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Leitfaden 'Tu was gegen Beschämung!' Strategien zu mehr Anerkennung und besserer Gesundheit

Authors:
Preprints and early-stage research may not have been peer reviewed yet.
Strategien zu mehr Anerkennung
und besserer Gesundheit
LEITFADEN
TU WAS GEGEN BESCHÄMUNG!
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IMPRESSUM
Herausgeberin:
Die Armutskonferenz.
Herklotzgasse 21/3, 1150 Wien
Mail: office@armutskonferenz.at, Tel: 0043-1-4026944
Web: www.armutskonferenz.at
Redaktion:
Die Armutskonferenz und Vertreter*innen der Plattform Sichtbar Werden: Rosemarie Barth,
Lothar Furtner, Silvia Gangl, Vera Hinterdorfer, Astrid Kirchsteiger, Alban Knecht, Robert Rybaczek-
Schwarz, Christine Sallinger, Martin Schenk, Wolfgang Schmidt, Maria Strasser, Wolfgang Süß.
Kapitel „Ich kommuniziere zielführend“: Philipp Sonderegger
ÜBER DIE HERAUSGEBER*INNEN
Die Armutskonferenz
Die Armutskonferenz ist seit 1995 als Netzwerk von über 40 sozialen Organisationen sowie Bildungs-
und Forschungseinrichtungen aktiv. Sie thematisiert Hintergründe und Ursachen, Daten und Fakten,
Strategien und Maßnahmen gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Österreich. Gemeinsam mit
Armutsbetroffenen engagiert sie sich für eine Verbesserung deren Lebenssituation.
Plattform Sichtbar Werden
Die Plattform Sichtbar Werden ist als Teil der Armutskonferenz ein Zusammenschluss von Menschen
und Initiativen mit Armuts-, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen aus ganz Österreich. Als
Delegierte zahlreicher Initiativen und Vereine (wie Alleinerziehende, Straßenzeitungs-Verkäufer*innen,
User-Vertreter*innen u.a.) vertreten sie direkt die Interessen von Menschen mit Armutserfahrungen.
ANMERKUNGEN
Bezüglich der Anrede:
Wir haben uns bewusst entschieden, die Leser*innen im Leitfaden mit „Du“ anzusprechen. Dabei gilt
unsere Achtung und unser Respekt insbesondere den Leser*innen, die schwierige Lebenssituationen
bewältigen müssen. Wir wollen die Leser*innen persönlich ansprechen, sie einladen mitzumachen und
sich zu beteiligen. Das Denken in Hierarchien möchten wir vermeiden. Darum halten wir das „Du“ für
die geeignete Anrede.
Zitate:
Die Zitate in den Kästchen stammen von Menschen mit Armutserfahrungen, die in der Plattform
Sichtbar Werden vernetzt sind.
Grafik & Layout: www.hiasl.at
Erste Auflage: Mai 2019
Das Projekt „GWB – Gesundheitsförderung zwischen Wertschätzung und Beschämung – Gesundheitliche
Belastungen von Armutsbetroffenen durch Abwertung und vorenthaltene Anerkennung vermeiden“ wird
gefördert aus Mitteln des Fonds Gesundes Österreich.
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INHALTSVERZEICHNIS
ÜBER DIESEN LEITFADEN ............................................................................4
WIE BESCHÄMUNG FUNKTIONIERT .............................................................5
BESCHÄMUNG UND GESUNDHEIT ...............................................................7
ICH STÄRKE MICH .........................................................................................8
ICH KOMMUNIZIERE ZIELFÜHREND ............................................................9
ICH INFORMIERE MICH UND HOLE MIR HILFE ..........................................12
ICH BESCHWERE UND WEHRE MICH .........................................................13
WIR BEGLEITEN EINANDER ........................................................................16
WIR REDEN MIT ........................................................................................... 18
WIR TUN UNS ZUSAMMEN ..........................................................................19
WIR KÖNNEN GEMEINSAM ETWAS ÄNDERN ............................................20
DAS PROJEKT ..............................................................................................22
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ÜBER DIESEN LEITFADEN
Viele Menschen, die in schwierigen Lebenslagen sind oder Armutserfahrungen
gemacht haben, kennen Situationen, in denen sie abwertend und schlecht behandelt
werden. Omals geschieht das auf Ämtern oder auch in Gesundheitseinrichtun-
gen (beim Arzt, in Krankenhäusern oder bei der Erstellung von Gutachten). Diese
Erfahrungen von Beschämung gehen meist nicht spurlos an ihnen vorüber – Krän-
kungen machen eben auch krank!
Wir, die Armutskonferenz (ein Netzwerk von sozialen Organisationen) und die
Plattform Sichtbar Werden (ein Zusammenschluss von Menschen die selbst von
Armut betroen sind oder waren), haben uns daher überlegt, gegen Beschämung
anzugehen.
Dieser Leitfaden soll Dir helfen, beschämende Situationen zu vermeiden oder besser
damit umzugehen. Und er soll Dir Möglichkeiten zeigen, wie Du auch andere Be-
troene unterstützen kannst. Im Leitfaden ndest Du auf den nächsten Seiten zuerst
einige Erklärungen wie Demütigung und Beschämung funktionieren und welche
Folgen Beschämung für Betroene haben kann.
In den restlichen Kapiteln zeigt der Leitfaden Strategien und Wege auf, wie wir gegen
Beschämung vorgehen können. Diese Strategien können unterschieden werden in:
• individuelle Ansätze, die jede und jeder für sich selbst anwenden kann. Dazu
gehören die Art, wie wir kommunizieren und wie wir in Gespräche gehen, aber
auch Übungen um sich selbst zu stärken.
• Möglichkeiten, die wir gemeinsam in der Gruppe haben, wie z.B. uns
gegen seitig zu begleiten, uns mit anderen Betroenen zu vernetzen und
auszutauschen, sowie
• Veränderungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene, um Beschä-
mung zu vermeiden. Dazu zählen mehr Mitsprache-Möglichkeiten für Betroene
auf Behörden oder bei der Gestaltung von Gesetzen oder auch Dinge, wie die Art
der Berichterstattung in Medien.
