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Zur Relevanz wissenschaftlichen Wissens in der Praxis der Sozialen Arbeit. Ergebnisse einer standardisierten Befragung.

Authors:
  • Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI)

Abstract

Dass sich Sozialarbeitende auch nach ihrem Studium noch mit wissenschaftlichem Wissen beschäftigen sollten, erscheint eigentlich selbstverständlich mit Blick auf die geforderte Professionalität und die Tatsache eines stetig wachsenden, gerade auch empirischen Wissens in der Sozialen Arbeit. Eine offene Frage ist aber, welche Bedeutung diesem Wissen in der Berufspraxis zukommt, insbesondere angesichts der oft beklagten Lücke zwischen Wissenschaft und Praxis. Die wenigen dazu vorliegenden Studien legen nahe, dass wissenschaftliches Wissen in der Praxis immer noch wenig relevant zu sein scheint. Deshalb möchte der Beitrag auf der Basis einer standardisierten Befragung von Sozialarbeitenden Einblicke in die Frage nach der Relevanz wissenschaftlichen Wissens in der Praxis Sozialer Arbeit geben.
FORUM
sozial
Deutscher Berufsverband
für Soziale Arbeit e.
V.
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DIE BERUFLICHE SOZIALE ARBEIT
2/2019
Profession -
Anspruch und
Wirklichkeit(en)
„Diversity“ in Israel
Recht als
Bezugsdisziplin
Elemente
gelungener Beratung
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Die Berufliche Soziale Arbeit
2/2019
Magazin
3 Editorial
4 Nachrichten
WILFRIED NODES
10 Kongresse und Jahrestagungen
12 Flucht und Asyl / Kommentar
14 Statistik und Forschung
17 SGB II - Armut
19 LeserInnenbriefe
Schwerpunkt
VERENA KLOMANN, SIMON MOHR, BETTINA RIT TER
21
Organisationskultur und Professionalität in der Sozialen Arbeit
Analysen und Impulse zur Organisationsgestaltung
MICHAEL LEINENBACH
27 Hindernisse berufsverbandlicher Interessensvertretung und ihre
Überwindung
NIKOLAUS MEYER, MARIA-ELEONORA KARSTEN
34
Soziale Arbeit zwischen Einheit und Zersplitterung
Eine empirische Bestandsaufname 50 Jahre nach der westdeutschen Bildungsreform
JULIA BRIELMAIER, GÜNTER ROTH
40
Zur Relevanz wissenschaftlichen Wissens in der Praxis der Sozialen Arbeit
Ergebnisse einer standardisierten Befragung
MICHAEL OPIELKA
46
Sozialpolitik und Soziale Arbeit
Diskussion
Report
JONAS WAHL
52 „Diversity“ in Israel - sexuelle und geschlechtliche Vielfalt
Ein Einblick in das „House of Communities“
ANNE KASTEN
56 Recht als Bezugsdisziplin der Sozialen Arbeit
Die Herausbildung von sozialarbeiterischen Rechtsgestaltungskompetenzen
als Quer_Feministische Rechtskritik?!
ELLEN ARNOLD, JOACHIM KISSEL, MANFRED SCHNABEL
61 Case- und Care Management für Menschen mit Demenz
2. Teil: Demenznetzwerke
FABIAN BELOCH
66 Warum Soziale Arbeit die Informatik braucht
Plädoyer für eine neue Bezugsdisziplin
HOLGER KÜHL
69 Elemente gelungener Beratung
Das Besondere an der Beratung in der Sozialen Arbeit ist unsere Professionalität
Service
81 Arbeit
84 Literatur
87 Tagungen
INTERN
Die INTERN-Beiträge finden sich auf den Seiten 88 – 96
4040 Schwerpunkt
tische Generierung und Offenlegung von Methoden
intersubjektive Nachvollziehbarkeit erfährt. Es unter-
liegt also einem gesteigerten „Begründungszwang“
(Dewe & Otto 2012: 209), das heißt, der Vorgang der
Erkenntnisgewinnung muss offengelegt und argumen-
tativ begründet werden. Zudem handelt es sich immer
um vorläufiges Wissen, es ist also niemals endgültig
(Bühl 1984: 264). Wissenschaftliches Wissen lässt sich
in die Dimensionen „Theorie“ und „Empirie“ teilen, wo-
bei Theorien in der Sozialen Arbeit dem Verstehen der
empirisch erfahrbaren Wirklichkeit und Praxis dienen,
also nicht freischwebend ‚l’art pour l’art’ bleiben soll-
ten. Dabei kann wissenschaftliches Wissen bekanntlich
induktiv (auf der Basis einzelner Beobachtungen) und
deduktiv (ausgehend von theoretischen Annahmen
oder Prämissen, die durch Beobachtungen überprüft
werden) gewonnen werden. Abgegrenzt werden soll-
te wissenschaftliches Wissen zum Alltags- und Erfah-
rungswissen. Alltagswissen meint das pragmatische
Wissen, welches helfen soll, den Alltag möglichst pro-
blemfrei zu bewältigen. Es „bedarf [...] keiner weiteren
Verifizierung“ (Luckmann 1981: 49) und ebenso wenig
einer „fassbare[n] theoretischen Struktur(ebd.: 27),
da es „nur in Alltagssituationen wirksam zu sein [hat]“
(ebd.: 49). Erfahrungswissen wiederum ist vor allem ein
„technisch-instrumentelles“ Wissen (Böhle 2003: 143),
welches unmittelbar im praktischen Handeln, also im
Arbeitszusammenhang generiert oder angeeignet wird.
