ChapterPDF Available

Spanien, Katalonien und die Nationalismuskritik

Authors:

Abstract

Eine Tiefenanalyse des Katalonienkonflikts vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung. Publiziert unter https://www.peira.org/spanien-katalonien-und-die-nationalismuskritik/ Unter Verwendung des Begriffs des banal nationalism (Michael Billig) wird argumentiert, dass stets nur der katalanische Nationalismus thematisiert wird, der aggressive spanische Staatsnationalismus aber unsichtbar bleibt. Das erschwert eine dialektische Bewertung des Konflikts. Es wird argumentiert, dass ein erstes spanisches nation building im Rahmen des Befreiungskriegs gegen die französische Besatzung unter Napoleon im Verlauf des 19. Jahrhunderts mit dem Verlust sämtlicher Kolonien scheitert und dass die Generación del 98 nach diesem Fehlstart einen zweiten Anlauf nimmt, und einen völlig neuen, kastilienzentrierten und gegen die Peripherie gerichteten spanischen Nationaldiskurs initiiert, der im Frankismus kulminierte und bis heute andauert. Das katalanische Bürgertum hatte im 19. Jahrhundert alles daran gesetzt, im modernen Spanien das abgewirtschaftete Kastilien als Führungskraft abzulösen und für Spanien eine ähnliche Rolle zu spielen, wie es Preußen für Deutschland oder Piemont für Italien gespielt hatte. Erst als dieser Versuch 1898 endgültig am kastilischen Widerstand gescheitert war, begann ein alternatives katalanisches nation building.
1
Spanien, Katalonien und die
Nationalismuskritik
Prof. Dr. Hans-Ingo Radatz
Bamberg, 14. Oktober 2019, Erstveröffentlichung auf der Website von
Peira Gesellschaft für Politisches Wagnis e.V.
In Katalonien wünscht eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die
Anerkennung einer katalanischen Nation und die feste Etablierung des Katalanischen
als verbindliche Kultur- und Verwaltungssprache für die Region. Trotz massiver
Drohungen durch den spanischen Staat ist nahezu die Hälfte der Wahlberechtigten
bereit, diese Forderungen notfalls auch durch eine Loslösung von Spanien
durchzusetzen. In Deutschland stoßen diese Forderungen auf wenig Verständnis, da
man in ihnen vor allem den Ausdruck einer gefährlichen und verachtenswürdigen
politischen Ideologie sieht: des Nationalismus. Dabei wird übersehen, dass die
katalanischen Forderungen nicht zuletzt auch die erschöpfte und verzweifelte Reaktion
auf einen tief verwurzelten spanischen Staatsnationalismus sind, der, im Sinne von
Michael Billigs banal nationalism, im Verborgenen wirkt und im Ausland praktisch
nicht thematisiert wird.
Für ein paar kurze Wochen im Oktober 2017 erschien der Katalonienkonflikt auf der ganzen
Welt in den Nachrichten, um kurz darauf auch schon wieder daraus zu verschwinden. Das
Problem war scheinbar gelöst worden, indem man der Region unter Berufung auf Artikel 155
der spanischen Verfassung ihre Autonomie entzog, die gewählte katalanische Regierung
entmachtete und die Aufrührer verhaftete. Das politische Problem war so zu einem
juristischen geworden.
Zwar konnten deutsche, belgische und britische Gerichte im Zusammenhang mit
Auslieferungsersuchen keine Anzeichen dafür erkennen, dass die geflohenen Politiker
tatsächlich den gewaltsamen Umsturzversuch unternommen hätten, dessen sie nun angeklagt
wurden. Zwar hat der Strafrechtler Diego López Garrido, der den zugrundeliegenden Artikel
472 des spanischen Strafgesetzbuchs zum Stratatbestand der rebelión im Rahmen der
Strafrechtsreform von 1995 persönlich verfasst hatte, wiederholt öffentlich geäußert, dass die
Ereignisse in Katalonien dessen Anwendung zweifelsfrei nicht rechtfertigen. Zwar kommt die
Arbeitsgruppe gegen willkürliche Inhaftierungen des UN-Menschenrechtsrat in mehreren
Erklärungen zu dem Ergebnis, dass die Inhaftierung der katalanischen Politiker willkürlich
erfolgt sei, gegen zahlreiche internationale Abkommen verstoße und unverzüglich unter
Zahlung angemessener Entschädigungen beendet werden müsse. Doch diese Nachwehen der
dramatischen Ereignisse des Oktober 2017 sind bereits wieder unterhalb der
Wahrnehmungsschwelle der öffentlichen Aufmerksamkeit gerutscht.
Der Katalonienkonflikt wurde in Deutschland während der heißen Phase mit einer
2
Mischung aus Verständnislosigkeit und Entrüstung verfolgt und mit Interesse lediglich
deswegen, weil es sich angesichts der tagesaktuellen Ereignisse nicht vermeiden ließ. Denn
während es bei vielen anderen Konflikten eine Wohlfühlposition gibt, mit der man sich
identifizieren kann (gegen Trump, gegen Brexit), sind für das deutsche Publikum im
Katalonienkonflikt beide Seiten eher peinlich: die katalanische Seite wegen ihrer
augenscheinlich irrationalen Forderungen, die spanische wegen ihrer mangelnden
Dialogbereitschaft und der Polizeigewalt. Ein solches Thema behandelt man nur solange, wie
man muss.
Die katalanischen Bestrebungen wurden gesehen als ein nationalistisch-populistisches
Zurück in die “Kleinstaaterei”, das sich in jedem Fall aus unlauteren Motiven zu speisen
schien wenn auch nicht ganz klar wurde, welche dies genau waren. Als niedere
Beweggründe für die unverständlichen Unabhängigkeitsbestrebungen sind unter anderem
antieuropäische Gesinnung, fehlende Solidarität mit Restspanien, nationalistisches
Delirium und ein Ablenkungsmanöver von seiten korrupter Politiker angeboten worden.
“Diesseits der Pyrenäen ist der nationalistische Furor schwer zu verstehen”, schreibt Birgit
Aschmann in einem eindrucksvoll kenntnisreichen Artikel in der FAZ vom 18.12.2015, in
dem sie einen wichtigen Beitrag dazu leistet, auch die katalanische Seite zu verstehen.
Wie in allen ideologischen Konflikten gibt es schließlich auch hier mindestens zwei
Standpunkte und Diskurse. Der eine dieser beiden Diskurse findet von Madrid aus in
spanischer Sprache statt und wird von unseren Massenmedien oft ungefiltert nach
Deutschland gemeldet; der Gegendiskurs dagegen ist in Barcelona lokalisiert, findet vor allem
in katalanischer Sprache statt und erreicht außerhalb Kataloniens fast niemanden; selbst die
Spanier wissen davon so gut wie nichts. Keiner von beiden ist an und für sich unmoralisch
oder unbeachtlich, aber in deutschen Medien spiegelt sich dennoch fast ausschließlich die
Madrider Sichtweise wider oft vermischt mit schiefen Analogien (Bayern ...). Madrid tritt
dabei als die Hauptstadt eines seriösen National- und Rechtsstaats auf, während Barcelona oft
wie die Fluchtburg fanatischer Nationalisten erscheint. Es erscheint selbstverständlich, dass es
ausreicht, aus Madrid zu berichten. Geht es um die spanische Seite, ist die Rede vom
“spanischen Ministerpräsidenten; der genauso demokratisch gewählte katalanische
Minsterpräsident wird dagegen nicht selten als “Separatistenführer” bezeichnet. Wenn also
deutsche Medien sich fast ausschließlich die Madrider Sichtweise zueigen machen, so ist das
dem deutschen Publikum perfekt nachvollziehbar. Allerdings scheint es zugleich das
Verständnis des Gesamtphänomens nicht eben zu befördern.
Ist Separatismus nationalistisch, irrational und unmoralisch; die
Verteidigung der nationalen Integrität des Staates dagegen rational
und unproblematisch?
Die insgesamt ablehnende Haltung gegenüber den katalanischen Bestrebungen ist Bestandteil
eines mehrheitsfähigen nationalismuskritischen Diskurses, der deswegen nicht explizit
gemacht wird, weil er der gebildeten Öffentlichkeit als selbstverständlich gilt und allein durch
das Thema der Unabhängigkeitsforderung evoziert wird. Eine Nation kann demzufolge nur
ein Volk innerhalb staatlicher Grenzen sein und “Nationen ohne Staat” sind demgegenüber
folglich keine Nationen, sondern “Unruheprovinzen”, insbesondere dann, wenn wir davon
ausgehen können, dass die Staaten demokratisch regiert werden. Nach dieser Überzeugung ist
Katalonien also höchstens eine Region, aber von Natur aus niemals eine Nation; Regionen
ihrerseits sind aber naturgemäß eine interne Angelegenheit des betreffenden Staats. Und in
keinem Fall unsere. Kurioserweise ist es also für unsere nationalismuskritische Öffentlichkeit
3
eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns in solche internen Belange nicht einzumischen
haben, weil die Souveränität von Nationalstaaten also die Nation eines der höchsten
Rechtsgüter überhaupt ist. Der unverbrüchliche Respekt vor dem Nationalismus der Staaten
ist ein zentrales Element des üblichen antinationalistischen Diskurses.
