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Neues im Möglichkeitsraum: Impulse für die systemische Beratung im 21. Jahrhundert und deren Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung

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Abstract

Systemische Beratung im 21. Jahrhundert kann auf langjährig bewährte Konzepte zurückgreifen. Zugleich gilt es aktuelle gesellschaftliche und fachliche Diskurse aufzugreifen und – wo sinnvoll - zu integrieren. Dazu gehören beispielsweise die Idee einer gender- und diversitysensiblen Bera-tung, die Auseinandersetzung mit neuen Möglichkeiten von digitaler Beratung sowie die eigen-ständige Profilierung von Beratung in Abgrenzung zur Psychotherapie. Inwiefern diese Impulse zur Weiterentwicklung von systemischer Beratung beitragen können, diskutiert der nachfolgende Text. Die Berücksichtigung dieser Impulse in der systemischen Beratungsweiterbildung wird exemplarisch an einem Beispiel veranschaulicht. Dabei wird der Begriff des Möglichkeitsraumes im Beitrag in einer doppelten Weise verwendet: zum einen will systemische Beratung Möglich-keitsräume von und für Klientinnen und Klienten öffnen und erweitern und so neue Lösungen ermöglichen. Zum anderen gilt es Möglichkeitsräume für Beratungslernende zu schaffen, indem in der Beratungsweiterbildung Wahlmöglichkeiten geschaffen werden, die vermittelten Inhalte theoretisch fundiert und in einem kompetenzorientierten Lernprozess langjährig bewährte mit in-novativen didaktischen Elementen kombiniert werden. .. Systemic counseling in the 21st century can draw on well-tested concepts. At the same time, it is important to make notice of and integrate current societal and professional discourses. These include e.g. the idea of gender- and diversity-sensitive counseling, the examination of new possibilities of digital counseling as well as establishing a new and independent profile of the counseling in contrast to psychotherapy. On the basis of an own example, the following text will discuss, to what extent these impulses can contribute to the further development of systemic training. The term "possibility land" is thereby used in a twofold way: on the one hand, systemic counseling wants to open and expand the possibility spaces of clients, thus enabling new solutions. On the other hand, it is important to create didactic spaces for counseling training in a competence-oriented learning process.
Veröffentlicht in der Zeitschrift KONTEXT 50, 2, S. 149 – 162, https://doi.org/10.13109/kont.2019.50.2.149
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Neues im Möglichkeitsraum
Impulse für die systemische Beratung im 21. Jahrhundert und deren
Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung
Martina Hörmann
Zusammenfassung
Systemische Beratung im 21. Jahrhundert kann auf langjährig bewährte Konzepte zurück-
greifen. Zugleich gilt es aktuelle gesellschaftliche und fachliche Diskurse aufzugreifen und zu
integrieren. Dazu gehören beispielsweise die Idee einer gender- und diversitysensiblen
Beratung, die Auseinandersetzung mit neuen Möglichkeiten von digitaler Beratung sowie die
eigenständige Profilierung von Beratung in Abgrenzung zur Psychotherapie. Inwiefern diese
Impulse zur Weiterentwicklung von systemischer Beratung beitragen können, wird an einem
Beispiel diskutiert. Dabei wird der Begriff des Möglichkeitsraumes im Beitrag in einer
doppelten Weise verwendet: Zum einen will systemische Beratung Möglichkeitsräume von und
für Klientinnen und Klienten öffnen und erweitern und so neue Lösungen ermöglichen. Zum
anderen gilt es, didaktische Möglichkeitsräume für Beratungslernende in einem kompe-
tenzorientierten Lernprozess zu schaffen.
Schlagwörter
Systemische Beratung gendersensible Beratung digitale Beratungsformate Beratungs-
weiterbildung
Summary
New guide to possibility land Approaches, ideas and consequences for systemic counseling
and training in the 21st century
Systemic counseling in the 21st century can draw on well-tested concepts. At the same time, it
is important to make notice of and integrate current societal and professional discourses. These
include e. g. the idea of gender- and diversity-sensitive counseling, the examination of new
possibilities of digital counseling as well as establishing a new and independent profile of the
counseling in contrast to psychotherapy. On the basis of an own example, it is discussed to what
extent these impulses can contribute to the further development of systemic training. The term
«possibility land» is thereby used in a twofold way: On the one hand, systemic counseling wants
to open and expand the possibility spaces of clients, thus enabling new solutions. On the other
hand, it is important to create didactic spaces for counseling training in a competence-oriented
learning process.
150 Martina Hörmann
Keywords
systemic counseling gender sensitive counseling digital counseling settings counseling
training
Was unterscheidet systemische Beratung im 20. Jahrhundert von jener in diesem
Jahrhundert? Das Systemische ist ein bewährter Beratungs- und Therapieansatz,
der in den vergangenen Jahrzehnten eine beachtliche Erfolgsgeschichte vorweist
und der längst weit über das ursprüngliche Kerngebiet der Familientherapie hi-
nausgeht und sich in zahlreichen beraterischen und therapeutischen Arbeits-
feldern etabliert hat. Zugleich hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt, denken
wir nur an die Veränderung unserer Alltagskommunikation in den vergangenen
20 Jahren. Insofern sind auch Systemiker/innen gefordert, sich mit neuen Impul-
sen auseinanderzusetzen und sorgsam zu schauen, inwiefern aktuelle Diskurse in
die Beratung und insbesondere auch in die Beratungsweiterbildung einfließen
sollten. Dabei bedarf es einer guten Balance zwischen bewährten Konzepten und
Kompetenzen einerseits und der Integration von Aspekten, die auf aktuellen ge-
sellschaftlichen und fachlichen Entwicklungen beruhen, andererseits.
Zunächst werden drei thematische Impulse vorgestellt und in ihrer Relevanz für
systemisches Beratungshandeln erläutert: die Notwendigkeit eines gender- und
diversitysensiblen Blicks in der Beratung, die Möglichkeiten digitaler Medien in
der Beratung sowie die eigenständige Profilierung von Beratung in Abgrenzung
zur Therapie. Anschließend wird an einem Beispiel betrachtet, in welcher Form
diese Aspekte in die Beratungsweiterbildung einfließen könnten.
1 Impuls: Ein gender- und diversitysensibler systemischer Blick öffnet
Möglichkeitsräume
Zur Verdeutlichung soll das folgende Fallbeispiel dienen.
Ayse, 18 Jahre alt, kommt zum zweiten Gespräch in eine Jugend- und Famili-
enberatungsstelle. Sie macht eine Lehre als Kauffrau und ist im zweiten Ausbil-
dungsjahr. Sie ist türkischstämmige Schweizerin und wohnt noch bei ihren Eltern.
