020), https://www.oenb.at/
isaweb/report.do?lang=DE&report=7.2.1 (Stand vom 20. 12. 2019), (alle
aufgerufen am 20. 2. 2020), eigene Berechnungen
2. Quelle: https://www.oenb.at/isaweb/report.do?lang=DE&report=7.17
(Stand vom 11. 2. 2020), (aufgerufen am 20. 2. 2020), eigene Berechnungen
3. „Das lateinische Wort ‚nis’ hat bekanntlich zwei Bedeutungen: Ende und
Ziel. Ein Mensch nun, der nicht das Ende einer (provisorischen) Daseins-
form [wie Arbeitslosigkeit; Anm.] abzusehen imstande ist, vermag auch
nicht, auf ein Ziel hin zu leben. Er kann nicht mehr, wie der Mensch im
normalen Dasein, auf die Zukunft hin existieren. Dadurch verändert sich
die gesamte Struktur seines Innenlebens. Es kommt zu inneren Verfallser-
scheinungen, wie wir sie von anderen Lebensgebieten her kennen [anderen
als dem Konzentrationslager]. In einer ähnlichen Situation bendet sich
nämlich z.B. der Arbeitslose; auch seine Existenz ist eine provisorische
geworden und auch er kann in gewissem Sinne nicht auf die Zukunft hin,
auf ein Ziel in dieser Zukunft hin leben. (…) Soweit er einen Blick hinaus
tun kann [in die normale Welt], erscheint ihm das Leben dort so, wie es
einem Verstorbenen erscheinen mag, der vom ‚Jenseits‘ her auf die Welt
herabblickt. Der normalen Welt gegenüber muss daher der Häftling [bzw.
der Arbeitslose] das Gefühl bekommen, als ob er dieser ‚Welt abhanden
gekommen‘ wäre“ (Frankl 1977/2018, S. 108f., 110).
4. „Das Leben kam mir schwierig vor, weil ich versucht habe, meine Eltern
nachzuahmen, aber das war unmöglich, weil sich die Zeiten total geän-
dert haben. Ich habe gekämpft, gelernt, mich auf Prüfungen vorbereitet,
ich wollte es ihnen gleichtun … Aber ich bin gescheitert. Wir müssen uns
etwas anderes ausdenken, uns woanders einen Platz suchen, andere Orte,
andere Berufe, ein anderes Leben. Wir müssen ganz von vorn anfangen (…).
Mit allem. Wir können doch nicht hier sitzenbleiben und uns abrackern,
um einen blassen Abklatsch des zweitklassigen Lebens unserer Alten zu
bekommen. Ihr Weg war schon von A bis Z vorgezeichnet, wir müssen uns
unseren eigenen suchen. Wir müssen aufhören, uns zu beklagen, dass wir
nicht so gut wie unsere Eltern leben. Sie haben eine Zeit der Vollbeschäfti-
gung erlebt; du bist in einen Laden gegangen, um dir Latschen zu kaufen,
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und am nächsten Tag warst du Latschenverkäufer, du konntest ohne jeden
Abschluss Vertreter werden. (…) Wir müssen uns vom Überuss, (…) von
der Vollbeschäftigung verabschieden. Und vor allem dürfen wir niemanden
auf uns rumtrampeln lassen“ (Messina 2020, 159 f.).
5. „Sie musste ein Ziel für diese Tage nden, die sich leer aneinanderreihten.
Theoretisch war sie auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen Form und hatte
sich doch nie so schlaff und nutzlos gefühlt. Es gab kein Ziel, nach dem sie
streben konnte, der Sinn des Lebens beschränkte sich auf die lächerliche
Summe auf einem Lohnzettel, das Füllen eines Kühlschranks mit unge-
sunden oder gar giftigen Lebensmitteln. Das Leben, diese wunderbare
Animation eines Haufens Atome, reduzierte sich auf niedere physiologische
Funktionen. Es war unlogisch, ja psychotisch, nach einem anderen Dasein
zu streben als dem einer dicken Katze, deren Tage sich auf den Zeitraum
zwischen zwei Futterschüsseln beschränkten. Sie hatte keinerlei musische
Erziehung erhalten, keine Liebe für Kunst oder Sport entwickelt, sie hatte
keine Leidenschaft. (…) Sie hatte keine Wünsche; mit knapp neunzehn
Jahren lebte sie nur noch, um die kleinen Probleme des Alltags zu lösen.