Insofern gibt es für uns auch kein echtes Katalonienproblem: Katalonien ist demnach
wesensmäßig und unabänderlich eine spanische Region und anderslautende Forderungen
können daher nur als unseriös gelten. Nach dieser Sichtweise entsteht der Konflikt dadurch,
dass Spanien in vernünftiger Weise den Rechtsstaat verteidigt, während katalanische Rebellen
eine offensichtlich irrationale Position verteidigen. Diese selbstverständlichen Argumente
muss man in deutschen Medien nicht ausformulieren; die begleitenden Leserbriefe
übernehmen die Ausführung verlässlich: “Anachronismus, jetzt wo Europa
zusammenwächst”, “korrupte Rattenfängerelite führt das katalanische Volk ins Unglück”,
“Katala-Nazis wollen Spanien zerstören”, “Vorwand, um sich vor der Solidarität mit
Andalusien zu drücken” ... Interessant an dieser liberal auftretenden Kritik ist allerdings, dass
sie ausschließlich Unabhängigkeitsbewegungen betrifft, die ihr Ziel (noch) nicht erreicht
haben. Ist der neue Staat erst einmal etabliert, verstummen sie sofort: aus Respekt vor der
Souveränität des neuen Nationalstaats!
Die traumatischen Erinnerungen an die nationalistischen Kriege des 19. und 20.
Jahrhunderts führen in unserer gebildeten Öffenlichkeit zu heftigen Abwehreaktionen,
wenn es darum geht, europäische Staatsgrenzen zu verändern. Diese
Nationalismuskritik ist perfekt nachvollziehbar, besonnen und von pazifistischen
Impulsen getragen. Leider greift sie dabei aber zu kurz, indem sie einen scharfen und
schwer zu rechtfertigenden Unterschied zwischen zwei Arten von Nationalismus
einführt, von denen der eine als verwerflich gilt, der andere aber entweder unsichtbar
bleibt oder aber als harmlos angesehen wird.
Die etablierten Nationalstaaten erhalten dabei den Nimbus grundvernünftiger, ja
nahezu naturgesetzlicher Notwendigkeiten; sie werden unantastbar und unhinterfragbar und
ihr Nationalismus wird diskursiv zu einem harmlosen Patriotismus euphemisiert. Alle
Bewegungen und Gruppierungen aber, die eine Veränderung dieses status quo anstreben, um
ihrerseits einen eigenen Nationalstaat zu erringen, werden als gefährliche Brandstifter
hingestellt, die den labilen Konsens der Staatsgrenzen in Frage stellen und so die Gefahr
erneuter nationalistischer Kriege heraufbeschwören. Diese Gruppen werden in der
öffentlichen Wahrnehmung als gefährliche “Nationalisten” gesehen. Das gilt umso mehr für
den zentralspanischen Mehrheitsdiskurs, in dem der Ausdruck nacionalistas ausschließlich
für die regionalistischen Autonomiebewegungen verwendet wird. Ein argumentativer
Interessensabgleich zwischen den beiden Parteien solcher Konflikte erübrigt sich und der
Begriff nacionalistas diskreditiert die nicht-staatliche Gruppe als nicht-satisfaktionsfähigen
Gesprächspartner. Leider wird dadurch aber auch eine Verhandlungslösung unmöglich.
Der britische Soziologe Michael Billig hat 1995 in seinem Buch Banal Nationalism
1
überzeugend gezeigt, dass unser Diskurs über (und gegen) den Nationalismus von einer
Wahrnehmungsstörung geprägt ist, die uns Nationalismus nur dort sehen lässt, wo nicht-
staatliche Gruppen auf Veränderung drängen, nicht aber dort, wo der alltägliche, banale
Nationalismus der etablierten Nationalstaaten am Werke ist:
1
Billig, Michael. Banal Nationalism. London: Sage, 1995.
4
.... es gibt etwas Irreführendes an dieser geübten Verwendung des Wortes ‘Nationalismus’. Es scheint
den Nationalismus immer an der Peripherie zu verorten. Separatisten sind oft in den äußeren Regionen
von Staaten zu finden; die Extremisten lauern in etablierten Demokratien demnach vor allem an den
Rändern des politischen Lebens, die von den vernünftigen Politikern der Mitte tunlichst gemieden
werden. Die Widerstandskämpfer, die versuchen, ihre neuen Heimatländer zu etablieren, handeln unter
Bedingungen, in denen bestehende Staatsstrukturen zusammengebrochen sind, typischerweise in einiger
Entfernung von den etablierten Zentren des Westens. Aus der Perspektive von Paris, peripher am Rande
Europas gelegen. All diese Faktoren zusammen machen den Nationalismus nicht nur zu einer
exotischen, sondern auch zu einer peripheren Kraft. Folglich gelangt man in den etablierten Nationen
in den Zentren der Macht zu der Sichtweise, den Nationalismus als etwas zu sehen, das nur andere,
nicht aber ‘uns’ betrifft”.
Billig bezeichnet diesen unbemerkten Alltagsnationalismus als banal nationalism; von der
Nationalismuskritik wird er höchstens am Rande wahrgenommen und kann in jedem Fall auf
Milde hoffen. Wenn amerikanische Schulkinder jeden Morgen die Hand aufs Herz legen und
der Nationalflagge in einer quasi-religiösen Zeremonie ihre Gefolgschaft schwören, ist das
kein nationalistischer Exzess. Wenn dagegen ein katalanischer Kulturverein wie Òmnium
cultural für eine flächendeckende gesellschaftliche Verwendung der eigenen Sprache eintritt,
ist das z.B. für Herrn Ingendaay in seinem Artikel “Die Sprache der Blöden” (FAZ vom 13.
Juni 2019) und die Mehrheit seiner Leser tendenziell bedenklich. Während der reivindikative
Nationalismus nicht-staatlicher Akteure in westlichen Gesellschaften vehement
zurückgewiesen wird, ist der eigene “banale” Nationalismus kein Thema.
Niemand würde es daher mehr wagen, das Kleinstaaterei-Argument auf Irland,
Lettland, Norwegen oder Slowenien anzuwenden oder diese Staaten heute noch für
ihren historischen Separatismus kritisieren.
Dass sie allesamt ihre staatliche Unabhängigkeit erst in jüngster Zeit durch eine
völkerrechts- und verfassungswidrige Loslösung von Großbritannien, der Sowjetunion,
Dänemark oder Jugoslawien erkämpft haben, ist vergeben und vergessen. Dabei macht es für
die öffentliche Wahrnehmung offenbar keinen Unterschied, ob die Loslösung von einem
diktatorischen Unrechtsstaat oder von einer parlamentarischen Demokratie erfolgte! Der
Erfolg lässt jeden Makel der Illegalität oder des “nationalistischen Fanatismus” verschwinden
und der neugeborene Nationalstaat kann nun auf dasselbe Wohlwollen der
Nationalismuskritiker hoffen, das seinerzeit, in der heißen Phase des Konflikts, nur der
ehemaligen Titularnation entgegengebracht worden war. Von den 29 Mitgliedsstaaten der EU
hat fast ein Drittel die Unabhängigkeit erst im Lauf des 20. Jahrhunderts erlangt:
1. Estland, 1,3 Mio Einwohner (von der Sowjetunion, 1991)
2. Finnland, 5,5 Mio Einwohner (von Russland, 1917)
3. Irland, 4,8 Mio Einwohner (von Großbritannien, 1921)
4. Kroatien, 4,2 Mio Einwohner (von Jugoslawien, 1991)
5. Lettland, 1,9 Mio Einwohner (von der Sowjetunion, 1991)
6. Litauen, 2,8 Mio Einwohner (von der Sowjetunion, 1990)
7. Malta, 0,4 (ehem. brit. Kronkolonie, 1964)
8. Slowenien, 2,0 Mio Einwohner (von Jugoslawien, 1991)
9. Zypern, 0,8 Mio Einwohner (ehem. brit. Kronkolonie, 1960)
Außerhalb der EU könnten man zudem noch das Kosovo und Montenegro nennen. In allen
Fällen gab es Rechtsbrüche, gewaltsame Auseinandersetzungen, Völkerrechtsverstöße, die
aber heute höchstens noch in historischer Perpektive diskutiert werden, den betreffenden
Staaten aber im öffentlichen Diskurs nie mehr vorgehalten werden.
Der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung dagegen schon. Auch taucht hier das
Wort von der zu vermeidenden Kleinstaaterei verlässlich auf selbst wenn ein katalanischer
5
Staat mit derzeit 7,6 Mio noch einmal deutlich größer wäre, als der größte der oben genannten
neun EU-Mitgliedsstaaten; oder anders formuliert: deutlich größer als Zypern, Malta,
Luxemburg, Estland, Lettland und Slowenien zusammen.
Der antinationalistische Mehrheitsdiskurs deutscher Medien besteht also
einerseits darauf, dass das katalanische Unabhängigkeitsstreben rechts- und
vernunftwidrig ist und zudem zu einer als negativ bewerteten “Kleinstaaterei” führt;
zugleich gilt diese Argumentation aber für die allesamt deutlich kleineren neun EU-
Mitgliedstaaten nicht, die denselben Unabhängigkeitsprozess bereits erfolgreich
abgeschlossen haben.
Dieses Messen mit zweierlei Maß wird nicht zuletzt durch eine auf Desinteresse
basierende Geschichtsvergessenheit befördert. Michael Billigs Beobachtung erklärt
problemlos, warum ehemals als “fanatisch” kritisierte Widerstandsbewegungen mit der
erfolgreichen Gründung ihres neuen Staats in kürzester Zeit zu respektablen politischen
Akteuren avancieren konnten: Ihr ehemals “heißer” Nationalismus ist mit der Staatsgründung
zu einem “banalen” Nationalismus geronnen, den wir nicht mehr fürchten müssen und
mittelfristig auch nicht mehr wahrnehmen, sofern er sich nach außen nur halbwegs bedeckt
hält.
