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Die Steuerungswende. Zur Möglichkeit einer nachhaltigen und demokratischen Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter.

Authors:

Abstract

In diesem Beitrag wenden sich Simon Schaupp und Georg Jochum der Frage zu, welches Potenzial die gegenwärtige technologische Entwicklung für eine grundsätzliche Veränderung der kapitalistischen Produktionsweise bietet. Mit dem Begriff der »Steuerungswende« diskutieren sie die Möglichkeit einer nachhaltigen und demokratischen Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter.
Georg Jochum und Simon Schaupp (2019): Die Steuerungswende. Zur Möglichkeit einer
nachhaltigen und demokratischen Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter. In: Florian
Butollo/Sabine Nuss (Hg.): Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz
und lebendige Arbeit. Berlin: Dietz, S. 327-344.
Die Steuerungswende
Zur Möglichkeit einer nachhaltigen und demokratischen Wirtschaftsplanung im
digitalen Zeitalter
Georg Jochum und Simon Schaupp
Die zentrale Stellung der Digitalisierung für den gegenwärtigen sozialen Wandel wird in politischen und
wissenschaftlichen Debatten zunehmend anerkannt. Dabei wird jedoch regelmäßig eine
Unvermeidlichkeitsdoktrin bemüht, die Digitalisierung als eine Art Naturgewalt erscheinen lässt, die quasi
von außen über die Gesellschaft hereinbricht. Sie kann entweder begrüßt oder verteufelt, kaum jedoch
politisch gestaltet werden. Und trotz der häufig beschworenen disruptiven Kraft der technologischen
Entwicklung gilt es in der Regel als selbstverständlich, dass sich die Digitalisierung im Rahmen einer
wachstumsorientierten kapitalistischen Ökonomie vollziehen und damit kein grundlegender Bruch mit
der bisherigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung erfolgen wird.
Diese Annahmen erscheinen uns angesichts der gegenwärtigen systemischen sozialen und ökologischen
Krisen als problematisch. Obwohl Ausmaß und Dringlichkeit dieser Krisen wissenschaftlich hinreichend
dokumentiert sind
1
, erweisen sich die Steuerungsmechanismen der kapitalistischen Ökonomie als unfähig,
mit adäquaten Schritten zu reagieren. Wie zum Beispiel das Scheitern der Bemühungen um eine
Energiewende zur Reduktion der weltweiten CO2- Emissionen zeigt, hat diese Unfähigkeit ihren Grund
nicht allein im Unwillen der verantwortlichen Entscheidungsträgerinnen. Stattdessen ist sie primär in den
systemischen Wachstumszwängen des kapitalistischen Wirtschaftens selbst angelegt.
Im Folgenden skizzieren wir deshalb eine mögliche Umgangsweise mit dieser sozial-ökologischen Krise,
die über diese Zwänge hinausweist. Konkret geht es uns um die Potenziale, die die rasante Entwicklung
der digitalen Technologien für eine nachhaltige und demokratische Wirtschaftssteuerung bietet. Die
digitale Steuerung eröffnet neue Möglichkeiten der Planung, die Probleme bisheriger nichtkapitalistischer
Ökonomien, insbesondere deren Effizienz- und Demokratiedefizite, beheben könnte. So könnte die
Güterproduktion direkt durch einen digitalen Abgleich menschlicher Bedürfnisse mit den verfügbaren
1
Will Steffen u. a.: Planetary Boundaries: Guiding Human Development on a Changing Planet, in: Science, Vol. 347
(2015), Nr. 6223, S. 1259855
1
Ressourcen gesteuert werden. Damit ließe sich einerseits die Ökologieblindheit der kapitalistischen
Marktsteuerung beheben und andererseits eröffneten sich neue Horizonte einer Wirtschaftsdemokratie.
Diese Utopie stützt sich auf reale aktuelle Entwicklungen: In Zeiten von Big Data und eines sich immer
weiter ausbreitenden »Überwachungskapitalismus«
2
, welcher den Firmen ein umfassendes Wissen über die
Bedürfnisse der Kunden gewährt (und deren intensivierte Manipulation ermöglicht), werden
Marktmechanismen systematisch durch neue Formen einer kybernetischen Steuerung der Ökonomie
abgelöst: Lieferketten, Arbeitsmärkte, Arbeitsprozesse und sogar Preise werden digital gesteuert. Zwar
entsteht hierdurch keine neue zentrale Planungsinstanz, ebenso wenig entspricht aber dieser Kapitalismus
der neoliberalen Fiktion von einer durch keinerlei Planung getrübten Regulierung durch den freien
Markt. So gerät die »Steuerungskraftentwicklung« in zunehmenden Widerspruch mit den
»Steuerungsverhältnissen«. Dieser Widerspruch führt keineswegs automatisch zur Überwindung der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Er liefert aber durchaus die objektiven Voraussetzungen für eine
dezidiert politische Transformation, die wir als Steuerungswende
3
bezeichnen.
Historische und theoretische Hintergründe
Zu unseren Überlegungen hinsichtlich der Potenziale der digitalen Technologie für eine Neuorganisation
der Gesellschaft wollen wir mit einer Reflexion der bisherigen technologischen Entwicklungen und den
damit verbundenen Gesellschaftsformen hinführen.
Den untrennbaren Zusammenhang zwischen technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung hat Karl
Marx insbesondere in einer berühmten Stelle aus »Das Elend der Philosophie« deutlich gemacht:
»Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der
Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise,
und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu
gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle
ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit
industriellen Kapitalisten.«
4
Mit der Nennung von Handmühle bzw. Dampfmühle als Leittechnologien der unterschiedlichen
historischen Epochen fokussierte Marx auf Produktions- und Arbeitsmittel, die durch eine spezifische
Kombination mit der menschlichen Arbeitskraft eine jeweils andere Form der Aneignung der Natur
ermöglichten. Mit dem Begriff der Produktion (von lat.: pro-ducere »hervorbringen«; lat.: ducere »ziehen,
führen«)
5
wird auf das »herausführen«, »hervorbringen«, »herausziehen« von den in der Natur angelegten
Potenzialen durch den Arbeitsprozess verwiesen, wie insbesondere im »Kapital« deutlich wird: »Der
Prozess erlischt im Produkt. Sein Produkt ist ein Gebrauchswert, ein durch Formveränderung
2
Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt a.M. 2018.