„Ich denke wir sollten alle bei uns
selbst einmal anfangen. Jeder
Einzelne ist etwas wert und wir
sind viel wert. Es hat keiner das
Recht, dass jemand schlecht über
uns redet oder Einfluss auf unse-
ren Selbstwert nimmt. Wir müssen
an dieser Stelle anfangen unseren
Wert selbst zu bestimmen.“
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BESCHÄMUNG IST EINE SOZIALE WAFFE
Soziale Scham ist nicht bloß ein harmloses persönliches Gefühl. Beschämung ist
eine soziale Wae der jeweils Mächtigeren.
Ich werde zum Objekt des Blickes anderer gemacht. Andere bestimmen wie ich mich
zu sehen habe. Das ist ein massiver Eingri. Betroene fürchten in diesen Augen-
blicken ihr Gesicht zu verlieren und wissen ihr Ansehen bedroht. In Extremfällen
fühlt sich die Scham so an, als ob man im Erdboden versinken will. Man möchte o
nicht so gesehen werden, wie ein anderer einen sieht. Manchmal stellt sich auch das
Gefühl ein, dass man nicht mehr richtig denken kann.
Beschämung hält Menschen
klein. Sie rechtfertigt die
Bloßstellung und Demüti-
gung als von den Beschäm-
ten selbst verschuldet. Das ist
das Tückische daran. Soziale
Scham fordert dazu auf, eine
Erklärung für den Sinn der
Verletzung zu nden, die
man zuvor erfahren hat.
In der Scham sieht man sich selbst
ganz im Blick des Anderen. Dies bringt mit sich, dass man von den eigenen Bedürf-
nissen getrennt ist. Wenn man sich seiner eigenen Bedürfnisse (wieder) bewusst
wird, dann kann man vielleicht anmerken: „Ich habe den Eindruck, dass sie mich für
… halten. Wie kommen Sie darauf?“ „Sie stecken mich in eine Schublade, obwohl
sie mich / meine Lebenssituation nicht kennen.“ oder auch: „Es steht Ihnen nicht zu,
sich dieses Urteil über mich anzumaßen.“
Menschen, die von Armut betroen sind, machen häug besondere Erfahrungen
von Beschämung und Demütigung. Mit ihnen wird aufgrund ihrer Lage „schlecht
umgegangen“, sie werden fühlbar benachteiligt behandelt.
„Oder ich hab mir anhören können: ‚Wenn Sie
nicht zufrieden sind, in Afrika wären Sie schon
tot.’ So wird schon gearbeitet. Halt ja den Mund
und sei ja bequem und sei immer schön zufrie-
den, weil es könnte ja noch schlechter sein. Aber
es ist immer alles relativ. Relativ zur Umgebung.
Weil wenn ich mit Freunden fortgehe, die halt eine
Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise im Lokal
konsumieren und ich bestell mir ein Glas Wasser,
dann ist das halt dann, wie gesagt, alles relativ.“
WIE BESCHÄMUNG FUNKTIONIERT
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„EINE BEDROHUNG, DIE LEICHT IN DER LUFT – ABER SCHWER
AUF KÖRPER & GEIST LIEGT“
Wenn man eine Gruppe verletzlich macht hinsichtlich des negativen Blickes, der
in der Gesellscha vorherrscht, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Wer damit
rechnet, als unterlegen zu gelten, bringt schlechtere Leistungen. »Stereotype threat«
wird dieser Eekt genannt, Bedrohung durch Beschämung. Umgekehrt heißt das,
dass die besten Entwicklungsvoraussetzungen in einem anerkennenden Umfeld zu
nden sind, dort wo wir an unseren Erfolg glauben dürfen. Zukun gibt es, wo wir
an unsere Fähigkeiten glauben dürfen, weil andere an uns glauben. Wo ich meinem
Können traue, dort gibt es auch welche, die mir etwas zutrauen.
In Befragungen von Betroenen, die im Zusammenhang mit einem Projekt der
Armutskonferenz durchgeführt wurden (siehe Kapitel „Das Projekt“), wurden
als Orte der Beschämung Behörden, Krankenhäuser, Praxen, aber auch Orte wie
Gaststätten oder öentliche Verkehrsmittel genannt. Einige Betroene fanden auch
Reden im Parlament und Texte aus Zeitungen beschämend. All dies weist darauf
hin, dass Beschämungssituationen allgegenwärtig sind.
„Dann sagt er zu mir, na ich soll fasten, weil er
fastet ja auch jeden zweiten Tag, und dann hat er
mir erklärt, er läuft Marathon. Dann schau ich ihn
an und sage: ‚Naja, Sie sind aber ein gesunder
Mensch’. Darauf sagt der Pflegegutachter zu mir:
‚Naja, wie wär’s denn einmal mit ein bisschen
Disziplin? ’Woher will der wissen, wie viel Disziplin
ich aufbringen muss, um komplett alleinstehend,
schwer behindert, in Armut lebend, überhaupt
noch mein Leben zu gestalten?!“
„Und ja, das Gefühl, ich
bin ausgeschlossen. Klar
hab ich das. Ich bin aus-
gegrenzt, ich bin ausge-
schlossen, ich kann nicht
teilhaben. Klar. Ich versuch
nur immer, dass das nicht
die Übermacht kriegt. Weil
sonst mach ich mich sel-
ber fertig. Für keinen Men-
schen sind Erniedrigungen
und Demütigungen gut.“
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Viele Menschen, die z.B. durch Arbeitslosigkeit, Armut oder eine sichtbare Behin-
derung benachteiligt sind, machen häuge und andauernde Beschämungserfah-
rungen. Diese Erfahrungen führen zu Stress und gesundheitlichen Belastungen.
Manche Menschen stellen sich und ihre Existenz in Frage, Selbstzweifel plagen sie,
sie haben den Eindruck, nicht mehr denken zu können und erleben depressive
Verstimmungen. Häug geht damit ein Rückzug aus dem öentlichen Leben einher.
Andere sind frustriert oder
werden wütend oder aggressiv
angesichts der erlebten Ab-
wertung ihres Selbst und Ihrer
Bemühungen, ein gesellschalich
anerkanntes Leben zu führen.