Regionalsprachen sind provinzieller Unfug, nationale Staatssprachen
dagegen ein Gebot der Vernunft
In seinem bereits erwähnten Artikel “Die Sprache der Blöden” stellt es Paul Ingendaay, von
seinem ehemaligen Wirkungsort Madrid aus blickend, genüsslich als absurd dar, dass die
Regionalsprachen in den zweisprachigen Regionen Spaniens angeblich die spanische Sprache
verdrängten und dass man in Barcelona versucht, die eigene Muttersprache zu fördern. Auf
sachlicher Ebene könnte man Herrn Ingendaay soziolinguistische Untersuchungen
entgegenhalten, denen zufolge nicht etwa das Spanische mit seinen weltweit 570 Mio.
Muttersprachlern in Gefahr ist, sondern dass vielmehr die spanischen Regionalsprachen
Baskisch, Galicisch und Katalanisch, trotz aller Förderung durch die Regionalregierungen, als
Muttersprachen in besorgniserregender Weise zurückgedrängt werden. Das aber ist nicht
einfach nur sprachdarwinistisches Schicksal, sondern durchaus auch Ergebnis überkommener
spanischer Sprachenpolitik, die die Regionalsprachen zwar heute nicht mehr aktiv
unterdrückt, wohl aber noch asymmetrisch behandelt: Alle Bürger der Region dürfen die
Regionalsprache verwenden; als Bürger Spaniens aber müssen sie zugleich die spanische
Sprache beherrschen. Faktisch bedeutet das nicht nur für den Amtsverkehr: Ein einziger
monolingualer Spanier kann damit regelmäßig alle anderen Anwesenden zum Sprachwechsel
veranlassen.
Dass diese politische Lösung, das sogenannte Individualprinzip, nicht selbst-
verständlich ist, sieht man an der Behandlung von Regionalsprachen z.B. in Kanada,
der Schweiz oder Belgien, wo das Territorialprinzip gilt: Hier garantiert der Staat
seinen Bürgern, dass innerhalb der betreffenden Territorien die Regionalsprache
obligatorisch ist und damit als vollwertige Alltags-, Kultur- und Amtssprache fungiert.
Das heißt beispielsweise für die Bürger des kanadischen Québec, dass sie ihr gesamtes
Leben in französischer Sprache abwickeln können, ohne je gezwungen zu werden, im Kontakt
mit Behörden das Englische zu verwenden. Flamen müssen kein Französisch und Wallonen
kein Niederländisch sprechen, um vollwertige belgische Staatsbürger zu sein. Und in vielen
Orten des Engadins im Kanton Graubünden ist gar Vallader (einer der sieben traditionellen
Schriftdialekte des Bündnerromanischen) einzige Behörden- und Schulsprache. Was also in
6
Spanien wie eine höchst großzügige Sprachenpolitik wirkt, ist es im internationalen Vergleich
mit anderen mehrsprachigen oder multinationalen Staaten nicht unbedingt.
Dazu kommt noch, dass Katalonien als wichtige Industrie- und Tourismusregion
bevorzugtes Ziel innerspanischer Migration war und immer noch ist. Der spanische
Sprachnationalismus und seine gesetzliche Ausgestaltung sorgen dafür, dass den
Zuwanderern staatlicherseits bescheinigt wird, dass eine sprachliche Integration in Katalonien
nicht nötig ist und dass das Katalanische eine Angelegenheit ist, die nur die Katalanen betrifft.
Diese Haltung konterkariert natürlich das katalanische Autonomiestatut, in dem es
ausdrücklich heißt, dass das Katalanische die llengua pròpia, also die Landessprache
Kataloniens sei. Im Alltag bedeutet dies, dass ein Leben auf Katalanisch ein ständiger Kampf
ist. Die Kassiererin im Supermarkt versteht natürlich, was der Kunde ihr auf Katalanisch sagt
(“Ein Plastiktüte, bitte!”), hat aber keine Lust, es zu verstehen. Es sind die alltäglichen kleinen
Machtkämpfe: “Sprechen Sie Spanisch, ich verstehe Sie nicht!” Die meisten einsprachigen
Zuwanderer haben nicht das Gefühl, dass ihnen ohne die Landessprache etwas fehlte. Im
Gegenteil: Die Haltung ist, dass wir hier schließlich in Spanien sind und niemand mit einer
“fremden” Sprache belästigt werden sollte. Also wechselt der Kunde im Supermarkt ins
Spanische, weil alle Katalanischsprecher (oft zu ihrem Nachteil) perfekt zweisprachig sind.
Oder er insistiert und wiederholt seine Bitte auf Katalanisch. Die Schlange in seinem Rücken
rollt mit den Augen. Bei der dritten Wiederholung wird ihm die Kassiererin schließlich
wütend eine Plastiktüte hinwerfen, weil sie plötzlich doch versteht, was gewünscht war. Jeder
Katalanischsprecher kennt diese Situationen bis zum Überdruss. Das Nicht-Beherrschen der
Landessprache beschämt die Einsprachigen normalerweise nicht etwa; man hört immer
wieder“Wie bitte!?”, “Auf Spanisch, wir sind hier in Spanien!” oder – eine beliebte Technik
eine wörtliche Übersetzung des Gesagten ins Spanische, so als habe man selbst es falsch
gesagt. Diese kleinen Alltagskämpfe enden fast immer zugunsten der monolingualen
Spanischsprecher, denn der Sozialdruck der Umstehenden drängt stets, sich nicht so
anzustellen. Schließlich können wir doch alle Spanisch. In großen historisch
katalanischsprachigen Städten wie Valencia oder Palma hört man die Sprache immer weniger
und auf den Schulhöfen passen sich die bilingualen katalanischsprachigen Kinder wie
selbstverständlich ihren monolingualen spanischsprachigen Schulkameraden an; selbst in
Barcelona kann zwar fast jeder Katalanisch, aber gewohnheitsmäßig gesprochen wird es dort
gerade noch von einem Drittel der Bevölkerung.
Interessant ist bei alledem die zugrundeliegende scheinbar pragmatische, im Grunde
aber nationalistische Annahme, die Herr Ingendaay und viele seiner Kollegen hier an den Tag
legen: die Überzeugung nämlich, dass die Sprache der spanischen Nation automatisch
wichtiger ist als das Katalanische, dem es ansonsten an nichts als nur an dieser Würde
mangelt: eine Staatssprache zu sein.
Die allgegenwärtige Intuition, dass der banale Nationalismus der etablierten
Nationalstaaten unproblematisch sei, macht es auch hier überflüssig, das Argument
überhaupt auszuformulieren. Spanisch ist eben eine echte, vollwertige Sprache (mit
Armee und Flotte”, wie es der Jiddisch-Sprachforscher Max Weinreich einmal
formuliert haben soll), das Katalanische dagegen irgendein Folkloreprodukt, ein
Dialekt, eine Halbsprache.
Da es eine interne Angelegenheit ohne Bedeutung außerhalb Spaniens ist, wird es oft
nicht einmal mit seinem normalen deutschen Namen bezeichnet; man übernimmt einfach die
spanische Fremdbezeichnug “Katalan” oder “Catalan”. Herr Ingendaay und andere Vertreter
dieser Ansicht kritisieren es scharf, wenn in Barcelona das Katalanische das Spanische
verdrängen sollte. Ihre Kritik bleibt allerdings ein wenig ahistorisch am gegenwärtigen
7
Einzelfall hängen, in dem eine einzelne kleine Sprache sich gegen eine übermächtige
Staatssprache zu behaupten sucht. Ein solcher Kampf ist demnach eine anachronistische
Eulenspiegelei. Hat ein solcher Kampf allerdings erst einmal zum Erfolg geführt,
verschwindet der betreffende Fall sofort spurlos aus diesem kritischen Diskurs: Dass das einst
schwedische Helsingfors heute Helsinki heißt und Finnisch spricht, ist in diesem Kontext
nämlich nie Thema. Ebensowenig wie der Sprachwandel Revals (Tallinn) zum Estnischen
oder der von Wilna vom Polnischen zum Litauischen (Vilnius). Der eigene Nationalstaat heilt
alle Sünden der Vergangenheit!
Catalanum est, non legitur
Staatsprachen muss man beherrschen, um als Experte für die betreffenden Länder gelten zu
können. Regionalsprachen dagegen sind entbehrlich selbst wenn zentrale Teile der
intellektuellen Auseinandersetzungen des Landes in ihnen verhandelt werden und die
Sprecherzahl der Regionalsprache höher ist, als die der Staatssprachen von 10 EU-
Mitgliedsländern. Der nationale Faktor gilt in jedem einzelnen Fall als wichtiger als die
objektive Bedeutung in Form von Marktanteilen und Sprecherzahlen. Litauisch zu lernen ist
für Baltikumsexperten eine vernünftige Entscheidung; Katalanisch zu lernen wäre für
Spanienexperten höchstens eine Schrulle.
Der Artikel “Adiós España” von Birgit Aschmann (FAZ vom 18.12.2015) beginnt so:
Man zählt das Jahr 1898. “Wo bist du, Spanien? Hörst Du nicht meine Donnerstimme? Verstehst Du die
Sprache nicht, die in Gefahren zu dir spricht? Hast Du verlernt, Deine Kinder zu verstehen?”, so fragt
der Dichter Joan Maragall in seiner “Ode an Spanien”. Unmittelbar nach diesen Fragen mündet sie in
die abschließende Emphase: “Adiós España!” Nichts anderes würden die katalanischen Nationalisten
dem spanischen Staat heute gern zurufen.
Das spanische “Adiós España” im Titel bezieht sich also auf die Oda a Espanya, mit der sich
der katalanische Dichter Joan Maragall im Namen ganz Kataloniens von einem Spanien
verabschiedet, dessen Nationalprojekt man 1898 mit dem Verlust der letzten überseeischen
Kolonien als endgültig gescheitert empfand. Dass sich hier also ein Katalane an Spanien
wendet, ist eine wichtige kleine Information, die den Lesern das Verständnis erleichtet hätte.
