ArticlePDF Available

Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Eine explorative Studie zu den Grundlagen von Traumatherapien, die mit Blickrichtungen arbeiten.

Authors:
  • Hochschule für angewandte Pädagogik
  • Klinik für Psychiatrie u. Psychotherapie

Abstract

Bis dato stellt sich die grundlegende Frage der Traumatherapie, wie mit der Konfrontation von emotional herausfordernden und belastenden Erinnerungen (Exposition) möglichst ressourcenorientiert und nicht retraumatisierend (Überaktivierung) umgegangen werden kann, sodass die Orientierung in der Gegenwart bestehen bleibt, eine kognitive (Neu-) Verarbeitung möglich wird, und negative Erinnerungen ein explizites Narrativ erhalten können. Die Anwendung von Augenbewegungen und die Traumverarbeitung auf spezifischen Blickrichtungen scheinen einen vielversprechenden Ansatz zur Regulation von emotionaler Erregung während der Exposition darzustellen. In diesem Kontext führten obige Autoren eine explorative Studie (N=29) zu belastenden Erinnerungen durch. Per Fragebogen wurde unter anderem die Intensität und Qualität der begleitenden Emotionen unter zwei Blickrichtungsbedingungen während einer 5-minütigen Exposition (Erinnerung an ein belastendes Ereignis sowie Erfassung der Blickrichtung der höchsten emotionalen Belastung, die im Körper spürbar ist, und Erfassung der Blickrichtung der geringsten spürbaren Belastung bei der Erinnerung an das identische Ereignis) erfasst. Die Ergebnisse weisen auf signifikant unterschiedliche Erregungsniveaus und emotionale Qualitäten in Abhängigkeit der Blickrichtung während der Exposition hin. Es wurden keine bedeutsamen Gruppenunterschiede bezüglich des Belastungsgrades der Versuchspersonen (vorhandene Hinweise auf Posttraumatsche bzw. Dissoziative Störungsbilder - PC-PTSD-5 / Prins et al, 2015 und SDQ 5 / Nijenhuis, 2010) auf die emotionale Reaktion gefunden. Die Ergebnisse werden diskutiert und in den gegenwärtigen Stand der Erkenntnisse eingeordnet. [Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag]
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von belastenden oder
traumatischen Ereignissen verändern?
Eine explorative Studie zu den Grundlagen von Traumatherapien, die mit Blickrichtungen
arbeiten.
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse
Zusammenfassung
Bis dato stellt sich die grundlegende Frage der Traumatherapie, wie mit der Konfrontation von
emotional herausfordernden und belastenden Erinnerungen (Exposition) möglichst
ressourcenorientiert und nicht retraumatisierend (Überaktivierung) umgegangen werden
kann, sodass die Orientierung in der Gegenwart bestehen bleibt, eine kognitive (Neu-)
Verarbeitung möglich wird, und negative Erinnerungen ein explizites Narrativ erhalten
können. Die Anwendung von Augenbewegungen und die Traumverarbeitung auf spezifischen
Blickrichtungen scheinen einen vielversprechenden Ansatz zur Regulation von emotionaler
Erregung während der Exposition darzustellen.
In diesem Kontext führten obige Autoren eine explorative Studie (N=29) zu belastenden
Erinnerungen durch. Per Fragebogen wurde unter anderem die Intensität und Qualität der
begleitenden Emotionen unter zwei Blickrichtungsbedingungen während einer 5-minütigen
Exposition (Erinnerung an ein belastendes Ereignis sowie Erfassung der Blickrichtung der
höchsten emotionalen Belastung, die im Körper spürbar ist, und Erfassung der Blickrichtung
der geringsten spürbaren Belastung bei der Erinnerung an das identische Ereignis) erfasst. Die
Ergebnisse weisen auf signifikant unterschiedliche Erregungsniveaus und emotionale
Qualitäten in Abhängigkeit der Blickrichtung während der Exposition hin. Es wurden keine
bedeutsamen Gruppenunterschiede bezüglich des Belastungsgrades der Versuchspersonen
(vorhandene Hinweise auf Posttraumatsche bzw. Dissoziative Störungsbilder - PC-PTSD-5 /
Prins et al, 2015 und SDQ 5 / Nijenhuis, 2010) auf die emotionale Reaktion gefunden. Die
Ergebnisse werden diskutiert und in den gegenwärtigen Stand der Erkenntnisse eingeordnet.
Schlagworte:
Trauma, PTBS, Emotionen, Augenbewegung, Blickrichtung
1. Einleitung
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Die vorliegende explorative Pilot-Studie erkundet die Bedeutung von Blickrichtungen (in
verschiedenen Methodenbeschreibungen auch als Blick- oder Augenpositionen, visuelle
Spots, Brainspots oder visuelle Foci benannt) für die Veränderung der emotionalen Qualität
von belastenden oder traumatischen Ereignissen, in der Hoffnung, dass sich daraus in der
Folge Hinweise für die effektive Behandlung von belasteten Patient*innen und/oder
Traumapatient*innen mittels verschiedener Arbeitsmodi generieren lassen, welche das
Visusfeld des Patienten nutzen. So werden im Bereich der Traumatherapie beispielsweise die
Wirkweisen und wirksamen Komponenten der Augenbewegung bzw. Blickrichtungen im
Visusfeld von Techniken wie EMDR mit schnellen sakkadischen Augenbewegungen (Sack et al,
2016), EMI mit langsamen oder auch smooth-pursuit Augenbewegungen (Beaulieu, 2005) und
Brainspotting mit einem stabilen Fokus (Corrigan & Grand, 2013) diskutiert. Die praktische
Erfahrung zeigt, dass bei der Anwendung von bewegten bilateralen Augenarbeitstechniken
die Augenbewegungen von Klienten*innen stocken oder gebremst werden und dadurch
relevante Blickrichtungen für spezifische Themen und Erinnerungen für Therapeuten*innen
beobachtbar werden. Scheinbar spielen eben diese fokussierten Spots eine wichtige Rolle in
dem mentalen Prozess der Traumaverarbeitung. Die mit solchen Spots assoziierten und für
Klienten*innen erlebbaren emotionalen Qualitäten gilt es näher zu erforschen.
Neben einfachen, belastenden Ereignissen (z.B.: Ärger und Streit mit Familienangehörigen
oder Arbeitskolleg*innen), kann ein mit dem Visusfeld arbeitender Therapieansatz auch bei
traumatisierter Klientel eingesetzt werden. Wir greifen dabei zur Definition der
Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit dem folgenden Wortlaut für eine
Traumasituation, wie sie demnächst mit Publikation des ICD-11 genutzt werden wird: „Ein
extrem bedrohliches oder entsetzliches Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen“ (Gysi, 2018,
S.1). Im Fall der komplexen PTBS: „Ein extrem bedrohliches oder entsetzliches Ereignis oder
eine Reihe von Ereignissen, meistens längerdauernde oder wiederholte Ereignisse, bei denen
Flucht schwierig oder unmöglich war (z.B. Folter, Sklaverei, Genozidversuche, längerdauernde
häusliche Gewalt, wiederholter sexueller oder körperlicher Kindsmissbrauch)“(ebd., S.1). In
der Traumatherapie wird zwischen Typ I-Trauma (Monotraumata, einmalig, eher kurzfristige
und plötzliche traumatisierende Ereignisse) und Typ II-Trauma (Serielle Traumata, sich
wiederholende oder länger andauernde Stressoren, welche zu einer erwartbaren Belastung
werden) unterschieden. Dieser Unterteilung und den unterschiedlichen Folgen der beiden
Traumatypen trägt das ICD-11 Rechnung. Maercker (2013) unterscheidet diese beiden
Grundtypen jeweils weiter anhand der drei Aspekte akzidentiell (in Form eines Unfalls) und
interpersonell bzw. man made.
Die möglichen ultimativen Reaktionen auf eine sehr bedrohlich erlebte Situation lassen sich
mit den englischsprachigen Begriffen fight (Kampf/Angriff), flight (Flucht), und freeze
(Totstellen/Immobilisation) beschreiben und sind mit unterschiedlichen Aktivitäten des
Nervensystems assoziiert. Vereinfacht dargestellt, werden bei Kampf und Flucht
charakteristischerweise insbesondere über die sympathischen adrenergen Nervenfasern
Informationen an die periphere Muskulatur gesendet, um diese motorisch aktive Reaktion
hervorrufen zu können (Levine, 2010; Porges, 2001). Erscheint diese Reaktion aussichtslos
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
oder führte bisher nicht zur Rettung, wird der Vagusnerv und das dorsale vagale System
aktiviert, welches die inneren Organe im Bauch-, Brust- und Halsbereich versorgt. Es kommt
dann zu einer Erstarrung oder sogar Erschlaffung des Körpers und zu einer Immobilisierung
(Totstellen). Bei Überleben und Nachlassen der Gefahr kann dann wiederum das
sympathische Nervensystem übernehmen und entsprechende rettende Aktivitäten (z.B.
