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Die Care-Abgabe: Ein Instrument Vorsorgenden Wirtschaftens?

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Abstract

Die aktuell festzustellende Krisenhaftigkeit von Care-Arbeit verweist auf die Notwendigkeit einer Neuorganisation und Neubewertung solcher Tätigkeiten. Diese Erkenntnis ist, zumindest in der Pluralen Ökonomik, zunehmend und, insbesondere in der Feministischen Ökonomik, ein Kristallisationspunkt für zahlreiche wissenschaftliche Auseinandersetzungen. In Bezugnahme auf Erkenntnisse aus der Pluralen Ökonomik, sollen Lösungsansätze aus der konventionellen Umweltökonomik herangezogen und miteinander verknüpft werden. Aufgegriffen wird hierfür der Politikvorschlag einer ‚Care-Abgabe‘. Er soll die gesellschaftliche Finanzierung der privaten, freiwilligen und bezahlten Care-Arbeit für andere Menschen verbessern und so die Probleme der Unterbezahlung bzw. fehlenden Bezahlung von Care-Arbeit und damit einhergehende Missstände lösen (wie z. B. Überlastung, Zeitmangel und eine schwindende Qualität). Als Orientierung für die Weiterentwicklung eines solchen Politikvorschlags dient die Ökologische Steuerreform. Im Anschluss an diese Weiterentwicklung wird die Care-Abgabe aus der Perspektive Vorsorgenden Wirtschaftens evaluiert sowie abschließend ihr potenzielles Lösungs- und Umsetzungspotenzial wie auch eine mögliche Finanzierung diskutiert. Vorsorgendes Wirtschaften wird dabei als normative Beurteilungsgrundlage herangezogen und als plurales Ökonomie-Konzept eingeführt.
367
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
D. J. Petersen et al. (Hrsg.), Perspektiven einer pluralen Ökonomik, Wirtschaft +
Gesellschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-658-16145-3_15
Zusammenfassung
Die aktuell festzustellende Krisenhaftigkeit von Care-Arbeit verweist auf die Not-
wendigkeit einer Neuorganisation und Neubewertung solcher Tätigkeiten. Diese
Erkenntnis ist, zumindest in der Pluralen Ökonomik, zunehmend und, insbesondere
in der Feministischen Ökonomik, ein Kristallisationspunkt für zahlreiche wissen-
schaftliche Auseinandersetzungen. In Bezugnahme auf Erkenntnisse aus der Pluralen
Ökonomik, sollen Lösungsansätze aus der konventionellen Umweltökonomik heran-
gezogen und miteinander verknüpft werden. Aufgegriffen wird hierfür der Politikvor-
schlag einer ‚Care-Abgabe‘. Er soll die gesellschaftliche Finanzierung der privaten,
freiwilligen und bezahlten Care-Arbeit für andere Menschen verbessern und so die
Probleme der Unterbezahlung bzw. fehlenden Bezahlung von Care-Arbeit und
damit einhergehende Missstände lösen (wie z. B. Überlastung, Zeitmangel und eine
schwindende Qualität). Als Orientierung für die Weiterentwicklung eines solchen
Politikvorschlags dient die Ökologische Steuerreform. Im Anschluss an diese Weiter-
entwicklung wird die Care-Abgabe aus der Perspektive Vorsorgenden Wirtschaftens
evaluiert sowie abschließend ihr potenzielles Lösungs- und Umsetzungspotenzial wie
auch eine mögliche Finanzierung diskutiert. Vorsorgendes Wirtschaften wird dabei als
normative Beurteilungsgrundlage herangezogen und als plurales Ökonomie-Konzept
eingeführt.
Die Care-Abgabe
Ein Instrument Vorsorgenden Wirtschaftens?
Anna Saave-Harnack
A. Saave-Harnack (*)
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jena, Deutschland
E-Mail: anna.saave-harnack@uni-jena.de
Ich möchte mich bei all denjenigen bedanken, die mich während der Anfertigung dieses Beitrags
unterstützt haben, insbesondere bei Barbara Muraca und Tilman Reitz sowie den anonymen
Reviewer*innen für ihre wertvollen Hinweise.
368 A. Saave-Harnack
1 Einleitung: Krisen als Ausgangspunkte für eine
Reorientierung der Ökonomik
Die heutzutage im ökonomischen Mainstream verwendeten und gelehrten Theorien und
Modelle werden vielfältig kritisiert. Oft wird Kritik an ihrer mangelnden Erklärungskraft
in Krisensituationen, wie etwa bei der Finanzkrise nach 2007, geäußert. Auch über die
Finanzmärkte hinaus werden jedoch in der aktuellen ökonomischen Theorie zahlreiche
weitere volkswirtschaftliche Krisenpotenziale nicht abgebildet oder gar berücksichtigt,
wie Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister innerhalb ihres Theorieansatzes ‚Vor-
sorgendes Wirtschaften‘ argumentieren (2013, S. 145).
Eines dieser weiteren Krisenpotenziale zeigt sich in der Care-Ökonomie1, also überall
dort, wo Menschen bezahlte oder unbezahlte Arbeit zur Sorge und Fürsorge für andere
Menschen leisten, die nur eingeschränkt autonom handeln können, wie etwa Kinder oder
kranke Menschen (vgl. Folbre 2001; Jochimsen 2003), aber auch für erwachsene Perso-
nen im Haushalt (vgl. Folbre 2008). Care-Arbeit findet teilweise bezahlt statt (etwa in
der Kinderbetreuung oder in der Krankenpflege) oder unbezahlt im Haushalt (beispiels-
weise bei der Pflege eines kranken Kindes oder von Partner*innen) oder innerhalb eines
ehrenamtlichen Engagements (wie etwa in der ehrenamtlichen Jugendarbeit). In indust-
rialisierten Gesellschaften wie in Deutschland leisten viele Menschen diese Care-Arbeit
unter hohem Spar- und/oder Zeitdruck (vgl. Himmelweit 2007). Deshalb sprechen einige
Autor*innen in diesem Zusammenhang auch von einer Care-Krise (vgl. Gubitzer und
Mader 2011). Menschen mit Care-Verantwortung, besonders Frauen, die traditionell
Care-Arbeit leisteten und leisten (Statistisches Bundesamt 2016), treten vermehrt in den
Arbeitsmarkt ein. Ihnen bleibt daher wenig(er) Zeit, um für andere Menschen zu sor-
gen. Andere Care-Arbeiter*innen werden bezahlt, aber ihre Bezahlung ist überwiegend
niedrig (Folbre 2001, S. 44–45). Feministische Ökonom*innen betonen, dass die Erle-
digung von Care-Arbeit durch Frauen von großen Teilen der Gesellschaft noch immer
als selbstverständlich oder gar ‚natürlich‘ angesehen wird (Biesecker und Hofmeister
2006, S. 145). Die Feministische Ökonomik2 zeigt außerdem, dass die traditionellen wirt-
schaftswissenschaftlichen Theorien Care-Arbeit ausblenden, z. B. in ihrem Menschen-
bild des homo oeconomicus oder in der klassischen Mikroökonomie des Arbeitsmarktes
(vgl. Hoppe 2002).
1Das Wort Ökonomie soll hier im Gegensatz zum volkswirtschaftlich geprägten Wort Sektor unter-
streichen, dass Care-Arbeit sowohl auf dem Markt als auch außerhalb von Märkten geleistet wird.
2Die Feministische Ökonomik dekonstruiert die Dimensionen Geschlecht, Rasse, Ethnie und
Klasse, welche in der zeitgenössischen Ökonomik oftmals unhinterfragt eingeschlossen sind, und
entwirft neue theoretische Zugänge und empirische Methoden, welche feministische Erkenntnisse
einbeziehen (Code 2004, S. 157). Ein Anliegen der Feministischen Ökonomik ist es daher, die
soziale Konstruktion der Wirtschaftswissenschaften und ihre Verbindungen zur sozialen Konstruk-
tion von Gender aufzudecken (vgl. Ferber und Nelson 1997).
369Die Care-Abgabe
Probleme, wie die Arbeitsbelastung oder Erschöpfung von Care-Arbeiter*innen wer-
den in der Öffentlichkeit oder aus Perspektive der Neoklassik häufig als individuelle
Probleme portraitiert, welche aus der Unfähigkeit resultieren, Beruf und Familie zu ver-
einbaren, oder eine Folge individueller Karriereentscheidungen und Präferenzen sind. Im
Gegenteil dazu, beschreibt die Feministische Autorinnengruppe3 die Probleme des per-
manenten Zeitmangels in Haushalten und des stetigen Verlusts von Qualität in bezahlter
und unbezahlter Care-Arbeit als ökonomischen „Landnahme-Prozess“ (2013, S. 116),
welcher unterbrochen werden muss. Der Begriff Landnahme verweist auf Rosa Luxem-
burgs Argument, dass Karl Marx’ Konzept der ursprünglichen Akkumulation nicht aus-
schließlich bei der Entstehung kapitalistischer Gesellschaften eine Rolle spiele, sondern
vielmehr einen kontinuierlichen Prozess darstelle (vgl. Luxemburg 1981).4 Es geht dabei
um Kapitalakkumulation mittels des Entziehens von Ressourcen aus nicht-marktlichen
Bereichen, wie der unbezahlten Care-Arbeit oder den nicht-kommodifizierbaren Anteilen
bezahlter Care-Arbeit, welche in kapitalistischen Aktivitäten auf dem Markt verwertet
werden und als Basis zur Erwirtschaftung von Profiten auf Märkten dienen.
Andere Autorinnen, die das Konzept Vorsorgendes Wirtschaften vertreten, beschreiben
die heutige Situation der Care-Arbeit als eine Externalisierung des Kapitalismus (vgl.
Biesecker und von Winterfeld 2014). Dabei spaltet die Marktökonomie stetig die Bereiche
‚traditionell weibliche Arbeit‘ und ‚Leistungen der Umwelt‘ von ‚der Wirtschaft‘ ab,
wobei sie diese abwertet und sich gleichzeitig aneignet. Dieser Externalisierungs-
begriff unterscheidet sich von der engeren Verwendung des Begriffs ‚externe Effekte‘,
der beispielsweise aus der Umweltökonomik bekannt ist (vgl. Perman et al. 2011; siehe
Abschn. 3.1). Sowohl die Perspektive der Externalisierung bzw. Abspaltung als auch die
Landnahme-Perspektive stellen die Annahme infrage, dass die Organisation von Care-
Arbeit nur ein Problem individuellen Könnens ist, und zeigen stattdessen, dass sie ein
Resultat der gesellschaftlich-ökonomischen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Han-
delns ist.
Vorsorgendes Wirtschaften geht allerdings über die Analyse der Care-Arbeit hinaus,
indem der Ansatz auf die Parallelität von zwei der genannten Krisenfelder eingeht: Kri-
sen in den Bereichen Umwelt und Care bzw. natürlicher und sozialer Reproduktion (vgl.
Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften 2013). In beiden Krisenfeldern gibt es Krisen-
symptome bzw. praktische Probleme: Aufseiten der Umwelt z. B. das Artensterben,
den Klimawandel oder die Übernutzung von Ökosystemdienstleistungen (vgl. Mill-
ennium Ecosystem Assessment 2005). In der Care-Ökonomie treten die bereits skiz-
zierten Probleme auf. Biesecker spricht daher von einer die beiden Felder umfassenden
3Die Gruppe ist ein Kollektiv von Frauen, das in der Schweiz zum Themenbereich Geschlechter-
verhältnisse im Neoliberalismus forscht.
4Luxemburgs Theorie der Akkumulation wird heute in Deutschland u. a. von Klaus Dörre (vgl.
2013) weiterentwickelt.
370 A. Saave-Harnack
„Krise des Reproduktiven“ (2009, S. 34). Der Ansatz Vorsorgendes Wirtschaften stellt so
eine Gegenkonzeption zum Mainstream der ökonomischen Theorie dar und nimmt die
unzureichende Thematisierung der wirtschaftlich-relevanten Bereiche soziale und natür-
liche Reproduktion bzw. Care und Umwelt als theoretischen und politischen Ausgangs-
punkt.
Aus den gesellschaftlichen Herausforderungen in der Care-Ökonomie ergibt sich
nun die Frage, wie Care-Arbeit in kapitalistischen, industrialisierten Gesellschaften
finanziert und dauerhaft ohne Krisensymptome organisiert werden kann. Dieser Bei-
trag sucht dabei nach Möglichkeiten der veränderten Organisation und Finanzierung von
Care-Arbeit innerhalb und außerhalb des Haushalts, sodass Care-Arbeit zukünftig ohne
schädliche Rahmenbedingungen (wie eine geringe Bezahlung, Doppelbelastung oder
Zeitdruck) geleistet werden kann.5
Eine Möglichkeit der Neuorganisation von Care-Arbeit stellt die Care-Abgabe dar.
Tove Soiland schlägt dieses wirtschaftspolitische Instrument in einem kurzen Inter-
view in der Zeitschrift ‚Wir Frauen‘ vor (vgl. Aigner 2014). Angesichts dessen, dass
der Vorschlag zur Care-Abgabe bisher nur knapp skizziert ist, muss er ausgearbeitet
und weiterentwickelt werden. Nur so kann geklärt werden, ob eine Care-Abgabe eine
bessere Organisation von Care-Arbeit ermöglichen könnte. Das Veränderungspotenzial
der Care-Abgabe soll hier auf Grundlage des Vorsorgenden Wirtschaftens bewertet
werden.
