ChapterPDF Available

Radikale Demokratie und Kybernetik

Authors:
1
Schaupp, S. (2019). Radikale Demokratie und Kybernetik. In D. Comtesse, O. Flügel-Martinsen, F. Martinsen,
& M. Nonhoff (Hrsg.), Radikale Demokratietheorie. Ein Handbuch (S. 764776). Berlin: Suhrkamp.
Radikale Demokratie und Kybernetik
Getrieben von den neuen Möglichkeiten digitaler Technologie erleben wir derzeit auf allen Ebenen
des Politischen eine Revitalisierung von Visionen feedbackbasierter kybernetischer Steuerung. Auf
der Ebene der individuellen Selbstregierung versprechen Self-Tracking Technologien neue
Möglichkeiten der Selbstoptimierung durch digitales Feedback. Auf kommunaler Ebene verspricht
die Digitalisierung der Infrastrukturpolitik unter dem Namen Smart City eine effiziente Logistik.
Auf nationaler Ebene wird mit der sogenannten Big-Data-Governance ein mathematisch „korrektes“
Regieren auf Basis von digitalen Feedbackkreisläufen in Aussicht gestellt. Darin kommen die
Prinzipien der von Norbert Wiener als Universalwissenschaft von „Kommunikation und
Kontrolle“ begründeten kybernetischen Steuerungstheorie zum Ausdruck.
1
Wenn hier von
Kybernetik die Rede ist, so ist damit in diesem Sinne keine bestimmte Technologie gemeint,
sondern ein zunächst theoretisches Denkmodell, das jedoch derzeit im Zuge der Digitalisierung an
Relevanz gewinnt.
2
Eine solche Entwicklung stellt die Politische Theorie im Allgemeinen und die Radikale
Demokratietheorie im Besonderen vor neue Herausforderungen. So rief der Wired-Herausgeber
Chris Anderson 2008 angesichts des Aufkommens der auf der Erhebung und Verarbeitung sehr
großer, komplexer und permanent aktualisierter Datenmengen beruhenden Big-Data-Analytics das
„Ende der Theorie“ aus: „Wenn wir genug Daten haben, sprechen die Zahlen für sich selbst“
3
-
eine Rhetorik, in der sich Heideggers Diagnose vom Ende der Philosophie und deren Ablösung
durch die Kybernetik wiedererkennen lässt.
4
Beiden gemein ist das mehr oder weniger emphatische
Postulat eines postideologischen Zeitalters, in dem mit dem spekulativen Denken auch die Politik
abgelöst wird.
Damit erlangt die Frage nach dem Inhalt des Politischen neue Dringlichkeit. Aber auch die Frage
nach dem Subjekt des Politischen wird in verschiedenen Variationen brisant: Wer entscheidet,
1
Norbert Wiener, Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine, Düsseldorf 1963 [1948].
2
Zur Beziehung neuerer digitaler Technologien zur Kybernetik siehe: Simon Schaupp, Digitale Selbstüberwachung. Self-
Tracking im kybernetischen Kapitalismus, Heidelberg 2016.
3
archive.wired.com/science/discoveries/magazine/16-07/pb_theory Zugriff 10.5.2017, übers. d. A.
4
Vgl. Martin Heidegger, „Nur ein Gott kann uns retten.“ Martin Heidegger im Interview mit Rudolf Augstein, in: Der
Spiegel, 23 (1966), S. 199-209.
2
wenn Algorithmen entscheiden? Kann kybernetische Steuerung die Form einer radikalen
Demokratie einnehmen, oder ist sie vielmehr eine besonders ausgefeilte Technik zur Stabilisierung
von Herrschaft? Der vorliegende Aufsatz beleuchtet eine Kontroverse um die politischen
Implikationen der Kybernetik, die zwar nicht explizit in der Radikalen Demokratietheorie verortet
ist, zu dieser aber eine Vielzahl impliziter Verbindungen aufweist. In diesem Sinne kann sie als
Ausgangspunkt für eine radikaldemokratische Beurteilung der Kybernetik dienen. Es handelt sich
um die Texte The Cybernetic Brain von Andrew Pickering
5
und Kybernetik und Revolte von der
Autorengruppe Tiqqun.
