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Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung

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Abstract

Prekäre Lebensverhältnisse, tiefgreifende Verunsicherung und brüchige Lebensläufe sind meist eng miteinander verzahnt. Heute prägen diese Faktoren den Alltag weiter Bevölkerungsteile. Gerade das soziale Totalphänomen Ernährung erweist sich als fruchtbarer Zugang zu ihrer Erforschung, denn es steht mit der Prekarität in einem Wechselverhältnis. Im Rahmen von zehn Fallstudien ergründet der Sammelband die subjektive Verarbeitung von Prekarität im Spiegel qualitativer Interviews. Die Innensichten der Akteure geben Aufschluss über den Umgang mit finanzieller Armut, (arbeits-)biografischen Krisenerfahrungen, Planungsunsicherheit und psychischen Belastungssituationen. Das Erzählen über die Ernährung dient dabei als alltagsnaher Indikator subjektiver Verarbeitungsweisen und ihrer narrativen Vermittlung vor dem Hintergrund historisch gewachsener Leitbilder. Auf diese Weise wird nicht zuletzt vor allem auch die Heterogenität prekärer Lebenslagen ins Visier genommen.
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Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner
Zur Verschränkung von Prekaritäts-
und Nahrungsforschung – einleitende
Bemerkungen zu einem studentischen
Forschungsprojekt
DIGITALER SONDERDRUCK
Gunther Hirschfelder,
Sarah Thanner (Hrsg.)
Prekäre Lebenswelten
im Prisma
der Ernährung
Regensburger Schriften zur Volkskunde/
Vergleichenden Kulturwissenschaft,
Band 38, 2019, 248 Seiten, br., 34,90 €,
ISBN 978-3-8309-4070-8
E-Book: 30,99 €,
ISBN 978-3-8309-9070-3
Gunther Hirschfelder und Sarah  anner
Zur Verschränkung von Prekaritäts- und Nahrungsforschung
– einleitende Bemerkungen zu einem studentischen
Forschungsprojekt
Der vorliegende Sammelband geht aus einem im Sommersemester  an der
Universität Regensburg im Studiengang Vergleichende Kulturwissenscha gehal-
tenen Projektseminar hervor, dem die Annahme zugrunde lag, dass die Analyse
alltäglichen Ernährungshandelns bzw. dessen narrative Vermittlung aus der In-
nensicht der Akteure einen fruchtbaren Beitrag zur Erforschung prekärer Lebens-
zusammenhänge leisten kann. So unternehmen die versammelten Beitrage den
Versuch, jenen „Planungs- und Gestaltungsunsicherheiten des Lebens“1, die in der
Erzählung über das Essen transparent werden, vor dem Hintergrund der indivi-
duellen (Arbeits-)Biogra en nachzuspüren.
Das „soziale Totalphänomen2 der Ernährung ermöglicht, Einblicke in ge-
sellscha liche Zusammenhänge zu erlangen und wie in der kulturwissenscha -
lichen Nahrungsforschung bereits mehrfach dargelegt wurde, erweisen sich das
alltägliche Ernährungshandeln sowie das Kommunizieren über die Ernährung als
Indikatoren und Austragungsfelder unterschiedlichster soziokultureller Be nd-
lichkeiten.3
Gerade hier zeigt sich eine Perspektive auf Prekarität als ein weite Bereiche der
Arbeits- und Lebenswelt überformendes Phänomen wie auch als gesellscha licher
Regulationsmechanismus gewinnbringend. Besonders auch, da Armutsphänome-
ne, wie etwa der Titel einer Untersuchung des Politologen Christoph Butterwegge
andeutet, „in einem reichen Land (…) verharmlost und verdrängt“ werden und
sich gewissermaßen systemimmanent zeigen.4
Jüngst legte Irene Götz ein breites Spektrum an Perspektiven auf prekäre Le-
benswelten im Kontext weiblicher Altersarmut vor, und im Allgemeinen erfreut
sich die Erforschung prekärer Lebenslagen im Fach wachsender, auf vielfältige
1 Klenner, Christina/Pfahl, Silvia u. a.: Prekarisierung im Lebenszusammenhang – Bewegung
in den Geschlechterarrangements? In: WSI-Mitteilungen /, S.–, hier S..
2 Gegenüber dem Mauss’schen Originalwortlaut der Übersetzung – „‚totales‘ gesellscha liches
Phänomen“ – hat sich diese sprachliche Formulierung durchgesetzt (vgl. Mauss, Marcel: Die
Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellscha en. Frankfurt a. M.
, S.).
3 Hirschfelder, Gunther/Wittmann, Barbara: „Was der Mensch essen darf “ –  ematische
Hinführung. In: Hirschfelder, Gunther/Ploeger, Angelika u. a. (Hrsg.): Was der Mensch es-
sen darf. Ökonomischer Zwang, ökologisches Gewissen und globale Kon ikte. Wiesbaden
, S.–, hier S..
4 Butterwegge, Christoph: Armut in einem reichen Land: Wie das Problem verharmlost und
verdrängt wird, . Au . Frankfurt a. M./New York .
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Gunther Hirschfelder und Sarah  anner
Felder kulturwissenscha lichen Erkenntnisgewinns bezogener Beschä igung.5 In
diesem Kontext verortet sich auch der vorliegende Band.
Die gesellscha liche Relevanz von Prekarität und damit im Zusammenhang
stehend auch Armut verlangt nach intensiver und struktureller Beschä igung,
denn zu konstatieren ist ebenso, dass abseits politischer Perspektiven, die das
Phänomen auf nicht unkontroverse Weise meist von außen betrachten, ein De-
zit hinsichtlich der Innensichten der Akteure besteht. So geht es nämlich nicht
einzig um einen vermeintlich „unteren Rand“ der Gesellscha , der mit geeigneten
sozialpolitischen Maßnahmen leicht anbindungsfähig zu machen ist, sondern viel-
mehr darum, den Blick auf die Facetten der Verunsicherung vor dem Hintergrund
struktureller Verhältnisse zu richten, die sich in diesem Rahmen vielfältig und
heterogen herausbilden und eine tiefergehende Analyse gegenwärtiger Alltagswel-
ten, gesellscha licher Wirkmechanismen und historisch gewachsener Leitbilder
ermöglichen.6
Bevor das Potenzial einer Verbindung von Prekaritäts- und Nahrungskultur-
forschung im Rahmen der einzelnen Fallstudien ausgelotet wird, soll an dieser
Stelle eine einleitende Vorbemerkung zur den Beiträgen übergeordneten Pers-
pektive erfolgen: Ausgehend von der Frage nach der Fassung des vielrezipierten
Konzepts der Prekarität werden dabei die Spezi k einer kulturwissenscha lichen
Betrachtung prekärer Lebenszusammenhänge im Prisma der Ernährung und ins-
besondere auch deren biogra sch-narrative Ausrichtung skizziert.
Prekär arbeiten, prekär leben, prekär essen?
Zur Konzeptualisierung von Prekarität
Wendet man sich an das Wortauskun ssystem des digitalen Wörterbuchs der deut-
schen Sprache (DWDS),  ndet sich erstaunlicherweise kein Eintrag zu Prekarität –
5 Vgl. Götz, Irene (Hrsg.): Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen. München
 sowie beispielha etwa Ove Sutters Monogra e zur „Erzählten Prekarität“, die sich ver-
mehrt mit der autobiogra schen Verhandlung prekärer Lebenszusammenhänge auseinan-
dersetzt oder den von Barbara Lemberger und Irene Götz herausgegebenen Sammelband
„Prekär arbeiten, prekär leben“, der das breite Spektrum subjektiven Umgangs mit Prekari-
tät aufzeigt (Sutter, Ove: Erzählte Prekarität. Autobiographische Verhandlungen von Arbeit
und Leben im Postfordismus. Frankfurt a. M. ; Götz, Irene/Lemberger, Barbara (Hrsg.):
Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenscha liche Perspektiven auf ein gesellscha liches
Phänomen. Frankfurt a. M./New York .)
6 So wies auch Bernd Jürgen Warneken jüngst darauf hin, dass „die sozialen Verwerfungen in
unserer Gesellscha zugenommen [haben], unsere Beschä igung (…) sich aber keineswegs
potenziert [hat], sondern (…) interessanterweise eher erlahmt“ ist, und bringt dies mit der
„Überzeugung oder [dem] Bauchgefühl, dass soziale Ungleichheit weniger mit Klassenun-
terschieden zu tun hat als mit je individuellen Krisen und Entscheidungen oder mit spezi-
ellen Problemlagen“, in Verbindung. (Warneken, Bernd Jürgen: Rechts liegen lassen? Über
das europäisch-ethnologische Desinteresse an der Lebenssituation nichtmigrantischer Un-
ter- und Mittelschichten. In: Heimerdinger, Timo/Näser-Lather, Marion (Hrsg.): Wie kann
man nur dazu forschen?  emenpolitik in der Europäischen Ethnologie. Wien , S.–
).
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Zur Verschränkung von Prekaritäts- und Nahrungsforschung 
jedenfalls nicht als Substantiv. Fündig wird man hingegen bei der Suche nach dem
Adjektiv prekär, dessen Bedeutung als „mißlich, schwierig, bedenklich, peinlich,
unangenehm“7 ausgewiesen wird. Dass es sich hier nicht um wissenscha liche,
sondern dem alltäglichen Sprachgebrauch entnommene Semantiken handelt, liegt
nahe. Und doch lässt sich mit dem Blick auf das Wörterbuch eine Beobachtung
hinsichtlich des sozial- und kulturwissenscha lichen Diskurses um Prekarität il-
lustrieren.