Rennen, Schlagen …) einleiten. Ist die Umgebung dann wieder sicher, kann das myelinisierte
ventrale System seine kommunikativen, sozialen, interaktiven und emotionalen
Ruhefunktionen übernehmen, welche ansonsten in der Notsituation automatisch gehemmt
werden (Levine, 2010; Porges, 2001).
Als Traumafolgestörungen imponieren depressive- und/oder Angststörungen,
Zwangsstörungen, dissoziative Störungen, PTBS, Essstörungen, Suchterkrankungen,
psychosomatische Störungen, Persönlichkeitsstörungen u.a. ICD Diagnosen.
Erlebte Traumatisierungen können im Organismus zu einer Vielfalt von Symptomen führen.
Beobachtbar werden beispielsweise akute Belastungsreaktionen ebenso wie eine verzögerte,
protrahierte Symptombildung mit intrusivem Erleben (z.B. visuelle oder Körperflashbacks),
Vermeidung von Situationen/Emotionen oder Dissoziation, Hypervigilanz (wie erhöhter
Schreck- und Reizbarkeit, Schlafstörungen u.a.). Herman (2010) beschreibt in diesem Kontext
Störungen in der Regulation von Affekten und Impulsen; Störungen der Wahrnehmung oder
des Bewusstseins; gestörte Selbstwahrnehmung; gestörte Wahrnehmung des Täters/der
Täter, Beziehungsprobleme und Veränderungen des Wertesystems.
Zu den psychophysiologischen Effekten, die eine erlebte Traumatisierung bewirken, kann
zählen: Reizüberempfindlichkeit, Hyperarousal/Veränderungen in energetischen
Hirnmustern, fehlende Habituation an Schreckerfahrungen, hinzu kommen neurohormonelle
Effekte, neuroanatomische Veränderungen sowie immunologische Effekte (Levine, 2010; van
der Kolk, 2014).
2. Traumaarbeit im Visusfeld
Im Folgenden beziehen wir uns exemplarisch auf verschiedene Verfahren, wie Eye Movement
Desensitization and Reprozessing (EMDR), Eye Movement Integration (EMI) sowie
Brainspotting, welche die Arbeit im Visusfeld nutzen um traumatische Erlebnisse zu
verarbeiten. Uns ist es nicht wichtig, diese Verfahren umfassend als Methoden der
Traumapsychotherapie vorzustellen. Es wird vielmehr auf die unterschiedliche Nutzung von
Blickrichtungen bzw. Spots fokussiert. Wichtige weitere Vertreter werden an dieser Stelle
auch nur kurz benannt. Es fehlen beispielsweise bestimmte Methoden der Hypnotherapie,
des Eyes Closure Eyes Movement (ECEM, nach Hollander & Bender, 2001 und Hollander,
2009), der Observed Experiential Integration (OEI, nach Bradshaw, Cook, & McDonald, 2011)
und weitere, die an dieser Stelle nur kurz benannt werden.
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Mit der Entwicklung von traumaverarbeitenden Methoden wie der Eye Movement Integration
(EMI) sowie des Eye Movement Desensitization and Reprozessing (EMDR) aus dem
Neurolinguistischen Programmieren (NLP) heraus, standen erstmals gut anzuwendende
Methoden der Traumaarbeit neben der Hypnose/Hypnotherapie zur Verfügung.
Interessanterweise war das NLP in den 70er Jahres des letzten Jahrhunderts dabei nicht als
therapeutisches Verfahren entwickelt worden, sondern stellte im Kern ein
Kommunikationsmodell dar, welches durch Modellieren von bekannten Therapeuten wie Fritz
Perls (Gestalttherapie), Virginia Satir (Familientherapie) und Milton Erickson (Hypnotherapie)
sowie durch Beobachtung des Kommunikationsstiles Gregory Batesons entstanden war
(Hesse, 2017, S. 47). Die Hypnose und Hypnotherapie mit ihren verschiedenen Nutzungen des
Augenfokus zur Induktion von Trancezuständen (Blickfixation u.a. Techniken) stand
insbesondere vertreten durch Milton Erickson am Beginn der Entwicklung der modernen
Visusfeldarbeit (ebd.).
Mit dem Augenbewegungsmodell von Robert Dilts, welches er im Rahmen des NLP
entwickelte, entstand ein Grundmodell, welches dazu einlud, zu erforschen, ob und wie sich
von außen angeleitete Augenbewegungen therapeutisch nutzen ließen (ebd.). In den von ihm
initiierten Arbeitsgruppen forschten Francine Shapiro, welche späterhin das EMDR gründete,
sowie Connirae und Steven Andreas, welche das EMI entwickelten. EMDR als Methode
verbreitete sich von der Westküste der USA aus über die USA und in der Folge weltweit, das
EMI verbreitete sich von der Westküste vor allem zuerst nach Kanada. Erst die kanadische
Psychotherapeutin Danie Beaulieu führte es in das europäische psychotherapeutische
Methodenarsenal ein und verbreitete es dann ebenfalls weltweit. Beide Verfahren
entwickelten sich zeitgleich (ebd.). Griff Shapiro zur Verarbeitung traumatischen Erlebens auf
horizontale, bilaterale, sakkadische Augenbewegungen zurück und fügte ihrem Repertoire
später bilaterales Tapping (kinästhetisches Repräsentationssystem) und Snipsing (akustisches
Repräsentationssystem) hinzu, so begriffen Connirae und Steven Andreas das Visusfeld einer
Person als Ort, von dem aus man über bestimmte Blickpositionen und Spots Kontakt zu
abgelaufenen positiven oder negativen Erlebnissen aufnehmen kann. Sie entwickelten ein
System von 22 Basisbewegungen in Form langsamer, wenig oft wiederholter
Augenbewegungen, welches geeignet war, das Visusfeld abzudecken (Beaulieu, 2005).
Durch die Augenbewegungen wird eine Pendelbewegung zwischen negativ-traumatisch
besetzten Spots und positiv besetzten Augenpositionen erzeugt, wodurch die negative
Qualität nach einigen Wiederholungen nachlässt. Postulierte Shapiro einen Mechanismus
einer beschleunigten Reizverarbeitung, welcher durch die schnellen Sakkaden abgedeckt
würde, so waren Connirae und Steven Andreas in der Annahme eines generellen
Wirkmechanismus zurückhaltender. Neuere Ideen zur Wirkungsweise vermuten bereits in der
Pendelbewegung zwischen traumatisch besetztem Spot/Trauma und angenehm besetztem
Spot/Ressource einen zentralen Wirkmechanismus zur Auflösung impliziter traumatischer
Erinnerungen, ähnlich der Pendelbewegung/Pendulation im kinästhetischen Sinneskanal
zwischen Kontraktion und Expansion in Peter Levines Somatic Experiencing (Levine, 2015,
S.96).
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Beide Arbeitsmodelle lassen sich gut in ihrer Wirkung durch das Grundmodell der
Gedächtnisrekonsolidierung (Ecker, Ticic & Hulley, 2016, S. 100) erklären, wonach ein
Verfahren, welches Wirkung im Bereich der Aufarbeitung negativer
Erlebnisse/Gedächtnisinhalte zeigt, folgende Bearbeitungsabfolge beinhaltet: 1)
Beschreibung des Symptoms/Problems in konkreten, erfahrungsbezogenen Details, 2)
Gewahrsein des darin enthaltenen implizit-emotional Gelernten, 3) Kontakt zu emotional
echtem, widerlegendem Wissen (Ressource), 4) Pendelbewegung zwischen
symptomerzeugendem Gelernten und widerlegendem Wissen. Dieses Nebeneinanderstellen
und Pendeln zwischen diesen beiden Erfahrungen eröffnet die Rekonsolidierung und
Überschreibung des negativ Gelernten durch die Ressource. Diese Schrittfolge ist von einer
Verifizierung gefolgt, sodass das Symptom/Problem tatsächlich weggefallen ist (Schritt 5).
Ähnlich wie Levine, fokussieren auch Ecker, Ticic und Hulley (2016) auf Pendelbewegungen als
zentrale Technik in der Verarbeitung belastender und/oder traumatischer Erinnerungen.
Matthijssen (2018) und Sack et al. (2016) legten Studien vor, die aufzeigten, dass ein fixierter
Blickpunkt wie in der Glitch Massaging oder dem Brainspotting letztlich gleich effektiv in der
Arbeit mit traumatischen Erinnerungen ist, wie die bilaterale Stimulation des EMDR oder EMI.