Sie kommt auf Veranlassung ihrer Arbeitsstelle, weil es Probleme gibt (Fehl-
zeiten, mangelnde Konzentration). Auch haben sich die schulischen Leistungen
kontinuierlich verschlechtert. Der Arbeitgeber hat Ayse in einem Gespräch
verdeutlicht, dass eine weitere Verschlechterung der Situation eine Auflösung des
Ausbildungsvertrages zur Folge hätte.
In einem gemeinsamen Gespräch der Firma mit der Berufsschule und der
jungen Frau wurde vereinbart, dass Ayse sich auf der Jugendberatungsstelle
Unterstützung
Neues im Möglichkeitsraum 151
holen sollte mit dem Ziel, die Abwesenheitszeiten in der Firma und in der Berufs-
schule zu reduzieren und die Leistungen wieder zu verbessern.
Im ersten Gespräch vor zwei Wochen konnte sich die Beraterin über die Aus-
gangslage informieren und ein wenig Vertrauen zu der jungen Frau aufbauen.
Als Ziel der Beratung hatte Ayse angegeben, die Lehrstelle unbedingt behalten zu
wollen. Während des Erstgesprächs hatte die Beraterin den Eindruck gewonnen,
dass es neben den Themen, die benannt wurden, noch andere Themen geben
könnte, welche die Klientin zusätzlich belasten. Die Beraterin möchte versuchen
dies im anstehenden zweiten Gespräch deutlicher zu thematisieren bzw. auch
bisher nicht Benanntes in das Gespräch einzubeziehen.
Soweit zunächst das Fallbeispiel. Hier gilt es nun selbstkritisch zu fragen, wel-
che Bilder, Assoziationen und Hypothesen uns als Berater/in vor dem Zweitge-
spräch durch den Kopf gehen. Erfahrungsbasiert ziehen wir vielleicht mögliche
Problemlagen junger Frauen mit Migrationshintergrund wie z. B. die Ein-
schränkung von individueller Freiheit oder gar eine drohende Zwangsheirat in
Betracht. Dies ist eine reale Möglichkeit, kann jedoch auch nicht zutreffen, wie
der vorliegende Fall zeigt. In diesem Fall war es so, dass Ayse zuhause viel Stress
hatte aufgrund der schlechten Noten und des drohenden Lehrabbruchs. Zudem ist
sie heimlich in eine Mitschülerin verliebt, was sie jedoch noch niemandem erzählt
hat. Es ist für sie momentan noch undenkbar mit jemandem darüber zu sprechen,
was sie aber sehr belastet.
Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen und der Ausdifferenzierung
und Vervielfältigung von Lebens- und Rollenmodellen erscheint es zunehmend
wichtig, dass Systemiker/innen in der Lage sind, gendersensibel und vielfalts-
orientiert zu beraten (Hörmann, 2017; Jäger, 2015; Nazarkiewcz, 2016; Nordt u.
Kugler, 2012; Oestereich u. v. Schlippe, 2015). Das Beispiel verdeutlicht die
Notwendigkeit, eigene Bilder, Stereotype und blinde Flecken zu reflektieren und
bewusst die Anzahl der gedanklichen Möglichkeiten zu vergrößern. Wird eine
junge Frau in der Beratung gefragt, ob sie einen Freund habe, so steht hinter der
Frage bereits eine Idee, die andere Möglichkeiten ausgrenzt. Wird jedoch gefragt
»Bist du mit jemand zusammen?«, so bleibt der Möglichkeitsraum groß und es
fühlen sich auch Personen angesprochen, die nicht heterosexuell orientiert sind.
Für Berater/innen bedeutet dies, insbesondere in der Phase des Beziehungsauf-
baus offen zu fragen und möglichst wenig auszuschließen.
Mit Blick auf die systemische Beratungsweiterbildung ist es notwendig, dass
die Themen Gender und Diversity nicht rein akademisch, sondern vielmehr er-
fahrungsbezogen, theoriefundiert und anwendungsorientiert in die Weiterbildung
integriert werden.
Wesentlich erscheint zudem ein komplexer Gender-Ansatz, der den Blick für
das Thema Geschlechtervielfalt jenseits von Zwei-Geschlechter-Ordnung und
heteronormativer Matrix öffnet (Nordt u. Kugler, 2012; vgl. dazu auch Schirmer,
2017).
152 Martina Hörmann
Das Diversity-Konzept und dessen Anwendung in verschiedenen Kontexten
geht über das etwas ältere Konzept der interkulturellen Kommunikation (Hege-
mann u. Oestereich, 2009) hinaus und bezieht explizit kulturreflexive und de-
konstruierende Perspektiven ein (Nazarkiewcz, 2016). Zudem umfasst Diversity
mehr als die bunte Vielfalt, wie sie in manchen Unternehmensprospekten dar-
gestellt wird. In der Beratungsweiterbildung sollte das Thema auch selbsterfah-
rungsbezogen bearbeitet werden, beispielsweise indem eigene soziale Gruppen-
zugehörigkeiten reflektiert und biografische Bezüge zu Vielfaltsdimensionen
hergestellt werden (Nordt u. Kugler, 2012; Hörmann u. Kugler, 2017).
Dass auch globale Entwicklungen Herausforderungen für Beratung und
Therapie beinhalten, zeigen Bittenbinder und Patel, die im Hinblick auf die
therapeutische Arbeit mit Geflüchteten darauf hinweisen, dass der systemische
Ansatz beinhaltet »KlientInnen nicht in ein Korsett fertiger, im Westen
entwickelter Konzepte von Leiden, psychischer Symptomatik und psychiatrischer
Erkrankung zu zwängen (…). Stattdessen konzentrieren wir uns in jedweder
Hinsicht auf den Kontext: sprachlich, kulturell, sozial, religiös, wirtschaftlich,
politisch, therapeutisch« (2017, S. 24).
2 Impuls: Mehr Lebensweltnähe durch digitale Medien in der Beratung
Digitale Medien haben in die Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und Er-
wachsenen Einzug gehalten und deren Kommunikationsverhalten stark verändert.
Dies bietet auch für Beratung neue Möglichkeiten. So hat der digitale Wandel
neue (Online-)Beratungsformate geschaffen (Bredl, Bräutigam u. Herz, 2017;
Engelhardt u. Reindl, 2016; Hörmann, 2018; Wenzel, 2013, 2018; Weiß, 2013),
die neue bzw. vielfältigere Zugänge zu Adressatinnen und Adressaten ermög-
lichen. Erreicht werden beispielsweise durch Onlineberatungsangebote
Klient/innen, welche von herkömmlichen Beratungsangeboten nicht oder nur
schwer erreicht werden (Meier u. Schaub, 2016; Weinhardt, 2009; Wenzel, 2015).
Auch kann im Beratungsprozess durch den Einsatz verschiedener digitaler
Medien flexibler auf die Bedürfnisse des Gegenübers reagiert werden (Hörmann
et al., 2019). Dies nimmt Bezug auf die Idee des Blended Counseling, worunter
die systematische, konzeptionell fundierte Kombination von digitalen und ana-
logen Kommunikationskanälen in der Beratung verstanden wird. Diese »neue
Flexibilität« kann an einem Beispiel aus der Suchtberatung verdeutlicht werden.