Ihre Generation hatte keinen Krieg, dem sie sich widersetzen konnte, keine
echten Schwierigkeiten und nicht die geringste Perspektive. Es war ein
Nullpunkt des Leiden, die B-Seite des Lebens“ (Messina 2020, 76).
6. Thomas Morus schrieb in seinem berühmten Werk „Utopie“: „(…) [Ich]
könnte ich nichts zur Förderung des allgemeinen Wohlergehens beitra-
gen, auch wenn ich dafür mein ruhiges Leben aufgeben würde. Erstens
haben die meisten Fürsten viel mehr Freude an Krieg und Ritterrum
(worüber ich nichts weiß und auch nichts wissen will) als an friedlichen
Heldentaten und verwenden viel mehr Zeit und Kraft auf die Frage, wie
sie – rechtmäßig oder unrechtmäßig – ihr Reich vergrößern können, als
darauf, wie sie das, was sie bereits besitzen, gut und friedfertig regieren.
Zweitens sind die bereits vorhandenen Ratgeber der Könige entweder
selbst so weise, dass sie den Rat eines anderen nicht benötigen, oder sie
halten sich zumindest für so weise. Dabei klatschen sie peinlicherweise
auch den dümmsten Äußerungen ihrer Herren Beifall, deren Gunst sie
durch ihre Schmeicheleien zu erringen versuchen, damit sie selbst umso
mehr Macht erhalten. Es ist nur natürlich, dass jedermann seine eigenen
Einfälle für die besten hält. (…) Wenn in einer solchen Umgebung, in der
die Einfälle der anderen verachtet und verschmäht werden und jeder die
eigenen für die besten hält, jemand etwas vorbringt, (…) werden sich die
Zuhörer so verhalten, als ob ihre gesamte Weisheit in der Gefahr schwebe,
umgestoßen zu werden und sie in Zukunft als Einfaltspinsel dastünden.
Deshalb werden sie sich bemühen, in den Einfällen anderer stets etwas
zu nden, das sie tadeln und an dem sie etwas aussetzen können“ (Morus
1516/2013, 29 f.).
7. „Die Österreicher halten sich für schlechter bezahlt, als sie sind. 70 Pro-
zent der Bürger glauben, dass der Bruttolohn im Schnitt unter 2500 Euro
im Monat liegt. Tatsächlich beträgt das aktuelle Niveau aber 3163 Euro.
Dass Einschätzungen negativer ausfallen als die Realität, liege im Trend,
sagt Andrea Fronaschütz. Die Leiterin des Meinungsforschungsinstituts
Gallup sieht dahinter wachsendes Misstrauen gegenüber der Politik und
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den Systemen – und als Folge davon ‚einen Hang zu Heilsversprechen,
Verschwörungstheorien und Rechtspopulismus‘“ (John 2020, o. S.).
8. Der HFCS (Household Finance and Consumption Survey) 2017 untersucht
nach Quintilen (das sind Fünftel der österreichischen Bevölkerung, gereiht
vom ärmsten bis zum reichsten Fünftel).