Die exponiert zitierte Zeile “Adiós España” findet sich dort allerdings nirgends, denn das
Gedicht ist überhaupt nicht in spanischer Sprache verfasst. Das ist relevant, denn die Sprache
als Symbol der katalanischen und der spanischen Nation ist hier ausdrücklich Thema:
Escolta, Espanya, - la veu d’un fill
que et parla en llengua - no castellana:
parlo en la llengua - que m’ha donat
la terra aspra;
en ‘questa llengua - pocs t’han parlat;
en l’altra, massa.
[...]
Höre, Spanien, - die Stimme eines Sohnes,
Der in einer Sprache zu dir spricht, die nicht
kastilisch ist:
Ich spreche zu dir in der Sprache, die mir die rauhe
Muttererde geschenkt hat;
In dieser haben wenige zu dir gesprochen
In der anderen zu viele. […]
On ets, Espanya? No et veig enlloc.
No sents la meva veu atronadora?
No entens aquesta llengua que et parla
entre perills?
Has desaprès d’entendre an els teus fills?
Adéu, Espanya!
Wo bist du, Spanien? Ich finde dich nirgends.
Hörst du nicht meine Donnerstimme?
Verstehst du nicht diese Sprache die zu dir spricht
in der Gefahr?
Hast du verlernt, die eigenen Kinder zu verstehen?
Lebewohl, Spanien!
Warum also verwendet Frau Aschmann in einer deutschen Zeitung die spanische Übersetzung
eines katalanischen Gedichts? Eines Gedichts, in dem der katalanische Autor genau die
kastilische Einsprachigkeit des spanischen Staats als Symbol für die Dialogverweigerung des
Zentrums konstruiert? Die Antwort wird wahrscheinlich lauten: Weil sie das betreffende
Gedicht in spanischer Übersetzung rezipiert hat. Weil es für deutsche Spanienexperten
8
ausreicht, Spanisch zu können und niemand auf die Idee käme, auch noch
Katalanischkenntnisse zu erwarten. Weil die Sprache Spaniens nun einmal das Spanische ist.
Weil die Nation wichtiger ist als die Region.
Fast die gesamte Berichterstattung über die Katalonienkrise krankt in ganz
ähnlicher Weise am banalen Nationalismus, der sich in dieser Haltung manifestiert:
Sämtliche deutsche Korrespondenten dieses Konflikts sind in Madrid stationiert und
konsultieren Medien dort augenscheinlich ausschließlich auf Spanisch.
Aus staatsnationalistischer Perspektive ist das ein völlig unauffälliger Sachverhalt,
denn Madrid ist die Hauptstadt Spaniens und damit der natürliche Standort für
Korrespondenten. Inhaltlich allerdings ist diese Entscheidung deutlich weniger zwingend. Die
wichtigen Gegendiskurse finden in Spanien oft in katalanischer Sprache statt und der einzige
Ort, wo sowohl die spanische als auch die katalanische Sichtweise wirklich debattiert werden,
ist Katalonien. Nur die katalanische Seite ist zweisprachig und rezipiert daher beide
Sichtweisen. Das scheint generell für unsere Korrespondenten nicht zu gelten, die
Katalanisches (ja selbst spanischsprachige Texte aus Katalonien) augenscheinlich nicht lesen.
Es ist insofern nicht überraschend, wenn in Deutschland nur eine Seite der Debatte ankommt.
Niemand käme auf die Idee, aus Slowenien zu berichten, ohne die Landessprache zu
beherrschen. Bei der Berichterstattung zu Katalonien ist dies dagegen nicht einmal ein
Kavaliersdelikt.
Ist Katalanisch vielleicht einfach zu klein, als dass sich dieser Aufwand lohnte? In der
EU gibt es derzeit 24 Amts- und Arbeitssprachen. Wäre Katalanisch mit seinen 9,2 Mio
Sprechern (Wikipedia) die 25. Amtssprache der EU, läge es von seiner Sprecherzahl her exakt
in der Mitte, auf dem 12. Platz, mit mehr Sprechern als sogar Dänisch (5,3), Finnisch (6,0),
Slowakisch (6,0), Kroatisch (7,0) oder Bulgarisch (8,0) und mit nicht viel weniger Sprechern
als Schwedisch mit 10,5 Mio. oder Tschechisch mit 13,4 Mio. Katalanisch ist also eine
mittelgroße europäische Kultursprache mit einer reichen Literatur und einer literarischen
Schreibtradition, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Es ist offizielle Amtssprache in
Katalonien, dem Land Valencia (Comunitat Valenciana), den Balearen und in Andorra.
Katalanisch ist kein Dialekt und unterscheidet sich vom Spanischen ähnlich stark, wie das
Niederländische vom Deutschen. Warum es also nicht möglich sein sollte, Menschen mit
einschlägigen Sprachkenntnissen für die Berichterstattung vor Ort heranzuziehen, ist mit
rationalen Argumenten kaum nachzuvollziehen. Umso leichter fällt die Begründung
allerdings mit Argumenten des banalen Nationalismus: Da Katalonien kein Staat ist, liegt es
unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Nationalstaats, ist also kein politisch-kulturelles
Subjekt. Da das Katalanische keine Staatssprache ist, kann es nach dieser Logik nur eine
“Regionalsprache” sein also etwas Ähnliches wie ein Dialekt. Und Dialekte kann man stets
zugunsten der überdachenden Kultur- und Staatssprache ignorieren, so wie es das
monolinguale Spanien schließlich auch tut.
Es ist der banale Nationalismus der Nationalstaaten, der eine staatenlose Nation
wie Katalonien unsichtbar hält und in den Separatismus treibt!
Warum ist Spanien unfähig, Kompromisse zu schließen?
Es ist offensichtlich, dass das Katalonienthema in Deutschland mit Skepsis und spürbarem
Unbehagen verfolgt wird. Zum einen haben wir in Europa scheinbar Wichtigeres zu
verhandeln, während das katalanische Streben nach mehr Autonomie als Luxusproblem einer
ohnehin privilegierten Region Spaniens empfunden wird. Spanien als Land ist andererseits
fast uneingeschränkt positiv konnotiert nicht ohne Grund verbringen jährlich ca. elf Mio.
9
Deutsche ihren Urlaub dort. Man erinnert sich hier gerne daran, wie der volkstümliche König
Juan Carlos seinerzeit durch beherztes Einschreiten die junge spanische Demokratie vor
einem Militärputsch bewahrte. Und schließlich ist man in Deutschland entschieden gegen
Nationalismus ein Wort, das von vielen als nahezu gleichbedeutend mit “national-
sozialistisch” empfunden wird. Nationalismus ist eine klar rechts der Mitte zu verordnende
Ideologie, die irrational, populistisch, rückwärtsgewandt und unsolidarisch allem
widerspricht, wofür die öffentliche Meinung in Deutschland eintritt.
Der katalanische Separatismus erschien lange Zeit als spanische Version des
bayerischen mia san mia, war also als Folklore angesehen worden; die deutsche Öffentlichkeit
reagierte überrascht, als daraus, scheinbar plötzlich, eine echte politische Krise erwuchs. Die
Berichterstattung dazu besaß zumeist eine geringe historische Tiefe und versäumte es daher
darauf hinzuweisen, wie tief der ideologische Kampf gegen den baskischen und katalanischen
Sezessionismus seit über 100 Jahren zum Kernbestand des spanischen Nationalismus gehört
hat. Wir haben es also nicht etwa mit einem völlig neuen Phänomen zu tun, in dem eine
wohlhabende Region unter Ausnutzung einer Wirtschaftskrise spontan die Solidarität
gegenüber dem Gesamtstaat aufkündigt, sondern lediglich um die Aktualisierung eines
Konflikts, der die moderne spanische Nation von Beginn an zentral geprägt hat.
Es gibt also historisch tieferliegende Gründe dafür, warum es Spanien nicht
schafft, das katalanische und baskische Problem dialektisch zu lösen, sondern es
vielmehr in dieser Form eskalieren lässt.
Was war geschehen? Demokratisch gewählte katalanische Politiker haben, als
Konkretisierung ihres Wahlprogramms, Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs
ignoriert. In Deutschland wären die Konsequenzen dafür hypothetisch zum einen, dass die
betreffenden politischen Entscheidungen für unwirksam erklärt würden. Die Politiker würden
zudem möglicherweise ihres Amtes enthoben und sogar für eine Zeit von der Ausübung
öffentlicher Ämter ausgeschlossen werden. Man würde sich womöglich bemühen, das Ganze
im Rahmen einer Verhandlungslösung beizulegen, die von beiden Seiten Zugeständnisse
fordern würde. Das ist in Spaniens politischer Kultur anders und die deutsche Öffentlichkeit
sollte die Radikalität der spanischen Reaktion klarer zur Kenntnis nehmen: Dort wurden
zunächst, und unter weitestmöglicher Auslegeung des Artikels 155 der Verfassung, die
Regierung und das gesamte gewählte Regionalparlament vollständig entmachtet und die
Region einer Direktverwaltung durch die Zentrale unterstellt. Damit nicht genug, wurden die
verantwortlichen Politiker, aber auch die Vorsitzenden zweier Bürgerinitiativen, vor Gericht
gestellt und des Hochverrats (rebelión) angeklagt, der in Spanien mit einer Strafandrohung
von 30 Jahren Zuchthaus belegt ist. Mord wird in Spanien mit Zuchthaus zwischen 15 und 25
Jahren bestraft.
Am 14.10.2019 wurden schließlich die Urteile gefällt, die in ihrer Radikalität die
Welt schockieren sollten: Es wurden Strafen zwischen 9 und 12 Jahren verhängt.
Die deutsche Berichterstattung bleibt ihren Lesern die Antwort auf eine naheliegende
Frage regelmäßig schuldig: Warum reagiert der spanische Staat um soviel gereizter, als wir
dies in Westeuropa erwarten würden? Nur ein Blick in die jüngere Geschichte Spaniens kann
diese heftige Reaktion verständlich machen.
Zu Gründen und Entwicklung der Idee einer spanischen Nation
Die Idee einer spanischen Nation entwickelt sich, wie in vielen anderen europäischen
Staaten auch, im Verlauf der napoleonischen Kriege und im einenden Widerstand gegen eine
fremde Besatzungsmacht. Die bourbonischen Könige hatten sich im Rahmen einer
10
erbärmlichen Farce kampflos den Franzosen ergeben und die Verteidigung des Landes ganz
der Bevölkerung überlassen. So entstand im Widerstandskampf die Idee einer spanischen
Nation, die zu dieser Zeit selbstverständlich das gesamte Kolonialreich umfasste. Leider
wurde dieses Nation-Building aber zu einem spektakulären Fehlstart, denn der Sieg gegen
Napoleon führte in Spanien zu einer neoabsolutistischen Reaktion, die von der Bevölkerung
mit dem Ruf ¡vivan las cadenas!, ein Hoch auf die Ketten, begrüßt wurde. Innerhalb der
nächsten Jahrzehnte ging fast die Gesamtheit der amerikanischen Kolonien für Spanien
verloren und erkämpfte sich die Unabhängigkeit.
Das gesamte 19. Jahrhundert war geprägt von einem Ringen zwischen
absolutistischen Ultra-Traditionalisten auf der einen Seite und radikalen jakobinische
Liberalen auf der anderen Seite. Man muss aufpassen, diesen Konflikt nicht auf die
Dimensionen Aufklärung vs. Traditionalismus, Katholiken vs. Agnostiker oder
Parlamentarismus vs. Absolutismus zu reduzieren.
Zentral war vor allem auch die unterschiedliche Konzeption von Staat und Nation in
beiden Lagern: Die Liberalen vertraten dabei die Ideen des französischen Jakobinismus, nach
denen die Nation in jeder Hinsicht so uniform wie möglich sein sollte und das Staatsvolk
durch eine einzige Nationalsprache zusammengehalten werden musste. Die andere Seite
dagegen, die karlistischen Traditionalisten, hatten, bei allem Schwenken von Herz-Jesu- und
“Viva el rey”-Bannern, eine föderale Konzeption von Spanien und konnten mit dem Konzept
der Einheitsnation wenig anfangen. Vielmehr sahen sie im Königreich Spanien eine bunte
Mischung iberischer Völker mit ihren je eigenen Sprachen und Traditionen und fueros
(lokalen Rechten), die unter dem Mantel der Kirche und dem Schutz der Krone in einem
“Vaterland” (patria) friedlich aber unter Wahrung ihrer kulturellen Eigenarten
zusammenleben sollten. Im 19. Jahrhundert war z.B. die baskische Sprache noch noch nicht
Symbol für antispanischen Separatismus. Ni Karliste nahiz, ta Espanie babestuko dot hil
marte so lautete das baskischsprachige Motto eines berühmten karlistischen
Bandenführers: “Ich bin Karlist und kämpfe für Spanien bis zum Tod”. Die Verwendung des
Baskischen für einen solchen Inhalt wäre heute schwer vorstellbar.
Gemäßigte Konservative, wie es sie in anderen europäischen Ländern stets gab,
wurden zwischen diesen beiden extremen Lagern zermahlen bzw. von den Traditionalisten
rechts überholt. Keiner der beiden Seiten gelang es, eine dauerhafte Regierung zu stellen und
wirksame Maßnahmen gegen die Rückständigkeit des Landes zu unternehmen. Spanien als
Ganzes blieb agrarisch geprägt und schaffte es aufgrund der ausbleibenden agrarischen
Revolution nicht, die Produktivität so zu steigern, dass aus der Landarbeiterschaft
überschüssiges Personal als Industrieproletariat hätte rekrutiert werden können. So scheiterte
in Spanien auch die Industrialisierung. Nur in zwei Regionen fand eine erfolgreiche
Industrialisierung statt: in Katalonien und im Baskenland. Dadurch ergaben sich dauerhafte
Interessenskonflikte zwischen dem industrialisierten und modernen Spanien im Osten und
dem weiterhin agrarischen Rest Spaniens.
Das politische Zentrum befand sich im 19. Jahrhundert weiterhin in Kastilien, das sich
über Jahrhunderte als dominante Nationalität innerhalb des iberischen Völkerverbunds
verstanden hatte und sich, in perpetuierter Erinnerung an die glanzvolle Epoche der
sogenannten siglos de oro, wie selbstverständlich als Führungsmacht Spaniens verstand. Das
tatsächliche demografische, wirtschaftliche und intellektuelle Zentrum hatte sich allerdings
mittlerweile in erheblichem Maße in die Peripherie verschoben. Ab 1860 beginnt in Spanien
der moderne Verstädterungsprozeß, der allerdings fast ausschließlich die industrielle
Peripherie Baskenland und Katalonien (mit Ausnahme Madrids) betrifft. Der Rest des Landes
ist durch eine rückständige Landwirtschaft geprägt, die nicht in der Lage ist, die Bevölkerung
11
zu ernähren und daher eine Flucht in die industrialisierten Städte der Peripherie verursacht.
Das aufstrebende katalanische Bürgertum verfolgte lange Zeit keine
antispanische Politik, sondern erhob vielmehr den Anspruch, die junge spanische Nation
unter katalanischer Führung in ähnlicher Weise zu einen und zu modernisieren, wie
dies in Deutschland unter preußischer und in Italien unter piemontesischer Führung
geschehen war. Dieser Konflikt um die Staatsform, die Spanien sich geben sollte,
äußerte sich in einer langen Reihe destabilisierender Bürgerkriege, deren letzter und
blutigster erst im 20. Jahrhundert mit dem Sieg des Frankismus endete.
Das bedeutete de facto die Niederlage des Traditionalismus, denn der ideologische
Kern des Frankismus bestand aus einer Kombination der unitaristischen Staatsidee der
spanischen Liberalen des 19. Jahrhunderts mit einem abgestandenen und obrigkeitshörigen
Katholizismus. Der Frankismus basierte also auf einer radikalen Umsetzung des modernen
Konzepts der Einheitsnation!
Der nationale Fehlstart Spaniens und seine Folgen für Katalonien
Der nationale Fehlstart Spaniens im 19. Jahrhundert fand, nach zahlreichen
Erniedrigungen und Fehlschlägen, seinen traumatischen Abschluss im Ende des spanisch-
amerikanischen Krieges im Jahre 1898, der für Spanien den Verlust auch der letzten
überseeischen Kolonien (Kuba und die Philippinen) bedeutete. Die Idee einer gewissermaßen
weltumspannenden spanischen Nation musste nun definitiv aufgegeben und durch die Idee
einer europäischen spanischen Nation ersetzt werden. Eine ganze Generation von
Intellektuellen, die sogenannte Generación del 98, war mit der Schaffung eines neuen und den
neuen Gegebenheiten angemessenen spanischen Nationaldiskurses beschäftigt. Die Haltung
des katalanischen Bürgertums kippte zu diesem Zeitpunkt endgültig. Die Hoffnung, Spanien
im Sinne der katalanischen Industrialisierung insgesamt umgestalten zu können und in einem
eher föderal geprägten Staatsgebilde die Führungsrolle zu übernehmen, war schließlich einer
tiefen Ernüchterung gewichen. Das spanische Staatsprojekt war gescheitert. Erst von diesem
Zeitpunkt an beginnt ein bewusstes katalanisches nation-building als Gegenentwurf zu dem
als gescheitert empfundenen spanischen Nationenprojekts. Erst von diesem Zeitpunkt an
entwickelt sich ein Katalanismus, dessen Ziel nun nicht mehr darin besteht, innerhalb eines
spanischen Gesamtstaats möglichst großen Einfluss und zugleich möglichst große regionale
Unabhängigkeit zu erreichen.
Erst jetzt beginnt in Katalonien die Idee einer eigenständigen katalanischen
Nation Form anzunehmen.
Die “Geschichte Spaniens” (Reclam 2022, wieder 2013, hg. von Peer Schmidt und
Hedwig Herold-Schmidt), ein Handbuch mit ausführlichen Überblicksartikeln von Experten
für die jeweiligen Epochen, dürfte schwerlich in dem Ruch stehen, in demagogischer Weise
gegen Spanien Stimmung machen zu wollen und sich von Regionalnationalisten einspannen
zu lassen. Zur Einheit der spanischen Nation heißt es dort im Vorwort:
“Zwar ist, wie die neuere Forschung betont, Nation und Nationalismus immer das Resultat einer
stets neu zu definierenden Konstruktion, die jeweils epochenspezifischen Ausdeutungen
unterliegt, doch ist hier die Basis einer solchen gesamtspanischen Konstruktion denkbar schmal.
Das heutige Spanien präsentiert sich nicht als ‘gewachsene Einheitsnation’, sondern vielmehr als
ein Konglomerat verschiedener Nationalitäten” (Schmidt / Herold-Schmidt 2013:11).