Manche Betroene berichten
auch darüber, dass sie sich wün-
schen, dass die Politik und die
Gesellscha sich um ihre Situa-
tion und ihr erfahrenes Leid küm-
mern – oder auch, dass sie selbst
politisch aktiv werden wollen.
Das Leben in benachteiligten Lebenssituationen führt zu viel Stress. Die häuge
Erfahrung von Stress führt – zusammen mit den Schwierigkeiten, von wenig Geld
leben zu müssen und den existentiellen Sorgen – zu dauerhaem Stress, der die Ge-
sundheit belastet und psychische, psychosomatische und somatische Erkrankungen
mit sich bringen kann.
„Ich habe immer wieder beschämen-
de Erfahrungen bei unterschiedlichen
Ämtern gemacht, die mich schlecht
behandelt oder runtergemacht ha-
ben. Ich wurde so oft nicht richtig
wahrgenommen. Und es schwingt
so unterschwellig mit: ‚Das sind nur
Owezahrer. Die muss ich erhalten.‘
Und die psychische Belastung, die
daraus entsteht, der Druck, den man
aus vielerlei Richtung verspürt, ist
immens. Das hat mich die Gesundheit
zwar nicht total gekostet, aber sie
doch beeinträchtigt, dauerhaft.“
„Mit Erkrankung und Rollstuhlfahrern läufts
so, dass ich, wenn ich zum Arzt gehe und
sage, es tut mir irgendwas weh, geht es
eigentlich nicht um eine Behandlung,
sondern der erste Gedanke bei Ärzten ist:
‚Jo mei, kann man nicht ändern, der/dem
muss sowieso irgendwas weh tun. Musst
leben damit. Geh wieder heim. So in der Art.
Das hab ich bei jedem Arzt. Das ist äußert
frustrierend, bringt mich auch nicht weiter,
sondern eher dazu, dass ich nicht mehr zum
Arzt gehe, wenn ich Probleme habe oder
etwas weh tut.“
Beschämung geht unter die Haut:
Die stärksten Wirkungen äußern sich in
erhöhtem Stress und höheren Raten
psychischer Erkrankungen.
Beschämung schneidet ins Herz: Die
stärksten Zusammenhänge nden sich mit
Bluthochdruck und Herzerkrankungen.
Beschämung schadet der Gesundheit:
Je öer, je länger und je stärker die Verach-
tung, desto schädlicher.
BESCHÄMUNG UND GESUNDHEIT
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Wie dargestellt, nagen Beschämungserfahrungen omals an unserem Selbst-
wertgefühl. Das heißt, manche Menschen fühlen sich dadurch weniger wert, sind
eingeschüchtert und fühlen sich erniedrigt.
Eine Strategie, um anders mit beschämenden Situationen umzugehen oder sie zu
vermeiden, sind daher unterschiedliche Übungen, die einem helfen sich selbst zu
stärken. Manche dieser Übungen kommen aus dem eater, bei anderen geht es
um Körperhaltung oder Körperwahrnehmung für innere Ruhe oder auch um die
Unterstützung mit positiven Gedanken. Diese Übungen lassen sich gut in einem
Workshop erlernen oder auch selbst organisiert in einer Selbsthilfegruppe oder
sozialen Einrichtung.
„Alle sechs Monate entscheiden diverse Chefärzte darüber, ob mir notwendige
Physiotherapie weiter gewährt wird. Beim letzten Mal bemerke ich ein paar
Minuten vor dem Eintreten, wie sich mein Körper verkrampft und ich kurzatmig
werde und schwitzige Hände bekomme – eindeutig die Nervosität eines Bittstel-
lers. Da erinnere ich mich an eine Emotions-Übung, die ich erst kennengelernt
habe. Ich beginne bei der negativsten Emotion, die mir in dem Moment einfällt
– Wut. Mein ganzer Körper spannt sich an und meine Mimik verändert sich,
während ich mich für einige Sekunden in dieses Gefühl versetze. Nächste Emo-
tion: Trauer – ich werde zittrig. Danach ‚Gleichgültigkeit‘ – mein Körper lässt
los. Schließlich ‚Zufriedenheit‘ und meine Schultern sowie mein Kopf beginnen
sich zu heben. Spätestens bei ‚Glücklich-Sein‘ verändert sich meine Mimik zum
Positiven und bei ‚selbstbewusst und stark‘ wird mir bewusst, dass ich kein
Bittsteller bin, sondern Rechte habe. So betrete ich den Raum und sogar ein
Arzt, der mich schon lange kennt, stellt eine Veränderung an mir fest.“
Lesetipp: Das Buch „Wut,
Scham und Schuld“ von Liv
Larsson stellt auf lebendige
Weise vor, wie man mit Scham
umgehen kann. Es geht aller-
dings wenig auf den gesellscha-
lichen und politischen Hinter-
grund von Scham ein.
ICH STÄRKE MICH
9
Der lösungsorientierte Ansatz kann Dir helfen, Gespräche so zu führen, dass sie
in Deinem Sinne verlaufen. Der Ansatz ist kein Garant für gelungene Gespräche,
aber er kann Dich dabei unterstützen, das Beste aus einer Situation zu machen.
Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, kann ganz schön viel schief gehen. Es
ist unerfreulich, wenn wir streiten, Missverständnisse entstehen oder einfach nur an
einander vorbeireden. Besonders unangenehm kann es werden, wenn ein wichtiges
Gespräch nicht so verläu, wie wir uns das vorstellen – etwa beim AMS oder beim
Arzt. Unsere Gesprächspartner*innen treen Entscheidungen, die unser Leben
gravierend beeinussen können.
Ein Gespräch ist eine lebendige Situation. Die Gesprächspartner*innen beeinussen
gegenseitig, wie sie sich verhalten. Wenn uns jemand unfreundlich begrüßt, fällt es
mitunter schwer, selbst höich zu bleiben. Das kann sich schnell hochschaukeln.
Vielleicht hat es die*der andere aber gar nicht böse gemeint, vielleicht hatte sie*er
einfach einen schlechten Start in den Tag.
ANNAHMEN UND BASIS FÜR GUTE GESPRÄCHE
Der lösungsorientierte Ansatz stützt sich auf ein paar Annahmen, die die Gesprächs-
führung bestimmen.
Jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit
Wer das Kippbild kennt, das einen Hasen oder eine Ente zeigt, je nachdem wie man
das Bild anblickt, wird zustimmen, dass wir die Welt unterschiedlich wahrnehmen
können. Was uns besonders auällt, hängt unter anderem davon ab, welche
Erfahrungen wir bisher in unserem Leben gemacht haben.
ICH KOMMUNIZIERE ZIELFÜHREND
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Alle Beteiligten sind an positiven Veränderungen interessiert
Jeder Mensch möchte, dass es besser wird. Aber weil wir verschiedene Wirklich-
keiten haben, ist es nicht immer dasselbe, was wir als Veränderung zum Guten
betrachten.
Menschen bewegen sich in die Richtung, in die sie schauen
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das Positive richten, werden wir durch Ener-
gie und Motivation belohnt.
Veränderung passiert in kleinen Schritten. Kleine Verbesserungen zu
verstehen hilft mehr, als das Problem zu verstehen
Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Gelingt es uns, eine unfreundliche Begrüßung
zu übergehen und mit einer wertschätzenden Antwort zu reagieren, könnte das
Gesprächsklima schlagartig besser werden. In dem Fall hil uns mehr zu verstehen,
wie Menschen normalerweise auf Wertschätzung reagieren, als uns zu fragen,
warum der andere nur so unfreundlich ist.
ERWARTUNGEN AN DAS GESPRÄCH KLÄREN
O hil es, sich auf ein Gespräch gut vorzubereiten und folgende Fragen für sich
selbst vorab mit ein paar Notizen zu beantworten.
1) Was soll nach dem Gespräch anders sein?
Ich will etwas wissen. Was?
Ich will etwas mitteilen. Was?
Ich will etwas klären. Was?
Eine Entscheidung soll getroen werden. Welche?
2) Was ist mir sonst wichtig?
(Zum Beispiel: ich will ausreden können) Am Anfang des Gespräches, etwa bei der
Begrüßung, ist eine gute Gelegenheit die Erwartungen oen zu legen: „Danke für
Ihre Zeit, ich würde gerne am Anfang sagen, was mir für das Gespräch wesentlich
ist. Ich mache so wichtige Termine nicht jeden Tag und wenn ich aufgeregt bin, kann
ich mich nicht immer so präzise ausdrücken. Daher würde ich mir wünschen, dass
ich in Ruhe ausreden kann. Mein Ziel für dieses Gespräch ist, nachher zu verstehen,
welche Möglichkeiten ich habe. Es wäre schön, wenn sie mich dabei unterstützen
könnten. Danke.“
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WEITERE TIPPS UND TRICKS FÜR DAS GESPRÄCH
Gute Vorbereitung auf ein Gespräch
Unterlagen sammeln und ordnen
Notwendige Informationen einholen
Eine Begleitung organisieren (siehe Kapitel „Wir begleiten einander“)
Sich über die eigenen Erwartungen an das Gespräch klar werden.
Sich vor dem Gespräch etwas Gutes tun und in eine positive Haltung bringen
(zumindest in eine neutrale).
Freundlich und wertschätzend sein.
Die Sichtweise des anderen anerkennen. (Das bedeutet nicht, diese zu teilen!).
Ein gemeinsames Verständnis suchen. Wo treen sich unsere Vorstellungen von
einer Veränderung zum Positiven?
Gegen ungerechte Behandlung kann man sich wehren, am Besten mit anderen
gemeinsam (siehe Kapitel „Ich beschwere und wehre mich“).
„In erster Linie braucht gute Kommunikation
Wertschätzung. Das heißt für mich, dass ich
die Meinung und die Lebenserfahrungen des
anderen so annehme, wie sie sind, ohne gleich
zu werten. Und ich versuche, das zu akzeptieren
und auch mit den Augen des anderen zu sehen.“
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In schwierigen Lebenssituationen fühlt man sich manchmal überfordert und
hilos. Dann ist es ratsam, sich zu informieren und auch professionelle oder
ehrenamtliche Unterstützungsangebote wahrzunehmen.
SOZIALBERATUNGSSTELLEN
In allen Landeshauptstädten und vielen anderen Städten in Österreich gibt es
Sozialberatungsstellen. Sie bieten Informationen zu Hilfsangeboten, geben Rat und
Hilfe zum Beispiel in schwierigen Lebenssituationen, bei nanziellen Problemen, bei
drohender Wohnungslosigkeit oder in Koniktsituationen.
Sozialberatung wird omals von österreichweiten Sozialorganisationen wie Caritas,
Diakonie oder Volkshilfe angeboten, aber auch von regionalen Initiativen wie Dowas
in Tirol und vielen anderen. Teilweise bieten diese Organisationen auch Rechts-
beratung an.
Weiters bieten Selbstorganisationen und Selbsthilfegruppen Unterstützung
und Beratung von Betroenen für Betroene (weitere Infos dazu siehe Kapitel
Wir tun uns zusammen“)
www.armutskonferenz.at/tu-was-gegen-beschaemung
Einige Adressen haben wir
hier gesammelt:
ICH INFORMIERE MICH UND HOLE MIR HILFE
„Ich habe größtenteils gute Erfahrungen mit verschiedenen
Hilfsorganisationen gemacht. Viele arbeiten vernetzt zusam-
men. Man sollte in den Fällen, wo man Hilfe braucht nichts
unversucht lassen und diese Stellen wirklich aufsuchen.
Am besten ist es, sich in so einer Institution den Rücken
stärken lassen, dann läuft alles gleich viel besser.“
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Menschen mit Armutserfahrungen sind häug mit Ämtern und Behörden
konfrontiert. Immer wieder machen Betroene die Erfahrung, dass sie dort als
Bittsteller und mit wenig Respekt behandelt werden.
Doch Betroene haben Rechte und sind willkürlichen Entscheidungen nicht
ausgeliefert: Du kannst dich wehren!
