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Tun oder Unterlassen? Aspekte des Prozeßschutzes und der Bedeutung des "Nichts-Tuns" im Naturschutz

Authors:
  • bavarian forest national park

Abstract

Traditionally conservationists manage the environment, to protect specific landscapes, habitats or species. But acceptance of free dynamics - by "doing nothing" - enables rather unfamiliar processes, allowing developments of natural characters, including disturbances - innovative path for re-wilding former used landscapes and forests.
Laufener Seminarbeitr. 1/97, S. 31-44 Bayer.Akad.Natursch.Landschaftspfl. Laufen/Salzach 1997
Tun oder Unterlassen ?
Aspekte des Prozeßschutzes und Bedeutung des
"Nichts-Tuns" im Naturschutz
Wolfgang SCHERZINGER
Naturschutz in Mitteleuropa scheint heute an seine
Grenzen gestoßen zu sein; ungebremst wächst die
Diskrepanz zwischen Auftrag und Erfolg. Jeden
falls muß er sich einer Revision stellen, ob seine
Ziele, Konzepte, Strategien noch eine zeitgemäße
Antwort auf heutige Probleme finden können. Diese
Diskussion hat in den letzten Jahren zum einen zur
fruchtbaren Erweiterung des "klassischen" Statik-
Konzepts durch das realitätsnähere Dynamik-Kon
zept geführt, zum anderen eine Interessensänderung
aufgezeigt, die nach mehr "Natur" im Naturschutz
bzw. mehr "Natumähe" in der Landschaft fragt, und
eine pfleglich gestaltete Umwelt - als "Naturschutz
gegen die Natur"- zunehmend in Frage stellt. Letzt
lich hat sie die wachsende Schwierigkeit erkannt,
Pflegekonzepte, Ausgleichsmaßnahmen, Flächen
stillegung, Artenstützung oder Wildtiermanage
ment als Daueraufgabe zu finanzieren.
Dabei sind die Erwartungen in autogene Differen
zierungsprozesse sich selbst überlassener Landflä
chen, Gewässer oder Wälder jedweden Hemerobie-
grades sehr hochgesteckt, verspricht z.B. ein Natur
schutz durch "Nichts-Tun" ja nicht nur eine maxi
male Annäherung an die "Natumähe", sondern
gleichzeitig auch den billigsten Weg zu einer arten-
und erlebnisreichen Erholungslandschaft. Auf die
sem Nährboden keimt gegenwärtig eine für Europa
neue Sehnsucht nach möglichst ursprünglicher,
weitgehend ungestörter Natur, - nach "Wildnis"
1. Tun oder Lassen ?
Wenn Flüsse über die Ufer treten - und den Auen
wald unter Wasser setzen; wenn Hangrutschungen
den nackten Untergrund freilegen und Schottermu
ren den Gebirgswald verschütten; wenn Lawinen
den Bergwald durchbrechen; wenn Brände tausende
Hektar Wald verkohlen lassen; wenn Sturmböen
auch stärkste Bäume niederreißen - oder Insekten
gradationen weite Baumbestände zum Absterben
bringen, dann sind das nicht nur "Katastrophen" für
die betroffenen Individuen an Pflanzen- und Tier
arten, für ganze Lebensgemeinschaften (und erst
recht für den wirtschaftenden Menschen), sondern
auch besonders eindrucksvolle Demonstrationen,
daß die Dynamik des Naturgeschehens nicht völlig
abgedrängt wurde; trotz einer mehrtausendjährigen
Nutzungsgeschichte Mitteleuropas!
Gleichzeitig eröffnen uns derartige Naturereignisse
emotional wie fachlich faszinierende Einblicke in
die natürliche Neu-Organisation von Ökosystemen,
in die ungestörte Besiedlungsstrategie junger Suk
zessionsstadien, vor allem in die evolutionserprobte
Langzeitstrategie der Systeme mit der Einnischung
ihrer Artenvielfalt! Dieser "Wildwuchs" vermittelt
nicht nur eine Ahnung von Wildnis - oder gar eine
archaische Naturerfahrung, er macht uns auch be
stürzt, weshalb der Naturschutz diesen elementaren
Aspekt von "Natur" bisher so wenig beachtet hat.
Aus der Faszination ungelenkter Prozesse bzw. na
turgegebener Organisationsprogramme in nutzungs
freien Schutzgebieten erwächst heute vermehrt die
Aufforderung, das arbeits- und kostenintensive Ma
nagement eines gestaltenden Naturschutzes durch
kostenfreies "Nichts-Tun" zur Entfesselung natur
immanenter Wirkungskräfte zu ersetzen. Die Frage
nach Tun oder Lassen - als konzeptioneller Strategie -
kann nur im Spiegel der Naturschutzziele beantwor
tet werden. Neben dem basalen Auftrag zum Schut
ze der Naturgüter (Wasser, Boden, Luft) und der
Sicherung einer nachhaltigen Nutzbarkeit biologi
scher Ressourcen (vgl. PL ACHTER 1994) seien als
vorwiegende Teilziele genannt:
1. Entwicklung und Sicherung eines lebenswerten
Humanbiotops, hinsichtlich standörtlicher Viel
falt, nutzbarer Ressourcen und Ästhetik ("Land
schaftsschutz");
2. Entwicklung und Sicherung der Artenvielfalt in
Flora und Fauna ("Artenschutz");
3. Sicherung repräsentativer Lebensgemeinschaf
ten, in ihrer naturgegebenen Artenausstattung,
Produktivität und Natumähe ("Biotopschutz");
4. S icherung von Erholungsräumen für Menschen,
insbesondere mit attraktiver Ausstattung zur
Naturerfahrung ("Emotionen").
Das "Tun" zielt auf Entwicklung bzw. Sicherung
mit Hilfe aktiven Eingreifens (wie Artenschutz, Ge
staltung von Schutzgebieten, Pflegeprogrammen,
Minderung von Konkurrenz- und Feinddruck) im
Sinne einer Stabilisierung Schützens werter Zustän
de ab. Sein Leistungsspektrum erfaßt Punkt 2 (Ar
ten) und 3 (Lebensgemeinschaften) als biozentri
sche Teilziele, weiterhin 1 (Humanbiotop) und 4
(Naturerfahrung) als anthropozentrische Teilziele,
mit deutlichem Schwerpunkt bei den Lebensräumen
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aus der traditionell bewirtschafteten Kulturland
schaft (Abb. 1).
Dieses Konzept zielt auf eine Natur und Naturaus
stattung nach Plan; Naturschutz wird zum Teil der
räumlichen Ordnung ("Landschaftsplanung").
Das "Lassen " bzw. "Nichts-Tun" zielt auf Entwick
lung bzw. Sicherung eines nicht beeinflußten Natur
geschehens - im Rahmen der natürlichen Dynamik,-
zur Verwirklichung eines Höchstmaßes an Natumä-
he. Derartige Prozesse gelten als Motor des Evolu
tionsgeschehens. Über "Nichts-Tun" sollte das je
weilige Standortspotential zur Entfaltung kommen;
seien es Sukzessionen, die über einen natumahen
Strukturwandel das volle Reifen von Systemen er
möglichen; seien es natürliche Etwicklungszyklen,
die vorübergehend auch zu Zerfall oder Zusammen
bruch von Systemen führen können. Als Wesens
merkmale zufallsgesteuerter Prozesse sind hierbei
auch Alterung, Absterben und Arten-tumover, ört
lich gar Artenverlust, zu akzeptieren. Sein Lei
stungsspektrum erfaßt als anthropozentrische Teil
ziele Punkt 4 (Naturerfahrung), jedoch nicht Punkt
1 (Humanbiotop), des weiteren die Punkte 2 (Arten)
und 3 (Lebensgemeinschaften) als biozentrische
Teilziele nur indirekt.
Das Dynamik-Konzept führt mit dem Prozeßschutz
unter Punkt 5 jedoch ein neues und eigenständiges
Teilziel ein. Inmitten einer vom Menschen gepräg
ten Landschaft erscheinen natürliche Prozesse heu
te nahezu so gefährdet wie die natürliche Artenaus
stattung!
5. Entfaltung und Sicherung ungeplanter, durch
Menschen weder gestörter noch gelenkter oder
nutzungsbedingt beeinflußter Entwicklungen,
wie sie die Systeme im Zusammenwirken abio-
tischer und biotischer Naturkräfte prägen ("Pro
zeßschutz").
Das Konzept des "Laufenlassens" stellt Naturschutz
und Naturausstattung außerhalb jegliche Planung.
Durch Unterlassen provozierte Prozesse sind nicht
prognostizierbar; der Schutz der Natur ergibt sich
außerhalb menschlicher Ordnungsprinzipien.
Aus der Gegenüberstellung in Abbildung 1 geht
jedenfalls hervor, daß die Konzepte mit Tun oder
Lassen nicht nur sehr verschiedene Wege im Natur
schutz suchen, vielmehr in ihren Teilzielen auch
ganz verschiedene Leistungsspektren erfüllen! Dar
aus wird ersichtlich, daß der naturgemäße Dynamik-
Ansatz den traditionellen Statik-Ansatz keineswegs
ersetzen kann, wohl aber eine bedeutende Erweite
rung der Naturschutzkonzeption ermöglicht. Die
Alternative aus "Tun oder Unterlassen" im Titel des
Beitrages ist jedenfalls in ein Gesamtkonzept aus
"Tun und Unterlassen" umzuformen.
2. Wildnis als Leitbild
Für mitteleuropäische Verhältnisse war Wildnis - als
Fernziel konsequenten Prozeßschutzes nie ein
Leitbild! Bestimmte Wildnis auch über lange Zeit
räume das tägliche Leben, so waren die gesellschaft
lichen, technischen und wirtschaftlichen Entwick
lungen stets durch das Emanzipationsbestreben des
Menschen geprägt, - zur Überwindung dieser Wild
nis: Die natürlichen Vegetationsverhältnisse Mittel
europas, als ausgeprägtes Waldland, entsprechen in
mehrfacher Hinsicht weder den Lebensraumbedürf
nissen des Menschen (als ursprünglichem Bewoh
ner der offenen und übersichtlichen Savannen-,
Halbwüsten-, Tundren- und Parklandschaft), noch
den Produktionsbedürfnissen r seine Ernährung.
Die Auflichtung der Wälder - sei es durch Brandle
gung, Vieheintrieb oder Rodung - war eine wesent
liche Voraussetzung r die Urbarmachung der Ur-
landschaft, - und wirkt bis heute in Mythologie und
Geschichte als Ursprung unserer Kultur nach (vgl.