Daraus ergibt sich die Frage: Kann eine konkretisierte Care-Abgabe Vorsorgendes
Wirtschaften ermöglichen? Dieser Beitrag greift Soilands Vorschlag der Care-Ab-
gabe auf, konkretisiert ihn und reflektiert ihn anschließend anhand des Ansatzes Vor-
sorgendes Wirtschaften. Der Beitrag möchte damit nicht nur Vorsorgendes Wirtschaften
als bestehende theoretische Alternative zur Mainstream-Ökonomik bzw. als eine Plurale
Ökonomik6 benennen, sondern fragt auch nach den realpolitischen Umsetzungsmöglich-
keiten dieser. Ich beziehe mich dabei auf den politischen Kontext in Deutschland, wenn-
gleich die Idee einer Care-Abgabe auch auf andere Volkswirtschaften übertragen werden
könnte.
6Plurale Ökonomik betrachte ich als Überbegriff, der verschiedene Plurale Ökonomiken umfasst.
Plurale Ökonomik umfasst Wirtschaftstheorien, die nicht den neoklassischen Wirtschaftstheorien
entsprechen oder diese auf bisher weniger theoretisierte Bereiche, wie Umwelt oder Care,
anwenden.
5Dies mag möglicherweise den Anschein erwecken, als sei bereits geklärt, dass eine krisenfreie
Organisation von Care-Arbeit innerhalb kapitalistischer Gesellschaften überhaupt möglich ist. Eine
solche Annahme kann grundsätzlich bezweifelt werden (vgl. Mies 2009; Müller 2013). Darüber
hinaus stellen sich auch grundsätzliche Fragen: Beispielsweise, ob in Zukunft alle Care-Arbeit
bezahlt werden sollte oder lediglich Teile davon. Dies sind berechtigte und wichtige Fragen, die
allerdings nicht im Fokus dieses Beitrages liegen.
371Die Care-Abgabe
2 Theoretischer Hintergrund
Im Folgenden wird zunächst der Vorschlag der Care-Abgabe eingeführt. Im Anschluss
werden zwei Gründe für die Notwendigkeit eines solchen Instruments vorgestellt,
bevor ein Reflexionsrahmen für die Weiterentwicklung der Care-Abgabe aus dem Vor-
sorgenden Wirtschaften abgeleitet wird.
2.1 Ein Ansatz zur Bewältigung der Krisen: Die Care-Abgabe
Die Care-Abgabe soll eine veränderte gesamtgesellschaftliche Organisation von Care-
Arbeit ermöglichen. Soiland schlägt dafür eine Umverteilung der gesamtgesellschaft-
lichen finanziellen Ressourcen vor und argumentiert: „Man könnte – ähnlich wie
CO2-Abgaben – Care-Abgaben oder eine Care-Steuer für diese wirtschaftsstarken Sek-
toren einführen. […] Wenn man Ökoabgaben machen kann, kann man auch Care-Abgaben
machen“ (Aigner 2014, S. 15). Soiland schlägt weiter vor, dass der Staat Profite umver-
teilen solle, die in wirtschaftsstarken Sektoren mit einer hohen Produktivität entstehen. Der
Care-Sektor7 mit einer vergleichsweise geringen Produktivität soll von dieser finanziellen
Umverteilung profitieren. Als Begründung erklärt Soiland, dass unsere Gesellschaften die
Organisation von Care-Arbeit als kollektive Aufgabe betrachten sollten, da alle Menschen
Care-Arbeit benötigen (vgl. Aigner 2014). In anderen Worten zielt die Care-Abgabe darauf,
die finanziellen Probleme unbezahlter oder unterbezahlter Care-Arbeit, welche sich auch in
Zeitknappheit äußern, durch eine Umverteilung von Profiten zu lösen.8
Die Care-Abgabe war bisher kaum Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte.9
Das Instrument hat somit bisher nur den Charakter einer ersten vagen Idee, die einer
7Soiland spricht vom Care-Sektor, wobei das Wort Sektor volkswirtschaftlich für einen klar
beschreibbaren Teilbereich einer Volkswirtschaft steht. Allerdings wurde von manchen Staaten (z. B.
dem Vereinigten Königreich) bisher nur Hausarbeit, also ein Teil von Care-Arbeit, volkswirtschaft-
lich auf Satellitenkonten für den Haushaltssektor erfasst. Die Feministische Ökonomik legitimiert
die volkswirtschaftliche Erfassung der gesamten Care-Arbeit: Ihre Monetarisierung steht allerdings
noch aus, weshalb noch nicht von der Etablierung eines solchen volkswirtschaftlichen Care-Sek-
tors gesprochen werden kann (vgl. Folbre 2001; Madörin 2011a, b). Daher wird im Folgenden die
gesamte bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit mit dem Begriff Care-Ökonomie bezeichnet.
8Mit größeren finanziellen Mitteln könnten Menschen, die im Haushalt unbezahlt Care-Arbeit leis-
ten und unter Zeitdruck leiden, z. B. weniger Erwerbsarbeit zugunsten von mehr Care-Arbeit tau-
schen. Oder sie könnten mehr Care-Arbeit einkaufen, wodurch sie mehr Zeit für Erwerbsarbeit zur
Verfügung hätten (vgl. Himmelweit 2007). Bezahlte Care-Arbeiter*innen könnten z. B. durch die
Aufstockung des Personals von Zeitdruck entlastet werden.
9Die Care-Abgabe findet in dem Memo ‚Die Pflege ist weiblich‘ von Kerstin Scharfenberg
(vgl. 2014) von der Gewerkschaft ver.di und im Zukunftsdossier ‚Auf der Suche nach einem
neuen Wohlstandsmodell‘ des österreichischen Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft,
Umwelt und Wasserwirtschaft (vgl. 2015) Erwähnung.
372 A. Saave-Harnack
Präzisierung bedarf. So ist beispielsweise die Art der Umverteilung durch eine Care-
Abgabe noch unklar. Soiland zufolge soll die Care-Abgabe analog zu Instrumenten wie
CO2-Abgaben oder einer Ökoabgabe gestaltet sein. Diese Begriffe bezeichnen jedoch
keine konkreten Politikinstrumente, sondern werden eher als Schlagworte für eine finan-
zielle Umverteilung zugunsten des Umweltschutzes verwendet. Eine konkrete Umver-
teilung zugunsten der Umwelt leistet die Ökologische Steuerreform (ÖSR) in Form einer
Besteuerung von fossilen Energieträgern. Die ÖSR ist ein wirtschaftspolitisches Instru-
ment, welches einerseits als konkretes Instrument in Deutschland existiert und anderer-
seits mit Soilands Vorschlag korrespondiert. Es soll daher als Grundlage zur Umsetzung
von Soilands Vorschlag und als Basis des Transfers eines umweltpolitischen Instruments
auf die Care-Ökonomie dienen. Bevor der Transfer gewagt werden kann, ist jedoch ein
Blick auf die Gründe für die Notwendigkeit einer Care-Abgabe sinnvoll.
2.2 Zwei Gründe für die Notwendigkeit einer Care-Abgabe
Die Volkswirtin Mascha Madörin hebt in ihren Arbeiten die große, aber bisher ver-
nachlässigte volkswirtschaftliche Relevanz von Care-Arbeit und auch die Größenord-
nungen unbezahlt geleisteter Arbeit in Haushalten hervor (vgl. Madörin 2011a, b). Nach
ihren Berechnungen für die Schweiz, umfasste im Jahr 2000 die unbezahlt in Haushalten
geleistete Arbeit 41 % des erweiterten BIP10 (Madörin 2007, S. 145). Die bezahlte und
zusätzlich von Madörin monetär bewertete Care-Arbeit wies im Jahr 2004 sogar einen
etwas höheren Wert als die gesamten Steuereinnahmen der Schweiz auf (Madörin 2011b,
S. 68). Dieser Wert ist überraschend hoch trotz der im europäischen Vergleich relativ
niedrigen Steuern in der Schweiz. Madörins Arbeit legitimiert eine gesamtwirtschaftliche
Betrachtung und legt zugleich eine staatliche Intervention hinsichtlich der Care-Öko-
nomie nahe. Die Monetarisierung unbezahlter Arbeit (also eines Teils von Care-Arbeit)
wurde in Deutschland vom Statistischen Bundesamt durchgeführt. Diese Studie ergab,
dass der Wert der unbezahlten Arbeit11 im Jahr 2013 insgesamt 826 Mrd. EUR betrug.
Dabei wurden Arbeitsstunden mit dem Nettolohn einer Hauswirtschafterin bzw. eines
Hauswirtschafters bewertet (Statistisches Bundesamt 2016, S. 35–51). Eine Monetarisie-
rung der gesamten Care-Arbeit, die bezahlte und unbezahlte Anteile einschließt, steht für
Deutschland allerdings noch aus.
Ein besonderes Problem der bezahlten Care-Arbeit bildet die Kostenkrankheit, ein
Begriff, der auf William Baumol zurückgeht (Donath 2000, S. 118). Die zentrale These
der Kostenkrankheit ist, dass es in „reifen Volkswirtschaften“ (Madörin 2011a, S. 57)
10Das erweiterte BIP schließt den Wert der Produktion und der Dienstleistungen in Haushalten ein.
11Dies umfasst Haus- und Gartenarbeit, Bauen und handwerkliche Tätigkeiten, Pflege und
Betreuung sowie Ehrenamt und informelle Hilfen (Statistisches Bundesamt 2016, S. 47).
373Die Care-Abgabe
auseinanderdriftende Arbeitsproduktivitäten gibt. Im Vergleich zum produzierenden
Sektor existieren bei Care-Arbeit relativ klare Grenzen der Produktivitätssteigerung,
sodass auseinanderdriftende Arbeitsproduktivitäten auch Care-Arbeit betreffen. Denn
die Dienstleistungen in der arbeitsintensiven Care-Ökonomie können nicht beliebig
produktiver oder effizienter gestaltet werden, da beispielsweise das Füttern von Kin-
dern oder das Baden von Kranken immer eine gewisse Zeit benötigt und eine Subjekt-
Subjekt-Beziehung nötig ist. Diese Charakteristik macht es schwer, Care-Arbeit zu
entpersonalisieren oder zu automatisieren und damit zu rationalisieren (Folbre 2001,
S. 48–49). Wird die Zeit für personennahe Dienstleistungen verkürzt, so leidet darunter
deren Qualität (Donath 2000, S. 118–120) – und damit letztlich auch Menschen. Dahin-
gegen kann im produzierenden Sektor die Arbeitszeit für gewisse Tätigkeiten durch
technischen Fortschritt immer weiter verkürzt und die Arbeitsproduktivität scheinbar
unbegrenzt erhöht werden.12
Im Vergleich driften darum die Produktivitäten verschiedener Tätigkeiten auseinander
(Madörin 2006, S. 57). Aufgrund dieser Entwicklung kann Arbeit in der Care-Ökonomie
vergleichsweise weniger Wertschöpfung generieren und ist im Vergleich zu Arbeit in
der Industrie teuer.13 Wenn Care-Arbeit teuer ist und ihr Preis weiter steigt, können es
sich jedoch nur wenige Menschen leisten, diese auf dem Markt einzukaufen (Himmel-
weit 2007, S. 591–593). In manchen Fällen führt dies zu geringen Löhnen für Care-
Arbeit oder dem Widerstand gegenüber Lohnerhöhungen aus Arbeitgeber*innensicht.
In anderen Fällen führt dies zu einer Intensivierung der Care-Arbeit, beispielsweise
indem Arbeiter*innen schneller oder in geringerer Besetzung arbeiten müssen (Himmel-
weit 2007, S. 586). Der Druck, produktiver zu werden, betrifft bezahlte wie unbezahlte
Care-Arbeit (Donath 2000, S. 119). Soiland reagiert auf eben dieses Phänomen der aus-
einanderdriftenden Produktivitäten mit dem Vorschlag einer Care-Abgabe.
Mit diesen Gründen für die Notwendigkeit einer Care-Abgabe kann kein Urteil dar-
über getroffen werden, ob Care-Arbeit per se auf dem Markt eingekauft werden bzw.
eine Ware sein soll. Der Vorschlag der Care-Abgabe bearbeitet das Problem, dass Care-
Arbeit unabhängig davon, ob sie warenförmig organisiert ist oder nicht aktuell unter-
finanziert ist. Jedes Vorhaben in diesem Bereich kann Gefahr laufen, in die Fallstricke
der Kommodifizierung von zuvor unbezahlten Leistungen14 zu geraten. Aber auch wenn
12Ökologische Ökonom*innen merken kritisch an, dass solche Produktivitätssteigerungen letztlich
eine Intensivierung des Energieverbrauchs verursachen und dies in der Beurteilung der vermeint-
lichen Effizienz einer Tätigkeit berücksichtigt werden müsse (vgl. Sorrell 2010).
13Diesen Umstand interpretieren einige Autorinnen auch als Grund für die Auslagerung der Care-
Arbeit aus der kapitalistischen Produktionsweise (vgl. Biesecker und von Winterfeld 2014; Femi-
nistische Autorinnengruppe 2013).