6
Beide können nicht zur Radikalen Demokratietheorie im engeren Sinne
gerechnet werden, stehen dieser in ihren politisch-theoretischen Positionen jedoch sehr nahe: Als
Ausgangspunkt dient beiden die Dekonstruktion von Macht-Wissens-Komplexen, bei Pickering
aus der Perspektive der science and technology studies und bei Tiqqun aus der Perspektive der
Gouvernementalitätskritik. Als Referenz für die politische Beurteilung wissenschaftlicher Theorien
dient ihnen gar dasselbe Werk: Gilles Deleuzes und Felix Guattaris Tausend Plateaus. Darin wird
unterschieden zwischen „monarchischer“ und „nomadischer“ Wissenschaft. Der „monarchischen
Wissenschaft“ schreiben Deleuze und Guattari unter anderem die Trennung zwischen
intellektueller und körperlicher Arbeit und damit einen wesentlichen Anteil an der Stabilisierung
politischer Ordnung in der Moderne zu. Ihr entgegen stellen sie das Modell der „nomadischen
Wissenschaft“, die Kontemplation und Aktion vereint, Kategorien nicht fixiert, sondern auflöst
und so eine subversive politische Rolle spielt.
7
Obwohl sowohl Pickering als auch Tiqqun sich auf
diese gemeinsame Grundlage stützen, kommen sie in ihrer Beurteilung der Kybernetik zu diametral
entgegengesetzten Ergebnissen: Während Tiqqun die Kybernetik als die „neue
Herrschaftstechnologie“ der Moderne schlechthin kritisieren,
8
preist Pickering sie als Wissenschaft
der „Antikontrolle“.
9
Explizite Bezüge zu Tiqqun stellt der mehrere Jahre später erschienene Text
von Pickering an keiner Stelle her.
Eine Ursache dieser überraschenden Gegensätzlichkeit liegt, wie ich hier zeigen werde, in der
mangelhaften begrifflichen Klarheit im zentralen Konzept der Kybernetik, das in der
kybernetischen Literatur sowohl als Selbstorganisation, als auch als Selbstkontrolle bezeichnet wird.
Diese Begriffe werden meist synonym oder zumindest ohne ausreichende Abgrenzung benutzt.
Dabei spiegeln die begrifflichen Differenzen die durchaus heterogenen Intentionen und
5
Vgl. Andrew Pickering, The Cybernetic Brain. Sketches of Another Future, Chicago/London 2010.
6
Vgl. Tiqqun, Kybernetik und Revolte, Zürich 2011, S. 18.
7
Vgl. Gilles Deleuze, Felix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin 1992.
8
Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, S. 12.
9
Pickering, The Cybernetic, S. 31, Übers. d.A.
3
Anwendungen kybernetischer Steuerung wieder. Für eine politische Beurteilung der Kybernetik im
Sinne der Radikalen Demokratietheorie ist eine Abgrenzung also Voraussetzung. Deshalb soll hier
in folgender Weise unterschieden werden: Organisation kann gefasst werden als die Anordnung der
Beziehung von Systemkomponenten zueinander, einschließlich der Festlegung der Systemziele
selbst. Unter Kontrolle können dagegen alle Maßnahmen verstanden werden, die darauf abzielen, die
Komponenten eines Systems dazu zu bringen, sich entsprechend der Systemziele zu verhalten.
Entlang dieser Begriffe werden im Folgenden zunächst die Positionen von Pickering und Tiqqun
rekonstruiert und gleichzeitig die entsprechenden Grundlagen in der kybernetischen Theorie
aufgezeigt. Auf dieser Basis kann dann in einem dritten Schritt das Verhältnis der Kybernetik zur
Radikalen Demokratie ausgelotet werden.
Selbstorganisation
Pickering bezeichnet die Kybernetik emphatisch als eine antimoderne Wissenschaft.
10
Damit
verweist er auf die Trennung zwischen Entscheidung und Ausführung, die in verschiedenen
modernisierungstheoretischen oder organisationssoziologischen Ansätzen als wesentliches
Merkmal der Moderne bezeichnet wird.
11
Diese Trennung werde nun von der Kybernetik
aufgehoben. So problematisiert Karl W. Deutsch, der erste Theoretiker einer kybernetischen
Politik, die Diskrepanz zwischen Entscheidung und Ausführung als raumzeitlichen „lag“, durch
den das Verhalten des Systems strukturell den Entscheidungen hinterherhinke. Damit werde eine
effiziente“ Steuerung des Systems unmöglich.
12
Auch der Begründer der Managementkybernetik,
Stafford Beer, erklärt, hierarchische Anweisungen, auf denen nichtkybernetische Systeme beruhen,
seien nichts als ein kruder Zwangsprozess und liefen darauf hinaus, einen kritischen
Entscheidungsprozess auf einer viel zu kleinen Informationsgrundlage mittels einer tyrannischen
Herangehensweise zu bestimmen“.
13
Die Kybernetik setzt dagegen auf das Konzept der Selbstorganisation. Dieses Konzept entleiht sie
der Systembiologie, die damit auf die Tatsache verweist, dass biologische Systeme, vom einzelnen
Organismus bis zur ganzen Population, sich automatisch an veränderte Umweltbedingungen
anpassen können, ohne dass es einer kognitiven Planung und hierarchischen Anordnung bedürfte.
10
Pickering, The Cybernetic, S. 31, S. 13.
11
Ausführlich z. B. in Nils Brunsson, The Organization of Hypocrisy. Talk, decisions and action in organizations, Oslo u.a. 1989.
12
Karl W. Deutsch, The nerves of government. Models of Political Communication and Control, London, 1963, S.186 ff.
13
Stafford Beer, Cybernetics and Management, London 1959, S. 21, Übers. d. A.
4
Die Kybernetik argumentiert nun, dass diese Selbstorganisation mittels Feedbackschleifen, die
Daten aus dem System erheben und aufbereitet zurückleiten, an die jeweiligen Steuerungsziele
gekoppelt werden kann. Deshalb kann von der Kybernetik erster Ordnung als einer
Steuerungswissenschaft gesprochen werden.
14
Als Modell dieser Steuerung präsentiert sie die
Blackbox. Dabei handelt es sich um das abstrakte Konzept einer Maschine, die zwar eine
nachvollziehbare Funktion erfüllt, deren innere Abläufe aber nicht vollständig erfasst werden
können. Ein solches Maschinenmodell ist die Voraussetzung für ein dem kybernetischen Prinzip
der Selbstorganisation entsprechendes Regulationsmodul, da dieses nur selbstlernend und nicht
deterministisch programmiert sein kann.
15
Auf diesen antihierarchischen Aspekt der Kybernetik verweist Pickering, wenn er sie zur
Wissenschaft der „Antikontrolle“ erklärt. Angesichts der Tatsache, dass die Kybernetik seit ihren
Anfängen eine Militär- und Regierungswissenschaft war, scheint diese Behauptung etwas weit
hergeholt. Mehr Plausibilität weist sie jedoch in Hinblick auf die politische Positionierung der
historischen Pioniere der Kybernetik auf. Mehrere von ihnen entwickelten explizit aus der
kybernetischen Theorie heraus politische Visionen, die durchaus radikaldemokratische Züge
aufweisen. So verfasste Grey Walter, der Begründer der psychiatrischen Kybernetik, einen Aufsatz
in der Zeitschrift Anarchy, in dem er versucht, aus der nichthierarchischen Struktur des
menschlichen Gehirns die Notwendigkeit einer anarcho-syndikalistisch organisierten Gesellschaft
abzuleiten.
16
Das Argument selbst kann dabei vor dem Hintergrund radikaldemokratischer Kritik
an ontologischen Begründungen normativer politischer Ordnung zwar nicht bestehen zumal es
sich ausschließlich auf eine zweifelhafte naturalistische Analogie stützt es verdeutlicht jedoch eine
gewisse politische Stoßrichtung.
Die Implikationen dieser Stoßrichtung lassen sich mit dem Beispiel des Projekts Cybersyn in Chile
konkretisieren. Dort beauftragte die sozialistische Volksfrontregierung unter Salvador Allende
(1970-1973) Stafford Beer mit der Implementierung einer technischen Infrastruktur zur
ökonomischen Planung, die das Bürokratieproblem der Planwirtschaft durch digitale
Feedbackkreisläufe lösen und so zur Etablierung einer selbstorganisierten Planwirtschaft beitragen
sollte.