HARRISON 1992).
Die Menschheit hat die unterschiedlichsten Wege
im Kräftemessen mit der Natur ersonnen, - ob dro
hendes Bannzeichen und Abwehrzauber, ob be
schwichtigende Opferriten oder schicksalhafte Un
terwerfung, war das Wissen um die Ambivalenz von
Wildnis jedoch den "primitiven" Kulturen stets ge
läufig, denn sie diktierte ihnen Bescheidenheit auf:
Der Regen, der einerseits das Land segensreich
versorgte, kann andererseits rasch zur Hochwasser
flut hren; die lebenspendende Sonne, deren
Schein die Früchte reifen läßt, kann auch todbrin
gend die Dürre überstrahlen. Der Januskopf des
Naturgeschehens baute im schutzlos exponierten
Menschen ein Spannungsfeld auf zwischen:
Ehrfurcht und Furcht
Staunen und Schauem
Begeistemng und Bestürzung
Sehnsucht und Angst
Geborgenheit und Hilflosigkeit.
Fortschritt bedeutet ein Fortschreiten aus dem Aus
geliefertsein gegenüber der Launenhaftigkeit des
Naturgeschehens. Seit jeher gilt daher das intensive
Bemühen, den Lebens- und Wohnbereich vor der
Unberechenbarkeit der Natur abzugrenzen, speziell
sobald Viehherden, Grundbesitz oder Ernte vor dem
Zugriff der Wildnis und ihrer monen zu sichern
sind. Der humane Lebensraum wird durch natur-
fremde Ordnungsmuster gekennzeichnet und damit
zur Anti-Wildnis gestaltet. Die planend-voraus-
schauende Kultiviemng schafft die Kulturland
schaft: Diese ist hell, freundlich, überschaubar, pro
duktiv, behaglich und nützlich und wurde zum
bestimmenden Maßstab der Landnutzung. In ihr gilt
Ordnung als Antithese zur Wildnis: Die Land
schaftspflege wird zum Angelpunkt der Umweltge
staltung; hier hat auch der Naturschutz seine Wur
zeln, geprägt durch das Streben nach Vorhersagbar
keit, Planbarkeit, Nachhaltigkeit, und durch ein
Ästhetik-Leitbild, das die Menschheit wohl aus der
Parklandschaft einer sonnendurchfluteten Savanne
mitgebracht haben dürfte (vgl. EIBL-EIBESFELDT
1984).
Verwahrlosung und Verwildern führen zur Wildnis
zurück; diese definiert unser Sprachgebrauch aus
schließlich negativ: als unproduktiv, ungepflegt, un-
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Humanbiotop
Arten
Lebensgemeinschaften
Natureifahrung
Prozesse
Wildnis
Abbildung 1
Leistungsspektrum von I\m und Unterlassen im Naturschutz: D ie beiden Konzeptionen unterscheiden sich
wesentlich in Zielsetzung und Management, weshalb sie nicht als Alternativen, sondern als einander wesentliche
Ergänzungen aufgefaßt werden sollten.
nütz, undurchdringlich,- vor allem aber unordent
lich. Die Flurbereinigung tilgt die letzten Reste von
"Wildwuchs"
Wildnis hat in Europa daher keine Tradition, - weder
im Naturschutz noch im Naturerleben. Trotz wech
selnder Modeströmung ist hier die Dominanz einer
ästhetischen Kulturlandschaft mit artenreicher Aus
stattung auffällig. Entsprechend gilt dem Natur
schutz die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der
Kulturlandschaft des vorindustriellen Agrarsystems
als zentrales Anliegen. Natur-Schutzgebiete schüt
zen daher nicht unbedingt "Natur"! Dem Leitbild
eines vorwiegend konservierenden Naturschutzes
entspricht die Bewahrung von Konstanz und Stabi
lität, von Ordnung und Schönheit, von Gleichge
wicht und Nachhaltigkeit. Sein Bemühen konzen
triert sich auf ein lenkendes Verhindern von sukzes
siven Veränderungen, von Artenwandel und kata
strophalen Einbrüchen - wie auch auf pflegliche Ein
griffe zur fortlaufenden ckführung der Lebens
räume auf ein gewünschtes Ausgangsstadium. Ab
geleitet aus der rein anthropogenen Landschaft wur
de dieses Leitbild zunehmend auch auf natumah
verbliebene Lebensgemeinschaften ausgedehnt, so
daß sich der Naturschutz selbst im Wald - als letztes
großflächigeres Refugium ursprünglicher Natur
ausstattung - nicht um den Naturwald, sondern um
eine "ordnungsgemäße" Forstwirtschaft bemüht,
und nicht den Urwald, sondern den "naturgemäßen"
Waldbau propagiert!
Doch das Zurückdrängen der Wildnis hatte für den
Zivilisationsmenschen einen hohen Preis, den Ver
lust des Maßes: Herausgenommen aus dem Span
nungsfeld zwischen Kultur und Natur, zwischen
Zivilisation und Wildnis vergaß der Mensch seine
Wurzeln; die Wachstumsgesellschaft tendiert zur
Maßlosigkeit, der Wohlstandsmensch neigt zur
Selbstdomestikation (LORENZ 1973).
Die Entfremdung von einer "wahren" Natur hat z.T.
auch der Naturschutz mitgemacht. Doch aus der
Übersättigung durch eine gepflegte, gestaltete, ge
zähmte und geschönte Natur um uns erwächst aktu
ell eine Gegenströmung - auf der Suche nach neuen
Wegen, die mehr "Natumähe" in der Landschaft und
mehr "Natur" im Naturschutz zulassen, gemäß
dem suggestiven Slogan "Natur Natur sein lassen"!
D.h. ohne Pflege, Mahd, Entbuschung oder Mani
pulation bzw. ohne "Arroganz" menschlicher Bes
serwisserei. Das neue Leitbild zielt auf das Zulassen
ungelenkter Prozesse ab, wie sie über Verwildern
zum Wildwuchs hren, und selbst bislang bewirt
schaftete Flächen langfristig zur Wildnis wandeln
könnten. Nach dem Vorbild der Schutzgebietskate
gorie "wildemess area" in den USA hat die IUCN
1994 erstmals "Wildnis" als Kategorie Ib in ihre
Definition für international anerkannte Großschutz
gebiete aufgenommen. Wenn bislang auch griffige
Kriterien oder Mindestflächenforderungen für "Wild
nis" in Europa fehlen, so orientiert sich das primär
anthropozentrische Konzept am subjektiv-emotio
nalen Eindruck des Betrachters: Mit "Wildnis" er
warten wir unberührte Naturräume in unendlich
wirkender Weite und abgeschiedener Einsamkeit
(SCHRÖDER, WWF-Seminar 1994).
Aus der "Wildnis" schöpften die großen Religionen
die Stärke für Selbsterkenntnis, Besinnung und Be
scheidenheit. Galt "Wildnis" seit Urzeiten als Sitz
der Götter und Meditationsstätte der Heiligen, als
Quelle von Heilkraft und Schoß der Fruchtbarkeit,
als U rsprung der Mythen und W iege unseres
Brauchtums, so haben wir ihren emotionalen Wert
für den Alltag wieder entdeckt. Das persönliche
Naturerlebnis gilt heute als wichtiger Ansatzpunkt
für die Emotionalisierung, als Weg zum Erfahren
von Ursprünglichkeit, von Überlebenskraft und
dem natürlichen Mder Zeit.
Im Detail zielt der Prozeßschutz
auf Erfahrung und Erleben von Natur, denn "Wild
nis" ist zunächst rein emotional formuliert;
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auf einen realitätsnahen Ansatz zur Ästhetik un-
geschönter Natur, die auch Unvorhersehbares,
Unordnung, ja Ungeheures, im Naturgeschehen
akzeptiert;
auf essentielle Impulser die Gesellschaft aus
dem Spannungsfeld zwischen Kultur und Natur;
auf die wissenschaftliche Beobachtung unge
störter Entwicklungen, wie sie für unsere Öko
systeme weitgehend unbekannt sind;
auf eine maximale Entfaltung von "Natumähe"
als basales Naturschutzziel, durch Zulassen sel
tener Sukzessions-Habitate, durch Wiederbele
bung natürlicher Standortsvielfalt, durch Siche
rung naturnaher Langzeitdynamik, letztlich
durch Sicherung einer Evolution im naturgege
benen Umfeld.
Beispielsweise fordert dieses Konzept eines "Pro
zeßschutzes" in der waldbaulichen Praxis das Zu
lassen von Uraltbäumen, wie sie unersetzlicher Le
bensraum für Flechten, Pilze und die sogenannten
Xylobionten bieten; das Zulassen von Totholz in
allen Abbauphasen bis zur Bodenbildung; das
Zulassen eines zufallsgesteuerten Raum-Zeit-Sy-
stems der Waldentwicklung (vgl. Mosaik-Zyklus-
Konzept bei REMMERT 1991). r das Naturma
nagement in Mitteleuropa ist das ein völlig neuer
Weg, da die Verantwortung für die "richtige" Ent
wicklung sozusagen an die "Natur" zurückgegeben
wird, mit allen Unsicherheiten für eine Schutzkon
zeption!
Die Erwartungen an den Prozeßschutz sind dabei
extrem divers, denn die Sehnsucht nach "Wildnis"
entspricht zunächst nicht dem Forscherinteresse; sie
basiert primär auf Emotionen. Dementsprechend
inhomogen ist die Erwartungshaltung bei Schützern
und Nützem; mitunter nimmt sie auch problemati
sche bis irrationale Formen an, z.B. in den Thesen:
Natur ist optimal; Naturschutz kann Natur daher
nicht optimieren, so daß weder die Lebensraum
verhältnisse zur Sicherung der Biodiversität
noch die Entwicklungsabläufe zur Sicherung
bestimmter Biotope durch Management verbes
sert werden nnten. (Dieser Ansatz verkennt,
daß die gesamte Evolution im Grunde als Opti
mierungsprozeß von Anpassungen und Lebens
strategien aufgefaßt werden kann).
Natur kann alles besser; sie sollte daher als
Maßstab für die menschliche Gesellschaft und
ihren Umgang mit den natürlichen Ressourcen
dienen, denn im Naturgeschehen gibt es weder
Krankheiten noch Schädlinge oder Katastro
phen. "Natur" wird als Quell von Harmonie und
Gleichgewicht gesehen; die "Wildnis" wird zum
Paradies, Ökologie zur Heilslehre! (Dieser An
satz führt in die Unwissenheit eines archaiischen
Animismus zurück).