Im nachfolgend visualisierten Fallverlauf wurden neben dem persönlichen
Beratungsgespräch im Face-to-Face-Kontakt auch das Telefon und der daten-
schutzkonforme E-Mailkontakt1 beraterisch genutzt.
1 Im vorliegenden Fall wurde ProtonMail verwendet. Eine Beratung über Outlook wäre nicht
datenschutzkonform und erfüllt nicht die Anforderungen an beraterische Vertraulichkeit
Neues im Möglichkeitsraum 153
Suchtberatung mit Klient (m, 30)
Nr. Beratungs-
kontakt
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
kommunikatives
Setting
Tel.
Mail
F2F
F2F
Mail
F2F
Mail
F2F
F2F
Tel.
F2F
Dauer in
Minuten
15
k. A.
60
60
10
60
15
55
60
30
70
Zeitabstand
zwischen Bera-
tungskontakten
4 Tage selber Tag 3 Tage 6 Tage 7 Tage 11 Tage2 Tage29 Tage5 Tage22 Tage
Abbildung 1: Fallverlauf Intensivierung der Beratung mittels Blended Counseling
(Hörmann et al., 2019, S. 72)
In diesem Fallverlauf wird mit Blick auf die Abstände zwischen den einzelnen
Beratungskontakten die Intensivierung des Beratungsprozesses deutlich. Anlass
war die Vereinbarung, dass der Klient mögliche auftretende Probleme im Alltag
zeitnah kommunizieren kann und eine schnelle Rückmeldung dazu erhält. Telefon
und E-Mail wurden gezielt eingesetzt, um dies gewährleisten zu können. Zudem
wurde E-Mail dazu genutzt die Selbstbeobachtungen des Klienten nach einer
Face-to-Face-Beratung oder Reflexionen im Hinblick auf vereinbarte Ver-
änderungsziele zu dokumentieren und mitzuteilen.
Diese Intensivierung des Beratungsprozesses sollte zu einer Stabilisierung der
Beratungsbeziehung beitragen und die im Suchtbereich hohe Anzahl von Kon-
taktabbrüchen während der Beratung reduzieren.
Die professionelle Konzeption und Umsetzung von digitalen Beratungsan-
geboten stellt neue Kompetenzanforderungen an Beratungsfachkräfte und an
Beratungsweiterbildungen. Wenngleich sich digitale Beratungsformate etabliert
haben, zeigt sich doch auch, dass viele Berater/innen bisher noch nicht entspre-
chend qualifiziert sind. Teilweise sehen Beratende den Einbezug digitaler Medien
in die Beratung sogar eher kritisch, da eine gute Beratung nur im persönlichen
Kontakt laufen könne. Wenzel (2015, S. 37) spricht hier vom »Mythos
Unmittelbarkeit im Face-to-Face-Kontakt«.
Umso wichtiger erscheint es die Medienkompetenz und die Beratungskom-
petenz bei Berater/innen gezielt zu fördern. Zunehmend kommen Anfragen von
Klient/innen (auch) über digitale Kanäle an Beratende: So kontaktieren
beispielsweise Kinder und Jugendliche teilweise zunächst über WhatsApp die
Schulsozialarbeitenden. Aus der Mütter- und Väterberatung wird berichtet, dass
zunehmend Beratungsanliegen elektronisch eintreffen. Dies sind nur zwei Bei-
spiele. Mediatisierte Beratung knüpft demzufolge direkt an der Lebenswelt der
Klient/innen an.
Zugleich zeigen sich auch Herausforderungen, denn Teil einer professionellen
Haltung ist es auch, wesentliche Beratungsstandards in digitalen Beratungsfor-
maten genauso zu gewährleisten wie in der Face-to-Face-Beratung (DGOB/
154 Martina Hörmann
DGFS, 2017; DGOB, 2009; FSP, 2017). Die Beratung über WhatsApp, Outlook
oder Skype ist aus Datenschutzsicht ein »No-Go«, denn die Vertraulichkeit ist
über diese Kommunikationskanäle nicht ausreichend gewährleistet. Hier gilt es,
Tools und Plattformen zu nutzen, welche Datenschutz und Datensicherheit
gewährleisten und zugleich möglichst benutzungsfreundlich sind, sodass die
Schwelle zur Inanspruchnahme niedrig bleibt.
Derzeit gibt es Qualifikationen für den Umgang mit digitalen Medien in der
Beratung insbesondere als zusätzliche Weiterbildungen mit Zertifikat. Zukünftig
sollten diese Inhalte jedoch stärker als regulärer Teil in grundständige Bera-
tungsweiterbildungen integriert werden.
3 Die »kleine Schwester« ist erwachsen geworden – Eigenständigkeit
von Beratung in Abgrenzung zur Psychotherapie
»Der systemische Ansatz hat sich von Beginn an als ein transdisziplinäres und
multiprofessionelles Projekt verstanden, in dem die Unterscheidung zwischen
Therapie und Beratung eher pragmatisch gehandhabt wurde. Der (…) Ansatz, das
Verständnis von Problemlagen und Symptomen, die therapeutisch-beraterische
Haltung und das Methodenrepertoire werden von beiden geteilt und richten sich
an einen breiten Adressatenkreis. Entscheidend ist, wie diese Aspekte in den
jeweiligen klinischen und nicht-klinischen Kontexten eingesetzt werden« (Levold
u. Wirsching, 2014, S. 15). Diese Einschätzung verdeutlicht treffend die häufig
vorfindbare eher pragmatische Haltung bei Systemiker/innen. Demgegenüber
skizzierte Nestmann bereits 2002 fünf Denkmodelle zum Verhältnis von Beratung
und Therapie und kritisierte das weit verbreitete »Ableger«-Modell, bei dem
Beratung als »kleine Psychotherapie«, nur geeignet für leichtere Probleme,
weniger tiefgehend und praktizierbar durch weniger ausgebildete Fachkräfte
betrachtet wird, nach dem Motto »Ist das noch Beratung oder schon
Psychotherapie?« (Nestmann, 2002, S. 403 f.). Er plädierte dafür, das Verhältnis
zu einer produktiven Kooperation auf Augenhöhe weiterzuentwickeln, was dann
gelänge »wenn sich Psychotherapie nicht als ›bessere Beratung‹ und Beratung
sich nicht als ›preiswertere Psychotherapie‹ empfiehlt, wenn Psychotherapeuten
sich nicht als Lehrmeister für Berater und psychosoziale Berater sich nicht als
verhinderte Psychotherapeuten begreifen« (ebd., S. 408).
