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Paul Tholey (2018): Gestalttheorie von Sport, Klartraum und Bewusstsein. Ausgewählte Arbeiten, herausgegeben und eingeleitet von Gerhard Stemberger. Wien: Krammer Verlag, 310 Seiten, € 36. ISBN: 978-3-901811-76-0.

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Buchbesprechung - Bookreview
Paul Tholey (2018): Gestalttheorie von Sport, Klartraum und
Bewusstsein. Ausgewählte Arbeiten, herausgegeben und eingeleitet
von Gerhard Stemberger. Wien: Krammer Verlag, 310 Seiten, € 36.
ISBN: 978-3-901811-76-0.
Paul oley (1937-1998) ist für mich nicht nur ein exzellenter Vertreter der Ge-
stalttheorie, der grundlegende Arbeiten zu Bewusstseinsphänomenen veröent-
licht und der als Pionier der Klartraumforschung weltweit Ansehen erworben
hat, sondern er hatte auch wie wenige die Fähigkeit, den erkenntnistheoretischen
Ansatz der Gestalttheorie, den Kritischen Realismus, präzise und - auch einem
Laienpublikum - verständlich zu beschreiben. Darüber hinaus gelang es ihm,
die herausragende Bedeutung dieses Ansatzes für das Verständnis verschiedenster
Bewusstseinsvorgänge abzuleiten und darzustellen.
In diesem erfreulicherweise nun vorliegenden Band benden sich die wohl
wichtigsten Arbeiten von Paul oley aus den Jahren 1977 bis 1989 zu den e-
menbereichen Sensumotorik, Bewegung und Sport, Klartraum und Bewusst-
seinsveränderung, Gestaltpsychologie und Phänomenologie. Dabei sind neben
den in der Gestalt eory erschienenen Beiträgen (vor allem zur Klartraumtech-
nik) auch bislang nur schwer zugängliche oder längst vergriene Veröentlichun-
gen. Besonders erfreulich nde ich, dass die beiden wichtigen oley-Artikel aus
der Zeitschrift BEWUSST SEIN, die bei ihrem Erscheinen nur einen kleinen
Leserkreis erreichten, in diesem Band enthalten sind und es damit möglich wird,
sie wieder einem größeren Leserkreis zur Verfügung zu stellen.
Der Sammelband vereint elf Arbeiten von Paul oley, die von Gerhard Stem-
berger in die drei emenbereiche „Gestalttheorie von Sensumotorik, Bewegung
und Sport“, „Gestalttheorie des Klartraums und der Bewusstseinsveränderung“
und „Zur Gestaltpsychologie und Phänomenologie“ aufgeteilt werden.
In seiner sehr lesenswerten Einleitung stellt Gerhard Stemberger die elf Artikel
oleys in einer Übersicht vor und vermittelt dem Leser bereits die ersten Ein-
sichten in die von oley formulierten Erkenntnisse, sowie deren Bedeutung für
die Weiterentwicklung der Gestalttheorie und damit auch für die Gestalttheo-
retische Psychotherapie. Die Denk- und Arbeitsweise Paul oleys, sowie seine
wissenschaftliche Intention und sein gesellschaftspolitischer Anspruch treten klar
hervor und regen an, sich intensiver mit diesen Texten zu beschäftigen.
GESTALT THEORY, DOI 10.2478/gth-2019-0028
© 2019 (ISSN 2519-5808); Vol. 41, No. 3, 319–322
Open Access. © 2019 Rainer Kästl, published by Sciendo. This work is
licensed under the Creative Commons Attribution NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License.
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GESTALT THEORY, Vol. 41, No. 3
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Gestalttheorie von Sensumotorik, Bewegung und Sport
Dieser Abschnitt besteht aus drei Arbeiten, die in einem engen Zusammenhang
stehend verstanden werden können. In „Erkenntnistheoretische und systemthe-
oretische Grundlagen der Sensumotorik“ (1980), „Sensumotorisches Lernen als
Organisation des psychischen Gesamtfeldes“ (1984) und „Prinzipien des Leh-
rens und Lernens sportlicher Handlungen aus gestalttheoretischer Sicht“ (1987)
beschreibt oley ausführlich und umfassend die Erkenntnistheorie der Gestalt-
theorie, den Kritischen Realismus mit der klaren Trennung zwischen physika-
lischer und phänomenaler – also erlebter - Welt, der ihm stets als theoretisches
Fundament für seine weiteren Schlussfolgerungen dient. Er zeigt auf, dass sensu-
motorische Vorgänge und das Gelingen oder Scheitern von Bewegungen erklärt
werden können, wenn wir sie als ein ständiges Rückkoppelungssystem in unserer
phänomenalen Wahrnehmungswelt verstehen. Welche praktischen Folgerungen
sich daraus ergeben können, beschreibt er sehr eindrücklich am Beispiel des Er-
lernens von sportlichen Fertigkeiten, bei denen unsere Wahrnehmungswelt eine
entscheidende Rolle spielen kann. Z.B. kann die Vorstellung des Skifahrers, die
Skier wären nicht Sportgeräte außerhalb seines Körpers, sondern mit seinem
Körper verwachsen, also Teil des erlebten Körpers, die Bewegungsabläufe des Ski-
fahrers wesentlich verändern und erleichtern. Dass derartige Erkenntnisse nicht
nur für das Erlernen von sportlichen Fähigkeiten dienlich sind, sondern darüber
hinaus in vielen Lebenslagen von Bedeutung sein können (hier könnte auch Be-
hindertenarbeit genannt werden), belegt die weiten Anwendungsmöglichkeiten
der Forschungsergebnisse von Paul oley in diesem Feld.
Gestalttheorie des Klartraums und der Bewusstseinsveränderung
In sechs Beiträgen werden die theoretische Begründung und die Forschungsergeb-
nisse oleys zum Klartraum und zur Klartraumtechnik dargestellt und nach-
vollzogen. „Der Klartraum. Seine Funktion in der experimentellen Traumfor-
schung“ (1977), „Klarträume als Gegenstand empirischer Untersuchungen“
(1980), „Empirische Untersuchungen über Klarträume“ (1981), „Haben
Traumgestalten ein eigenes Bewusstsein? Eine experimentell-phänomenologische
Klartraumstudie“ (1985), “Bewusstsein, Bewusstseinsforschung, Bewusst Sein“
(1989) und „Die Entfaltung des Bewusstseins als ein Weg zur schöpferischen
Freiheit – Vom Träumer zum Krieger“ (1989) gelten als ganz wesentliche Beiträge
zur Klartraumforschung und zur zunehmenden Dierenzierung in der Entwick-
lung dieses Forschungsgegenstandes. In ihnen entwickelt oley einen eigenen
Zugang zum Verständnis des Traumes und des Träumens. Stets bezieht er sich
in seinen Überlegungen auf den Kritischen Realismus, mit dessen Grundlagen
er eine hilfreiche Beschreibung des Unterschiedes zwischen Wach- und Traum-
wirklichkeit entwickelt und darüber hinaus verschiedene Bewusstseinszustände
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Paul Tholey (2018): Gestalttheorie von Sport, Klartraum und Bewusstsein
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verständlich macht, die für ihn bei der Entwicklung eines freien Menschen in
einer freien Gesellschaft von Bedeutung sein können. Besonders in seinem letz-
ten Beitrag beschäftigt er sich mit der Entfaltung des Bewusstseins und einer
Persönlichkeitsentwicklung, die von einer egozentrischen zu einer mitwelt-
bezogenen Sicht- und Lebensweise führen kann. Darin verdeutlichen sich auch
seine gesellschaftspolitischen Forderungen, die ihm bei seiner wissenschaftlichen
Tätigkeit stets ein großes Anliegen waren.
Zur Gestaltpsychologie und Phänomenologie
In zwei Beiträgen „Gestaltpsychologie“ (1980) und „Deshalb Phänomenologie!
Anmerkungen zur experimentell-phänomenologischen Methode“ (1986) ver-
deutlicht oley seinen wissenschaftlichen und theoretischen Standpunkt. Beim
ersten Beitrag handelt es sich um eine beeindruckende und dierenzierte Beschrei-
bung der Gestaltpsychologie, die ihm bei all seinen Forschungen als Grundlage
dient. Der zweite Beitrag enthält eine ausführliche Darstellung und Begründung
des von ihm vertretenen phänomenologisch-experimentellen Ansatzes, womit er
auch nochmals belegt, was ihn in seinen in diesem Band veröentlichten Arbei-
ten zu den verschiedenen emenbereichen als wissenschaftliche Orientierung
angeleitet hat.
Es ist ein großer Verdienst Gerhard Stembergers, diese elf wichtigen Beiträge
Paul oleys in einem Band zusammengestellt und dem interessierten Leser
wieder zugänglich gemacht zu haben. Auch wenn sie bereits vor Jahren erst-
mals veröentlicht wurden, so haben die beschriebenen Forschungsansätze und
-ergebnisse nichts an Aktualität verloren und gehören weiterhin zur Standardlite-
ratur der Gestalttheorie. Die Texte sind gleichzeitig Nachschlagwerk wie auch
stete Herausforderung nach wiederholter und vertiefter Lektüre, um sich selbst
immer wieder mit den gestalttheoretischen Konzepten auseinanderzusetzen und
den Wert dieses theoretischen Ansatzes ausschöpfen zu können.
Rainer Kästl, Lindau
Rainer Kästl, geb. 1949, Dipl. Psych., Psychotherapeut (Gestalttheoretische Psychotherapie, Integrative
Gestalttherapie) und Supervisor in Lindau/Bodensee und Wien, mehrere psychotherapeutische Aus- und
Weiterbildungen. Lehrtherapeut in der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psycho-
therapie (ÖAGP). Veröentlichungen zu den Grundkonzepten Gestalttheoretischer Psychotherapie.
Adresse: Oberer Schrannenplatz 4, D-88131 Lindau/Bodensee, Deutschland
E-mail: praxis-kaestl@t-online.de
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