3
Georg Jochum: Plus Ultra oder die Erfindung der Moderne. Zur Entgrenzung der okzidentalen Welt, Bielefeld
2017, S. 544.
4
Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: MEW, Bd 4, S. 63182, S. 130.
5
Dudenverlag: Das Herkunftswörterbuch, Mannheim 2000, S. 631.
2
menschlichen Bedürfnissen angeeigneter Naturstoff.«
6
Wie wir im Folgenden argumentieren, kann die
marxistische Theorie und insbesondere die These dass »auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung []
die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen
Produktionsverhältnissen [geraten]«
7
auch aktuell zu einem tieferen Verständnis technisch-
gesellschaftlicher Dynamiken und zur Erschließung von Potenzialen für einen tiefgreifenden politisch-
ökonomischen Wandel beitragen. Allerdings halten wir hierfür eine analytisch-begriffliche
Reformulierung für notwendig. Denn im Zentrum des in den letzten Jahren erfolgten technologischen
Wandels infolge der sogenannten Digitalisierung steht letztlich nicht die Ergänzung und Ersetzung der
körperlichen Arbeit durch die mechanische Produktivkraft von Maschinen, welche neue Formen der
Naturaneignung ermöglichten, sondern vielmehr die Entwicklung von kybernetischen Technologien.
In Anknüpfung an Norbert Wiener, der das Wort Kybernetik aus dem griechischen κυβερνητικός
(Steuermann) bildete,
8
sehen wir die kybernetischen Technologien als eine spezifische Form von
Produktivkraft an, deren zentrale Eigenschaft die Fähigkeit zur Steuerung von mechanischen und sozialen
Prozessen ist.
Aufgrund dieser Zentralität von Steuerung, Kontrolle und Regulierung werden wir im Folgenden diese
Technologien nicht als Produktivkräfte, sondern als Steuerungskräfte bezeichnen. Wir wollen damit auf
einen zentralen Unterschied zwischen der klassischen industriellen Revolution und der in den letzten
Dekaden in den hochtechnisierten Gesellschaften im »kybernetischen Kapitalismus«
9
erfolgten
cybertechnologischen Revolution verweisen.
10
Wir gehen nun davon aus, dass die in der Marxschen Theorie zentrale Annahme eines wachsenden
Gegensatzes zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen auf der Grundlage der
skizzierten Reformulierung und vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen neu bestimmt werden
kann: Im Schoße des kybernetischen Kapitalismus haben sich die Steuerungskräfte so weit entwickelt,
dass eine Überwindung der bisherigen kapitalistischen Steuerungsverhältnisse nicht nur möglich, sondern
auch notwendig ist, um tiefgreifende sozial-ökologische Krisen zu vermeiden. Im Folgenden werden wir
zunächst näher darlegen, was wir unter Steuerungskräften verstehen und sodann diskutieren, auf welchen
Ebenen in den letzten Jahren sich eine tiefgreifende Entwicklung dieser Kräfte vollzogen hat.
6
Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW, Bd. 23, S. 195.
7
Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, in: MEW Bd 13, S. 3160, S. 9.
8
Norbert Wiener: Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Maschine, Düsseldorf
1968, S. 32.
9
Tiqqun: Kybernetik und Revolte, Zürich 2007; Nick Dyer-Whiteford: Cyber-Proletariat. Global Labour in the
Digital Vortex, London 2015; Simon Schaupp: Digitale Selbstüberwachung. Self-Tracking im kybernetischen
Kapitalismus, Heidelberg 2016.
10
Die zweite Revolution löst dabei die erste in ihren Auswirkungen nicht ab, sondern überlagert diese. In der
aktuellen sozial-ökologischen Krise verknüpfen sich die durch die fossilistisch-industrielle Moderne erzeugten
negativen ökologischen Nebenfolgen der Naturaneignung mit negativen sozialen Folgen der digital-kybernetischen
Revolution.
3
Produktivkräfte und Steuerungskräfte
Marx postulierte in dem Vorwort zur »Kritik der Politischen Ökonomie«, dass sich der Gegensatz
zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den herrschenden Produktionsverhältnissen immer
mehr zuspitzen würde und schließlich der Übergang zu einer sozialistischen Produktionsweise letztlich
unvermeidbar sei.
»Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des
gesellschaftlichen Produktionsprozesses. [] Die im Schoß der bürgerlichen
Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen
Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus.«
11
Im staatssozialistischen Marxismus-Leninismus wurden die Marxschen Überlegungen dahingehend
ausgedeutet, dass sich aus dem Widerspruch zwischen dem arbeitsteiligen, gesamtgesellschaftlichen
Charakter der Produktion und der weiterhin privatwirtschaftlichen Verfügung über die sich
entwickelnden Produktivkräfte eine zunehmende Inneffizienz der kapitalistischen Produktionsweise
ergeben würde. Aufgrund des »Gesetz(es) der Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit dem
Charakter und dem Entwicklungsniveau der Produktivkräfte« würde so die Überwindung der
widersprüchlichen kapitalistischen Produktionsweise unvermeidbar sein, indem »die Arbeiterklasse die
politische Macht erobert«.