Die »neue Profilierung« zeigt sich auch an eigenständigen Beratungsverbänden
wie der Deutschen Gesellschaft für Beratung2, dem Diskurs um Qualitäts-
standards und einen Qualifikationsrahmen Beratung (vgl. Weinhardt, 2017)
2 Vgl. http://dachverband-beratung.de/dokumente/DGfB_Beratungsverstaendnis.pdf
Neues im Möglichkeitsraum 155
sowie an einem zunehmend eigenständigen Verständnis von professioneller
psychosozialer Beratung.
Kriz (2017, S. 236) weist zudem darauf hin, dass Beratende häufig mit einer
größeren Komplexität der Phänomene konfrontiert sind, auch dies ein Aspekt, der
für ein eigenständiges Profil spricht.
Dies bedeutet in der Konsequenz für Beratungsaus- und -weiterbildungen
deutlicher als bisher die eigenständige Profilierung von Beratung zu fördern und
aus dem »Schatten klinisch-psychotherapeutischer Orientierungen« herauszu-
treten (Nestmann, 2002, S. 408).
Levold und Osthoff (2014, S. 514-515) betonen den potenziellen Gewinn von
disziplinär heterogenen Weiterbildungsgruppen, wenn schon »in der Weiterbil-
dung Vernetzung und Kooperation von psychosozialen Helfern diskutiert und
eingeübt (werden und) das systemische Verständnis des Hilfesystems als Kontext
für Veränderung hier unmittelbar erfahrbar (wird)«. Die Kehrseite der oben
angeführten berufspolitischen Entwicklung ist, dass Beratungs- und Therapie-
weiterbildungen zunehmend weniger disziplinär gemischt sind, auch weil Psy-
chotherapieausbildungen häufig nur noch für Mediziner/innen und
Psycholog/innen zugänglich sind. Dies ist mit Blick in die Geschichte höchst
bedenklich: »So würde heute eine große Zahl bedeutsamer Personen aus dem
systemischen Feld keine Zulassung zu einer Approbationsweiterbildung in
Deutschland erhalten, darunter Jay Haley, John Weakland, Virginia Satir, Paul
Watzlawick, (…) Steve de Shazer, Insoo Kim Berg (…) u. v. a.) (Levold u.
Osthoff, 2014, S. 514).
Wenngleich es »gute Gründe dafür [gibt], systemische Therapie und Beratung
weiterhin in engem Zusammenhang zu betrachten« (Levold u. Wirsching, 2014,
S. 15), so sollte die explizite Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten und Un-
terschieden von Beratung und Therapie Teil jeder Beratungsweiterbildung sein,
auch um die eigene Identität und Professionalität zu stärken.
Auch aufgrund der gesetzlichen Veränderungen in Deutschland und der
Schweiz3 sieht sich professionelle Beratung noch stärker gefordert, ihr Profil und
ihren Zuständigkeitsbereich deutlich zu machen, in der Schweiz auch in Ab-
grenzung zu neuen Beratungsabschlüssen aus dem berufsbildenden Bereich4.
3 Auf die Veränderungen durch das Psychologieberufegesetz in der Schweiz wird an dieser Stelle nicht
weiter eingegangen, da dies den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde.
4 Die Einführung einer »Höheren Fachprüfung Psychosoziale/r Berater/in« ist aus Sicht einer professio¬
nellen Beratung kritisch zu sehen, da langjährig gültige Mindeststandards von professioneller Beratung
teilweise deutlich unterschritten werden.
156 Martina Hörmann
4 Möglichkeitsräume in der systemischen Beratungsweiterbildung
Abschließend wird am Beispiel eines Masterprogramms5 zur »systemisch--
sungsorientierten Beratung« verdeutlicht, wie die oben angeführten Impulse in
eine mehrjährige Beratungsweiterbildung integriert wurden und welche Aspekte
darüber hinaus die Möglichkeitsräume für Beratungslernende auf inhaltlicher und
didaktischer Ebenen erweiterten.
Die Weiterbildung wird seit zwei Jahrzehnten von einer Schweizer Hochschule
für Soziale Arbeit in Kooperation mit einem Weiterbildungsinstitut aus Deutsch-
land durchgeführt. Aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit galt es umso
mehr, sorgsam darauf zu achten, dass Bewährtes fortgeführt wird. Zugleich war
auch der Fachdiskurs fortgeschritten, sodass es folgerichtig erschien, neue
Impulse und Entwicklungen aufzugreifen und curricular zu integrieren.
Das MAS-Programm wurde nach Abschluss der Weiterentwicklung 2016 durch
Systemis Schweizerische Vereinigung für Systemische Therapie und Beratung
anerkannt6.
Die vollständige Modularisierung des Masterprogramms sollte über verschie-
dene Wahlmöglichkeiten eine individuelle Schwerpunktsetzung7 in der Bera-
tungsweiterbildung ermöglichen und so die unterschiedlichen Anwendungs-
kontexte von systemisch-lösungsorientierter Beratung besser berücksichtigen.
4.1 Curriculare Modernisierung
Um die Verortung an der Hochschule für Soziale Arbeit stärker zu berücksich-
tigen, wurde ein neuer Ein-Jahres-Kurs (als Bestandteil des Gesamtprogramms)
konzipiert, der deutlich in den Kontext von Beratungssettings in der Sozialen
Arbeit eingebettet wurde. Dies beinhaltete eine differenzierte Auseinandersetzung
mit der Anwendung von systemischen und lösungsorientierten Ansätzen in
Pflicht- und Zwangskontexten, die Fokussierung von herausfordernden Kontex
5 Im Bildungssystem der Schweiz gibt es zwei verschiedene Abschlüsse auf Masterstufe: Der konsekutive
Master umfasst 90-120 ECTS (incl. Promotionsberechtigung) und ist eher forschungsorientiert ausgerich-
tet. Der Master of advanced Studies (MAS) ist ein hochschulisches, berufsbegleitendes, kostenpflichtiges
Weiterbildungsstudium, das 60 ECTS umfasst. Im beschriebenen Masterprogramm ist die kleinste zertifi-
zierte Einheit eine circa einjährige Beratungsweiterbildung, die mit einem Certificate of advanced studies
(CAS) abschließt. Vier solcher CAS-Programme ergeben den Master of advanced Studies (MAS), der in
einem Zeitraum von 3-6 Jahren absolviert wird. Ein Diploma of advanced Studies (DAS) umfasst 30
ECTS und entspricht ungefähr einer zweijährigen Beratungsweiterbildung (vgl. dazu auch Bredl et al.,
2006).
6 Dieses Qualitätslabel entspricht von den Standards her dem DGSF-Zertifikat.
7 Auf die »Risiken und Nebenwirkungen« der Modularisierung in der operativen Umsetzung des MAS-
Programms kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Es würde sich lohnen, dies an
geeigneter Stelle zu reflektieren.
Neues im Möglichkeitsraum 157
ten wie beispielsweise die Beratung »zwischen Tür und Angel« oder die Beratung
unter Zeitdruck. Dies hatte auch eine deutlichere Fokussierung auf beraterische
Kontexte anstelle von therapeutischen Kontexten zur Folge (vgl. Impuls 3).