14Vgl. Chorus (2013) für eine kritische Betrachtung der Kommodifizierung von Care-Arbeit.
374 A. Saave-Harnack
negative Folgen von Kommodifizierung verhindert werden sollen, muss die Frage der
Finanzierung von Care-Arbeit beantwortet werden. Denn selbst wenn Care-Arbeit nicht
lohnförmig oder warenförmig gestaltet werden soll, müssen die Menschen, welche Care-
Arbeit leisten und empfangen, eine Finanzierung für ihren Lebensunterhalt erhalten.
2.3 Vorsorgendes Wirtschaften als theoretisch-normativer
Rahmen
Vorsorgendes Wirtschaften dient in diesem Beitrag als theoretisch-normativer Rahmen
für die Untersuchung der Care-Abgabe. Aus der Literatur zum Vorsorgenden Wirtschaf-
ten lassen sich Qualitätskriterien für die Entwicklung und Evaluation eines care-poli-
tischen Instruments ableiten. Diese Qualitätskriterien sollen auf die Care-Abgabe
angewendet werden.
Vorsorgendes Wirtschaften rückt die vermeintlich reproduktiven Bereiche ins Zent-
rum der Betrachtung. Die reproduktiven Bereiche sind demnach besonders häufig von
Krisen betroffen und weisen einen gleichen Ursprung auf: die strukturelle Trennung zwi-
schen der produktiven Sphäre der Märkte und den vermeintlich reproduktiven und oft-
mals als unproduktiv verstandenen Sphären.15 Der reproduktiv genannte Bereich umfasst
Care-Arbeit, respektive soziale Reproduktionsarbeit sowie die Produktivität der Natur,
respektive die natürliche Reproduktion (Biesecker und Hofmeister 2008, S. 445). Eine
solche Trennungsstruktur findet sich in der Mehrheit ökonomischer Theorien und Prak-
tiken (Biesecker und Hofmeister 2013, S. 145). Dabei bezieht die Marktökonomie zwar
durchaus Leistungen aus sozial weiblicher Arbeit und Umwelt ein, jedoch werden diese
Leistungen verwendet, ohne ihnen einen Preis zu geben oder ihnen explizit einen Wert
zuzuschreiben:
In der ökonomischen Bewertung wird wieder getrennt und aufgespalten in ‚Natur‘ und
‚Nicht-Natur‘ – nur was das Ökonomische als seine eigene Produktivität (Kapital- und
warenförmige Arbeitsproduktivität) erkennt und anerkennt, geht in die Wertrechnung ein
(Biesecker und Hofmeister 2008, S. 445).
Auf der praktischen Ebene erzeugt die Trennungsstruktur eine sozial-ökologische Krise
(Biesecker und Hofmeister 2008, S. 438–439). Auf der Theorieebene hat die Abtrennung
des Reproduktiven zur Folge, dass nur unzureichendes Wissen über die Möglichkeiten
nachhaltigen Wirtschaftens vorhanden ist (Biesecker und Hofmeister 2010a, S. 1703).
15Innerhalb dieses Ansatzes gilt als das Produktive, was ökonomisch in Wert gesetzt wurde, und als
das Reproduktive, was Teil der ökonomisch nicht bewerteten Prozesse und Leistungen ist. Jedoch
ließen sich „weder in der sozialen Lebenswelt noch in der ökologischen Natur produktive von
reproduktiven Prozessen trennen, da alle lebendige Tätigkeit produktiv und ihre Trennung dagegen
eine bewertende Erzählung“ sei (Hofmeister 2013, S. 129–130).
375Die Care-Abgabe
Die beiden Krisenfelder Care und Umwelt werden dabei oft als getrennt wahr-
genommen und bearbeitet – in umweltfreien feministisch-ökonomischen Diskursen (vgl.
Hoppe 2002) sowie in Umweltdiskursen ohne die Thematisierung von Geschlechterver-
hältnissen (vgl. Perman et al. 2011). Es lohnt sich daher, nach Gemeinsamkeiten der bei-
den reproduktiven Bereiche zu fragen (Biesecker und Hofmeister 2006, S. 19).
2.3.1 Die Kategorie (Re)Produktivität
Angesichts solcher Probleme entwickeln die Vertreter*innen des Vorsorgenden Wirt-
schaftens ein theoretisches und zugleich normativ-politisches Programm mit der zen-
tralen Forderung, die Trennung zwischen den sogenannten produktiven, männlich
konnotierten, marktförmig organisierten Bereichen16 und den oft als unproduktiv oder
reproduktiv bezeichneten anderen Bereichen aufzudecken und aufzuheben. Dafür wird
eine eigene Produktivitätstheorie mit der Kernkategorie (Re)Produktivität entwickelt,
die sich von der bisher vorherrschenden quantitativen und marktbezogenen Verwendung
des Wortes produktiv abgrenzt (vgl. Hofmeister 2013). Die Wortneuschöpfung (Re)
Produktivität ist ein Schlüsselbegriff dieser Theorie. Der Begriff bezeichnet die „nicht
durch Abwertungen getrennte Einheit aller produktiven Prozesse in Natur und Gesell-
schaft, bei gleichzeitiger Unterschiedenheit“ (Biesecker und Hofmeister 2006, S. 19).
(Re)Produktivität soll verdeutlichen, dass in jedem Produktionsprozess Leistungen von
Wiederherstellung und Erneuerung durch soziale oder natürliche Reproduktion bereits
inbegriffen sind (Biesecker und Hofmeister 2013, S. 140). Als ein Teil einer Problem-
lösung kann (Re)Produktivität beschreiben, was die Verbesserung der Wirtschaftsweise
im Vorsorgenden Wirtschaften ausmacht: die Integration reproduktiver Bereiche als
nicht-abzuwertende Bestandteile in eine Einheit produktiver Prozesse (Biesecker und
Hofmeister 2006, S. 19). Wenn hier also von produktiven Prozessen gesprochen wird,
bedeutet dies bereits eine Erweiterung des Produktionsbegriffs, der „in das Gestalten
das Erhalten der produktiven Kräfte der menschlichen Arbeit einschließlich der sor-
genden Tätigkeiten und der ökologischen Natur einbezieht“ (Biesecker und Hofmeister
2006, S. 19). Biesecker spricht daher vom (Re)Produktionsprozess statt vom einem
Produktionsprozess (2009, S. 39–42). Auch der Gleichzeitigkeit von Verwertung und
Nichtbewertung wird damit ein Ende gesetzt, da die Produktivitäten der Natur und der
sozial weiblichen Arbeit mitbewertet werden (Biesecker und Hofmeister 2010b, S. 52).
So soll verhindert werden, dass die menschlichen Lebensgrundlagen durch Ausblendung
und Nichtbewertung reproduktiver Bereiche quasi unwissentlich getilgt werden.
16Ergebnisse aus der Frauenforschung sowie der feministischen Geschichtswissenschaft und
Ökonomik zeigen, dass die ökonomische Ideengeschichte eng mit der Zuordnung der Attribute
männlich und weiblich verbunden sind (z. B. Produktivität). Das Begriffspaar produktiv versus
reproduktiv ist Teil einer Reihe geschlechtlich kodierter Dualismen (vgl. Hoppe 2002). Dualismen
und ihre oftmals verschleierte Fortsetzung in scheinbar neutralen wirtschaftswissenschaftlichen
Theorien waren beispielsweise ein zentrales Thema der Hausarbeitsdebatte der 70er und 80er Jahre
(vgl. Bock und Duden 1977).
376 A. Saave-Harnack
Damit ist die Kategorie (Re)Produktivität sowohl ein Gegenentwurf zum gängigen
Ökonomieverständnis, die zu einer anderen Art des Denkens über das Ökonomische
anregt, als auch ein Kriterium, das zur Beurteilung von Veränderungen in Bezug auf
Vorsorgendes Wirtschaften als perspektivisches Ziel dient (Biesecker und Hofmeister
2008, S. 434). Der Begriff verdeutlicht, auch sprachlich, dass die Trennung zwischen
produktiven und reproduktiven Bereichen eine künstliche Trennung ist. Anders als eine
Fortführung der Trennung schließt (Re)Produktivität die „Mitgestaltungsaufgabe“ des
Ökonomischen in den Bereichen „ökologischer Natur und sozialer Lebenswelt“ ein
(Hofmeister 2013, S. 133). Dies bedeutet, im Gegensatz zur Ökologischen Ökonomik,
dass Gesellschaft und Wirtschaft nicht nur in die ökologische Sphäre eingebettet sind,
sondern dass diese lebendige Natur mitproduzieren (Biesecker und Hofmeister 2008,
S. 437). Ein weiteres Ziel Vorsorgenden Wirtschaftens ist es, den „Zusammenhang zwi-
schen Ökonomie, Ökologie und Sozialem sichtbar, verstehbar und damit gesellschaft-
lich gestaltbar zu machen“ (Biesecker und Hofmeister 2008, S. 435). So sollen
„geschlechtsspezifische Zuordnungen und Abwertungen“ (Biesecker 2011, S. 81) über-
wunden werden.
Trotz der Analysen und Neukonzeptionierungen, die vonseiten des Vorsorgenden
Wirtschaftens präsentiert werden, kritisiert Dingler allerdings eine mangelnde Aus-
führung des Verhältnisses der produktiven und der reproduktiven Ökonomie im
Vorsorgenden Wirtschaften (vgl. Dingler 2003). Auch Hofmeister bemängelt: „Das Ver-
hältnis zwischen ökonomischem und (ethisch fundiertem) politischem Handeln in einer
(re)produktiv verfassten Gesellschaft bleibt undeutlich“ (2013, S. 134). Die Frage, wie
wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse im Vorsorgenden Wirtschaften genau orga-
nisiert werden sollen, wird somit eher allgemein beantwortet, nämlich mit den Hand-
lungsregeln „Kooperation, Partizipation und Diskursivität für die dafür vorgesehenen
demokratisch verfassten gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse“ (Hofmeister 2013,
S. 135).
Obgleich Vorsorgendes Wirtschaften somit an einigen Stellen zu konkretisieren
bleibt, existieren durchaus Anhaltspunkte, wie nicht nur die Theorie, sondern auch das
Wirtschaften selbst in Richtung des Vorsorgenden Wirtschaftens verändert werden kön-
nen. Um die Verwertung und gleichzeitige Nichtbewertung reproduktiver Tätigkeiten
zu verhindern, schlagen Biesecker und Hofmeister beispielsweise vor, den „bisher gel-
tenden abstrakten, quantitativen Produktivitätsbegriff auch qualitativ zu fassen und um
sozial-ökologische Kriterien zu erweitern“ (2008, S. 448). Drei Handlungsprinzipien
sollen dabei handlungsleitend sein: Vorsorge, Kooperation und Orientierung am für ein
gutes Leben Notwendigen (vgl. Theoriegruppe Vorsorgendes Wirtschaften 2000). Vor-
sorgendes Wirtschaften verdeutlicht so das Defizit der neoklassischen Ökonomik, welche
die drei Handlungsprinzipien vernachlässigt (Hoppe 2002, S. 114). Ein feministischer
Charakter der Ökonomiekritik Vorsorgenden Wirtschaftens zeigt sich darin, dass die
Handlungsprinzipien als primäre Praxis und Erfahrung von Frauen aufgefasst werden.
Dies mache hier die Perspektive von Frauen (Jochimsen und Knobloch 1997, S. 108)
377Die Care-Abgabe
bzw. das feministische Standpunktdenken (Hoppe 2002, S. 131) im Vorsorgenden
Wirtschaften aus, was nicht mit einer ‚essenzialistischen‘17 Herangehensweise zu ver-
wechseln ist.
Vorsorgendes Wirtschaften entsteht in Form vielfältiger sozialer Experimente (Biese-
cker 2009, S. 43). Um zu überprüfen, ob ein Projekt oder eine Initiative ein Experiment
in Richtung des Vorsorgenden Wirtschaftens ist, muss verifiziert werden, ob die Kate-
gorie (Re)Produktivität praktisch umgesetzt wird. Die Autorinnen des Vorsorgenden
Wirtschaftens behalten sich insgesamt eher vor, schon bestehende Experimente und
Projektideen zu evaluieren anstatt neue Vorschläge zu entwickeln. Vorsorgendes Wirt-
schaften wird dabei auf bereits bestehende Alternativökonomien angewendet und liefert
Bewertungsgrundlagen für eine gelebte Plurale Ökonomie (vgl. Netzwerk Vorsorgendes
Wirtschaften 2013).
2.3.2 Transformation zu Vorsorgenden Wirtschaften
Der Übergang vom heutigen Zustand zum Vorsorgenden Wirtschaften wird unter dem
Stichwort der Transformation beschrieben (Biesecker und Hofmeister 2010b, S. 74).