17
Bei einem Vortrag in England berichtet Beer über dieses Projekt, dass es die Entfremdung
14
Von dieser eher an praktischen Steuerungsproblemen orientierten Kybernetik erster Ordnung, die unter anderem
von Norbert Wiener, Stafford Beer und Ross Ashby begründet wurde, wird die unter anderem von Margaret Mead,
Gregory Bateson und Heinz von Foerster begründete Kybernetik zweiter Ordnung unterschieden, die eher reflexiv
orientiert ist.
15
Vgl. Ross Ashby, An introduction to cybernetics, London 1957, S. 86 ff. In diesem Sinne ist auch jeder heutige
selbstlernende Algorithmus eine Blackbox.
16
Vgl. Grey W. Walter, The development and significance of cybernetics, in: Anarchy 25 (1963), S. 7589.
17
Die genaue Funktionsweise des Systems kann nachgelesen werden in: Eden Medina, Cybernetic revolutionaries,
5
der Arbeiter*innen von der Wissenschaft, sowie der Bevölkerung von der Regierung aufheben und
so zum „Abbau von Herrschaft“ beitragen solle.
18
Diese Gedanken weisen nun, wie Pickering zeigt, recht große Ähnlichkeit zum Konzept der
„nomadischen Wissenschaft“ bei Deleuze und Guattari auf.
19
Denn in der Aufhebung der
Trennung zwischen Denken und Handeln überwindet die Kybernetik scheinbar zugleich die
Epistemologie und die Politik der Repräsentation: Der Zugang zur Welt gestaltet sich nichtmehr
in isolierten begrifflichen Kategorien, sondern in performativer Wechselwirkung. Gleichzeitig wird
mit der Trennung zwischen Planung und Ausführung die herrschaftsförmige Organisationsform
aufgehoben. Mit dieser Auffassung des Selbstorganisationsprinzips begründet Pickering sein Lob
der Kybernetik. Offen bleibt in der Kybernetik jedoch, wer das Selbst dieser Selbstorganisation
sein soll. Sind es beispielsweise bei der in der Big-Data-Governance widerklingenden politischen
Kybernetik wirklich die evaluierten Personen, die sich selbst-evaluieren und damit selbst-
organisieren, oder ist es, wie Wiener befürchtet, eine Regierungsmaschine“, die den Regierten
äußerlich gegenübersteht?
20
Selbstkontrolle
Im Zentrum der Tiqqunschen Kybernetikkritik steht das Konzept der Selbstkontrolle bzw.
Selbstregulierung. Auch dieses Konzept kann mit dem beschriebenen Cybersyn-System illustriert
werden. Neben der Produktionsplanung wurde das System von der chilenischen
Volksfrontregierung auch dazu genutzt, einen Transportstreik der rechten Opposition
niederzuringen, indem automatisch verfügbare Fahrzeuge und nichtblockierte Routen ermittelt
wurden.
21
So steht Cybersyn neben der angestrebten selbstorganisierten Planwirtschaft vor allem
für die Stabilisierung des Systems, das es regulieren sollte. In diesem Sinne erklärt auch Deutsch,
dass das Ziel jeder kybernetischen Steuerung das Überleben des jeweiligen Systems sein müsse.
22
Diese Zielsetzung geht direkt aus der Ontologie der kybernetischen Theorie hervor und hat
Cambridge 2011.
18
Simon Schaupp, Vergessene Horizonte. Der kybernetische Kapitalismus und seine Alternativen“, in: Paul
Buckermann u.a. (Hg.) Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen. Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel, Münster
2017, S. 64.
19
Vgl. Pickering, The Cybernetic, S. 11.
20
Norbert Wiener, Mensch und Menschmaschine. Kybernetik und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1962.
21
Vgl. Medina, Revolutionaries.
22
Vgl. Deutsch, The nerves, S. 249.
6
weitreichende Implikationen. Unabhängig von ihrem konkreten Anwendungsbereich versteht die
Kybernetik ihren Gegenstand prinzipiell als System. Dieses besteht zwar aus verschiedenen
Subeinheiten, die aber nur als potentielle Störquelle relevant sind.
An diesem Punkt setzt die Kritik von Tiqqun an. Im Falle des „Gesellschaftssystems“ werden aus
Individuen „Risiko-Dividuen“, die qua Feedback in einer Weise zueinander in Beziehung gesetzt
werden, die dem Gesamtsystem zuträglich ist.
23
Der dabei angestrebte Zustand ist die
„Homöostase“, ein dynamisches Gleichgewicht. Damit impliziert die kybernetische Ontologie des
Systems ihren Gegenstand als monolithische Maschine bzw. Organismus. Für Tiqqun bedeutet
kybernetische Steuerung deshalb die radikale Unterordnung des Individuums unter die
Gesellschaft, worin sie eine starke Parallele zu totalitären Ideologien sehen.
24
Der Kontrolle der Kybernetik stellen Tiqqun nun die namensgebende „Revolte“ entgegen. Diese
beschreiben sie als eine „diffuse Guerilla“,
25
deren Aufgabe es sei, „den Nebel auszuweiten“
26
und
Black Blocks“, also Zonen der Undurchsichtigkeit, zu schaffen.
27
In dieser Undurchsichtigkeit
würden Feedbackschleifen und die Organisation überhaupt ersetzt durch ein Leben der
„Improvisation“.
28
Das In-Eins-Fallen von Denken und Handeln, das Pickering als zentrales
Charakteristikum der Kybernetik versteht, sehen Tiqqun also als deren Gegenteil und aus der
kybernetischen „Black Box“ wird bei Tiqqun der „Black Block“. Geradezu frappierend ist die
Ähnlichkeit zwischen „Kybernetik“ und „Revolte“ in der Sehnsucht nach einer Substitution der
Politik durch ein Leben der Unmittelbarkeit.
Einerseits schließen Tiqqun also an einen sich durch die gesamte Radikale Demokratietheorie von
Claude Lefort über Etienne Balibar bis Jacques Ranciere ziehenden Argumentationsstrang an, der
vor der „totalitären Versuchung“ durch konsensorientierte substantielle
Gemeinschaftsvorstellungen warnt.
29
Andererseits stellen sie dieser Kritik selbst einen Entwurf
entgegen, den sie sowohl mit der Metapher der „Verbreitung des Bürgerkriegs
30
als auch mit
derjenigen eines allgemeinen „Tanzes“
31
beschreiben. Dieses Paradox von allgemeinem Krieg und
23
Tiqqun, Kybernetik, S. 52.
24
Tiqqun, Kybernetik, S. 14.
25
Tiqqun, Kybernetik, S. 95.
26
Tiqqun, Kybernetik, S. 114.
27
Tiqqun, Kybernetik, S. 118.
28
Tiqqun, Kybernetik, S. 110.
29
Oliver Flügel-Martinsen, Befragungen des Politischen. Subjektkonstitution Gesellschaftsordnung Radikale Demokratie,
Wiesbaden 2017, S. 238 f.
30
Tiqqun, Kybernetik, S. 95.
31
Tiqqun, Kybernetik, S. 109.
7
allgemeiner Harmonie illustriert aus radikaldemokratischer Perspektive gleichermaßen die
Unmöglichkeit ihrer Vision einer Abschaffung der Politik als geregelter Austragung von
Konflikten. Dissens und Konflikt sind dort die conditio sine qua non der demokratischen Gesellschaft.
So hat unter anderem Chantal Mouffe gezeigt, dass sich Politik wesentlich auf den Konflikt
gegensätzlicher Interessen gründet, da in einem herrschaftsstrukturierten Kontext der Vorteil des
einen Akteurs meist der Nachteil des anderen ist.
32
Diese Kritik lässt sich direkt auf die Kybernetik
beziehen: Eine vereinheitlichende Ontologie des Systems kann im Feld des Politischen nur eine
Naturalisierung bestehender Herrschaftsverhältnisse bedeuten und muss deshalb als hoch
ideologisch gelten. Aber auch auf Tiqquns Variante einer Abschaffung der Politik trifft diese Kritik
zu. Zwar hat ihre „nicht wiederzuvereinigende Mannigfaltigkeit der Lebensformen“
33
durchaus
Ähnlichkeiten mit radikaldemokratischen Konflikttheorien. Mit ihrer völligen Aufgabe der
politischen Vermittlung geht jedoch eine Aufgabe der Gesellschaftlichkeit per se und damit jeder
Möglichkeit der Solidarität einher.
Die Radikale Demokratietheorie betont stattdessen die Möglichkeit eigenlogischen Handelns
herrschaftsunterworfener Akteur*innen. Bei Jacques Ranciere ist „das Politische“ gar gleichgesetzt
mit dem Kampf der Anteilslosen um Anteile, also der praktischen Herrschaftskritik: „Die Politik
existiert, wenn die natürliche Ordnung der Herrschaft unterbrochen ist durch die Einrichtung eines
Anteils der Anteilslosen.“
34
Politisches Handeln wird dabei wesentlich als transformative und vor
allem reflexive Praxis verstanden. Für eine so verstandene Politik bedeutet die kybernetische
Steuerung, mit Tiqqun gesprochen, „die Politik des ‚Endes des Politischen.
35
Sie ist gleichzeitig
ein Paradigma und eine Regierungstechnik, denn sie kann das Problem herrschaftskritischer
Reflexivität insofern zu lösen, als dass sie Reflexivität durch technisch vermittelte Rekursivität
ersetzt: Akteurshandeln wird durch Feedbackschleifen an die Steuerungsziele gekoppelt.
Das Politische im Zeitalter der Regierungsmaschine
Pickering fasst die Kybernetik ausschließlich unter dem Aspekt der Selbstorganisation, während es
für Tiqqun ausschließlich um Selbstkontrolle geht. Diese begrifflichen Differenzen müssen
zwangsläufig zu gegensätzlichen Ergebnissen in der politischen Beurteilung führen. Demgegenüber
32
Vgl. Chantal Mouffe, Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Frankfurt/M. 2007.
33
Tiqqun, Kybernetik, S. 95.
34
Jacques Ranciere, Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, Frankfurt/M. 2002, S. 24.
35
Tiqqun, Kybernetik, S. 18.
8
sollen hier zwei Maßstäbe der politischen Beurteilung der Kybernetik entwickelt werden: ein
immanenter, der sich an den Normen der kybernetischen Theorie selbst orientiert und ein an der
Radikalen Demokratietheorie orientierter, der den Begriff des Politischen ins Zentrum rückt.
Die Frage, in welchem Verhältnis eine „politische Kybernetik“ zur Radikalen Demokratie steht,
lässt sich schon deshalb schwer beantworten, weil die Radikale Demokratietheorie in den meisten
Fällen einer eigenen normativen Begründung politischer Ordnung und damit auch politischer
Entscheidungsfindung skeptisch gegenübersteht. Eine der wenigen positiven Aussagen, die sich
über die radikale Demokratie treffen lässt, ist nach Oliver Flügel-Martinsen, dass ihre höchste
Tugend in einer unausgesetzten Verpflichtung zur (Selbst-)Befragung besteht.
36
Diese Tugend
deckt sich wiederum mit der von allen Kybernetikern von Wiener über Beer bis Deutsch zur
obersten Maxime erklärten permanenten Selbstevaluation.
37
Eine solche Selbstevaluation kann
freilich nur dann als radikaldemokratisch bezeichnet werden, wenn sie in kritisch-reflexiver Form
vonstattengeht und es sich nicht um reine Selbstkontrolle in Verfolgung vorgegebener Ziele
handelt. Um diese Unterscheidung zu treffen, muss der Selbstorganisationsbegriff weiter definiert
werden.
Negativ lässt sich Selbstorganisation, wie wir gesehen haben, als Abwesenheit des
determinierenden Willens eines Souveräns definieren. Positiv wird der Begriff in der
kybernetischen Literatur jedoch sowohl (a) im Sinne einer technischen Selbstorganisation als
Substitution menschlicher Reflexivität verwendet, als auch (b) im Sinne sozialer Selbstorganisation
als nichthierarchischer Organisierung. Während erstere Variante mit Recht als „totalitäre
Versuchung“ kritisiert werden kann, ist letztere durchaus radikaldemokratisch denkbar. Damit dies
der Fall ist, müssen jedoch sowohl die Steuerungsziele als auch die Entscheidungsfindung selbst
Gegenstand demokratischer Debatten sein.