12
Die Hoffnung auf eine gleichsam naturgesetzlich in der Produktivkraftentwicklung angelegte Tendenz
einer Überwindung des Kapitalismus sollte sich als zu optimistisch erweisen. Der Versuch der Errichtung
der sozialistischen Gesellschaft scheiterte neben anderen Faktoren im (nicht) realen Sozialismus
langfristig auch an der Inneffizienz der planwirtschaftlichen Steuerung der Ökonomie. Der Triumph des
neoliberalen Kapitalismus nach dem Zusammenbruch des Ostblocks führte dazu, dass sowohl der
orthodoxe Marxismus wie auch alternative, heterodoxe Ausdeutungen der Marxschen Theorie nur noch
eine marginale Bedeutung besaßen. In den letzten Jahren lässt sich allerdings eine durch die
Weiterentwicklung der digitalen Technologien und ihrer Anwendungen forcierte Renaissance von
marxistisch inspirierten Konzepten diagnostizieren, die eine Überwindung des Kapitalismus aufgrund
seiner Widersprüche für wahrscheinlich und möglich erachten. So schreibt Paul Mason in
»Postkapitalismus«:
»Der wesentliche innere Widerspruch des modernen Kapitalismus ist der zwischen
der Möglichkeit kostenloser, im Überfluss vorhandener Allmendeprodukte und
einem System von Monopolen, Banken und Regierungen, die versuchen, ihre
Kontrolle über die Macht und die Informationen aufrechtzuerhalten. Es tobt ein
Krieg zwischen Netzwerk und Hierarchie.«
13
11
Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, S. 10.
12
Akademie der Wissenschaften der UdSSR: Grundlagen der marxistisch-leninistischen Philosophie, Berlin 1972, S.
310.
13
Paul Mason: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016, S. 196.
4
Er weist damit aus unserer Sicht richtigerweise auf die Potenziale der digitalen Netzwerktechnologien für
eine postkapitalistische Organisation von Produktion und Konsumtion hin. Allerdings erscheint es als
verkürzt, wie Rifkin den »Überflusscharakter« von digital produzierten bzw. teilbaren Güter auf die
gesamte Produktionssphäre zu übertragen und daher mit der digitalen Revolution den »Rückzug des
Kapitalismus« sowie die Utopie einer »Überflusswirtschaft« und eines »nachhaltigen Füllhorns« zu
verbinden.
14
Ein derartiger einfacher Produktivkraftoptimismus dürfte angesichts der durch die
ökologische Krise vermutlich noch zunehmenden materiell-energetischen Knappheiten als naiv
anzusehen sein. Zudem vergisst er in technikdeterministischer Manier das inhärent politische Moment
ökonomischer Transformationen. Wir plädieren daher dafür, über die Postulierung eines Widerspruchs
zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen, wie sie letztlich auch noch bei Mason
und Rifkin erkennbar ist, hinauszugehen und die Frage nach den in den digital-kybernetischen
Steuerungsmitteln angelegten Potenzialen für postkapitalistische Formen der Steuerung der Ökonomie
explizit ins Zentrum der Analyse zu stellen. Notwendig erscheint uns dies nicht zuletzt angesichts der
angedeuteten Steuerungsprobleme im (nicht) real existierenden Sozialismus und der dort erfolgten
Herausbildung einer totalitären Herrschaftsform.
Unter Steuerungsmitteln verstehen wir dabei eine Vielfalt von Technologien, welche der Steuerung der
Ökonomie und der Gesellschaft dienen können. Hierzu sind zum einen die politischen
Steuerungsmechanismen im engeren Sinne zu zählen. Darüber hinaus sind aber insbesondere auch die
Techniken der Arbeitssteuerung in den Betrieben als Steuerungsmittel anzusehen. Schließlich können
auch Technologien wie die Schrift oder das Geld und ihre Anwendung als Herrschafts- und
Steuerungsinstrumente hierzu gezählt werden.
Dabei teilen wir die Habermassche Perspektive, dass »das kapitalistische Wirtschaftssystem […] seine
Entstehung einem neuen Mechanismus, dem Steuerungsmedium Geld [verdankt]«.
15
Dieses
Steuerungsmedium gewann infolge der »Entbettung«
16
der Märkte eine zunehmende Dominanz über
andere Steuerungsmittel. Politische Gegenbewegungen mit dem Ziel der Wiedereinbettung der Märkte
führten zu einer gesellschaftlichen Regulierung und Begrenzung der Macht des Geldes. Insbesondere die
fordistische Regulationsweise kann als ein derartiger Versuch der Wiedereinbettung angesehen werden,
der auf einem spezifischen Kompromiss beruhte: Ein politisch regulierter Kapitalismus entstand, der
zwar die Rolle des Geldes als zentrales Steuerungsmittel unangetastet ließ, aber die Macht des Staates
stärkte. Der Herausbildung der sogenannten postfordistischen Regulationsweise ist aus unsere Sicht als
ein Übergang zu einer neoliberal-kybernetischen Steuerungsweise zu verstehen, welche den steuernden
14
Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der
Rückzug des Kapitalismus, Frankfurt M. 2014, S. 396,
15
Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (Bd. II), Frankfurt a. M. 1981, S. 255.
16
Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und
Wirtschaftssystemen, Frankfurt a. M. 1978 [1944].
5
Einfluss des Staates wieder reduzierte und durch die Nutzung neuer kybernetischer Technologien und
hierdurch ermöglichter neuer Formen der Arbeitssteuerung gekennzeichnet ist.
17
Im Folgenden wollen wir zunächst die zentralen Charakteristika des kybernetischen Paradigmas darlegen
und im Anschluss aufzeigen, dass es durchaus auch Versuche einer nichtkapitalistischen Form der
Adaption des kybernetischen Denkens gegeben hat und auch heute Potenziale für eine emanzipative
kybernetische Steuerungs- und Produktionsweise erkennbar werden.
Kybernetik Steuerungswissenschaft zwischen Herrschaftswissen und
Emanzipation
Als Begründer der Kybernetik im modernen Sinne gilt Norbert Wiener, der das neue Forschungsfeld als
die »Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle«
18
definierte. Ihr Ziel war nichts weniger als die
Entwicklung einer neuen Universalwissenschaft, mithilfe derer sich alle Systeme, lebend oder technisch,
verstehen und am Ende auch steuern lassen sollten. In diesem Sinne besteht das kybernetische Denken
wesentlich aus Modellen, Analogien und anderen abstrakten Repräsentationen, die komplexe Systeme
interdisziplinär vergleichbar machen sollten. So wurde zum Beispiel das menschliche Gehirn als ein
elektrischer Schaltkreis interpretiert.
