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Leuphana Universität Lüneburg Wintersemester 2018/19
Seminar: Masse und Medien, Medien und Massen
Modul: Netzkultur
Prof. Dr. Wolfgang Hagen
„ Psychologische der Massen“
In ‚Psychologie der Massen’ setzt sich Gustave Le Bon in seiner
anthropologischen, soziologischen und psychologischen Studie mit der
Massenseele auseinander. Was bis dato nur aus der Ansicht der kriminellen
Massen geschrieben wurde, untersucht Le Bon stattdessen die allgemeine
Psychologie der Massen mit dem Anspruch dies „in streng wissenschaftlicher
Weise zu bearbeiten, also methodisch und unbekümmert um Meinungen,
Theorien und Doktrinen“ (S. III). Er begründet seine Methode wie folgt, indem
er sagt: „nur so, glaube ich, kommt man zur Auffindung von
Wahrheitselementen, besonders wenn es sich, wie hier, um eine die Geister
lebhaft erregende Frage handelt. Der um die Festlegung eines Phänomens
bekümmerte Forscher hat sich um die Interessen, die durch seine
Feststellungen berührt werden können, nicht zu sorgen.“ (S. III-VI)
In der Einleitung erklärt er zuerst, warum wir uns in einer Ära der Massen
befinden. Die Völkerinvasionen oder der Fall der Dynastien sei das
ausschlaggebende Ereignis gewesen, das Veränderungen in der
Machtposition schaffte. „Die einzigen Veränderungen von Bedeutung jene,
aus welchen die Erneuerung der Kulturen entspringt – vollziehen sich auf dem
Gebiete der Ideen, der Gedanken und Überzeugungen.“ (S. 1) Le Bon nennt
zwei Hauptfaktoren, warum diese Veränderung in den Köpfen des Volkes
gewollt waren. Zum einen sei es „die Zerstörung der religiösen, politischen
und sozialen Überzeugungen, aus denen alle Elemente unserer Zivilisation
entspringen.“ (ebd.) Ein anderer Faktor sei „die Schaffung völlig neuer
Existenz- und Denkbedingungen infolge der neuen Entdeckungen der
Wissenschaft und der Industrie.“ (ebd.) Diese Faktoren sind da, weil die Leute
sich neu orientieren mussten und wollten. Le Bon meint, dass die Ideen der
Vergangenheit in dieser Übergangszeit trotz Halbzerstörung noch Kraft
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hatten, während neue Ideen für die Zukunft sich gerade erst bildeten. (Vgl.
S.1) Deswegen gab es in dieser verwirrenden Zeit auch anarchistische
Reaktionen in der gesellschaftlichen Organisation, die großenteils in Massen
erschienen. Das ist, was Le Bon als „die Macht der Massen“ nennt, deren
Macht wir nicht vorher einschätzen können, wie die Oberfläche des Ozeans
die unterirdischen Erschütterungen mitteilen, deren Sitz er ist und die wir nicht
kennen.“ (S. VIII) So schreibt er, „auf den Ruinen so vieler einst für wahr
gehaltener und jetzt toter Ideen, so vieler Mächte, die durch Revolutionen
nach und nach gebrochen worden sind, hat diese Macht allein sich erhoben
und scheint bald die anderen absorbieren zu wollen. Während alle unserer
alten Anschauungen schwanken und verschwinden und die alten
Gesellschaftsstützen eine nach der anderen einstürzen, ist die Macht der
Massen die einzige Kraft, die durch nichts bedroht wird und deren Ansehen
nur wächst. Das Zeitalter, in das wir eintreten, wird in Wahrheit die Ära der
Massen sein.“ (S. 2)
Le Bon schreibt, dass die sozialen Organismen genauso kompliziert seien,
wie die anderen Organismen. Denn die Menschen mit ihren inneren Ideen,
Gefühlen und Gewohnheiten werden in Institutionen und Gesetze ihre Seele
ausdrücken und durch sie auch ihre Seele offenbaren. (vgl. S. VI) Dieser
psychologische Ausgangpunkt wird dann von bestimmten‚ allmählichen
Assoziationen der Individuen“ ausgenutzt, um ihre bestimmten Ideen,
Dogmen und ‚göttlichen’ Rechten zu verbreiten. Le Bon erklärt in der
Einführung des Buches: „Die Assoziation ist es, wodurch die Massen sich,
wenn auch nicht sehr richtige, so doch wenigstens sehr bestimmte Ideen von
ihren Interessen gebildet und das Bewusstsein ihrer Kraft erlangt haben.“ (S.
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„Die genaue Schilderung der Massenseele ist nicht leicht, weil ihre
Organisation nicht bloß je nach Rasse und Zusammensetzung der
Gesamtheit, sondern auch je nach der Natur und dem Grade der Anreize,
denen diese Gesamtheiten unterliegen, variiert.“ (S. 11) Le Bon äußert hier
die Problematik der allgemeinen Charakteristik der Massenseelen, die er
unter dem psychologischen Gesichtspunkt erforscht. Im ersten Kapitel
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untersucht er nicht alle Stufen der Massenbildung, sondern beschränkt sich
auf die Phase der vollständigen Organisation . „Diese fortgeschrittene
Organisationsphase allein ist es, in der sich auf dem unveränderlichen und
vorherrschenden Rassenuntergrunde gewisse neue und besondere Merkmale
aufbauen und wo sich die Orientierung aller Gefühle und Gedanken der
Gesamtheit nach einer identischen Richtung vollzieht. Hier nun zeigt sich,
was ich oben das psychologische Gesetz der seelischen Einheit der Massen
genannt habe.“ (ebd.)
Das erste Merkmal ist „das Schwinden der bewußten Persönlichkeit und die
Orientierung der Gefühle und Gedanken nach einer bestimmten Richtung.“
(S. 10) Dafür braucht die Masse nicht an einem bestimmten Ort zusammen
sein. Jedes einzelne Individuum braucht lediglich einen gewissen Zeitpunkt,
wo es sich unter dem Einfluss einer bestimmten emotionalen Erregung seine
Gedanken davon stark beeinflusst werden können. (vgl. ebd.) Er sagt, dass
die psychologische Masse ein provisorisches Wesen sei, weil die Verbindung
zwischen diesen verschiedenen Elementen nur für einen Augenblick seien.
Das sei wie die Zellen eines Organismus, aus denen durch das
Zusammenkommen eine neue Kreatur mit ganz neuen und anderen
Eigenschaften entsteht. (vgl. S. 12) Wie funktioniert das? Zuerst muss ich
noch einmal ein paar Seiten des Buches zurück blättern, wo Le Bon über den
Würfel als ein Kreis unveränderlicher geometrischer Figuren aus dem
Gesichtspunkt der absoluten Wahrheit schreibt. „Für den Gesichtssinn
können diese geometrischen Gestalten sehr mannigfache Formen annehmen.
[...] und diese fiktiven Formen sind von viel größerer Bedeutung als die reale
Formen, denn sie sind die einzigen, welche wir sehen und welche
photographisch oder zeichnerisch sich reproduzieren lassen. Das Irreale ist in
gewissen Fällen wahrer als das Reale.“ (S. VII) So meint er, dass es nicht
anders als unser Geistes- und Seelenleben ist. „Das bewußte Geistesleben
stellt nur einen recht geringen Teil neben dem unbewußten Seelenleben dar.“
(S. 13)
Durch die Vererbungseinflüsse werden unsere unbewussten Akte gebildet,
somit wird auch die Seele des Menschen entstehen. Darin stecken geheime
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Gründe, die wir als Menschen selbst nicht kennen, warum wir bestimmte
Handlungen machen. Dadurch wird einzelner Mensch einerseits sich ähnelt.
Anderseits wird das Individuum durch die Erziehung und außerordentliche
Erblichkeit unterschiedlich sein. Deshalb trotz deren Unterschiede macht es
ähnliche Gegenstand des Gefühls, der Triebe und Leidenschaft der Rassen
aus. „Nun sind eben diese allgemeinen Charaktereigenschaften, die vom
Unbewußten beherrscht und die der Mehrzahl der normalen Vertreter einer
Rasse ziemlich gleichmäßig zukommen, dasjenige, was in den Massen
vergemeinschaftlicht wird. In der Kollektivseele verwischen sich die
intellektuellen Fähigkeiten und damit auch die Individualität der Individuen.
Das Heterogene versinkt im Homogenen, und es überwiegen die unbewußten
Qualitäten“ (S. 13) Diese Ähnlichkeit, die in den Charakterunterschieden der
Rassen sind, begründet nur, warum sie keine besondere intellektuelle
Handlung machen werden, wenn sie sich versammeln. Aber die neuen
Elemente, die oben genannt wurden, werden mit drei verschiedenen
Ursachen von Le Bon später aufgeklärt.
Die Anonymität und Unverantwortlichkeit der Masse ist die erste Ursache, die
durch das unschlagbare Gefühl in der Versammlung der Masse zum
Vorschein kommt. Zweitens ist es die Ansteckung, die man laut Le Bons
These, mit der Hypnotischen-Art vergleichen kann. „Die Ansteckung ist ein
leicht zu konstatierendes, aber unerklärliches Phänomen, das man den von
uns sogleich zu studierenden Phänomenen hypnotischer Art zurechnen muß.