Digitale Beratungsformate werden derzeit in dem dreitägigen Kursmodul
»Jenseits von Face-to-Face in der systemisch-lösungsorientierten Beratung«
thematisiert. Dabei stehen der Erwerb von Wissen und Basiskompetenzen für
Mailberatung, Telefonberatung und Blended Counseling im Fokus. Dies kann nur
ein Anfang sein und wird mittelfristig ausgeweitet, sodass eine umfangreichere
Kompetenz für die Konzeption und Realisierung digitaler Beratungsformate
aufgebaut werden kann (vgl. Impuls 2).
Das Thema gender- und vielfaltsorientierte Beratung ist ebenfalls in diesen neu
konzipierten CAS integriert. Dabei liegt dem Modul ein dreifaches Verständnis
von Genderkompetenz in der systemischen Beratung zugrunde, welches ein
spezifisches Reflexionsvermögen (bezogen auf die eigene Biografie, eigene
genderbezogene Einstellungen und Werthaltungen und mögliche genderbezogene
Hypothesen, die im Beratungsprozess wirksam werden können), ein spezifisches
Gender-Wissen (z. B. zu Formen struktureller Benachteiligung auf Ebene der
Klient/innen im eigenen Arbeitsfeld) und eine handlungsbezogene
Beratungskompetenz umfasst (Hörmann u. Kugler, 2017).
Darüber hinaus wurden weitere aktuelle Themen wie beispielsweise die Aus-
einandersetzung mit neurobiologischen Forschungsergebnissen über das Kurs-
modul »Vorsicht! Das Gehirn denkt mit! Neurobiologische Grundlagen syste-
mischer Arbeit« in das Curriculum integriert.
4.2 Wissenschaftliche Rahmung des Curriculums
Historisch bedingt wurde viele Jahre das Curriculum des externen
Kooperationspartners realisiert, was durch eine ausgeprägte
Anwendungsorientierung gekennzeichnet war. Eine stärkere theoretische
Rahmung der Weiterbildung war notwendig, um den hochschulischen Anspruch
einer anwendungsorientierten und zugleich wissenschaftlich fundierten
Weiterbildung einzulösen. Damit sollte inhaltlich-konzeptionell in der
Beratungsweiterbildung abgebildet werden, was strukturell von Anfang an
vorhanden war: die Kooperation eines Weiterbildungsinstitutes mit einer
Hochschule unter Nutzung der Stärken von beiden Seiten. Das langjährige Modell
der Zusammenarbeit im Sinne einer »Plattform-Strategie«, bei dem das
Weiterbildungsinstitut sein Curriculum in der Hochschule umsetzte, wurde zu
einer integrierten Kooperation weiterentwickelt, bei der einige Kursmodule auch
gemeinsam gestaltet werden.
Die wissenschaftliche Rahmung beinhaltete beispielsweise deutlicher als bisher
eine kritische Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der
Ansätze, den Einbezug von Impulsen aus dem aktuellen systemischen und lö-
sungsorientierten Diskurs sowie von Ergebnissen der Beratungsforschung.
158 Martina Hörmann
Auf der Aufbaustufe werden Modelle der Beratungsqualität sowie Fragen zur
Evaluation von systemischer Beratung thematisiert. Auch auf dieser Stufe werden
aktuelle Beiträge aus dem Fachdiskurs kritisch diskutiert und mit konkretem
Handeln in der Praxis verknüpft, z. B. die Auseinandersetzung mit »systemischen
Paradoxien« (von Schlippe, 2015) oder andere Aspekte aus dem Diskurs, die ver-
meintliche Gewissheiten in Frage stellen (z. B. Oestereich, 2017).
4.3 Didaktische Möglichkeitsräume
Arnold und Schön (2017) haben ausgeführt, wieso es nahezu unmöglich ist, Be-
ratung zu lehren8. Umso notwendiger erscheint es, den Lernprozess in der Aus-
und Weiterbildung zur systemischen Beraterin bzw. zum Berater so zu gestalten,
dass dieser »ermöglicht, reflektiert und irritiert« (ebd., S. 244). Durch verschie-
dene Studien haben Weinhardt und Bauer dargelegt, welche Faktoren potenziell
den beraterischen Kompetenzerwerb beeinflussen (Bauer u. Weinhardt, 2015;
Weinhardt, 2014). Wenngleich sich diese Studien in der Regel auf Studierende im
Erststudium mit minimaler systemischer Qualifikation beziehen, können daraus
doch Ableitungen auch für postgraduale systemische Weiterbildungen getroffen
werden. Eine relativ neue Lernmöglichkeit ist die Simulation einer realen
Beratungssituation durch den Einbezug von Simulationsklient/innen in den
beraterischen Lernprozess (Bauer u. Weinhardt, 2015; Szeteli, 2015).
Im oben beschriebenen Weiterbildungsprogramm basiert der beraterisches
Lernprozess jeder und jedes Einzelnen auf den kompetenzorientierten Weiter-
bildungszielen und wird in den plenaren Kursmodulen, der Supervision und
Intervision in Lerngruppen von 4-6 Teilnehmenden, in Sprechstunden und in der
eigenen Beratungspraxis realisiert. Diese bewährten Bestandteile der Wei-
terbildung wurden auf der didaktischen Ebene durch die Live-Beratung mit Si-
mulationsklient/innen sowie das Peer-to-peer-Counseling ergänzt.
In Zusammenarbeit mit einer Schauspielschule konnte die Live-Beratung mit
Simulationsklient/innen 2016 erstmalig erfolgreich in das Masterprogramm
integriert werden. Dazu absolvierten die Teilnehmenden jeweils eine Live-Be-
ratung mit einer Schauspielerin oder einem Schauspieler (Hörmann u. Aeber-
hardt, 2017). Die Beratenden erhielten einige Vorinformationen zum Klienten,
zur Klientin und dem Zuweisungskontext und führten auf dieser Basis eine Live-
Beratung durch. Die übrigen Teilnehmenden waren Beobachtende. Der Schau
8 Nichtsdestoweniger zeigt sich eine ungebrochen hohe Attraktivität von frontalen Großveranstaltungen,
bei denen berühmte Berater und Therapeuten vor großem Publikum einen Ausschnitt ihres Könnens
demonstrieren oder manchmal auch nur Anekdoten aus ihrem Leben erzählen. Von Beratungslernen kann
in diesem Kontext nur in Teilen gesprochen werden, es erfolgt im besten Falle ein Wissenszuwachs,
(noch) nicht jedoch eine Erweiterung der eigenen beraterischen Handlungskompetenz
Neues im Möglichkeitsraum 159
spieler bzw. die Schauspielerin hatte vorab eine Rolleninstruktion zu einem Fall
erhalten. Das Thema/Anliegen der Beratung knüpfte an die Kursinhalte an.