Die Vorschläge zum Transformationsprozess sind vielfältig (vgl. Biesecker 2009; Bie-
secker und Hofmeister 2013), sodass hier nur die Transformationsmöglichkeiten für die
Care-Ökonomie18 erwähnt werden können. In einer nicht abschließenden Aufzählung
fordern Biesecker und Gottschlich (2013, S. 188–189): gleiche und gleichwertige
Beteiligung von Männern und Frauen in allen Arbeitsbereichen, radikale Arbeitszeitver-
kürzung, Umverteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen,
Gestaltung aller Arbeitsbereiche und Arbeitsprodukte nach sozial-ökologischen Krite-
rien, Aufwertung der Sorgearbeit durch eine unterstützende soziale Infrastruktur, gutes
Leben sichernde Löhne, sowie ein Grundeinkommen. Außerdem weisen von Winterfeld
und Biesecker darauf hin, dass es „einer grundsätzlich anderen Rahmung der Gesellschaft“
bedarf (2013, S. 385). Zusätzlich hebt Biesecker (2011, S. 83) folgende care-relevante
Empfehlungen für den Transformationsprozess hervor: solidarische Care-Arbeit in
Familie und Nachbarschaft, Sorgende Netze als neue Kooperationsform (z. B. für das
Aufwachsen von Kindern im Stadtteil), kooperative Wohnprojekte, zeitgestützte Alters-
sicherung und Frauennetzwerke in Ländern des globalen Südens.
Diese Forderungen, die im Vergleich zum theoretischen Programm mit der Kategorie
(Re)Produktivität konkreter sind, folgen keiner expliziten Agenda oder Systematik. Teil-
weise sind die angeführten Beispiele noch immer wenig greifbar (z. B. unterstützende
17Die ‚nicht-essenzialistische‘ Herangehensweise meint, dass die drei Handlungsprinzipien auf-
grund von Sozialisation bzw. Erfahrung als weiblich aufgefasst werden statt als weiblich aufgrund
von Geburt oder biologischem Determinismus (Hoppe 2002, S. 114).
18In Publikationen zu Vorsorgendem Wirtschaften wird häufiger von sozialer Reproduktion als
von Care-Arbeit gesprochen. Vgl. Biesecker und Gottschlich (2013) für eine kritische Diskussion
der Begrifflichkeiten innerhalb Vorsorgenden Wirtschaftens. Vgl. Heck (2011) für eine generelle
Abgrenzung der Begriffe.
378 A. Saave-Harnack
soziale Infrastruktur zur Aufwertung der Sorgearbeit). Dies weist erneut auf die Kritik
am hohen Abstraktionsgrad der Theorie und ihrer Forderungen hin, welche auch von den
Autorinnen selbst anerkannt wird (Hofmeister 2013, S. 134). Knobloch bestätigt, dass
bisher von Vorsorgendem Wirtschaften lediglich „Anhaltspunkte für eine zukunftsfähige
Gestaltung der Rahmenordnung“ (2013, S. 36) gegeben werden konnten. Besonders die
weniger konkreten Forderungen, welche über die Hervorhebung bereits bestehender
Best-Practice-Beispiele hinausgehen, sorgen hier für weiteren Forschungsbedarf. Aller-
dings begründen die Vertreter*innen Vorsorgenden Wirtschaftens genau diese Offenheit
bezüglich konkreter Forderungen damit, dass die genauen Schritte des Transformations-
prozesses nur demokratisch, diskursiv, partizipativ und kooperativ zu beschlie-
ßen sind (Biesecker und Hofmeister 2013, S. 147). Denn, welche „gesellschaftliche
Organisationsform (z. B. Markt, Netzwerk, Selbstorganisation, Staat) jeweils am besten
passt, muss gesellschaftlich bestimmt werden“ (Biesecker und Gottschlich 2013, S. 189).
2.3.3 Leitlinien zur Evaluation von Politikinstrumenten für
die Care-Ökonomie
Auch wenn Vorsorgendes Wirtschaften selten selbst konkrete Schritte vorschlägt und
Konzepte entwickelt hat, um bestehende Instrumente zu evaluieren, lässt sich die Frage
stellen: Welche Anforderungen stellt Vorsorgendes Wirtschaften an wirtschaftspolitische
Instrumente? Zunächst kann festgehalten werden, dass das Ziel politischer Maßnah-
men und weiterer Anstrengungen im Sinne Vorsorgenden Wirtschaftens sein muss, die
Trennungsstruktur in der Ökonomie zu überwinden. Reproduktive Tätigkeiten müssen
sichtbar werden und dürfen nicht mehr ohne Wertschätzung und Kompensation verwertet
werden.
Bieseckers Analyse der ‚Bürgschaftsbank für Sozialwirtschaft‘ macht jedoch
deutlich, dass politische Instrumente nicht immer zugleich Probleme aus den bei-
den reproduktiven Bereichen Umwelt und Care verhindern müssen (Biesecker 1997,
S. 67–72). Neue Institutionen für Vorsorgendes Wirtschaftens sollen Veränderungen
in bestimmten Bereichen bewirken, dabei müssen sie jedoch nicht zwangsläufig alle
Herausforderungen, die im Kontext des Vorsorgenden Wirtschaftens hervorgehoben
werden, gleichzeitig angehen. Dies bedeutet, dass es auch ausreicht, wenn Politikmaß-
nahmen nur einen reproduktiven Bereich (also soziale Reproduktion oder natürliche
Reproduktion) adressieren. Diese Feststellung unterstreichen von Winterfeld und Biese-
cker, wenn sie schreiben, dass Praxisbeispiele für Vorsorgendes Wirtschaften „eine oder
mehrere […] Qualitäten“ (von Winterfeld und Biesecker 2013, S. 397) erfüllen müs-
sen. Einige dieser Qualitäten sind: die Handlungsprinzipien Vorsorge, Kooperation und
Orientierung am für ein gutes Leben Notwendigen, Langfristorientierung, Blick auf das
Ganze der Ökonomie und das Ganze der Arbeit, neue Bewertungen der Leistungen der
Natur und der Leistungen der vor allem sozial weiblichen unbezahlten Sorgearbeit, neue
Formen solidarischer sozialer Sicherung oder kooperativer Daseinsvorsorge sowie eine
neue Rationalität der Besonnenheit statt der Gewinnmaximierung.
379Die Care-Abgabe
Die verschiedenen konkreten und konzeptionellen Vorschläge möchte ich hier anhand
der folgenden drei Qualitätsansprüche an carepolitische Instrumente aus der Perspektive
des Vorsorgenden Wirtschaftens herausarbeiten und thesenhaft zusammenfassen:
1. Daseinsvorsorge soll solidarisch und kooperativ erfolgen.
2. Maßnahmen sollen das Ganze der Ökonomie und der Arbeit adressieren, also auch
bisher als reproduktiv bezeichnete Bereiche.
3. Unbezahlte und bezahlte Sorgearbeit sollen neu bewertet und kompensiert werden.
Die Analyse der Literatur zum Vorsorgenden Wirtschaften zeigt, dass die Frage, wie eine
Gesellschaft zu Vorsorgendem Wirtschaften gelangen könnte, durch theoretische und
einige praktische Vorschläge beantwortet wird (vgl. Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaf-
ten 2013), die aber oftmals abstrakt sind. Anhand der aus den Vorschlägen abgeleiteten
Qualitätsansprüche soll, nach der Weiterentwicklung der Care-Abgabe, das resultierende
Instrument evaluiert werden.
3 Entwicklung der Care-Abgabe
Die Care-Abgabe soll eine finanzielle Umverteilung zugunsten der Care-Arbeit ermög-
lichen. Soiland schlägt dazu ein Instrument in Anlehnung an die Oberbegriffe CO2-
Abgaben oder Umweltsteuern vor. Daraufhin wurde die Ökologische Steuerreform
(ÖSR) als konkretes Vergleichsinstrument bestimmt, um den vagen Vorschlag zur
Care-Abgabe zu konkretisieren. Bevor die Care-Abgabe anhand der Qualitätsansprüche
für Vorsorgendes Wirtschaften beurteilt werden kann, muss daher zunächst die ÖSR auf
die Care-Ökonomie übertragen werden. Die ÖSR wird nun nicht im Detail, sondern mit
dem Ziel vorgestellt, den auf die Care-Ökonomie zu übertragenden Wirkungsmechanis-
mus des Instruments herauszuarbeiten.
Die ÖSR ist ein wirtschaftspolitisches Instrument, welches maßgeblich auf Hans
Binswanger zurückgeht und durch ein entsprechendes Gesetz aus dem Jahre 1999 wirk-
sam wurde (vgl. Bach et al. 2003, S. 223–224). Es soll eine fiskalische Umverteilung
zugunsten der Umwelt implementieren, indem über eine Konsumsteuer vor allem
CO2-Emissionen reduziert werden sollen.19 Ihre intendierte Wirkung ist es, eine dop-
pelte Dividende zu erreichen (Hettich et al. 1996, S. 14). Einerseits sollen wirtschaftlich
bedingte Umweltschäden eingeschränkt bzw. negative externe Effekte aus Energiever-
brauch internalisiert werden. Der Staat besteuert, was umweltbelastend oder -schäd-
lich ist; in diesem Fall die Emission klimaschädlicher Gase über eine Verbreiterung
und Erhöhung der Energiebesteuerung (Ewringmann und Kohlhaas 2004, S. 684). Das
19Vgl. Hettich et al. (1996); Knigge und Görlach (2005) für eine kritische Diskussion der Ziele und
Umsetzung der ÖSR.
380 A. Saave-Harnack
Instrument möchte einen Anreiz geben, mit Energie sparsamer umzugehen, was die öko-
logische Komponente der doppelten Dividende darstellt. Andererseits soll eine soziale
Dividende durch die Verbilligung des Produktionsfaktors Arbeit erzielt werden. Die
Verbilligung wird durch die Verwendung der Steuereinnahmen aus der Energiesteuer
zur Senkung der Sozialversicherungsabgaben „als Staatszuschuss an die Rentenver-
sicherung“ erreicht (Ewringmann und Kohlhaas 2004, S. 684). Die soziale Dividende
ergibt sich demnach aus einer Umverteilung der Finanzierung der Rentenversicherung,
die nun zu einem relativ größeren Anteil aus Steuern und zu einem relativ geringeren
Anteil aus Beiträgen finanziert wird. So kommt es zu einer Entlastung der Beitrags-
zahler*innen bei bereits bestehenden Abgaben und zu potenziell neuen Arbeitsplätzen.
Wirtschaftstheoretisch betrachtet gründet die Idee der ÖSR auf der Annahme, dass
die Märkte für Öl und Energie negative externe Effekte aufweisen, welche die Wohlfahrt
schmälern (vgl. Ewringmann und Kohlhaas 2004). Diese externen Effekte sind nicht mit
dem Externalisierungsbegriff von Biesecker und von Winterfeld zu verwechseln. Sie
resultieren aus einem punktuellen Marktversagen und können durch die Einführung einer
Pigou-Steuer20 internalisiert bzw. behoben werden.
3.1 Transfer der ÖSR auf die Care-Ökonomie
Ausgehend von dem Ziel der Internalisierung externer Effekte und der Umverteilung
des daraus entstehenden Steueraufkommens muss zunächst gefragt werden, ob bzw.
wie das Denken über externe Effekte auf Care-Arbeit übertragen werden kann. Gemäß
der mikroökonomischen Theorie, wie sie in der Umweltökonomik Anwendung findet
(vgl. Perman et al. 2011), gibt es bei einem externen Effekt zwei Wirtschaftssubjekte.
Ein Subjekt leidet unter einem gewissen Arrangement bzw. einer wirtschaftlichen
Beziehung oder erfährt keinen Nutzen, ein anderes Wirtschaftssubjekt profitiert davon
finanziell oder erfährt keinen Schaden. Zwischen den beiden Subjekten findet keine
Kompensation statt. Diese Gegenspieler*innen, Profitierende und Geschädigte, gibt es
auch in der Care-Ökonomie. Allerdings wird die Übertragung externer Effekte auf die
Care-Ökonomie dadurch kompliziert, dass oft mehr als zwei Subjekte21 teilhaben: In der
Care-Ökonomie gibt es Care Giver (Menschen, die Care-Arbeit leisten), Care Receiver
(Menschen, die Care-Arbeit benötigen) und Provider, welche die (finanziellen) Ressour-
cen für die Beziehung zwischen Care Giver und Care Receiver bereitstellen (Jochimsen
2003, S. 80–82).
20Eine Pigou-Steuer, benannt nach dem Ökonomen Arthur Cecil Pigou, ist eine Steuer pro Einheit
emittierter Emissionen (Perman et al. 2011, S. 165–168).
21Eine derartig komplexe Akteur*innenkonstellation könnte auch im Umweltbereich die Regel dar-
stellen.