19
Die kybernetische Theorie basiert auf dem Prinzip der Feedback-basierten Selbstorganisation. Dieses
Konzept wurde ursprünglich aus Beobachtungen biologischer Systeme abgeleitet, die sich an
Veränderungen in der Umgebung anpassen, anstatt zuerst einen kognitiven Plan oder hierarchische
Anweisungen zu erstellen. Rückkopplungsschleifen sollen ein System in einen Zustand dynamischen
Gleichgewichts versetzen, den Kybernetikerinnen als Homöostase bezeichnen.
Den Nukleus der kybernetischen Revolution bildeten die rasanten Fortschritte bei der Entwicklung von
selbststeuernden und informationsverarbeitenden Technologien. Indem sich durch die Vernetzung der
Computer das sogenannte Cyberspace (d. h. der durch kybernetische Maschinen erzeugte virtuelle Raum)
herausbildete, trat die kybernetische Revolution in eine die gesamte Gesellschaft und insbesondere die
Arbeitswelt transformierende Phase ein. Dabei erfolgte diese »Kybernetisierung von Arbeit«
20
in der
»kybernetischen Moderne«
21
nicht allein infolge einer zunehmenden Verbreitung von IuK-Technologien
in der Produktion. Entscheidend war zugleich, dass die durch die kybernetischen Technologien
ermöglichten neuen Formen der flexibilisierten Produktion begleitet wurden von einer Kybernetisierung
der menschlichen Subjektivität, die in diversen Formen der digitalen Selbstüberwachung ihren zentralen
17
Eva-Maria Raffetseder/Simon Schaupp/Philipp Staab: Kybernetik und Kontrolle. Algorithmische
Arbeitssteuerung und betriebliche Herrschaft, in: Prokla, Jg. 47 (2017), Heft 187, S. 227-247.
18
Wiener: Kybernetik.
19
Ronald R. Kline: The Cybernetics Moment: Or Why We Call our Age the Information Age, Baltimore 2015.
20
Georg Jochum: Kybernetisierung von Arbeit Zur Neuformierung der Arbeitssteuerung, in: Arbeits- und
Industriesoziologische Studien, Jg. 6 (2013) Nr. 1, S. 2548.
21
Jochum: Plus Ultra.
6
Ausdruck findet.
22
Die hierdurch ermöglichte Genese eines neoliberal-kybernetischen Kapitalismus in den
letzten Jahrzehnten war aber keineswegs in der Kybernetik selbst angelegt, vielmehr ist die Kybernetik als
politisch kontingent anzusehen.
Bereits die Gründer der Kybernetik waren bezüglich des Verhältnisses der kybernetischen Steuerung zur
Marktwirtschaft unterschiedlicher Ansicht. Pioniere der Disziplin wie Ross Ashby und John von
Neumann stellten Überlegungen zur Zusammenführung von Kybernetik und Neoliberalismus an, die als
Keimform der heutigen Ideologie des kybernetischen Kapitalismus verstanden werden können. Norbert
Wiener argumentierte dagegen, dass die Akkumulationsdynamik des Kapitalismus einer gesellschaftlichen
Homöostase im Sinne der Kybernetik widerspreche.
23
Stafford Beer, der Begründer der
Managementkybernetik, konzipierte im sozialistischen Chile (1970-73) die Infrastruktur für eine
kybernetische Wirtschaftsdemokratie.
24
Die Traditionslinie einer marktorientierten Kybernetik sollte nach dem Zurückdrängen der stärker
emanzipativ-sozial orientierten Strömungen in den 1970er Jahren dominant werden. In Anlehnung an
Boltanski und Chiapello
25
kann man davon sprechen, dass der Neoliberalismus die kybernetische Utopie
adaptierte, indem er die damit verbundenen Hoffnungen auf eine emanzipative Steuerung der
Gesellschaft verwarf und durch ihre Verbindung mit der neoliberalen Marktutopie in den neuen Geist des
kybernetischen Kapitalismus verwandelte der Putsch in Chile und die damit verbundene gewaltsame
Zerstörung der Vision einer demokratisch-sozialistischen Kybernetik kann als exemplarisch für diese
Transformation angesehen werden. Im Folgenden wird die Entwicklung des kybernetischen Kapitalismus
in den letzten Jahrzehnten dargestellt und aufgezeigt, wie der Kapitalismus hierdurch zugleich
Steuerungskräfte entwickelt, welche eine Ablösung des Marktprinzips möglich erscheinen lassen. Der
kybernetische Kapitalismus entwickelte sich innerhalb des neoliberalen Systems, führt aber zugleich
implizit zur Infragestellung dessen Axiomatik. Für die Apologeten des Neoliberalismus liegt die
Überlegenheit der freien Marktwirtschaft in seiner Fähigkeit begründet, auf effiziente Weise komplexe
Produktions- und Distributionssysteme steuern zu können. Hayek zufolge stoßen alle auf gezielter
gesellschaftlicher Planung beruhende Formen der Steuerung der Ökonomie auf Grenzen des Wissens:
»Der Konflikt zwischen den Verfechtern der durch den Wettbewerb geschaffenen
spontanen erweiterten Ordnung einerseits und denjenigen, die die vorsätzliche
Gestaltung menschlicher Interaktion durch eine Zentralbehörde aufgrund kollektiver
Verfügung über die Produktionsmittel fordern, andererseits geht zurück auf einen
Tatsachenirrtum der zweiten Gruppe darüber, wie Wissen über diese
Produktionsmittel erlangt und genutzt wird bzw. werden kann.«
26
22
Schaupp: Digitale Selbstüberwachung.
23
Wiener: Kybernetik, S. 191202.
24
Simon Schaupp: Vergessene Horizonte. Der kybernetische Kapitalismus und seine Alternativen. In: Paul
Buckermann/AnneKoppenburger/Simon Schaupp (Hrsg.): Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen.
Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel, Münster 2017, S. 5173.
25
Luc Boltanski/Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003.