Aus der Beobachtung des traumabesetzten Spots heraus, die sich im EMDR dadurch zeigen,
dass sich Störungen und Unregelmässigkeiten in der sakkadischen Augenbewegung ergaben,
wenn ein traumabesetzter Spot berührt wurde (ein Defokussieren des Blickes, Blinzeln,
Verlieren des zu verfolgenden bewegten Fingers, Muskelbewegungen u.a.) entwickelten sich
wiederum Verfahren, welche diesen Spot nutzten, der sich so in der Visusarbeit zeigte.
Die Technik Glitch Massaging, eine der drei basalen Techniken des OEI - neben Switching und
Sweeping - entwickelt von Audrey Cooks (Bradshaw, 2011), war scheinbar die erste Technik,
welche die therapeutische Nutzung des Spots wiederentdeckte. OEI vereinigt Ideen des
Focusing ebenso wie des Somatic Experiencing (Levine, 1997) und der Sensorimotor
Psychotherapy (Ogden, Pain, & Fisher, 2006), die ähnliche Annahmen und Techniken
verwenden. Ein weiteres Verfahren, welches eine größere Verbreitung erfuhr, wurde von
David Grand entwickelt und als Brainspotting bekannt (Grand, 2013). Alle diese
therapeutischen Methoden befinden sich in stetiger Weiterentwicklung.
Mit der Rückkehr zum Fokus oder Spot war der Kreis der Methodenentwicklungen
geschlossen, der mit der Nutzung von Blickfixationen oder Spots durch die Hypnose begann.
Die Hypnotherapie postuliert, dass eine Fokussierung von Aufmerksamkeit das Eintreten von
Tranceprozessen bewirkt, und so ergeben sich natürlich auch Tranceprozesse und damit
veränderte Bewusstseinszustände bei der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einen
bestimmten Blickspot, was wiederum zur Verarbeitung von Störungsmustern führt, welche
auf diesem Spot in den Kontakt genommen werden.
Grands (2013) Brainspotting macht erlebbar, dass es für jeden im Körper fühlbaren
Gedächtnisinhalt auch eine Blickrichtung gibt, bei welcher diese Empfindung besonders
intensiv wahrgenommen wird. Er nutzt Zeigestäbe/Pointer, um mit dem Patienten zusammen
den für ein Symptom oder Problem relevanten Brainspot zu finden. Die Prozessierung des
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Symptoms/Problems erfolgt dann durch Halten des Blickes auf diesem Brainspot. Die
Blickfokussierung in der entsprechenden Richtung der maximalen Aktivierung der
körperlichen Empfindung scheint die Verbindung mit impliziten Gedächtnisinhalten
herzustellen und dabei zugleich eine innere Distanzierung zum Erlebten (durch das Schauen
auf den Stab) zu ermöglichen. Werden Patient*innen dazu aufgefordert, über ihr Problem zu
berichten, so neigen sie bei Abrufen der Gedächtnisinhalte dazu, den Blick in bestimmten
Richtungen zu fixieren (engl. to gaze). Folglich können auch über Gazing (Gazespotting)
relevante Spots gefunden werden. Micic, Ehrlichman und Chen (2010), haben den
Zusammenhang zwischen der Blickrichtung und dem Abrufen von Inhalten aus dem
Langzeitgedächtnis bereits aufgezeigt.
Allen beschriebenen Ansätzen ist gemein, dass ergänzend zu den gewählten Blickrichtungen,
auch die gleichzeitig empfundenen Emotionen und körperlichen Sensationen bzw. deren
Veränderung im Laufe der Arbeit im Visusfeld einfließen.
Da bisher wenig Forschung in diesem Feld stattfand, interessierte uns in einem ersten Schritt,
ob die Blickfixierung auf einen solchen mit emotionaler Belastung besetzten
Spot/Blickposition tatsächlich in der Lage ist, die emotionale Qualität des belastenden
Ereignisses für den Klienten zu verändern.
3. Methodische Vorgehensweise
In der vorliegenden Pilot-Studie wurde ein Fragebogen, bestehend aus 2 Teilen verwendet.
Der erste Teil (Prä-Testung) wurde vor einer Konfrontation mit emotional herausfordernden
und belastenden Erinnerungen (Exposition) ausgehändigt. Der zweite Teil wurde nach
Beendigung ausgehändigt (Posttestung). Der gesamte Ablauf und das Fragebogeninstrument
werden nachfolgend dargestellt.
Nach einer kurzen Aufklärung über den Ablauf und die Ziele der Pilotstudie „Emotionalität in
Abhängigkeit der Blickrichtung“, der Freiwilligkeit und des Haftungsausschlusses, sowie
möglicher emotionaler Belastung während und nach Teilnahme, wurden per Papier-und-
Bleistift-Fragebogen (1.Teil bzw. Prä-Testung) anonymisiert, soziodemographische Daten
(Alter, Geschlecht, Bildungsstand …) sowie weitere Daten, unter anderem zum aktuellen und
generellen täglichen Stresslevel, zum allgemeinen Gesundheitszustand und zum aktuellen
Glücksempfinden mit unterschiedlichen Frageformaten erfasst. Um unterschiedliche
Stresslevel zu erfassen, wurde ein Item „Bitte beschreiben Sie Ihr Stresslevel: 1) allgemeines
gliches Stresslevel 2) aktuelles Stresslevel in diesem Moment“ mit einer 5-stufigen Likert-
Skala (hoch:1 bis niedrig:5) verwendet. Das aktuelle Glücksempfinden wurde mit einem
Happy-Single-Item „Wie glücklich und zufrieden fühlen sie sich jetzt gerade?“ (11-stufige
Likertskala / nicht glücklich:0 sehr glücklich:10) in Anlehnung an Marselle et al. (2016)
erfasst. Um die individuelle traumatische Belastung der Probanden besser einschätzen zu
können, wurden zudem etablierte Screening-Items bezüglich des Vorliegens einer PTBS (PC-
PTSD-5 / Beispielitem: „Habe Sie in Ihrem Leben jemals eine Erfahrung gemacht, die so
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
beängstigend, schrecklich oder erschütternd war, dass Sie in der Zeit danach Alpträume davon
hatten oder daran gedacht haben, wenn Sie es nicht wollten?“ mit binärem Antwortformat:
„Ja“ vs. „Nein“ / Prins et al., 2015), sowie bezüglich des Vorliegens von
Dissoziationsmechanismen (SDQ-5 / Beispielitem: „Wie stark oder häufig erleben Sie das
folgende Symptom im letzten Jahr? ist mein Körper oder ein Teil davon
schmerzunempfindlich gewesen.“ mit einer 5-stufigen Likert-Skala (überhaupt nicht:1 bis sehr
stark:5) / Nijenhuis, 2010) verwendet. Des Weiteren wurden zwei offene Fragen, in Anlehnung
an gängige Diagnoseinstrumente, wie z.B. dem DSM-5 (PC-PTSD-5 oder CLINICIAN-
ADMINISTERED PTSD SCALE FOR DSM-5), zu traumatischen bzw. belastenden
Lebensereignissen gestellt („Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal eine Situation erlebt, die
Sie als traumatisierend bezeichnen würden z.B. Naturkatastrophen, Verkehrsunfälle,
plötzlicher Tod eines geliebten Menschen, Raubüberfälle, körperliche Angriffe, schwere
körperliche Bestrafung/Gewalt in der Kindheit, sexuelle Missbrauchserfahrungen oder
waren Zeuge(in) eines solchen Ereignisses?“ bzw. „Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal
eine Situation erlebt, die Sie als (sehr) belastend, aber nicht traumatisierend, bezeichnen
würden z.B.: Zielscheibe von verbalen Wutausbrüchen, Mobbing, oder Beschämung oder
Erleben von Hilflosigkeit, Angst, Ausgeliefertsein …)“ mit den Antwortmöglichkeiten: Nein vs.
Ja bitte benennen Sie das Ereignis in kurzen Worten: …).
Der emotionale Zustand wurde bezugnehmend auf zwei Zeiträumen/-punkte a) im
Allgemeinen in den letzten Tagen sowie b) jetzt gerade, mit der Brief Measures of Positive &
Negative Affect Scale (Watson et al., 1988), mit den Subskalen positive Emotionen (10 Items
zu den Affekten: aktiv, interessiert, freudig erregt, stark, angeregt, stolz, begeistert, wach,
entschlossen, aufmerksam; 5-stufige Likert-Skala: sehr wenig oder gar nicht:1 äußerst/sehr
stark:5) und negative Emotionen (10 Items zu den Affekten: bekümmert, verärgert, schuldig,
feindselig, gereizt, beschämt, nervös, durcheinander, ängstlich; 5-stufige Likert-Skala: sehr
wenig oder gar nicht:1 äußerst/sehr stark:5) erfasst.
