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Mobbing tut weh! - Zum Zusammenhang von Klassenklima und Verletzungsgeschehen

Abstract

Einleitung Jährlich ereignen sich in Deutschland ca. 1,3 Millionen Schulunfälle von denen 49 im Jahre 2017 sogar tödlich endeten (DGUV Schülerunfallgeschehen 2017). Behandlungsbedürftige Verletzungen im Schulkontext zählen daher zu den dringendsten Public Health Problemen in Deutschland. Diese Verletzungen resultieren nicht nur aus Zufall oder Pech, sondern hängen zum Teil auch von klar bestimmbaren Einflussgrößen ab. Ein wichtiger Faktor, der in diesem Zusammenhang bisher wenig Beachtung fand, ist das Klassenklima. Der Vortrag widmet sich daher dem Einfluss von Mobbingstrukturen auf das schulische Verletzungsgeschehen. Methode Die gewonnenen Erkenntnisse beruhen dabei auf deskriptiven und multivariaten Analysen mit Daten der Studie Gesundheitsverhalten und Unfallgeschehen im Schulalter (GUS). Die Panelstudie startete im Schuljahr 2014/15 in den fünften Klassen weiterführender Regelschulen in 11 deutschen Bundesländern. Im Rahmen standardisierter Tablet-Befragungen werden dabei jährlich umfangreiche Daten von rund 10.000 Schulkindern erhoben. Ergebnisse Es zeigt sich, dass Kinder, die sich von ihren Mitschüler*innen nicht akzeptiert fühlen, auch häufiger Verletzungen erleiden. Gleichermaßen trifft dies auch auf Kinder zu, die explizit angeben von ihren Mitschüler*innen gemobbt zu werden. Der Effekt bleibt zudem auch dann bestehen, wenn man nur Verletzungen betrachtet, die ohne Fremdeinwirkung zustande gekommen sind. Diskussion Es wird ersichtlich, dass a) Mobbing einen signifikanten Einfluss auf das Risiko hat, sich im Schulkontext zu verletzen und b) diese Verletzungen nicht zwangsläufig eine direkte Folge des Mobbing sind, sondern bspw. auch mit einer generell erhöhten Unsicherheit der gemobbten Kinder einhergehen können. Es lässt sich daher festhalten: Mobbingprävention ist Unfallprävention!
Wissen durch Praxis stärkt
Mobbing tut weh!
Zum Zusammenhang von Klassenklima und Verletzungsgeschehen
Robert Lipp | Christina Wacker Datum 17.09.2019
Themenbereich: Epidemiologie
Forschungszentrum Demografischer Wandel
Dipl.-Soz. Robert Lipp
Forschungszentrum Demografischer Wandel (FZDW)
Frankfurt University of Applied Sciences
Nibelungenplatz 1, 60318 Frankfurt/Main
Tel.: 069 1533-3821
Email: robert.lipp@fzdw.de
Referent:
Gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und
der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP)
Agenda
1. Die GUS-Studie
2. Mobbing
3. Mobbing und Verletzungen
4. Multivariates Modell
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Die GUS-Studie
Gesundheitsverhalten und Unfallgeschehen im
Schulalter (GUS)
jährliche Panelbefragung
ca. 10.000 Schüler*innen an ca. 150 Schulen
14 Bundesländer
computergestützter (Tablet-)Survey
Ziel: Entschlüsselung der Ursachen von
Schulunfällen und -verletzungen
Ableitung von Präventionskonzepten
gefördert von der Deutschen Gesetzlichen Unfall-
versicherung
Seite 3
Bundesland nimmt teil
Bundesland nimmt nicht teil
Teilnahme erst seit 2016/2017
(6 Jahre Grundschulzeit)
Bildquelle: Portal der
statistischen Ämter des
Bundes und der Länder
(DeStatis), David Liuzzo.