Hierbei geht es um praktische Fähigkeiten und Fertig-
keiten, welche durch das eigene aktive Handeln in der
Praxis erworben werden (Kiel & Rost 2002: 35), was
Problemstellung
Dass sich Sozialarbeitende auch nach ihrem Studium
noch mit wissenschaftlichem Wissen beschäftigen soll-
ten, erscheint eigentlich selbstverständlich mit Blick
auf die geforderte Professionalität und die Tatsache
eines stetig wachsenden, gerade auch empirischen Wis-
sens in der Sozialen Arbeit (vgl. Sommer & Thiessen
2018). Eine offene Frage ist aber, welche Bedeutung
diesem Wissen in der Berufspraxis zukommt, insbe-
sondere angesichts der oft beklagten Lücke zwischen
Wissenschaft und Praxis. Die wenigen dazu vorliegen-
den Studien legen nahe, dass wissenschaftliches Wis-
sen in der Praxis immer noch wenig relevant zu sein
scheint (Ghanem et al. 2018; James et al. 2018). Deshalb
möchte der Beitrag auf der Basis einer standardisier-
ten Befragung (online) von Sozialarbeitenden (N = 616)
Einblicke in die Frage nach der Relevanz wissenschaftli-
chen Wissens in der Praxis Sozialer Arbeit geben.
1
Wissenschaftliches Wissen
Was wissenschaftliches Wissen ist und wie es defi-
niert werden kann, darüber lässt sich, insbesondere
aus unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Positi-
onen streiten. Dieses oftmals abstrakte Wissen sollte
aber immer dem Verstehen, Erklären und Beschreiben
von Sachverhalten dienen und innerhalb der Sozia-
len Arbeit als praxisbezogene Disziplin zudem einen
Orientierungsrahmen für das Entscheiden und Han-
deln bieten. Im sozialwissenschaftlichen Kontext ist
wissenschaftliches Wissen zunächst ein erfahrungs-
basiertes Wissen, welches aber durch seine systema-
Zur Relevanz wissenschaftlichen
Wissens in der Praxis der Sozialen Arbeit
ERGEBNISSE EINER STANDARDISIERTEN BEFRAGUNG JULIA BRIELMAIER, GÜNTER ROTH
1. Der Beitrag basiert auf einer
MA-Arbeit von Julia Brielmaier
(2019) im Studiengang ‚Angewand-
te Forschung in der Sozialen Arbeit’
an der Hochschule München, be-
treut von Prof. Dr. Günter Roth. Wir
danken allen Teilnehmenden der
Studie und den Kommilitoninnen in
Forschungswerkstätten für die Bei-
träge zur Fragebogenentwicklung.
FUSSNOTE
pxhere.com
Forschung
41
FORUM
sozial
2/2019
Lebensentwürfen, Situationen und Problemlagen, mit
denen wir als Sozialarbeitende konfrontiert sind, zu re-
duzieren. Zudem kann rational und logisch nachvoll-
ziehbar aufgezeigt werden, warum etwas wie gemacht
werden kann.
Forschungsstand
Der nachfolgende Forschungsstand zur Frage, welche
Relevanz wissenschaftliches Wissen in der Berufspra-
xis der Sozialen Arbeit hat, basiert auf nationalen und
internationalen Studien sowie einer systematischen
Literaturrecherche (Brielmaier 2019). Neben dem
deutschsprachigen Raum wurden unter anderem auch
Studien aus Kanada, Neuseeland, den USA und Aus-
tralien miteinbezogen. Angemerkt werden muss, dass
Ergebnisse aus diesen Studien sich nicht eins zu eins
auf den deutschsprachigen Berufskontext übertragen
lassen, da die Ausbildung, Strukturen, Aufgaben und
Finanzierungen unterschiedlich sind. Insbesondere das
Verständnis dessen, was als Theorie der Sozialen Ar-
beit gilt, ist nicht identisch (Amthor 2016; Borrmann
2016: 37-38; Schneider & Schelling, 2017). Die Frage
jedoch, wie und ob wissenschaftliches Wissen in der
Berufspraxis der Sozialen Arbeit Verwendung findet,
steht international im Blick der Sozialarbeitsforschung.