Es folgte die Präsentation eines meditativen Films für die Dauer von 8 Minuten um eine
emotional wenig anspruchsvolle und kontrollierte Ausgangssituation für alle Probanden zu
gestalten. Danach wurden die Probanden aufgefordert, sich an ein belastendes Ereignis zu
erinnern, welches eine mittlere bis hohe emotionale Aktvierung erzeugt (Exposition, SUD von
5-8), alle Körpersensationen wahrzunehmen und falls vorhanden - eine Blickrichtung zu
finden, bei der diese Sensationen am intensivsten zu spüren sind (höchste
Aktivierungsblickrichtung). Der dem Probanden gegenübersitzende Versuchsleiter
unterstütze die Suche der Blickrichtung mit einem Teleskop-Zeige-Stab, indem alle
Quadranten des Gesichtsfeldes langsam und systematisch abgesucht wurden. Um die
gefundene Blickrichtung mit der stärksten Aktivierung aufrecht zu erhalten und die
Körperwahrnehmung, Emotionen und Kognitionen intensiveren zu können, wurde die
Blickrichtung mit der Stabspitze nach Angaben des Probanden „im dreidimensionalen Raum
fixiert“, indem der Versuchsleiter den Teleskop-Zeige-Stab für 5 Minuten entsprechend
festhielt. Danach wurde, immer noch unter Erinnerung des ausgewählten belastenden
Ereignisses und unter Anwendung der identischen Prozedur eine Blickrichtung gesucht, bei
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
der die Körpersensationen am geringsten ausfallen (geringste Aktivierungsblickrichtung).
Wurde eine solche Blickrichtung gefunden, so wurde auch diese für 5 Minuten unter zur
Hilfenahme der Stabspitze aufrechterhalten und alle Körperwahrnehmung und Emotionen
wahrgenommen.
Es folgte die Erhebung der Post-Daten mit dem 2. Teil des Papier-und-Bleistift-Fragebogens.
Die Probanden wurden zuerst aufgefordert das ausgewählte traumatische oder belastende
Ereignis in kurzen Worten zu benennen. Es folgten offene verbale Fragen (bzw. eine
Anweisung zum Einzeichnen) bezüglich der höchsten Aktivierungsblickrichtung, d.h. bezüglich
der genauen Richtung, in die geschaut wurde, der Körpergefühle und Lokalisation dieser
Empfindungen. Zudem wurde die subjektive Belastung auf einer 10-stufigen Likert-Skala
erfasst (Subjective Units of Distress Scale - SUD: sehr schwach:1 bis sehr stark:10 / in
Anlehnung an Wolpe, 1969). Des Weiteren wurde erneut die Brief Measures of Positive &
Negative Affect Scale (Watson et al., 1988) eingesetzt, um die emotionale Qualität zu
bestimmen. Identische Items wurden auch für die geringste Aktivierungsblickrichtung
erhoben. Der Fragebogen schloss mit den schon beschriebenen Items aus der Prä-Testung
zum aktuellen Stresslevel und zum aktuellen Glücks-/Zufriedenheitsempfinden sowie einer
offenen Frage zu den gemachten Erfahrungen ab (Welche Erfahrung haben Sie gerade
gemacht? Möchten Sie uns noch etwas mitteilen?).
3.1.Stichprobenbeschreibung
Potentielle Probanden wurden über den bekannten Therapeutenkreis und über den Pool von
eigenen Klienten*innen kontaktiert. Die Teilnahme war freiwillig und wurde nicht entlohnt.
Des Weiteren konnte die Teilnahme jeder Zeit abgebrochen und widerrufen werden. Diese
Möglichkeit wurde jedoch von keiner Person genutzt. Die anfallende und selbstselektierte
Stichprobe bestand aus N=29 deutschsprachigen Personen (weiblich n=20; männlich n=9,
Altersdurchschnitt M=44 Jahre; Std=9,87) davon waren n=19 ledig, n=2 geschieden und n=8
verheiratet. Allerdings lebten n=11 alleine und n=18 zusammen mit Partner*in und/oder den
Kindern. Das allgemeine Bildungsniveau der Stichprobe ist als hoch einzuschätzen (n=1 Person
mit Realschulabschluss, n=12 Personen mit Abitur und n= 16 Personen mit Fachhochschul-
bzw. Hochschulabschluss). Die Stichprobe enthielt n=5 Personen, die eine ihnen bekannte
psychiatrische Diagnose in eigenen Worten folgendermaßen angaben: Generalisierte
Angststörung, Depression, Agoraphobie mit Depression, Interaktionsstörung und
Angstattacken. Das erlebte allgemeine tägliche Stresslevel wurde als etwas niedriger M=2,91
(Std=0,88) angegeben als das aktuelle Stresslevel in diesem Moment vor der Exposition (Prä-
Stress) M=3,82 (Std=1,05) auf einer 5-stufigen Likert-Skala (hoch: 1; niedrig: 5). Bezüglich des
allgemeinen Gesundheitszustandes „Bitte beschreiben Sie Ihren allgemeinen
Gesundheitszustand“ auf einer 5-stufige Likert-Skala (ausgezeichnet:1 bis sehr schlecht:5)
gaben die Personen im Durchschnitt einen guten Wert von M=2,52 (Std=0,78) an. Die
Probanden fühlten sich im Schnitt glücklich und zufrieden (Prä-Glück: M=6,52; Std=1,57).
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Die Gesamtstichprobe lässt sich in Abhängigkeit der berichteten traumatischen Symptome in
zwei Unterstichproben einteilen: 1) wenig belastete Probanden und 2) höher belastete
Probanden. Die verwendenden Cut-Off-Werte, um in die höherbelastete Gruppe an
Probanden mit Verdacht auf PTSD und/oder Dissoziation eingeordnet zu werden, lagen für
das Screening bezüglich einer PTBS bei cut-off=4 (PC-PTSD-5 / Prins et al, 2015) und bezüglich
des Vorhandenseins von Dissoziation bei cut-off≥8 (SDQ-5 / Nijenhuis, 2010). Resultierend
lassen sich n=13 Personen der höherbelasteten Gruppe und n=16 in die weniger belastete
Gruppe einteilen. Alle Personen, die eine psychiatrische Diagnose angaben, sind anhand der
verwendeten Cut-Off-Werte automatisch der höherbelasteten Gruppe zugeordnet worden.
Sortiert man die erlebten und beschriebenen Trauma-Typen nach dem von Maercker (2013)
vorgeschlagenen Schema (Typ I: einmalig, kurzfristig; Typ II: mehrfach, langfristig; medizinisch
bedingt; jeweils mit der Unterscheidung in akzidentiell vs. interpersonell / man made) ein, so
ergibt sich folgendes Bild (siehe Tabelle 1): Die Gruppe, die in dem Screening höher punktet
und dementsprechend belasteter ist, beschreibt augenscheinlich auch mehr traumatische
Ereignisse, insbesondere vom interpersonellen Typ II. Bei der Beschreibung von
interpersonellen Belastungen unterscheiden sich die Gruppen augenscheinlich etwas
weniger.
Neben dem unterschiedlichen psychischen Belastungsgrad unterscheiden sich die beiden
Gruppen an Probanden in ihren sozio-demographischen Variablen (Alter, Bildungsstand …),
den allgemeinen sowie dem aktuellen (Prä-Stress und Post-Stress) Stresslevel, dem
allgemeinen Gesundheitszustand und dem aktuellen Glücksempfinden (Prä-Glück und Post-
Glück) nicht signifikant voneinander (Mann und Whitney U-Test für unabhängige
Stichproben).
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Tabelle 1: Übersicht über die berichteten Lebenserfahrungen der Probanden (in Anlehnung
an Maercker, 2013), die entweder unter der Frage nach traumatischen Erfahrungen (Trauma)
oder nach Belastungssituationen (Belastung) geantwortet wurden (Mehrfachnennung waren
glich; unterschiedliche Ereignisse, die von einer Person berichtet wurden, wurden auch
getrennt codiert -einfach- und nicht als mehrfach/langfristiges Ereignis).
Trauma Typ nach
Maercker
weniger belastete
Gruppe (n=16):
Häufigkeiten
höher belastete
Gruppe (n=13):
Häufigkeiten
gesamte Stichprobe
(n=29):
Häufigkeiten
Trauma
Belastung
Trauma
Trauma
Typ I: einmalig, kurzfristig
akzidentiell
6
1
9
15
interpersonell
6
5
4
10
Typ II: mehrfach, langfristig
akzidentiell
-
-
-
-
interpersonell
3
16
16
19
medizinisch bedingt
akzidentiell
-
12
2
2
Interpersonell
1
-
3
4
Summe
16
23
34
50
keine Antwort bzw. keine
entsprechende Erfahrung
7
-
-
7
4. Ergebnisse
Nachfolgend werden zuerst Ergebnisse der deskriptiven und qualitativen Datenanalyse zu den
relevanten Blickrichtungen, Körperempfindungen und Kognitionen, d.h. den gewählten
belastenden oder traumatischen Erinnerung dargestellt. Anschließend werden die Ergebnisse
qualitativer Datenanalysen und Gruppenvergleiche erörtert.