381Die Care-Abgabe
Sowohl negative als auch positive externe Effekte könnten in der Care-Ökonomie
auftreten, was zu unterschiedlichen Wegen der Internalisierung und zu verschiedenen
Versionen einer Care-Abgabe führen muss. Die Feministische Ökonomik kennt zahl-
reiche Beispiele für positive externe Effekte von Care-Arbeit (Folbre 2001, S. 89); bei-
spielsweise, dass bezahlte und unbezahlte Care Giver dafür sorgen, dass Arbeitskräfte
für die Marktwirtschaft erstmals oder wieder einsatzbereit werden. Ein Gewinn besteht
folglich in Form bereitgestellter Arbeitskräfte. Hiervon profitieren unter anderem Arbeit-
geber*innen, welche Arbeitskraft für ihr Unternehmen benötigen. Ein weiterer positi-
ver externer Effekt könnte darin bestehen, dass Arbeitskräfte eben nur für ihre Arbeit,
nicht aber entsprechend dem zusätzlichen Wert der Care-Arbeit für ihre Bereitstellung
entlohnt werden, da der Lohn der Beschäftigten nicht die Care-Tätigkeiten als Vor-
leistungen abdeckt. Andere Wirtschaftssubjekte, z. B. Arbeitgeber*innen, können so
Arbeitnehmer*innen entlohnen, ohne den Wert der vorangegangenen oder begleitenden
Care-Arbeit zu berücksichtigen, und profitieren davon finanziell. Diese und viele wei-
tere positive externe Effekte können identifiziert werden, da sowohl das wertschaffende
Subjekt (Care Giver) als auch die wertschaffende Tätigkeit (Care-Arbeit) bekannt sind.
Im Gegensatz zur ÖSR gibt es in der Care-Ökonomie erwünschte Tätigkeiten, nämlich
die Care-Arbeit, welche einen positiven externen Effekt hervorruft, und daher gefördert
werden sollte.
Die ÖSR internalisiert jedoch einen negativen externen Effekt, der in der Ausübung
einer Tätigkeit besteht, welche die Wohlfahrt eines anderen Wirtschaftssubjekts schmä-
lert. Auch negative externe Effekte scheinen in der Care-Ökonomie vorstellbar. Die durch
externe Effekte geschädigten Wirtschaftssubjekte lassen sich leicht identifizieren: Es sind
die Care Giver und die Care Receiver. Care Giver leiden generell unter dem Zeitdruck,
welcher in der privatwirtschaftlichen bezahlten Care-Arbeit aus dem Druck hervorgeht,
Gewinne zu erzielen und Kosten zu sparen. Bezahlte Care-Arbeiter*innen erhalten zudem
typischerweise aufgrund auseinanderdriftender Produktivitäten einen vergleichsweise
geringen Lohn22, der es ihnen erschwert, ihr eigenes Leben zu finanzieren (Himmelweit
2007, S. 593–596). Die gleiche Situation zeigt sich in der bezahlten Care-Arbeit im staat-
lichen Sektor. Gerade dort ist der Zeit- und Spardruck auf Care Giver und Provider ver-
gleichsweise groß (Riegraf 2013, S. 140). Aber auch unbezahlte Care Giver leiden unter
Zeitdruck, der sich oftmals dadurch ergibt, dass Menschen nicht nur Care-Arbeit, sondern
auch Erwerbsarbeit (möglicherweise sogar in der gering bezahlten Care-Arbeit) leis-
ten (müssen). Dies wirkt sich auch auf die Qualität der Care-Arbeit aus, weshalb nach-
folgend auch Care Receiver zu leiden haben (z. B. aufgrund von Vernachlässigung oder
22Neben diesem Effekt stellt die Feministische Ökonomik weitere Erklärungsansätze für geringe
Löhne in der Care-Arbeit zur Verfügung. Beispielsweise, dass Care-Arbeiter*innen deshalb einen
so geringen Lohn empfangen, weil Care-Arbeit als typisch weiblich klassifiziert wird und es allein
deshalb weniger Lohn bedürfe, oder weil nur eine geringe Qualifikation nötig sei, um Care-Arbeit
auszuüben; oder weil Care-Arbeit gewerkschaftlich schlecht vertreten werde (vgl. Folbre 2001).
382 A. Saave-Harnack
unzureichender Versorgung). Darüber hinaus bewirkt die Zuschreibung unbezahlter Care-
Arbeit zu Frauen oftmals eine Benachteiligung von Frauen am Erwerbsarbeitsmarkt. Die
Verlierer negativer externer Effekte in der Care-Ökonomie sind also bekannt.
Für die Internalisierung eines negativen externen Effekts wird jedoch eine schä-
digende Handlung benötigt, die von einem schädigenden Subjekt ausgeht und durch
Besteuerung eingeschränkt werden kann. Gemäß der Logik der externen Effekte müss-
ten also auch Menschen bzw. andere Wirtschaftssubjekte von dieser Situation profitieren.
Im Vergleich zur ÖSR, bei der unerwünschte bzw. mit Wohlfahrtsverlusten verbundene
Aktivitäten besteuert wurden, fallen hier eher erwünschte Tätigkeiten (die Care-Arbeit)
auf. Bezogen auf die Care-Ökonomie kann demnach geurteilt werden, dass hier die Aus-
übung von erwünschten Dienstleistungen aufgrund ihrer Unterbezahlung und Unter-
finanzierung und den daraus resultierenden negativen Konsequenzen Wohlfahrtsverluste
bedingt. Das schädigende Wirtschaftssubjekt scheint also ‚verborgen‘ zu sein.
Übt die Arbeitgeberin im Pflegeheim eine schädigende Handlung aus, wenn sie ihr
Personal zu einer Verkürzung der Pflegezeit pro Patient*in drängt? Oder handelt die Mut-
ter schädigend, welche aufgrund von Doppelbelastung die Care-Arbeit für ihre Kinder
auf das Nötigste beschränkt? Die Arbeitgeberin kann nicht alleine als Verursacherin von
Zeitdruck verstanden werden, denn sie sieht sich gezwungen, profitabel zu wirtschaf-
ten. Dies gilt auch für die Mutter, denn sie kann Care-Verantwortung und Erwerbsarbeit
nicht gleichzeitig ausüben und kann beide Verantwortlichkeiten doch nicht abgeben. Auch
die Profiteure können nicht per se für den negativen externen Effekt auf Care Giver ver-
antwortlich gemacht werden (z. B. im Fall der Mutter, deren Kinder profitieren). Zwar
begründen die Kinder die Notwendigkeit für Care-Arbeit, sie sind jedoch nicht für die
gesellschaftliche Situation verantwortlich, die bei der Mutter zu einer Doppelbelastung
führt. Auch die Arbeitgeberin im Pflegeheim ist nicht allein dafür verantwortlich, ihren
Betrieb wirtschaftlich führen zu müssen – selbst wenn sie als Unternehmerin von der
Möglichkeit profitiert, Care Giver zu einem geringen Lohn zu beschäftigen.
Warum ist es so schwierig, ein schädigendes Subjekt zu benennen? Das Problem
liegt darin begründet, dass in einer kapitalistischen Wirtschaft ständige Effizienz-
steigerung belohnt, und diese vielleicht sogar verlangt wird, auch in der Care-Arbeit.23
23In Anlehnung an Marx, erklärt Rosa, dass sich Zeitgewinne in überlebensnotwendige Profite
übersetzen lassen und somit Zeit im „Wirtschaftssystem der Moderne“ ein entscheidender Wett-
bewerbsfaktor ist, der „in hohem Maße die […] Beschleunigungsimperative der Moderne“ (Rosa
2006, S. 91–92) verstehen lässt. Dieser Imperativ ist auch in der protestantischen Ethik, wie sie
Max Weber darstellt, mit der „Verpflichtung, die Zeit so intensiv wie möglich zu nutzen“ (Rosa
2006, S. 93), erkennbar. Diese Ethik ist für Weber Teil eines grundlegenden Rationalisierungs-
prozesses, der auf Effizienzsteigerung zielt. Die Effizienzsteigerung zeichnet nach Weber „die
rationalen abendländischen Organisations- und Herrschaftsformen der Bürokratie, des Rechts-
staates und der kapitalistischen Wirtschaftsorganisation“ (Rosa 2006, S. 94) aus. Somit betrifft das
Prinzip der Effizienzsteigerung jeden Menschen in einer abendländischen Gesellschaft, sofern er
oder sie in die Bürokratie, den Rechtsstaat oder die Wirtschaft eingebunden ist.
383Die Care-Abgabe
Der Vorstellung bzw. dem Anspruch, immer produktiver werden zu können, sind alle
Wirtschaftssubjekte ausgesetzt. Dabei handelt es sich um eine gesellschaftliche Struk-
tur, wie sie auch Marx in seiner Werttheorie aufdeckt, wenn er feststellt, dass Individuen
ihre eigene Ware teuer verkaufen und fremde Ware billig einkaufen wollen, weil ihnen
„nichts anderes übrigbleibt“ (Heinrich 2005, S. 44). Dieser Struktur müssen die Indivi-
duen folgen, „egal was sie sich dabei denken“ bzw. weil sie „gerade nicht wissen, was
sie da eigentlich tun“ und ihr Verhalten „vielleicht sogar selbst als ‚natürlich‘“ empfinden
(Heinrich 2005, S. 44).
Daher können der Ursprung und die Durchsetzung des Drucks zur ständigen Effizienz-
steigerung nicht allein auf eine einzelne Person zurückgeführt werden. Diejenigen, die
profitieren, können demnach nicht allein als Verursacher bezeichnet werden. Zwar führt
beispielsweise die Arbeitgeberin im Pflegeheim eine schädigende Handlung aus, wenn
sie den Lohn ihrer Care-Arbeiter*innen kürzt. Allerdings kann sie nicht dafür verantwort-
lich gemacht werden, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Ausübung
von Care-Arbeit eine solche Lohnkürzung in Form von Profit belohnen bzw. in Form
von knappen Budgets nötig erscheinen lassen. Diese Überlegungen legen nahe, dass für
die Untersuchung eines negativen externen Effekts in der Care-Ökonomie eine Unter-
scheidung zwischen Profiteur*innen und Verursacher*innen negativer externer Effekte
sinnvoll sein könnte. Dies bedeutet, dass ein einzelner Mensch, der eine schädigende
Handlung nicht nur ausübt, sondern auch veranlasst bzw. zu verantworten hat, sich nicht
findet. Allerdings gibt es eine vorherrschende Vorstellung, die schadet: Es handelt sich um
den Anspruch der Effizienzsteigerung an nicht immer effizienter zu gestaltende Arbeit,
wie die Care-Arbeit, und die damit verbundenen auseinanderdriftenden Produktivitäten.
Im Vergleich zur ÖSR gibt es in der Care-Ökonomie also keine klar identifizierbare
unerwünschte Tätigkeit, wie beispielsweise die Emission klimaschädlicher Gase. Wird
versucht, den externen Effekt in der Care-Ökonomie als einen negativen externen Effekt
zu denken, so wird der Versuch dadurch erschwert, dass kein schädigendes Wirtschafts-
subjekt als Gegenspieler*in bzw. als Verursacher*in des negativen externen Effekts aus-
gemacht werden kann.
3.2 Eine Konzepterweiterung: Die Internalisierung eines
gesamtgesellschaftlichen Prozesses
Die Herausforderung, die Vorstellung von externen Effekten auf die Care-Ökonomie
zu übertragen, lässt sich anschließend an diese Überlegungen in zweierlei Hinsicht auf-
nehmen. Einerseits könnte der Versuch unternommen werden, positive externe Effekte in
der Care-Ökonomie zu internalisieren. Aus Platzgründen kann dieser Gedankengang hier
nicht weiterverfolgt werden. Zwei Möglichkeiten einer solchen Internalisierung sollen
lediglich kurz benannt werden: 1) eine Subvention von Care-Arbeit, wobei die Mittel
hierfür aus einer Steuer auf diejenigen Wirtschaftssubjekte bereitgestellt werden, die von
den positiven externen Effekten der Care-Arbeit profitieren; oder 2) eine Subvention von
384 A. Saave-Harnack
Care-Arbeit in enger Anlehnung an die ÖSR, deren Mittel aus einer Steuer auf umwelt-
schädigende Tätigkeiten bezogen werden, die ihrerseits einen negativen externen Effekt
hervorrufen.
Andererseits kann in Bezug auf Care-Arbeit der Versuch unternommen werden, nega-
tive externe Effekte zu internalisieren, so wie es die ÖSR für klimaschädliche Emissio-
nen im Umweltbereich umsetzt. In diesem Beitrag wird eine solche Weiterentwicklung
der Care-Abgabe im Fokus liegen. Bisher erschien eine Internalisierung als negativer
externer Effekt jedoch wenig aussichtsreich, da kein einzelnes schädigendes Subjekt
als Verursacher des negativen externen Effekts ausgemacht werden konnte. Allerdings
könnte eine Internalisierung auch ohne die Identifikation eines Verursachers erfolgen,
nämlich wenn das mikroökonomische Konzept der externen Effekte erweitert wird. Zwar
gibt es kein verantwortliches schädigendes Subjekt bzw. keinen eigentlichen Verursacher,
doch es existiert ein schädigender Prozess: den der auseinanderdriftenden Produktivi-
täten. Dieser wird hier als Verursacher des Preisdrucks und damit der Prekarisierung
der Care-Arbeit betrachtet, welche sich in geringen Löhnen und hohem Zeitdruck
äußert. Für eine Internalisierung muss demnach der Prozess der auseinanderdriftenden
Produktivitäten eingeschränkt oder beeinflusst werden.