EINIGE RECHTLICHE TIPPS
Bescheid verlangen. Wenn Du mit einer Entscheidung einer Verwaltung oder be-
züglich bestimmter Leistungen nicht einverstanden bist, kannst Du einen Bescheid
verlangen. Mit diesem Bescheid kannst Du dann der Entscheidung innerhalb der in
der Rechtsmittelbelehrung angegebenen Frist widersprechen. Wenn Du innerhalb
der Behörde keinen Erfolg hast, dann kannst Du eine Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht (BVwG) einbringen.
Rechtsbelehrungs-, Anleitungs- und Auskunftspflicht. Behörden und Richter
haben die Picht Dich anzuleiten, wie Du verfahren musst, um rechtskonform zu
handeln und welche Rechtsfolgen Deine Handlungen oder Unterlassungen haben.
Frage im Zweifelsfalle immer nach.
Recht auf Akteneinsicht. In einem Verwaltungsverfahren hast Du immer das
Recht, Einsicht in Deinen Akt zu nehmen und Abschrien bzw. Kopien machen zu
lassen. (Allerdings musst Du die anfallenden Kosten übernehmen)
Allgemeine Informationen zu Leistungen und Rechten ndest Du im Internet
unter www.help.gv.at oder bei einer Sozialberatungsstelle (siehe Kapitel „Ich infor-
miere mich und hole mir Hilfe“).
ICH BESCHWERE UND WEHRE MICH
„Ich hab dem Gutachter dann noch er-
klärt, wenn keine Fremdhilfe von außen
kommt, dann sterbe ich hier allein in
der Wohnung. Darauf sagt er zu mir:
‚Naja, der Staat ist nicht dazu da, um
Ihnen die Pflege zu finanzieren, dass
müssen sich die Patienten schon selber
bezahlen.‘ Das Einzige, was ich ihm
noch nachgerufen habe, war: ‚Womit?’
Und dann war er draußen bei der Tür.
Was gibt es Demütigenderes und
Deprimierenderes? Und so geht man
mit chronisch kranken Menschen um.“
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ICH BESCHWERE MICH!
In vielen Behörden gibt es
interne Beschwerdestellen.
Sie dienen nicht nur dazu,
negative Erfahrungen kund zu
tun in der Honung, dass einem
selbst und anderen die gleichen
Erfahrungen in Zukun erspart
bleiben; häug sind sie auch
eine Möglichkeit, um an weitere
Informationen zu kommen.
AMS. Es gibt in jedem Bundesland Ombudsstellen, die AMS.help genannt werden, und bei
Problemen eventuell hilfreich sein können. Wenn Du dort keinen Erfolg hast, dann ist die
Volksanwaltschaft zuständig (siehe unten).
PENSIONSVERSICHERUNGSANSTALT (PVA) UND SOZIALVERSICHERUNGEN. Ombudsstelle
PVA: 05-0303-22201, herbert.hauerstorfer@pensionsversicherung.at; ebenso gibt es Ombuds-
stellen bei allen Sozialversicherungsträgern. Wenn Du bei diesen internen Beschwerdestellen
keinen Erfolg hast, ist die PatientInnen- und Pflegeanwaltschaft zuständig (siehe unten).
VOLKSANWALTSCHAFT. Bei Problemen mit Behörden und für die präventive Menschenrechts-
kontrolle: Internet: www.volksanwaltschaft.gv.at, kostenfreie Telefonnummer:
0800-223223. Es gibt auch Sprechtage in vielen Städten Österreichs.
KINDER- UND JUGENDANWALTSCHAFT (KJA). Sie vertritt die Interessen und Rechte von
Kindern und Jugendlichen. Es gibt in jedem Bundesland eine eigene KJA. www.kija.at
BEHINDERTEN-ANWALTSCHAFT. Der Anwalt für Gleichstellungsfragen für Menschen mit
Behinderungen. E-Mail: office@behindertenanwalt.gv.at, kostenfreie Nummer: 0800-808016
PATIENTINNEN- UND PFLEGEANWALTSCHAFT / PatientInnenvertretungen /
PatientInnen ombudsschaft
Sie helfen bei Konflikten in Spitälern, in Pflegeheimen und teilweise bei niedergelassenen
Ärzten. Es gibt in jedem Bundesland eine zuständige Stelle.
GLEICHSTELLUNGSANWALTSCHAFT. Sie ist zuständig für Gleichstellung, Gleichbehandlung
und bei Fällen von Diskriminierung. Internet: www.gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at,
Telefon: 0800-206119
ZARA. Hier kannst Du rassistische Diskriminierung (und Hass im Netz) melden und Dich
beraten lassen. Internet: www.zara.or.at, E-Mail: beratung@zara.or.at, Telefon: 01-9291399
DIE ARBEITERKAMMER unterstützt bei Problemen in Bezug auf Arbeitsverhältnisse und ist
für Konsumentenschutz zuständig. Es gibt in jedem Bundesland eine Kammer.
Internet: www.arbeiterkammer.at, Telefon: 01-501650
WEITERE ADRESSEN findest Du auf der Website der Armutskonferenz:
www.armutskonferenz.at/tu-was-gegen-beschaemung
„Ich bin schon lange von den Themen be-
troffen, sowohl krankheitsmäßig als auch
einkommensmäßig. Es ist schon sehr gut,
wenn wir Gegenstrategien gemeinsam ent-
wickeln und diese auch in den Einrichtungen,
wo wir tätig sind, einbringen. Vor allem bei
den Betroffenen, die in der selben oder einer
ähnlichen Situation sind, wie ich. Dass man
denen zumindest mitgibt: ‚Du bist etwas wert
und man kann sich schon dagegen zur Wehr
setzen.‘ Besonders wenn man die Leute
berät und ihnen hilft auf ihrem Weg oder
auch teilweise begleitet.“
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ICH WEHRE MICH VOR GERICHT
Offene Amtstage werden an den Bezirksgerichten und in Arbeits- und Sozial-
rechtssachen an Landesgerichten mindestens einmal wöchentlich abgehalten.
Meistens sind Amtstage an Dienstagen angesetzt, bei manchen Gerichten muss man
sich voranmelden. Mitarbeiter*innen des Gerichts leiten die Vorsprechenden bei
ihren Anträgen an, belehren über gesetzliche Bestimmungen und erteilen allgemeine
Rechtsausküne einfacher Art, wenn jemand die konkrete Absicht hat zu klagen.
Es können mündliche Klagen, sonstige Anträge, Gesuche und Mitteilungen zu
Protokoll gegeben werden.
Verfahrenshilfe – Wenn ich mir die Gerichtskosten nicht leisten kann: Die Ver-
fahrenshilfe kann in der Befreiung von Gerichtsgebühren bestehen oder auch in der
Vertretung durch eine*n Rechtsanwalt*in, z.B. für die mündliche Verhandlung. Die
Anträge können auch online gestellt werden. Der Antrag wird vom Gericht bewilligt
oder abgewiesen.
Weitere Informationen zu kostenloser Rechtsberatung:
www.oesterreich.gv.at/themen/dokumente_und_recht/
buergerservice_rechtsauskuenfte/Seite.980300.html
ICH WEHRE MICH BEI KÖRPERLICHEN / SEXUELLEN ÜBERGRIFFEN!
Menschen, die Gewalt erleben bzw. erlebt haben, können in den Gewaltschutz-
zentren Hilfe bekommen. Es gibt in jedem Bundesland ein Gewaltschutzzentrum
oder ein Interventionszentrum. Im Internet ndest Du einen Überblick unter
www.gewaltschutzzentrum.at
Die Frauenhelpline ist eine österreichweite telefonische Beratungsstelle zum
ema häusliche Gewalt. Sie ist jeden Tag rund um die Uhr kostenlos und
anonym zu erreichen unter: 0800-222555. Im Internet unter: www.aoef.at.
Unter dieser Internet-Adresse bekommst Du auch Informationen zum Angebot der
Frauenhäuser.
Für Betroene von Straaten ist der Opfernotruf durchgehend unter der Nummer
0800-112112 erreichbar, bzw. im Internet unter: www.opfer-notruf.at
Kinder können das Info-Telefon „Rat auf Draht“ österreichweit unter der Telefon-
nummer 147 erreichen, bzw. im Internet unter: www.rataufdraht.at
Rufe bei unmittelbar drohender Gefahr die Polizei: 133
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Gewöhnlich sagt der Begleiter /
die Begleiterin nichts, dennoch ist
es gut, sich vorher zu treen und
den Sachverhalt durchzusprechen
und so eine Strategie zu entwickeln
(siehe Kapitel „Ich kommuniziere
zielführend“). Die Person, die
begleitet wird, bleibt aber voll für
sich selbst verantwortlich.
Vielleicht kannst Du Freunde oder Bekannte bitten Dich zu begleiten. Einige
soziale Einrichtungen bieten das Begleiten durch Sozialarbeiter*innen für ihre
Nutzer*innen / Bewohner*innen an.
Eine Begleitperson hat o eine deeskalierende Wirkung. Die Person, die begleitet
wird, kann sich sicherer fühlen und das Verhalten von Amtspersonen ist häug
angemessener und respektvoller.
Kontakte mit Behörden oder Gutachtern der Gesundheitsstraße sind häug
belastend. Erfahrungen haben gezeigt, dass es für alle Seiten positive
Auswirkungen haben kann, wenn man bei solchen „Gängen“ begleitet wird.
WIR BEGLEITEN EINANDER
„Für mich war die Rolle der Begleitung
immer das Dabeisein. Dieses: ‚Ich gehe mit
dir, ich bin neben dir, ich bin deine Kraft
von nebenan und ich verstehe dich, wenn
du überfordert bist.‘ Denn Erfahrung von
Überforderung, Schlechtbehandlung und
die Ohnmacht, die dadurch entsteht, die
kennen wir alle.“
„Ich habe es selbst erlebt, dass
eine Freundin von mir einen AMS
Termin gehabt hat, tagelang vorher
schon nichts geschlafen hat und
verzweifelt war. Sie hat sich immer
wieder gefragt: ‚Um Gottes Willen,
wie schaffe ich nur den Termin?‘
Und dann haben wir den gemeinsam
über die Bühne gebracht. Das war
so wichtig für sie und es ist auch
wirklich zu einem guten Ergebnis
gekommen.“
RECHTLICHER HINTERGRUND: VERTRAUENSPERSON – RECHTSBEISTAND
Explizite rechtliche Regelungen für Begleitpersonen bzw. Vertrauenspersonen gibt
es nur in Bereichen, wo die begleiteten Personen besonderen Schutz oder Unter-
stützung benötigen: Kinder, Menschen mit Behinderung, Asylwerber*innen,
Festgenommene, Zeug*innen.
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Rechtlich wird unterschieden zwischen:
1. Vertrauensperson
Ich kann bei Terminen auf den Behörden (auch zu Untersuchungen der Gesund-
heitsstraße) eine sogenannte Vertrauensperson mitnehmen, die auch bei Einver-
nahmen teilnehmen darf. Diese Person hat jedoch kein Recht, sich im Verfahren zu
beteiligen, also etwas Eigenes einzubringen, sondern stellt eine stumme Begleitung
und moralische Unterstützung dar.
2. Rechtsbeistand
Der Rechtsbeistand ist gesetzlich geregelt im allgemeinen Verwaltungsverfahrens-
gesetz (AVG) § 10, Absatz 5: „Die Beteiligten können sich eines Rechtsbeistandes
bedienen und auch in seiner Begleitung vor der Behörde erscheinen.“ Der Rechts-
beistand kann nur die Person, die begleitet wird beraten und kann nicht für diese
Person sprechen (keine Vertretung).
Die Begleitung durch einen Rechtsbeistand kommt laut Verwaltungsgerichtshof
„nur dort in Betracht, wo rechtserhebliche Handlungen zu setzen bzw. rechts-
erhebliche Erklärungen abzugeben sind.“ (VwGH 94/11/0063 RS 1).
Tipp: Sollte die Begleitperson am Amt abgewiesen werden empehlt es sich, die
Begleitperson als „Rechtsbeistand“ zu bezeichnen, weil dieser gesetzlich geregelt ist. Das
gilt auch wenn die Begleitperson eigentlich nur als stumme Vertrauensperson mitgeht.
Dafür ist es auch gut den entsprechenden Paragraphen 10, Absatz 5 aus dem
Verwaltungsverfahrensgesetz zu nennen, auf den ihr euch dann berufen könnt!