4.1 Deskriptive und qualitative Ergebnisse
Die von den Probanden ausgewählten Erinnerungen, welche eine mittlere bis hohe
emotionale Aktvierung erzeugten, bezogen sich auf unterschiedliche interpersonelle
Situationen im Erwachsenen- bzw. Kindes-/Jugendalter und den privaten Kontext der Familie
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
(Eltern, Geschwister, Partner und eigene Kinder) sowie auf einen nicht-privaten Kontext wie
z.B. den Arbeitsplatz. Die von n=8 Personen gewählten belastenden oder traumatisierenden
interpersonellen Erinnerungen des Kindes- und Jugendalters bezogen sich ausschließlich auf
den familiären Kontext und insbesondere auf die Interaktion mit Bindungspersonen (z.B.
Verlassenheitserlebnisse, verbale Abwertung oder Gewaltanwendung durch die Elternteile).
Ein weiterer Themenbereich bezog sich auch auf die interpersonelle Interaktion im privaten
Umfeld im Erwachsenenalter (z.B.: Streit und Enttäuschungen oder Krankheit und
Verlusterlebnisse von nahstehenden Menschen wie Eltern, Partner und Kinder) und wurde
von n=10 Personen ausgewählt. Ausgewählte interpersonelle Erinnerungen in Bezug auf das
Erwachsenenalter decken zudem auch einen nicht-privaten Bereich ab (z.B.: Stress und
Belastung am Arbeitsplatz oder in halb- und öffentlichen Räumen, mit Kollegen, Vorgesetzten
oder Fremden sowie verbunden mit Gefühlen von Abwertung, Beschämung, Ängsten,
Kontrollverlust und Unterlegenheit) und wurden von n=11 Personen gewählt.
Allen Probanden war es möglich zu diesen belastenden oder auch traumatisierenden
Ereignissen während ihrer Erinnerung (Exposition) eine entsprechende spezifische
Blickrichtung zu finden, bei der sie eine höchste Aktivierung verspüren und ebenso eine
spezifische Blickrichtung, bei der die emotionale Aktivierung am geringsten ausfällt.
Die gefundenen Blickrichtungen verteilen sich für beide Bedingungen (höchste und geringste
Aktivierung) über das gesamte Visusfeld (Abb.1), wobei häufig für die unterschiedliche
emotionale Intensität der Aktivierung die jeweils diagonal gegenüberliegende Blickrichtung
(n=19) gewählt wurde oder zumindest eine deutliche Änderung der Ausrichtung auf einer
Achse (oben/unten mit n=6 oder links/rechts mit n=4).
Die Probanden fühlten, während sie in die Richtung der höchsten Aktivierung schauten, ein
weites Spektrum an negativer Körpersensationen, die wir an dieser Stelle nur exemplarisch
andeuten möchten: Zittern, Schweiß, Verkrampfungen der Muskeln, Druck, Enge, Tränen,
Hitze, Taubheit, Übelkeit, Kälte, Müdigkeit, Atemnot, Schwäche, Magen- und Halsprobleme,
Herzrasen Während der Blick in die Richtung der geringsten Aktivierung ausgerichtet war,
verspürten die Probanden vorwiegend Sensationen wie beispielsweise Leichtigkeit,
Entlastung, Ruhe, Weite, Entspannung, Schwere, Müdigkeit, Wärme, Kribbeln, Beweglichkeit,
Frische, tiefes/freies Atmen und Lächeln.
Die unterschiedlichen körperlichen Sensationen waren augenscheinlich bei der höchsten
sowie bei der geringsten Aktivierung tendenziell in ventralen, zentralen und kranialen
Regionen d.h. im Bereich des Kopfes, Halses, der Schultern, des Brustkorbes und der
Bauchregion verortet, wohingegen distale und dorsale Körperregionen tendenziell eher bei
einer geringeren Aktivierung zu spüren waren. Eine Analyse ergab keine signifikanten
Unterschiede in den Häufigkeiten der Körperregionsnennung bei der höchsten und geringsten
Aktivierung (T-Test bei gepaarten Stichproben: M=0,06; Std=2,43; T(15)=.103; n.s.). Die
Abbildung 2 illustriert die Häufigkeiten der Nennungen von Körperregionen.
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Abbildung 1: Blickrichtungen der Probanden bei höchster und geringster Aktivierung (Die
Zahlenwerte der Achsen dienen nur der Ausrichtung der Blickrichtung in der Darstellung und
die Bezeichnungen rechts/links sind aus Sicht der Probanden zu verstehen.)
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Abbildung 2: Lokalisation der Sensation in Körperregion mit Kodierung bei höchster und
geringster Aktivierung (Eine Mehrfachnennung war möglich.)
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
4.2 Quantitative Ergebnisse
Es erfolgt die Darstellung der quantitativen Ergebnisse. Bei dem Vergleich der empfundenen
positiven und negativen Emotionen sowie des SUD (Subjective Units of Distress Scale)
während der unterschiedlichen Blickrichtungen lassen sich signifikante Unterschiede mit
hohen Effektstärken r<.5 (Field, 2009) feststellen (Tabelle 2). Die Blickrichtung der geringsten
Aktivierung ist im Vergleich zur höchsten Aktivierungsblickrichtung signifikant mit mehr
positiven und weniger negativen Emotionen sowie mit einem generell niedrigeren
Belastungsniveau verbunden. Betrachtet man die emotionalen Qualitäten differenzierter, so
wird deutlich, dass die Intensitäten aller Emotionen (positive und negative) mit Ausnahme von
den Emotionen a) aktiv, b) wach und c) aufmerksam zu sein, signifikante Unterschiede in
Abhängigkeit der Blickrichtung aufweisen. Die Effektstärken liegen im mittleren (r>.3) und
hohen (r>.5) Bereich.
Abbildung 3 zeigt detailliert die Intensität aller Emotionen in unterschiedlichen Situationen,
im Alltag, in der aktuellen Situation vor der Exposition (Prä-Test) und während der Exposition
a) bei der höchsten Aktivierungsblickrichtung und b) bei der geringsten
Aktivierungsblickrichtung. Das Emotionsprofil der Situation vor der Exposition (Prä-Test) und
während der Exposition bei der geringsten Aktivierungsblickrichtung erscheinen sehr ähnlich.
Das alltägliche Emotionsprofil weist mehr Abweichungen und insgesamt höhere Intensitäten
sowohl bei positiven als auch bei negativen Emotionen auf. Die Intensität der Emotionen bei
der höchsten Aktivierungsblickrichtung ist, im Vergleich zu allen anderen Situationen, durch
wenig intensive Positivität und eine intensivere Negativität gekennzeichnet. Alleinig die
Aufmerksamkeit wird als immer identisch berichtet.
Bei Teilung der Stichprobe in höher und weniger belastete Probanden zeigen die Ergebnisse
einer einfaktoriellen Anova einen signifikanten Unterschied mit mittlerer Effektstärke (r>.3)
bezüglich der positiven Emotionen während der höchsten Aktivierungsblickrichtung. Weitere
signifikante Unterschiede wurden nicht gefunden (Tabelle 3). Vertrauend auf die Robustheit
auch bei Nichterfüllen der relevanten Voraussetzungen dieser Analyse und bei annähernd
gleich großen Gruppengrößen wurde auf die Testung der Normalverteilung und weiterer
Voraussetzungen (Field, 2009; S.347ff) verzichtet.
Weder das Stresslevel noch das empfundene Glück haben sich über den Zeitraum der Testung
(Prä-Post-Vergleich aktuelles Stresslevel: Mprä=3,82 mit Std=1,05; Mpost=3,36 mit Std=1,32;
z=-1,35; n.s. / Prä-Post-Vergleich Glück: Mprä=6,52 mit Std=1,67; Mpost=6,65 mit Std=1,70;
z=0,76; n.s.) signifikant verändert, obwohl augenscheinlich eine Tendenz zur Verbesserung in
beiden Parametern zu erkennen ist.
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Tabelle 2: Ergebnisse für den Vergleich der Emotionen bei unterschiedlichen Blickrichtungen
(Wilcoxon-Test r verbundene Stichproben)
höchste
Aktivierungs-
blickrichtung
M=
geringste
Aktivierungs-
blickrichtung
M=
Testwert
z=
Signifikanz
p=
Effektstärke
r=
Positive Emotionen (gesamt)
2,08
(Std=0,53)
2,62
(Std=0,79)
3,16
.00**
.59
Negative Emotionen (gesamt)
2,60
(Std=0,74)
1,37
(Std=0,50)
-4,35
.00**
-.81
SUD
6,51
(Std=1,57)
3,17
(Std=1,66)
4,55
.00**
.84
aktiv
2,52
2,34
-0,31
.75 (n.s.)