Das Peer-to-peer-Counseling, also die gegenseitige Beratung von Menschen
gleichen Interesses oder gleicher Erfahrungen, in diesem Fall von Weiterbil-
dungsteilnehmenden im beraterischen Lernprozess, findet in Lerntandems statt,
die sich gegenseitig in ihrer beruflichen Praxis besuchen, an einzelnen
Beratungsgesprächen beobachtend teilnehmen und sich gegenseitig konstruktives
Feedback geben. Diese Rückmeldung im Zweiersetting basierend auf einer
Hospitation ermöglicht ein differenzierteres Feedback auch zu persönlicheren
Themen als dies in einer Intervisionsgruppe möglich wäre.
Die Beratungshospitationen erfolgen verteilt über die Dauer von circa einem
Jahr insgesamt viermal, das heißt jede teilnehmende Person wird zweimal in ihrer
beraterischen Praxis beobachtet und ist zweimal selbst Beobachtende/r.
Begleitend erfolgt die individuelle Reflexion und Dokumentation entlang vor-
gegebener Kriterien in einem Lernjournal.
Neu wurde die kontinuierliche Reflexion der eigenen beraterischen Entwick-
lung auch explizit in den Kursmodulen zu Beginn, in der Mitte und am Ende eines
Weiterbildungsjahres verankert.
Bereits beim Einstieg in die Beratungsweiterbildung wird mit einer biogra-
fischen Übung am Beratungswissen und an den Vorerfahrungen der Teilneh-
menden individuell angeknüpft (vgl. dazu auch Lauinger, 2017).
Wichtig ist auf didaktischer Ebene ein gelungener Mix von neuen und be-
währten Lernformen. Zu letzteren zählen Übungssequenzen im Rollenspiel, das
Beratungslernen mittels Videoanalysen, indem Aufzeichnungen eigener Bera-
tungsgespräche im Plenum oder in der Lerngruppe kriteriengeleitet analysiert und
kollegial reflektiert werden. Möglich ist grundsätzlich auch der Einbezug eigener
Klient/innen in das Weiterbildungsgeschehen, was sich jedoch aufgrund der
Entfernungen zwischen Arbeits- und Weiterbildungsort oder aufgrund des
Pflichtkontextes nicht immer realisieren lässt. Gesprächsanalysen und struktu-
rierte Beratungsprozessbeschreibungen runden die Lernformen ab.
In einer Beratungsweiterbildung kann »das Digitale« in zweifacher Hinsicht
relevant werden: Zum einen wie unter Punkt 2 beschrieben, sollen Weiterbil-
dungen gewährleisten, dass Beratende mithilfe digitaler Skills einen souveränen
Umgang mit den verschiedenen digitalen Möglichkeiten in ihrer Beratungspraxis
finden, zum anderen können digitale Formen des Beratungslernens auf di-
daktischer Ebene den Kompetenzerwerb gezielt unterstützen und ermöglichen.
Durch die Gestaltung einer Blended Lernumgebung kann gezielt auf die Hete-
rogenität der Weiterbildungsteilnehmen Bezug genommen werden, z. B. durch
die Ermöglichung individuelle Lernprozesse und Lerntempi.
160 Martina Hörmann
5 Fazit
Aus- und Weiterbildungsprogramme in systemischer Beratung und Therapie
blicken auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück. Neben einer Vielzahl
bewährter Herangehensweisen gibt es auch zahlreiche Aspekte, die es lohnend
machen, systemische Beratung weiterzuentwickeln und so zukunftsfähig zu ma-
chen. Insbesondere in der Sozialen Arbeit trägt ein systemischer Blick dazu bei,
nah an der Lebenswelt der Menschen zu bleiben. Durch die Integration der in
diesem Beitrag erläuterten Impulse könnte dies vielleicht gelingen, wobei die
angeführten Aspekte keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Sinnvoll und
notwendig für Systemiker/innen ist auch im 21. Jahrhundert eine neugierige und
offene Grundhaltung.
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Neues im Möglichkeitsraum 161
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Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Martina Hörmann
Hochschule für Soziale Arbeit Fachhochschule Nordwestschweiz
Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement
Riggenbachstr. 10, CH-4600 Olten
E-Mail: martina.hoermann@fhnw.ch
... Diskurs sowohl im Hochschulkontext als auch in Weiterbildungskontexten ausserhalb der Hochschulen (vgl. Sgier et al. 2018, Haberzeth/Sgier 2019, Hörmann 2019a ...
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Die Digitalisierung als breiter gesellschaftlicher Transformationsprozess ist nicht erst seit Frühling 2020 in aller Munde. Viele Berater*innen haben sich erstmals mit den Möglichkeiten der Beratung im digitalen Setting auseinandergesetzt und Erfahrungen gesammelt. Nun stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf Beratungsaus- und -weiterbildungen hat. Wie sollten sich Curricula verändern, welche Kompetenzen werden zukünftig bedeutsamer und wie lassen sich diese am besten vermitteln? Der Impulsvortrag greift wesentliche Fragen auf und präsentiert Ergebnisse aus dem Projekt „Digitale Beratung hoch 2- in innovativen Umgebungen beraten (lernen)“, das 2019-2020 an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz durchgeführt wurde.
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Die Coronapandemie stellt Hochschulen vor bisher ungeahnte Herausforderungen. Digitalisierung und Online-Lehre bestimmen das Bild, während Campus und Seminarräume verwaisen. Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf Studierende und Lehrende? Werden Diskriminierung und Exklusion durch digitale Lehre verstärkt oder gemindert? Und wie können Hochschulleitungen auf das »New Normal« reagieren? Die Zusammenführung von Forschungsergebnissen, Lessons Learned und Best Practice-Beispielen zeigt, wie sich Hochschulen – und Hochschullehre – durch die Erfahrungen aus der Pandemie verändern, und bietet Impulse für eine nachhaltige Hochschulentwicklung.
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Die Coronapandemie stellt Hochschulen vor bisher ungeahnte Herausforderungen. Digitalisierung und Online-Lehre bestimmen das Bild, während Campus und Seminarräume verwaisen. Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf Studierende und Lehrende? Werden Diskriminierung und Exklusion durch digitale Lehre verstärkt oder gemindert? Und wie können Hochschulleitungen auf das »New Normal« reagieren? Die Zusammenführung von Forschungsergebnissen, Lessons Learned und Best Practice-Beispielen zeigt, wie sich Hochschulen – und Hochschullehre – durch die Erfahrungen aus der Pandemie verändern, und bietet Impulse für eine nachhaltige Hochschulentwicklung.
