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Leitfaden "Auf Augenhöhe". Wertschätzender Umgang im beruflichen Alltag der Gesundheits-und Sozialberufe. Beschämung verhindern – Gesundheit fördern

Authors:
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Abstract

Viele Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenslage befinden oder Armutserfahrungen gemacht haben, kennen Situationen, in denen sie abwertend und schlecht behandelt werden. Diese Erfahrungen von Beschämung gehen meist nicht spurlos an ihnen vorüber. Kränkungen machen eben auch krank! Wir, die Armutskonferenz (ein Netzwerk von sozialen Organisationen) und die Plattform „Sichtbar Werden“ (ein Zusammenschluss von Menschen, die selbst von Armut betroffen sind oder waren) haben uns daher überlegt, dass wir gerne etwas gegen Beschämung tun möchten. Dieser Leitfaden soll helfen, beschämende Situationen zu vermeiden. Und er soll uns motivieren, für Rahmenbedingungen einzutreten, die Begegnungen auf Augenhöhe möglich machen.
Beschämung verhindern – Gesundheit fördern
LEITFADEN
AUF AUGENHÖHE
Wertschätzender Umgang im beruflichen Alltag
der Gesundheits- und Sozialberufe
2
IMPRESSUM
Herausgeberin:
Die Armutskonferenz.
Herklotzgasse 21/3, 1150 Wien
Mail: office@armutskonferenz.at, Tel: 0043-1-4026944
Web: www.armutskonferenz.at
Redaktion:
Die Armutskonferenz und VertreterInnen der Plattform Sichtbar Werden: Rosemarie Barth,
Lothar Furtner, Silvia Gangl, Vera Hinterdorfer, Astrid Kirchsteiger, Alban Knecht,
Robert Rybaczek-Schwarz, Christine Sallinger, Martin Schenk, Wolfgang Schmidt,
Marianne Schulze, Maria Strasser, Wolfgang Süß.
ÜBER DIE HERAUSGEBERINNEN
Die Armutskonferenz
Die Armutskonferenz ist seit 1995 als Netzwerk von über 40 sozialen Organisationen sowie Bildungs-
und Forschungseinrichtungen aktiv. Sie thematisiert Hintergründe und Ursachen, Daten und Fakten,
Strategien und Maßnahmen gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Österreich. Gemeinsam mit
Armutsbetroffenen engagiert sie sich für eine Verbesserung deren Lebenssituation.
Plattform Sichtbar Werden
Die Plattform Sichtbar Werden ist als Teil der Armutskonferenz ein Zusammenschluss von Menschen
und Initiativen mit Armuts-, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen aus ganz Österreich. Als
Delegierte zahlreicher Initiativen und Vereine (wie Alleinerziehende, Straßenzeitungs-VerkäuferInnen,
User-VertreterInnen u.a.) vertreten sie direkt die Interessen von Menschen mit Armutserfahrungen.
ANMERKUNGEN
Zitate:
Die Zitate in den grauen Kästchen stammen von Menschen mit Armutserfahrungen, die in der
Plattform Sichtbar Werden vernetzt sind. Diese Zitate sind auf Wunsch anonymisiert. Die Zitate in
den farbigen Kästchen stammen von Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsbereich und
der Verwaltung.
Danke allen ExpertInnen mit Armutserfahrungen und ExpertInnen aus Gesundheits- und Sozialberufen
für die Kommentare und Statements.
Grafik & Layout: www.hiasl.at
Erste Auflage: Oktober 2019
Das Projekt „GWB – Gesundheitsförderung zwischen Wertschätzung und Beschämung – Gesundheitliche
Belastungen von Armutsbetroffenen durch Abwertung und vorenthaltene Anerkennung vermeiden“ wird
gefördert aus Mitteln des Fonds Gesundes Österreich.
3
INHALTSVERZEICHNIS
ÜBER DIESEN LEITFADEN ............................................................................4
ARMUT IN ÖSTERREICH ................................................................................5
WIE BESCHÄMUNG FUNKTIONIERT .............................................................6
BESCHÄMUNG UND GESUNDHEIT ...............................................................7
RECHTLICHE GRUNDLAGEN:
ANTI-DISKRIMINIERUNG UND GLEICHBEHANDLUNG ................................8
INSTITUTIONELLE ANTI-STIGMA-ARBEIT ....................................................9
VON ZEITKNAPPHEIT UND EINGESCHRÄNKTEN
HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN ................................................................... 11
WERTSCHÄTZENDER UMGANG MIT PATIENTEN UND KLIENTEN ............ 12
KLARE BESCHWERDEWEGE SCHAFFEN ...................................................13
BEGLEITUNG - EINE WIN-WIN-SITUATION ................................................14
MITBESTIMMUNG UND PARTIZIPATION .....................................................15
FORDERUNGEN DER PLATTFORM SICHTBAR WERDEN UND
DER ARMUTSKONFERENZ ..........................................................................17
DAS PROJEKT .............................................................................................. 18
4
ÜBER DIESEN LEITFADEN
Viele Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenslage benden oder
Armutserfahrungen gemacht haben, kennen Situationen, in denen sie abwertend
und schlecht behandelt werden. Diese Erfahrungen von Beschämung gehen
meist nicht spurlos an ihnen vorüber. Kränkungen machen eben auch krank!
Wir, die Armutskonferenz (ein Netzwerk von sozialen Organisationen) und die
Plattform „Sichtbar Werden“ (ein Zusammenschluss von Menschen, die selbst von
Armut betroen sind oder waren) haben uns daher überlegt, dass wir gerne etwas
gegen Beschämung tun möchten.
Dieser Leitfaden soll helfen, beschämende Situationen zu vermeiden. Und er soll uns
motivieren, für Rahmenbedingungen einzutreten, die Begegnungen auf Augenhöhe
möglich machen.
„Im Beratungsgespräch gilt es auch Respekt vor den individuellen
Beziehungen, die andere miteinander haben, zu zeigen, auch wenn
klar wird, dass es darin Schwierigkeiten gibt – z.B. in Bezug auf den
Partner einer Patientin, den Vater eines Kindes oder die Tochter eines
Pflegebedürftigen. Es muss über jeden Menschen so gesprochen
werden, dass niemand vorgeführt wird, also keine Person direkt
abgewertet, verurteilt oder kritisiert wird. Umso wichtiger kann es
jedoch sein, grenzverletzende und schädliche Handlungen (wie
Verwahrlosung, Gewalt, Ignorieren etc.) als solche zu benennen. Hier
ist die Unterscheidung zwischen der Person und ihren Taten
wesentlich! Auch bei Situationen zu dritt sollte berücksichtigt werden,
dass nichts über einen Menschen vor Dritten erzählt wird, was er
nicht selber erzählen kann und will. Gerade hier gilt es auf Vertrau-
lichkeit zu achten“.
Hedwig Wölfl, Psychologin
„Ich denke wir sollten alle bei uns selbst einmal
anfangen. Jeder einzelne ist etwas wert und wir sind
viel wert. Es hat keiner das Recht, dass jemand
schlecht über uns redet oder Einfluss auf unseren
Selbstwert nimmt. Wir müssen dort anfangen, dass
wir unseren Wert selbst bestimmen.“
5
Armut bedeutet immer einen Mangel an
Möglichkeiten. Wer von Armut betroen
ist, hat ein geringes Einkommen, schlechte
Bildungschancen, ist häuger krank und
kann am gesellschalichen Leben nur
eingeschränkt teilnehmen.
WAS HEISST „MANGEL AN MÖGLICHKEITEN“?
Das bedeutet zum Beispiel abgetragene Kleidung nicht ersetzen, sich nicht gesund
ernähren, die Wohnung nicht warm halten und keine unerwarteten Ausgaben
tätigen zu können. Wer in Armut lebt, erfährt o auch Ausgrenzung, Einsamkeit
und Isolation. Sie oder er kann es sich nicht mehr leisten, FreundInnen oder
Verwandte zu sich zum Essen einzuladen, gelegentlich ins Café, ins Kino oder zum
Sport zu gehen.
GIBT ES IN ÖSTERREICH ÜBERHAUPT ARMUT?
Ja. Von Armut betroen ist nicht nur, wer auf der Straße oder in Pappschachteln
schlä. In reichen Ländern wie Österreich ist Armut o erst auf den zweiten Blick
sichtbar. Auf den ersten Blick unterscheidet sich Armut in Österreich und Europa
stark von Armut in jenen Ländern, in denen es für viele Menschen o weder
Schulen noch Krankenhäuser gibt und Millionen täglich gegen Unterernährung und
Seuchen kämpfen. Gemeinsam ist Armutsbetroenen hier und dort der Mangel an
Lebenschancen und Ressourcen. Dazu gehören Ernährung und Wohnraum genauso
wie Bildung, Gesundheit, Freundschaen, Anerkennung und die Möglichkeit den
eigenen Lebensraum mitzugestalten.
WER IST BETROFFEN?
Armut kann jede und jeden treen. Frauen sind stärker als Männer gefährdet. Ein
Viertel der Armutsbetroenen sind Kinder. Ihre Eltern sind krank, alleinerziehend,
erwerbslos oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Sind die Eltern von
Armut betroen und fehlen Aufstiegschancen, bleiben es o auch die Kinder ihr
ganzes Leben lang.
ARMUT IN ÖSTERREICH
„Armut für mich bedeutet einen Mangelzustand. Wenn ich für mich selber
das Gefühl habe, ich lebe im Mangel. Das ist Nummer eins. Das ist aber was
sehr Relatives und Subjektives. Und zweitens, wie ich auch von den anderen
gesehen werde im Vergleich. Armut ist ja was Relatives, weil es immer im
Vergleich zu anderen passiert. Wie leben andere, wie können andere ihr
Leben gestalten und wie geht es mir.“
6
„EINE BEDROHUNG, DIE LEICHT IN DER LUFT, ABER SCHWER
AUF KÖRPER & GEIST LIEGT“
Ich werde zum Objekt des Blickes anderer gemacht. Andere bestimmen wie ich
mich zu sehen habe. Das ist ein massiver Eingri. Betroene fürchten in diesen
Augenblicken ihr Gesicht zu verlieren und wissen ihr Ansehen bedroht. In
Extremfällen fühlt sich die Scham so an, als ob man im Erdboden versinken will.
Man möchte o nicht so gesehen werden, wie ein anderer einen sieht. Manchmal
stellt sich auch das Gefühl ein, dass man nicht mehr richtig denken kann.
ORTE DER BESCHÄMUNG
Menschen mit Armutserfahrungen nennen als Orte der Beschämung Behörden,
Krankenhäuser, Praxen, aber auch Orte wie Gaststätten oder öentliche Verkehrs-
mittel. Einige Betroene fanden auch Reden im Parlament und Texte aus Zeitungen
beschämend.
ZUTRAUEN
Wenn man eine Gruppe verletzlich macht hinsichtlich des negativen Blickes, der
in der Gesellscha vorherrscht, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Wer damit
rechnet als unterlegen zu gelten, bringt schlechtere Leistungen. »Stereotype threat«
wird dieser Eekt genannt: Bedrohung
durch Beschämung. Umgekehrt heißt
das, dass die besten Entwicklungsvor-
aussetzungen in einem anerkennenden
Umfeld zu nden sind, dort, wo wir an
unseren Erfolg glauben dürfen. Zukun
gibt es, wo wir an unsere Fähigkeiten
glauben dürfen, weil andere an uns
glauben. Wo ich meinem Können traue,
dort gibt es auch welche, die mir etwas
zutrauen.
WIE BESCHÄMUNG FUNKTIONIERT
„Dann sagt er zu mir, na ich soll fasten, weil er fastet ja auch jeden zweiten
Tag, und dann hat er mir erklärt, er läuft Marathon. Dann schau ich ihn an
und sage: ‚Naja, Sie sind aber ein gesunder Mensch’. Darauf sagt der Pflege-
gutachter zu mir: ‚Naja, wie wär’s denn einmal mit ein bisschen Disziplin?’
Woher will der wissen, wieviel Disziplin ich aufbringen muss, um komplett
allein stehend, schwer behindert, in Armut lebend, überhaupt noch mein Le-
ben zu gestalten?!
„‚Die Person ist ein Sozialfall.’ Ich
finde das sowas von abschätzig. Ich
bin kein Fall, ich bin ein Mensch.
Das allein ist doch schon
geringschätzig genug. Und das wird
aber gebraucht. Dass man immer
ein Fall ist. Quasi, ich bin gezwungen,
sozusagen, auf soziale Arbeit
zurückzugreifen, ob ich will oder
nicht. Aber die Menschenwürde
geht dabei verloren.“
7
Viele Menschen, die z.B. durch Arbeitslosigkeit, Armut oder eine sichtbare
Behinderung benachteiligt sind, machen häuge und andauernde
Beschämungserfahrungen. Diese Erfahrungen führen zu Stress und
gesundheitlichen Belastungen.
Manche Menschen stellen in solchen Situationen sich und ihre Existenz in Frage
und Selbstzweifel plagen sie. Sie haben den Eindruck, nicht mehr denken zu können
und erleben depressive Verstimmungen. Häug geht damit ein Rückzug aus dem
öentlichen Leben einher. Andere sind frustriert oder werden wütend oder aggressiv
angesichts der erlebten Abwertung ihres Selbst und Ihrer Bemühungen, ein gesell-
schalich anerkanntes Leben zu führen.
Das Leben in benachteiligten Lebens-
situationen führt zu viel Stress. Die
häuge Erfahrung von Stress führt –
zusammen mit den Schwierigkeiten,
von wenig Geld leben zu müssen und
den existentiellen Sorgen – zu einer dauerhaen Stressbelastung, die die Gesundheit
schädigt und psychische, psychosomatische und somatische Erkrankungen mit sich
bringen kann.
Beschämung geht unter die Haut: Die stärksten Wirkungen äußern sich in
erhöhtem Stress und höheren Raten psychischer Erkrankungen.
Beschämung schneidet ins Herz:
Die stärksten Zusammenhänge nden sich
mit Bluthochdruck und Herzerkrankungen.
Beschämung schadet der Gesundheit:
Je öer, je länger und je stärker die Verach-
tung, desto schädlicher.
BESCHÄMUNG UND GESUNDHEIT
„Ich habe immer wieder beschä-
mende Erfahrungen bei unter-
schiedlichen Ämtern gemacht,
die mich schlecht behandelt oder
runtergemacht haben. Ich wurde
so oft nicht richtig wahrgenom-
men. Und es schwingt so unter-
schwellig mit: ‚Das sind nur Owe-
zahrer. Die muss ich erhalten.
Und die psychische Belastung,
die daraus entsteht, der Druck,
den man aus vielerlei Richtung
verspürt, ist immens. Das hat
mich die Gesundheit zwar nicht
total gekostet, aber sie doch be-
einträchtigt, dauerhaft.“
„Für keinen Menschen sind
Erniedrigungen und Demütigungen
gut. Das sind ja Kränkungen. Es gibt
die gekränkte Wut. Und dass der
Selbstwert angegriffen wird.“
8
Beschämung, Geringschätzung und Respektlosigkeit lösen nicht nur negative
Emotionen aus, sie können auch Menschen schlechter stellen und so dem
Gebot der Gleichbehandlung widersprechen und die Gleichstellung untergraben.
Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine Diskriminierung vorliegen, die
rechtliche Konsequenzen haben kann.
Das Gleichbehandlungsgebot fordert ein, dass Menschen im Zugang zu Dienstleis-
tungen gleich behandelt werden. Beispielsweise wird der Zugang zur Gesundheits-
versorgung in weiten Bereichen vom Gleichbehandlungsgebot erfasst. Beschämung,
Geringschätzung bzw. Diskriminierung sind juristisch dann relevant, wenn sie auf
Grund bestimmter Merkmale geschehen. Das europäische Recht, die EU-Grund-
rechtecharta, erkennt folgende Diskriminierungsgründe an: Geschlecht, Ethnie,
Hautfarbe, soziale Herkun, genetische Merkmale, Sprache, Religion oder Weltan-
schauung, politische oder sonstige Anschauung, Zugehörigkeit zu einer nationalen
Minderheit, Vermögen, Geburt, Behinderung, Alter und sexuelle Identität.
International wird auch der Diskriminierung auf Grund des Gesundheitszustandes
Schutz zugesprochen.
Häug werden Personen auf Grund mehrerer Merkmale diskriminiert; man spricht
dann von Mehrfachdiskriminierung.
Zur Sicherstellung von Gleichstellung werden manchmal Maßnahmen ergrien,
die Personen, deren Lebensumstände besonders schwierig sind, vergleichsweise
besser stellen – das wird als „positive Diskriminierung“ bezeichnet. Diese Art der
Förderung soll die Erreichung von Gleichstellung leichter machen und wird gerade
auch im Gesundheitsbereich sehr befürwortet; internationale Standards thematisie-
ren in diesem Zusammenhang auch die Gesundheitsversorgung in Ha und anderen
segregierten Orten besonders.
Die Freiheit, frei von Stigma zu leben und damit verbunden man selbst zu sein, ist
ein wichtiger Aspekt in der Sicherstellung eines würdevollen Lebens im Sinne der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
RECHTLICHE GRUNDLAGEN:
ANTI-DISKRIMINIERUNG UND GLEICHBEHANDLUNG
LITERATURTIPPS ZU DIESEM THEMA:
DEU-Grundrechtecharta: www.europarl.europa.eu/charter/pdf/text_de.pdf
Stellungnahme zur Behindertenrechtskonvention: www.monitoringausschuss.at/stel-
lungnahmen/barrierefreie-behoerdenwege-30-10-2014
FRA Bericht zur Mehrfachdiskriminierung im Gesundheitsbereich:
fra.europa.eu/en/publication/2013/inequalities-discrimination-healthcare
9
Wie können Behörden und Gesundheitseinrichtungen gesellschasverändernd
und bewusstseinsbildend agieren?
In den letzten Jahren wird verstärkt durch Medien, Politiker und Politikerinnen ein
negatives Bild von Armutsbetroenen in der Gesellscha gezeichnet. So werden
etwa gezielt „Missbrauchsmythen“ geschürt, obwohl Studien zeigen, dass Missbrauch
von Sozialleistungen im Promillebereich angesiedelt ist. Tatsächlich sind Arbeitslo-
sigkeit und Armut vor allem gesellschalich verursachte Phänomene, die etwa vom
Wirtschaswachstum und anderen „Makrofaktoren“ abhängen.
Auch Behörden, Ämter und andere Institutionen können sich dafür einsetzen,
mehr gesellschaliches Bewusstsein für die tatsächlichen Zusammenhänge und die
schwierigen Lebensumstände von Betroenen zu erreichen. Sie können konkrete
Maßnahmen setzen, um einen sensiblen Umgang mit benachteiligten Personen
zu fördern.
INSTITUTIONELLE ANTI-STIGMA-ARBEIT
„Oder ich hab mir anhören können ‚Wenn Sie nicht zufrieden sind, in Afrika
wären Sie schon tot.’ So wird schon gearbeitet. Halt ja den Mund und sei ja
bequem und sei immer schön zufrieden, weil es könnte ja noch schlechter
sein. Aber es ist immer alles relativ. Relativ zur Umgebung. Weil, wenn ich mit
Freunden fortgehe, die halt eine Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise im Lokal
konsumieren, und ich bestell mir ein Glas Wasser, dann ist das halt dann, wie
gesagt, immer alles relativ.“
10
So hat beispielsweise das Gesundheitsamt der Stadt Graz einen Folder zum ema
psychische Erkrankungen herausgegeben, der dazu beitragen möchte das ema
zu enttabuisieren. Er klärt darüber auf, dass psychische Erkrankungen sehr stark
verbreitet sind und regt Betroene an sich Unterstützung zu holen.
Auch andere Maßnahmen, die in den weiteren Kapiteln dieser Broschüre behandelt
werden, wie die partizipative Einbindung von Betroenen (KlientInnen),
klare Beschwerdewege etc. können helfen gegen Stigmatisierung vorzugehen.
„Mit unserem Folder möchten wir Menschen ermutigen, den ersten
Schritt zu setzen und sich Unterstützung bei seelischen Krisen und
seelischen Erkrankungen zu holen. Gleichzeitig hoffen wir, damit und
mit weiteren Maßnahmen einen Beitrag zu leisten, dass Betroffene
und auch Angehörige die Enge der Stigmatisierung durchbrechen und
die benötigte Hilfe zeitgerecht bekommen. Wir verstehen es als
Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes Stigmatisierung
entgegenzuwirken.“
Dr. Eva Winter, Gesundheitsamt der Stadt Graz
Mag. Robert Krotzer
Stadtrat für Gesundheit und Pege
Ihr
Foto: Antonia Renner
LIEBE GRAZERINNEN
UND GRAZER
Was haben Knochenbrüche, die Masern,
chronische Kreuzschmerzen und psychische
Erkrankungen gemeinsam?
Sie können alle treen.
Sie treen viele.
Sie können vermieden werden.
Sie können geheilt werden.
Für viele Menschen sind psychische
Erkrankungen leider noch ein Tabu.
Man redet nicht darüber. Genau das sollte
man aber tun. Dieser Folder soll es erleichtern,
einen ersten Schritt zu machen.
ES BETRIFFT
UNS ALLE
Bitte beachten Sie:
Der Übergang zwischen psychischer Gesundheit
und psychischen Erkrankungen ist ießend.
Einzelne Merkmale treten auch bei völlig gesunden
Menschen auf. Wenn Sie also den Eindruck haben,
einzelne Merkmale treen auch auf Sie zu, muss Sie
das nicht beunruhigen. Wenn Sie stark unter diesen
Symptomen leiden, sollten Sie aber Hilfe suchen.
Sicher ist sicher.
OHNE BIER
kann ich nicht entspannen
DIE ANGST
lähmt mich manchmal völlig
PANIK
habe ich oft aus heiterem Himmel
MEIN KÖRPER
fühlt sich manchmal
fremd an
ERSCHÖPFUNG
macht sich seit Wochen bei mir breit und
ich mag nicht aufstehen
Quellen: Mental health problems in Austrian adolescents: a nationwide, two-stage epidemiological
study applying DSM-5 criteria, Wagner, G. et al. (2017), Gesundheitsbericht für die Steiermark (2015)
7,5 %
der Steirerinnen und Steirer berichten
von einer Depression oder davon, bereits
eine solche erlebt zu haben.
35,82 %
davon berichteten von zumindest einer
solchen Phase in der Vergangenheit.
24 %
der österreichischen Jugendlichen
zwischen 10 und 18 Jahren zeigten 2017
Hinweise auf eine aktuell bestehende
psychische Störung.
470.000
Menschen sind älter als 60 Jahre.
430.000
davon sind im erwerbsfähigen Alter
von 18 bis 60 Jahren.
900.000
betroene Menschen österreichweit
berichten von einer Phase psychischer
Erkrankung.
„Was haben Knochenbrüche,
die Masern, chronische Kreuz-
schmerzen und psychische
Erkrankungen gemeinsam? Sie
können alle treffen. Sie treffen viele.
Sie können vermieden werden. Sie
können geheilt werden“, leitet der
Folder treffend ein.
11
Wie kann man mit dieser Situation umgehen?
Wichtig ist sich klarzumachen, dass es nicht die KlientInnen sind, die diese
unbefriedigenden Situationen schaen, sondern z.B. unternanzierte Strukturen
des Sozial- und Gesundheitswesens.
Dementsprechend sollte der Druck auch in Form von Rückmeldungen, Feed back
und in Berichten nach oben weitergegeben werden – und nicht auf die Klient-
Innen ausgeübt werden.
O hil es, die eigene Situation und die Beschränktheit der Handlungs möglich-
keiten transparent zu machen. Ein ehrlicher und oener Umgang über das, was
möglich und nicht möglich ist, erönet manchmal auch einen besseren Austausch
über verbleibende Handlungsspielräume und die – unter den gegebenen
Bedingungen – bestmöglichen Lösungen.
Ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis wird o belächelt, dabei mag dahinter Einsam-
keit stehen, jedenfalls ein unerfülltes Grundbedürfnis nach Kommunikation.
In vielen Behörden und sozialen Einrichtungen müssen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter eine hohe Arbeitslast bewältigen. Zeitknappheit herrscht vor, weil alle
Abläufe schnell von statten gehen müssen.
ÄrztInnen, PegerInnen oder ReferentInnen und SachberearbeiterInnen auf
Ämtern leiden o selbst unter diesen Rahmenbedingungen. Viele würden gerne in
umfangreicherem Maße helfen, zuhören und sich einlassen.
„Was mir im Umgang mit Pflegebedürftigen wichtig ist:
Zuhören und zuhören können, auf Augenhöhe reden und
arbeiten. Und: Eine mehrdimensionale Sicht entwickeln.“
Anneliese Gottwald, Dipl.Gesundheits- und Krankenpflegerin
VON ZEITKNAPPHEIT UND EINGESCHRÄNKTEN HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN
12
Dr. Eva Pilz, Ärztin für Allgemeinmedizin, hat folgende Punkte für
wertschätzenden Umgang formuliert:
Zuhören und ausreden lassen! Wir wissen, dass es ca. 90 Sekunden dauert, bis ein
Patient zu Beginn des Gesprächs seine Anliegen vorbringt.
Gefühle ansprechen: „Sie wirken verärgert, ich glaube, das hat Sie jetzt wirklich
aufgeregt, ist sehr belastend für Sie.“
Oene Fragen stellen: „Was wünschen Sie sich von mir, wie kann ich Sie
unterstützen?“
Bei verärgerten, aufgeregten, sehr fordernden PatientInnen oder wenn Vorwürfe
kommen: zuhören, nicht gleich in Rechtfertigungsposition oder „Gegenangri “
übergehen. Eine der wichtigsten Grundregeln: versuchen, die Patientenperspekti-
ve einzunehmen: Warum agiert jemand auf gewisse Art und Weise?
Immer Wünsche abfragen und mit PatientIn gemeinsam abwägen, wie die
nächsten Schritte aussehen. Bei unrealistischen Zielen Alternativen suchen –
jedenfalls erapieziele gemeinsam entwickeln, Vorschläge machen.
Immer nachfragen, ob die Patientin oder der Patient verstanden hat,
was besprochen wurde!
Oene, zugewandte Körperhaltung, Unterbrechungen vermeiden.
„In erster Linie braucht gute
Kommunikation Wertschätzung. Das
heißt für mich, dass ich die Meinung
und die Lebenserfahrungen des
anderen so annehme, wie sie sind, ohne
gleich zu werten. Und ich versuche, das
zu akzeptieren und auch mit den Augen
des anderen zu sehen.“
13
Klare Beschwerdewege stellen die beste Prävention dar, um Beschämung und
Diskriminierung in einer Einrichtung zu vermeiden. Vorfälle müssen in einer
Organisation an einer Stelle gesammelt werden, da nur so bei Wiederholungen
schnell reagiert werden kann.
Beschwerdewege müssen so gestaltet sein, dass das Beschweren selbst nicht
zu Beschämung führt. Dies gilt insbesondere dann, wenn es (auch) um
geschlechtsspezische Beschämungserfahrungen oder Übergrie geht. Hier muss
ein niederschwelliger und prompter Zugang zu einer zuständigen weiblichen
Ansprechpartnerin immer garantiert werden.
Klare Beschwerdewege stellen auch eine Sicherung des Rufs einzelner Angestellter
und der Einrichtung dar. Wenn Beschwerden rechtzeitig und auf niedriger Stufe
gut bearbeitet werden, dient das auch der Vermeidung von Folgeproblemen und
Folgekosten. Denn wer sich mit seiner Beschwerde ernst genommen und verstanden
fühlt und sieht, dass darauf reagiert wird, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit
nicht außerhalb der Organisation, z.B. über social media, negativ über eine
Organisation äußern. Diese „zweite Chance“ sollten Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter und Organisationen nutzen.
KLARE BESCHWERDEWEGE SCHAFFEN
Beispiel einer
Beschwerdestruktur an
einer Schweizer Schule.
www.ks-homberg.ch/schulsozialarbeit/eltern/beschwerde.html/650
14
BEGLEITUNG - EINE WIN-WIN-SITUATION
Kontakte mit z.B. Behörden oder Gutachterinnen und Gutachtern der
Gesundheitsstraße sind für Betroene häug belastend. Erfahrungen haben gezeigt,
dass es für alle Seiten positive Auswirkungen haben kann, wenn man bei solchen
„Gängen“ begleitet wird. Die KlientInnen / PatientInnen sind weniger nervös und
verunsichert. Ein Gespräch kann eher auf Augenhöhe stattnden.
Rechtlich wird unterschieden zwischen:
Einer Vertrauensperson, die kein Recht hat sich im Verfahren zu beteiligen, son-
dern nur als stumme Begleiterin und moralische Unterstüzung teilnimmt.
Einem Rechtsbeistand, der/die eine beratende Funktion übernehmen kann. Der
Rechtsbeistand ist geregelt im allgemeinen Vewaltungsverfahrensgesetz AVG §
10, Absatz 5, dort heißt es: „Die Beteiligten können sich eines Rechtsbeistandes
bedienen und auch in seiner Begleitung vor der Behörde erscheinen.“ Der
Rechtsbeistand muss nicht rechtskundig sein und kann nur die Person, die
begleitet wird, beraten aber nicht für diese Person sprechen (keine Vertretung).
Rückmeldungen von Betroenen zeigen, dass sie sich viel öer eine Begleitung wün-
schen würden. Einige soziale Einrichtungen bieten das Begleiten durch Sozialarbeit
für ihre NutzerInnen / BewohnerInnen an. Jedoch gibt es wenig niederschwellige
und oene Begleitangebote. Häug benötigen gerade solche Personen Unterstüt-
zung, die nicht das private und soziale Umfeld haben, in dem sie jemanden um
Begleitung bitten können.
„Für mich war die Rolle der
Begleitung immer das Dabeisein.
Dieses ´ich gehe mit dir, ich bin
neben dir, ich bin deine Kraft von
nebenan und ich verstehe dich,
wenn du überfordert bist´. Denn
Erfahrung von Überforderung,
Schlechtbehandlung und die Ohn-
macht, die dadurch entsteht, die
kennen wir alle.“
15
Wie kann langfristig in Institutionen daran gearbeitet werden, dass Beschämung
nicht oder seltener vorkommt und dass aus Vorkommnissen bestmöglich gelernt
wird? Die Einrichtung von Gremien, in denen Nutzerinnen und Nutzer selbst
ihre Meinung äußern und über Vorgehensweisen mitbestimmen können, stellen
dafür eine Möglichkeit dar. Es gibt verschiedene Stufen der Mitbestimmung.
STUFEN DER PARTIZIPATION
Die unterste Stufe für Partizipation ist Information: Nur wenn Betroene über ihre
Rechte und ihre Ansprüche Bescheid wissen, können sie diese auch nützen. Die
zweite Stufe, „Anhörung“, bedeutet Feedback einzuholen und Beschwerden zu
ermöglichen (siehe letztes Kapitel). Einbeziehung und Mitbestimmung erfordern
gewisse Strukturen und „Settings“. Diese lassen sich beispielsweise durch Klient-
Innen-Beiräte umsetzen oder durch einen in der Organisation verankerten,
strukturierten Austausch mit Betroenen bzw. Klientinnen und Klienten (z.B. mit
der Plattform Sichtbar Werden – siehe unten). Positive Ansätze ergeben sich durch
das „Chancengleichheitsgesetz“ in Oberösterreich, das bestimmte Gremien fest-
schreibt, in dem z.B. Selbst-VertreterInnen mit Beeinträchtigungen (im Sinne der
Behindertenrechtskonvention) vertreten sein müssen.
Bund, Länder und Gemeinden können sich schließlich auch dafür einsetzen,
Selbstorganisation bzw. zivilgesellschaliche Eigenaktivität von Menschen mit
Armutserfahrungen zu ermöglichen, durch Förderung von Selbsthilfegruppen und
Initiativen von Menschen mit Armutserfahrungen, z.B. Zusammenschlüsse von
Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Erwerbsloseninitiativen.
MITBESTIMMUNG UND PARTIZIPATION
7
Selbstorganisation
Geht über
Partizipation hinaus
Partizipation
Vorstufen der
Partizipation
5 Entscheidungsmacht
5 Teilweise
Entscheidungskompetenz
4 Mitbestimmung
3 Einbeziehung
2 Anhörung
1 Information
Stufenmodell der Partizipation (Nach Wright et al. 2010c)
Nach Hella von Unger: Partizipative Forschung. 2013, S. 40.
16
PLATTFORM SICHTBAR WERDEN
Die Plattform Sichtbar Werden ist ein österreichweites Netzwerk von Selbstorganisa-
tionen und InteressensvertreterInnen von Menschen mit Armutserfahrungen.
Als Delegierte zahlreicher Initiativen und Vereine (wie Alleinerziehende, Straßen-
zeitungs-VerkäuferInnen, User-VertreterInnen u.a.) vertritt die Plattform direkt die
Interessen von Menschen mit Armutserfahrungen. Durch unterschiedliche Aktivitä-
ten versucht die Plattform Armut und soziale Ausgrenzung in Österreich sichtbarer
zu machen und tritt insbesondere für mehr Mitbestimmung von
Menschen mit Armutserfahrungen ein.
„In der Landesveraltung Vorarlberg ist es uns gelungen, Betroffene in
den Beirat der Psychiatriekoordination Vorarlberg einzubeziehen. Es
ist uns ein großes Anliegen, dass auch Menschen, die selbst Erfah-
rungen mit psychischen Erkrankungen haben, in diesem Gremium
mitarbeiten. Basis dafür sind Strukturen, in denen sich Betroffene
selbst vernetzen. Dementsprechend gilt es auch, diese Strukturen zu
fördern und zu unterstützen.“
Joachim Hagleitner,
Psychiatriekoordination im Land Vorarlberg
„Ich glaube das, was wir ändern können, ist das Bild,
das die Menschen von uns haben. Es ist wichtig
aufzuzeigen, wie es denjenigen Menschen im Alltag
geht, die nur ein kleines Einkommen haben.“
17
FORDERUNGEN DER PLATTFORM SICHTBAR WERDEN UND DER
ARMUTSKONFERENZ:
1. Begleitdienste („Mitgehen“) für Armutsbetroene auf Ämter und Behörden,
bei Gutachten und Gesundheitsdiensten.
2. Behörden und soziale Einrichtungen müssen in ihrem Leitbild zu
Diskriminierung und Beschämung Stellung beziehen und klare
Beschwerdestrukturen ausweisen.
3. Keine Kürzung für soziale Dienste und Einrichtungen. Sparpakete und
Austeritätspolitik verschlechtern die Unterstützung von sozialen Diensten und
die Arbeitsbedingungen der MitarbeiterInnen.
4. Mitbestimmungsgremien von NutzerInnen auf Ämtern und Behörden
(wie AMS, Sozialämter, der Gesundheitsstraße, PVA etc.).
5. Gesetzliche Verankerung von InteressensvertreterInnen (wie im Chancengleich-
heitsgesetz in Oberösterreich) und Ausweitung auf andere Betroenen-Gruppen
(nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigungen).
6. Kein Zwang zu krankmachender Erwerbsarbeit. Die Erfahrung „ganz unten“ ist,
dass Arbeit nicht automatisch „integriert“, sondern „sozial exkludieren“ kann,
was Fragen rund um Sanktionen, Krankheit, Invaliditätspension und „Arbeit um
jeden Preis“ aufwir. Wenn Arbeit krank macht, prekäre Verhältnisse scha,
ohne Anerkennung und Wertschätzung bleibt, dann entsteht soziale
Aus grenzung durch die Arbeit selbst.
7. Rechtshilfe und Anwaltscha. Gleicher Zugang zum Recht für alle – egal ob arm
oder reich. Vertretung von Betroenen bei Krankenkasse, Pensionsversicherung,
AMS und Sozialamt. Rechtsberatung, Rechtshilfe und Rechtsdurchsetzung.
8. Medizinische Gutachten: Mehr Respekt und Beachtung vorliegender Befunde.
Bessere Ausbildung und Sensibilisierung von GutachterInnen. Bereits
vorliegende Befunde dürfen nicht missachtet werden.
9. Dialogforen mit ÄrztInnen, EntscheidungsträgerInnen und anderen Gesund-
heitsberufen. Armutsbetroene kommen ins Gespräch mit AkteurInnen des
Gesundheitssystems. Sensibilisierung für Erfahrungen und Anliegen
Einkommensschwacher.
10. In der politischen Kultur, im öentlichen Diskurs und in Medien braucht es
mehr Wertschätzung und Respekt. Jeder Mensch ist gleich viel wert – auch wenn
er weniger Geld hat. Verunglimpfungen, Diamierungen und Pauschalisierungen
müssen stärker bekämp und aktiv geahndet werden.
10.
18
PROJEKT-WEBSITE
www.armutskonferenz.at/aktivitaeten/tu-was-gegen-beschaemung.html
PROJEKTBESCHREIBUNG
www.armutskonferenz.at/files/projektbeschreibung_gesundheit_beschaemung.pdf
ZWISCHENBERICHT
www.armutskonferenz.at/files/zwischenbericht_projekt_gesundheit_beschaemung.pdf
Die Armutskonferenz führt das Projekt „GWB – Gesundheitsförderung
zwischen Wertschätzung und Beschämung – Gesundheitliche Belastungen von
Armutsbetroenen durch Abwertung und vorenthaltene Anerkennung vermeiden
in der Zeit vom März 2018 bis Dezember 2019 durch.
In dem Projekt wurden in Zusammenarbeit mit der Plattform Sichtbar Werden
Beschämungssituationen erhoben und beschrieben sowie Gegenstrategien
entwickelt. Unter dem Titel „Tu was gegen Beschämung!“ wurden Betroene als
„Peers“ ausgebildet und durch Workshops diese Gegenstrategien vermittelt.
Das Projekt wurde durch den Fonds Gesundes Österreich
der Gesundheit Österreich GmbH gefördert.
DAS PROJEKT
19
QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR
Bohn, Caroline: Macht und Scham in der Pflege, 2018.
Die Armutskonferenz: „Achtung. Abwertung hat System. Vom Ringen um Anerkennung,
Wertschätzung und Würde“, 2018.
Die Armutskonferenz: „Schande Armut. Stigmatisierung und Beschämung.
Dokumentation der 7. Armutskonferenz“, 2008.
Online: www.armutskonferenz.at/files/ak7-low.pdf
Die Armutskonferenz: Lücken und Barrieren im österreichischen Gesundheitssystem aus
Sicht von Armutsbetroffenen. Erstellt von Florian Riffer und Martin Schenk, 2015.
Online: www.armutskonferenz.at/publikationen/armutskonferenz-2015-barrieren-und-
luecken-im-oester-gesundheitssystem.html
Knecht, Alban: Beschämung von Armutsbetroffenen – Erfahrungen und Gegenstrategien.
Soziale Arbeit, 68(9), 342–349, 2019.
Knecht, Alban: Literaturliste zu Scham und Beschämung im Kontext von Armut und
gesundheitlichen Auswirkungen. Theoretische Konzepte, Empirie und Gegenstrategien.
www.albanknecht.de/materialien/Literatur_Beschaemung.pdf
Lorenz, F., Magyar-Haas, V., Neckel, S. & Schoneville, H.: Scham in Hilfekontexten:
Zur Beschämung der Bedürftigkeit. In: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Wa(h)re
Gefühle? (S. 216–232), 2018.
Marks, Stefan: Scham – die tabuisierte Emotion, 2007.
Schenk, Martin: Kinderarmut und Gesundheit. Soziale Ungleichheit geht unter die
Haut, In: Fürstaller et al: Vielfalt in der Elementarpädagogik. Theorie, Empirie und
Professionalisierung, 2018.
Online: www.armutskonferenz.at/files/schenk_kindergesundheit_und_armut-2018.pdf
Weinberger, Anna: GWB – Gesundheitsförderung zwischen Wertschätzung und Beschä-
mung. Zwischenbericht Beschämung und Gesundheit – Forschungsstand und Erfahrun-
gen von armutsbetroffenen Menschen. Die Armutskonferenz. Wien, 2018. Online:
www.armutskonferenz.at/files/zwischenbericht_projekt_gesundheit_beschaemung.pdf
www.armutskonferenz.at
Ein Leitfaden für Gesundheit- und Sozialberufe
Viele Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenslage befinden
oder Armutserfahrungen gemacht haben, kennen Situationen, in denen
sie abwertend und schlecht behandelt werden. Diese Erfahrungen von
Beschämung gehen meist nicht spurlos an ihnen vorüber. Kränkungen
machen eben auch krank!
Wir, die Armutskonferenz (ein Netzwerk von sozialen Organisationen) und
die Plattform „Sichtbar Werden“ (ein Zusammenschluss von Menschen, die
selbst von Armut betroffen sind oder waren) haben uns daher überlegt, dass
wir gerne etwas gegen Beschämung tun möchten.
Dieser Leitfaden soll helfen, beschämende Situationen zu vermeiden. Und er
soll uns motivieren, für Rahmenbedingungen einzutreten, die Begegnungen
auf Augenhöhe möglich machen.
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Armutsbetroffene sind in besonderem Maße beschämenden Situationen ausgesetzt. Unter anderem auf Ämtern, in Einrichtungen des Gesundheitssystems wie auch in den Medien werden sie damit konfrontiert, dass sie Normvorstellungen angeblich nicht genügen und defizitär seien. Die Armutskonferenz – österreichisches Netzwerk gegen Armut und Ausgrenzung – verfolgt mit einem Projekt das Ziel, gegen Beschämungserfahrungen und ihre Folgen vorzugehen. Der Beitrag verdeutlicht Beschämungserfahrungen von Armutsbetroffenen und diskutiert mögliche Gegenstrategien. People experiencing poverty are patricularly exposed to embarrassing situations. In public administrations, healthcare facilities, the media and other contexts they encounter attitudes to the effect that they do not conform to societal norms and that they are deficient in certain ways. The Austrian Network against Poverty and Social Exclusion is engaged in a project aiming to take action against embarassing experiences and their consequences. This article describes such embarassing experiences of people experiencing poverty and discusses counter-strategies.
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