In der Masse ist jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar in so
hohem Grade, dass das Individuum sehr leicht sein persönliches Interesse
dem Gesamtinteresse opfert.“ (S. 14-15) Aber die Ansteckung ist nur eine
Wirkung von der dritten Ursache, die am wichtigsten von allen ist. Die dritte
Ursache ist die Suggestibilität. Das funktioniert so, indem man sich nach dem
Verlust seines eigenen Charakters oder seiner Individualität leicht in der
Suggestionen jemand anderem unterwirft. Handlungen werden dabei
entgegen seiner Persönlichkeit und seiner Eigenart ausgeführt. (vgl. S. 15)
Die Person, die hinter der Suggestibilität und somit auch der Ansteckung
spielt für seine Anhänger eine große Rolle und ist dadurch auch die
entscheidende Rolle in der Masse. Le Bon untersucht diese Person in den
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nächsten Kapitel noch ausführlicher. Dazu fasse ich in dem nächsten Absatz
etwas über den wichtigsten Aspekt der Führerrolle zusammen. Den
Hypnotisierten bezeichnet er als Barbar bzw. Triebwesen, „er besitzt die
Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch den Enthusiasmus und
Heroismus primitiver Wesen. Diesen nähert er sich noch durch die
Leichtigkeit, mit der er sich von Worten und Bildern, die auf jedes einzelne
Individuum gänzlich ohne Wirkung wären, beeinflussen und zu Handlungen,
die zu seinen entschiedenen Interessen und bekanntesten Gewohnheiten im
Widerspruche stehen, verführen läßt.“ (S. 16) Diese Heldenhaftigkeit oder
dieser Heroismus der Massen ist ein Aspekt, der nach Le Bons Kritik in der
Studie der Massen vom kriminologischen Gesichtspunkt fehlt.
Um die Masse in eine bestimmte Gedankenrichtung zu lenken, braucht sie
instinktiv eine Autorität oder in diesem Fall einen Führer, der eine klare und
richtige Vorstellung hat. Le Bon begründet dies, indem er sagt, dass es nicht
die Freiheit ist, die die Massen braucht, sondern das Dienstbedürfnis, das in
ihrer Seele dominiert. (vgl. S. 84) Zuerst müssen die Menschen durch den
Glauben von Ideen des Führers fasziniert und davon überzeugt sein, um dann
dem Führer „zum völligen Sklaven seines Traumes“ zu werden und zu (S. 83)
folgen. Dieser Glaube kann nach Le Bon die Kraft des Menschen
verzehnfachen.
Die Wirkungsmittel eines Führers bestehen aus bestimmten
Verfahrungsweisen. Das sind die Behauptung, die Wiederholung und die
Übertragung, aber vor allem ist es das Prestige, das die wichtigste
Eigenschaft eines Führers ist. „Die reine, einfache, aller Vernünftelei und alles
Beweisbare Behauptung ist eines der sichersten Mittel, um der Massenseele
eine Idee einzuflößen“ (S. 87) äußerte Le Bon zu der ersten
Verfahrungsweise. Die regelmäßige Wiederholung verstärkt erst mal die
Behauptung und es muss auch mit denselben Worten sein. „Man versteht den
Einfluß der Wiederholung auf die Massen wohl, wenn man sieht, welche
Macht sie über die aufgeklärtesten Geister hat. Diese Macht kommt daher,
weil das Wiederholte sich schließlich in den tiefen Regionen des Unbewußten
einlagert, wo die Motive unserer Handlungen ihr Spiel treiben.“ (S. 88) Die
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Übertragung spitzt diese beiden Prozesse zu, wenn die Masse sich
versammelt und sich die Ideen, Gefühle, Affekte und Glaubenssätze
gegenseitig mächtig anstecken. (Vgl. S. 88)
Aber laut Le Bon ist Prestige die mächtigste Quelle aller Herrschaft vor allem
bei dieser Verfahrungsweisen. Ohne Prestige hätte keine Herrschaft der Welt
regieren können. (Vgl. S. 92) Seine Grundformen haben zwei
unterschiedliche Arten, nämlich das erworbene und persönliche Prestige. Das
erworbene oder künstliche Prestige ist das, was man ausüben kann und das
persönliche Prestige ist das, womit man bereits geboren wird. Nur wenige
Personen besitzen diese Art von Charakter. Jemand, der das persönliche
Prestige als Eigenschaft hat, kann leicht die Menschen beeinflussen. So dass
seine ‚Anhänger’ andere Charakteristiken haben, so wie „Schwund der
bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft der unbewußten Persönlichkeit,
Orientierung der Gefühle und Gedanken in derselben Richtung durch
Suggestion und Ansteckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung der
suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht mehr es selbst, es ist ein
willenloser Automat geworden.“ (S. 16) Dieser ‚Führer’ kann den Verstand der
Massen hypnotisieren nach Le Bons Begriff, bis sie ihm gehorchen, „Wie
das wilde Tier dem Bändiger gehorcht, den es doch so leicht verschlingen
könnte.“ (S. 94)
Literaturverzeichnis
Le Bon, Gustave 1922: Psychologie der Massen, 4. Auflage, Stuttgart, Alfred
Kröner Verlag.
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