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Blended Counseling – die systematische, konzeptionell fundierte Kombination von digitalen und analogen Kommunikationssettings im Beratungsprozess – boomt derzeit. Zugleich ist zu beobachten, dass eine große Spanne an Vorstellungen existiert, was Blended Counseling sei und wie es umgesetzt werden könne, sodass ein Blick auf die konzeptionellen Grundlagen sowie aktuelle Diskurslinien und Forschungsergebnisse nötig ist, um den fachlichen und wissenschaftlichen Diskurs konstruktiv voranzutreiben. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Blended counseling - the systematic, conceptually sound combination of digital and analog communication settings in the counseling process - is currently booming. At the same time, there is a wide range of ideas as to what Blended Counseling is and how it can be implemented. A look at the conceptual foundations as well as current lines of discourse and research results is necessary to constructively advance the professional and scientific discourse.
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Der Beitrag betrachtet im Sinne von Lessons Learned die Durchführung des Moduls »Grundlagen der Kommunikation, Gesprächsführung und Beratung« im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Nach der Aussetzung des Präsenzunterrichts im Frühling 2020 wurde das Modul mit 200 Studierenden und zehn Dozierenden ab der fünften Einheit im digitalen Setting realisiert. Die Überlegungen zur Gestaltung des Beratungslernens werden am Beispiel von zwei Teilgruppen näher erläutert, die didaktisch verschieden gearbeitet haben. Anschließend werden Potenziale und Herausforderungen des Transfers eines handlungsorientierten Moduls in ein Online-Lernsetting anhand verschiedener Aspekte reflektiert. So möchte der Beitrag Impulse dafür geben, wie didaktisch vielfältiges Beratungslernen auch im digitalen Setting möglich ist und wo Herausforderungen sichtbar werden.
Research
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Im Experiment wurden die Erfahrungen von Teilnehmenden einer Beratungsweiterbildung und deren Supervisor*innen mit dem Format Blended Supervision untersucht. Im Fokus standen dabei die Akzeptanz des Formates, die Usability der verwendeten Plattform CAI World sowie Einschätzungen zum Lernprozess der Teilnehmenden auch im Vergleich zur "klassischen" Supervision im Face-to-Face-Setting. Aufgrund der Pandemiesituation wurde das Experiment im Frühsommer 2020 ausgeweitet, sodass insgesamt fünf Supervisionsgruppen aus zwei laufenden Weiterbildungsprogrammen zur systemisch-lösungsorientierten Beratung am Experiment teilnahmen.
Article
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Im systemischen Diskurs zeigt sich insgesamt eher Zurückhaltung, was die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten von Beratung im virtuellen Raum anbelangt. Dies verwundert insofern, als diese Erweiterung des Möglichkeitsraums im besten Sinne als systemisch angesehen werden kann, nämlich als Vervielfältigung und Ausdifferenzierung von beraterischen Möglichkeiten, um Menschen in Veränderungsprozessen zu unterstützen. Dies gelingt insbesondere durch die Realisierung von Blended Counseling, einer Idee, bei der gezielt und systematisch die Vorteile analoger und digitaler Beratungssettings miteinander verknüpft werden. Der Beitrag will einige theoretische Impulse geben und zugleich bezogen auf die systemische Beratungspraxis Perspektiven und Herausforderungen aufzeigen.
Article
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Der digitale Wandel hat neue Kommunikationsformen eröffnet und damit die bera-terischen Möglichkeiten erweitert. Wie lässt sich Face-to-Face-Beratung (F2F) mit digitalen Medien zu einem Blended Counseling verbinden? Basierend auf den Er-gebnissen von zehn explorativen Interviews zeigt der Beitrag wie Fachpersonen aus der Schulsozialarbeit, einem Sozialdienst sowie Sucht- und Jugendbera-tungsstellen in der Schweiz digitale Medien in der Beratung nutzen und das Potenzial von Blended Counseling einschätzen
Article
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KONTEXT 48, 3, S. 234 – 242, ISSN (Printausgabe): 0720-1079, ISSN (online): 2196-7997 © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2017 »Angemessene Verstörung« als Schlüsselkonzept für Beratungsprozesse Jürgen Kriz Zusammenfassung Zunächst wird der Unterschied zwischen zwei Perspektiven betont: »Die Welt« (von außen) zu beschreiben und sie (von innen, als Subjekt) zu erleben sind zwei komplementäre Perspektiven, die beide wichtig sind, aber nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Danach wird gezeigt, wie der Bereich der Beratung im Vergleich zu dem der Psychotherapie wesentlich komplexer ist, weil er nicht durch diagnostische Kategorien und »evidenzbasierte« Interventionen vorstrukturiert ist. Dies ist einerseits eine Herausforderung, andererseits eine Chance, professionelles Handeln eher am Menschen und den konkreten Situationen auszurichten und weniger an Kategoriensystemen von Symptomen. Auf der Basis der »Personzentrierten Systemtheorie« wird das Konzept der »angemessenen Verstörung« als Schlüsselkonzept für Beratungsprozesse vorgeschlagen, weil es aus einer Metaperspektive in der Lage ist, das Spektrum unterschiedlicher »Techniken« von diversen »Schulen« zu integrieren und auf ihre wesentliche Wirkung zurückzuführen: Die meisten Probleme, mit denen Menschen um Beratung nachsuchen, können als überstabile »Lösungen« verstanden werden, die sich neuen Herausforderungen in der Entwicklung nicht angepasst haben und daher dysfunktional geworden sind. Abschließen wird diskutiert, warum die Verstörung »angemessen« sein muss: ist diese zu gering, wird vermutlich gar nichts verändert, ist sie zu groß, reagieren Menschen eher im Sinne der Abwehr was zu einer Verfestigung der Problemstrukturen führt. Allerdings ist das, was jeweils »angemessen« ist, von den Bedeutungszuweisungen der Subjekte abhängig und kein Gegenstand eines wie immer gearteten äußeren Beobachters mit manualisierten Beurteilungen. Vielmehr geht es um eine Gratwanderung im Kontext einer Begegnung. Schlagwörter Beratung – Aus- und Weiterbildung – Subjektivität – Objektivität – Komplexität – Verstörung Summary «Appropriate Perturbation» as a key-concept in counselling Firstly, the difference between describing «the world» (from an external perspective) and experiencing «the world» (from an inner and subjective perspective) is stressed. Both perspectives are important but mutually complementary. Secondly, it is shown that the field of counselling is rather complex compared to psychotherapy due to the lack of a pre-structured cognitive landscape (diagnostic categories and «evidence based» interventions). This is both a challenge and a chance for professional behavior which is geared towards human beings and their situations and not towards categories of symptoms. Thirdly, based on the «Person-Centered Systems Theory», we propose the concept of «appropriate perturbation» as a meta-and key-concept in counselling which is able to integrate different «techniques» of different «schools» on the basis of their essential meaning and mode of effect. This is because most problems in counselling can be understood as over-stable solutions which became dysfunctional to new requirements. Finally, we discuss why the perturbation has to be «appropriate»: too small perturbation will most likely effect nothing while too big perturbation will lead to defense strategies in order to save the threatened status quo. However, what «appropriate» really means is dependent on the subjective meaning and understanding and is, therefore, not at all a question of any manualized judgement of an external observer. In contrast, this is a question of a tightrope walk in an encounter. Keywords counselling – education and training – subjectivity – objectivity – complexity – perturbation
Article
Summary Subject-oriented professionalization, lifelong learning and EQR/DQR in systemic education and training The article describes subject-oriented professionalization, lifelong learning and the German qualification framework (DQR) along current changes in continuing education. Zusammenfassung Der Artikel beschreibt aktuelle Veränderungen in der Fort- und Weiterbildung entlang subjektorientierter Professionalisierung, lebenslangem Lernen und dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR).