Prekarität beschreibt in nominaler Verwendung einen abstrakten Zustand
und referiert nicht auf eine spezi sche konkrete Entität. Adjektive hingegen fun-
gieren gemeinhin als Attribute und modi zieren Substantive – prekäre Arbeits-
welten, prekäre Lebenswelten, prekäres Essen. Beim Blick auf den  esaurus, der
sich weiter unten im Wortpro l ndet, werden assoziative Verbindungen für das
Adjektiv prekär dargelegt: „(es gibt) keine einfache(n) Lösung(en), di zil, heikel,
kni ig, komplex, kompliziert, mit (einigen) Unannehmlichkeiten verbunden,
mit Mühe verbunden, nicht (so) einfach, schwer, schwer verständlich, schwierig,
unübersichtlich.“8
Der Blick auf diese Assoziationskette vermag an sozialwissenscha liche Re e-
xionen zum Begri der Prekarität sowie seine vielfältigen Verwendungskontexte
und Konzeptualisierungen zu erinnern – der wissenscha liche Umgang mit dem
Konzept der Prekarität erweist sich hingegen als di zil, seine Verwendung kom-
plex, der Forschungsstand unübersichtlich und heterogen. Dabei sind sowohl die
Frage, wodurch genau sich prekäre Lebensverhältnisse auszeichnen, als auch jene,
welche Bevölkerungsteile als in prekären Verhältnissen lebend betrachtet werden,
„notorisch umstritten9 und voller „konzeptueller Untiefen10.
Einer umfassenden Rezeption in der Forschungslandscha unterlag der sich
bereits im . Jahrhundert bei Karl Marx  ndende Begri vor allem im Kontext
der französischen Arbeitssoziologie. Nicht zuletzt unter dem Ein uss Pierre
Bourdieus erwuchs Prekarität zum gesellscha sanalytischen Konzept,11 das in
den er und er Jahren schließlich auch Eingang in die deutschsprachigen
Sozialwissenscha en im Kontext von als atypisch klassi zierten Formen der Er-
werbsarbeit Gebrauch fand.12
Hier meint Prekarität vor allem sich ausweitende prekäre Erwerbsverhältnis-
se in Abgrenzung zu Beschä igungsformen, die sich am historisch gewachsenen
Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses orientierten. Konkret wird hierbei auf
7 Vgl. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: „prekär“, verfügbar unter: https://www.
dwds.de/wb/prekär [..].
8 Vgl. ebd.
9 Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha . Prekäre Proteste. Politik und Ökonomie
im Zeichen der Prekarisierung. Bielefeld , S..
10 Seifert, Manfred: Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt – Kulturwissenscha liche Re-
exionen zu Karriere und Potenzial eines Interpretationsansatzes. In: Götz, Irene/Lember-
ger, Barbara (Hrsg.): Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenscha liche Perspektiven auf
ein gesellscha liches Phänomen. Frankfurt a. M./New York , S.–, hier S..
11 Vgl. Bourdieu, Pierre: Prekarität ist überall. In: ders.: Gegenfeuer. Wortmeldungen im
Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz , S.–.
12 Vgl. Seifert, Manfred: Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt (), S..
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Gunther Hirschfelder und Sarah  anner
den Rückgang sozialversicherungsp ichtiger, unbefristeter Arbeitsverhältnisse
in Vollzeit bei gleichzeitiger Zunahme von geringfügiger Beschä igung, Teilzeit-
und Leiharbeit sowie (informeller) Erwerbsarbeit im Niedriglohnbereich Bezug
genommen.13 Strukturell gesehen, verweist dies darauf, dass prekäre Arbeit in
materiell-reproduktiver, sozial-kommunikativer sowie rechtlich-institutioneller
Dimension keine ausreichende Grundlage zur Existenzsicherung bietet. In sub-
jektiver Perspektive werden schließlich arbeitsinhaltlicher Sinnverlust, sozialer
Ausschluss und umfassende Planungsunsicherheit mit ihr assoziiert.14
Dabei sei angemerkt, dass der vergleichende Bezugspunkt des Normalar-
beitsverhältnisses historisch gesehen zu kaum einer Zeit die Alltagsrealität einer
breiten Bevölkerung abbildete, sieht man einmal von der kurzen Wachstums- und
Vollbeschä igungsspanne der Bundesrepublik Deutschland und auch der westli-
chen Industrienationen ab, die Eric Hobsbawm das „goldene Zeitalter“15 nannte,
oder aber auch von den erzwungenen und ökonomisch gesehen künstlich herbei-
geführten Beschä igungsstrukturen des sowjetischen Machtbereichs.16 Obgleich
kaum jemals Normalität, erhob sich das vermeintliche Normalarbeitsverhältnis
zum hegemonialen Leitbild und legte den nachhaltig wirkenden „imaginären
Horizont“17 des fordistisch geprägten Wohlfahrtsstaats zugrunde.18 In diesem Be-
zugsrahmen ist weiterführend auch die Vorstellung vom sogenannten „Normal-
lebenslauf“ im Sinne einer linearen, lebenszeitlich kohärenten Ausbildungs- und
Berufsbiogra e zu verorten, welche als wirkmächtiges Ordnungsmuster lebens-
13 Vgl. beispielha etwa Schönberger, Klaus: Widerständigkeit der Biogra e. Zu den Gren-
zen der Entgrenzung neuer Konzepte alltäglicher Lebensführung im Übergang vom for-
distischen zum postfordistischen Arbeitsparadigma. In: Götz, Irene/Seifert, Manfred u. a.
(Hrsg.): Flexible Biogra en? Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frank-
furt a. M./New York , S.–, hier S..
14 Vgl. Seifert, Manfred: Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt (), S.–.
15 Hobsbawm, Eric J.: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des . Jahrhunderts. Mün-
chen/Wien .
16 So dominierte das Normalerwerbsverhältnis verstärkt in der relativ kurzen Zeitspanne der
er bis er Jahre und galt auch hier zum einen vermehrt für die Länder des Nordens
sowie zum anderen nur sehr eingeschränkt für Frauen und Arbeitsmigranten; vgl. Marchart,
Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha . Prekäre Proteste: Politik und Ökonomie im Zeichen
der Prekarisierung. Genf , S.; Schönberger, Klaus: Widerständigkeit der Biographie.
Zu den Grenzen der Entgrenzung neuer Konzepte alltäglicher Lebensführung im Übergang
vom fordistischen zum postfordistischen Arbeitsparadigma. In: Seifert, Manfred/Götz, Ire-
ne/Huber, Birgit (Hrsg.): Flexible Biogra en? Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der
Gegenwart. Frankfurt a. M./New York , S.–, hier S.; sowie zur historischen Ein-
ordnung Hobsbawm, Eric J.: Das Zeitalter der Extreme (), S..
17 Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha (), S..
18 Dem gegenübergestellt wird schließlich das sogenannte postfordistische Arbeitsparadigma,
das durch die Zunahme prekärer Beschä igung, die zudem in steigendem Maße als  exibili-
siert, entgrenzt und subjektiviert gilt, charakterisiert wird. Zwar handelt es sich auch hierbei
um einen idealisierten Gegenpol, der nicht deckungsgleich mit der Alltagsrealität einer brei-
ten Bevölkerung ist, jedoch ist auch hierin eine Referenzfolie zu sehen, die auf individuelle
Sinnsti ungen rückwirkt (vgl. Götz, Irene: Fordismus und Postfordismus als Leitvokabeln
gesellscha lichen Wandels. Zur Begri sbildung in der sozial- und kulturwissenscha lichen
Arbeitsforschung. In: Ege, Moritz/Moser, Johannes u. a. (Hrsg.): Europäische Ethnologie in
München. Ein kulturwissenscha licher Reader. Münster , S.–, hier S.).
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Zur Verschränkung von Prekaritäts- und Nahrungsforschung 
zeitliche Erwartungssicherheit impliziert.19 Prekarität bzw. Prekarisierung meint
damit also zunächst einmal prekäre Erwerbsarbeit, die als Leitbild „zunehmend
an Selbstverständlichkeit gewinnt“20. Doch  nden sich mittlerweile vermehrt auch
Konzeptualisierungen von Prekarität im Lebenszusammenhang, die eine Hinwen-
dung zum vielfältigen Bedingungsgefüge prekärer Lebenszusammenhänge auch
abseits der Erwerbsarbeit einfordern.21 An diese Perspektive knüp auch die in
diesem Band angestrebte Betrachtung prekärer Lebenswelten durch das Prisma
der Ernährung an.
Möchte man sich schließlich der Frage widmen, welche Individuen oder so-
zialen Gruppen von prekären Lebensverhältnissen betro en sind, so stößt man
ebenfalls auf unterschiedliche Beantwortungsversuche. Allem voran erschwert
die auf Robert Castel zurückgehende Einsicht, dass es sich bei Prekarität um ein
relationales Konzept handelt, dezidierte Zuweisungen – so muss Prekarität stets
„im Verhältnis zum jeweiligen Normalitätsstandard von Erwerbsarbeit de niert
werden22. Die unterschiedlichen in der Literatur zu  ndenden Bezugsrahmen las-
sen sich in Anlehnung an Marchart durch die Unterteilung in ein enges, ein weites
und ein umfassendes Verständnis von Prekarität darlegen:
Im engen Sinne wird Prekarität häu g am „Rand“ der Gesellscha verortet
und als „Unterschichtenphänomen“ verhandelt. Ihren Ausdruck  ndet diese Kon-
zeptualisierung vor allem auch in der medialen und politischen Diskussion um
das sogenannte „abgehängte Prekariat“23 im Sinne eines Armutsphänomens.