Daher lassen sich aus nachfolgendem Forschungs-
stand, trotz bestehender Unterschiede, Erkenntnisse
über die Relevanz von wissenschaftlichem Wissen in
der Sozialen Arbeit in Deutschland gewinnen.
Die Forderung der Berufspraxis nach praxisnahem
Wissen ist seit 20 Jahren unverändert hoch (Acker-
mann & Seeck 1999; Avby et al. 2017; Cha et al. 2006;
Hicks 2016). Mit praxisnahem Wissen sind oft rechtli-
che oder methodische Kenntnisse gemeint (Ackermann
& Seeck 1999). Wissenschaftliches Wissen scheint für
Handlungsentscheidungen in der Praxis eher weniger
ausschlaggebend zu sein (Ghanem et al. 2018; James
et al. 2018) und wird, womöglich auch deswegen, von
Sozialarbeitenden selten rezipiert (Fellmann 2016;
Osmond & O’Connor 2006; Thole & Küster-Schap
1996). Die häuf igste Bezugsquelle für wissenschaft-
liches Wissen ist das Internet (Fellmann 2016). Unter
Sozialarbeitenden scheint diese Quelle aber nicht die
bevorzugte zu sein, weil hier der persönliche Aus-
tausch mit Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen
präferiert wird (Choi 2016; James et al. 2018). Die oft
fehlende organisatorische Unterstützung in der Aus-
einandersetzung mit wissenschaftlichem Wissen stellt
hierbei ein größeres Hindernis für einen stärkeren Ein-
bezug von wissenschaftlichem Wissen dar (Beddoe
2011; Ghanem et al. 2017; James et al. 2018). Neben
dieser Unterstützung benötigen Sozialarbeitende aber
zunächst Kompetenzen im Umgang mit wissenschaft-
lichen Theorien, Methoden und Studienergebnissen,
damit eine kritische Würdigung und ein Einbezug in
Arbeitssituationen gelingen kann. Die akademische
wiederum Gegenstand praxisbezogener Forschung und
Entwicklung sein kann.
Soziale Arbeit, Profession und
wissenschaftliches Wissen
Über Professionalisierung, Professionalität und Pro-
fession ist insbesondere im Zusammenhang mit der
Sozialen Arbeit schon viel geschrieben worden. Der
Begriff der Profession lässt sich auf unterschiedliche
Weise lesen. So kann dieser Begriff beispielsweise aus
einer strukturfunktionalistischen (Parson 1968) oder
einer systemtheoretischen Sichtweise (Stichweh 1996)
verstanden werden, wobei es hier insbesondere auch
um äußere Statusmerkmale geht. Neben diesen Les-
arten lassen sich auch Professionsverständnisse fin-
den, die sich von äußeren Beschreibungen entfernen
und hin zu Aspekten des professionellen Handelns
gehen. Prominente Theorien sind hierbei das interak-
tionistische Professionsverständnis von Fritz Schütze
(1992) o der auch die struk turthe oretische Per spek-
tive von Ulrich Oevermann (1996). Wird sich mit So-
zialer Arbeit und Profession befasst, so stehen meist
diese Sichtweisen im Mittelpunkt. Gleich aber welches
Professionsverständnis wir betrachten, ein paar zen-
trale Merkmale bleiben doch in allen bestehen. Eines
dieser Merkmale ist, dass auf wissenschaftlichem Wis-
sen aufgebaut wird und dass diese Erkenntnisse in das
jeweilige Praxisfeld einfließen sollten. So ist eigentlich
eine professionalisierte Soziale Arbeit ohne den Einbe-
zug dieses Wissens nicht denkbar. Diesen Aspekt ma-
chen nicht nur angeführte professionssoziologische,
sondern auch sozialarbeitswissenschaftliche Theorien
deutlich (Becker-Lenz et al. 2012; Dewe & Otto 2012;
Staub-Bernasconi 2007). Auch die Definition von „So-
zialer Arbeit“ des Deutschen Berufsverbandes für Sozi-
ale Arbeit (DBSH 2019), sowie die ethischen Verpflich-
tungen, denen sich die Soziale Arbeit verschreibt (DBSH
2014; Staub-Bernasconi 2017), zeigen gleichermaßen,
dass wissenschaftliches Wissen in der Berufspraxis
Verwendung finden sollte. Nicht zuletzt fordern auch
Qualitätsdiskurse und Ökonomisierungsprozesse die
Soziale Arbeit zunehmend heraus, ihr Handeln auch
wissenschaftlich fundiert zu legitimieren, weil mit der
Frage nach Effizienz zwangsläufig auch die der (vor-
rangigen) Effektivität aufgeworfen wird.