Article
Systemische Beratung ist nicht lehrbar, sehr wohl aber lernbar. Diese zunächst widersprüchlich wirkende Behauptung wird im Beitrag aus einer ermöglichungsdidaktischen Perspektive heraus erläutert. Ermöglichungsdidaktik wird als eine Theorie der Selbstorganisation von Lernen und Kompetenzentwicklung definiert und bildet damit einen Gegenpol zu Konzepten klassischer Input-Didaktik. An die Stelle reiner Vermittlung bzw. Intervention muss die Konstruktion durch die Lernenden selbst treten. Zukünftigen Beraterinnen und Berater muss ermöglicht werden, durch Selbstlernprozesse eigenen Wirkmechanismen nachzuspüren und diese zu ergründen. Ein selbstreflexiver Zugang zur eigenen Beratungsfunktion kommt ohne eine elementare Fundierung der eigenen Beobachterposition nicht aus, um Gewissheiten radikal in Frage zu stellen. So wird dem (selbsteinschließenden) Reflektieren im Laufe dieses Prozesses eine zentrale Stellung zugewiesen. Schlussendlich gehört eine gezielte Irritation zum Lernprozess, um Selbstlernprozesse zu aktivieren und zu provozieren. Wirksame Beratung schafft und ermöglicht gezielt günstige Gelegenheiten für reflexives Lernen aller Akteure. [Kontext, 48 (3), 243–252]
Article
Systemic Approaches in Global Systems-Behoeen Solidarity and Defense This paper explores some of the challenges in developing an approach to working with survivors of war, torture and other human rights violations, and offers some broad principles based on the experience of two colleagues working in this field for nearly three decades but based in different countries. The work with people that have been uprooted, violated, tortured and are in or after flight is highly demanding for health workers involved. In Europe, the dominant discourse remains the trauma discourse depicting refugees as traumatized, damaged and in need of expert psychological therapy. In regions where these conflicts continue, the dominant discourse amongst health practitioners is the discourse of MHPSS and humanitarian interventions This article looks at both of these discourses, their limitations and consequences, and it calls for a change in the »trauma paradigm« as well as looking at the specific questions that the German professional therapeutic community is facing. Some broad principles based on systemic thinking, including a human rights framework, are suggested as a useful way forward for practitioners in health and social care. We should not shoe-horn survivors into our pre-existing, Western notions of suffering, symptoms and psychiatric disease-but focus on the encounter as a catalyst for change.
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In diesem Artikel beleuchten die Autorinnen einige Herausforderungen in der psychosozialen Versorgung von Menschen, die Krieg, Folter und andere Menschenrechtsverletzungen überlebt haben. Die Zusammenarbeit mit entwurzelten Menschen, die Gewalt erfahren haben, gefoltert wurden, auf der Flucht oder bereits geflohen sind, fordert allen beteiligten Fachkräften sehr viel ab. In Europa, wohin viele der Menschen fliehen, bildet der »Trauma-Diskurs« weiterhin den Schwerpunkt der Diskussionen. Flüchtlinge gelten gemäß dieser Sichtweise als traumatisiert und therapiebedürftig. In jenen Regionen, in denen kriegerische Konflikte andauern, dominiert eher der Diskurs »MHPSS und humanitäre Intervention«. Der vorliegende Artikel untersucht diese beiden Ansätze hinsichtlich ihrer Grenzen wie Auswirkungen. Zudem fordert er eine Abkehr vom vorherrschenden Trauma-Diskurs und stellt einige praktische Leitlinien in der Arbeit mit Überlebenden vor, die auf systemischem Denken basieren und den Menschenrechten verpflichtet sind. Abschließend plädieren die Autorinnen dafür, Überlebende nicht in vorgefertige, westlich geprägte Konzepte von Leid, Symptom und psychiatrischer Erkrankung zu pressen, sondern auf die Begegnung als Katalysator für Veränderung zu fokussieren. Systemic Approaches in Global Systems – Between Solidarity and Defense This paper explores some of the challenges in developing an approach to working with survivors of war, torture and other human rights violations, and offers some broad principles based on the experience of two colleagues working in this field for nearly three decades but based in different countries. The work with people that have been uprooted, violated, tortured and are in or after flight is highly demanding for health workers involved. In Europe, the dominant discourse remains the ›trauma discourse‹, depicting refugees as traumatized, damaged and in need of expert psychological therapy. In regions where these conflicts continue, the dominant discourse amongst health practitioners is the discourse of ›MHPSS and humanitarian intervention‹. This article looks at both of these discourses, their limitations and consequences, and it calls for a change in the »trauma paradigm« as well as looking at the specific questions that the German professional therapeutic community is facing. Some broad principles based on systemic thinking, including a human rights framework, are suggested as a useful way forward for practitioners in health and social care. We should not shoe-horn survivors into our pre-existing, Western notions of suffering, symptoms and psychiatric disease – but focus on the encounter as a catalyst for change.
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Dieses essential erklärt, wie sich helfende Beziehungen in den Bereichen Beratung, Coaching und Psychotherapie mit den Möglichkeiten der avatar-basierten Gestaltung virtueller Realität umsetzen lassen. Insbesondere im klinisch-therapeutischen Bereich entwickeln sich zusehends dreidimensionale virtuelle Interventions- und Arbeitsmethoden. Die Möglichkeiten des Social Web eröffnen eine Vielzahl neuer Formen online-gestützter Kollaboration und Interaktion von Menschen, sei es face-to-face oder mittels virtueller Repräsentanten. Der Inhalt • Stand der Forschung im Bereich virtueller Räume für avatar-basierte Beratung • Soziale Präsenz und Immersion in virtuellen Beziehungen • Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Einsatz virtueller Realität für Beratung, Coaching und Psychotherapie Die Zielgruppen • Therapeutische Fachkräfte, Coaches, Beraterinnen und Berater • Dozierende und Studierende medizinischer Berufe Die Autoren Dr. Klaus Bredl, Professor für Digitale Medien, Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät, Universität Augsburg. Dr. Barbara Bräutigam, Psychologische Psychotherapeutin und Professorin für Psychologie, Beratung und Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg. Daniel Herz, M.A., psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerk Greifswald und Lehrbeauftragter im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg.