ArticlePDF Available

Abstract

Uber und das Problem der Strategiefähigkeit digitaler Kontingenzarbeiter*innen https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/inside-uber/
02.10.2019 https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/inside-uber/
1/6
Inside Uber
von Simon Schaupp
Titel Uberland
Untertitel How Algorithms are Rewriting the Rules of Work
Autor(en) Alex Rosenblat
Land USA
Erschienen Oakland, CA 2018: University of California Press
Umfang S. 271
Preis EUR 21,97
ISBN 978-0520298576
Rezension zu "Uberland. How Algorithms are Rewriting
the Rules of Work" von Alex Rosenblat
Der digitale Taxidienst Uber ist aus Kund*innen-Perspektive überaus attraktiv.
Nach dem Download der entsprechenden App auf das eigene Smartphone können
dort Abhol- und Zielort sowie Wunschzeit eingegeben werden und schon wenige
Minuten später sitzen wir in einem gut gepflegten Auto, das uns obendrein noch
weit billiger zu der gewünschten Adresse bringt als jedes offizielle Taxi. Darüber
02.10.2019 https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/inside-uber/
2/6
hinaus wird sowohl die Identität von Fahrer*in und Kund*in als auch der gesamte
Fahrtverlauf erfasst, was bei vielen Fahrgästen für ein zusätzliches Gefühl von
Sicherheit sorgt. Die US-amerikanische Soziologin und Journalistin Alex Rosenblat
zeigt in ihrem Buch Uberland, wie sich das Geschäftskonzept des Taxidienstes auf
seine Fahrer*innen und deren Leben auswirkt. Die vorliegende Rezension
rekapituliert zunächst die dort dokumentierten Arbeitsbedingungen bei Uber, über
die Rosenblat freilich wenig Gutes zu berichten hat. In Anbetracht der seit
Unternehmensgründung im Jahr 2009 kontinuierlich durch die Presse gehenden
Skandale überrascht das kaum. Angesichts des scheinbar bis in den offenen
Rechtsbruch hineinreichenden Geschäftsgebarens des Unternehmens drängt sich
jedoch auch die Frage auf, wie dessen Beschäftigte auf ihre miserablen
Arbeitsbedingungen reagieren. Diesem Thema – und der Frage, warum es in
soziologischen Studien zur digitalen Arbeit eine so geringe Rolle spielt – wird sich
der zweite Teil der Rezension widmen.
Das Unternehmen hat beeindruckende Zahlen vorzuweisen: Zum Jahr 2019 wird
Uber weltweit von 110 Millionen Personen genutzt, die von über drei Millionen
Fahrer*innen befördert werden. In den USA hält das Unternehmen einen
Marktanteil von 69 Prozent im Bereich Personentransport und 25 Prozent bei der
Essensauslieferung (Uber Eats). Es handelt sich also um ein bedeutendes
Unternehmen. Für Rosenblat geht diese Bedeutsamkeit jedoch über den reinen
Marktanteil hinaus. Für die Autorin ergibt sie sich vor allem aus der
Vorbildfunktion, die Uber für die gesamte digitale Ökonomie hat. Deshalb, so
argumentiert Rosenblat, lässt eine Untersuchung Ubers weitergehende Schlüsse
über die Zukunft der Arbeit zu.
Die Arbeitsmärkte in den hochentwickelten kapitalistischen Ökonomien,
insbesondere aber in den USA, sind seit der globalen Finanzkrise 2007-2009 von
einer neuen Welle der Prekarisierung erfasst worden. So operieren mittlerweile
drei der fünf größten US-amerikanischen Arbeitgeber de facto als
Leiharbeitsfirmen.[1] Uber hat seinen Erfolg unter anderem der Tatsache zu
verdanken, dass zunehmend mehr Beschäftigte auf Zweit- oder gar Drittjobs
angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. In dieser Situation macht
Uber ein Angebot, das viele nicht ablehnen können: Flexible Arbeitszeiten und die
Abwesenheit eines (menschlichen) Vorgesetzten scheinen oftmals die attraktivere
Alternative zum Burgerbraten bei McDonald’s zu sein. Einen Großteil seiner
Attraktivität verdankt Uber jedoch auch seiner hippen Selbstinszenierung. Es
versteht sich nicht als Taxiunternehmen, sondern als „Tech-Startup“, das seine
Beschäftigten nicht als Arbeitnehmer*innen, sondern als selbstständige „Partner“
bezeichnet. Dabei nimmt die Figur der „Milennials“, also der um 1990 geborenen
Generation, die angeblich besonders hip und arbeitswütig ist, eine zentrale Rolle in
der Außendarstellung des Unternehmens ein. Uber zeichnet ein Bild seiner
Fahrer*innen als hartarbeitende (weiße) Selbstunternehmer*innen. So gelingt eine
Imageverschiebung vom prekären Taxijob für Migrant*innen zum „Gig“, der
irgendwie abenteuerlich und sexy sein soll. Damit ist Uber keineswegs allein, es ist
vielmehr eine Leistung der Plattformökonomie im Allgemeinen, noch den miesesten
02.10.2019 https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/inside-uber/
3/6
Job als Selbstverwirklichung darzustellen. So wirbt beispielsweise die Online-
Tagelöhneragentur Fiverr mit Sprüchen wie „You eat coffee for lunch. You follow
through on your follow through. Sleep derivations is your drug of choice. You might
be a doer.” Oder: „Reading about starting your own business is like reading about
having sex.” (S. 35 f.)