Darüber hinaus lassen sich aber auch Argumente an-
führen, die näher an der Praxis sind und aufzeigen,
dass wissenschaftliches Wissen Hilfestellungen und
auch entlastende Funktionen in komplexen Situatio-
nen bieten kann. So eröffnet der Einbezug von eben
diesem Wissen neue Perspektiven auf die eigene -
tigkeit und gibt Hinweise auf Aspekte, die beachtet
werden sollten, aber vielleicht zunächst nicht gesehen
wurden. Reflexionsprozesse können angeregt, Routi-
nen und Denkmuster kritisch hinterfragt werden. Wis-
senschaftliches Wissen hilft uns, die Komplexität von
JULIA BRIELMAIER, Jg 1987,
beendete im März 2019 ihr
Masterstudium der „ange-
wandten Forschung in der So-
zialen Arbeit“ an der Hoch-
schule in München. Sie inter-
essiert sich für Fragen zur Pro-
fessionalität und Wissensver-
wendung in der Sozialen Ar-
beit. Sie ist u. a. Mitglied im
DBSH. Kontakt:
julia.brielmaier@web.de
AutorInnen:
PR0F. DR. GÜNTHER ROTH,
lehrt im Bereich Organisation
Sozialer Arbeit an der Hoch-
schule München, Kontakt:
guenter.roth@hm.edu
4242 Schwerpunkt
Stichprobenbeschreibung
Insgesamt konnte eine Stichprobengröße von 616 Per-
sonen erzielt werden, wovon 69,7% der Befragten
weiblich und 25,9% männlich sind; 4,4% der Personen
konnten oder wollten sich keinem Geschlecht zuord-
nen. Mit 72,3% hat der größte Teil einen Bachelorab-
schluss4, 26,4% studierten bis zum Master und 1,3%
haben promoviert. Im Mittel sind die Teilnehmenden
38 Jahre alt und haben 11 Jahre Berufserfahrung.
23,2% der Teilnehmenden haben ihr Studium aber erst
vor kurzem beendet, befinden sich also noch nicht
lange außerhalb des wissenschaftlichen Systems der
Hochschule. Es handelt sich hier um eine nicht reprä-
sentative Stichprobe, da unsere Stichprobe eher jünge-
re, noch nicht so lange in der Berufspraxis befindliche
Sozialarbeitende beinhaltet, sowie etwas mehr Män-
ner als in der Grundgesamtheit vertreten sind.5 Die-
se Zusammensetzung scheint aufgrund der freiwilli-
gen Teilnahme, der Rekrutierung über Berufsverbände,
Hochschulen sowie sozialen Netzwerke im Rahmen ei-
ner Masterarbeit der Erstautorin plausibel.
Ergebnisse
Mit der Darstellung und nachfolgenden Diskussion der
hier nur auszugsweise – präsentierten Ergebnisse
(ausführlich: Brielmaier 2019) geht es uns nicht, und
das will hier ausdrücklich betont sein, um eine pauscha-
le Anklage“ oder Abwertung von Sozialarbeitenden.
Möchte aber professionelle Soziale Arbeit gelingen, so
müssen entsprechende Fragen gestellt und Sachver-
halte ggf. auch kritisch betrachtet werden.
Um einen ersten Einblick zu erhalten, sollten die Teilneh-
menden sich zur Aussage: „Wissenschaftliches Wissen
ist in der Praxis der Sozialen Arbeit nützlich.“ auf einer
fünfstufigen Likert-Skala6 positionieren (N = 583; M
= 4.03; SD = 0.89). Weit über die Hälfte der Befrag-
ten stimmten dieser Aussage „eher“ (41,2%) bzw. „voll
und ganz“ (34,3%) zu. 6,1% pflichteten hier „gar nicht“
bzw. „eher nicht“ bei und die restlichen 18,4% positio-
nierten sich mittig mit „teils/teils“ (Abb.1). Dabei lässt
sich kein Zusammenhang mit den Jahren der Berufser-
fahrung feststellen. Jedoch gilt: Je höher der akademi-
sche Abschluss, desto positiver wird die Nützlichkeit
von wissenschaftlichem Wissen in der Praxis einge-
schätzt (r
s
= .174 p < .001).7 Das heißt, mit einer in der
Regel längeren wissenschaftlichen Ausbildung geht
offenbar auch eine etwas stärkere Wahrnehmung der
Nützlichkeit des wissenschaftlichen Wissens einher.
In allen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit müssen
Sozialarbeitende immer wieder professionelle Ent-
scheidungen in komplexen Situationen treffen. Mit
Sicherheit dienen hier verschiedene Aspekte als Ent-
scheidungshilfe. So hilft sehr wahrscheinlich das eige-
ne Erfahrungswissen, aber auch das Vorbild von Kolle-
Ausbildung sollte Studierenden selbstverständlich sol-
che Kompetenzen vermitteln. Studierende der Sozialen
Arbeit aber sehen bereits während des Studiums den
Erwerb praktischer Fähigkeiten als relevanter für die
spätere Tätigkeit an, als das an der Hochschule ver-
mittelte wissenschaftliche Wissen (Oestreicher 2014;
Thole & Sauerwein 2013). Zudem zeigt eine Befragung
zu Motiven der Studienwahl, „dass der für die Soziale
Arbeit formulierte Professionalisierungsanspruch kon-
frontiert bleibt mit einem im Kern doch relativ karitativ
angelegten Bild von Sozialer Arbeit(Thole & Sauer-
wein 2013).
Der Forschungsstand zeigt ein eher distanziertes
oder kritisches Verhältnis von berufstätigen
Sozialarbeitenden zum wissenschaftlichen Wissen. Er
belegt aber auch, dass der Einbezug von wissenschaft-
lichem Wissen nicht allein durch die Sozialarbeitenden
zu leisten ist. Bereits während der Ausbildung müs-
sen Fähigkeiten vermittelt werden, damit ein sicherer
Umgang mit wissenschaftlichem Wissen in der spä-
teren Berufstätigkeit möglich wird, z.B. Methoden der
empirischen Sozialforschung. Zudem müssen Organi-
sationen Rahmenbedingungen bereitstellen, die einen
Einbezug dieses Wissens fördern und fordern.
Erhebungsinstrument, Rekru-
tierung und Auswertung
Um einen möglichst breiten Einblick zur Frage nach
der Relevanz von wissenschaftlichem Wissen zu erhal-
ten, wurde für diese Untersuchung eine standardisierte
Online-Befragung durchgeführt und zunächst ein Fra-
gebogen entwickelt, welcher fünf Themenbereiche ab-
deckt: Theorie, Empirie, Rezeption, Einstellungen und
Barrieren. Die Zielgruppe der Befragung waren berufs-
tätige Sozialarbeitende, die das Studium der Sozialen
Arbeit bzw. Sozialpädagogik bereits abgeschlossen
hatten. Für diese Untersuchung wurde kein spezielles
Arbeitsfeld herausgegriffen, da die Forschungsfrage
als grundlegend für alle Bereiche der Sozialen Arbeit
angesehen werden kann. Da die Zielgruppe in ihrem
Wissen nicht unterschätzt werden sollte, wurde zu
Beginn des Fragebogens auf eine Definition von wis-
senschaftlichem Wissen verzichtet. Es wurde demnach
davon ausgegangen, dass Sozialarbeitende als Aka-
demikerinnen und Akademiker eine Vorstellung davon
haben, was unter wissenschaftlichem Wissen verstan-
den wird. Rekrutiert wurden die Teilnehmenden über
Alumni-Newsletter verschiedener Hochschulen, über
unterschiedliche Verbände der Sozialen Arbeit2 sowie
über ein soziales Netzwerk. Neben der Darstellung
ausgewählter deskriptiver Ergebnisse werden in die-
sem Beitrag die hier vorgestellten Items auf bivariate
Zusammenhänge mit den Stichprobenmerkmalen „Jah-
re der Berufserfahrung“ und „höchster akademischer
Abschluss“ getestet.
3
FUSSNOTEN
2. Deutscher Berufsverband für
Soziale Arbeit (DBSH), Fachverband
für Soziale Arbeit, Strafrecht und
Kriminalpolitik (DBH), Deutsche
Gesellschaft für Soziale Arbeit
(DGSA).
3. Datenauswertung mit „IBM
SPSS 25“.
4. Diplomabschlüsse von FH/
UNI wurden entsprechend des
Hochschul-rahmengesetzes der
Bachelor- bzw. Mastergruppe zu-
geordnet.
5. Daten der Berufsstatistik der
Arbeitsagentur sprechen von 74,4
% Frauenanteil und einer etwas
älteren Population: 5,1 % sind
unter 25 Jahren; 22,9 % sind 25-34
Jahre; 47,5 % sind 35-54 Jahre und
24,5 % 55 Jahre und älter (Bun-
desagentur für Arbeit 2019); Daten
des Mikrozensus des Statistischen
Bundesamtes liegen in etwa gleich:
73,2 % Frauenanteil und ebenso
eine etwas ältere Population: 6,0 %
sind unter 25 Jahren; 25,6 % sind
25-34 Jahre; 20,2 % 35-44 Jahre;
25,9 % sind 45-54 Jahre und 20,8
% 55 Jahre und älter (Statistisches
Bundesamt 2019).
6. 1 = stimme gar nicht zu; 2 =
stimme eher nicht zu; 3 = teils/
teils; 4 = stimme eher zu; 5 = stim-
me voll und ganz zu. Dabei wurden
in dieser Studie bewusst Skalie-
rungen verwendet, die eine mittige
Antwortmöglichkeit aufweisen und
keinen möglicherweise verzerren-
den Zwang zur einen oder anderen
Seite ausüben, auch wenn dadurch
wiederum eine ‚Flucht zur Mitte’
nicht ausgeschlossen werden kann.