Hedwig Herold-Schmidt ist darin verantwortlich für das Kapitel “Vom Ende der Ersten zum
Scheitern der Zweiten Republik (1874-1939)”, in dessen 80 Titel umfassender Bibliographie
kein einziger in katalanischer Sprache auftaucht, die katalanischsprachige Historiographie
12
also augenscheinlich schlicht nicht rezipiert wurde. Das macht den mehr als kritischen
Grundton des Kapitels ideologisch eher unverdächtig. Das Entstehen der peripheren
Nationalismen Ende des 19. Jahrhunderts wird hier vor allem mit dem Scheitern eines
spanischen Nationalprojekts begründet: “Zentralistische Verwaltungsstruktur,
Ungleichzeitigkeiten in der sozioökonomischen Entwicklung, die nur in Ansätzen
erfolgreiche 'bürgerliche Revolution' und damit verbunden die Defizite des nation-building in
Spanien erklären den Aufstieg des politischen Nationalismus bzw. Regionalismus in den
peripheren Landesteilen, zuerst in Katalonien, danach im Baskenland und Galizien” (Herold-
Schmidt 2013:330).
Von spanischer Seite aus betrachtet beginnt also die Geschichte der spanischen Nation
mit einem spektakulären Fehlstart und einem zweiten Versuch zum Ende des 19.
Jahrhunderts. Von der sogenannten Generation von 1898 wird unter dem schmerzlichen
Eindruck einer ganzen Reihe verlorener Unabhängigkeitskriege, des Verlusts der Kolonien
und eines beginnenden alternativen nation-building im Baskenland und in Katalonien eine
neue spanische Nationalidee erarbeitet. Durch diese historischen Umstände wird die Angst
vor weiteren Befreiungskriegen und territorialen Einbußen zu einem prägenden Element des
neuen spanischen Nationaldiskurses. Nach all den erniedrigenden Verlusten will man nun
alles tun, um die potentiellen Verräterprovinzen Baskenland und Katalonien im Staatsverbund
zu halten! Der jakobinische Einheitsstaat wird zu einem zentralen Element des spanischen
Nationalismus und der Hass auf jede regionale Abweichung davon ebenfalls.
Die spanische Falange, die Kampforganisation des spanischen Faschismus, ist bis
heute eine zugelassene Partei, die in demokratischen Wahlen antritt. In vielen Aspekten
vertritt die spanische Ultrarechte ähnliche Ansichten wie die analogen Parteien in
anderen Ländern. Während aber z.B. der Hauptgegner deutscher Rechtsextremer
Migranten und Ausländer sind, stehen diese bei den entsprechenden spanischen
Parteien erst an zweiter Stelle ihrer Hassliste. Platz eins ist traditionell und
unverrückbar dem baskischen und katalanischen Regionalismus bzw Sezessionismus
gewidmet.
Diese Besonderheit Spaniens und seines nationalen Diskurses ist zuweilen im Ausland
nicht genügend berücksichtigt worden und ist einer der Gründe, weswegen der spanische
Bürgerkrieg und die folgende Phase der Diktatur nicht immer angemessen verstanden wurden.
Selbstverständlich gab es wichtige soziale und wirtschaftliche Gründe für den Putsch der
Generäle. Ein zentraler Grund für das alzamiento nacional (d.h. die “nationale Erhebung”!)
war aber auch, dass in der spanischen Republik gerade das Projekt einer Föderalisierung
Spaniens weit fortgeschritten war und dass innerhalb dieses Projekts Katalonien und das
Baskenland bereits offiziell ihren Status als unabhängige Staaten innerhalb einer
paniberischen Konföderation erklärt hatten, während Galicien auf dem Weg zu einer analogen
Erklärung war. Es ist im Ausland nicht genügend berücksichtigt worden, dass spanische
Nationalisten dies alles als Fanal eines unerträglichen Auseinanderbrechens der unteilbaren
spanischen Nation wahrnehmen mussten. Das zentrale Anliegen der nationalistischen
Putschisten war es, dieses Auseinanderbrechen zu vermeiden. Spätestens seitdem ist die
Furcht vor dem Zerfall Spaniens zu einem neurotischen Angst- und Hassthema
geworden.
13
Der Separatismushass: Kernelement des spanischen Nationaldiskurses
Am 12. Oktober 1936 wird im Audimax der Universität Salamanca der a de la raza (“Tag
der Rasse”) gefeiert. Anwesend sind der Bischof von Salamanca mit dem eindeutig
katalanischen Namen Enrique Plá y Deniel; die Ehefrau von Generalísimo Franco; der
Marokko-Kriegsveteran und Gründer der spanischen Fremdenlegion, General Millán-Astray;
und der renommierte baskische Literat und Intellektuelle Miguel de Unamuno. Anlässlich
dieses akademischen Festakts spricht der Rektor der Universität Francisco Maldonado die
folgenden Worte: “Katalonien und die baskischen Provinzen sind Krebsgeschwüre im Leib
der Nation. Der Faschismus, an dem Spanien nun gesunden soll, wird Mittel und Wege
finden, diese mit Stumpf und Stil auszurotten, indem wir, Chrirurgen gleich ohne falsche
Sentimentalismen, beherzt ins lebendige Fleisch schneiden”. Millán-Astray ruft: “Tod den
verräterischen Intellektuellen!”, andere, noch inspirierter, rufen “¡Viva la muerte!”. Unamuno
selbst Baske, aber zugleich doch ein jakobinistischer Kämpfer für die spanische
Einheitsnation widerspricht in einer tapferen, berühmten und letztlich ins Exil führenden
Replik, die mit den Worten “Venceréis [...] Pero no convenceréis” (‘Ihr werdet siegen. Aber
nicht überzeugen.’) endet. Miguel de Unamuno ist lange tot. Millán-Astrays Legion besteht
bis heute als offizieller Teil der spanischen Armee, trägt gern riesige Kruzifixe durch Städte
und singt dazu die Hymne der Legion “Somos novios de la muerte” (‘Unsere Braut, das ist
der Tod’). Die Ablehnung von Separatismus entspricht dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb
eines jeden Staats; aber nicht in jedem Staat ist er so eng mit rechtsextremem Gedankengut
verknüpft.
José Antonio Primo de Rivera (1903-1936), Sohn des Diktators Miguel Primo de
Rivera, ist der Begründer des spanischen Faschismus. Im offiziellen Programm der Falange,
von Primo de Rivera selbst verfasst, steht das Thema der Unteilbarkeit der spanischen Nation
und der Hass auf den Separatismus ganz am Anfang, nämlich in den Paragraphen 1 und 2: “1.
Wir glauben daran, dass Spanien eine höhere Realität ist. Spanien zu stärken, zu
verherrlichen und zu erhöhen ist die drängendste Aufgabe, der sich alle Spanier zu
stellen haben. Der Verwirklichung dieses Ziels haben sich sämtliche Interessen der
Individuen, Gruppen und Klassen gnadenlos zu unterwerfen. 2. Spanien ist eine
Schicksalseinheit innerhalb des Universalen. Jegliche Verschwörung gegen diese Einheit
ist abstoßend. Jeglicher Separatismus ist ein Verbrechen, das wir nicht verzeihen
werden(ABC, 1934).
Die Figur José Antonios ist übrigens in Spanien insgesamt weitgehend salonfähig
geblieben. Eine angebliche romantisch-schicksalhafte Liebschaft mit einer steinreichen
jüdischen Kommunistin dramatischerweise kurz vor seiner standrechtlichen Erschießung
wurde am 1. Oktober 2015 mit großem Erfolg unter dem Titel “Mi princesa roja” (‘Meine
rote Prinzessin’) in Madrid uraufgeführt. Das Musical versteht sich als apolitisch und
beleuchtet lediglich die sympathischen persönlichen Facetten der Persönlichkeit des
Faschistenführers. Das Internet lehrt uns zudem, dass die Calle José Antonio Primo de Rivera
die Bar- und Discomeile auf Lanzarote ist. Valladolid hat die gleichnamige Straße erst 2014
umbenannt, Valencia 2012; in Melilla und vielen anderen Orten hat man sich noch nicht dazu
durchringen können. Wer “Calle José Antonio Primo de Rivera” in eine Suchmaschine
eingibt, kann sich von der andauernden Popularität dieses Namens (aber auch anderer wie
z.B. “Generalísimo” oder “Francisco Franco”) in Spanien überzeugen. Im spanischsprachigen
14
Spanien sind Patriotismus und der Kampf gegen die separatistischen Tendenzen der
Peripherie so positiv konnotiert, dass man dort regelmäßig Schwierigkeiten hat, sich
uneingeschränkt von frankistischen und faschistischen Politikern zu distanzieren, die
schließlich für genau diese Ziele kämpften.
Unter Franco war die jakobinische Idee eines in jeder Hinsicht einheitlichen Spanien
Staatsdoktrin und prangte als Una, grande y libre auf jeder Münze. Neben einer Art
Zwangskatholizismus war die Unterdrückung der Regionalbewegungen ein zentrales
ideologisches Element des Frankismus.
Nach dem Tod des Diktators am 20. November 1975 war der Weg frei für ein
neues, demokratisches Spanien und wenige Jahre später begründete sich dieses
demokratische Spanien mit einer neuen Verfassung. Nicht alles war daran allerdings
neu, denn auch diese Verfassung von 1978 enthält wieder den Grundsatz von der
“unauflöslichen Einheit der spanischen Nation, unteilbares Vaterland aller Spanier”
(Artikel 2) und legt in Artikel 3 das Kastilische als offizielle Staatssprache fest, die zu
kennen Pflicht aller Spanier ist.
Erst auf dieser Grundlage wird dann auch den anderen “Nationalitäten” und Regionen
sowie ihren Sprachen ein sekundäres und lokal begrenztes Existenzrecht zugesprochen. Dass
die Verpflichtung aller Bürger auf eine gemeinsame nationale Identität und Staatsprache
keineswegs eine verfassungsrechtliche Selbstverständlichkeit ist, sieht man bereits bei einem
kurzen Blick in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, in dem das Wort “Nation”
überhaupt nicht auftaucht und auch die Frage, welche Sprachen die Bürger kennen müssen,
nicht geregelt wird. Nun sind solche Festlegungen andererseits auch nicht unmoralisch oder
an und für sich verwerflich. Im spanischen Kontext sind sie allerdings mit Sicherheit nicht so
unschuldig, wie es den Anschein haben könnte. Sie dienen nicht dazu, hypothetische
Alternativen auszuschließen, sondern richten sich gegen ganz konkrete politische
Bestrebungen der Peripherie.