Zwischen  und  setzte die Koalition aus SPD und Bündnis 90/Die
Grünen die Agenda 2010 als Konzept zur Reform von Sozialsystem und Arbeits-
markt weitgehend um. Sozialpolitisch und damit auch alltagskulturell führten die
Veränderungen in Verbindung mit der Finanzkrise des Jahres  und der sich
dynamisierenden Globalisierung zunächst zu einer weiteren Ö nung der sozialen
Schere, was etwa im Kontext der implementierten Hartz-IV-Reformen hervor-
trat.24 Auf breiter Front kam es zu einer Erosion gesellscha licher Bindekrä e, in
deren Kontext der einzelne weniger Solidarität erwartet und sich, so die zentrale
19 Sutter, Ove: Formen und Funktionen des Berichtens über die Prekarität immaterieller Ar-
beit. In: Garstenauer,  erese/Hübel, omas u. a. (Hrsg.): Arbeit im Lebenslauf: Verhand-
lungen von (erwerbs-) biographischer Normalität. Bielefeld , S.–, hier S..
20 Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha (), S..
21 Vgl. etwa Klenner, Christina/Pfahl, Silvia u. a.: Prekarisierung im Lebenszusammenhang –
Bewegung in den Geschlechterarrangements? In: WSI-Mitteilungen /, S.– so-
wie Götz, Irene/Lemberger Barbara: Prekär Arbeiten, prekär leben: Einige Überlegungen
zur Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenscha liche
Perspektiven auf ein gesellscha liches Phänomen. Frankfurt a. M./New York , S.–,
hier S..
22 Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha (), S..
23 Der Begri wurde insbesondere durch eine im Jahr  verö entlichte Studie der Fried-
rich-Ebert-Sti ung verbreitet (vgl. Brinkmann, Ulrich/Dörre, Klaus u. a.: Prekäre Arbeit.
Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäf-
tigungsverhältnisse. Friedrich-Ebert-Sti ung, Bonn .
24 Vgl. Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha (), S.  sowie Hassel, Anke/
Schiller, Christof: Der Fall Hartz IV. Wie es zur Agenda  kam und wie es weiter geht,
Frankfurt a. M./New York .
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Gunther Hirschfelder und Sarah  anner
ese des britischen Ökonomen Paul Collier, stärker auf sich gestellt sieht.25 Pre-
karität wird seit dieser Zeit nicht nur stärker gelebt, sondern auch stärker emp-
funden: Der gewachsene Konkurrenz- und Leistungsdruck führt zunehmend zu
Ohnmachtserfahrungen.26
Einen ebenfalls dienlichen Blick auf die Gegenwart wir der Geograf Chris-
tophe Guilluy, der am Beispiel Frankreichs überzeugend aufzeigt, wie fundamen-
tal sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen inzwischen voneinander entfernt
haben. Resultate sind die Gelbwestenbewegung in Frankreich, die Bemühungen
um den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union seit
 oder neue fundamentalpopulistische und nationale Bewegungen in den Nie-
derlanden, Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn und immer mehr Ländern.
Guilluy geht davon aus, dass sich die Bevölkerungen immer mehr aufspalten und
formuliert neue Gegensatzpaare: Oben gegen unten, reich gegen bedür ig, selbst-
zufrieden gegen unglücklich, kosmopolitisch gegen bodenständig, mobil gegen
sessha , aufgeschlossen gegen populistisch. Populismus erscheint den einen dabei
als Bedrohung, seinen Anhängern aber als Verheißung. Diese Gesellscha sspal-
tung sei nicht zuletzt Resultat von Globalisierung und Digitalisierung, und sie
nde ihren Ausdruck in sozial, kulturell und auch geogra sch getrennten Lebens-
welten. Guilluy fokussiert hierbei vor allem auch auf räumliche Gegensätze: auf
metropoles gegenüber peripherem bzw. periurbanem Leben. An dieser Peripherie,
so Guilluy, erleiden Geringverdiener, einfache Angestellte, prekär Beschä igte
oder Rentner eine doppelte Marginalisierung, eine  nanzielle und eine kulturel-
le. Merkmal dieser neuen Spaltung sei dann auch, dass die Marginalisierten sich
einer ökonomisch-kulturellen Elite gegenübersehen, welche Deutungshoheit be-
ansprucht und jene Gruppen, die einst als „Volk“ bezeichnet wurden, zum Plebs
abstempeln.27
Damit ist auch eine Brücke zum Anliegen dieses Bandes geschlagen, der davon
ausgeht, dass dieser richtig erkannte Prozess seinen Niederschlag ebenso im urba-
nen Raum  ndet – auch in einer weit überdurchschnittlich wohlhabenden Stadt
wie Regensburg; und dass er Selbstwahrnehmung und Bewältigungsstrategien
unserer Interaktionspartner maßgeblich beein usst.
Im Rahmen der  ematisierung sozialer Ungleichheit schwingt dabei zuweilen
ein pädagogisierender Tenor mit, in dessen Zusammenhang Möglichkeiten der
Ein ussnahme auf die Lebensgestaltung der „Abgehängten“ verhandelt werden,
die auf diese Weise als „das negative Außen einer individualisierten Leistungs-
gesellscha , in der eine zahlenmäßig eher begrenzte Gruppe von ‚Exkludierten
keinen Platz  ndet“28, formiert werden. Dies spiegelt sich gerade auch in der
25 Vgl. Collier, Paul:  e Future of Capitalism: Facing the New Anxieties. New York .
26 Vgl. Heitmeyer, Wilhelm: Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung. Berlin ;
Heitmeyer, Wilhelm/Haupt, Heinz-Gerhard u. a. (Hrsg.): Control of Violence, Historical and
International Perspectives on Violence in Modern Societies. Berlin .
27 Vgl. Guilluy, Christophe: La France périphérique: Comment on a sacri é les classes popu-
laires, Paris ; Ders.: Twilight of the Elites: Prosperity, the Periphery, and the Future of
France. New Haven/London .
28 Vgl. Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha (), S..
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Zur Verschränkung von Prekaritäts- und Nahrungsforschung 
Diskussion um die Frage nach der „richtigen“ Ernährung unter den Bedingungen
eines begrenzten Budgets und dem Erwerb von Wissen über „gesunde“ Ernäh-
rung wider, wohingegen eine Diskussion struktureller Benachteiligung und darin
hervortretender gesellscha licher Regulationsweisen o mals außen vor bleibt.29
Ein weites Verständnis von Prekarität hingegen, welches sich in Anlehnung
an Seifert für die Alltagskulturforschung am anschlussfähigsten erweist, nimmt
stattdessen die subjektive Wahrnehmung von Prekarität im Lebenslauf vor dem
Hintergrund historisch gewachsener Leitbilder und damit vor allem auch die He-
terogenität prekärer Lebenslagen ins Visier, denn „Unsicherheit bedeutet (…) je
nach sozialer Stellung im Raum Verschiedenes“30. Folglich ermöglicht ein solches
Verständnis, das „ ackernde Licht der Verunsicherung“31 nicht mit objektiven
Verhältnissen bzw. relativer Armut gleichzusetzen und auf Diskussionen über die
„Aktivierung“ der „Abgehängten“ zu verkürzen.
Das auf Castel zurückgehende und von Dörre überarbeitete Zonenmodell
nimmt beispielsweise eine Dreiteilung in die Zone der Integration, die in der Mitte
der Gesellscha angesiedelte Zone der Prekarität und die Zone der Entkopplung
vor. Dabei wird jedoch betont, dass die subjektiv wahrgenommene Verunsiche-
rung mitunter quer zu dieser Einteilung verläu .32 Damit geraten Abstiegsängste
in vermeintlich sicheren Erwerbsverhältnissen ebenso in den Blick wie die Sphäre
gesellscha lichen Ausschlusses, innerhalb der die handelnden Akteure unter Um-
ständen nichtsdestotrotz eine Orientierung am Leitbild des Normalarbeitsverhält-
nisses vorweisen.
Kulturwissenscha liche Auseinandersetzungen mit Prekarität als „Interpreta-
ment subjektiver Orientierungsleistungen im gesellscha lichen Kontext“33 fokus-
sieren darüber hinaus die Subjektivität der Wahrnehmung prekärer Lebensum-
stände; so betonen etwa Götz und Lemberger () den kreativen Aspekt im
Umgang mit der Prekarität, denn gerade auf der Akteursebene „erschließt sich das
individuelle und je nach Milieu und Wertehorizont anders erfahrene und ‚kreativ‘
bearbeitete Verhältnis von Zwang und Chance34 verschieden. Die Handlungen
und Wahrnehmungsweisen der Akteure selbst treten auf diese Weise gegenüber
vorgeschalteten Deutungen auf das zu erforschende Gegenstandsfeld in den Vor-
dergrund.
29 Vgl. etwa Özer, Esra: Gesunde Ernährung – auch mit wenig Geld möglich? Vom ..,
verfügbar unter https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/Gesunde-Ernaeh
rung-auch-mit-wenig-Geld-moeglich,essensversuch.html [..].
30 Seifert, Manfred: Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt (), S..
31 Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha (), S..
32 Vgl. Dörre, Klaus: Prekarisierung und Geschlecht. Ein Versuch über unsichere Beschä i-
gung und männliche Herrscha in nachfordistischen Arbeitsgesellscha en. In: Aulenbacher
Brigitte/Funder, Maria u. a. (Hg.): Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Ge-
sellscha . Wiesbaden , S.–, hier S..
33 Seifert, Manfred: Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt (), S..
34 Götz, Irene/Lemberger Barbara: Prekär arbeiten, prekär leben: Einige Überlegungen zur
Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenscha liche Pers-
pektiven auf ein gesellscha liches Phänomen. Frankfurt a. M./New York , S.–, hier
S..
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Gunther Hirschfelder und Sarah  anner
Zuletzt lässt sich ein umfassendes Verständnis von Prekarität abgrenzen, das
sich vermehrt der Frage nach jenen gesellscha lichen Regulationsformen und
Subjektivierungsweisen, die den eben beschriebenen Prozessen zugrunde liegen,
widmet und infolgedessen damit „sowohl das staatliche Regime der Unsicherheit
und Verunsicherung (…) als auch die Subjektivierungsmacht lebensweltlich arti-
kulierter Praxen35 betrachtet.
Für die hier angestrebte kulturwissenscha liche Betrachtung von Prekarität im
Prisma der Ernährung erweist sich ein solches weites Verständnis von Prekarität,
das Armutsphänomene weder aus den Augen verliert, noch seinen Forschungsge-
genstand darauf verengt, am geeignetsten, um den Innensichten und Deutungen
der Akteure nachzuspüren, die im Bedingungsgefüge ihrer Lebenszusammenhän-
ge und Biogra en generiert werden und die Sicht auf die eigenen Lebensverhält-
nisse und das eigene Ernährungshandeln überformen. Darüber hinaus gilt es, die
„subjektiven Praxen und Dispositionen im Kontext gesellscha licher Symbolisie-
rungen und Reglementierungen36 zu deuten, wodurch nicht zuletzt stets auch das
reziproke Verhältnis von Mikroebene und Makrokontext in den Blick gerät.
Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung
Wenn Ulrich Tolksdorf in den frühen ern herausgestellt hat, es sei eine
der Aufgaben der ethnologischen Nahrungsforschung, „die Korrelation von
gewissen Merkmalen der Ernährung mit bestimmten Daten der betre enden
Sozialgruppe37 zu untersuchen, kann dies heute nicht mehr in der begri ichen
Enge von festen „Sozialgruppen“ gedacht werden. Für die Soziologin Eva Barlösi-
us sind die sozialen Unterschiede, welche „auf sozialen Ungleichheiten [basieren],
die sozio-ökonomisch strukturiert sind, wie Schichten und Klassen, und solchen
(…) wie Geschlecht und Alter“38 maßgeblich für die empirisch grei aren kultu-
rellen Repräsentationen der „sozial gebräuchlichen Essstil[e]“39. In der in diesem
Sammelband untersuchten Schnittmenge zwischen Prekaritäts- und kulturwis-
senscha licher Ernährungsforschung, dem Bereich des Erzählens über prekäre
Ernährung, ist die von Barlösius nachgestellte Aussage von zentraler Bedeutung:
„Die sozial di erenzierten Essstile korrespondieren zwar häu g mit sozialen Un-
gleichheiten, jedoch werden ihre Unterschiedlichkeit und die sozialen Distanzen,
die sie beinhalten, nicht sozio-ökonomisch, sondern mit einer anderen Kategorie
begründet: dem Geschmack.“40
35 Marchart, Oliver: Die Prekarisierungsgesellscha (), S..
36 Seifert, Manfred: Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt (), S.–.
37 Tolksdorf, Ulrich: Strukturalistische Nahrungsforschung. Versuch eines generellen Ansatzes.
In: Ethnologica Europaea  (), S.–, hier S..
38 Barlösius, Eva: Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenscha liche Einführung
in die Ernährungsforschung. . Au age. Weinheim/Basel , S..
39 Ebd.
40 Ebd.
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Zur Verschränkung von Prekaritäts- und Nahrungsforschung 
Mit dem Modus des Begründens der eigenen Wahl des vermeintlich richtigen Es-
sens zeigt sich nicht zuletzt die distinktive Dimension des Ernährungsverhaltens:
Die Nahrungsaufnahme für sich ist – o unbewusst – ein kommunikativer Akt.
Timo Heimerdinger riet, „Ernährung immer auch als Symbolkonsum, als Spielart
der menschlichen Selbstausstattung mit Bedeutungen und damit auch als Verfah-
ren der sozialen Selbstverortung“41 zu interpretieren. Diese Blickrichtung eignet
sich im Besonderen für eine subjektnahe Erforschung von Essstilen, denn, wie
Heimerdinger weiter betont: „[D]ie Sicherung der Subsistenz verläu immer auch
in kulturell vermittelten Bahnen42. So sind die Muster der Ernährung nicht nur
von Notwendigkeit gerahmt, sondern auch von individuellen Wissensbeständen
und Erfahrungen.43
Vor dem Hintergrund der Transformation der gegenwärtigen Gesellscha en
und der massiven Verschiebungen im Bereich der Alltagsernährung erscheint
das Ernährungsverhalten von Menschen, die über ein stark limitiertes Budget
verfügen, als besonders lohnenswerter Untersuchungsgegenstand; seit dem spä-
ten . Jahrhundert hat Ernährung ihre Funktionen fundamental verändert: Die
Nahrungsaufnahme wurde von einem vermehrt durch Tradition und Sozialisation
geprägten und primär sto ich wahrgenommenen zu einem weit stärker symboli-
schen Akt. In den Wendejahren um   el die deutsche Einheit mit einer Zei-
tenwende zusammen, deren Schlagworte Globalisierung, Digitalisierung und – in
Bezug auf die großen politischen Weltanschauungen des . Jahrhunderts – Ent-
Ideologisierung lauten. Aus den nivellierten Mittelstandsgesellscha en, in denen
man sein Verhalten an Herkun , Stand und Tradition orientiert hatte, wurden
moderne Lebensstilgesellscha en, in denen sich Menschen individuell verorten
mussten.44
An Bedeutung gewann in dieser Hinsicht die Kommunikation von Lebens-
stilen und dies in hohem Maße auch über das Essen. Superfood, Vegetarismus
oder Clean Eating – stets fungieren derartige Trends und deren Kommunikation
auch als Bekenntnis, so kursieren etwa visuell-ästhetisch inszenierte Bilder von
Mahlzeiten durch soziale Netzwerke und werden zu Inhalten von Narration und
Kommunikation einer performativen Selbstinszenierung. Wir reden darüber, was
wir essen, posten darüber, zeigen, was wir uns leisten können und illustrieren un-
sere Imaginationen darüber, wie wir die Welt gerne hätten – ob nachhaltig oder
als Ressource des Konsums. Urban Gardening oder Veganismus auf der einen und
Hightech-Grill oder japanisches Kobe-Rind eisch auf der anderen Seite als kom-
munikative Pole ideologischer Weltanschauungen.
41 Heimerdinger, Timo: Schmackha e Symbole und alltägliche Notwendigkeit. Zu Stand und
Perspektiven der volkskundlichen Nahrungsforschung. In: Zeitschri für Volkskunde 
(), S.–, hier S..
42 Ebd., S..
43 Vgl. ebd. S.f.
44 Vgl. Richter, Rudolf: Die Lebensstilgesellscha . Wiesbaden , S..
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Gunther Hirschfelder und Sarah  anner
Dabei führte die symbolische Au adung der Ernährung nicht zuletzt auch zu
einer massiven consumer confusion45, die durch ihre mediale  ematisierungs-
konjunktur noch verstärkt wurde: Essen wird hochgradig re ektiert und in Frage
gestellt. Diese Fokussierung folgt letztlich einer gesellscha lichen Logik, denn
die spätkapitalistische Globalgesellscha mit ihrer permanenten Unsicherheit hat
dazu geführt, dass vor allem junge Menschen sich in ihren biogra schen Chan-
cen bedroht fühlen: Ein gesunder und starker Körper erwächst auf diese Weise
zur Chi re für die Bereitscha , einem dynamischen Arbeitsmarkt mit jeglichen
persönlichen Ressourcen zur Verfügung zu stehen. Ernährung ist Symbol und
Werkzeug gleichermaßen und wird von vielen vor allem in diesen Kontexten
wahrgenommen und kommuniziert.46
Bei der Darstellung der eigenen Biogra e der in diesem Band zur Sprache
kommenden Akteure ist daher stets auch nach der strukturgebenden Brille, aus
der heraus über spezi sche Brüche und biogra sche Wendepunkte erzählt wird,
zu fragen. Daraus wiederum lassen sich Rückschlüsse darauf ziehen, inwiefern die
Befragten ihre Lebensumstände als atypisch und deviant au assen, welchen Deu-
tungsmustern und Ordnungsparametern derartige Verortungen zugrunde liegen
und wie diese in der Erzählung über das Essen hervortreten.