26
Friedrich A. v. Hayek: Die verhängnisvolle Anmaßung. Die Irrtümer des Sozialismus, bingen 2011, S. 4.
7
Letztlich würden es nur »Institutionen der Informationssammlung wie der Markt ermöglichen []
verstreutes und unüberblickbares Wissen zu nutzen, um überindividuelle Muster zu bilden.«
27
Die Annahme, dass alle alternativen Formen der Informationssammlung über Bedürfnisse und die darauf
ausgerichtete Produktionssteuerung aufgrund der Komplexität des Wirtschaftsgeschehens sich als
ineffizient erweisen würden, hatte zur Zeit der Niederschrift der Thesen Hayeks möglicherweise eine
gewisse Plausibilität. Die Illusion, dass diese Form der marktvermittelten Informationsbeschaffung auch
heute noch die einzige und wesentliche Form der Steuerung des Produktionsprozesses sei, sollte
allerdings ad acta gelegt werden. Denn im gegenwärtigen kybernetischen Kapitalismus setzt sich, bei
Fortbestehen der kapitalistischen Gewinnmaximierungslogik, eine grundlegend neue Form der
Informationsbeschaffung und der darauf beruhenden Steuerung der Produktion und Distribution durch,
welche mit der Ideologie der Überlegenheit der reinen Marktsteuerung nur noch wenig gemein hat.
Digitale Kundenbeziehungen und globale Lieferketten
In den Sphären der Distribution und Konsumption ist eine weitreichende Informationssammlung sowohl
über die globalen Lieferketten als auch über die einzelnen Kundinnen zu konstatieren. Ein Beispiel für
eine auf solcher Informationsverarbeitung basierende avancierte kybernetische Wirtschaftsplanung ist, wie
Frederic Jameson
28
darlegt, der Wal-Mart-Konzern. Bereits Mitte der 2000er-Jahre registrierten die
Rechenzentren von Wal-Mart über 680 Millionen verschiedene Produkte pro Woche und über 20
Millionen Kundentransaktionen am Tag. Barcode-Scanner und Computersysteme in den Läden
identifizieren jeden verkauften Artikel und speichern diese Informationen.
Satellitentelekommunikationsverbindungen werden direkt von den Filialen an das zentrale
Computersystem und von diesem System an die Computer der Lieferanten angeschlossen, um eine
automatische Neubestellung zu ermöglichen. Die Anforderung einer individuellen Identifizierbarkeit aller
Produkte brachte den Konzern zur Anwendung von RFID-Tags (Radio Frequency Identification) in allen
Produkten. Damit werden Rohstoffe, Arbeiterinnen und Verbraucher innerhalb und außerhalb von
Walmarts globalen Lieferketten nachverfolgbar. So kann die Ressourcen- und Güterlogistik direkt an den
Konsum und theoretisch sogar an den Verschleiß der Güter im Verbrauch gekoppelt werden.
Noch weiter gehen in dieser Hinsicht freilich die Geschäftsmodelle von Online-Unternehmen wie
Google, Amazon und Facebook, die auf der Sammlung von Nutzerdaten beruhen und welche eine
gezielte digitale Werbung ermöglichen. Wie Zuboff argumentiert, ist das Ziel der Internetkonzerne nicht
allein, Informationen über das Verhalten und die Bedürfnisse der Konsumentinnen zu gewinnen, sondern
diese auch durch eine »instrumentäre Macht« zu formen, so dass im »Überwachungskapitalismus [] die
27
Ebd. S. 13.
28
Fredric Jameson: Valences of the Dialectic, London 2009, S. 420425.
8
Produktionsmittel zunehmend komplexen und umfassenden Verhaltensmodifikationsmitteln
untergeordnet« werden.
29
Bezüglich der Preisbildung vertraut Amazon beispielsweise keineswegs den Mechanismen von Angebot
und Nachfrage. Stattdessen wird ein System des dynamic pricing eingesetzt, das jedem Kunden
individuelle Preise anzeigt. Während Marktpreise immer das Resultat des Verhältnisses der aggregierten
Nachfrage zum aggregierten Angebot sind, beruht das dynamic pricing auf Informationen über die
einzelnen Kundinnen. Die Preisbildung wird zum Resultat eines Überwachungsprozesses.
Bezeichnenderweise hat dieser Verstoß gegen das neoliberale Dogma einige Empörung ausgelöst.
30
Scheinbar dämmert auch den Ideologen des Neoliberalismus, dass die größten Konzerne der Welt
bezüglich der Steuerung ihrer Wirtschaftsabläufe vollumfänglich der digitalen Datenverarbeitung den
Vorzug gegenüber den Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage geben. Digitale Technologie
ermöglicht schlicht effizientere Informationen darüber, was wann zu welchem Zeitpunkt gebraucht wird,
als es das Preissystem als einziges Informationsmedium des Marktes jemals leisten könnte.
Eine möglicherweise noch tiefgreifendere Transformation der kapitalistischen Produktionsweise deutet
sich aktuell durch die Nutzung von Big Data in Verbindung mit Blockchains
31
und anderen
kybernetischen-Technologien an. Im Landwirtschaftssektor werden von Großkonzernen Daten über
bisherige Ernteerträge oder Wetterinformationen ebenso gesammelt wie Informationen über die Kosten
für Saatgut und Düngemittel und mittels Computeralgorithmen analysiert. Satelliten ermöglichen die
Kartierung der bewirtschafteten Fläche und tragen zu einem Präzisionsackerbau und einem Smart
Farming bei.
32
Blockchain-Technologien sind schließlich die Grundlagen für eine neue Form der
Buchhaltung, welche eine sichere Speicherung und Kontrolle aller Transaktionen entlang der
Wertschöpfungs- und Lieferketten ermöglicht.
Kritikerinnen verweisen allerdings auf eine zunehmende Konzernmacht und eine Verdrängung von
Kleinbauern infolge des Einsatzes dieser neuen Technologien.