Die Realität sieht freilich anders aus. Während sich das Unternehmen nach außen
als bloßer Vermittler darstellt, um sich jeglicher Verantwortung für seine angeblich
selbstständigen Beschäftigten zu entziehen, kontrolliert und überwacht es diese
gleichzeitig permanent. Die Smartphone-App verschickt beispielsweise
Abmahnungen, wenn sie zu hartes Bremsen feststellt. Das passiert ebenfalls, wenn
das Smartphone zu sehr wackelt und daraus geschlossen werden kann, dass es
nicht in einer Halterung befestigt ist, oder wenn die Bewertungen von Fahrgästen
unter fünf Sterne, also den maximal erreichbaren Wert, fallen. Teilweise werden die
Profile der Fahrer*innen jedoch auch ganz ohne Vorwarnung „deaktiviert“, was
einer Kündigung gleichkommt. In Kontrast zur Behauptung der Selbstständigkeit
der Fahrer*innen operiert Uber mit einer starken Informationsasymmetrie: Den
Fahrer*innen wird vor der Annahme eines Fahrtauftrags beispielsweise nicht
angezeigt, wohin eine Fahrt überhaupt gehen soll und ob sie sich aus ökonomischer
Sicht für sie rentiert. Und wer zu viele Fahrten ablehnt, wird entlassen. Um die
Fahrer*innen dazu zu bringen, zu unbeliebten Zeiten wie Weihnachten zu arbeiten
oder an unattraktive Orte zu fahren, werden verschiedenste
Manipulationstechniken eingesetzt, wie etwa das Versprechen von Bonizahlungen,
die dann aber doch nicht auf dem Konto der Fahrer*innen eingehen (S. 98 ff., S.
129 ff.).
Gleichzeitig gibt es bei Uber nicht nur keine Aufstiegsmöglichkeiten, sondern die
Entlohnung verschlechtert sich sogar im Verlauf der Zeit. Um die Fahrer*innen
anfangs zu Investitionen in ihr Auto zu bewegen und sie an das Unternehmen zu
binden, zahlt Uber zunächst höhere Anteile und Boni. Diese werden jedoch
kontinuierlich reduziert. Kommuniziert werden die unilateralen
Konditionsänderungen in Orwell‘schem Newspeak, wie etwa: „Niedrigere
Fahrtpreise bedeuten höhere Einkommen“ (S. 89). Auch das Entlohnungssystem
kann als mindestens intransparent, wenn nicht gar als Lohndiebstahl bezeichnet
werden, wie Rosenblat es tut (S. 114 ff.). Schließlich wird den Kund*innen vor
Fahrtantritt ein geschätzter Preis angezeigt. Ist dieser höher als der nach
Fahrtende tatsächlich zu zahlende, wird ihnen dennoch der zuvor geschätzte in
Rechnung gestellt; ist die tatsächliche Fahrtzeit länger und der zu entrichtende
Betrag höher als zuvor geschätzt, zahlen sie auch hier den höheren Preis. Den
Fahrer*innen hingegen wird ein anderer (selbstverständlich niedrigerer) Preis
angezeigt, was ihren jeweiligen Anteil mindert. Einige Fahrer*innen berichten
sogar davon, dass über die App gezahlte Trinkgelder nie bei ihnen angekommen
seien (S. 125 ff).