Natur ist das Ergebnis göttlicher Schöpfung; der
Mensch hat kein Recht, ihr Wirkungsgefüge zu
analysieren. Forschung ist Ausdruck menschli
cher Hybris und zerstört bestenfalls das Bezie
hungsgefüge in der Natur (zum Spannungsfeld
Religion und Wissenschaft vgl. MARKL 1986).
Natur verfügt über ausreichend Selbstheilungs
kräfte, um auch schwerwiegende anthropogene
Belastungen zu verkraften. (Die alte Volksweis
heit "rinnt das Bächlein über sieben Stein - ist
das Wasser wieder rein" wird neuerdings - im
Sinne eines ökologischen "Gottvertrauens"-
auch auf massive Umweltschädigung durch
Schwermetalle, Pestizide, radioaktive Strah
lung, Immissionen oder touristische Störungen,
Landschaftsfragmentierung und -erschließung
etc. übertragen. Die selbstbeschwichtigende
Ideologie eines opportunistischen "Öko-Opti
mismus" übersieht, daß die erwartete "Selbst
heilung" der Natur auch das Auslöschen der
Menschheit implizieren kann!) (vgl. OPITZ,
NABU-Mitt. 1997).
Eine emotionale Annäherung an Prozeßschutz und
Wildnis-Konzept ist Voraussetzung für Diskussion,
Interesse und Engagement in Sachen Naturschutz,
gleichzeitig aber ein schlechter Ratgeber, da zwangs
läufig subjektiv und suggestiv beeinflußbar! Mit
einer Verklärung von "Natur" bzw. einer Idealisie
rung von "Wildnis" keimt in vielen Naturfreunden
die Erwartung an eine konfliktfreie Symbiose von
Mensch und Natur durch "Nichts-Tun". Eine Emo
tionalisierung ohne fachliche Interpretation und In
formation kann jedoch in sektiererisches Abseits
führen, denn die unreflektierte Schwärmerei für ein
"Zurück zur Natur" bereitet den Boden für Öko-Pre
diger und Umwelt-Apostel. Dabei werden falsche
bzw. unrealistische Erwartungswerte aufgebaut hin
sichtlich Artensicherung und Nachhaltigkeit, Mana
gement und Forschung! Nicht zuletzt deshalb be
dürfen beide Naturschutzkonzepte einer fundierten
wissenschaftlichen Begleitung.
3. Ist Nichts-I\in ein Weg zur Wildnis?
Die Entfaltung des standörtlichen Naturpotentials
ist nur über autogene Prozesse denkbar, denn Ur
sprünglichkeit ist nicht machbar; Wildnis ist nicht
herstellbar (vgl. Abb. 2)! Wenn es auch grundsätz
lich keine "Rückentwicklung" zu ursprünglichen
Systemen geben kann, da die Zeitabläufe im Natur
geschehen unumkehrbar sind (BRIGGS & PEAT
1990), ßten dennoch höchstgliche Natur
schutzleistungen durch Unterlassen, Laufenlassen
bzw. Nichts-Tun - über die Sicherung von Prozes
sen, wie sie sich von selbst einstellen - erzielbar sein.
Aber diese Logik, wie sie uns für imerschlossene
Naturräume in Afrika oder Amerika, wo die Wild
nis-Idee geboren wurde, so selbstverständlich er
scheint, kann im anthropogen verformten Europa so
einfach nicht gelten! Hier sind eine Reihe wesentli
cher Fragen zu stellen:
3.1 Qualität im Prozeßschutz
Nach dem Dynamik-Konzept der Naturbetrachtung
ist in der Natur "alles im Fluß"; es gibt im Naturge-
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"Wildnis" ist nicht herstellbar, sie ist zufallsbedingtes
Ergebnis von Prozessen innerhalb eines naturgegebe
nen Entwicklungspotentials (Tannenwald, Sitchuan/
China; Foto: W. Scherzinger).
Abbildung 2
schehen keine Statik, nur noch Prozesse. Was immer
wir tun oder lassen, wir setzen Impulse für Prozesse:
ob durch Kahlschlag im Wald, Bodenversiegelung
im Siedlungsraum, Ansiedlung von Großraubtieren
oder Nutzungseinstellung im Agrarland. Wozu also
Prozesse schützen, wenn sie ohnehin allgegenwär
tig - und gar nicht zu verhindern sind ? Das Wild
niskonzept durch Prozeßschutz umfaßt nicht irgend
welche Entwicklungen, es zielt zum einen vielmehr
auf Entwicklungen ohne direkte Einflußnahme des
Menschen ab. Entsprechend heißt "Nichts-Tun":
ohne Nutzung, ohne Entnahme, ohne Zugabe, ohne
Manipulation, ohne Fütterung, Bewässerung, Stüt
zung etc., d.h. ohne aktive Eingriffe. Allerdings ist
die Erwartung der "Tu-Nichts-Idee" in ungelenkte
Prozesse deutlich geprägt von deterministischen
Vorstellungen zur natürlichen Dynamik nach Nut
zungseinstellung, wie
- automatische "Rückentwicklung" zur potenti
ell-natürlichen Vegetation;
- automatische Entfaltung des natürlichen Le
bensraum-Potentials ;
- automatische Wiederkehr der natürlichen Arten
ausstattung.
Dieser vereinfachende Ansatz übersieht, daß mit
dem "Nichts-Tun" ja nicht gleichzeitig der bisherige
oder aktuelle menschliche Einfluß ausgeschaltet
wird, zumal sich auch strengst geführte Reservate
nicht gegen gebietsübergreifende Beeinträchtigung
abschirmen können. Zur Illustration der Problema
tik sei an die Bestandsbedrohung bei Wanderfalke,
Fischotter oder Seeadler durch pestizidbelastete
Beutetiere, an die Minderung der Fortpflanzungsra
te bei Amphibien infolge der Gewässerversauerung
oder an die Umwandlung von Magerstandorten
durch Eutrophierung über Immissionen erinnert
(ELLENBERG 1989). Auch die Änderung des Ar
tenspektrums im Wald infolge standortsfremder Na
delholzpflanzung und Einwanderung von Neo-
phyten, infolge Stickstoffeintrag und Kronenver
lichtung oder veränderter Standortbedingungen im
Rahmen des " glo bal chan ge" weist auf Prozesse,
die sich zwar von selbst einstellen, für das Wildnis
konzept dennoch nicht gleichwertig oder automa
tisch auch Schützens wert sein können!
Die Problematik anthropogen nachhaltig beein
flußter Standorte und Entwicklungen ttelt an der
Basis einer allzu naiven "Tu-Nichts-Idee", da noch
so konsequentes Nichts-Tun z.B. den Arten Verlust
durch Verinselungseffekte (z.B. Totholzfauna), die
Zerstörung endem ischer Vegetation auf Inseln
durch eingeschleppte Haustiere (z.B. Galapagos),
das Erlöschen von Bodenbrütern aus ursprünglich
feindarmen Räumen durch anthropogen begünstigte
Prädatoren (z.B. Rauhfußhühner, Großtrappen)
oder die Verdrängung störungsempfindlicher Greif
vögel durch den Tourismus (z.B. Steinadler in Klet
tergebieten) nicht aufhalten kann!
Ein Naturschutzkonzept muß hier nach Qualitätszie
len des Geschehens differenzieren, denn "Nichts-Tun"
kann - für sich genommen - noch kein Allheilmittel
für Arten Verluste und Umweltprobleme sein, gerade
in einer vom Menschen gravierend gestalteten, ge
düngten, fragmentierten, zersiedelten, ausgebeute-
ten und begifteten "Natur"!
"Nichts-Tun" darf als Konzept also nicht im Nichts-
Tun enden, wenn es zum Desinteresse am Realge
schehen führt, zu Inaktivität gegenüber gravieren
dem Artenverlust, beschwichtigt durch die Schein
sicherheit einer "biologischen Automation"! (Die
Erwartung beispielsweise, daß die Pufferkapazität
und das Anpassungspotential der "Natur" - bis hin
zur Neuschöpfung "zeitgemäßer" Arten - ohnehin
unendlich groß wäre, und die Natur mit den men
schengemachten Problemen schon irgendwie zu
recht kommen wird, erinnert an das polemische
Couplet von H. QUALTINGER "... der Papa wirds
scho richten... .").
Die IUCN hat dieses Problem eines Rückzugs aus
der Verantwortung erkannt und stellt im Grundsatz
zur Betreuung von Großschutzgebieten fest, daß die
Entscheidung zum "Nichts-Tun" eine genauso harte
Entscheidung ist wie die zum Eingreifen, da beide
Wege langfristige, gravierende Auswirkungen zei
gen können. ("Nichts-Tun" wird deshalb im ameri
kanischen Sprachgebrauch als "Management" ta
xiert). Prozeßschutz gerät in diesem Zusammen
hang auf Abwege, wenn er zur Ideologie erstarrt,
und Konzepte zu Artensicherung, Biotop-"Renatu-
rierung" und letztlich zu wissenschaftlicher Beob
achtung ablehnt, da
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die "Natur" ohnehin immer die richtige Ent
scheidung treffe;
im Zweifelsfall durch "Nichts-Tun" mehr an
Natumähe erreicht werden könne als durch ge
lenkte Entwicklung;
da der Schutz von "Prozessen" für den Natur
schutz höher zu gewichten sei als der Schutz von
Arten und ihren Biotopen.
Aus der wachsenden Dominanz des Dynamik-Kon
zepts in der Naturschutzdiskussion wird dem Pro
zeßschutz häufig eine hohe Priorität - vor dem tra
ditionellen Arten- und Biotopschutz - eingeräumt.
Im Appell "schützt die Prozesse, nicht die Arten"
manifestiert sich aber ein basales Mißverständnis,
wenn der "Prozeß" als eigenständige Gestaltungs
kraft aufgefaßt wird, in Anlehnung an das determi
nistische Klimax-Modell der frühen Ökosystemleh
re, die von einem systemtypischen Überorganismus
("Ganzheitlichkeit") ausging, der ein festgelegtes
Entwicklungsziel verfolgt (bestmögliche Anpas
sung, Gleichgewicht, Stabilität, urewiger Fortbe
stand). Real kann ein "Prozeß" aber kein eigenstän
diges, von den Umfeldbedingungen weitgehend
losgelöstes Phänomen sein. Vielmehr ist er das Er
gebnis des Zusammenwirkens aller standörtlichen
Parameter und Steuerkriterien, inklusive der vor
ausgegangenen Nutzungs- bzw. Entwicklungsge
schichte, bisheriger Veränderungen und Belastun
gen - sowie zweifelsfrei auch der jeweiligen Arten
ausstattung!