3. Vertretung
Eine Vertretung, die für einen spricht, ist etwas anderes. Sie ist von einer Vertrauens-
person und einem Rechtsbeistand zu unterscheiden. Diese Vertretung kann man
zum Beispiel mit einer schrilichen Vollmacht regeln; vor einer Behörde reicht auch
eine mündliche Vollmacht für eine*n anwesende*n Vertreter*in. Es geht dann aber
nicht mehr um das Begleiten, wie wir es in diesem Leitfaden behandeln möchten.
WER BEGLEITUNG ANBIETET
Viele soziale Organisationen bieten Begleitung für Ihre Klient*innen oder
Bewohner*innen an, etwa teil-betreute Wohngemeinschaen, psychosoziale Ein-
richtungen wie Tageszentren, Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und psychoso-
ziale Unterstützungsangebote etwa bei pro mente.
Weiters unterstützen sich Betroene gegenseitig, die sich in Selbstorganisationen
oder in Selbsthilfegruppen zusammenschließen (siehe dazu Kapitel „Wir tun uns
zusammen“).
Weitere Informationen zum Begleiten ndest Du auf der Website der Armutskonferenz:
www.armutskonferenz.at/tu-was-gegen-beschaemung
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Mitbestimmung ist ein gutes Mittel gegen Beschämung. Der Fachbegri dafür
lautet „Partizipation“. Das Wort kommt aus dem lateinischen und bedeutet
Teilhaben, Teilnehmen, Mitentscheiden. Es bedeutet, dass bei einer
Entscheidung alle beteiligt sind.
Es werden sieben Stufen der Partizipation unterschieden. Als Vorstufen gelten 1.
Information, 2. Meinungen zu erfragen (z.B. in Form von Feedback-Bögen) und 3.
Erfahrungen einzuholen (Mitreden). „Echte“ Partizipation meint 4. Mitbestimmung
zuzulassen, 5. Entscheidungskompetenz teilweise abzugeben oder gar 6. Entschei-
dungsmacht zu übertragen. Die siebente Stufe bedeutet tatsächliche Eigenaktivität
und Selbstorganisation (siehe Kapitel „Wir tun uns zusammen“).
Viele Menschen mit Armutserfahrungen fordern mehr Partizipation. Diese Forde-
rung nach Beteiligung bezieht sich auf unterschiedliche „Settings“ (Orte):
• Mitsprache in sozialen Organisationen: Die Nutzer*innen sozialer Dienst-
leistungen (Klient*innen, Bewohner*innen u.a.) sollten die Möglichkeit haben,
in diesen sozialen Organisationen auch mitzureden oder mitzuentscheiden. In
einigen Einrichtungen gibt es dafür bereits Strukturen (z.B. User-Vertreter*innen
bei pro mente; Bewohnervertreter*innen in betreuten Wohneinrichtungen u.a.)
• Mitsprache auf Behörden und auf
Ämtern zum Beispiel in Form von
„Klient*innen-Beiräten.
• Mitsprache in politischen Gremien:
Wenn Entscheidungen über Gesetze getrof-
fen werden, sollen auch diejenigen gehört
werden, die von diesen Gesetzen betroen
sind. Teilweise gibt es hier positive Ansätze,
z.B. durch das Chancengleichheitsgesetz in
Oberösterreich.
Partizipation hilft gegen
Beschämung weil Menschen
mit Armutserfahrungen als
Expert*innen wahrgenommen
werden und weil Betroene da-
durch ermutigt werden, für ihre
eigenen Interessen einzutreten.
Weitere Informationen ndest
du unter
WIR REDEN MIT
„Partizipation bedeutet nicht
einfach, ‚teilhaben lassen‘.
Bietet sich die Möglichkeit dazu,
dann haben wir das Recht Ent-
scheidungen und Entwicklun-
gen nach bestem Wissen und
Gewissen zu beeinflussen. Wir
übernehmen Verantwortung mit
der wir uns selbst stärken.“
www.armutskonferenz.at/tu-was-gegen-beschaemung
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Selbstorganisationen sind Vereine und Organisationen, die von Betroenen
ins Leben gerufen wurden. Betroene schließen sich zusammen um sich
auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und sich gemeinsam für sozial-
politische Veränderungen einzusetzen.
Beispiele sind etwa Erwerbsloseninitiativen wie die AMSEL in Graz, arbeitslos.
selbstermächtigt in Linz und andere, ebenso einige Organisationen, die von
Menschen mit psychischen Erkrankungen gegründet wurden, wie der Verein Omni-
bus in Vorarlberg oder der Verein Achterbahn in der Steiermark, oder die Plattform
für Alleinerziehende, die die Anliegen betroener Frauen und Kinder vertritt.
Im Unterschied dazu gibt es zwei Arten von Selbsthilfegruppen. Einerseits
Gruppen, die rund um ein spezisches ema (z.B. Erkrankungen wie Morbus
Chron) selbst von Betroenen gegründet werden. Und anderseits Gruppen, die sich
innerhalb von professionellen Sozialorganisationen (wie z.B. pro mente) treen.
Als österreichweites Netzwerk von Selbst-
organisationen und Interessensvertreter*innen
von Menschen mit Armutserfahrungen hat die
Armutskonferenz 2006 das Projekt „Sichtbar
Werden“ ins Leben gerufen. Mittlerweile ist Sicht-
bar Werden als Plattform organisiert und vertritt
direkt die Interessen von Menschen mit Armuts-
erfahrungen. Die Plattform tritt insbesondere für
die Verwirklichung sozialer Menschenrechte als
Grundlage für ein demokratisches, würdevolles
und selbstbestimmtes Leben und Zusammenleben
aller ein.