Angesichts solch skandalöser Arbeitsbedingungen drängt sich die Frage auf, wie
die Beschäftigten sich zu alldem verhalten. Wenn wir nicht nur den Manager*innen
02.10.2019 https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/inside-uber/
4/6
der digitalen Arbeitswelt, sondern auch den Beschäftigten prinzipiell die Fähigkeit
zu strategischem Handeln unterstellen, müssten wir davon ausgehen, dass sie sich
ihrerseits auf irgendeine Weise taktisch zu den ideologischen Diskursen und
Kontrollstrategien des Managements verhalten. Wenn es hingegen keinerlei
Strategiefähigkeit auf der Seite der Beschäftigten gäbe, so wäre dies zumindest
soziologisch erklärungsbedürftig. Bei Rosenblat lernen wir jedoch nur wenig über
derlei Fragen. Zwar erwähnt die Autorin informelle Online-Communities, in denen
sich Fahrer*innen austauschen, beschreibt diese jedoch nur als Ersatz für ein
ausbleibendes Personalmanagement vonseiten des Unternehmens (S. 202). Damit
ist sie keineswegs allein. Zwar lässt kaum eine der zahllosen aktuellen Studien zum
algorithmischen Management einen Zweifel daran, dass die digitale Radikalisierung
der betrieblichen Herrschaft auf Kosten der Beschäftigten geht, doch erscheinen
diese dabei stets als reine Objekte solcher Prozesse.
Diese analytische Asymmetrie tritt insbesondere in zwei Varianten auf: Variante
eins lässt sich als kritisch-managementzentriert bezeichnen. Hier bleiben die
Reaktionen der Beschäftigten einfach außen vor und finden keinerlei
Berücksichtigung, was sie als passive Opfer algorithmischer Arbeitssteuerung
erscheinen lässt. Variante zwei lässt sich als subjektivierungstheoretische
Herangehensweise beschreiben. Hier werden die Reaktionen der Beschäftigten nur
unter dem Aspekt des Konsenses und der Selbstdisziplinierung analysiert, was sie
zu aktiven Unterstützer*innen eines verschärften Kontrollregimes macht. Basierend
auf dem Foucault‘schen Konzept der Subjektivierung entwickelte sich hier ein
Subjektbegriff, der die Selbstdisziplinierung und -optimierung eines
„unternehmerischen Selbst“[2] ins Zentrum rückt. Damit wurde eine Abkehr von
einem Subjektverständnis der Arbeitssoziologie eingeläutet, in dem die
Selbstdisziplinierung und konsensuelle Einbindung der Beschäftigten zwar
empirisch diagnostiziert wurde, die subjektiven Leidenserfahrungen im
kapitalistischen Produktionsprozess jedoch stets Bezugspunkt für Dissens blieben.
Die theoretische Fixierung auf Selbstdisziplinierung führt dazu, dass vielerorts
vorschnell davon ausgegangen wird, dass „die Arbeiter den Leistungsimperativ
verinnerlicht haben: ein Subjektivierungsprozess, in dem wir gehorsame
unternehmerische Subjekte und überwachte, objektivierte arbeitende Körper
werden.“[3] Die Gefahr hierbei ist, dass manageriale Kontrollstrategien
überbewertet werden, während die Strategiefähigkeit der Beschäftigten unsichtbar
bleibt.
Zumindest den sonst so verbreiteten subjektivierungstheoretischen Kurzschlüssen
sitzt Rosenblat nicht auf. Sie zeigt klar, dass die Uber-Fahrer*innen die Anrufungen
des Selbstunternehmertums keineswegs einfach übernehmen (S. 85), eine
Erkenntnis, die sie ihrem ethnografischen Zugang verdankt. Denn erst die
teilnehmende Beobachtung realer Arbeitspraktiken ermöglicht es, widerständige
Diskurse und Praktiken zu identifizieren. Rein diskursiven Zugängen, insbesondere
solchen, die sich auf die Analyse offizieller Dokumente beschränken, bleiben solche
Einsichten meist verwehrt. So mag die starke Marginalisierung ethnografischer
Forschungsmethoden in der deutschen Arbeitssoziologie eine auf methodischer
02.10.2019 https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/inside-uber/
5/6
Ebene liegende Erklärung für die Frage liefern, warum widerständiges Handeln der
Beschäftigten systematisch übersehen wird. Auch Rosenblat erwähnt kaum eine der
verschiedenen Formen des Widerstands von Uber-Fahrer*innen. Es gibt sie aber.