Nach dem HFCS 2017 sieht die Verteilung des (auch mathematisch-sta-
tistisch geschätzten) Nettovermögens (Nettovermögen = Gesamtvermögen
minus Schulden) auf die Quintile folgendermaßen aus (Fessler u. a. 2020,
Tabelle B19): Der Mittelwert des Nettovermögens ist im ärmsten Quintil
mit € -2.900 sogar negativ (d. h., im Durchschnitt hat man dort um € 2.900
mehr Schulden als Vermögen); die durchschnittlichen Nettovermögen sind
in den höheren Quintilen € 19.400, € 86.700, € 236.800 und im reichsten
Quintil € 912.200 (HFCS 2017, Tabelle B19). Die Anteile dieser durch-
schnittlichen Quintilsvermögen (netto) am höchsten durchschnittlichen
Quintilsvermögen (netto) sind daher -0,3%, 2,1%, 9,5%, 26,0% und freilich
100%. Noch anders gerechnet: Die Anteile der durchschnittlichen Netto-
vermögen in den Bevölkerungsfünfteln am gesamten durchschnittlichen
Nettovermögen betragen -0,2%, 1,6%, 6,9%, 18,9% und 72,9%, zusammen
also 100% dieses Nettovermögens (siehe auch Tabelle 3).
Dieselben Verteilungsmaße (also Quintile) ergeben für das Bruttoeinkom-
men € 16.000, € 28.400, € 41.600, € 58.200 und € 108,500 (Fessler u. a.
2020, Tabelle C4). Die Anteile dieser durchschnittlichen Bruttoeinkommen
in den Quintilen am durchschnittlichen Quintilseinkommen insgesamt sind
somit 14,8%, 26,2%, 38,3%, 53,6% und notwendigerweise 100%. Wiederum
anders formuliert: Die Anteile der durchschnittlichen Bruttoeinkommen der
Bevölkerungsfünftel am gesamten durchschnittlichen Bruttoeinkommen
belaufen sich auf 6,3%, 11,2%, 16,5%, 23,0% und 42,9%, zusammen also
100% des dieses Bruttoeinkommens (siehe auch Tabelle 3).
Dieselben Verteilungsmaße (Quintile) ergeben für das Bruttoeinkommen
der Unselbstständigen € 12.700, € 24.200, € 35.700, € 48.900 und € 79,700
(Fessler u. a. 2020, Tabelle C1). Die Anteile dieser durchschnittlichen Brut-
toeinkommen in den Quintilen am durchschnittlichen Quintilseinkommen
insgesamt sind demnach 15,9%, 30,4%, 44,8%, 61,4% und notwendigerweise
100%. Wiederum anders dargestellt: Die Anteile der durchschnittlichen
Bruttoeinkommen der Bevölkerungsfünftel am gesamten durchschnittli-
chen Bruttoeinkommen belaufen sich auf 6,3%, 12,0%, 17,7%, 24,3% und
39,6%, insgesamt natürlich 100% des dieses Bruttoeinkommens (siehe
auch Tabelle 3).
9. Quelle: Fessler u.a. (2020, Tabellen B19, C1 und C4)
10. Äquivalenzeinkommen („äquivalisiertes Einkommen“) berücksichtigt den
positiven Wohlstandseffekt, den das kostengünstigere Zusammenleben
mehrerer Personen in Haushalten hat. Mittleres Einkommen („Medianein-
kommen“) ist jene Einkommenshöhe, bei der die eine Hälfte der jeweiligen
Bevölkerung weniger, die andere Hälfte mehr verdient.
11. Utilitaristen sehen die soziale Wohlfahrt als Summe aller Einzelnutzen
der Individuen an und blenden somit Gemeinschaftsinteressen aus, die
nur gemeinschaftlich (v. a. wirtschaftspolitisch) bestmöglich zu lösen sind.
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
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12. „Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er
auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz
wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung
wagt; und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach
Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und
sogar notwendig ist, stößt doch jedesmal früher oder später auf eine
Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in
unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren
Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehn, über ihre Ruhe
ihre Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht“
(Engels 1894/1975, S. 21).
13. „Diese Periode des Neoliberalismus (…) erhielt nach 1990 einen neuen
Anstoß und eine Verschärfung, als weitere Einussfaktoren Einzug hielten.