-
interessiert
2,31
2,90
2,12
.03*
.39
freudig erregt
1,21
2,28
3,57
.00**
.66
stark
2,14
2,83
2,20
.03*
.41
angeregt
1,97
2,79
3,24
.00**
.60
stolz
1,24
1,97
3,16
.00**
.59
begeistert
1,07
1,86
3,23
.00**
.60
wach
2,83
3,07
0,86
.39 (n.s.)
-
entschlossen
2,10
2,72
2,25
.02*
.42
aufmerksam
3,45
3,45
-0,08
.93 (n.s.)
-
bekümmert
3,03
1,45
-4,10
.00**
-.76
verärgert
2,41
1,38
-3,16
.00**
-.59
schuldig
2,03
1,34
-2,39
.02*
-.44
erschrocken
2,45
1,24
-3,69
.00**
-.68
feindselig
2,34
1,33
-3,32
.00**
-.62
gereizt
2,45
1,45
-2,93
.00**
-.54
beschämt
2,28
1,24
-3,09
.00**
-.57
nervös
3,03
1,45
-4,00
.00**
-.74
durcheinander
2,86
1,45
-3,92
.00**
-.73
ängstlich
3,14
1,41
-4,14
.00**
-.77
*signifikant auf p<.05 Level ** signifikant auf p<.01 Level
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Abbildung 3: Intensität der empfundenen Emotionen in unterschiedlichen Situationen
(höchste und geringste Aktivierungsblickrichtung, aktuelle Intensität von Emotionen vor
Exposition und allgemeine Intensität von Emotionen)
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Tabelle 3: Ergebnisse des Gruppenvergleichs von unterschiedlich stark belasteten Probanden
n
=
M
i
t
t
e
l
w
e
r
t
m
=
S
t
d
=
F
(
1
,
2
7
)
=
S
i
g
n
i
f
i
k
a
n
z
p
=
E
f
f
e
k
t
s
t
ä
r
k
e
r
=
positive Emotionen
höchste Aktivierung
geringer belastete
Probanden
16
1,91
0,51
Zwischen den
Gruppen
4,44
0,04*
.37
höher belastete
Probanden
13
2,30
0,49
Gesamt
29
2,08
0,53
negative Emotionen
höchste Aktivierung
geringer belastete
Probanden
16
2,56
0,77
Zwischen den
Gruppen
0,10
0,75
(n.s.)
höher belastete
Probanden
13
2,65
0,74
Gesamt
29
2,60
0,74
positive Emotionen
geringste Aktivierung
geringer belastete
Probanden
16
2,59
0,85
Zwischen den
Gruppen
0,06
0,81
(n.s.)
höher belastete
Probanden
13
2,66
0,74
Gesamt
29
2,62
0,79
negative Emotionen
geringste Aktivierung
geringer belastete
Probanden
16
1,38
0,39
Zwischen den
Gruppen
0,00
0,99
(n.s.)
höher belastete
Probanden
13
1,37
0,63
Gesamt
29
1,37
0,50
SUD höchste Aktivierung
geringer belastete
Probanden
16
7
2
Zwischen den
Gruppen
0,40
0,53
(n.s.)
höher belastete
Probanden
13
6
2
Gesamt
29
7
2
SUD geringste
Aktivierung
geringer belastete
Probanden
16
3
2
Zwischen den
Gruppen
0,38
0,54
(n.s.)
höher belastete
Probanden
13
3
2
Gesamt
29
3
2
*signifikant auf p<.05 Level
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
5. Diskussion
Wie im vorhergehenden Abschnitt beschrieben, konnten alle Versuchsteilnehmer*innen
jeweils eine spezifische Blickrichtung im Visusfeld einnehmen, bei der sich die
unterschiedlichen Qualitäten einer höchsten Aktivierung und eine andere Blickrichtung mit
der geringsten Aktivierung, während der Erinnerung an das gewählte belastende bzw.
traumatische Ereignis, erleben ließen. Dies war zudem für alle Personen unabhängig von der
psychischen Vorbelastung und dem ausgewählten belastenden oder traumatischen Ereignis
möglich.
Kohärent mit den Annahmen erfahrener Trauma-Therapeut*innen und Forscher*innen (siehe
Levine, 2010; Porges, 2001) beschrieben die Personen bei der Blickrichtung mit der höchsten
Aktivierung bzw. empfundenen Belastung entsprechende vom Vagusnerv und dem dorsal
vagalen Nervensystem innervierte und jetzt deutlich spürbare Körperpartien, die anatomisch
mit den Bereichen der inneren Organe (Bauch-, Brustraum und Halsregionen) verbunden sind.
Es wird davon ausgegangen, dass die Aktivierung dieses nervalen Teilsystems für Reaktionen
der Immobilisation und des Erstarrens zuständig ist (ebd.). Bei Einnahme der wenig
belastenden Blickrichtung beschreiben die Personen augenscheinlich mehr periphere und
distale Körperpartien, die nun unterschiedlichste Sensationen empfinden. Die Sensationen in
Beinen und Armen könnten auf eine damalige oder aktuelle Aktivierung des sympathischen
Systems und die damit assoziierte Kampf- oder Fluchtreaktion hinweisen.
Eine naheliegende Spekulation wäre, dass unsere Versuchspersonen aktuell körperlich eine
geringere Bedrohung erleben und sich auf aktive Reaktionen einstellen, während sie diese
weniger belastende Blickrichtung einnehmen. Die höhere Belastung scheint eher mit der
erlebten oder nun wieder wahrgenommenen Immobilitätsreaktion assoziiert zu sein.
Überprüfen können wir das mit den vorliegenden Ergebnissen und dem gewählten Ansatz
dieser Pilotstudie leider nicht. Hierzu hätte man die Probanden noch genauer befragen, bzw.
physiologische Parameter erheben müssen. Dennoch diskutieren wir nachfolgend weitere
stützende als auch kritisch zu bedenkende Hinweise und Interpretationsmöglichkeiten der
vorliegenden Befunde dieser Pilotstudie. So wäre es auch denkbar, dass allein die suggestive
Aufforderung, eine belastende und eine glichst wenig belastende Blickrichtung zu wählen,
sowie das gewählte Forschungssetting, diese und die weiteren, aus unserer Sicht, erfreulichen
Ergebnisse im Sinne einer Fremd- oder Autosuggestion hervorruft. Wir können dies an dieser
Stelle nicht ausschließen.
Die berichteten Ergebnisse zeigen zum einen, dass die gewählte Blickrichtung die emotionale
Intensität, und zum anderen aber auch die empfundene emotionale Qualität von erinnerten
belastenden/traumatischen Ereignissen signifikant verändert. Die signifikanten Unterschiede
der erlebten Belastung (SUD) in Abhängigkeit der gewählten Blickrichtung könnten ebenso
von suggestiv induzierten Erwartungen betroffen sein. Das signifikante Absinken der
wahrgenommenen Belastung könnte zudem mit dem gewählten Versuchsaufbau
zusammenhängen, da erst die Blickrichtung der höchsten Aktivierung (5min lang)
eingenommen wurde, es ggf. schon hier zu einer Habituation gekommen ist, und erst danach
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
die Blickrichtung der geringsten Aktivierung gesucht und eingenommen wurde. Allerdings
spricht die Bestimmung und das Aufsuchen der initial gewählten Blickrichtung (höchste
Aktivierung) durch den Probanden selbst logischerweise gegen diese Annahme. Alleinig die
Existenz einer Blickrichtung mit höchster Aktivierung bedingt an sich schon die anderen
schwächer aktivierenden Blickrichtungen, unabhängig von möglichen Habituationsprozessen.
Einhergehend mit der reduzierten Belastung, in Abhängigkeit der Blickrichtung, werden auch
signifikant mehr positiv konnotierte Emotionen und signifikant weniger negativ konnotierte
Emotionen berichtet. Dies deutet auf eine weniger bedrohlich empfundene Interpretation des
gewählten Ereignisses in der Erinnerung hin, wobei nochmals zu betonen ist, dass es sich um
die identische traumatische/belastende Situation in der Erinnerung handelt. Es wurde
ausschließlich die Blickrichtung im Visusfeld gewechselt.
Keine signifikanten Unterschiede finden sich bezüglich der einzelnen emotionalen Aspekte
aktiv, wach und aufmerksam, welche auf eine allgemeine Wachsamkeit, während des
gesamten Erinnerungsprozesses unabhängig von der Blickrichtung schließen lassen. Dieser
Befund scheint naheliegend, da die Personen aufgefordert waren, Ereignisse zu erinnern, die
auch ein gewisses Erregungsniveau hervorrufen können. Zudem unterstützen die Befunde der
Emotionsqualitäten, die Annahme einer Wirkung der Blickrichtung unabhängig von möglichen
Einflüssen der Suggestion, da diese emotionalen Qualitäten nicht Inhalt der
Versuchsinstruktionen waren.