Der Blick zielt somit darauf ab, die „Emp ndungspanoramen47 des Prekären
sowie deren in Abhängigkeit dazu gelagerten Verarbeitungsmodi und Strategien
der Bewältigung und damit einhergehend zumeist auch  nanzieller Einschrän-
kung im Prisma der Ernährung zu beleuchten. Dass hiermit unweigerlich eine
starke biogra sch-narrative Ausrichtung einhergeht, liegt insofern nahe, als dass
es sich stets um lebensgeschichtliche Erzählungen von Brüchen, Krisen oder In-
stabilitäten handelt:
„Gezeigt werden können (…) keine objektiven Begebenheiten hinter den darge-
stellten Menschen, sondern Einsichten in die Art und Weise, wie Vergangenes oder
immer noch gegenwärtige Umstände gesehen werden (…). Biogra sche Texte ver-
wandeln demnach gemachte Erfahrungen stets in hergestellten Sinn.“48
Das heißt im speziellen Fall also, dass das Erzählen über das Essen und das Erzäh-
len von der Prekarität stets von bestimmten Intentionen geleitet sind und situativ
generierten Darstellungsweisen unterliegt. Somit stehen insbesondere auch jene
strukturellen Merkmale autobiogra schen Sprechens im Fokus der Betrachtung,
die retrospektiv-selektiv um die Herstellung von Kontinuität, Kohärenz und
45 Das betri inzwischen sogar den ernährungsmedizinischen Bereich (vgl. Egert, Sarah/Rich-
ter, Margit u. a.: Das PURE Desaster: Vorschnelle Schlagzeilen führen zu unnötiger Verun-
sicherung von Verbrauchern und Patienten. In: Aktuelle Ernährungsmedizin  (), He
, S.–).
46 Hirschfelder, Gunther: Wege aus der Digitalisierungsfalle – Ernährungskommunikation und
Ernährungsbildung. In: Ernährung im Fokus – (), S.–.
47 Seifert, Manfred: Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt (), S..
48 Picard, Jacques: Biogra e und biogra sche Methoden. In: Bischo , Christine/Oehme-Jüng-
ling, Karoline u. a. (Hrsg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern , S. –, hier
S..
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Zur Verschränkung von Prekaritäts- und Nahrungsforschung 
Konsistenz im Zuge der interaktiven Situativität der Interviewsituation kreisen,49
denn gerade dann, wenn von Krisenerfahrungen, von sozialem Abstieg, von
Krankheit und Mangel zu berichten ist, nehmen diese hohen Stellenwert ein. Das
biogra sche Erzählen selbst erwächst in diesem Zusammenhang zu einer Bewäl-
tigungsstrategie des Prekären mit kompensatorischer Funktion.50 Das Erzählen
über das Essen und das Sich-Ernähren kann hierbei nicht zuletzt auch als eine
Vermittlungsfolie der Prekarität angesehen werden, welche neben grundlegenden
nahrungsethnologischen Perspektiven einen fruchtbaren Zugang zu einem sehr
alltagsnahen Sprechen über biogra sche Krisensituationen erö net, wie in der
Übersicht zu den einzelnen Beiträgen nochmals illustriert wird.51 Auf eine wei-
terführende Darlegung methodischer Spezi ka wird an dieser Stelle jedoch ver-
zichtet, da sich die Autorinnen Lisa Claus und Nadine Schuller im ersten Beitrag
eingehender mit diesem Aspekt beschä igen.
Damit ist bereits angedeutet, dass der Band keinen direkten Zugang zur Fra-
ge nach der sto ichen Ernährungsrealität und konkreten Verzehrsituationen in
prekären Lebenszusammenhängen erö nen kann und auch nicht darauf abzielt.
Stattdessen intendieren die nachfolgenden Beiträge vielmehr, jene eng mitein-
ander verwobenen Deutungs- und Wahrnehmungsweisen von Unsicherheit im
Lebenszusammenhang und der kausalen Herleitung und Konstruktion von Kri-
senerfahrungen o en zu legen, die den subjektiven Wertehorizont der Akteure
hinsichtlich der alltäglichen Ernährung überformen und damit jedoch in hohem
Maße auch auf konkrete Ernährungsrealitäten rückwirken.
Dies erweist sich auch insbesondere im Hinblick auf den Forschungsstand zum
emenfeld als bestehendes Desiderat. Ältere Studien, die im weiteren Sinne um
das skizzierte Gegenstandsfeld kreisen, verhandeln dies zumeist aus der Perspek-
tive der Armutsforschung. So intendierten etwa Feichtinger, Köhler und Barlösius
ab Mitte der er Jahre, eine wissenscha liche Hinwendung zur „Ernährung
armer Menschen in Wohlstandsgesellscha en52 zu initiieren. Die in diesem
Rahmen gewonnenen Ergebnisse gründen auf einer von der Arbeitsgemeinscha
für Ernährungsverhalten durchgeführten Tagung zum  ema „Ernährung in der
Armut. Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik
Deutschland“.53 Der Tagungsband zielte auf eine Verbindung aus ökotrophologi-
scher und soziologischer Perspektive ab und legt die Annahme zugrunde, dass
49 Vgl. Sutter, Ove: Erzählte Prekarität. Autobiographische Verhandlungen von Arbeit und Le-
ben im Postfordismus. Frankfurt a. M. , S.–.
50 Vgl. ebd., S.–.
51 Auch Regina Bendix wies auf die „Schnittstelle Reden und Essen“ als ebenso fruchtbare
wie untererforschte Domäne kommunikationsethnogra scher Forschungsfragen hin (vgl.
Bendix, Regina: Reden und Essen. Kommunikationsethnographische Ansätze zur Ethnolo-
gie der Mahlzeit. In: Österreichische Zeitschri für Volkskunde  (), S.–, hier
S., ).
52 Köhler, Maria Barbara/Feichtinger, Elfriede: Die Bibliographie Armut und Ernährung. Eine
Einleitung. In: Köhler, Barbara Maria (Hrsg.): Annotierte Bibliographie Armut und Ernäh-
rung. Berlin , S.–, hier S..
53 Vgl. Barlösius, Eva u.a (Hrsg.): Ernährung in der Armut: gesundheitliche, soziale und kultu-
relle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin .
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„Menschen aus den unteren Einkommensschichten (…) häu ger als solche aus
den wohlhabenden Schichten an Krankheiten [leiden], die durch eine ‚falsche‘
Ernährung mitverantwortet werden, und (…) im Durchschnitt früher an ihnen
[sterben].“54 Dieser Perspektive verschreibt sich auch die Gießener Ernährungsstu-
die über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten, kurz GESA, die ebenso
dafür plädiert, dass sich sozialwissenscha lich orientierte Ernährungswissenschaf-
ten dem „unteren Rand“ der Gesellscha widmen sollen.55 Wie in der Darlegung
der unterschiedlichen Bezugspunkte des Prekaritätsbegri s bereits angemerkt
wurde, handelt es sich hier um ein enges Verständnis von Prekarität im Sinne von
Armut und materieller Deprivation, dem zudem ein ernährungswissenscha lich
erzieherischer Ton innewohnt:
„Die GESA zeigt (…), dass in der angesprochenen Zielgruppe ein Bildungs- und
Beratungsbedarf hinsichtlich gesunder Ernährung, Einkauf, Haushaltsführung und
Gesundheit besteht. Zielgruppengerechte Public Health-Strategien sind für diese
Bereiche notwendig und müssen kün ig entwickelt werden.“56
Entsprechend dieser Annahme basieren die in diesem Ansatz durchgeführten
Studien vor allem auf Verbrauchs- und Verzehrserhebungen, die einen Überblick
über Verzehrtes und die Menge des Verzehrten geben möchten.57 Qualitative
Untersuchungen wurden hierbei meist in Form teilstandardisierter Befragungen
durchgeführt, die ebenfalls der Gewinnung von Informationen zur Lebens- und
Haushaltssituation, dem Bildungsniveau und der Einkommenssituation, dem all-
gemeinen Gesundheitszustand, dem vorherrschenden Ernährungsbewusstsein so-
wie Kompetenzen und Wissen im Bereich Ernährung und Nahrungszubereitung
dienten.58
Die Forscherinnen selbst weisen in diesem Zusammenhang auf die Problema-
tik der Anfälligkeit für retrospektive Verzerrungen und selektive Darstellungen hin
sowie darauf, dass die Antworten auf die Erwartungshaltung der Forschergruppe
54 Köhler, Maria Barbara/Feichtinger, Elfriede: Bibliographie Armut und Ernährung: Eine Ein-
leitung (), S..
55 Lehmkühler, Stephanie/Leohnhäuser, Ingrid-Ute: Untersuchung des Ernährungsverhaltens
von ausgewählten Familien mit vermindertem Einkommen in Gießen (Feld: Gummiinsel).
Forschungsbericht herausgegeben vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen. Gießen ;
vgl. auch Lehmkühler, Stephanie: Die Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsver-
halten von Armutshaushalten (GESA): qualitative Fallstudien. Dissertation an der Justus-
Liebig-Universität Gießen. Gießen .
56 Lehmkühler, Stephanie/Leohnhäuser, Ingrid-Ute: Ernährung und Armut: erste empirische
Befunde. Nutrition and Poverty: First Empirical Data. In: Zeitschri für Gesundheitswissen-
scha  (), S.–, hier S..