Wenn die Rückwirkungsmechanismen der Arten
auf Standort und Lebensgemeinschaft z.T. auch nur
marginal bearbeitet sind, so ist ihr Einfluß auf Qua
lität und Richtung von Prozessen evident, wenn z.B.
Wildschweine die Keimchancen für Baumsa
men durch ihre Wühltätigkeit verbessern;
Wildtiere, Vögel oder Ameisen Pflanzensamen
nicht nur über z.T. weite Strecken transportieren
sondern auch an begünstigten Keimstellen de
ponieren ("safe sites");
Großraubtiere die Höhe und Verteilung von Be
ständen pflanzenfressender Wildtiere beeinflus
sen;
der Weidedruck durch große Pflanzenfresser die
Vegetationszusammensetzung qualitativ und
quantitativ markant verändert;
Bodenchemismus und Bodenbiologie durch Aus
pflanzung standortsfremder Gastbaumarten nach
haltig verändert werden;
wenn die heimische Flora durch sogenannte
Neophyten großflächig verdrängt wird.
Die bodenständige bzw. standortsheimische Diver-
sität der Pflanzen erscheint in diesem Ansatz we
sentlich leichter zu sichern als die der Tierwelt,
zumal hochmobile (z.B. Tagfalter) bzw. weiträumig
agierende Arten (z.B. Zugvögel) und camivore
Großtiere (z.B. Luchs, Braunbär, Wolf) weder an
einheitliche Ökosysteme noch an Schutzgebiets
grenzen zu binden sind (vgl. Arrondierung des "Grea-
ter Yellowstone Ecosystem" in VARLEY 1988). Der
Naturschutz wird hier Wege suchen müssen, wie er
mit Hilfe von Zonierung und Einbettung von Wild
nisgebieten die - nur scheinbar unabhängigen - Kon
zepte der Artensicherung und des Prozeßschutzes
zu einem Gesamtprogramm zusammenführen kann,
da jedenfalls die Natumähe von Prozessen eine
Funktion der Natumähe der Artenausstattung sein
muß - und umgekehrt!
3.2 Zielgröße Naturnähe
Störungsregime (z.B. Waldbrand), Artenausstat
tung (z.B. Luchsansiedlung) und standörtliches Ent
wicklungspotential (z.B. Moränenschotter) ent
scheiden über die Qualität von Prozessen in unge-
lenkten Systemen, wobei in anthropogen nachhaltig
beeinflußten Gebieten "Nichts-Tun" alleine noch
nicht automatisch zu maximaler Natuhe führt.
Hier ist der Naturschutz gefordert, ein praxisnahes
Leitbild zu entwickeln. Für Nationalparke hat die
IUCN 1994 ein solches definiert, mit der konse
quenten Forderung: Prozschutz und A rtensi
cherung bei höchstmöglicher Naturnähe. Mir er
scheint dies eine glückliche Formulierung, da eine
ausreichend genaue Zielvorgabe bei ausreichend
hoher Flexibilität - nach den räumlich und zeitlich
jeweiligen Gegebenheiten - eine individuelle Pro
blemlösung ermöglicht.
Dem Schutz natumaher/natürlicher Prozesse legt
sich aber ein weiteres Problem in den Weg: Wir
beobachten mit dem "Prozeß" in aller Regel nur die
Reaktionen eines Systems (seien es Arten, Lebens
räume oder Landschaften) auf bestimmte Einflüsse:
Das gilt für Fischsterben infolge der Einleitung von
Giftstoffen in ein Gewässer (z.B. Ontario See/Ka-
nada), für Stömngen bei der Eischalenproduktion
von Singvögeln infolge des Kalziumaustrags bei
Bodenversauemng (z.B. Gebirgsregionen im Urge
stein), für das Austrocknen von Auenwäldern infol
ge m assiver Grundwasserabsenkung durch den
Bergbau (z.B. Spreewald), für den Artentumover in
einem Urwaldreservat infolge Windverfrachtung
von Gülle (z.B. Schorfheide) oder für die Überwei
dung von Tundrengebieten durch Großtiere infolge
großräumiger Ausrottung der Großraubtiere genau
so wie für den Verlust an Diversität von Standort
und Vegetation infolge ebenso großräumiger Aus
rottung der Großherbivoren. Alle diese Beispiele
führen "natürliche" Reaktionen auf; sind derartige
Prozesse damit ebenfalls "natürlich" und somit
schützenswert? Das Phänomen des Waldsterbens
zeigt das verwirrende Faktum auf, daß die "natürli
che" Reaktion der Waldbäume (wie wir sie z.B. als
Kronenverlichtung, Wurzelreduktion oder Zuwachs
störung beobachten können), keineswegs einem
"natürlichen" Prozeß entstammen muß, vielmehr
auf immissionsbedingte Standortänderung - als Fol
ge anthropogener Luftverschmutzung - zurückzu
führen ist, und wir sie deshalb besser als "natur
fremd" taxieren sollten!
Aus diesen Beispielen läßt sich ableiten, daß jedw e
de Reaktion abiotischer und biotischer Systeme
grundsätzlich "natürlich" ist, gänzlich unabhängig
36
©Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL)
Ab bild ung 3
Die Idee zum Prozeßschutz - durch Nichts-Tün -
wird durch die faszinierenden Entwicklungen in
nutzungsfreien Totalreservaten gestärkt: Selbstdif
fer en zierun g im Bergm ischwald m it Totho lz und
Na turv er ng ung n ach N utzu ngseinstellung (Natio
nalpark Ba yerisc her Wald).
Ab bildun g 4
Das Störungsregime durch Sturmwurf, Feuer oder
Insektengradationen bestimmt seit Urzeiten die Ent
wicklungsdynamik von Wäldern, die darauf mit einer
Fülle von Reorganisationsprozessen reagieren: Ver
n g u n g nac h Bor k enkä ferbef all (Natio nalpa rk
Ba yerisc her Wald).
JjL % iB W . %
i l l p
Abbild ung 6
Aus der Unkenntnis der " Rolle " von Wildtieren wird
häufig der Fehlschluß gezogen, sie seien r natürliche
Ökosysteme bedeutungslos bis unnütz. Da sie aber in
jedem Fall Q ualität und Richtung von Prozesse n
prägen, müssen Wildnisg eb iete zur Entw icklung
bzw. S icherung einer möglic hst natum ahe n Arten
aus stattung beitrage n (Habichtskauz) (alle Fotos: W.
Scherzinger).
37
©Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL)
Abbildung 7
Anthropogene Eingriffe in Ökosysteme verursachen meist anthropogen
geprägte Prozesse, die nicht in jed em Fall sc tz en swe rt erscheinen, selbst
we nn sie sich "von selbst" einstellen (S tu rm wur f infolge Hiebsm aßna hme
am W aldrand/Bayeris ch er Wald) (Foto: W. Scherz inger).
von der "Natumähe"eines Systems und auch unab
hängig von der Qualität bzw. dem Urheber des
Folgeprozesses. Sollten also nicht "irgendwelche"
Entwicklungen gesichert werden, ist es notwendig,
zwischen den Reaktionen eines Systems und den
St euerk riter ien seiner Prozesse zu unterscheiden, da
die für das Wildniskonzept relevante Na turnähe d er
Pro zes se keine Funktion der Natuhe jeweiliger
Reaktionen sein kann, sondern vielmehr in Abn
gigkeit zur Natumähe der Steuerkriterien steht. Da
aber das gesamte Problemfeld der Ökologie von
Lebensgemeinschaften nur bruchstückhaft bearbeitet
ist, erst recht die Synergismen aus dem Verhalten von
Arten sowie den abiotischen und biotischen Qualitäts
merkmalen von Standorten, ist die geforderte Zuord
nung jeweiliger Steuerkriterien gegenwärtig nur in
sehr groben Beispielen möglich. Außerdem muß da
von ausgegangen werden, daß Zeitdauer, räumliche
Ausdehnung und Intensität steuernder Einwirkung die
Qualität der Prozesse markant prägen.
Als die Natumähe von Prozessen bestimmende
Steuerkriterien seien beispielhaft angeführt:
Exo g ene Störun gen:
Sturm, wirksam in: Wald,Steppe,Wüste;
- Lawinen, wirksam in: Wald, Matten, Fels;
- Feuer, wirksam in: Wald, Steppe, Schilf, Heide,
Moor;
- Trocknis, wirksam in: Wald, Auen, Gewässer,
Moor;
- Hochwasser, wirksam in: Wald, Auen, Gewäs
ser, Moor;
- Insektengradation, wirksam in: Wald, Steppe;
- Weidedmck, wirksam in: Wald, Steppe;
- Allelopathie, wirksam im Wald;
- Konkurrenz/Prädation, wirksam auf die Tier
welt.
End oge n e Ve rän d eru ngen :
- Nährstoffabbau durch Waldbäume;
- Spurenelementabbau durch Vegetation und Tier
welt;
- Wasserverbrauch durch Vegetation;
- Alterung der Waldbäume (inkl. Bambus).
Für das Naturschutzkonzept der Entwicklung von
Wildnis durch Prozeßschutz bedeutet diese Betrach
tung, daß die Aufgabenstellung einer Sicherung na-
tumaher/natürlicher Prozesse grundsätzlich nach ei
nem natumahen/natürlichen Umfeld verlangt, des
sen Steuergrößen nicht (wesentlich) durch anthro
pogene Einflüsse dominiert werden. Der Appell
"Natur Natur sein lassen" muß also ganz wörtlich
genommen werden. D.h. letztlich, daß in naturfrem-
den/naturfemen Systemen - auch nach Nutzungsein
stellung - nicht automatisch natumahe/ natürliche Pro
zesse zu erwarten sind; ein harter Schlag für eine
mitunter allzu simple "Tu-nichts-Idee"!
Für den Wissenschaftler ergeben sich in dieser Dis
kussion eine Reihe unlösbarer Probleme, da die
Natuhekriterien - im Kontrast zur Anwendung in
der täglichen Kartierungspraxis - nicht objektivier
bar, z.T sogar durch Zirkelschluß definiert, sind
(vgl. Kritik in SCHERZINGER 1996):
1. "Natumähe" ist kein ökologisches Kriterium.
Pflanzen- und Tierarten verhalten sich mehr oder
minder opportunistisch und differenzieren ihre Op
tionen nicht nach Hemerobiegraden. (Für die Bor
kenkäfer ist es z.B. irrelevant, ob ein Fichtenbestand
infolge Sturm bzw. Trocknis oder Holzeinschlag
bzw. Luftschadstoffen geschwächt wurde). Entspre
chend gibt es in Flora und Fauna auch keine Indika
torarten r "Natumähe" (wohl aber für Merkmale
natumaher/natürlicher Systeme).