Wenn dieser Gedanke vertieft werden soll, wird jedoch der Bereich einer system-
immanenten Lösung innerhalb der mikroökonomischen Theorie verlassen. Wenn aus-
einanderdriftende Produktivitäten beeinflusst werden, entspricht diese Internalisierung
nicht mehr der Lösung aus der ÖSR. Denn dort wurde die Internalisierung eines nega-
tiven externen Effekts aus dem Umweltbereich über die Reduktion einer wettbewerbs-
verzerrenden Besteuerung von Arbeit in Form von Rentenversicherungsbeiträgen
erreicht. Die Entwicklung der Care-Abgabe löst sich damit von der ÖSR, welche auf
mikro- bzw. umweltökonomischer Theorie basiert und Ausgangspunkt des Transfers
war. Eine Ablösung vom Ursprungsinstrument ist notwendig, da innerhalb des umwelt-
ökonomischen Theorierahmens zu externen Effekten lediglich Wirtschaftssubjekte
beeinflusst werden können, nicht aber Prozesse. Innerhalb dieses Theorierahmens ist
es undenkbar, Prozesse wie die Entwicklung von Preisen, anhand derer auseinander-
driftende Produktivitäten deutlich werden, zu beeinflussen, da diese Prozesse als
quasi-natürlich gelten. So ist auch die Besteuerung von wirtschaftlichen Sektoren mit
(hohen) Produktivitätssteigerungen nicht mit der herkömmlichen Logik der Inter-
nalisierung eines negativen externen Effekts begründbar. Mithilfe einer konzeptionel-
len Erweiterung auf schädigende Prozesse könnte der Staat jedoch auch auf eben diese
Prozesse Einfluss nehmen, um die gesellschaftliche Wohlfahrt zu fördern und einen Bei-
trag zu einer organisierten Beziehung zwischen der Marktwirtschaft einerseits sowie der
bezahlten und unbezahlten Care-Arbeit andererseits zu leisten. Im Zentrum der Weiter-
entwicklung der Care-Abgabe steht damit die Beeinflussung von Prozessen: Der Vor-
schlag der Care-Abgabe lässt sich auf Basis der hier angestellten Überlegungen folglich
als eine Besteuerung von Profiten aus Produktivitätssteigerungen und deren Umver-
teilung zur Care-Arbeit konkretisieren.
385Die Care-Abgabe
Mit der Umverteilung von Profiten ist die Hoffnung verbunden, dass eine erhöhte
Finanzierung nicht nur die direkten Arbeitsbedingungen der Care Giver und die Lebens-
bedingungen der Care Receiver verbessern könnte. Sie könnte auch bestehende Machtver-
hältnisse in der Care-Ökonomie, die durch niedrige Löhne verstetigt werden, aufbrechen.
Ein Finanzierungsinstrument, wie die Care-Abgabe, führt jedoch nicht automatisch
zur Bearbeitung von Machtverhältnissen oder zu einer Umverteilung von Care-Arbeit.
Damit die Care-Abgabe ein feministisches Instrument wird und Geschlechterverhältnisse
zugunsten von Care Givern und Care Receivern bearbeitet werden, müssen Themen wie
Macht, Zugang zu Einkommen, Umverteilung von Arbeit usw. stärker in den Fokus rücken.
Die Feministische Autorinnengruppe schlägt für ein solches Vorhaben entsprechende
Unternehmenssteuern vor (2013, S. 115). Auch Madörin argumentiert, dass mithilfe von
Unternehmenssteuern „die öffentliche respektive kollektive Finanzierung der kosten-
kranken und unbezahlten Leistungen massiv“ (2011a, S. 64) ausgebaut werden könnte.
Diese Vorschläge zur Besteuerung von Unternehmen könnten auch für die konkrete
Umsetzung der Care-Abgabe, also für die konkrete Umsetzung der Besteuerung von Pro-
fiten aus Produktivitätssteigerungen aufgegriffen werden. An dieser Stelle können jedoch
nur erste Ideen zur Umsetzung der Care-Abgabe und einer solchen Unternehmenssteuer
genannt werden. Um herauszufinden, was genau besteuert werden kann, sind letztlich
Statistiken über die Wertschöpfungsstärke und Produktivitätsentwicklungen aller volks-
wirtschaftlichen Sektoren sowie die Höhe der maximal möglichen Besteuerung ver-
schiedener Größen (z. B. Umsatz, Gewinn, Finanztransaktionen) nötig. Da ein enormer
Finanzierungsbedarf für Care-Arbeit besteht, muss die Wahl der zu besteuernden Größe
gut abgewägt werden. Der Finanzierungsbedarf hängt allerdings auch davon abhängt, wie
viel Care-Arbeit eine Gesellschaft zu monetarisieren oder zu kompensieren beschließt.
Einige Herausforderungen dieser Care-Abgabe sollen gleich vorweggenommen
werden: In einer kapitalistischen Ökonomie könnte das Instrument an die Grenzen
der politischen Durchsetzbarkeit geraten, da es z. B. zulasten der Durchschnittsprofit-
rate geht oder als Strafe für Produktivitätssteigerungen aufgefasst werden könnte.
Bestimmte gesellschaftliche Gruppen mit traditionell großem politischen Einfluss könn-
ten befürchten, unter solchen möglichen Folgen des Instruments zu leiden, und hätten
daher vermutlich ein starkes Interesse, die Umsetzung einer solchen Care-Abgabe zu
verhindern. Und selbst wenn eine erfolgreiche Implementierung in Deutschland möglich
würde, muss als eventuelle Folge der Implementierung bedacht werden, dass Probleme
in den globalen Reproduktionsketten lediglich verlagert werden könnten.
3.3 Evaluation der Care-Abgabe anhand der Qualitätsansprüche
Vorsorgenden Wirtschaftens
Anhand der bisherigen Ausführungen, lässt sich in Bezug auf die drei formulierten Quali-
tätsansprüche an carepolitische Instrumente aus Abschn. 2.3.3 die eingangs gestellte Frage
beantworten: Ist Care-Abgabe geeignet, um Vorsorgendes Wirtschaften zu ermöglichen?
386 A. Saave-Harnack
Zunächst erfüllt die Care-Abgabe den Qualitätsanspruch, eine solidarische und
kooperative Daseinsvorsorge zu bieten. Denn wenn der Prozess der auseinanderdriftenden
Produktivitäten verändert wird, und somit finanzielle Ressourcen umverteilt werden,
dann wären Care Giver in Bezug auf ihre Finanzierung nicht mehr auf sich selbst zurück-
geworfen. Durch die Umverteilung kann das Wirtschaften als Ganzes kooperativer
werden, da wirtschaftliche Aktivitäten mit verschiedenen Produktivitäten stärker
ineinandergreifen würden. Allerdings wird dieser Qualitätsanspruch eher abstrakt erfüllt,
da eine Kooperation im Sinne verständiger Kooperation zwischen einzelnen Menschen
(vgl. Theoriegruppe Vorsorgendes Wirtschaften 2000, S. 51) nicht erreicht wird. Den-
noch kann die Care-Abgabe als solidarisches Instrument verstanden werden, im Sinne
einer Solidarität, die über individuelle Betroffenheitslagen und zwischenmenschliche
Involviertheit hinausgeht und auf einer gesellschaftsübergreifenden Umverteilung beruht.
Zudem erfüllt die hier entwickelte Care-Abgabe den Anspruch, das Ganze der Öko-
nomie und das Ganze der Arbeit zu adressieren, da sie explizit produktives respektive
marktbasiertes Wirtschaften und die Care-Arbeit aufeinander bezieht, wobei Care-Arbeit
nur teilweise über den Markt vermittelt wird und als reproduktiv gilt. Die Care-Abgabe
leistet einen Eingriff in den Prozess der auseinanderdriftenden Produktivitäten und kann
so die wirtschaftlich oftmals unsichtbare oder abgewertete Care-Arbeit fördern und beto-
nen. Dies trägt zur Sichtbarkeit des Ganzen der Arbeit, nämlich auch der unbezahlten
oder unterbezahlten und darum weniger sichtbaren Arbeit, sowie des Ganzen der Öko-
nomie – auch dem Wirtschaften im Haushalt oder im ehrenamtlichen Engagement – bei.
Dieser Eingriff geht mit der Neubewertung bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit ein-
her. Diese soll mit der Care-Abgabe schließlich einer grundlegend anderen Finanzie-
rung unterzogen werden, weshalb die Care-Abgabe auch den dritten Qualitätsanspruch
der Neubewertung oder Kompensation von Care-Arbeit erfüllt. Mit dem Eingriff der
Care-Abgabe in den Prozess der auseinanderdriftenden Produktivitäten schöpft dieses
wirtschaftspolitische Instrument Gewinne aus Produktivitätssteigerungen ab, verteilt
diese um und löst so das Finanzierungsproblem von Care. Der Eingriff scheint ange-
sichts der zu Beginn dargestellten Krisen in der Care-Ökonomie sinnvoll, selbst wenn
herkömmliche Verständnisse von Produktivität beibehalten werden. Allerdings wei-
sen die Autorinnen Vorsorgenden Wirtschaftens darauf hin, wie notwendig es ist, das
gesamtgesellschaftliche Verständnis von Produktivität zu verändern und somit auch
reproduktive Bereiche als produktiv zu erkennen (Biesecker und Hofmeister 2010a,
S. 1703).24
Kann auch die Ablösung des herkömmlichen, eng gefassten Produktivitätsbegriffs
durch die Care-Abgabe gelingen? Der eng gefasste Produktivitätsbegriff muss sogar
abgelöst werden, denn bevor die Care-Abgabe implementiert wird, muss bereits ein
24Hierbei legen die Autorinnen ihr Konzept der (Re)Produktivität zugrunde und beziehen sich nicht
auf die mehrwerttheoretische Bedeutung produktiver Arbeit im Marx’schen Sinne (vgl. Biesecker
und Hofmeister 2013).
387Die Care-Abgabe
Verständnis für die gesamtgesellschaftliche Finanzierungsverantwortung reproduktiver
Care-Tätigkeiten vorhanden sein. Die Idee der Besteuerung von Produktivitäts-
zuwächsen zugunsten scheinbar wenig produktiver Tätigkeiten muss zunächst denkbar
werden. Es muss für möglich gehalten werden, dass weniger produktive Tätigkeiten
doch wertvoll bzw. produktiv im Verständnis Vorsorgenden Wirtschaftens sind,
unabhängig davon, ob sie einen finanziellen Mehrwert generieren. Eine Veränderung
des Produktivitätsverständnisses ist demnach Grundvoraussetzung für die Care-Abgabe.
Darum ist sie eng mit der Neuformulierung des Produktivitätsbegriffs verknüpft. Im Hin-
blick auf die Kategorie (Re)Produktivität, welche ebenfalls eine Neuformulierung des
Begriffs der Produktivität zum Ziel hat, stellt sich die Care-Abgabe folglich als vielver-
sprechend für die Umsetzung Vorsorgenden Wirtschaftens dar.
Zudem ermöglicht die Care-Abgabe, dass Care-Tätigkeiten trotz ihrer ‚schwa-
chen Wertschöpfung‘ (Aigner 2014, S. 15) ausgeführt werden können, und nicht an
bestehende kapitalistische Rahmenbedingungen, wie dem Anspruch an Effizienz-
steigerung, angepasst werden müssen. Dieses neue carepolitische Instrument ermög-
licht so eine Offenlegung des Landnahme-Verhältnisses zwischen Kapitalinteressen und
Care-Tätigkeiten bzw. zwischen Mehrwertproduktion und Reproduktion.
Zusammenfassend betrachtet, hat die Care-Abgabe das Potenzial, den herkömmlichen
Produktivitätsbegriff aufzubrechen und durch ein neues Verständnis (re)produktiver Pro-
zesse abzulösen. So könnte das Verhältnis von Produzieren und Reproduzieren in der
Care-Ökonomie neu bestimmt und Vorsorgendes Wirtschaften ermöglicht werden. Die-
ses Potenzial bekräftigt Biesecker25, in dem sie die Care-Abgabe als ‚trojanisches Pferd‘
hervorhebt:
Wir setzen in diesem System an, bleiben bei diesem Produktivitätsbegriff, schöpfen da
etwas ab, ermöglichen damit Care-Prozesse, besser bezahlte Care-Prozesse, die aber […]
einer eigentlich ganz anderen Logik folgen.
Die Care-Abgabe schließt somit außerdem eine Lücke im Hinblick auf Vorsorgendes
Wirtschaften, welche sich aus den wenigen konkreten Empfehlungen zur Gestaltung der
Rahmenordnung der sozialen Reproduktion ergab, wie in Abschn. 2.3.2 dargestellt.
4 Fazit
Der Beitrag verfolgte das Ziel, Soilands Vorschlag für eine Care-Abgabe zu konkreti-
sieren und zu evaluieren. Die Care-Abgabe ist ein noch nicht existierendes wirtschafts-
politisches Instrument und soll das gesellschaftliche Problem mangelnder finanzieller
Ressourcen für die adäquate Bereitstellung von Care-Arbeit in industrialisierten
25Das Interview wurde am 25.04.2015 von der Autorin dieses Beitrags mit Adelheid Biesecker im
Rahmen einer Abschlussarbeit durchgeführt.
388 A. Saave-Harnack
Gesellschaften, insbesondere in deutschsprachigen Ländern, durch eine Umverteilung
finanzieller Ressourcen lösen. Das Ziel der Care-Abgabe ist eine dauerhafte staatliche
Finanzierungslösung für die Bereitstellung bezahlter sowie unbezahlter Care-Arbeit,
da die Sorge füreinander keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche Heraus-
forderung ist.
