Article

‘IRGENDWIE WIRD ES GEHEN’: TRAUMA, SURVIVAL, AND CREATIVITY IN SAŠA STANIŠIĆ’S VOR DEM FEST

Authors:
To read the full-text of this research, you can request a copy directly from the author.

Abstract

en This article argues that Vor dem Fest, Saša Stanišić’s second novel, represents a continuation of the author's attempt, begun in his 2006 debut, Wie der Soldat das Grammofon repariert, to write about ‘sad things, positively’. Set in Germany, however, it also engages critically with the particular ethical and cultural‐political challenges that writing about traumatic pasts has posed in this context. Through his protagonists, many of whom are engaged in different forms of creative practice, Stanišić shows how cultural memory is produced in response to trauma but threatens to overwrite violence with fabricated narratives. Nevertheless, creativity, practised in response to, and as a means of, survival, retains the potential – for both the author and his characters – to bear witness to the past while producing something that ensures the continuity of the community. Drawing on theories of melancholy and the archive, and of trauma and survival, this article shows how Stanišić develops a mode of narrative that is both critical and productive in its response to legacies of violence and loss. Zusammenfassung de Dieser Artikel vertritt die These, dass Saša Stanišićs zweiter Roman Vor dem Fest eine Fortsetzung seines Versuches darstellt, über traurige Themen positiv zu schreiben, womit er in seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) begonnen hat. Vor dem Fest spielt aber in Deutschland und engagiert sich daher in kritischer Weise mit den besonderen ethischen und kulturpolitischen Herausforderungen, die das Schreiben über traumatische Vergangenheiten in diesem Zusammenhang mit sich bringt. Stanišić zeigt anhand seiner Protagonisten, von denen viele sich an verschiedenen Formen von schöpferischen Tätigkeiten beteiligen, wie kulturelles Gedächtnis in Erwiderung auf Traumata entsteht, aber dazu neigt, die Gewalt mit erfundenen Narrativen zu überschreiben. Nichtsdestoweniger ermöglicht die als schöpferischer Akt des Überlebens verstandene Kreativität dem Autor sowie seinen Charakteren, von der Vergangenheit zu zeugen und gleichzeitig, durch das, was sie produzieren, das Weiterbestehen der Gemeinschaft zu sichern. Der Artikel nimmt Theorien der Melancholie und des Archivs, sowie des Traumas und des Überlebens zu Hilfe, um zu zeigen, wie Stanišić eine Erzählweise entwickelt, die kritisch aber auch schöpferisch mit dem Erbe von Gewalt und Verlust umgeht.

No full-text available

Request Full-text Paper PDF

To read the full-text of this research,
you can request a copy directly from the author.

Full-text available
Chapter
Saša Stanišićs Text Vor dem Fest (2014) ist ein Dorf- bzw. Heimatroman. Ein in Bosnien aufgewachsener deutscher Autor schreibt einen Roman über ein fiktionales Dorf in Brandenburg (Landkreis Uckermark). Er schildert eine Stimmung, die für ein Dorf kurz vor einem traditionellen Fest charakteristisch ist, eine Unruhe, eine Spannung, eine Intensität. Diese Spannung wird auch durch eine multiperspektivische Erzählposition erzeugt, denn Intertextualität und postmodernes Erzählen wechseln sich mit traditioneller Erzählweise ab. So kommen im Roman ein mit dem italienischen Verismus vergleichbarer kollektiver Erzähler ebenso zu Wort wie eine Füchsin als Instanz des Surrealen, Archaischen; oder die Gedanken des Herrn Schramm, eines vereinsamten Rentners am Rande des Selbstmordes sowie kollektive Sagen und Mythen und Archivmaterialien aus der frühen Neuzeit oder aus dem Barock. Im Aufsatz werden anhand von Vor dem Fest Gattungselemente eines zeitgenössischen Dorfromans analysiert, für den Stanišić ebenso provokant wie selbstbewusst die Weichen stellt. Es wird nicht nur danach gefragt, welche Gattungselemente der Autor benutzt, sondern auch danach, wo und wie er diese überschreitet und neukodiert. Dabei soll nachgewiesen werden, dass die Erzähltechnik dem geschilderten Orte immer wieder jene Öffnung und Vielschichtigkeit verleiht, die den Klischees der Provinz zuwiderläuft.
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.