2. Die Trennung zwischen "natürlich" und "anthro
pogen" ist wissenschaftlich nicht konkret nachvoll
ziehbar, da zum einen der Mensch heute global
wirksam ist (speziell Schadstoff-Emissionen, glo -
ba l-w a rm in g )\ zum anderen mder Mensch - aus
dem Blickwinkel der Evolutionsbiologie - mit sei-
38
©Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL)
nen Fähigkeiten als Teil des Naturgeschehens ein
gestuft werden. Zwar hat es sich in der Naturschutz
praxis eingebürgert, Systeme außerhalb des direk
ten Einflußbereichs des Menschen als "natürlich" in
Kontrast zu "anthropogenen" Strukturen zu stellen,
doch hebt sich das Unterscheidungskriterium auf,
sobald wir die Kultur als die "Natur" des Menschen
einstufen (FÜLGRAFF 1990)! Folgerichtig betont
WESTHOFF (1996), daß es keinen wirklichen Un
terschied zwischen Urwald, Kulturland und Garten
geben kann, - alles sei "Natur" Demnach könnte
man zwei völlig konträre Aspekte für ein und den
selben Zustand eines Systems gegenüberstellen:
Die Behauptung, alles ist Natur - auch vom Men
schen nachhaltig veränderte Systeme -, re dann
gleichberechtigt mit der Aussage, nichts ist Natur,
da die Systeme vom Menschen weltweit beeinträch
tigt sind (vgl. McKIBBEN 1990)!
MARKL (1986) versucht dieses Dilemma zu lösen,
indem er die "biologische Natur" des Menschen (als
evolutionäres Erbe, homolog zur Tierwelt) von sei
ner geistigen higkeit zur vorausschauenden Pla
nung und seiner Freiheit zur Entscheidung seines
Handelns trennt. Die zeitliche Schnittstelle zwi
schen dem Menschen als Teil des Naturgeschehens
und dem Menschen als eine "wirklich große Natur
katastrophe" setzt MARKL (1986) mit der neolithi-
schen Revolution gleich; das folgende, vom Men
schen weltweit geprägte Erdzeitalter, charakterisiert
er entsprechend als "Anthropozoikum"
3. Die Konzentration auf die gegenwärtige Natur
ausstattung Mitteleuropas - als Maßstab für die Na
turschutzaktivität - übersieht die evolutionären An
passungen von Pflanzen und Tieren an längst verlo
ren gegangene Steuergrößen: Die aus den afrikani
schen Großtierlebensräumen abgeleiteten Zusam
mennge zwischen der V egetationsgestaltung
durch "Bulldozer"-Arten wie Elefanten, Nashör
ner und Büffel - und der Lebensraumvielfalt in der
Savanne für kleine Huftiere, Vögel und Insekten
initiierte eine hochdiverse Diskussion, wieweit die
erloschene Großtierfauna Europas mit Waldele
fant, Wildrindem, Elch, Wildpferd etc. - eine ähnlich
bedeutende umbrella-Funktion ausgeübt hatte. Pa-
läontologische Befunde und Vergleiche mit rezen
ten Vorkommen von Makroherbivoren und Bibern
in Asien und Amerika machen wahrscheinlich, daß
mitteleuropäischelder infolge zoogener Ein
flüsse und des Weidedrucks von Natur aus ckig
durchbrochen waren, so daß Pflanzen- und Tierar
ten des Weidewaldes, des Waldlückensystems und
totholzreicher Uraltbäume hier in großer Artendich
te leben konnten (vgl. SCHÜLE1992; GEISER 1992).
Wenn die Interpretation zutrifft, daß große Pflanzen
fresser bereits durch frühe Jägerkulturen ausgerottet
worden waren (z.B. MARTIN & KLEIN 1984),
dann entspräche der Verlust eines wichtigen Gestal
tungsfaktors natürlicher Lebensräume (bzw. der
dichte Kronenschluß über dem deutschen Wald)
einem nachhaltigen anthropogenen Eingriff, der je
denfalls nicht durch "Nichts-Tun" kompensiert wer
den kann!
4. Die Hemerobie-Kriterien (= Grad der menschli
chen Beeinflussung), wie sie in Naturschutz und
Landespflege üblicherweise zur Natumähe-BeWer
tung von Landschaftsaussschnitten (z.B. "Biotop
kartierung") und Waldgesellschaften (z.B. Kartie
rung der "potentiell natürlichen Vegetation") ange
wandt werden, orientieren sich an einer hypotheti
schen Klimax-Vegetation, die als stabil, konstant
und typischerweise auch störungsfrei gilt. Damit
werden aber selbst natürliche Störereignisse und die
durch sie ausgelösten Sukzessionen in Flora und
Fauna (z.B. Pioniervegetation nach Sturmwurf) als
wertmindemd eingestuft, was dieses Konzept für
einen ganzheitlichen Naturschutz, speziell für den
Prozeßschutz unbrauchbar macht.
5. Wird "Wildnis" als vorwiegend anthropozen
trisch ausgerichtetes Konzept umgesetzt, definiert
sie sich vor allem aus dem emotional-subjektiven
Erlebnis des Betrachters: Was für den einen die
Brennnessel-Ecke im Garten oder ein verlandender
Kiesweiher - ist für einen anderen das lebensfeind
liche Urland der Hochgebirge oder der tropische
Urwald, für einen dritten aber vielleicht die Wirrnis
im Großstadtdschungel. Hier erhält "Natumähe" ei
nen sehr unterschiedlichen Stellenwert. Eine nach
vollziehbare Differenzierung von Wildnisgebieten
unterschiedlicher "Natumähe"-Niveaus ist für die
Naturschutzplanung aber erforderlich, da die ver
schiedenen Qualitätstypen ja auch sehr verschiede
ne Naturschutzleistungen erbringen. Hierzu fehlen
aber praktikable Ansätze noch zur Gänze!
4. Wildnis - ein vielschichtiger Ansatz
hrend "Wildnis" in ursprünglich verblieben
Landschaften Realität ist, wie z.B. in der Neuen
Welt, hat sie als Schutzgebietskategorie in Mitteleu
ropa n och den Rang eines v iel diskutierten
Wunschbildes. Da wesentliche Merkmale der euro
päischen Urlandschaft bereits mit dem neolithi-
schen Ackerbau verloren gegangen sein dürften (die
europäische Megafauna verschwand vermutlich in
folge Überjagung bereits im Eem) und unmittelbare
Vergleichsgebiete reliktärer Umatur in unserem
Raum praktisch nicht erhalten sind, ist die Erwar
tung an den Prozeßschutz und die "Rück"-Entwick-
lung zur "Wildnis" ganz erheblich von Spekulation
und persönlichsten Vorstellungen - bis zu romanti
scher Idealisierung einer "wahren Natur"- geprägt.
Wenn die euphorische Prognose, daß ein Prozeß
schutz durch Nichts-Tun automatisch ein chst
maß an Natümähe zurückbrächte, und damit selbst
in massiv gestörten Arealen (z.B. Truppenübungs
plätzen) die angestrebte Wildnis nahezu kostenfrei
entwickelt werden kann, auch auf einer massiven
Vereinfachung der Problematik beruht, so steht es
außer Zweifel, daß dieser Weg die einzige Chance
birgt, im Jahrtausende lang verformten Mitteleuro
pa großflächige Naturlandschaften mit Wildnischa
rakter zu entwickeln allerdings mit einigen Ein
schränkungen.
39
©Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL)
Tabelle 1
Bedeutungsaspekte von Wildnis
EMOTION
anthropozentrisch
Ursprünglichkeit
ungeschönte Wildheit
unbeeinflußte Entwicklung
Naturschutz für NATU RERLEBNIS
FORSCHUNG
ökologisch
ungestörte Entwicklung
natürliches Entwicklungspotential
Katastrophen und Reorganisation
Räuber-Beute-Beziehungen
Naturschutz für NATURVERSTANDNIS
SCHUTZ
biozentrisch
Sicherung von ungelenkten Prozessen
Sicherung von natürlicher Selektion
Sicherung von Evolution
Naturschutz unverfälschter NATUR
Nach den Überlegungen in diesem Beitrag kann
Prozeßschutz zur Wildnis führen, wenn wir akzep
tieren, daß:
es eine Rückentwicklung in natürlichen Syste
men aus evolutionsbiologischer Sicht grund
sätzlich nicht geben kann; der "Zeitpfeil" des
Naturgeschehens ist nicht umkehrbar (BRIGGS
& PEAT 1990);
eine künstliche Rückführung zu ursprünglichen
Verhältnissen durch Management nicht möglich
ist, da Wildnis nicht herstellbar ist, vielmehr aus
sich selbst heraus wachsen muß; (das betrifft
nicht die als "Renaturierung" bezeichnete Besei
tigung nachhaltig wirksamer, anthropogener
Strukturen, die als Initial-Management zu ver
stehen ist, um die Natumähe des Entwicklungs
potentials zu ermöglichen; z.B. W iederver-
nässen drainierter Moore, Abbau flußbegradi
gender Befestigungen und Dämme);
auch langfristig zurückliegende Veränderungen
und Eingriffe noch in Zukunft Auswirkungen
auf die Natursysteme haben werden;
"Nichts-Tun" noch kein Garant für eine Entwick
lungchstmöglicher Nartuhe sein kann;
"Prozeßschutz" nur aus ganzheitlicher Perspektive
Sinn macht, unter Einbeziehung abiotischer und
biotischer Steuergrößen natürlicher Lebensräu
me inklusive der Artenausstattung (soweit mög
lich - und bekannt);
"Wildnis" als vielschichtiges Konzept auf gefaßt
werden m,- speziell in Mitteleuropa (vgl.
auch Tabelle 1).