Als theoretischer Rahmen für die Weiterentwicklung der Care-Abgabe wurde Vor-
sorgendes Wirtschaften eingeführt. Es kann als Alternative zur Mainstream-Ökonomik
betrachtet werden und vereint Erkenntnisse aus Feministischer und Ökologischer Öko-
nomik. Vorsorgendes Wirtschaften hebt sich, z. B. mit der Kategorie (Re)Produktivität
und der Analyse einer der Trennungsstruktur in Ökonomie und Ökonomik, deutlich von
der Neoklassik ab. Es rückt die Parallelität von Krisen in den Bereichen Umwelt und
Care in den Mittelpunkt, welche beide oft als reproduktiv verstanden werden.
Soiland verweist mit dem Vorschlag für eine Care-Abgabe auf einen mög-
lichen Transfer umweltökonomischer Lösungen für Probleme im Umweltbereich auf
Finanzierungsprobleme von Care-Arbeit. Ausgehend davon, dass der Vorschlag zwar
mögliches Lösungspotenzial enthält, aber bisher nur skizzenhaft vorliegt, musste er zu
einem konkreteren wirtschaftspolitischen Instrument weiterentwickelt werden. Diese
Weiterentwicklung gelang durch den Transfer eines umweltorientierten wirtschafts-
politischen Instruments auf die Care-Ökonomie, wie im Vorschlag angelegt. Als Basis
des Transfers diente die ÖSR, welche auf die Internalisierung negativer externer Effekte
zielt. Die ÖSR entspringt dem Mainstream der umweltökonomischen Literatur. Bei
der Weiterentwicklung der Care-Abgabe sorgte eine Evaluation anhand von Qualitäts-
ansprüchen an carepolitische Instrumente aus der Perspektive Vorsorgenden Wirtschaf-
tens dafür, dass das resultierende Instrument sowohl das Finanzierungsproblem von
Care-Arbeit angehen würde als auch eine größere Vision für die Überwindung mul-
tipler ökonomischer Krisen unterstützten könnte, anstatt die Ausblendungen der neo-
klassischen Literatur sowohl im Umweltbereich als auch in der Care-Ökonomie zu
wiederholen. Die Beurteilung der Care-Abgabe wurde dabei von der Frage geleitet:
Ermöglicht das wirtschaftspolitische Instrument, welches aus dem Transfer eines
umweltpolitischen Instruments auf die Care-Ökonomie resultiert, Vorsorgendes Wirt-
schaften?
Die hier entwickelte Care-Abgabe könnte eine Teillösung für die Überwindung von
Krisen in der Care-Ökonomie darstellen. Sie verfolgt das Ziel, die gesellschaftliche
Organisation der Bereitstellung von Care durch eine neue Form der Finanzierung zu ver-
bessern, was angesichts der eingangs dargestellten Herausforderungen dringend nötig ist.
Hierbei wird davon ausgegangen, dass Care-Arbeit heute sowohl als marktvermittelter als
auch als nicht-marktbasierter Wirtschaftsbereich zu verstehen ist, welcher von negativen
externen Effekten betroffen ist. Von diesem Szenario ausgehend, stellte sich die Identi-
fikation des Verursachers einer schädlichen Aktivität, welche negative externe Effekte
hervorruft, als schwierig dar. Statt einer einzelnen Person erwies sich der Prozess der
auseinanderdriftenden Produktivitäten als geeigneterer Anker für die Internalisierung
negativer externer Effekte in der Care-Ökonomie. Die Care-Abgabe steht somit für eine
389Die Care-Abgabe
Umverteilung von Profiten aus Wirtschaftssektoren, die Produktivitätssteigerungen ver-
zeichnen können, zur Care-Arbeit. Damit birgt die Care-Abgabe auch Herausforderungen
in Bezug auf ihre politische Durchsetzbarkeit, da Kapitalinteressen in Deutschland große
politische Macht besitzen und einer solidarischen Finanzierung von Care-Arbeit ent-
gegenstehen könnten.
Die Evaluation dieses hier entwickelten Instruments ergab, dass die Care-Abgabe zur
Umsetzung Vorsorgenden Wirtschaftens geeignet ist. Allerdings erscheint dieses Instru-
ment nur sinnvoll, wenn zuvor die gängige Vorstellung von Produktivität durch ein ande-
res Konzept abgelöst werden kann, welches sowohl produktive als auch reproduktive
Sphären als wertschaffende Teile unserer Ökonomie begreift, wie es auch die Kategorie
(Re)Produktivität aus dem Vorsorgenden Wirtschaften nahelegt. Mittels der Beurteilung
der weiterentwickelten Care-Abgabe durch die Perspektive Vorsorgenden Wirtschaf-
tens wird auch sichtbar, was wirtschaftstheoretische Zugänge des Mainstreams nicht
geleistet haben, nämlich beispielsweise einen Produktivitätsbegriff zu entwickeln, der
reproduktive Tätigkeiten einschließt. Somit kann einerseits deutlich gemacht werden,
warum es (in gewissen Bereichen) sinnvoll ist, eine andere Ökonomik statt den Main-
stream der (Umwelt)Ökonomik anzuwenden. Andererseits bietet Vorsorgendes Wirt-
schaften zwar eine sehr ausgearbeitete alternativ-ökonomische Weltsicht an, jedoch
werden dabei nicht alle Zugänge anderer Pluraler Ökonomiken zur Care-Ökonomie
abgebildet. Die Erkenntnisse Vorsorgenden Wirtschaftens ließen sich daher mit Theorien
zu auseinanderdriftenden Produktivitäten und Überlegungen zu Landnahme komplemen-
tieren, welche diejenigen ökonomischen Verhältnisse in der Care-Ökonomie besser ver-
stehen lassen, die ausschlaggebend für die Notwendigkeit einer Care-Abgabe sind.
Die hier vorgestellte Entwicklung der Care-Abgabe ist durch ihren Fokus auf die der
Ökologischen Steuerreform unterliegende Logik Internalisierung externer Effekte und
auch durch den Fokus auf die Suche nach möglichen Finanzierungen für Care-Arbeit
limitiert. Daher blieb die Frage unbeantwortet, wie finanzielle Mittel zu Care Givern,
Care Receivern und Providern verteilt werden können. Andere Autor*innen haben diese
Frage bereits bearbeitet (vgl. Himmelweit 2007). Insbesondere bleibt zu klären, wie Care
Giver auch in Haushalten mit geringem Einkommen von Umverteilung profitieren kön-
nen, vor allem wenn diese sich selbst keine bezahlte Haushaltshilfe bzw. Care-Arbeit
leisten können und keinen Zugang zu öffentlichen Care-Einrichtungen haben. Mit dieser
Konkretisierung der Care-Abgabe soll dabei ausdrücklich nicht die Bereitstellung von
Care-Arbeit über den Ausbau ihrer Finanzierung gegen eine andere (z. B. nicht geld-
vermittelte) mögliche Bereitstellung von Care-Arbeit ausgespielt werden.26 Stattdessen
wurde nach Möglichkeiten gesucht, die Finanzierung von Care-Arbeit in Deutschland
zu verbessern, sowie nach einer möglichen Begründung für diese Veränderung unter
der Annahme, dass eine adäquatere Finanzierung von Care-Arbeit die Situation der
26Andere Autorinnen weisen darauf hin, dass es mehrere Formen der Bereitstellung von Care-
Arbeit geben kann und soll (vgl. z. B. Madörin 2011a, S. 66).
390 A. Saave-Harnack
beteiligten Akteur*innen verbessern würde. Der Finanzierungsaspekt ist neben der Ver-
teilung von Vermögen, von Arbeitszeit in der Care-Arbeit und von Chancen auf dem
Erwerbsarbeitsmarkt nur ein Teilbereich, welcher für eine (geschlechter)gerechte Orga-
nisation von Care-Arbeit bedacht werden muss.
Die Untersuchung der Care-Abgabe und der dazugehörige Transfer der Ökologischen
Steuerreform auf die Care-Ökonomie zeigen, dass umweltpolitische und carepolitische
Instrumente sich nicht ausschließen müssen, sondern dass die Kombination der ihnen
zugrunde liegenden Ideen und ihr Vergleich neue Lösungsmöglichkeiten für Probleme
aus den beiden Bereichen eröffnen können. Der Transfer mündete hier in die Ausweitung
des Konzepts der externen Effekte auf wirtschaftliche Prozesse, insbesondere auf aus-
einander driftende Produktivitäten. Dies könnte die Beziehung zwischen der Marktöko-
nomie und der (teils ebenfalls marktvermittelten) Care-Ökonomie neu strukturieren. Die
hier genutzte feministische und umweltökonomische Literatur haben als Forschungs-
felder beide das Potenzial, die Auslassungen der Neoklassik zu korrigieren und zu einer
pluraleren Ökonomik beizutragen. Statt die Spaltung dieser Forschungsfelder voranzu-
treiben, suchte dieser Beitrag nach Möglichkeiten für vereinte Auflösungen bestehender
Herrschaftsverhältnisse und nach einem gemeinsamen neuen Paradigma in Ökonomie
und Ökonomik, das sowohl Care als auch (Re)Produktivität einschließt, und diese als
ökonomisch relevante Teile für das Gute Leben begreift. Der Beitrag verbindet die hier
aufgegriffenen Strömungen Pluraler Ökonomik mit der Suche nach konkreten trans-
formativen Instrumenten, um zu einer gelebten pluralen Ökonomie zu finden.
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... Die Theorien, die dem Schlagwort der Einverleibung zugeordnet wurden, behandeln jeweils die hineinholende Nutzung von Ressourcen oder Arbeitskräften im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise. Ausgegangen bin ich dabei von Theorien zur Landnahme, die ich in Vorarbeiten als möglicherweise komplementär zu Theorien der externen Effekte untersucht habe (Saave-Harnack 2019). In der Literaturrecherche stellte sich jedoch heraus, dass Landnahmetheorien an Marx' ursprüngliche Akkumulation und Luxemburgs fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation anknüpfen -zumindest in ihrer groben Argumentationslinie, dass kapitalistisches Wirtschaften auf die Existenz nicht-kapitalistischer Bereiche angewiesen ist. ...
... In Bezug auf die Innen-Außen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise ist diese theoretische Perspektive externer Effekte aus zwei Gründen jedoch limitiert: Die Herausforderungen des Problems der externen Effekte und potenzielle Lösungsmöglichkeiten habe ich hier anhand von ökonomischen Sachverhalten mit Umweltbezug nachgezeichnet. Obwohl sich dies mit dem Hauptanwendungsgebiet der Theorien der externen Effekte und der Sozialkosten deckt, könnten externe Effekte auch im Bereich des Sozialen, beispielsweise bei der sozialen Reproduktion, untersucht werden (Saave-Harnack 2019). Externe Effekte sowie Sozialkosten könnten auch das Außen der sozialen Reproduktionstätigkeiten betreffen, denn auch unbezahlte Care-Arbeit und Tätigkeiten der sozialen Reproduktion sparen Lohnkosten (positiver externer Effekt). ...
Chapter
Die kapitalistische Produktionsweise ist abhängig von einem Außen, das sie über das Hineinholen von Ressourcen und Auslagern von Kosten in Anspruch nimmt. Anna Saave unternimmt eine theoretisch versierte und elaborierte Analyse der komplexen Externalisierungs- und Einverleibungsprozesse des Kapitalismus. Sie leistet einen anspruchsvollen Beitrag zu einer kritischen Analyse kapitalistischer Dynamiken samt der in Dienst genommenen, unsichtbar gemachten konstitutiven Außenbereiche und verdeutlicht, dass der Kapitalismus nur als big picture in den Blick genommen werden kann. Die Diskussion bietet anschlussfähige Impulse für feministische, ökologische und andere soziale Politiken.
... Die Theorien, die dem Schlagwort der Einverleibung zugeordnet wurden, behandeln jeweils die hineinholende Nutzung von Ressourcen oder Arbeitskräften im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise. Ausgegangen bin ich dabei von Theorien zur Landnahme, die ich in Vorarbeiten als möglicherweise komplementär zu Theorien der externen Effekte untersucht habe (Saave-Harnack 2019). In der Literaturrecherche stellte sich jedoch heraus, dass Landnahmetheorien an Marx' ursprüngliche Akkumulation und Luxemburgs fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation anknüpfen -zumindest in ihrer groben Argumentationslinie, dass kapitalistisches Wirtschaften auf die Existenz nicht-kapitalistischer Bereiche angewiesen ist. ...
... In Bezug auf die Innen-Außen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise ist diese theoretische Perspektive externer Effekte aus zwei Gründen jedoch limitiert: Die Herausforderungen des Problems der externen Effekte und potenzielle Lösungsmöglichkeiten habe ich hier anhand von ökonomischen Sachverhalten mit Umweltbezug nachgezeichnet. Obwohl sich dies mit dem Hauptanwendungsgebiet der Theorien der externen Effekte und der Sozialkosten deckt, könnten externe Effekte auch im Bereich des Sozialen, beispielsweise bei der sozialen Reproduktion, untersucht werden (Saave-Harnack 2019). Externe Effekte sowie Sozialkosten könnten auch das Außen der sozialen Reproduktionstätigkeiten betreffen, denn auch unbezahlte Care-Arbeit und Tätigkeiten der sozialen Reproduktion sparen Lohnkosten (positiver externer Effekt). ...