7. Der Korrelationskoefzient rs
gibt die Effektstärke des Zusam-
menhangs an. Nach Cohen (1988)
sprechen wird bei r = .10 von
einem schwachen, bei r = .30 von
einem mittleren und bei r = .50
von einem starken Zusammenhang.
Forschung
43
FORUM
sozial
2/2019
Sozialen Arbeit noch immer eher selten ist. Auch bei
dieser Frage korrelieren die Angaben schwach mit dem
Abschluss der Befragten (r
s
= .179, p < .001), aber nicht
mit den Jahren der Berufserfahrung.
An dieser Stelle kann festgehalten werden, dass sich
zwar grundsätzlich eine zustimmende Haltung zum
wissenschaftlichen Wissen in der Praxis der Sozialen
Arbeit zeigt, der Einbezug dieses Wissens in die täg-
liche Arbeit scheint aber eher nur gelegentlich zu er-
folgen. Die beiden nachfolgenden gestapelten Balken-
diagramme verdeutlichen diese Diskrepanz nochmals.
So lässt sich aus der Abb. 1 sehr gut die positive Ein-
stellung zu wissenschaftlichem Wissen bei den hier
befragten Sozialarbeitenden erkennen. Betrachten wir
nun die nächste Abb. 2, wird aber deutlich, dass ein
Einbezug von wissenschaftlichem Wissen in die tägli-
che Praxis weniger stattzufinden scheint.
Abb. 2: Einschätzungen zur Nutzung wissen-
schaftlicher Literatur in der Praxis der Sozialen
Arbeit (Häufigkeiten in Prozent)
Dass nur 20% bis 40% der antwortenden Sozial-
arbeitenden oft oder immer empirische Ergebnisse
ginnen und Kollegen beim Treffen von professionellen
Entscheidungen. Vermutlich wird sich auch an norma-
tivem, also z. B. rechtlichem Wissen orientiert oder
Unterstützung findet sich im Rahmen von Supervision
oder kollegialer Beratung. Mit Blick auf wissenschaftli-
ches Wissen wurden die Teilnehmenden gebeten anzu-
geben, wie häufig sie wissenschaftliche Literatur nut-
zen, um ihre Entscheidungen in der Praxis zu stützen.
Dazu gaben 19,4% der Befragten an, ihre Entscheidun-
gen „oft“ mit wissenschaftlicher Literatur zu stützen,
2,1% „immer“ (Abb. 2). Der größte Teil (39,8%) gab
„gelegentlich“ an und ein fast so großer Teil (38,7%)
bestätigte, „nie“ oder „selten“ wissenschaftliche Li-
teratur für Entscheidungen zu nutzen. Auch bei die-
sem Item findet sich kein signifikanter Zusammenhang
mit der Berufserfahrung, sondern nur (wenn auch
schwach) mit dem höchsten akademischen Abschluss
(r
s
= .159, p < .001).
Ähnliche Antworthäufigkeiten finden sich zum
Item „Wie häufig nutzen Sie Ergebnisse aus empi-
rischen Studien für die Anliegen Ihrer Klienten/Kli-
entinnen?“. Dazu gaben 41,7% der antwortenden
Sozialarbeitenden „gelegentlich“ an, etwas weniger
(39,6%) nutzen „selten“ bzw. „nie“ empirische Studi-
en für ein solches Anliegen. Lediglich 1,7% gaben in
dieser Stichprobe von Sozialarbeitenden an, immer“
auf empirische Forschung zurückzugreifen und 17,0%
tun dies „oft“. Damit lässt sich die Tendenz bestätigen,
dass ein Einbezug empirischer Studien in der Praxis der
Abb. 1: Antworten zur Aussage „Wissenschaft-
liches Wissen ist in der Praxis der Sozialen Ar-
beit nützlich“ (Häufigkeiten in Prozent, N = 583)
4444 Schwerpunkt
Wenn ein Einbezug von Wissenschaft in der Praxis der
Sozialen Arbeit eher selten gefordert wird, so ist des
Weiteren zu vermuten, dass auch eine Auseinanderset-
zung mit diesem Wissen von Organisationen der Sozi-
alen Arbeit selten gefördert wird. Mit den Ergebnissen
auf die Frage: „Wie stark wird eine Auseinandersetzung
mit wissenschaftlichem Wissen von Ihrem Arbeitgeber/
Ihrer Arbeitgeberin unterstützt?“ kann diese Vermu-
tung bekräftigt werden. So zeigt sich bei untenstehen-
dem Balkendiagramm, dass eine derartige Unterstüt-
zung nur selten starkoder sehr stark“ empfunden
wird. Eine schwache Korrelation zeigt sich nur mit
der Art des Hochschulabschlusses (r
s
= .128, p < .01).