57 Vgl. Barlösius, Eva/Feichtinger, Elfriede u. a.: Armut und Ernährung – Problemaufriß eines
wiederzuentdeckenden Forschungsgebietes. In: Dies. (Hrsg.): Ernährung in der Armut: ge-
sundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin ,
S.–, hier S.–.
58 Vgl. Lehmkühler, Stephanie/Leohnhäuser, Ingrid-Ute: Ernährung und Armut: erste empiri-
sche Befunde (), S..
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zugeschnitten geäußert werden könnten.59 Der vorliegende Band begrei sich da-
her gerade nicht als ein Beitrag zur Erhebung der Essrealitäten des „abgehängten
Prekariats“ und kann und möchte keine Bewertung hinsichtlich der Frage, ob die
befragten Akteure sich „gesund“ ernähren oder nicht, vornehmen. Dem entgegen
soll vielmehr eine Tiefensicht auf Bedingungsgefüge und Kausalitäten ermöglicht
werden, die prägend auf Handlungs- und Konsumentscheidungen wirken.
Eine aktuelle soziologische Studie, die sich mit dem Alltagshandeln im Kontext
spezi sch prekärer Lebenslagen beschä igt und sich peripher auch dem Aspekt
der Ernährung widmet, liefert Schad (),60 die der Frage nachgeht, „inwiefern
neue soziale Disparitäten in Deutschland und die damit einhergehende Prekarisie-
rung neuer Bevölkerungsgruppen einen Ein uss auf die Umwelteinstellungen und
das umweltrelevante Handeln der Menschen haben61. Im Zuge einer Verknüp-
fung von Ungleichheitsforschung und Umweltsoziologie erarbeitet Schad eine
Typologie des Umgangs mit der Prekarität in Verbindung mit Umwelta nitäten
und Umwelthandeln in biogra sch-dynamischer Perspektive. Aufgrund der Weite
des Untersuchungsfeldes ermöglicht die Studie jedoch keine Tiefensicht auf den
Komplex der Ernährung und insbesondere dessen narrative Einbindung in die
Wahrnehmung und Deutung beru icher Krisenerfahrungen.
Auch für die Vergleichende Kulturwissenscha /Europäische Ethnologie selbst
lässt sich konstatieren, dass eine Beschä igung mit dem Komplex der Ernährung
sich im Rahmen von Forschung zu prekären Erwerbs- und/oder Lebenszusam-
menhängen meist nur am Rande in andere Schwerpunktsetzungen eingebettet
zeigt. Zu nennen wären hier beispielweise Anna Eckarts Ethnogra e der Er-
werbslosigkeit, Irene Götz’ Betrachtung weiblicher Altersarmut, Anja Deckers
Forschung zur Subsistenzwirtscha im Kontext der Prekarisierung ländlicher Le-
benswelten in Tschechien oder Regina Bendix, die den sprachlichen Umgang mit
Mangel, Knappheit und Über uss im Rahmen der Ernährung untersucht.62
So möchte der vorliegende Band eine Lücke schließen und die Perspektive auf
Ernährung als zentralen Fokus, der überaus vielfältige Anknüpfungspunkte bietet,
in den Mittelpunkt rücken.
59 Vgl. Barlösius, Eva/Feichtinger, Elfriede u. a.: Armut und Ernährung (), S..
60 Vgl. Schad, Miriam: Über Luxus und Verzicht. Umwelta nität und umweltrelevante All-
tagspraxis in prekären Lebenslagen. München .
61 Schad, Miriam: Typisch prekär? In: Burzan, Nicole/Hitzler, Roland (Hrsg.): Typologische
Konstruktionen. Prinzipien und Forschungspraxis. Wiesbaden , S.–, hier S..
62 Vgl. Eckart, Anna: Respektabler Alltag. Eine Ethnogra e der Erwerbslosigkeit. Berlin ;
Decker, Anja: Ein tschechischer Kleinstbauer zwischen Subsistenz und Warenproduktion.
Überlegungen zur Rolle der Kleinstlandwirtscha im Kontext der Prekarisierung ländlicher
Lebenswelten. In: Poehls, Kerstin/Scholze-Irrlitz, Leonore u. a. (Hrsg.): Strategien der Su-
bistenz. Neue prekäre, subversive und moralische Ökonomien. Berlin ; Bendix, Regina:
Vokabularien von Über uss und Protest, Nachhaltigkeit und Gemeinsinn im Lebensmittel-
markt. In: Tauschek, Markus/Grewe, Maria (Hrsg.): Knappheit, Mangel, Über uss. Kultur-
wissenscha liche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt a. M./New
York , S.–; Götz, Irene: Kein Ruhestand ().
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Der Untersuchungsraum
Prekäre Lebensverhältnisse sind sowohl lokales und regionales als auch europä-
isches und globales Phänomen. Im Kontext einer Vergleichenden Kulturwissen-
scha , die sich stets auch als europäische Ethnologie begrei , wären überregio-
nale und gerade auch europäisch-vergleichende Studien wünschenswert. Gewiss
würde eine enorme Spannbreite an Variationen zutage treten. Allerdings geht es
in diesem Projekt primär um die subjektive Wahrnehmung, die narrative Ver-
handlung prekärer Lebensstile und ihre Bewältigung als um die sto iche Ausge-
staltung. Gleichwohl muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der
Raum Regensburg, der hier aus pragmatischen Gründen gewählt werden musste,
seit längerer Zeit einen wirtscha lichen Boom erfährt, der zu guter Erwerbslage,
vollen kommunalen Kassen und beinahe Vollbeschä igung geführt hat.63 In struk-
turschwachen Regionen Deutschlands oder angrenzenden Ländern stellt sich die
Situation in Bezug auf die Möglichkeiten, mit Prekarität umzugehen, ungünstiger
dar: Ö entliche Hilfsgelder  ießen spärlicher und private Hilfe, etwa im Rahmen
der Tafeln, ist permanent überstrapaziert. Auf die Armutsregionen Osteuropas
und besonders für benachteiligte Gruppierungen wie Ge üchtete oder Roma
im Balkanraum gilt dies in noch stärkerem Maße. Ist Regensburg daher weniger
geeignet? Im Gegenteil, denn hier zeigt sich, wie gravierend derartige Probleme
dennoch gestaltet sein können und wie dramatisch biogra sche Erfahrungen sein
können, obgleich die äußeren Rahmenbedingungen im Vergleich positiv sind.
Darüber hinaus gilt es zudem zu beachten, dass die ökonomische Prosperität der
Stadt im Verlauf der letzten Jahrzehnte zwar einen umfassenden Aufschwung
erfahren hat, dies jedoch auch zu einem enormen Mietpreisanstieg geführt hat.
Gleichzeitig ist der soziale Wohnungsbau lange Zeit vernachlässigt worden, so
dass die Stadt für Menschen mit geringem Einkommen deutlich unerschwingli-
cher geworden ist.64
Das Projektseminar
Die hier skizzierten Überlegungen bildeten die Grundlage eines im Sommerse-
mester  an der Universität Regensburg im Studiengang Vergleichende Kul-
turwissenscha gehaltenen Projektseminars. Die Studierenden waren angehalten,
im Rahmen kleinerer Forschungsgruppen das Verhältnis von Prekarität und Er-
nährung in biogra sch-narrativer Perspektive in Form einzelner Fallstudien zu
ergründen, die schließlich nach Abschluss der Projektphase weiter ausgearbeitet
63 Vgl. Stadt Regensburg: Statistisches Jahrbuch . Regensburg , S., –, ver-
fügbar unter http://www.statistik.regensburg.de/publikationen/publikationen/Jahrbuch/jahr
buch_.pdf [..].
64 Stadt Regensburg (Hrsg.): Mietspiegel . Wohnen in Regensburg. Regensburg , ver-
fügbar unter https://www.regensburg.de/fm/RBG_INTERS_VM.a..de/r_upload/miet
spiegel---stand-.pdf [..].
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Zur Verschränkung von Prekaritäts- und Nahrungsforschung 
wurden und nun in Form einzelner Aufsätze in diesem Band versammelt sind.