33
Die Dominanz des Marktprinzips als
Steuerungselement innerhalb einer auf Wachstum und Gewinnmaximierung ausgerichtete Ökonomie
steht einer sozial und ökologisch verträglichen Nutzung der kybernetischen Technologien aktuell
entgegen. Einige wenige Großkonzerne gewinnen die Kontrolle über ganze Lieferketten und das
Marktgeschehen. Dabei entsteht ein kybernetischer Monopolkapitalismus, der der reinen Lehre vom
freien Markt faktisch widerspricht.
Die für Menschen und Natur nachteilige Nutzung der neuen Steuerungstechnologien ist diesen aber nicht
per se inhärent. Bereits heute werden Blockchain-Techniken verwendet, um den Handel mit aus
29
Zuboff: Überwachungskapitalismus, S. 23.
30
Kalka, Regine: Dynamic Pricing: Verspielt Amazon das Vertrauen seiner Kunden?, in: Absatzwirtschaft,
16.2.2016, unter: www.absatzwirtschaft.de/dynamic-pricing-verspielt-amazon-das-vertrauen-seiner-kunden-75271.
31
Eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datensätzen, die mittels kryptographischer Verfahren miteinander
verkettet sind, was sie gegen Manipulation sichert.
32
Siehe den Beitrag von Franza Drechsel und Kristina Dietz in diesem Band.
33
Pat Mooney: Blocking the chain. Konzernmacht und Big-Data-Plattformen im globalen Ernährungssystem, Berlin
2019, S. 30.
9
Kriegsgebieten stammenden sogenannten Blutdiamanten zu verhindern oder um die Einhaltung von
Sozial- und Umweltstandards beim Kobaltabbau zu gewährleisten. Hier zeigt sich, dass die Forderung
nach sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit zumindest in Teilbereichen zu einer Limitierung der
Marktprinzipien führt freilich innerhalb der kapitalistischen Ökonomie.
Zusammenfassend sei an dieser Stelle festgehalten, dass die Grundannahme der neoliberalen Ideologie,
dass nur der Markt einen umfassenden Informationssammlungsprozess ermögliche, und die darauf
beruhende »These, wir seien gezwungen, wegen seiner Überlegenheit in der Nutzung verstreuten Wissens
den Kapitalismus zu erhalten«,
34
sich heute in Zeiten von Big Data als obsolet erweist. Der Kapitalismus
entwickelt Steuerungskräfte, welche die immer schon ideologische Annahme einer Notwendigkeit des
freien Marktes als zentraler Informationsbeschaffungs- und Steuerungsinstanz endgültig relativiert.
Zugleich erfordert die ökologische Krise eine die expansive Landnahmelogik des Kapitalismus
begrenzende bzw. beendende Steuerung der Ökonomie. Die Steuerungskraftentwicklung gerät aktuell
sowohl aufgrund der mit den neuen digitalen Technologien verbundenen Möglichkeiten wie auch
aufgrund der ökologischen Erfordernisse in zunehmenden Widerspruch mit den kapitalistischen
Steuerungsverhältnissen.
Vonnöten wird eine neue Form der gesellschaftlichen Nutzung der Steuerungskräfte, damit deren
Potenziale erschlossen werden. Der unter dem Begriff Industrie 4.0 geführte technikdeterministische und
marktorientierte Diskurs um die Zukunft der Arbeit blendet diese Steuerungsfragen allerdings eher aus
und sieht politische Eingriffe in die Technikentwicklung vorwiegend für notwendig an, um Deutschland
einen vorderen Rang im globalen Digitalisierungswettstreit zu sichern.
Dem wäre die Vision einer Nutzung der kybernetischen Technologien für eine Neuerfindung des
Politischen und Ökonomischen entgegenzustellen. Erforderlich ist eine Steuerungswende, welche die
neuen kybernetischen Steuerungstechnologien in den Dienst von Gesellschaft und Natur stellt.
Anzustreben ist gleichsam eine neue Kybernetik der zweiten Ordnung im Sinne einer demokratischen
Deliberation darüber, wie Steuerungstechnologien eingesetzt werden sollen.
Die Steuerungswende
Mit dem Begriff der Steuerungswende beschreiben wir die Utopie einer gesellschaftlichen Aneignung der
entwickelten Steuerungskräfte, die eine Überwindung der sozial und ökologisch problematischen
kapitalistischen Steuerungsverhältnisse ermöglicht.
In aktuellen Debatten um die sozial-ökologische Zukunft der Gesellschaft wird eine grundlegende
Energiewende eingefordert, welche die sukzessive Ersetzung der die industriegesellschaftliche Moderne
prägenden fossilen Energieformen durch alternative, erneuerbare Energieformen ermöglicht. In Analogie
kann man von der Notwendigkeit einer Steuerungswende sprechen, infolge derer das die kapitalistische
34
Hayek: Anmaßung, S. 4.
10
Moderne dominierende Steuerungsmedium Geld an Bedeutung verliert und zunehmend durch alternative
Steuerungsformen ergänzt und ersetzt wird. Dies impliziert keineswegs eine Rückkehr zu staatszentrierten
planwirtschaftlichen Steuerungsmodellen. Vielmehr kann an die nicht ausgeschöpften Potenziale der
Kybernetik sowie an Debatten um gemeinschaftsbasierte Steuerungsformen angeknüpft werden. Elinor
Ostrom
35
hat deutlich gemacht, dass gemeinschaftliche Regulierungsformen häufig zu einer effektiveren
Ressourcenverwaltung beitragen als staatliche und marktliche Regulierungsformen.