Eine konsequente Umsetzung kybernetischer Selbstorganisationsprinzipien würde nahelegen, dass
die Steuerungsziele keineswegs von einem übergeordneten Souverän festgesetzt werden, sondern
stattdessen aus dem Akteurshandeln selbst emergieren. So erklärt Deutsch, dass für die „politische
Kybernetik“ der Wille eines Souveräns nichts Anderes sei, als das Verlangen, nicht zu lernen, also
ein System auf unzureichender Datengrundlage zu steuern. Herrschaft lasse sich dann an dessen
Fähigkeit bemessen, tatsächlich nicht lernen zu müssen. In diesem Sinne seien „sowohl Wille als
auch Herrschaft Aspekte einer Pathologie sozialen Lernens.“
38
Es ist bemerkenswert, wie in der
36
Flügel-Martinsen, Befragungen, S. 8.
37
Vgl. Simon Schaupp, Digital self-evaluation and the cybernetic regime. A sketch for a materialist apparatus analysis
in TripleC 2 (2017), S. 872-886.
38
Deutsch, Nerves, S. 247, Übers. d. A.
9
kybernetischen Literatur systematisch menschlicher Wille mit Herrschaft gleichgesetzt wird.
Gemeint ist stets der Wille eines Souveräns (sei es einer Managerin oder eines Regenten), der einem
System aufgezwungen wird. Der Wille eines Souveräns sei der systemischen Selbstorganisation
jedoch per definitionem unterlegen, da er sich gerade durch eine Abschottung von Informationen
auszeichnet. Deshalb, so betont auch der Managementkybernetiker Beer, sei schon aus
pragmatischen Effizienzgründen die Selbstorganisation geboten.
39
Für eine immanente Beurteilung der Kybernetik, kann die eingangs getroffene Unterscheidung
zwischen (Selbst)-Organisation und (Selbst)-Kontrolle hilfreich sein. Bezogen auf soziale
Organisationen können diese Begriffe als Abfolge von Stufen der Kybernetisierung gefasst werden.
Ein System, das zwar hierarchisch organisiert ist, aber über kybernetische Selbstkontrolle verfügt, wäre
dann weniger kybernetisiert als ein System, das selbstkontrolliert und selbstorganisiert ist. Als
immanente Kritik ließe sich aktuellen Systemen kybernetischer Selbstkontrolle, wie sie etwa in
digitalen Prozesssteuerungssystemen der sogenannten „Industrie 4.0“ zur Anwendung kommen,
entgegenhalten, dass sie es mit der Kybernetisierung nicht ernst genug meinen. Eine radikale
Kybernetisierung wäre aber wiederum nur dann als Demokratisierung denkbar, wenn es sich um
soziale Selbstorganisation im Sinne von (b) handelt. Die allermeisten Formen gegenwärtiger
Kybernetisierung finden jedoch innerhalb kapitalistischer Produktion oder staatlichen Regierens
statt, also im Kontext von Herrschaftsverhältnissen, bei denen die Steuerungsziele keineswegs zur
Debatte stehen.
Die Frage nach den politischen Implikationen der kybernetischen Steuerung wurde bereits im Zuge
der sich in den 1960er Jahren entfaltenden Technokratiedebatte diskutiert. Während beispielsweise
Karl Deutsch oder Pierre Bertaux für eine politische Kybernetik oder gar die Substitution der
Politik warben, kritisierten unter anderem Jürgen Habermas und Herbert Marcuse die Technik als
materialisierte Ideologie. Auch heute ist die kritische Debatte über selbstlernende Maschinen
wesentlich geprägt von den Warnungen vor einer „Robokratie“.
40
Im Vordergrund steht dabei eine
humanistische Tradition der Technikkritik, bei der die Technik als externe Bedrohung für die
menschliche soziale Welt konzipiert wird. Auf der einen Seite steht der einheitliche Block der
Maschinen, auf der anderen Seite der einheitliche Block der Menschheit. Durch eben diese
Verbannung der Technologie aus der sozialen Welt wird jedoch wiederum die Verbannung des
Konfliktuellen aus der Politik reproduziert. Die Menschheit wird, genau wie bei den
Vertreter*innen einer Big-Data-Governance, als monolithische Einheit dargestellt.
39
Vgl. Beer, Cybernetics.
40
Thomas Wagner, Robokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell, Köln 2015.