Das den auf diese Weise angefertigten Mikrostudien zugrundeliegende Quellen-
material wurde im Rahmen qualitativer Interviews gewonnen und mit Blick auf
die Fragestellung ausgewertet. Bei der Erarbeitung verschiedener Feldzugänge und
der Suche nach geeigneten Interaktionspartnern, die zu einem Interview bereit
waren, sammelten die Studierenden unterschiedlichste Erfahrungen – die Band-
breite reicht von gescheiterten über mehrmals neu zu justierenden bis hin zu line-
ar erfolgreich verlaufenen Projekten. Dabei oszillierten die gewonnenen Befragten
zum einen zwischen einem gesteigerten Redebedürfnis hinsichtlich ihrer Lebens-
umstände und eher schambeha eter Zurückhaltung. Gemeinsam war den einzel-
nen Forschungsprojekten zum anderen jedoch vor allem die Herausforderung, die
sich aus dem Zugang über die Domäne der Ernährungsroutine als ein mit der
subjektiven Verarbeitung des Prekären verschränkter Parameter ergab: Die Sphäre
der Ernährung erweist sich gerade aufgrund ihrer Totalität und Alltagsnähe häu-
g als vergleichsweise unre ektierte Alltagspraxis für die Akteure, weswegen das
Sprechen über die  ematik abseits von Aufzählungen über verzehrte Nahrungs-
mittel oder „einstudierte“ Wissensbestände „guter“ Ernährung eine feinfühlige
Interviewführung benötigte, die Unre ektiertes und Uneindeutiges vor dem Hin-
tergrund seines situativen und interaktional hergestellten Entstehungskontextes
grei ar macht. Das Bild, das sich Menschen aller Gesellscha sschichten von der
eigenen Ernährung machen und die Art und Weise, wie sie ihre vermeintlichen
Alltagspraxen kommunizieren, weist o allenfalls eine geringe Schnittmenge mit
der Realität auf.65
Dabei sei erwähnt, dass die studentischen Forschungsprojekte einer mehrma-
ligen Neuvermessung und Überarbeitung unterzogen wurden, die den Bearbei-
tungsumfang der im Rahmen des Seminars anzufertigenden Seminararbeiten bei
Weitem überstieg. Auf dem Weg zur Publikation der Studien wurde das erhobe-
ne Material mehrmals gesichtet und alle Interpretationen erneut zur Diskussion
gestellt. Die Tatsache, dass das Projektseminar vor allem von Studierenden des
Bachelorstudiengangs besucht wurde, prägte dessen Charakter – derartige Veran-
staltungen werden ja belegt, um methodische und inhaltliche Kompetenzen an
Praxisbeispielen zu erlernen und über enge Interaktion Schreibkompetenzen zu
erweitern. Eine besondere Herausforderung stellte der Untersuchungsgegenstand
dar. Die Konfrontation mit Prekarität bedeutet schließlich eine unmittelbare
Konfrontation mit Krisenerfahrungen, biogra schem Scheitern, existenziellen
Ängsten, Schamgefühlen und Stigmatisierungserfahrungen. Daher mussten die
empirischen Zugänge besonders sorgsam gelegt und forschungsethische Faktoren
berücksichtigt werden. Aus diesem Grund widmet sich auch der erste der an diese
einleitenden Bemerkungen anschließende Beitrag – der aus einem „gescheiterten
Projekt hervorging –, der Re exion des dem Band übergeordneten methodischen
Zugangs. Dabei sei im Vorfeld bereits angemerkt, dass alle in diesem Band zu
65 Vgl. etwa Hirschfelder, Gunther/Pollmer, Patrick: Ernährung und Esskultur: Kulturwissen-
scha lichen Perspektiven. In: Aktuelle Ernährungsmedizin  (), S.–; Hirschfelder,
Gunther: Wege aus der Digitalisierungsfalle (), S.–.
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Wort kommenden Akteure einer Pseudonymisierung66 unterzogen wurden, um
ihre Anonymität zu schützen.
Übersicht über die einzelnen Beiträge
Zu Beginn und für die nachfolgenden Fallstudien grundlegend, berichten Lisa
Claus und Nadine Schuller von ihrem nur auf den ersten Blick „gescheiterten
Forschungsprojekt. Das „schlechte Bauchgefühl, das am Ende einer aufschluss-
reichen Feldforschung auf Seiten einer alleinerziehenden Mutter bestand, legte
den Grundstein für eine Methodenre exion. Claus und Schuller berichten von
jenen Herausforderungen und Schwierigkeiten, mit denen sich die einzelnen
Projektgruppen beim Eintritt in ein sensibles Forschungsfeld konfrontiert sahen
und diskutieren die Frage danach, wie die zugrundeliegende Fragestellung und
damit verbunden, die Suche nach „dem Prekären“ operationalisiert werden kann.
Schließlich rücken die Autorinnen ebenso forschungsethische Fragen beim Um-
gang mit den gewonnenen Daten in den Fokus der Betrachtung.
Die erste der folgenden neun Fallstudien liefert Christina Pirner, die sich mit
der subjektiven Verarbeitung des Prekären unter dem Aspekt psychischer Erkran-
kung, einem sehr untererforschten Forschungsfeld widmet. Pirner beschreibt die
enge kausale Verkettung von eingeschränkter Arbeitsfähigkeit bzw. Arbeitslosig-
keit, gesellscha licher Stigmatisierung und sozialer Desintegration und lotet im
Zuge ihrer Feldforschungen im Regensburger Café Insel, einem Tageszentrum
für psychisch Kranke, einen eng verschachtelten Manifestationsraum von Essen,
Krankheit und Prekarität aus. Am Beispiel der Lebenswelt der Café-Besucherin
Anna analysiert sie die narrativen Strategien beim Erzählen über das Essen inner-
halb eines prekären, von Diagnosebildern,  erapiemaßnahmen und Medikamen-
teneinnahmen geprägten Alltags.
Im nächsten Beitrag erö net Stephanie Klinnert in ihrer Analyse der biogra -
schen Erzählung des derzeit arbeitslosen Projektingenieurs Michael eine Perspek-
tive auf das reziproke Zusammenspiel von Arbeitslosigkeit und Depression und
dessen Auswirkungen auf die alltägliche Lebensführung und alimentäre Versor-
gung. Dabei arbeitet sie Deutungsmuster heraus, die die Wahrnehmung der beruf-
lichen Krisenerfahrung vor und direkt nach dem Verlust der Arbeitsstelle sowie
der anschließend erfolgten Stabilisierung der Lebenswelt überformen. Ferner zeigt
sie, wie sich ein subjektiviertes Sprechen über eine privatisiert gedeutete Krise im
Prisma der Ernährung spiegelt.
66 Auch das erst kürzlich von der Deutschen Gesellscha für Volkskunde verabschiedete Posi-
tionspapier zum Umgang mit Forschungsdaten benennt die Pseudonymisierung von Inter-
aktionsparnern als ein „zentrales Instrument des Persönlichkeitsschutzes und der Umset-
zung forschungsethischer Anforderungen, welche „sorgfältig für den Einzelfall re ektiert
werden“ muss (vgl. Deutsche Gesellscha für Volkskunde: Positionspapier zur Archivierung,
Bereitstellung und Nachnutzung von Forschungsdaten, verfügbar unter http://www.d-g-v.
org/sites/default/ les/dgv-positionspapier_fdm.pdf [..]).
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Am Beispiel des -jährigen Dennis, der nach dem Verlust seiner Ausbildungs-
stelle zunächst als Zeitarbeiter tätig war, arbeitslos wurde und schließlich auch
seine Wohnung verlor, veranschaulicht Lisa Eiermann im darau olgenden Beitrag
schließlich die Auswirkungen fehlender Planungshorizonte und  nanzieller Not-
lagen auf Verzehrrhythmen und Ernährungsweisen im Kreislauf von Arbeits- und
Wohnungslosigkeit. Dabei verdeutlicht sie, wie alltägliche Herausforderungen der
Lebensbewältigung sowie existenzielle Nöte die Wahrnehmung des Alltags domi-
nieren und wie sich dies in der Erzählung über die alltägliche Ernährungsroutine
und das Einkaufsverhalten niederschlägt. Auf diese Weise wird das umfassende
Ohnmachtsgefühl, das die prekäre Lebenswelt des Befragten überlagert, grei ar.
Eiermann spürt dem alltäglichen „Auf und Ab“ nach und vermag nicht zuletzt die
Sehnsucht nach einem als „normal“ gedachten Arbeitsverhältnis mit „normalen
Verzehrrhythmen aufzuzeigen.
Als nächstes berichten Veronika Buchmeier, Anja Ebert, Ra aela Kerscher
und Manon Portal von ihrer Studie im Feld prekärer Wohnverhältnisse und Ob-
dachlosigkeit. In ihrem Beitrag ermöglichen sie eine Tiefenschau auf die biogra-
sche Erzählung des ehemals obdachlosen „El Condore“, der mittlerweile einen
Wohnwagen auf einem Campingplatz sein Zuhause nennt. Im Fokus stehen dabei
vor allem die Frage nach den Auswirkungen der prekären Wohnsituation auf die
Ernährungsroutine sowie eine Re exion der Frage nach den methodischen Zu-
gri smöglichkeiten auf die „tatsächliche“ alltägliche Ernährungsroutine des Be-
fragten.
Kathrin Neumayer macht in ihrem Beitrag die soziale Hilfsorganisation des
Vereins der Regensburger Tafel als einem Manifestationsraum des Prekären zum
Ausgangspunkt ihrer Untersuchung. Am Beispiel des Interviews mit der allein-
erziehenden Mutter Andrea, die einen großen Teil ihres alttäglichen Bedarfs an
Nahrungsmitteln durch das Angebot der Tafel deckt, erö net Neumayer einen
Blick auf das reziproke Verhältnis von Prekarität und Ernährung und vor allem
auch den Umgang mit Bedür igkeit und Konsumeinschränkung und damit ein-
hergehender Schamgefühle. Neumayer zeigt auf, inwiefern sich individuelle Wert-
vorstellungen und stereotype Bilder von der Armut im Rahmen des Sprechens
von der „richtigen“ und „gesunden“ Ernährung im Zusammenspiel von prekärem
Lebenszusammenhang und Ernährungssozialisation herausbilden.