4.1 Dimensionen von Wildnis
Je nach Ausgangslage (Urlandschaft oder Zivilisa
tionslandschaft), Natuhe der Naturausstattung
(Urwald, Forst oder Agrarland; bzw. primäre Arten
ausstattung, Neophyten oder Kulturfolger), Flä
chengröße (endlose Weite oder Altholzinsel), Um
feldqualität (Einbettung durch Pufferzone oder Iso
lation durch Fragmentierung) und Laufzeit der Pro
zesse (ungestörte Kontinuität oder Konversion nach
Nutzungseinstellung) wird die Qualität der zugelas
senen Prozesse und der daraus abgeleiteten "Wild
nis" ganz erheblich verschieden ausfallen! Es er
scheint daher sowohl für die theoretische Kon
zeptformulierung als auch die Naturschutzpraxis
erforderlich, eine differenzierende Gliederung von
Wildnis-Typen vorzunehmen. Mein Vorschlag dazu
orientiert sich vor allem an unterschiedlichen An
sprüchen hinsichtlich der "Natumähe" von Aus
gangslage und Prozessen (vgl. Tabelle 2):
1. "Künstliche Wildnis" als Abenteuer-Spielplatz
oder experimentell gestaltete Erholungsland
schaft. Durch gezielte Eingriffe (z.B. Umreißen
von Baumriesen), Anlage von Gewässern und
Geländemodellierung, bis zur Freisetzung at
traktiver Wildtiere wird das Areal - gestaltend-
dynamisch - zur Gänze auf eine emotionalisie-
rende Erlebnisqualität ausgerichtet (vgl. LANS
& POORTINGA 1986). Natuhemerkmale
werden sowohl durch Imitation als auch durch
Prozesse der Selbstdifferenzierung erzielt.
2. Naturgemäße Waldbaupraktiken nutzen natur-
nahe/natürliche Prozesse zur Verjüngung und
Selektion von Waldbäumen sowie zur Zucht von
Wertholz. In beschränktem Umfang können an
brüchige Einzelbäume oder ganze "Altholzin
seln" aus der Nutzung genommen und einer
natürlichen Alterung - bis zum Absterben und
Vermodern - überlassen werden. Prozesse und
"Wildnis" sind jeweils nur "auf Zeit" angelegt.
Natumähemerkmale werden sowohl durch Imi
tation (z.B. Plenterung) als auch Prozesse der
Selbstdifferenzierung ("biologische Automa
tion") erzielt.
3. Über Prozesse des Verwilderns bislang genutz
ter oder gepflegter Flächen kann sich "Wild
wuchs als einfachster Typ von "Wildnis" ein-
40
©Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL)
TabeUe 2
Differenzierung von Wildnis-Typen nach der Naturnähe jeweiliger Prozesse
S ta n d o r t W il d n i st y p E m o t io n e n O r ie n t ie r u n g K a t eg o r i e A r t en s c h u t z B io t op s c h u tz P r o z eß s c h u t z
a n th r o p o g e n kü n st li ch e
"W i ldn is "
s o "wi ld" w ie
m ö gli ch
an t h ro p o zen
tr is ch
A b en te u er -
Pa rk
A n s ie d lu n g
F re i se tz u n g
ge s ta l te n d -
d yn a m isc h
ge s ta l te n d
W ildn is a uf Z eit B io l o g is c h e
A u to m a tio n
ö k on o m is c h D a u e rw a l d
P ro z e ß w a ld
L au f e nl a ss e n L a uf e n la ss e n g e st al te n d -
d yn a m is c h
W i ld w u c h s N ic h ts -T u n L au f en la s se n B r ac h e
S u k z es s io n
T ot a lr es er v at
L au f e nl a ss e n L a u fe n la s se n L a u fe n la s s en
"V erw ild ern "
W ild lan dsc haf t s o w en ig E in
gr iff e w ie nö tig
bi o- u nd an thro
po z e n tr is c h
T ot a lr es er v at
N at io n a lp ar k -
E n tw ic k l u n g s
zo n e
L au f e nl a ss e n
W il dre gu la tio n
L au f e nl a ss e n a b sc hi rm e nd -
d yn a m is c h
"Ren atur ieru ng"
se k und ä r e
"W i ldn is "
s o n at um ah
w ie m ö gli ch
b io-, ant hro po-,
ev o l u ze n t r is c h
N at io n a lp ar k -
K e m g e b ie t
W il dn is Ib
St ü tz u ng,
W ie de ra nsi ed 
lu ng
W ild re gu la tio n
L au f e nl a ss e n
(g est a lt en d -
dy n am i sc h)
ab s ch ir m en d -
d yn a m is c h
"Re natu rierung"
n a t ü r l ic h W il d n is - Z e ll e N i ch t s -T u n bi oz e n tr i sc h N at ur wa ld 
res ervat e,
R eser vat I a,
Son d e r s ch u t z
ge b i et
L au f en la s se n
W il dre gu la tio n
ab s ch ir m en d -
d yn a m is c h
L au f e nl a ss en
pr im ä re
W il dn is
s o un be ein 
fl uß t w ie m ö g 
li ch
b io, an thr op o-,
ev o l u zen t r is ch
W ild ni s Ib
N at io n a lp ar k -
K e m g e b ie t
L au f en l as se n
(W ie d era n sie d
lu n g)
L au f e nl a ss e n a b sc hi rm e nd -
d yn a m is c h
stellen. Hier sind beispielsweise Ackerbrache,
Verbuschen von Industrie- und Siedlungsbra
che, die Vegetationsentfaltung in Kiesgruben
und anthropogenen Kleingewässem sowie so
genannte "Biotop"-Gärten einzureihen ("Natur
aus zweiter Hand"); aber auch Einzelobjekte,
wie sich selbst überlassene Uraltbäume oder ver
morschendes Lagerholz etc. Die Natumähe be
schränkt sich auf den Ablauf ungestörter Prozesse.
4. Durch Aufhebung bisheriger Eingriffe, Bela
stungen und Nutzungen sowie durch Beseiti
gung störender Strukturen ("Renaturienmg")
kann ein hohes Maß an Natumähe in den Pro
zessen nutzungsfreier Landschaften erreicht
werden; sie werden zur "Wildlandschaft", wie
z.B. Teilflächen von Nationalparken oder Natur
waldreservate, die auf bisherigem Wirtschafts
wald begründet sind. Ebenso könnten aus Nutzung
oder Pflege entlassene Moore, Heiden, Hutewäl-
der, Niederwälder etc. entsprechender Flächen
größe hier subsummiert werden.
5. Wird die "Renaturienmg" zur Sicherung natur-
naher/natürlicher Prozesse auf die Artenausstat
tung (z.B. Wiederansiedlung) und auf die natür
lichen Steuerkriterien - soweit möglich - ausge
dehnt, läßt sich eine Wildlandschaft "höchst
möglicher Natumähe" entwickeln, als "sekun
däre Wildnis". Dieses anspruchsvolle Konzept
wird z.B. im Kembereich von Nationalparken
und Biosphärenreservaten angestrebt und benö
tigt sehr große Flächeneinheiten. Die Sicherung
sowohl ungelenkter Prozesse als auch der Arten
ausstattung macht eine Zonienmg in Totalreser
vate und Managementbereiche (z.B. für Wieder-
ansiedlungs- oder Artenstützungsprogramme)
erforderlich (vgl. SCHERZINGER 1990), des
weiteren eine optimale Einbettung des Schutz
gebietes in ein natumahes Vorfeld. Über ent
sprechend lange Zeiträume ist eine Qualitäts
angleichung an die "primäre Wildnis" zu erwarten
(eine völlige Rückkehr zur Ursprünglichkeit je
doch nicht mögüch; vgl. hierzu Abb. 8, aus ELLEN
BERG 1963,undAbb.9).
41
©Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL)
natürlicher Wald
J H o lz s c h la g
genutzter Wald < r
IH ol zs ch la g u. W eide
gelichteter Wald
Trennung von
sWald und
\Weide
1We ide, S ch la g u Br a nd
beweidete Parklandschaft
des g i.
Trift weide
^ e xte nsiv e W eid e
verunkrautete Weide
Id au e rn de r Nä h rsto fte n tzu g
verarm te Triftweide
1
Ödland
E ro sio n , V ert us ch un g
Abbildung 8
Die ursprüngliche Waldbehandlung galt nicht der Holzproduktion, sondern zielte vor allem auf eine Verbesse
rung der Weidequalität ab. Das Schema aus ELLENBERG (1963) verdeutlicht, daß anthropogen devastierte
Waldböden nach Aufgabe der Weidenutzung zwar wieder forstwirtschaftlich nutzbare Wälder tragen können, aber nicht
automatisch zur Natumähe” des Ursprungsbestandes zurückfinden.
6. Als "Wildnis-Zelle" sind R eliktstandorte ur
sprünglich erhaltener Naturgebiete bezeichnet,
in denen Prozesse von hoher Natumähe ablau
fen, wiewohl auf Grund relativ kleiner Flächen
die Vielfalt des natürlichen Entwicklungspoten
tials und der Artenausstattung nicht repräsenta
tiv gesichert werden können. Neben Naturwald
reservaten auf Primärstandorten und strengem
Naturreservat (IUCN Kategorie Ia) wären hier
die "Sonderschutzgebiete" innerhalb der Natio-
nalpark-Kembereiche einzureihen (z.B. Natio
nalpark Hohe Tauem/Österreich).
7. Das Prädikat "Primäre Wildnis" (vgl. Abb. 10) ist
auf weitgehend unbeeinflußt gebliebene Areale in der
Urlandschaft zu beschränken. Bei entsprechen
der Flächengröße kann - theoretisch - die Natumä
he der Naturausstattung und der Prozesse ohne
Stützungsmaßnahmen erhalten werden. Tatsäch
lich können aber selbst die größten Nationalpar
ke der Erde einen schleichenden Artenverlust
nicht aufhalten, da zum einen weiträumig agie
rende Großtiere oder Zugvögel z.T. interkonti
nentale Routen benötigen (z.B. Eisbär, Fischad
ler), zum anderen das Fehlen der ursprünglichen
Megafauna oder von Endemiten zum Ausfall
spezifischer Prozesse und Strukturen geführt hat
(z.B. Verbreitung großer Baumsamen und Früch
te). Hier kann ein spezifisches Management zur
Kompensation fehlender Großraubtiere oder Groß-
herbivorer jeweils erforderlich sein.
4.2 Einschränkungen
Grundsätzlich muß aber auch klargestellt werden,
daß auf den Sekundärstandorten Mitteleuropas der
Prozeßschutz nicht zur "Wildnis" mit hohem Natur
nähe- Anspruch führen kann, wenn
vorangegangene anthropogene Eingriffe irre
versibel sind bzw. deren nachhaltige Wirkung
nicht durch "Renaturierung" abgebaut werden
kann (z.B. Städtebau, Giftschlammdeponie);
die anthropogene Steuerung der Prozesse wei
terhin dominiert (z.B. Staustufenbau, Begradi
gung in Flußsystemen);
das natürliche Entwicklungspotential weitge
hend fehlt (z.B. Wiederbewaldung in einer
baumfreien Agrarlandschaft über Sukzession);
das heutige Umfeld von den Standortbedingun
gen deutlich abweicht, unter denen sich natürli
che Systeme ursprünglich entwickeln konnten
(z.B. nacheiszeitliche Konditionen für die Hoch
moorbildung oder für eine Bewaldung in heuti
gen Trockengebieten).