Eigene Illustrationen
Datum 17.09.2019Robert Lipp | Christina Wacker
Schüler*in
Der Fragebogen
Persönliche Merkmale Soziale Merkmale Merkmale der Schule
Alter
Geschlecht
sportliche Aktivität
Gesundheitszustand
Persönlichkeit
Familie
wirtsch. Situation
Bildungshintergrund
Nachbarschaft
Peergroup
Migrationshintergrund
Expositionszeit
Schulweg
Schul-
und Klassenklima
baulicher Zustand
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Mobbing
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Mobbing im Zeitverlauf
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Mobbing nimmt im Zeitverlauf ab
Jedoch: Bei einer Klassenstärke von 30 werden durchschnittlich drei Schulkinder
mindestens zweimal im Monat gemobbt
Datum 17.09.2019Robert Lipp | Christina Wacker
70 % 73 % 76 % 79 %
18 % 16 % 14 % 13 %
12 % 11 % 10 % 8 %
0 %
10 %
20 %
30 %
40 %
50 %
60 %
70 %
80 %
90 %
6. Klasse 7. Klasse 8. Klasse 9. Klasse
Wie oft bist Du […] gemobbt worden?
gar nicht
1- oder 2-mal im Jahr
2-mal im Monat oder
öfter
N = 37.051
Arten von Mobbing (bei einer Häufigkeit von 2-mal im Monat oder mehr)
Seite 7
Verbales Mobbing überwiegt
Knapp ein Viertel der gemobbten Jugendlichen wird (auch) tätlich angegangen
Datum 17.09.2019Robert Lipp | Christina Wacker
88 % 91 %
25 % 28 %
24 % 23 %
17 % 21 %
9 % 9 %
0 %
10 %
20 %
30 %
40 %
50 %
60 %
70 %
80 %
90 %
100 %
8. Klasse 9. Klasse
In welcher Form bist Du gemobbt worden?
mit Worten
über das Handy
körperlich/tätlich
im Internet
anders
N = 1.592
Verletzungsraten nach Mobbingerfahrung
Kinder, die gemobbt werden, verletzen sich häufiger
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18 %
27 %
32 %
0 %
5 %
10 %
15 %
20 %
25 %
30 %
35 %
gar nicht 1- oder 2-mal im Jahr 2-mal im Monat oder
öfter
Verletzungsrate
Mobbingerfahrungen
Verletzungsrate nach Mobbing
durchschn.
Verletzungsrate
N = 9.023
8. Klasse
Verletzungsraten nach Mobbingerfahrung
Kinder, die gemobbt werden, verletzen sich auch ohne Fremdeinwirkung häufiger
Seite 9 Datum 17.09.2019Robert Lipp | Christina Wacker
14 %
21 % 22 %
0 %
5 %
10 %
15 %
20 %
25 %
30 %
35 %
gar nicht 1- oder 2-mal im Jahr 2-mal im Monat oder
öfter
Verletzungsrate
Mobbingerfahrungen
Verletzungsrate nach Mobbing (ohne Fremdverschulden)
durchschn.
Verletzungsrate
N = 8.297
8. Klasse8. Klasse
Direkte Auswirkungen von Mobbing
Verletzungen sind häufig keine direkte Folge des Mobbing sondern werden vor allem
indirekt über die mentale Gesundheit getriggert
Gemobbte Schüler*innen…:
…fühlen sich seltener fit und wohl
…sind seltener voller Energie
…fühlen sich häufiger traurig
…fühlen sich häufiger einsam
…haben häufiger Konzentrationsprobleme
…fühlen sich häufiger unglücklich und deprimiert
…schlafen schlechter
…sind häufiger gereizt oder schlecht gelaunt
Cronbach‘s Alpha: 0,83
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Multivariates, stufenweises
logistisches Regressionsmodell
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Modell 1 Modell 2 Modell 3
Mobbingerfahrungen
0,524***
0,518***
0,371***
0,748***
0,679***
0,418***
0,050
0,215***
0,047
-0,010
in der Schule
0,357***
0,303**
g des Zustands der Schule
-0,431***
-0,258*
-1,508***
* p<0.05, ** p<0.01, *** p<0.001
Signifikant niedrigere
Verletzungswahrscheinlichkeit
Signifikant höhere
Verletzungswahrscheinlichkeit
Kein Einfluss auf die
Verletzungswahrscheinlichkeit
Datum 17.09.2019Robert Lipp | Christina Wacker
Fazit
Unfallprävention allein vom baulichen Zustand der Schulen her zu denken greift zu
kurz
Es sind vielmehr psychosoziale Faktoren, die das Unfallgeschehen beeinflussen
Mobbingerfahrungen sind dabei eine der wichtigsten Erklärungsgrößen. Sie erhöhen
signifikant die Verletzungswahrscheinlichkeit bei Schulkindern
Auch unter Kontrolle anderer Einflussgrößen bleibt der Effekt bestehen
Mobbingprävention scheint geeignet auch Unfällen und Verletzungen im
Schulkontext vorzubeugen
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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Seite 13 Datum 17.09.2019Robert Lipp | Christina Wacker
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