Warum stärker belastete Probanden signifikant stärker empfundene positive Emotionen
während der Exposition (höchste Aktivierungsblickrichtung) im Vergleich zu weniger
belasteten Probanden aufweisen, vermögen wir an dieser Stelle nicht zu sagen. Es wäre
möglich, dass sie aktiv ein höheres Leiden während der Exposition eingehen und
beispielsweise mehr negative Gedächtnisinhalte zulassen. Sie könnten auch andere Coping-
Stile verwenden und weniger kognitive Vermeidungsstrategien oder beispielsweise auch
weniger dissoziative Phänomene nutzen. Dennoch ist diesbezüglich keine abschließende
Interpretation möglich, da die Probanden bezüglich ihrer kognitiven Strategien und Erlebnisse
während der Studie nicht weiter befragt wurden. Weitere signifikante Gruppenunterschiede
wurden nicht gefunden.
Es bleibt festzuhalten, dass die Pilotstudie auch keine Belastung für die Probanden darstellte.
Stresslevel und empfundenes Glück haben sich über den Zeitraum der Testung nicht
signifikant zum Schlechteren verändert, ganz im Gegenteil. Augenscheinlich ist eine Tendenz
zur Verbesserung in beiden Parametern zu erkennen.
Um methodischer Kritik vorzubeugen, wäre es bei einer Nachfolgestudie sinnvoll die Hälfte
der Probanden zuerst mit der Blickrichtung der höchsten Aktivierung und die andere Hälfte
der Probanden mit der Blickrichtung der geringsten Aktivierung zu testen.
Für zukünftige Forschung wäre es zudem notwendig, die Stichprobengröße zu erhöhen, um
zu empirisch belastbareren Aussagen zu gelangen. Des Weiteren wäre es wünschenswert, die
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
Daten mit einerseits mehr subjektiv erlebbaren Parametern und anderseits auch mit
physiologischen Parametern (Hautleitwert, u.a.) zu unterfüttern. Interessant wäre auch die
Betrachtung von kompletten Therapiesitzungen und Behandlungsverläufen. Der Bedarf an
qualitativ hochwertiger Forschung in diesem Bereich bleibt wie bisher bestehen.
Trotz der beschriebenen, kritisch zu bedenkenden Aspekte und nicht zu unterbewertenden
Limitationen dieser kleinen Pilotstudie, freuen wir uns, dass folgende vielversprechende
Ergebnisse zu berichten sind:
Alle Probanden fanden zu einem persönlichen, spezifischen,
belastenden/traumatisierenden Ereignis eine entsprechende spezifische
Blickrichtung, die mit dem Teleskop-Zeigestab im Raum gesucht wurde, bei der sie eine
höchste Aktivierung verspüren sowie eine weitere, bei der die emotionale Aktivierung
am geringsten ausfällt.
Die gewählte Blickrichtung im Visusfeld kann die empfundene emotionale Qualität
sowie emotionale Intensität von erinnerten belastenden/traumatischen Ereignissen
signifikant verändern.
Dies ist nicht wesentlich abhängig von der Stärke der Vorbelastung (Traumatisierung),
allerdings berichten höher belastete Probanden signifikant stärker empfundene
positive Emotionen während der Exposition.
Abschließend möchten wir allen Unterstützer*innen dieser Pilotstudie für ihr Engagement
vielmals danken.
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
6. Literaturverzeichnis
Beaulieu, D. (2005) Eye Movement Integration Therapy (EMI): The Comprehensive Clinical
Guide. Wales UK: Crown House Publishing.
Bradshaw, R. A., Cook, A., & McDonald, M. J. (2011). Observed & experiential integration
(OEI): Discovery and development of a new set of trauma therapy techniques. Journal of
Psychotherapy Integration, 21, 104-171. doi: 10.1037/a0023966
Corrigan, F., & Grand, D. (2013). Brainspotting: recruiting the midbrain for accessing and
healing sensorimotor memories of traumatic activation. Med Hypotheses, Vol 80, 759-66.
Doi: 10.1016/j.mehy.2013.03.005.
Ecker, B., Ticic, R., & Hulley, L. (2016). Der Schlüssel zum emotionalen Gehirn. Paderborn:
Junfermann Verlag.
Field, A. (2009). Discovering Statistics using SPSS. Los Angeles: Sage.
Grand, D. (2013). Brainspotting. Kirchzarten: VAK Verlag.
Gysi, J. (2018). Veränderungen im ICD-11 im Bereich Trauma & Dissoziation. Letzter Zugriff
03.03.2019 - https://www.jangysi.ch/Therapie,-Medizin,-Journalismus/
Herman, J. (2010). Trauma and recovery (reprint). London UK: Pandora.
Hesse, P. U. (2017). Brainspotting in der Suchttherapie. Trauma. Zeitschrift für
Psychotraumatologie und ihre Anwendungen, Vol 15 (3), 46.57.
Hollander, H. E. (2009). ECEM (Eye Closure Eye Movements): Application to
Depersonalization Disorder. American Journal of Clinical Hypnosis, 52, 95 109. doi:
10.1080/00029157.2009.10401701
Hollander, H. E., & Bender, S. S. (2001). ECEM (Eyes Closure Eye Movements): Integrating
Aspects of EMDR with Hypnosis for Treatment of Trauma. American Journal of Clinical
Hypnosis, 43, 187 202. doi: 10.1080/00029157.2001.10404276
Levine, P. A. (1997). Waking the tiger, healing trauma: The innate capacity to transform
overwhelming experiences. Berkeley, CA: North Atlantic Books.
Levine, P. A. (2010). Sprache ohne Worte. München: Kösel Verlag.
Levine, P. A. (2015). Trauma und Gedächtnis. Die Spuren unserer Erinnerung in Körper und
Gehirn. München: Kösel Verlag.
Maercker, A. (2013). Posttraumatische Belastungsstörung. Berlin: Springer Verlag.
Marselle, M. R., Irvine, K. N., Lorenzo-Arribas, A., & Warber, S. L. (2016). Does perceived
restorativeness mediate the effects of perceived biodiversity and perceived naturalness
Majken Bieniok, Alexander Reich & Peter Uwe Hesse (2019). Kann die Blickrichtung die emotionale Qualität der Erinnerung von
belastenden oder traumatischen Ereignissen verändern? Empirische Evaluationsmethoden, Band 23, 57-77. Berlin: ZeE Verlag
on emotional well-being following group walks in nature? Journal of Environmental
Psychology, 46, 217-232. doi: 10.1016/j.jenvp.2016.04.008
Matthijssen, S. J. M. A, van Beerschoten, L.M. , de Jongh, A., Klugkist, I. G., & van den Hout,
M. A. (2018). Effects of "Visual Schema Displacement Therapy" (VSDT), an abbreviated
EMDR protocol and a control condition on emotionality and vividness of aversive
memories: Two critical analogue studies, Journal of Behavior Therapy and Experimental
Psychiatry, 63, 48-56. doi: 10.1016/j.jbtep.2018.11.006
Micic, D., Ehrlichman, H., & Chen, R. (2010). Why do we move our eyes while trying to
remember? The relationship between non-visual gaze patterns and memory. Brain and
Cognition, 74, 210-224. Doi: 10.1016/j.bandc.2010.07.014
Nijenhuis, E. R. S. (2010). The scoring and interpretation of the SDQ-20 and SDQ-5, Activitas
Nervosa Superior, Vol. 52, 2428. Doi: 10.1007/BF03379561
Ogden, P., Pain, C., & Fisher, J. (2006). A sensorimotor approach to the treatment of trauma
and dissociation. Psychiatric Clinics of North America, 29, 263279. doi:
10.1016/j.psc.2005.10.012
Porges, S. W. (2001). The polyvagal theory: phylogenetic substrates of a social nervous
system, International Journal of Psychophysiology, 42, 123-146. Doi: 10.1016/S0167-
8760(01)00162-3
Prins, A., Bovin, M. J., Kimerling, R., Kaloupek, D. G., Marx, B. P., Pless Kaiser, A., & Schnurr,
P. P. (2015). The Primary Care PTSD Screen for DSM-5 (PC-PTSD-5). Letzter Zugriff
03.03.2019 - http://www.ptsd.va.gov/professional/assessment/screens/pc-ptsd.asp
Sack, M., Zehl, S., Otti, A., Lahmann, C., Henningsen, P., Kruse, J, & Sting, M. (2016). A
comparison of dual attention, eye movements, and exposure only during eye movement
desensitization and reprocessing for posttraumatic stress disorder: Results from a
randomized clinical trial. Psychother Psychosom, Vol. 85, 357365. Doi:
10.1159/000447671
van der Kolk, B. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of
trauma. NewYork: Penguin Books.
Watson, D., Clark, L. A., & Tellegen, A. (1988). Development and Validation of Brief Measures
of Positive and Negative Affect: The PANAS Scales; Journal of Personality and Social
Psychology, Vol. 54, 1063-1070. Doi: 10.1037/0022-3514.54.6.1063
Weathers, F. W., Blake, D. D., Schnurr, P. P., Kaloupek, D.D., Marx, B. P. & Keane, T. M.