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Die kapitalistische Produktionsweise ist abhängig von einem Außen, das sie über das Hineinholen von Ressourcen und Auslagern von Kosten in Anspruch nimmt. Anna Saave unternimmt eine theoretisch versierte und elaborierte Analyse der komplexen Externalisierungs- und Einverleibungsprozesse des Kapitalismus. Sie leistet einen anspruchsvollen Beitrag zu einer kritischen Analyse kapitalistischer Dynamiken samt der in Dienst genommenen, unsichtbar gemachten konstitutiven Außenbereiche und verdeutlicht, dass der Kapitalismus nur als big picture in den Blick genommen werden kann. Die Diskussion bietet anschlussfähige Impulse für feministische, ökologische und andere soziale Politiken.
... Die Theorien, die dem Schlagwort der Einverleibung zugeordnet wurden, behandeln jeweils die hineinholende Nutzung von Ressourcen oder Arbeitskräften im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise. Ausgegangen bin ich dabei von Theorien zur Landnahme, die ich in Vorarbeiten als möglicherweise komplementär zu Theorien der externen Effekte untersucht habe (Saave-Harnack 2019). In der Literaturrecherche stellte sich jedoch heraus, dass Landnahmetheorien an Marx' ursprüngliche Akkumulation und Luxemburgs fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation anknüpfen -zumindest in ihrer groben Argumentationslinie, dass kapitalistisches Wirtschaften auf die Existenz nicht-kapitalistischer Bereiche angewiesen ist. ...
... In Bezug auf die Innen-Außen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise ist diese theoretische Perspektive externer Effekte aus zwei Gründen jedoch limitiert: Die Herausforderungen des Problems der externen Effekte und potenzielle Lösungsmöglichkeiten habe ich hier anhand von ökonomischen Sachverhalten mit Umweltbezug nachgezeichnet. Obwohl sich dies mit dem Hauptanwendungsgebiet der Theorien der externen Effekte und der Sozialkosten deckt, könnten externe Effekte auch im Bereich des Sozialen, beispielsweise bei der sozialen Reproduktion, untersucht werden (Saave-Harnack 2019). Externe Effekte sowie Sozialkosten könnten auch das Außen der sozialen Reproduktionstätigkeiten betreffen, denn auch unbezahlte Care-Arbeit und Tätigkeiten der sozialen Reproduktion sparen Lohnkosten (positiver externer Effekt). ...
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Die kapitalistische Produktionsweise ist abhängig von einem Außen, das sie über das Hineinholen von Ressourcen und Auslagern von Kosten in Anspruch nimmt. Anna Saave unternimmt eine theoretisch versierte und elaborierte Analyse der komplexen Externalisierungs- und Einverleibungsprozesse des Kapitalismus. Sie leistet einen anspruchsvollen Beitrag zu einer kritischen Analyse kapitalistischer Dynamiken samt der in Dienst genommenen, unsichtbar gemachten konstitutiven Außenbereiche und verdeutlicht, dass der Kapitalismus nur als big picture in den Blick genommen werden kann. Die Diskussion bietet anschlussfähige Impulse für feministische, ökologische und andere soziale Politiken.
... Die Theorien, die dem Schlagwort der Einverleibung zugeordnet wurden, behandeln jeweils die hineinholende Nutzung von Ressourcen oder Arbeitskräften im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise. Ausgegangen bin ich dabei von Theorien zur Landnahme, die ich in Vorarbeiten als möglicherweise komplementär zu Theorien der externen Effekte untersucht habe (Saave-Harnack 2019). In der Literaturrecherche stellte sich jedoch heraus, dass Landnahmetheorien an Marx' ursprüngliche Akkumulation und Luxemburgs fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation anknüpfen -zumindest in ihrer groben Argumentationslinie, dass kapitalistisches Wirtschaften auf die Existenz nicht-kapitalistischer Bereiche angewiesen ist. ...
... In Bezug auf die Innen-Außen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise ist diese theoretische Perspektive externer Effekte aus zwei Gründen jedoch limitiert: Die Herausforderungen des Problems der externen Effekte und potenzielle Lösungsmöglichkeiten habe ich hier anhand von ökonomischen Sachverhalten mit Umweltbezug nachgezeichnet. Obwohl sich dies mit dem Hauptanwendungsgebiet der Theorien der externen Effekte und der Sozialkosten deckt, könnten externe Effekte auch im Bereich des Sozialen, beispielsweise bei der sozialen Reproduktion, untersucht werden (Saave-Harnack 2019). Externe Effekte sowie Sozialkosten könnten auch das Außen der sozialen Reproduktionstätigkeiten betreffen, denn auch unbezahlte Care-Arbeit und Tätigkeiten der sozialen Reproduktion sparen Lohnkosten (positiver externer Effekt). ...
Chapter
Die kapitalistische Produktionsweise ist abhängig von einem Außen, das sie über das Hineinholen von Ressourcen und Auslagern von Kosten in Anspruch nimmt. Anna Saave unternimmt eine theoretisch versierte und elaborierte Analyse der komplexen Externalisierungs- und Einverleibungsprozesse des Kapitalismus. Sie leistet einen anspruchsvollen Beitrag zu einer kritischen Analyse kapitalistischer Dynamiken samt der in Dienst genommenen, unsichtbar gemachten konstitutiven Außenbereiche und verdeutlicht, dass der Kapitalismus nur als big picture in den Blick genommen werden kann. Die Diskussion bietet anschlussfähige Impulse für feministische, ökologische und andere soziale Politiken.
... Die Theorien, die dem Schlagwort der Einverleibung zugeordnet wurden, behandeln jeweils die hineinholende Nutzung von Ressourcen oder Arbeitskräften im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise. Ausgegangen bin ich dabei von Theorien zur Landnahme, die ich in Vorarbeiten als möglicherweise komplementär zu Theorien der externen Effekte untersucht habe (Saave-Harnack 2019). In der Literaturrecherche stellte sich jedoch heraus, dass Landnahmetheorien an Marx' ursprüngliche Akkumulation und Luxemburgs fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation anknüpfen -zumindest in ihrer groben Argumentationslinie, dass kapitalistisches Wirtschaften auf die Existenz nicht-kapitalistischer Bereiche angewiesen ist. ...
... In Bezug auf die Innen-Außen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise ist diese theoretische Perspektive externer Effekte aus zwei Gründen jedoch limitiert: Die Herausforderungen des Problems der externen Effekte und potenzielle Lösungsmöglichkeiten habe ich hier anhand von ökonomischen Sachverhalten mit Umweltbezug nachgezeichnet. Obwohl sich dies mit dem Hauptanwendungsgebiet der Theorien der externen Effekte und der Sozialkosten deckt, könnten externe Effekte auch im Bereich des Sozialen, beispielsweise bei der sozialen Reproduktion, untersucht werden (Saave-Harnack 2019). Externe Effekte sowie Sozialkosten könnten auch das Außen der sozialen Reproduktionstätigkeiten betreffen, denn auch unbezahlte Care-Arbeit und Tätigkeiten der sozialen Reproduktion sparen Lohnkosten (positiver externer Effekt). ...
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Die kapitalistische Produktionsweise ist abhängig von einem Außen, das sie über das Hineinholen von Ressourcen und Auslagern von Kosten in Anspruch nimmt. Anna Saave unternimmt eine theoretisch versierte und elaborierte Analyse der komplexen Externalisierungs- und Einverleibungsprozesse des Kapitalismus. Sie leistet einen anspruchsvollen Beitrag zu einer kritischen Analyse kapitalistischer Dynamiken samt der in Dienst genommenen, unsichtbar gemachten konstitutiven Außenbereiche und verdeutlicht, dass der Kapitalismus nur als big picture in den Blick genommen werden kann. Die Diskussion bietet anschlussfähige Impulse für feministische, ökologische und andere soziale Politiken.
... Die Theorien, die dem Schlagwort der Einverleibung zugeordnet wurden, behandeln jeweils die hineinholende Nutzung von Ressourcen oder Arbeitskräften im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise. Ausgegangen bin ich dabei von Theorien zur Landnahme, die ich in Vorarbeiten als möglicherweise komplementär zu Theorien der externen Effekte untersucht habe (Saave-Harnack 2019). In der Literaturrecherche stellte sich jedoch heraus, dass Landnahmetheorien an Marx' ursprüngliche Akkumulation und Luxemburgs fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation anknüpfen -zumindest in ihrer groben Argumentationslinie, dass kapitalistisches Wirtschaften auf die Existenz nicht-kapitalistischer Bereiche angewiesen ist. ...
... In Bezug auf die Innen-Außen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise ist diese theoretische Perspektive externer Effekte aus zwei Gründen jedoch limitiert: Die Herausforderungen des Problems der externen Effekte und potenzielle Lösungsmöglichkeiten habe ich hier anhand von ökonomischen Sachverhalten mit Umweltbezug nachgezeichnet. Obwohl sich dies mit dem Hauptanwendungsgebiet der Theorien der externen Effekte und der Sozialkosten deckt, könnten externe Effekte auch im Bereich des Sozialen, beispielsweise bei der sozialen Reproduktion, untersucht werden (Saave-Harnack 2019). Externe Effekte sowie Sozialkosten könnten auch das Außen der sozialen Reproduktionstätigkeiten betreffen, denn auch unbezahlte Care-Arbeit und Tätigkeiten der sozialen Reproduktion sparen Lohnkosten (positiver externer Effekt). ...
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Einverleiben und Externalisieren Zur Innen-Außen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise Die kapitalistische Produktionsweise ist abhängig von einem Außen, das sie über das Hineinholen von Ressourcen und Auslagern von Kosten in Anspruch nimmt. Anna Saave unternimmt eine theoretisch versierte und elaborierte Analyse der komplexen Externalisierungs- und Einverleibungsprozesse des Kapitalismus. Sie leistet einen anspruchsvollen Beitrag zu einer kritischen Analyse kapitalistischer Dynamiken samt der in Dienst genommenen, unsichtbar gemachten konstitutiven Außenbereiche und verdeutlicht, dass der Kapitalismus nur als big picture in den Blick genommen werden kann. Die Diskussion bietet anschlussfähige Impulse für feministische, ökologische und andere soziale Politiken.
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The chapter introduces an ecofeminist political-economy perspective that can inform social-ecological transformation projects and respective societal changes of the early 21st century in the Global North. The text highlights a main controversy around ecofeminism, introduces ecofeminism’s historical insights, then focuses on ecofeminist political economy in particular and concludes with a remark on the expression of rage.
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Care work has received increased attention due to the ongoing SARS-CoV-2 pandemic. While care workers were celebrated as heroes of the pandemic, chronic staff shortages and the situation of overworked staff became more apparent. The use of care robots is supposed to counteract the care crisis and lead to far-reaching improvements in the work situation of staff. Based on qualitative interviews, this article examines how employees working in long-term care evaluate the future use of robotics. • Employees imagine the widespread use of robotics as a central scenario for the future of care but remain sceptical of its consequences. • Additionally, while employees can imagine that certain service and transport activities could be taken over by robotics, there is concern about the rationalization and suppression of the emotional/empathic side of care work. • The results clearly show that robotics cannot guarantee good care work. Nor can it solve the underlying causes of the care crisis, which are inherent to the structural devaluation of care work.
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Der Autor entwickelt die These, dass die zunächst befreiende und befähigende Wirkung der modernen sozialen Beschleunigung, die mit den technischen Geschwindigkeitssteigerungen des Transports, der Kommunikation oder der Produktion zusammenhängt, in der Spätmoderne in ihr Gegenteil umzuschlagen droht. Das Tempo des Lebens hat zugenommen und mit ihm Stress, Hektik und Zeitnot, so hört man allerorten klagen – obwohl wir auf nahezu allen Gebieten des sozialen Lebens mithilfe der Technik enorme Zeitgewinne durch Beschleunigung verzeichnen können. Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen. Dafür, so die leitende These der Arbeit, ist es erforderlich, die Logik der Beschleunigung zu entschlüsseln.
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A first systematic, model-based analysis of the environmental fiscal reform in Germany is undertaken with an econometric model and an empirical general equilibrium model. It indicates moderate but slightly positive effects on employment, energy consumption and CO2 emissions. The influence on economic growth is very low; employment is growing slightly, while energy consumption and CO2 emissions are decreasing. The sectoral development shows no universal pattern for a structural change to the dis advantage of energy intensive industries and to the benefit of labour intensive branches. The effects on personal income distribution, estimated with a micro simulation model, are moderate. The environmental fiscal reform could play a larger role in climate protection. Weaknesses of the previous concept should be removed gradually.
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„Wie wäre die Aufhebung der perversen Koppelung von Produktivität an Zerstörung noch denkbar?“ fragt die Autorin Christa Wolf (2003: 292) in ihrem den Zeitraum von 1960 bis 2000 überspannenden Tagebuchroman „Ein Tag im Jahr“. Wie ist es zu dieser „perversen Koppelung“ gekommen? Wie konnte es geschehen, dass ausgerechnet Produktivität – als Ausdruck lebendigen Tätigseins – Destruktivität verursacht?