Beispielsweise haben sie Möglichkeiten gefunden, die Algorithmen auszutricksen
und können so ihre Einkünfte steigern.[4] Gleichzeitig strengen viele Fahrer*innen
erfolgreich Gerichtsprozesse an, um gegen Ubers Arbeitsrechtsverletzungen
vorzugehen.[5] Vor allem aber organisieren sich Fahrer*innen überall auf der Welt
in Gewerkschaften oder Basisgruppen, um mit Streiks und anderen Aktionen
bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen.[6]
Das systematische Ausblenden der Strategiefähigkeit digitaler
Kontingenzarbeiter*innen[7] führt zu einem unpolitischen Verständnis betrieblicher
Digitalisierung. Algorithmen sind jedoch Organisationstechnologien und damit
ebenso politisch und interessengebunden wie Gesetze und andere Regelwerke.
Betriebliche Digitalisierung kann deshalb als Technopolitik verstanden werden.[8]
Deren Analyse sollte sich nicht auf die Strategien des Managements, also eine
Technopolitik ‚von oben‘ beschränken, sondern muss stets auch Technopolitiken
‚von unten’ berücksichtigen. Anderenfalls riskiert man, den Prozess betrieblicher
Digitalisierung zu naturalisieren. Auch wenn Rosenblat diese politische Dimension
weitgehend außen vor lässt, ist ihr Buch lesenswert. Zwar stellt sie nur sehr wenige
Bezüge zu theorielastigeren Beiträgen der soziologischen Debatte zum Thema her,
in empirischer Hinsicht dürfte es sich hierbei dennoch um die derzeit umfassendste
Studie handeln, die zu diesem Thema verfügbar ist.
Fußnoten
[1] Lauren Weber, Some of the World’s Largest Employers No Longer Sell Things,
They Rent Workers. Outsourcing Firms’ Workforces Grow as More Companies Look to
Cut Their Headcounts, in: www.wsj.com, 28.12.2017.
[2] Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer
Subjektivierungsform, Berlin 2007.
[3] Phoebe Moore / Andrew Robinson, The Quantified Self. What counts in the
neoliberal workplace, in: New Media & Society, 18 (2016), 11, S. 2774–2792, hier S.
2774.
[4] Sam Sweeney, Uber. Lyft drivers manipulate fares at Reagan National causing
artificial price surges, in: www. wsj.com, 16.5.2019.
[5] Andrew J. Hawkins, Uber settles driver classification lawsuit for $20 million, in:
The Verge, 19.3.2019.
[6] Julia Kollewe, Uber drivers strike over pay and conditions, in: The Guardian,
8.5.2019.
[7] Oliver Nachtwey / Philipp Staab, Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus,
Mittelweg 36 24(2015), 6, S. 59–84, hier S. 81.
[8] Simon Schaupp, From the “Führer” to the “sextoy”: The techno-politics of
algorithmic work control, in: sci five, 14.9.2018.
02.10.2019 https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/inside-uber/
6/6
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Article
Full-text available
https://medium.com/sci-five-university-of-basel/from-the-f%C3%BChrer-to-the-sextoy-af6b68c634fc
Article
Full-text available
Implementation of quantified self technologies in workplaces relies on the ontological premise of Cartesian dualism with mind dominant over body. Contributing to debates in new materialism, we demonstrate that workers are now being asked to measure our own productivity and health and well-being in art-houses and warehouses alike in both the global north and south. Workers experience intensified precarity, austerity, intense competition for jobs and anxieties about the replacement of labour-power with robots and other machines as well as, ourselves replaceable, other humans. Workers have internalised the imperative to perform, a subjectification process as we become observing entrepreneurial subjects and observed, objectified labouring bodies. Thinking through the implications of the use of wearable technologies in workplaces, this article shows that these technologies introduce a heightened Taylorist influence on precarious working bodies within neoliberal workplaces.
Some of the World's Largest Employers No Longer Sell Things, They Rent Workers. Outsourcing Firms' Workforces Grow as More Companies Look to Cut Their Headcounts
  • Lauren Weber
Lauren Weber, Some of the World's Largest Employers No Longer Sell Things, They Rent Workers. Outsourcing Firms' Workforces Grow as More Companies Look to Cut Their Headcounts, in: www.wsj.com, 28.12.2017.
Lyft drivers manipulate fares at Reagan National causing artificial price surges
  • Sam Sweeney
  • Uber
Sam Sweeney, Uber. Lyft drivers manipulate fares at Reagan National causing artificial price surges, in: www. wsj.com, 16.5.2019.
Uber settles driver classification lawsuit for $20 million
  • Andrew J Hawkins
Andrew J. Hawkins, Uber settles driver classification lawsuit for $20 million, in: The Verge, 19.3.2019.
Uber drivers strike over pay and conditions
  • Julia Kollewe
Julia Kollewe, Uber drivers strike over pay and conditions, in: The Guardian, 8.5.2019.