Mit den neuen digitalen Technologien und Plattformen gehen Möglichkeiten einer Modernisierung und
Ausweitung dieser gemeinschaftsbasierten Steuerungsformen einher. Allen voran die Möglichkeit, anstelle
eines einzigen bürokratisch angeordneten Wirtschaftsplans eine Vielzahl von Plänen zur demokratischen
Deliberation zu generieren. Eine zentrale Rolle könnten dabei Software-Agenten spielen, also
Computerprogramme, die zu eigenständigem Verhalten fähig sind. In einer postkapitalistischen
Gesellschaft wären diese von ihren rechenintensivsten Aufgaben wie dem Algo-Trading
36
befreit und
könnten stattdessen dazu genutzt werden, automatisch riesige Mengen aggregierter ökonomischer Daten
für demokratische Entscheidungen aufzubereiten. Mit ihnen ließen sich multiple Plan-Optionen
einschließlich deren ökologischen und sozialen Auswirkungen berechnen und zur Abstimmung
bereitstellen. Dabei könnten bestimmte Grundkonfigurationen sozusagen das algorithmische
Grundgesetz voreingestellt werden, (z. B.: CO2-Emissionen müssen in einem bestimmten Rahmen
bleiben, die gesellschaftliche Arbeitszeit darf 30 Stunden pro Woche nicht überschreiten usw.). Diese
Pläne könnten dann, wie Nick Dyer-Witheford fordert, auf in Gemeineigentum überführten Social-
Media-Plattformen diskutiert und abgestimmt werden, wenn »Facebook, Twitter, Tumblr, Flickrr und
andere Web-2.0-Plattformen nicht nur zu selbstverwalteten Betrieben ihrer Arbeiter (einschließlich ihrer
unbezahlten Prosumer-Mitarbeiterinnen) werden, sondern auch zu Foren für die Planung: Gosplan
37
mit
›Tweets‹ und ›Likes‹
38
Damit wäre eine zentrale Planungsbehörde, die einen einzigen verbindlichen Plan
erstellt und durchsetzt, endgültig obsolet.
Ausblick
Wie dargelegt, haben sich im Schoße des kybernetischen Kapitalismus die Steuerungsmittel so weit
entwickelt, dass sie neue Formen des bedürfnisorientierten und demokratischen Wirtschaftens möglich
machen. Zugleich wird angesichts der ökologischen Krise deutlich, dass die auf Expansion ausgerichtete
Dynamik des Kapitalismus auf äußere Schranken stößt. Die Entwicklung neuer Formen der Governance
der Ökonomie ist damit sowohl möglich wie auch notwendig.
Die Ablösung einer neoliberalen durch eine digital planwirtschaftliche Despotie ist dabei freilich nicht
erstrebenswert ebensowenig wie die algorithmische Automatisierung von Entscheidungen über inhärent
35
Elinor Ostrom: Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge 1990.
36
Algo-Trading bezeichnet den automatischen Handel von Wertpapieren durch Computerprogramme.
37
Gosplan war die Planungsbehörde der Sowjetunion.
38
Nick Dyer-Witheford: Red Plenty Platforms, in: Culture Machine, Vol. 14 (2013), S. 127, S. 12.
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politische Fragen. Stattdessen könnten digitale Kommunikationsinfrastrukturen wie Social Media die
technische Grundlage für eine radikaldemokratische Wirtschaftssteuerung bilden. Dabei gäbe es keine
Notwendigkeit mehr für eine zentrale Planungsbehörde. Stattdessen könnten autonome Software-
Agenten eine Vielzahl möglicher Pläne mitsamt deren ökologischen und sozialen Auswirkungen
berechnen. Über diese Pläne könnte dann digital abgestimmt werden. Das wiederum würde die enormen
Aufmerksamkeitskosten einer demokratischen Wirtschaftssteuerung (etwa mittels Arbeiterräten) drastisch
reduzieren, sodass eine radikaldemokratische Deliberation über komplexe ökonomische Fragen materiell
in den Bereich des Möglichen rückt.
Einhergehen könnte diese Steuerungswende auch mit einer grundlegenden gesellschaftlichen
Neuorientierung im Sinne der Abkehr vom Ziel der Gewinnmaximierung, wie es im Zentrum des
Steuerungsmediums Geld stand. Ermöglicht würde durch eine Orientierung am Gemeinwohl ein
fundamentales Umsteuern und damit ein kybernetischer Kurswechsel hin zu einer sozial und ökologisch
solidarischen Ökonomie. Ein solcher Kurswechsel wird jedoch nicht durch die Entwicklung der
Steuerungskräfte selbst vollzogen, sondern bedarf einer politischen Bewegung.
... The recent pandemic has even further increased the role of communication and collaboration technologies such as Zoom and Slack, but also of delivery platforms such as Amazon or Deliveroo (Schaupp, 2021). The current technological trend for critics of capitalism to focus on might thus not be robots replacing human labor, but the emergence of cybernetic technologies of coordination (Jochum and Schaupp, 2019). ...
Article
With the advent of digitalization, the more techno-optimist among critics of capitalism have articulated new calls for post-work and post-scarcity economics made possible by new advances in information and communication technology. Quite recently, some of this debate shifted for calls for digital-democratic planning to replace market-based allocation. This article will trace the lineages of this shift and present these new calls for digitally enabled and democratic planning. I will then argue that much of the discussion focuses on capitalism’s laws of economic motion, while rendering less visible capitalism’s social, political, and ecological ‘conditions of possibility’. To remedy this shortcoming I will ask how these fit into the recent debate and suggest avenues to extend the discussion of democratic planning in that way. Concretely, I will discuss features of a postcapitalist mode of reproduction that abolishes capital’s subordination of non-waged and waged care work. The following part will focus on both planning’s need to calculate ecological externalities and consequently determine sustainable and egalitarian paths for social and technological development on a world scale. The last section will elaborate on the ‘democratic’ in ‘democratic planning’ in terms of planning’s decision-making, multi-scalar politics, and politics of cultural recognition.
... In our view, a specific contribution of ETS to this search for alternatives should not least consist in providing knowledge, based on the scientific examination of technological developments, on the unfulfilled emancipatory potentials that are ripe for the taking. Instead of maintaining existing social conditions as closely as possible in the future, ETS seeks to raise awareness of what might be possible if innovation embodied alternative, normative considerations and took place under qualitatively different social conditions [37][38][39]. ...