5. " Wildnis" - eine Naturschutzkonzeption aus
Hin und Lassen
Die "Tu-Nichts-Idee" ist sehr bestechend, verspricht
sie doch zunächst eine höchstmögliche Natumähe
sich selbst überlassener Prozesse, die - mehr minder
automatisch - eine Entwicklung von Wirtschaftsflä-
42
©Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL)
Ab bildu ng 9
"Primäre Wildnis" kann durch jahrtausen
delange Etnwicklungskonstanz charakteri
siert sein ("Urweltpflanze" W elwitschia in
der Wüste Nam ib/N am ibia) (Foto: W. Scher-
zinger).
Ab bildun g 10
In der unendlichen Weite unberührter Land
schaft erleben wir "Primäre Wildnis" in ih
rem natürlichen Rhythmus (Dovre Fjell Na-
tionalpark/Norw egen) (Foto: W. Scherzinger).
dien zu Naturräumen einleiten. Gleichzeitig ist die
Idee des "Nichts-Tuns" als Naturschutzkonzept
durch unrealistische Erwartungshaltungen, z.T.
auch parareligiöse Hoffnungen deutlich überfrach
tet worden; die Ignoranz eines "Öko-Optimismus"
verschafft darüber hinaus den Belastem, Ausbeu
tern und Zerstörern von Natur ein unerwartet gefäl
liges Alibi, wenn er der Natur eine nahezu grenzen
lose "Selbstheüung" prognostiziert!
Die "Tu-Nichts-Idee" erscheint einfach allzu naiv,
wenn sie glaubt, die Vielfalt der Probleme im Mit
teleuropäischen Naturschutz am besten durch Pas
sivität lösen zu können. Gerade wegen der in Jahr
hunderten gewachsenen Verzahnung von Elemen
ten der Natur- und Kulturlandschaft und ihrer relativ
kleinflächigen Mosaikverteilung, wegen der Viel
falt nachhaltig w irksam er Eingriffe und irre
versibler Strukturen, wegen einer erheblichen Um
formung der naturgegebenen Artenausstattung und
einer traditionell befürworteten Unterdrückung au
togener Prozesse im Naturgeschehen sind keine der
art simplen Patent-rezepte im Naturschutz zu erwar
ten. A u ßerhalb g roßfläc higer N aturum e ist
"Nichts-Tun" als Konzept nämlich in all den Fällen
problembeladen, in denen bisherige Eingriffe des
Menschen dominieren und auch die Langzeitent
wicklung nachhaltig beeinflussen.
Ein puristischer Prozeßschutz - nach dem Motto
"komme was wolle", solange nur der Mensch nicht
eingreift - kann eben nur sehr beschränkte Natur
schutzleistungen erbringen! Bei der Vielfalt der
Aufgabenstellungen, Motive und Interessen benö
tigt der Naturschutz ein entsprechend breites Ge
samtkonzept, in dem die unterschiedlichsten Strate
gien - von der Pflege bis zum Verwildern - in wir
kungsvollen Synergismen aufeinander abgestimmt
werden müssen. Ein Prozeßschutz durch Laufenlas
sen sich jeweilig einstellender Entwicklungen kann
durchaus attraktiven "Wildwuchs" hervorbringen -
mit wichtigen Aspekten für Naturerleben, Umwelt
bildung und Forschung; er garantiert aber keines
wegs die Entfaltung von "Natumähe", wie sie hier
als wichtiges Kriterium für "Wildlandschaft" und
"Wildnis" postuliert wurde. Eine abstufende Diffe
renzierung und Typisierung von "Wildnis"- von rein
anthropozentrischen Erlebnisgebieten ohne hohen
Natumäheanspruch bis zur primären Wildnis einer
weitgehend unbeeinflußten Urlandschaft - erscheint
mir deshalb angebracht. Auch wenn unter mitteleu
ropäischen Verhältnissen eine enge Verquickung
von natumah/natürlich und anthropogen in allen
Reaktionen der Systeme, in allen Prozessen und
ihren Steuerkriterien akzeptiert werden muß (vgl.
ELLENBERG 1963), und eine strenge Präzisierung
von Naturnähe-Kriterien deshalb unrealistisch
bleibt, sollten gerade im Wildniskonzept Wege zur
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Annäherung an eine jeweils erzielbare "Natumähe"
entwickelt werden. Soweit diese Entwicklungsqua
lität durch Management verbessert werden kann,
sollten wir auf das "Tun" im Naturschutz deshalb
nicht verzichten.
In jedem Fall sind Wildnisgebiete für Erlebnis, Be
obachtung und Forschung unerläßlich, genauso für
eine Naturschutzpolitik, um zu einer realitätsnahen
Zieldiskussion zu finden - und realitätsnahe Erwar
tungen an die Schutzkonzepte zu knüpfen. Die Er
wartung mancher Behörden, d das Dynamik-
Konzept im Naturschutz ihren Sparzwängen entge
genkommt, da "Nichts-Tun" ja nichts kostet und auch
ohne Kartierung, Monitoring, Planung, Schutz- und
Pflegem aßnahm en auskommt, ist jedoch sicher
nicht zutreffend.
Ein zufallsgesteuertes Naturgeschehen bringt auch
Strukturen und Prozesse hervor, die außerhalb jeder
Planung stehen, mitunter auch nicht unserer Erwar
tung von "Schönheit" in der Natur entsprechen. Hier
wird der Naturschutz nach einer landschafts-konfor-
men Orientierung suchen müssen, stets eingedenk,
daß wir unsere "Sehnsucht" nach Natur aus dem
humanen Ursprungsgebiet in Afrika mitgebracht
haben, unsere Philosophie und Religion aus dem
Orient und unsere Leitbilder für "Wildnis" aus
Amerika importiert haben, dabei aber mit beiden
Beinen in Europa stehen, das in seiner natürlichen
Ausstattung für uns gar nicht bewohnbar wäre!
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Anschrift des Verfassers:
Dr. Wolfgang Scherzinger
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D-94 568 St. Oswald
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... Remmert 1988). Process-based protection constituted a shift away from the protection of individual species and a concern for ecosystemic dynamics at the landscape scale, in line with a processual understanding of landscape (Scherzinger 1997;Piechocki 2010). For many, a focus on the protection of natural processes implied recognition of a shift in ecological theory whereby non-linear dynamics and the complexity of ecological processes began to influence conservation thinking. ...
... Natural processes are assumed to be virtuous; human interventions, on the other hand, are classified as negative and inherently disturbing (Piechocki et al. 2003: 35). As a consequence, a conceptual dichotomy between humans and nature is reproduced and reinforced and large-scale areas of 'undisturbed nature' or pure natural landscapes became the primary or ideal focus of nature conservation efforts (Scherzinger 1997). ...
Article
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Whereas the transgression of nature-culture dichotomies is commonplace in academic discourse, contemporary practices of nature conservation continue, in many cases, to be characterised by the active construction of fixed boundaries between spaces of nature and spaces of culture. In such contexts, nature constitutes a powerful discursive category, albeit one that is manifested differently across space and time. This paper advances a situated understanding of the spatialities and temporalities underlying contemporary practices of nature conservation through an empirical study of the concepts of nature and landscape informing management practices in the case of the Schleswig-Holstein Wadden Sea National Park in northern Germany. Theoretically, the paper draws on and further develops the concept of landscape imaginaries as a means to analytically make sense of diverse situated understandings of landscape and nature-culture relations. The paper thus addresses the implications of essentialist concepts of nature and landscape for protected area management within the context of a rapidly changing world. It is found that in this case, a conservation philosophy focused on the protection of natural processes is constrained by the maintenance of a categorical distinction between natural and cultural landscapes. The paper concludes with a plea for an understanding of nature conservation in terms of place-based situated practices.
... Auf der Basis von Remmerts Mosaik-Zyklus-Theorie hat Scherzinger (1990Scherzinger ( , 1991Scherzinger ( , 1996Scherzinger ( , 1997Scherzinger ( , 2005 eine im deutschsprachigen Raum bis heute sehr einflussreiche Prozessschutztheorie für den Naturschutz entwickelt. 2 Scherzinger stimmt mit dem klassischen Naturschutz überein, dass dann, wenn es nicht um die Erhaltung traditioneller Kulturlandschaften geht, "Naturnähe" ein zentrales Entwicklungsziel und Kriterium für Schutzwürdigkeit sein sollte, kritisiert aber, dass jener, orientiert an klassischen Klimaxtheorien, nur stabile ökologische Systeme als naturnah ansehe und dabei "Naturnähe" am Grad der Übereinstimmung mit einer vermeintlich dauerhaft stabilen potenziellen natürlichen Vegetation bemesse (Scherzinger 1999, S. 2, 5). Demgegenüber betont Scherzinger, dass alle Entwicklungsstadien eines Mosaik-Zyklus dasselbe Maß an Naturnähe besäßen (ebd., S. 5; siehe Abb. 2). ...
Chapter
Prozessschutzstrategien sind seit den 1980er Jahren entstanden als Kritik am klassischen konservierenden Natur- und Landschaftsschutz. Eine eingehende Analyse zeigt, dass es nicht den Prozessschutz gibt, sondern zumindest drei Typen von Prozessschutzkonzeptionen zu unterscheiden sind, die in unterschiedlichen Natur- bzw. Landschaftsidealen fundiert sind, unterschiedliche Ziele verfolgen und unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe verwenden: 1. gestaltender, historisch qualifizierter Prozessschutz mit Untertypen für naturnahe Landschaften, Kulturlandschaften und Bergbaufolgelandschaften, ehemalige Militärgebiete etc.; 2. ungelenkter offener Prozessschutz; 3. ahistorisch-funktionalistischer Prozessschutz. Die Entstehung von Prozessschutzkonzeptionen ist vor dem Hintergrund der Entstehung einer zunehmenden kulturellen Wertschätzung von und Sehnsucht nach Wildnis zu sehen. Konflikte um Prozessschutz bzw. Wildnis liegen zumeist konkurrierende Natur- und Landschaftsideale, aber auch konkurrierende Menschenbilder und Gesellschaftsideale oder auch konkurrierende sozio-ökonomische Interessen zugrunde.