Diskussion
Die hier vorgestellten Ergebnisse dieser standardisier-
ten Befragung von berufstätigen Sozialarbeitenden
zeigen zwar grundsätzlich eine positive Haltung zu
wissenschaftlichem Wissen, ein Einbezug in die Pra-
xis aber lässt sich eher selten feststellen. Mit Blick auf
die Professionalisierung respektive Professionalität
der Sozialen Arbeit ist dieses Ergebnis durchaus kri-
tisch zu betrachten. Neben der fehlenden organisati-
onalen Unterstützung tragen wohl schon die Ausbil-
dung und fehlende Kompetenzen im Umgang mit wis-
senschaftlichem Wissen dazu bei, dass der Bezug auf
wissenschaftliche Studien und Theorien so gering zu
sein scheint. Getragen wird diese Annahme zum ei-
nen durch den gefundenen Zusammenhang mit dem
höchsten akademischen Abschluss, zum anderen durch
die Ergebnisse der Testfrage zu statistischem Grund-
wissen. Denn je länger sich Studierende in der wis-
senschaftlichen Ausbildung befinden, mit umso mehr
wissenschaftlichem Wissen setzen sie sich vermut-
lich auseinander und desto besser wird ihr Umgang
mit diesem Wissen sein. Diese Überlegungen führen
unweigerlich zur Frage, welche wissenschaftlichen,
vor allem auch methodischen Kompetenzen während
des Bachelorstudiums an angehende Sozialarbeitende
vermittelt werden, da der größte Teil mit diesem Ab-
schluss in die Praxis der Sozialen Arbeit geht und die
vorliegenden Ergebnisse auch zeigen, dass die Jahre
der Berufserfahrung in keinem Zusammenhang mit den
hier abgefragten Items zum wissenschaftlichen Wissen
stehen. D.h., dass die Verwendung wissenschaftlichen
Wissens in der Berufspraxis wohl eher nicht zunimmt.
Dass es wenige berufliche Situationen zu geben
scheint, in denen wissenschaftliche Begründungen von
Sozialarbeitenden erwartet werden, sollte in weite-
rer Forschung noch genauer betrachtet werden. Denn
dass sich Sozialarbeitende nicht ausschließlich aus rein
theoretischen oder normativen Gründen mit wissen-
schaftlichem Wissen beschäftigen, ist nachvollziehbar.
Es bedarf ebenso einer extrinsischen Motivation, also
einer Forderung und Förderung der Auseinanderset-
zung mit diesem Wissen von Seiten der Einrichtungen,
in denen gearbeitet wird.
in ihrer Arbeit nutzen, passt auch zu den Antworten
auf eine Testfrage nach statistischen Grundkenntnis-
sen: So kannten (immerhin) 33,1% der antwortenden
Sozialarbeitenden die richtige Antwort „p-Wert“ als
Maßzahl für statistische Signifikanz. Hierbei muss aber
die Dominanz qualitativer Forschung in der Sozialen
Arbeit ebenso berücksichtigt werden wie der Umstand,
dass empirische, insbesondere statistische Methoden
in der Ausbildung wie auch in der Praxis Sozialer Ar-
beit noch keine zentrale Rolle haben. Zudem darf nicht
vergessen werden, dass in der interdisziplinären Sozi-
alen Arbeit vielerlei verschiedenes Fachwissen erlernt
werden muss.
Die bisher dargestellten Ergebnisse betreffen die Per-
son der/des Sozialarbeitenden. Der Einbezug von wis-
senschaftlichem Wissen sollte aber auch von den Or-
ganisationen der Sozialen Arbeit gefördert werden, wie
es z. B. in der Medizin selbstverständlich ist. Dazu wur-
den die Sozialarbeitenden gebeten, auf einer fünfstufi-
gen Skala anzugeben, wie oft sie in ihrem beruflichen
Kontext gezwungen sind, ihr Handeln wissenschaftlich
zu begründen. Die Hälfte der Befragten (49,9%) gab an,
„nie“ oder „selten“ zu einer solchen Begründung aufge-
fordert zu werden. 29,2% müssen dem „gelegentlich“
nachkommen und nur 20,9% „oft“ bzw. „immer“. Es
zeigt sich, dass im beruflichen Kontext bei vielen der
hier befragten Personen eher selten verlangt wird, ihr
Handeln durch wissenschaftliche Erkenntnisse zu be-
gründen. Erstmals bei dieser Variable findet sich auch
ein schwacher positiver Zusammenhang mit den Jah-
ren der Berufserfahrung (r
s
= .116, p < .01) und wiede-
rum mit der Höhe des Abschlusses (r
s
= .199, p < .001).
Abb. 3: Einschätzungen zur Förderung wis-
senschaftlichen Wissens durch Arbeitgeber
in der Praxis der Sozialen Arbeit (Häufigkei-
ten in Prozent, N = 549)
Die Ergebnisse dieser
standardisierten Befra-
gung von Berufstätige
Sozialarbeitende zeigen
zwar grundsätzlich ei-
ne positive Haltung zu
wissenschaftlichem
Wissen, ein Einbezug
in die Praxis aber
lässt sich eher selten
feststellen.