Daran anschließend, widmet sich Sarina Hadas dem Ernährungsalltag einer
alleinerziehenden Mutter und nimmt dabei vor allem die Frage nach dem Zugang
zu Sozialkapital als strukturelle Grundlage für eine positive Selbstnarration in den
Blick. Dabei zeigt sie auf, wie sich in der Erfolgserzählung von einer Lebensbe-
wältigung unter schwierigen Umständen ein hohes Distinktionsbedürfnis spie-
gelt. In der Betonung kultureller Di erenz im Sinne einer Zurschaustellung einer
„gelungenen“ und „geordneten“ Alltagsbewältigung kommt hierbei insbesondere
auch Körper- und Ernährungsidealen gesteigerte Bedeutung zu. Vor der Folie der
Prekaritätswahrnehmung, so arbeitet Hadas heraus, dienen diese einer gezielten
Unsichtbarmachung konstruierter Verortungsmechanismen, die sich im Konnex
von Körper und sozialer Herkun herausbilden.
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Gunther Hirschfelder und Sarah  anner
Die Relationalität subjektiver Wahrnehmungen der Prekarität verdeutlicht
Eva-Maria Grepmeier in ihrem Beitrag im thematischen Verortungsrahmen der
biogra schen Umbruchserfahrung, die der krankheitsbedingte Eintritt in die
Frühpension für den ehemaligen Polizeibeamten Stephan mit sich brachte. Grep-
meier illustriert Deutung und narrative Vermittlung der Abstiegserfahrung als
auferlegtes Schicksal und beleuchtet deren Niederschlag in der Erzählung über
das Essen. Dabei zeigt sie auf, wie sich die Selbstverortung als in Armut lebend in
hohem Maße aus dem Vergleich unterschiedlicher biogra scher Phasen speist und
vor allem auch sozial kodiert ist.
Die letzten zwei Beiträge widmen sich schließlich jenem Forschungsfeld, zu
dem die Autorinnen die wohl persönlich größte Nähe aufweisen – studentischen
Lebenswelten.
Cathrin Grühbaums Beitrag sucht den Zugang zur  ematik im Mikrobereich
studentischer Lebenswelten in der Erzählung über die alltägliche Ernährungsrou-
tine der Jura-Studentin Laureen. Ausgehend von einer Schilderung der Determi-
nanten deren Ernährungsroutine widmet sie sich dabei insbesondere auch dem
Umgang mit  nanzieller Einschränkung im Hinblick auf das Bedürfnis nach Ent-
scheidungsfreiheit und Selbstverwirklichung. Dabei identi ziert sie in der Deu-
tung der Prekarität als temporäre biogra sche Phase eine wirkmächtige Bewälti-
gungsstrategie, die in hohem Maße auf die subjektive Verarbeitung zurückwirkt.
Im letzten Beitrag wertet Sophia Hutzler am Fallbeispiel des -jährigen Stu-
denten Nico narrative Vermittlungsstrategien in der Erzählung über das Essen
und die Prekarität aus. Dabei legt die Untersuchung besonderes Augenmerk auf
die bedeutungstragenden Ernährungsstrategien im Spannungsfeld von Prekariät
und ökologiebewusstem Konsum vor dem Hintergrund einer bestehenden Dis-
krepanz zwischen einem akademisch geprägten Lebenszusammenhang und einer
eingeschränkten Finanzlage. Hutzler zeigt auf, wie der Rückgri auf die Deutung
der Studienzeit als eine temporäre, mit Planungsunsicherheit einhergehende Phase
sich in alltäglichen Ernährungs- und Konsummustern niederschlägt.
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Conference Paper
Full-text available
Beitrag zur Veranstaltung »Prekäre Ernährung. Ein tabuisiertes Phänomen der Wohlstandsgesellschaft« der Sektion Land-, Agrar-und Ernährungssoziologie. Die interdisziplinäre Ernährungsforschung hat sich innerhalb gut einer Generation von einem peripheren zu einem zentralen Gegenstandsfeld des universitären wie auch des gesellschaftlichen Diskurses entwickelt. Dabei wandte und wendet sich die Forschung vor allem jenen zu, die bereit sind, Auskunft zu geben, also an Forschungsprozessen zu partizipieren, oder jenen, die überhaupt im Blickfeld der Forschung liegen. Hinter sprachlichen, räumlichen oder auch sozialen Barrieren liegen jedoch Lebensrealitäten und damit Ernährungspraxen, die mit Bildern einer Nahrungsaufnahme in geordneten Chronologien und im Rahmen von Mahlzeiten oder mit dem Wunsch nach gesunder und nachhaltiger Ernährung, mithin mit den Imperativen der Ernährungspolitik und -beratung, eine eher begrenzte Schnittmenge aufweisen. Die zu Beginn des Jahres 2020 aufgetretene Corona-Pandemie verstärkt diesen Trend, denn sie erhöht das Armutsrisiko, beschleunigt die Öffnung der sozioökonomischen Schere und führt zudem zu psychosozialem Stress (Winterberg 2020). Der vorliegende Beitrag argumentiert aus der spezifischen Perspektive der Kulturwissenschaften für ein Zusammendenken von Prekaritäts- und Nahrungskulturforschung bzw. Ernährungssoziologie. Das Sprechen über alltägliche Ernährungsroutinen und Verzehrkontexte und dessen narrative Einbindung in die Verarbeitung und Deutung prekärer Lebensumstände, so soll im Folgenden dargelegt werden, ermöglichen eine alltagsnahe Tiefensicht auf (arbeits-)biografische Krisenerfahrungen, finanzielle Armut, Planungsunsicherheit und psychische Belastungssituationen. Am Beispiel eines an der Universität Regensburg durchgeführten Forschungsprojekts zu prekären Lebenswelten im Prisma der Ernährung sollen mögliche Zugänge und Perspektiven einer Verschränkung beider Forschungsfelder aufgezeigt werden. Hierzu wird zunächst das dem vorliegenden Beitrag zugrunde liegende Verständnis von Prekarität erläutert und mit Blick auf bestehende Studien zum Verhältnis von Prekarität bzw. Armut und Ernährung verortet. Daran anschließend folgen eine schlaglichtartige Diskussion erster empirischer Ergebnisse und ein Ausblick auf die nahe Zukunft. Die Diskussion stützt sich auf die bereits in Hirschfelder und Thanner (2019) in Form von Fallstudien publizierten Ergebnisse.
Book
A passionate account of how the gulf between France's metropolitan elites and its working classes are tearing the country apart. Christophe Guilluy, a French geographer, makes the case that France has become an "American society"-one that is both increasingly multicultural and increasingly unequal. The divide between the global economy's winners and losers in today's France has replaced the old left-right split, leaving many on "the periphery." As Guilluy shows, there is no unified French economy, and those cut off from the country's new economic citadels suffer disproportionately on both economic and social fronts. In Guilluy's analysis, the lip service paid to the idea of an "open society" in France is a smoke screen meant to hide the emergence of a closed society, walled off for the benefit of the upper classes. The ruling classes in France are reaching a dangerous stage, he argues; without the stability of a growing economy, the hope for those excluded from growth is extinguished, undermining the legitimacy of a multicultural nation.
Book
Gesellschaft erscheint uns heute im flackernden Licht der Verunsicherung. Nicht erst seit der Finanzkrise erweisen sich stabil geglaubte Arbeits- und Lebensverhältnisse als prekär. Der Autor stellt die wichtigsten ökonomischen und soziologischen Theorien der Prekarisierung vor und zeigt: Prekarität hat die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit erfasst. Wir leben in der Prekarisierungsgesellschaft. Aber was ist daraus zu schließen? Marchart beschreibt die gegenwärtigen Sozialproteste und ihre Forderungen. Er untersucht ihre demokratiepolitischen Implikationen und führt hin zu einer Gesellschaftstheorie des Konflikts und der Kontingenz.
soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Friedrich-Ebert-Stift ung
  • Ausmaß Ursachen
Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Friedrich-Ebert-Stift ung, Bonn 2006.
Soziologie des Essens. Eine sozial-und kulturwissenschaft liche Einführung in die Ernährungsforschung. 3. Aufl age
  • Literatur Barlösius
Literatur Barlösius, Eva: Soziologie des Essens. Eine sozial-und kulturwissenschaft liche Einführung in die Ernährungsforschung. 3. Aufl age. Weinheim/Basel 2016.
Hrsg): Ernährung in der Armut: gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland
  • Eva U A Barlösius
Barlösius, Eva u. a. (Hrsg): Ernährung in der Armut: gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 1995.
  • Regina Bendix
Bendix, Regina: Vokabularien von Überfl uss und Protest, Nachhaltigkeit und Gemeinsinn im Lebensmittelmarkt. In: Tauschek, Markus/Grewe, Maria (Hrsg.): Knappheit, Mangel, Überfl uss. Kulturwissenschaft liche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt a. M./New York 2015, S. 249-265.
Th e Future of Capitalism: Facing the New Anxieties
  • Paul Collier
Collier, Paul: Th e Future of Capitalism: Facing the New Anxieties. London 2018.
): Strategien der Subistenz. Neue prekäre, subversive und moralische Ökonomien
  • Anja Decker
Decker, Anja: Ein tschechischer Kleinstbauer zwischen Subsistenz und Warenproduktion. Überlegungen zur Rolle der Kleinstlandwirtschaft im Kontext der Prekarisierung ländlicher Lebenswelten. In: Poehls, Kerstin/Scholze-Irrlitz, Leonore u. a. (Hrsg.): Strategien der Subistenz. Neue prekäre, subversive und moralische Ökonomien. Berlin 2017, S. 63-80.
Eine Ethnografi e der Erwerbslosigkeit
  • Anna Eckart
Eckart, Anna: Respektabler Alltag. Eine Ethnografi e der Erwerbslosigkeit. Berlin 2018.