... neben naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ? emotionale und ethische Wertkategorien eine sehr gro?e Rolle, speziell in Mitteleuropa (Scherzinger 1997Scherzinger , 2005a). Bild 18: Sturmereignisse z?hlen zu den h?ufigsten St?rungsgr??en in W?ldern Mitteleuropas. ...
... Dies ist eine Ursache der Störanfälligkeit der Harzwälder für Wind-, Schnee-und Eisbruch sowie auch für Borkenkäferprobleme. Diese Störereignisse nehmen im Prozeßschutz-Ansatz des Nationalparks Harz eine zentrale Stellung ein. So entsteht langsam eine "Wildnis aus zweiter Hand" (Scherzinger 1997). ...
Article
Pedagogic interventions in national parks usually aim at fostering the appreciation of wilderness and at providing opportunities for nature experiences. In order to analyse the adequacy of these priorities for Education for Sustainable Development (ESD), we investigate educational interventions offered by Harz National Park in Northern Germany. We argue that nature experiences foster competences needed for sustainable development. in particular, they provide an opportunity to develop, recognize and/or reflect upon norms and values. However, only when combined with factual knowledge and techniques to cope with the ethical and factual complexities and uncertainties of real-world decision-making, the full potential of the nature experience is realised. We develop respective recommendations for the educational practice in national parks. The suggestions account for synergies with curricular education and ESD programs offered by other, extra-curricular providers of educational services.
Chapter
Entlang der Wattenmeerküste von Den Helder in den Niederlanden bis nach Blavands Huk in Süddänemark herrschen unterschiedliche Verständnisse von Landschaft und Natur vor, welche die Naturschutzpolitik und -praxis auf regionaler Ebene maßgeblich prägen. Seit fast vierzig Jahren wird das Wattenmeer von den Anrainerstaaten Deutschland, Dänemark und den Niederlanden als grenzüberschreitendes Ökosystem von internationaler Bedeutung geschützt. So weit wie möglich soll die freie Entwicklung der Natur gewährleistet werden. Ungeachtet der engen Zusammenarbeit einer Vielzahl von Wissenschaftler*innen, von zuständigen Behörden und Vertreter*innen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf der trilateralen Ebene befinden sich jedoch sehr unterschiedliche Vorstellungen von Natur und Landschaft in den drei Ländern. Einerseits wird die Ursprünglichkeit der Natur geschützt, andererseits die Offenheit der Landschaft und die Dunkelheit des Nachthimmels über dem Wattenmeer. Mal wird das Zusammenspiel zwischen natürlichen und kulturellen Werten betont, mal die Unberührtheit der Natur und das Minimieren menschlicher Einflüsse jeglicher Art. In diesem Beitrag werden die national bedingt unterschiedlichen Landschaftsbilder und deren Auswirkungen auf den Naturschutz und das Küstenmanagement erläutert. Der Vergleich beruht auf interpretativer Policy-Analyse und tiefgehenden qualitativen Interviews mit relevanten Akteuren und Stakeholdern in den drei Ländern. Die vergleichende Analyse zeigt vor allem, dass der Naturschutz und das Landschaftsmanagement, auch in Zeiten des engen internationalen Austausches und des transnationalen Policy-Makings, weiterhin national und regional eingebettet bleiben und als kulturell-situierte Praktiken verstanden werden sollen.
Article
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IntroductionUrban wilderness – some attempts at defining the termWastelands as a source of urban wildernessUrban wilderness in planningOn the ecology of urban wildernessUrban wilderness in a social contextEducational value of urban wildernessConclusions References
Chapter
Natur- und Landschaftsschutz zeitigen Konflikte, die sich je nach Schutzkonzept unterscheiden. In Abgrenzung vom konservierenden Naturschutz (Schutz einer ‚Idealnatur‘) und integrativen Naturschutz (Verbindung von Naturschutz und -nutzung) geht es im Prozessschutz darum, ‚Wildnis(entwicklung)‘ zu ermöglichen. Dabei wird – so die Ausgangsüberlegung des Beitrages – der Prozess selbst zum Konflikt. Indem ‚Natur‘ als Prozess konzeptualisiert wird, entstehen einerseits Zielkonflikte innerhalb des Naturschutzes sowie andererseits gesellschaftliche Konflikte um die Einrichtung von ‚Wildnisgebieten‘ nach den Grundsätzen des Prozessschutzes. Im Beitrag werden diese Konflikte analysiert und interpretiert, indem ein sozial-ökologisches Verständnis von ‚Wildnis‘ zugrunde gelegt wird. Dabei zeigt sich, dass ‚Wildnis‘ auf der materiell-physischen Ebene auf eine im Entstehen begriffene ‚Natur‘ verweist, die – insbesondere als sogenannte neue Wildnis (z. B. ‚Stadtwildnis‘) ‚hybride Natur/en‘ hervorbringt. Auf der kulturell-symbolischen Ebene steht ‚Wildnis‘ jedoch für die verloren geglaubte ‚Natur pur‘ und ist somit in die Vergangenheit gerichtet. Das daraus entstehende Spannungsfeld zwischen ‚Natürlichem‘ und ‚Gesellschaftlichem‘ wird insbesondere deutlich, wenn die Perspektive auf ‚Wildnis‘ um die Kategorie Geschlecht erweitert wird: Wird ‚Geschlecht‘ als Prozesskategorie verstanden, wird auch hier das dichotom strukturierte Schema des modernen Denkens und Handelns irritiert. ‚Hybride‘ Naturen und ‚queere‘ Geschlechteridentitäten sind notwendig umstritten. Es gilt, diese Kontroversen als gesellschaftliche Kontroversen auszuhandeln.
Chapter
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Unsere Wälder sind geprägt durch unterschiedlich häufig stattfindende Störungen. Zu einem grossen Teil bestehen diese Störungen aus menschlichen Nutzungen, die verschiedenen Zwe-cken dienen. Natürlich wachsende Wälder werden weniger häufig gestört und bestehen in ei-nem grösseren Gebiet aus einem Mosaik von Flächen in verschiedenen Entwicklungsphasen mit unterschiedlicher Flächenanteilen. Wir weisen auf einige wichtige Biodiversitäts-beeinflussende Effekte von Störungstypen hin, insbesondere auf die grössere Lichteinwirkung in freigestellten Flächen und die Anhäufung von Totholz. Störungsereignisse sollten als Chance gesehen werden, um sowohl die Biodiversität durch Nutzungsverzicht zu erhalten als auch – im Einklang mit den Waldfunktionen – die Bestockung schnell und effizient durch Anpassung der Verjüngung an den Klimawandel zu fördern.
Article
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Quarrying C Mining Activities, which are carried out by residents in the river area in Majalengka Regency, are mining sand individually or in groups in the form of traditional micro and medium enterprises. The existence of the business is carried out with various limitations namely minimal technology, the existence of limited human resources, small capital aspects and activities carried out by ignoring the licensing factor by referring to Law Number 4 of 2009 concerning Mineral and Coal Mining. Traditional miners must have a People's Mining License (IPR) granted by the local Regional Government. The fact is that the mining activities are carried out without a permit and public policies are needed from the continuous support of the local government to maintain the environmental quality of the river basin. The formulation of the problem is how is the implementation of Majalengka District Government's policy to maintain the quality of the river's environmental quality? And how is the legal understanding of traditional illegal miners in the District of Palasah Majalengka Regency to build awareness and legal compliance? This study uses the hermeneutic paradigm with the aim of understanding the interaction of actors who are involved or involved themselves in a social process, including social processes that are relevant to legal issues. The so-called actors in this research are the traditional illegal miners in Palasah Sub-District, Majalengka Regency. The legal basis for local community control of sand mining activities carried out naturally and is handed down for more than 50 (fifty) years. However, the legal basis for the control is not enough, in this case the people conducting sand mining must have a People's Mining License (IPR) granted by the local government as regulated in Article 1 paragraph (10) of Law No. 4 of 2009 concerning Mineral and Coal Mining.Kegiatan Penambangan Galian C, yang dilakukan oleh penduduk di kawasan sungai di Kabupaten Majalengka yaitu penambangan pasir secara perorangan atau berkelompok dalam bentuk usaha kecil mikro dan menengah secara tradisional. Eksistensi usaha tersebut dilakukan dengan berbagai keterbatasan yaitu minim teknologi, keberadaan sumber daya manusia yang terbatas, aspek permodalan kecil serta kegiatan yang dilakukan dengan mengabaikan faktor perizinan dengan merujuk kepada Undang-Undang Nomor 4 Tahun 2009 tentang Pertambangan Mineral dan Batu Bara. Penambang tradisioanl harus mempunyai Izin Pertambangan Rakyat (IPR) yang diberikan oleh Pemerintah Daerah setempat. Faktanya aktivitas penambangan tersebut, dilakukan tanpa adanya izin dan dibutuhkan kebijakan publik dari keberpihakan Pemerintah Daerah setempat secara berkesinambungan untuk menjaga kualitas lingkungan hidup kawasan sungai. Rumusan masalahnya bagaimanakah implementasi kebijakan Pemerintah Daerah Kabupaten Majalengka untuk menjaga kualitas mutu lingkungan hidup sungai? Dan bagaimanakah pemahaman hukum penambang liar tradisional di Kecamatan Palasah Kabupaten Majalengka untuk membangun kesadaran dan kepatuhan hukum? Penelitian ini menggunakan paradigma hermeneutika dengan tujuan untuk memahami interaksi para aktor yang tengah terlibat atau melibatkan diri ke dalam suatu proses sosial, termasuk proses-proses sosial yang relevan dengan permasalahan hukum. Yang disebut aktor dalam penelitian ini adalah para penambang liar tradisional yang ada di Kecamatan Palasah Kabupaten Majalengka. Dasar hukum penguasaan oleh masyarakat lokal atas kegiatan penambangan pasir yang dilakukan yang terjadi secara alamiah dan turun temurun selama 50 (lima puluh) tahun lebih. Akan tetapi, dasar hukum penguasaan tersebut tidaklah cukup, dalam hal ini masyarakat yang melakukan penambangan pasir harus mempunyai Izin Pertambangan Rakyat (IPR) yang diberikan oleh Pemerintah Daerah setempat sebagaimana yang diatur dalam Pasal 1 ayat (10) Undang-Undang No. 4 Tahun 2009 tentang Pertambangan Mineral dan Batu Bara
  • Das Dynamik-Konzept Im Flächenhaften Naturschutz
Das Dynamik-Konzept im flächenhaften Naturschutz, Zieldiskussion am Beispiel der Nationalpark-Idee.-Natur u. Landschaft 65: 292-298. --------(1996): Naturschutz im Wald.-Ulmer, Stuttgart: 447 S.