Der wichtigste war die rasche Entwicklung und Verbreitung der mikroelekt-
ronischen Revolution. Mehr noch als frühere technische Verbesserungen traf
sie fast jeden Sektor der Wirtschaft. Die Produktion einer breiten Palette
von Waren und Diensten, der Transport, die Kommunikation, organisato-
rische Möglichkeiten etc. waren alle betroffen. Dies schuf den Boden für
die Entstehung neuer Wirtschaftsstrukturen, die in Verbindung mit dem
voranschreitenden Liberalisierungsprozess zur gegenwärtigen Situation
einer modernen Globalisierung führte, in der mächtige transnationale
Industrie- und Finanzanliegen entscheidende Verhandlungsmacht und
Einuss besitzen. Durch ihren Einuss und ihre Unterstützung wurden
neoliberale und ‚marktfreundliche‘ Ziele zum Nachteil anderer gefördert,
insbesondere in Gestalt sozialer und ökologischer Probleme. Dabei nehmen
einige internationale Institutionen (WTO, IMF, Weltbank) und die EU mit
ihrer unabhängigen Zentralbank und ihrer allgemeinen Regelungsmacht,
welche die Mitgliedsstaaten zu einem einheitlich neoliberalen Programm
zwingen, eine wichtige Position ein“ (Rothschild 2009, S. 215, eigene
Übersetzung).
14. Hinsichtlich der Verteilung der wegen der Krise zusätzlich getätigten
Staatsausgaben wurde allerdings von heterodoxer Seite Kritik laut, dass
hohe Budgetmittel (auch in Österreich) für Bankenrettung eingesetzt
wurden, aber zu wenig Budget, um die sozialen Schäden der von der Krise
letztlich Betroffenen gerechter abzufedern.
15. Der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, äu-
ßerte mehrfach den Schlüsselsatz „Es kann keine Freiheit ohne Solidarität
geben“ (Buzek 2009, S. 3).
16. „Der Wohlfahrtsstaat konzentriert sich mittlerweile auf ein garantiertes
Minimum an Mitteln, welches die Bürger_innen in die Lage versetzen soll,
das abzudecken, was der Staat als Lebenshaltungskosten ansieht. Bei der
Kalkulation dieser Kosten ist der Staat schäbig und fetischistisch“ (Desai
1999, S. 11, eigene Übersetzung).
17. Angesichts merklicher industrieller Produktivitätssteigerung stellte bereits
Keynes (1930/1963) beim Nachdenken über die ökonomischen Möglichkeiten
der Enkelkinder seiner Zeitgenoss_innen fest, dass 15 Arbeitsstunden pro
Woche einheitlich für jede und jeden ausreichen würden, den Wohlstand
zu erhalten (wobei Vollbeschäftigung bei nahezu Nullzinsen seiner Mei-
Individualismus und Solidarisierung aus ökonomischer Perspektive Rainer Bartel
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nung durchaus möglich wäre) – wenn er auch meinte, dass die geregelte
Arbeitszeitverkürzung die nächsten 100 Jahre (also bis 2030) nicht würde
verwirklicht werden können – aber das ist freilich Prophetie.
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Article
The paper presents a survey of Post Keynesian (PK) agent-based (AB) models and AB models with PK features. It is argued that AB modeling is fully consistent with the PK approach and that the cross-fertilization can benefit both areas of research. The survey focuses on how the various models have faced the issues implied by adopting a bottom–up approach in a traditionally aggregative structure and highlights the additional insights coming from this modeling strategy. Particular attention is devoted to stock-flow consistent AB models for theivvr potential in defining a new benchmark for this type of research.
Alles könnte anders sein" -Buchpräsentation mit Harald Welzer. E-Mail von post@renner-institut
  • Renner Institut
» Renner Institut (2020): "Alles könnte anders sein" -Buchpräsentation mit Harald Welzer. E-Mail von post@renner-institut.at vom 24. 2.