Die Väter der spanischen Verfassung waren sich völlig bewusst, dass der katalanische,
baskische oder galicische Nationalsdiskurs im Frankismus zwar unterdrückt, nicht aber
ausgerottet worden war; der Konflikt war nicht beigelegt und hätte in der jungen spanischen
Demokratie neu politisch verhandelt werden ssen mit allen Unwägbarkeiten, die
demokratische Prozesse nun einmal mit sich bringen. Die frankistischen Eliten, insbesondere
das Militär, waren nach dem Tod ihres Generalissimus bereit, sich mit allen erdenklichen
Zumutungen des Machtverlusts abzufinden notfalls sogar mit der Demokratie oder einer
sozialdemokratischen Regierung. Bei der territorialen Frage aber war ihre Toleranzgrenze
erreicht. Glaubhafte Zeitzeugen lassen keinen Zweifel daran, dass die oben genannten
Passagen der spanischen Verfassung nur unter konkretem Druck des Generalstabs ihren Weg
dorthin fanden. Narcís Serra (Ex-Verteidigungsminister und Ex-Vizepräsident der spanischen
Regierung) berichtet: “Der Übergang [zur Demokratie] beginnt, als der König Adolfo Suárez
ernennt. Und Adolfo Suárez hatte einen geringen Handlungsspielraum: Das demokratische
Minimum wurde von der öffentlichen Meinung, das Maximum dagegen von den tatsächlichen
Machthabern diktiert, die sich als Erbwalter der Grundsätze des Frankismus verstanden. [...]
Und es gab nur eine einzige handlungsfähige Machtinstanz, die sich als dessen Erben sah und
15
den Fortbestand des frankistischen Systems garantieren konnte: die Armee”.
2
Miguel Herrero
de Miñón, einer der Väter der Verfassung von 1978, räumt den konkreten Einfluss hoher
Militärkreise auf den Text der Verfassung ein: “Artikel 8 hat eine technische Formulierung,
die der Generalstab diktiert hatte und die sich Präsident Suárez zueigen machte und an uns
übermittelte”. Xabier Arzalluz, ein weiterer Verfassungsvater, berichtet: “Herr Herrero hält
einen Umschlag hoch, auf dem ‘Generalstab’ steht; ein militärischer Ausdruck ich weiß
nicht, was das damals genau war. Und daraufhin alle: ‘Amen!’ Und ich erinnere mich,
Enrique Múgica gefragt zu haben: ‘Wie konntet ihr so etwas akzeptieren?” Dass die
Verfassung, die verfassungsmäßige Ordnung und all das andere von den Streikräften
bestimmt werden sollte? Das ist Bevormundung! Und er antwortete: ‘Das war eine
Bedingung’.” Jordi Solé Tura, Vorsitzender des Verfassungsrats und ein weiterer der sieben
“Väter der Verfassung” berichtet, dass der (von den Militärs diktierte) Text von Artikel 2
einen grammatikalischen Fehler enthielt. Daraufhin erhielt er von den Vertretern der
Regierungskoalition die Rückmeldung, man könne an diesen Artikeln kein Komma mehr
ändern, denn sie seien der wörtliche Text eines Kompromisses, den man mit den
“konsultierten Kreisen” geschlossen habe. Mit anderen Worten: Die Militärs waren nur unter
einer ausdrücklichen Bedingung bereit, den Übergang zur Demokratie tatenlos zu ertragen:
Die Verfassung musste jegliche demokratische Auseinandersetzung über eine mögliche
baskische oder katalanische Unabhängigkeit unmissverständlich ausschließen und damit der
Sphäre demokratisch verhandelbarer und politisch entscheidbarer Fragen von vornherein
entziehen. Nur unter dieser Bedingung verzichteten sie 1978 auf den Putsch, der dann, drei
Jahre später, dennoch kommen sollte.
Diese beiden Verfassungsartikel Artikel 2 (Unteilbarkeit der spanischen
Nation) und Artikel 8 (Verantwortung der Streitkräfte für die territoriale Integrität
anch innen wie nach außen, d.h. sie verhindern mit Waffengewalt jeden
Sezessionsversuch) waren für die Militärs demnach der zentrale Kern der frankistischen
Staatsdoktrin, den es um jeden Preis zu bewahren galt! Sie setzten damit die alte
Position des spanischen Faschismus fort, der in der Bekämpfung des katalanischen und
baskischen Nationalismus das zentrale Element für die Konstitution der spanischen
Nation sah und sieht. Genau diese Verfassungsartikel sind es, mit denen linke wie rechte
Regierungen in Madrid ihre strikte Weigerung begründen, die katalanische Seite
überhaupt als Verhandlungspartner anzuerkennen.
Ihre Forderungen sind verfassungswidrig und daher nicht verhandelbar, ja nicht
einmal einem Kompromiss zugängig. Der Rechtsstaat wird so zur Verhinderung einer
politischen Auseinandersetzung missbraucht. Der Gesetzgeber versteckt sich hinter dem
Gesetz.
Am 23. Februar 1981 fand in Spanien schließlich doch der Putschversuch statt, den
man durch das Appeasement bei der Verfassung hatte verhindern wollen: der “23-F” (d.h. der
“23. Februar”). Teile der Armee und der Guardia Civil versuchten, die demokratisch
legitimierte Regierung mit Waffengewalt abzusetzen und die Regierungsgewalt über ganz
Spanien zu erringen; Ziel der Putschisten war es, die Entwicklung Spaniens in Richtung eines
pluralistischen demokratischen Rechtsstaats zu stoppen und erneut eine Militärdiktatur zu
errichten. Die Panzerdivision “Maestrazgo” fuhr durch die Straßen Valencias und der
2
Dieses und die folgenden Zitate übersetze ich aus den Zeitzeugenberichten, die in der katalanischen
Fernsehsendung “Més enllà del consens” der Reihe “30 minuts” des Senders TV3 vom 07.12.2003 ausgestrahlt
wurden (http://www.tv3.cat/videos/1393229).
16
Oberstleutnant der Guardia Civil Antonio Tejero betrat mit 200 schwer bewaffneten
Zivilgardisten das spanische Parlament, ließ mit Maschinenpistolen in die Decke schießen
und befahl den gewählten Parlamentariern, sich auf den Boden zu legen.
Nach dem Scheitern des Putschversuchs wurde Tejero 1982 wegen rebelión zu 30
Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er knapp 14 Jahre tatsächlich abzusitzen hatte;
General Milans del Bosch, der Valencia gewaltsam besetzt hatte, wurde ebenfalls zu 30
Jahren verurteilt, von denen er aufgrund einer Begnadigung effektiv 8 Jahre im
Gefängnis verbrachte. Es drängt sich der Eindruck auf, dass man in ihnen letztlich
fehlgeleitete Patrioten sah, die ihre Strafe zwar formal verdienten aber offenbar auch
erhebliche Milde. Auf eine solche Milde dürfen die katalanischen Politiker nicht hoffen,
die derzeit genau derselben Vergehen beschuldigt werden.
Die symbolische Unabhängigkeitserklärung Präsident Puigdemonts:
Ein Putsch ähnlich dem der Militärs im Jahre 1981?
Am 10. Oktober 2017 hielt Präsident Puigdemont in Barcelona eine Rede, in deren Verlauf er
das Resultat der Volksabstimmung zur Unabhängigkeit Kataloniens bekannt gab und danach
symbolisch das tat, wofür er zum Präsidenten gewählt worden war und wozu ihm nun auch
die Volksbefragung ein Mandat verlieh: Die symbolische Unabhängigkeitserklärung
Kataloniens. Symbolisch war sie offensichtlich, weil keine Vorkehrungen getroffen worden
waren, sie im Sinne eines Putsches durch bewaffnete Übernahme neuralgischer
Kontrollpunkte wie Flughäfen, Bahnhöfe, Kraftwerke etc. zu erzwingen. Vielmehr verknüpfte
Präsident Puigdemont seine Erklärung mit einer erneuten Einladung zu einem Dialog oder
einer internationalen Schlichtung die von spanischer Seite wieder ungehört verhallte. In
einem umfassend mediatisierten Prozess werden zur Zeit die verantwortlichen katalanischen
Politiker und Aktivisten mit dem Vorwurf konfrontiert, genau denselben Straftatbestand
realisiert zu haben, wie seinerzeit die Militärs beim Putsch des 23. Februars 1981. Carles
Puigdemont befindet sich indes im belgischen Exil.
Die Rede, die Präsident Puigdemont am 10. Oktober 2017 hielt, ist im politischen
Lärm jener Tage weitgehend untergegangen. Das ist bedauerlich, denn sie beschreibt konzis
und nachvollziehbar die Motive und Ziele der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Die
Tatsache, dass es eine Rede in katalanischer Sprache war, aber auch die Verunglimpfung
Puigdemonts als politischer Hasardeur, Nationalist und Putschist, hat wohl den Eindruck
erweckt, dass es nicht relevant sein konnte, was dort gesagt wurde. Vielleicht sollten wir ihm
aber doch einmal zuhören:
Seit dem Tod des Militärdiktators Francisco Franco haben Katalanen wie alle anderen zur Festigung
der spanischen Demokratie beigetragen. Katalonien war nicht nur der wirtschaftliche Motor Spaniens,
sondern auch ein Faktor der Modernisierung und Stabilität. Katalonien sah in der spanischen
Verfassung von 1978 einen Ausgangspunkt, um seine Selbstverwaltung und seinen wirtschaftlichen
Fortschritt zu befördern. Katalonien war nach vierzig Jahren der Isolation und Autarkie maßgeblich an
der Rückkehr Spaniens zu europäischen und internationalen Institutionen beteiligt. Im Laufe der Jahre
zeigte es sich jedoch, dass der neue institutionelle Rahmen, der aus der Übergangsphase von der
Diktatur zur Demokratie entstanden war, in Katalonien vor allem als Ausgangspunkt gesehen wurde,
von dem aus die Demokratie und Selbstverwaltung sich weiterentwickeln sollten; die hegemonialen
Eliten des Staats allerdings sahen darin keinen Ausgangspunkt, sondern vielmehr einen Zielpunkt. Im
Laufe der Jahre hörte das System nicht nur auf, sich in die von den Menschen in Katalonien gewünschte
Richtung zu entwickeln, sondern es begann sogar, das Erreichte wieder zurückzudrängen. Als Reaktion
auf diese Feststellung billigte im Jahr 2005 eine große Mehrheit von 88% [...] dieses Parlaments unter
Beachtung sämtlicher in der Verfassung festgelegten Verfahren einen [...] Vorschlag für ein neues
17
Autonomiestatut und schickte es an das spanische Abgeordnetenhaus. Der katalanische Vorschlag löste
in Spanien eine wahre Hasskampagne gegen alles Katalanische aus, die in verantwortungsloser Weise
von denjenigen angefacht wurde, die Spanien um jeden Preis regieren wollten.
Der Text des Autonomiestatus, der 2006 schließlich durch eine Volksabstimmung legitimiert
werden sollte, wich bereits erheblich von dem ursprünglichen Vorschlag des katalanischen Parlaments
ab, doch wurde er von den Wählern des Referendums dennoch verabschiedet. Die Wahlbeteiligung
betrug 47% der Wahlberechtigten, von denen 1.899.897 mit Ja votierten. [...] Diese ersten
Beschneidungen des ursprünglichen Texts genügten dem spanischen Staat allerdings nicht. Im Jahr
2010, vier Jahre nach Inkrafttreten des verwässerten Statuts, sprach ein Verfassungsgericht, bestehend
aus Richtern, die von den beiden großen spanischen Parteien PSOE und PP bestimmt worden waren, ein
beschämendes Urteil, das unser Autonomiestatut zum zweiten Mal in zentralen Teilen für
verfassungswidrig erklärte, obgleich es längst von den Bürgern in einem Referendum bestätigt worden
war. Vergessen wir nicht: Obwohl bei der Verabschiedung des neuen Statuts alle von der
spanischen Verfassung vorgesehenen Verfahrensregeln beachtet worden waren, obwohl 88% des
katalanischen Parlaments dafür gestimmt hatten und trotz einer überwältigenden Annahme in einer
legalen und mit Madrid abgestimmten Volksabstimmung, sorgten die Änderungen durch das Madrider
Abgeordnetenhaus und das Verfassungsgericht dafür, dass der ursprüngliche katalanische Textentwurf
nun bis zur Unkenntlichkeit verändert worden war. Und vergessen wir auch nicht: Dieser zweifach
verstümmelte Text ist heute geltendes Recht. So endete also der letzte Versuch Kataloniens, seinen
rechtlichen und politischen Status auf verfassungskonforme Weise zu verbessern: in einer Demütigung.
Dabei geschah allerdings etwas sehr Wichtiges: Parallel zur absoluten Mehrheit der
Unabhängigkeitsbefürworter im katalanischen Parlament entstand ein breiter und parteienübergreifender
Konsens darüber, dass die Zukunft Kataloniens in jedem Fall von der katalanischen Bevölkerung selbst
in einem friedlichen und demokratischen Referendum bestimmt werden sollte. In der neuesten Umfrage
zu diesem Thema von einer Madrider Zeitung, nicht von einer hiesigen erstellt äußern sich 82% der
Katalanen in diesem Sinne. Um ein solches Referendum zu ermöglichen, haben die katalanischen
Institutionen und die Zivilgesellschaft in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen gegenüber der
spanischen Regierung und den spanischen Institutionen organisiert. Wir können belegen: Volle
achtzehn Mal haben wir in allen denkbaren Formen versucht, einen Dialog über ein einvernehmliches
Referendum anzustoßen, wie es in Schottland am 18. September 2014 abgehalten wurde. Ein
Referendum mit einem konkreten Datum und einer Frage, die zwischen beiden Seiten abgestimmt
worden war, so dass Befürworter wie Gegner einer Unabhängigkeit die Gelegenheit gehabt hätten, ihre
Argumente im Rahmen regulärer Wahlkampagnen zur verbreiten. Ein Referendum, bei dem beide Seite
sich verpflichtet hätten, das Ergebnis zu respektieren und in Folgeverhandlungen die Interessen beider
Seiten angemessen zu berücksichtigen. Wenn dies in einer der ältesten, gefestigtesten und
vorbildlichsten Demokratien der Welt wie dem Vereinigten Königreich möglich sein sollte warum
dann nicht auch in Spanien?
Die Reaktion auf all diese Initiativen war eine Ablehnung rundheraus, verbunden mit einer
polizeilichen und gerichtlichen Verfolgung der katalanischen Regierung. Der ehemalige Präsident Artur
Mas, die ehemaligen Ministerinnen Irene Rigau und Joana Ortega, sowie der ehemalige Minister des
Präsidialamts Francesc Homs wurden wegen ihrer Unterstützung einer nicht-bindenden und nur
orientierenden Volksbefragung 9. November 2014 ihrer Ämter enthoben. Damit nicht genug: Sie
wurden auch noch willkürlich und unverhältnismäßig bestraft. Innerhalb einer gesetzten Frist müssen
sie nun über fünf Millionen Euro beim spanischen Rechnungshof hinterlegen, andernfalls wird ihr
gesamtes persönliches Vermögen einschließlich dem ihrer Familien beschlagnahmt [...]
Dies war die Antwort des spanischen Staates auf die katalanischen Forderungen, die stets
friedlich und durch demokratisch erzielte Mehrheiten zum Ausdruck gekommen waren. Die Menschen
in Katalonien fordern seit Jahren die Freiheit, über ihre Zukunft zu entscheiden. Es ist ganz einfach.
Dennoch haben wir dazu nirgends Ansprechpartner gefunden, weder in der Vergangenheit, noch jetzt.
Es gibt keine staatliche Institution, die bereit wäre, über die durch demokratische Mehrheiten
legitimierten Forderungen dieses Parlaments und der katalanischen Gesellschaft mit uns zu sprechen.
Die letzte Hoffnung, die uns noch geblieben war, bestand darin, dass der König die Schlichtungs- und
Moderationsrolle übernehmen würde, die die Verfassung ihm zuweist; doch seine Rede von letzter
Woche hat die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. [...]
Meine Damen und Herren, mit den Ergebnissen des Referendums vom 1. Oktober hat
Katalonien sich das Recht erworben, ein unabhängiger Staat zu werden, und angehört und respektiert zu
werden. Das Ja zur Unabhängigkeit erhielt zunächst bei den katalanischen Parlamentswahlen eine
absolute Mehrheit; zwei Jahre später wurde es durch ein Referendum bestätigt. Die Wahlurnen, die
einzige Sprache, die wir verstehen, fordern die Unabhängigkeit. Und dies ist der Weg, den ich zu
18
beschreiten habe. [...] Der 1. Oktober teilt die katalanische Geschichte in ein Davor und ein Danach, und
wir haben erreicht, wozu wir uns zu Beginn der Wahl verpflichtet hatten. In diesem historischen
Moment, indem ich Ihnen vor dem Parlament und als Präsident der Generalitat das Ergebnis des
Referendums bekanntgebe, nehme ich das so erteilte Mandat für das politische Projekt an, Katalonien
zu einem unabhängigen Staat in Form einer Republik zu erklären” (Carles Puigdemont, Auszüge aus
seiner Rede vor dem katalanischen Parlament am 10. Oktober 2017).
Schlusswort
Spanien ist kein Unrechtsstaat. Und die katalanische Nation braucht nicht notwendigerweise
einen eigenen Staat. Derzeit ist aber vor allem die populistische Wut Restspaniens angesichts
des desafío catalán also der katalanischen Provokation der Grund, weshalb dieser über
hundertjährige Konflikt weiterhin nicht mit den Mitteln einer parlamentarischen Demokratie
beigelegt werden kann. Der spanische Nationalismus fühlt sich durch die katalanische
Unabhängigkeitsforderung gekränkt und provoziert; jeder Politiker, der auch nur die
geringsten Konzessionen an Katalonien in Aussicht stellt, kann derzeit vor der spanischen
Wählerschaft nicht bestehen. Als die spanische Guardia Civil 2017 aus allen Landesteilen
aufbrach, um die vom Verfassungsgericht illegalisierte nicht-bindende Volksbefragung in
Katalonien gegebenenfalls niederzuknüppeln, wurde sie in vielen Heimatorten von der
Bevölkerung mit dem Ruf ¡A por ellos! verabschiedet. Das ist schwer zu übersetzen, heißt
aber soviel wie “auf sie mit Gebrüll!”, immer feste druff!” oder auch haut se, haut se,
immer auf die Schnauze!”. Diese Bürger verlangen von Katalonien nichts weniger als das
kommentarlose kulturelle, sprachliche und politische Aufgehen in der spanischen Staatsnation
kasitlischer Prägung. Dass die Lösung des Problems irgendwann einmal so aussehen könnte,
erscheint indes mehr als unwahrscheinlich.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.