10
Eine kritische Theorie kybernetischer Steuerung muss dagegen anstelle der Rede von der
Abschaffung der Politik die politischen Potentiale der Kybernetik r die Politik ins Zentrum
rücken. So zeigt die Kontroverse um die demokratietheoretischen Implikationen der Kybernetik,
dass diese keineswegs eine politisch „neutrale“ Technik ist. Gerade das Prinzip der
Selbstorganisation hat handfeste politische Implikationen. Das lässt sich anhand eines historischen
Beispiels illustrieren: In der Sowjetunion wurden nach Stalins Tod auf die ökonomische Kybernetik
große Hoffnungen zur Reformierung der Planwirtschaft gesetzt: Massive Datenerhebung und -
Verarbeitung sollte die Produktion enger an den Konsum koppeln. Wenige Jahre später wurde
jedoch deutlich, dass die sich andeutende technikgestützte Selbstorganisation der Ökonomie Teile
der Bürokratie substituieren würde, was den Kybernetiker*innen den Vorwurf einbrachte, sie
würden die führende Rolle der Partei untergraben. Das Gewicht dieser Angst vor dem
Machtverlust, beendete die Karriere der sowjetischen Kybernetik innerhalb kürzester Zeit.
41
In
diesem Fall waren es also eben jenen politischen Implikationen der Kybernetik, die zu ihrem Aus
geführt haben. Andersherum hat die gegenwärtige massive Kybernetisierung von Arbeitsprozessen
jedoch keineswegs aus sich heraus politische Transformationen, etwa im Sinne einer Eliminierung
betrieblicher Herrschaft bewirkt.
42
Eine Beurteilung der Kybernetik aus radikaldemokratischer Perspektive, muss, wie oben gezeigt,
darauf pochen, dass das Politische nicht automatisierbar ist, es also nicht durch informatische
Selbstregulierung ersetzt werden kann, wie Alex Pentland oder andere Vertreter*innen einer
neokybernetischen Big-Data-Governance nahelegen.
43
Die Forderungen nach mathematisch
überprüfbaren, korrekten Entscheidungen lassen sich deshalb als eine hegemoniale Artikulation
von Interessen dechiffrieren, die immer nur partikular sein können.
44
Stattdessen gilt es, die
politische Ambivalenz kybernetischer Steuerung ins Zentrum rücken. Denn die eingangs
skizzierten Regierungstechniken der Big-Data Governance werden es möglicherweise schwierig
machen, Selbstorganisation als homöostatische Stabilisierung von Herrschaft von einer
Selbstorganisation als radikaler Demokratie zu unterscheiden.
Simon Schaupp
45
41
Vgl. Schaupp, Vergessene Horizonte.
42
Vgl. Eva-Maria Raffetseder u.a., Kybernetik und Kontrolle. Algorithmische Arbeitssteuerung und betriebliche
Herrschaft, in: PROKLA 187 (2017), S. 227-247.
43
Vgl. Alex Pentland, Social Physics. How social networks can make us smarter, New York 2015.
44
Vgl. Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie.,Wien 1991, S. 161.
45
Ich danke Uli Meyer, Michael Penkler und Peter Müller für wertvolle Kommentare.
11
Zum Weiterlesen:
Primär
Norbert Wiener, Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine.
London 1948.
Stafford Beer, Kybernetik und Management. Hamburg 1962.
Karl W. Deutsch, Politische Kybernetik. Modelle und Perspektiven. Rombach 1969.
Sekundär
Tiqqun, Kybernetik und Revolte. Zürich 2011.
Andrew Pickering, The Cybernetic Brain. Sketches of another future. Chicago/London 2010.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
The Cybernetic, S. 11
  • Vgl
  • Pickering
Vgl. Pickering, The Cybernetic, S. 11.
Vergessene Horizonte
  • Vgl
  • Schaupp
Vgl. Schaupp, "Vergessene Horizonte".
Social Physics. How social networks can make us smarter
  • Alex Vgl
  • Pentland
Vgl. Alex Pentland, Social Physics. How social networks can make us smarter, New York 2015.
Hegemonie und radikale Demokratie
  • Ernesto Vgl
  • Chantal Laclau
  • Mouffe
Vgl. Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie.,Wien 1991, S. 161.