Forschung
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FORUM
sozial
2/2019
Abschließend kann nicht ausgeschlossen werden, dass
die hier vorgestellten Ergebnisse einer eher positiven
Verzerrung unterliegen. Denn vermutlich beteiligten
sich eher wissenschaftsaffinere Sozialarbeitende an
dieser Umfrage und es ist zudem möglich, dass es zu
sozial erwünschtem Antwortverhalten gekommen ist.
Die Ergebnisse aber geben wichtige Einblicke in das
Verhältnis von Wissenschaft und Praxis und zeigen zu-
dem neue Impulse für weitere Forschungen auf. n
Zudem muss sich die Frage gestellt werden, inwieweit
ein 3,5 jähriges Bachelorstudium ausreichend ist, um
eine professionelle Soziale Arbeit unter Einbezug wis-
senschaftlichen Wissens gestalten zu können. Weiter
aber könnte auch eine für die Praxis unter Umständen
nicht ausreichende Art der Wissensaufbereitung ein
Hemmnis für die Nutzung wissenschaftlichen Wissens
darstellen. Hier gilt es zu prüfen, inwieweit der Infor-
mationsbedarf der Praxis mit den vorhandenen Pub-
likationen tatsächlich abgedeckt und befriedigt wird.
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Method
Full-text available
Als Angehörige einer Profession sind Sozialarbeitende aufgefordert wissenschaftliches Wissen in ihre berufliche Praxis miteinzubeziehen. Dies wird nicht nur in der Selbstdefinition der Sozialen Arbeit sondern auch in professionstheoretischen Auseinandersetzungen deutlich. Die Bezugnahme auf wissenschaftliches Wissen trägt demnach zur Gestaltung einer professionellen Sozialen Arbeit bei. Eine wichtige Frage aber ist, welche Relevanz wissenschaftlichem Wissen in der Berufspraxis überhaupt zukommt? Das hier vorgestellte Erhebungsinstrument geht dieser Frage nach. Der Fragebogen entstand im Rahmen meiner Masterarbeit an der Hochschule in München.
Article
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This study aimed to add to the limited empirical knowledge base on evidence-based practice (EBP) and social work in Germany. Using a regional sample of 158 social workers that were recruited through stratified sampling procedures, the study examined knowledge utilisation as well as attitudes toward the use of research-based practice methods, administering a normed and internationally recognised instrument, the Evidence-Based Practice Attitude Scale (EBPAS). It further examined practitioner-level predictors of openness toward research-based methods. Findings indicated limited familiarity with the concept of EBP and showed that research and theory were not primary sources of knowledge to guide practice. Yet, attitudes toward research-based methods were overall positive and indicated considerable openness if methods made sense, were appealing, and sufficient training and support were provided. Scepticism and negative attitudes were evident in some areas (e.g. manualization, requirements). Multivariate linear regression indicated that individuals in leadership positions held more positive attitudes while a longer job tenure was inversely related to openness, approaching significance. Findings of the study are compared to the U.S. normative sample as well as a prior German study using the EBPAS. Implications for knowledge development in the discipline of social work in Germany are discussed.
Article
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Evidence-based practice in social work is an intensely debated topic, with many differing perspectives on how it should be done. However, we know surprisingly little about how social workers actually engage in professional problem solving and about the knowledge base of those processes. To shed light on this topic of social work expertise, we present a novel model of scientific reasoning and argumentation and investigate how experts and novices differ in the reasoning processes they engage in as they are confronted with social work problems. Vignettes were used to capture reasoning processes, and the corresponding verbal data was then analysed. In this study, 26 probation officers and 22 social work students participated. The findings show that experts differ from novices with respect to both their knowledge bases and the epistemic activities in which they engage. Furthermore, a cluster analysis revealed three common problem-solving strategies: evidence-based solution seeking (15 experts and 15 novices), shared problem solving (8 experts) and explanation seeking (1 expert and 7 novices). The results indicate the need to improve the practical problem solving skills of students through situated teaching methods.
Article
Die Wissenschaft Soziale Arbeit etabliert sich zunehmend und vorwiegend an Hochschulen für angewandte Forschung (HAW). Gleichwohl bleiben die Forschungsstrukturen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Sozialen Arbeit verbesserungswürdig. Die in diesem Beitrag vorgestelle Onlineerhebung belegt, dass im Feld der Sozialarbeitswissenscahft an den HAW im Vergleich zu den universitäten unter erschwerten Bedingungen geforscht wird. Die Forschung an den HAW ist stärker grundlagenbezogen als allgemein angenommen; Theorien Sozialer Arbeit gewinnen zunehmend an Bedeutung.