(2013). Clinician-administered PTSD scale for DSM-5 (PTSD CAPS). Letzter Zugriff
03.03.2019 - https://www.ptsd.va.gov/professional/assessment/adult-int/caps.asp
Wolpe, J. (1969). The Practice of Behavior Therapy. New York: Pergamon Press.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Article
Full-text available
Natural environments are associated with positive health and well-being. However, little is known about the influence of environmental qualities on well-being and the mechanisms underlying this association. This study explored whether perceived restorativeness and it subscales would mediate the effects of perceived biodiversity, perceived naturalness, walk duration and perceived intensity on emotional well-being.Participants (n = 127) of a national walking program in England completed pre- and post-walk questionnaires (n = 1009) for each group walk attended within a 13-week period. Multilevel mediation examined the hypothesised indirect effects.Perceived restorativeness mediated the effects of perceived bird biodiversity, perceived naturalness, and perceived walk intensity on positive affect, happiness and negative affect. The effect of walk duration on happiness was also mediated by perceived restorativeness. Perceived walk intensity had a direct effect on positive affect and happiness.Findings have implications for theory development, future biodiversity-health research and practitioners interested in designing restorative environments.
Article
Full-text available
The 20-item Somatoform Dissociation Questionnaire (SDQ-20; Nijenhuis, Spinhoven, Van Dyck, Van der Hart, & Vanderlinden, 1996) evaluates the severity of somatoform dissociation. The SDQ-20 items were derived from a pool of 75 items describing clinically observed somatoform dissociative symptoms that in clinical settings had appeared upon reactivation of particular dissociative parts of the personality and that could not be medically explained. The items pertain to negative (e.g., analgesia) and positive dissociative phenomena (e.g., site-specific pain). SCORING The items are supplied with a Likert-type 5-point scale, ranging from "1 = this applies to me NOT AT ALL" to "5 = this applies to me EXTREMELY." The respondent is also asked to indicate whether a physician has connected the symptom or bodily experience with a physical disease. In our SDQ-studies, we have not adjusted the item scores when physical disease was indicated, as such indications often did not seem to be accurate. For example, the respondent might interpret "hyperventilation" as a physical disease. We therefore suggest that the item scores are not adjusted for indicated physical disease when the SDQ-20 (or SDQ-5) is used for research purposes. However, in clinical practice one may wish to adjust the relevant item score to "1" when physical disease is indicated, the medical diagnosis has been checked with the physician who assigned it, and this diagnosis seems valid.
Article
Full-text available
Psychotherapy integration leaders have recently asserted that the future of psychotherapy will involve incorporation of neuroscience. In the past 18 years, techniques have been discovered and developed to treat trauma and dissociation at all three neurobiological levels of Porges' (2001, 2007) polyvagal theory. This approach is known as Observed & Experiential Integration (OEI). The originator incorporated elements of Focusing, Eye Movement Desensitization and Reprocessing, and Educational Kinesiology. OEI theory emerged from experiential psychotherapy, and relational psychoanalytic and behavioral concepts were assimilated during 45,000 hours of psychotherapy. Five sets of OEI techniques are used for titration of affective and somatic intensity, reduction of negative transference, and deepening of social connection. OEI involves neuro-activation & microattunement (NAMA). It has been applied with body therapies and neurotherapy and used with children, couples, and families. OEI has also been applied to addictive and self-destructive urges, panic attacks, and eating disorders. Case examples illustrate applications of this treatment. (PsycINFO Database Record (c) 2012 APA, all rights reserved)
Article
Background and objectives: Visual Schema Displacement Therapy (VSDT) is a novel therapy which has been described as a treatment for stress and dysfunction caused by a traumatic event. Although its developers claim this therapy is quicker and more beneficial than other forms of trauma therapy, its effectiveness has not been tested. Methods: We compared the efficacy of VSDT to an abbreviated EMDR protocol and a non-active control condition (CC) in two studies. In Study 1 participants (N = 30) were asked to recall three negative emotional memories under three conditions: VSDT, EMDR, and a CC, each lasting 8 min. Emotional disturbance and vividness of the memories were rated before and after the (within group) conditions. The experiment was replicated using a between group study. In Study 2 participants (N = 75) were assigned to one of the three conditions, and a follow-up after 6-8 days was added. Results: In both studies VSDT and EMDR were superior to the CC in reducing emotional disturbance, and VSDT was superior to EMDR. VSDT and EMDR outperformed the CC in terms of reducing vividness. Limitation: Results need to be replicated in clinical samples. Conclusions: It is unclear how VSDT yields positive effects, but irrespective of its causal mechanisms, VSDT warrants clinical exploration.
Article
Background: Currently, there is controversy on the possible benefits of dual-attention tasks during eye movement desensitization and reprocessing (EMDR) for patients with posttraumatic stress disorder (PTSD). Methods: A total of 139 consecutive patients (including 85 females) suffering from PTSD were allocated randomly among 3 different treatment conditions: exposure with eyes moving while fixating on the therapist's moving hand (EM), exposure with eyes fixating on the therapist's nonmoving hand (EF), and exposure without explicit visual focus of attention as control condition (EC). Except for the variation in stimulation, treatment strictly followed the standard EMDR manual. Symptom changes from pre- to posttreatment were measured with the Clinician-Administered PTSD Scale (CAPS) by an investigator blinded to treatment allocation. Results: In total, 116 patients completed the treatment, with an average of 4.6 sessions applied. Intention-to-treat analysis revealed a significant improvement in PTSD symptoms with a high overall effect size (Cohen's d = 1.96, 95% CI: 1.67-2.24) and a high remission rate of PTSD diagnosis (79.8%). In comparison to the control condition, EM and EF were associated with significantly larger pre-post symptom decrease (ΔCAPS: EM = 35.8, EF = 40.5, EC = 31.0) and significantly larger effect sizes (EM: d = 2.06, 95% CI: 1.55-2.57, EF: d = 2.58, 95% CI: 2.01-3.11, EC: d = 1.44, 95% CI: 0.97-1.91). No significant differences in symptom decrease and effect size were found between EM and EF. Conclusions: Exposure in combination with an explicit external focus of attention leads to larger PTSD symptom reduction than exposure alone. Eye movements have no advantage compared to visually fixating on a nonmoving hand.
Article
Brainspotting is a psychotherapy based in the observation that the body activation experienced when describing a traumatic event has a resonating spot in the visual field. Holding the attention on that Brainspot allows processing of the traumatic event to flow until the body activation has cleared. This is facilitated by a therapist focused on the client and monitoring with attunement. We set out testable hypotheses for this clinical innovation in the treatment of the residues of traumatic experiences. The primary hypothesis is that focusing on the Brainspot engages a retinocollicular pathway to the medial pulvinar, the anterior and posterior cingulate cortices, and the intraparietal sulcus, which has connectivity with the insula. While the linkage of memory, emotion, and body sensation may require the parietal and frontal interconnections - and resolution in the prefrontal cortex - we suggest that the capacity for healing of the altered feeling about the self is occurring in the midbrain at the level of the superior colliculi and the periaqueductal gray.
Article
In recent studies of the structure of affect, positive and negative affect have consistently emerged as two dominant and relatively independent dimensions. A number of mood scales have been created to measure these factors; however, many existing measures are inadequate, showing low reliability or poor convergent or discriminant validity. To fill the need for reliable and valid Positive Affect and Negative Affect scales that are also brief and easy to administer, we developed two 10-item mood scales that comprise the Positive and Negative Affect Schedule (PANAS). The scales are shown to be highly internally consistent, largely uncorrelated, and stable at appropriate levels over a 2-month time period. Normative data and factorial and external evidence of convergent and discriminant validity for the scales are also presented. (PsycINFO Database Record (c) 2010 APA, all rights reserved)
Article
Non-visual gaze patterns (NVGPs) involve saccades and fixations that spontaneously occur in cognitive activities that are not ostensibly visual. While reasons for their appearance remain obscure, convergent empirical evidence suggests that NVGPs change according to processing requirements of tasks. We examined NVPGs in tasks with long-term memory (LTM) and working memory (WM) requirements. Experiment 1 yielded significantly higher eye movement rate (EMR) in tasks requiring LTM search than in a WM task requiring maintenance of information. Experiment 2 manipulated accessibility of items in study-test episodic tasks using the levels of processing paradigm. EMR was high in episodic recall irrespective of item accessibility. Experiment 3 examined functional significance of saccades in LTM tasks. Voluntary saccadic suppression produced no evidence that saccades contribute to task performance. We discuss the apparent epiphenomenal nature of spontaneous saccades from an evolutionary perspective and outline a neuroanatomical model of the link between the saccadic and memory system.