... In dieser Perspektive erweist sich Datafizierung als funktionales Element einer neoliberalen Gesellschaft, ermöglicht sie doch, die soziale Realität in eine quantitativ-metrische Ordnung zu übersetzen und Objektivierungen, Rangbildungen sowie eine datenbasierte (Selbst-)Kontrolle (noch weiter) voranzutreiben (Boyd und Crawford 2013;Hutchby 2016;Mau 2017, S. 17f., 27, 40-47 sowie Kap. 3;Schaupp und Jochum 2019). Im Bannkreis gegenwärtiger sozialer Transformationsprozesse verschmilzt "der neoliberale Geist mit einem kybernetischen Steuerungswissen" (Nosthoff und Maschewski 2017, online). ...
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Article
Zusammenfassung Der Text verfolgt zwei Ziele: Ausgehend von Debatten zum Verhältnis von Digitalisierung und neoliberalem Kapitalismus geht er in einem ersten Schritt der Frage nach, inwiefern der hier als politische Philosophie verstandene Neoliberalismus und die digitale Mentalität der Solution eine Verbindung in Theorie und Praxis eingegangen sind. Dabei ist der Anspruch, bisher nicht berücksichtigte Widersprüche zwischen beiden freizulegen, um einer adäquaten politikwissenschaftlichen Diskussion des gegenwärtigen Digitalisierungsprozesses den Weg zu bereiten. In einem zweiten Schritt vollzieht der Text eine in der Tradition des Republikanismus stehende Kritik des Digitalisierungsprozesses neoliberaler Gesellschaften, dessen Kern als Datafizierung einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche bestimmt wird. Da mit diesem begrifflichen Mittel systemisch angelegte Dynamisierungseffekte sowie eine spezifische Rationalität des Transformationsprozesses in den Blick gerückt werden, kann der Text insbesondere die freiheitsgefährende Unterminierung von Urteils- und Handlungspotentialen zur Diskussion stellen.
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Article
Abstract The modern idea of emancipation is linked to the goal of overcoming dependencies and domination. However, as argued in the article, negative dialectics of emancipation must also be problematized. The project of emancipation, as it was formulated in the Age of Enlightenment, was often particular and was associated with the establishment of new forms of domination. Especially the project of liberation from the constraints of nature through technical development led to the domination of nature. In view of the ecological crisis, the dark side of this project is becoming apparent today. The ecological base of human development is at risk. It is therefore necessary to pursue the idea of a reflexive emancipation, which also takes nature into account in order to enable a sustainable technology development. Emancipatory Technology Studies should therefore support an emancipatory technology policy which promotes a positive dialectical movement that overcomes the contrast between submission
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Article
Zusammenfassung Die gegenwärtig diskutierten Nachhaltigkeitsstrategien knüpfen untergründig an die verschiedenen utopischen Traditionen der Moderne an. In dem Beitrag werden die Ursprünge und zentralen Inhalte dieser Utopien und ihre Adaption im Nachhaltigkeitsdiskurs herausgearbeitet. Im historischen Rückblick wird insbesondere auf die paradigmatische Sozialtutopie von Morus und die hierzu kontrastierende Technikutopie von Bacon fokussiert. Die Betrachtung der gegenwärtigen Debatte macht deutlich, dass sich die unterschiedlichen Transformationsstrategien in einem Diskursfeld verorten lassen, das durch Pole Technik- versus Ökoutopie sowie Sozial- versus Marktutopie aufgespannt wird. Aufbauend auf diese Analyse wird das Transformationspotential der verschiedenen Konzepte diskutiert und unter Bezug auf Mannheims Utopiebegriff erörtert, inwiefern diese als Ideologien oder als Utopien anzusehen sind. Abschließend wird für eine aktive Rolle der Soziologie bei der Entwicklung emanzipatorischer sozio-öko-technologischer Transformationsutopien plädiert. Abstract: The sustainability strategies that are currently being discussed are based on the various utopian traditions of modernity. In the article, the origins and central contents of these utopias and their adaptation in the sustainability discourse are worked out. In the historical review, the focus is particularly on the paradigmatic social utopia of Morus and the contrasting technical utopia of Bacon. A look at the current debate makes it clear that the different transformation strategies can be located in a discourse field that is spanned by poles technical utopia versus ecoutopia and social utopia versus market utopia. Based on this analysis, the potential of the various concepts for initiating transformations is discussed. With reference to Mannheim‘s concept of utopia, it is discussed to what extent these can be seen as ideologies or as utopias. Finally, there is a plea for an active role of sociology in the development of emancipatory socio-eco-technological utopias of transformation.
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Article
Two key issues are currently dominating the discourse on the future: On the one hand, technological and especially digital transformation, on the other hand the socioecological transformation towards sustainable development, which takes into account ecological boundaries. Both topics are becoming increasingly linked, but there is no consensus on the direction of the upcoming socio-eco-technological transformation. As stated in the article, the controversies and the different concepts are influenced by the utopian traditions of modernity. In particular, the technical utopia ‘Nova Atlantis’ by Bacon, and the paradigmatic social utopia ‘Utopia’ by More are crucial. The hegemonic technology-oriented sustainability concepts are in the tradition of Bacon. Since they continue modern expansionism, they are inadequate to solve the ecological crisis. Approaches in the tradition of social utopia may be more likely to solve the crisis, as they include more comprehensive socio-eco-technical imaginaries of a sustainable future.
Book
The governance of natural resources used by many individuals in common is an issue of increasing concern to policy analysts. Both state control and privatization of resources have been advocated, but neither the state nor the market have been uniformly successful in solving common pool resource problems. After critiquing the foundations of policy analysis as applied to natural resources, Elinor Ostrom here provides a unique body of empirical data to explore conditions under which common pool resource problems have been satisfactorily or unsatisfactorily solved. Dr Ostrom uses institutional analysis to explore different ways - both successful and unsuccessful - of governing the commons. In contrast to the proposition of the 'tragedy of the commons' argument, common pool problems sometimes are solved by voluntary organizations rather than by a coercive state. Among the cases considered are communal tenure in meadows and forests, irrigation communities and other water rights, and fisheries.
  • Nick Dyer-Witheford
Nick Dyer-Witheford: Red Plenty Platforms, in: Culture Machine, Vol. 14 (2013), S. 1-27, S. 12.