Adressen und Kontakte
ndest du hier:
„Ich sehe ein Hauptproblem
in der strukturellen Be-
schämung. Das ist ein ganz
fieses Thema, wie es sich
etwa durch den stigmati-
sierenden Verweis auf die
Spätaufsteher zeigt. Damit
wirft man alle in einen Topf
und wir leiden alle darun-
ter, dass wir viel zu viele in
einen Topf schmeißen. Man
muss immer differenzie-
ren. Und wir können, wenn
wir uns dazu gemeinsam
in den unterschiedlichen
Organisationen zusammen-
schließen und austauschen,
einiges dazu beitragen und
diese Thematik wirklich
hinaustragen.“
www.armutskonferenz.at/tu-was-gegen-beschaemung
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Wenn sich Menschen mit Armutserfahrungen zusammenschließen um selbst
für ihre Interessen einzutreten, dann kann daraus viel entstehen. Es fördert das
Verständnis füreinander und untereinander, es stärkt gemeinsame soziale Netze
mit anderen und es wirkt auf gesellschalicher Ebene.
Wir wollen uns Gehör verschaen!
Wir wollen uns stark machen für unsere gemeinsamen Anliegen!
Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten:
Aulärung und Diskussionen im eigenen Umfeld, z.B. mit gut verständlichen
Infos, Aktionen oder Filmen
Mitmachen bei einer Straßenzeitung (wie etwa „Kupfermuckn“ in Linz)
Beteiligen bei öentlichen Aktionen und Kundgebungen
(mit der Plattform Sichtbar Werden)
Schreibe über deinen Alltag auf einem Blog
Versuche in die Medien zu kommen (z.B. durch Leserbriefe, durch Beteiligung an
Studien, durch Bereitscha Interviews zu geben)
Eine wichtige Basis dafür ist der Zusam-
menschluss mit anderen Betroffenen.
Gemeinsam sind wir stärker!
Ich glaube, das was wir ändern
können, ist das Bild, das die
Menschen von uns haben. Es
ist wichtig aufzuzeigen, wie es
denjenigen Menschen im Alltag
geht, die nur ein kleines Ein-
kommen haben. Es ist wichtig
zu zeigen, dass die Politik nicht
machen kann, was sie will,
wenn wir nicht mitspielen. Wir
sind stärker als die Politik und
deshalb ist Vernetzung und
Austausch auch so wichtig.“
WIR KÖNNEN GEMEINSAM ETWAS ÄNDERN
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FORDERUNG DER PLATTFORM SICHTBAR WERDEN UND DER
ARMUTSKONFERENZ:
1. Begleitdienste („Mitgehen“) für Armutsbetroene auf Ämter und Behörden,
bei Gutachten und Gesundheitsdiensten.
2. Behörden und soziale Einrichtungen müssen in ihrem Leitbild zu Diskrimi-
nierung und Beschämung Stellung beziehen und klare Beschwerdestrukturen
ausweisen.
3. Keine Kürzung für soziale Dienste und Einrichtungen. Sparpakete und
Austeritätspolitik verschlechtern die Unterstützung von sozialen Diensten und
die Arbeitsbedingungen der Mitarber*innen.
4. Mitbestimmungsgremien von Nutzer*innen auf Ämtern und Behörden
(wie AMS, Sozialämter, der Gesundheitsstraße, PVA etc.).
5. Gesetzliche Verankerung von Interessensvertreter*innen (wie im Chancen-
gleichheitsgesetz in Oberösterreich) und Ausweitung auf andere Betroenen-
Gruppen (nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigungen).
6. Kein Zwang zu krankmachender Erwerbsarbeit. Die Erfahrung „ganz unten“ ist,
dass Arbeit nicht automatisch „integriert“, sondern „sozial exkludieren“ kann,
was Fragen rund um Sanktionen, Krankheit, Invaliditätspension und „Arbeit um
jeden Preis“ aufwir. Wenn Arbeit krank macht, prekäre Verhältnisse scha,
ohne Anerkennung und Wertschätzung bleibt, dann entsteht soziale
Aus grenzung durch die Arbeit selbst.
7. Rechtshilfe und Anwaltscha. Gleicher Zugang zum Recht für alle – egal ob arm
oder reich. Vertretung von Betroenen bei Krankenkasse, Pensionsversicherung,
AMS und Sozialamt. Rechtsberatung, Rechtshilfe und Rechtsdurchsetzung.
8. Medizinische Gutachten: Mehr Respekt und Beachtung vorliegender Befunde.
Bessere Ausbildung und Sensibilisierung von Gutachter*innen. Bereits
vorliegende Befunde dürfen nicht missachtet werden.
9. Dialogforen mit Ärzt*innen, Entscheidungsträger*innen und anderen Gesund-
heitsberufen. Armutsbetroene kommen ins Gespräch mit Akteur*innen des
Gesundheitssystems. Sensibilisierung für Erfahrungen und Anliegen
Einkommensschwacher.
10. In der politischen Kultur, im öentlichen Diskurs und in Medien braucht es
mehr Wertschätzung und Respekt. Jeder Mensch ist gleich viel wert – auch wenn
er weniger Geld hat. Verunglimpfungen, Diamierungen und Pauschalisierungen
müssen stärker bekämp und aktiv geahndet werden.
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Die Armutskonferenz führt das Projekt „GWB – Gesundheitsförderung zwischen
Wertschätzung und Beschämung – Gesundheitliche Belastungen von Armutsbe-
troenen durch Abwertung und vorenthaltene Anerkennung vermeiden“ in der Zeit
vom März 2018 bis Dezember 2019 durch.
In dem Projekt wurden in Zusammenarbeit mit der Plattform Sichtbar Werden
Beschämungssituationen erhoben und beschrieben sowie Gegenstrategien entwi-
ckelt. Unter dem Titel „Tu was gegen Beschämung“ wurden Betroene als „Peers“
ausgebildet und durch Workshops diese Gegenstrategien vermittelt.
Das Projekt wurde durch den Fonds Gesundes Österreich der Gesundheit Österreich
GmbH gefördert.
PROJEKTBESCHREIBUNG
www.armutskonferenz.at/files/projektbeschreibung_gesundheit_
beschaemung.pdf
ZWISCHENBERICHT
www.armutskonferenz.at/files/zwischenbericht_projekt_gesundheit_
beschaemung.pdf
DAS PROJEKT
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Danke allen beteiligten Menschen mit Armutserfahrungen
für Kommentare und Statements.
BILDNACHWEISE
Fotocredit: Alle Bilder von der Armutskonferenz außer dem Bild von Wikipedia auf Seite 9:
https://fi.wikipedia.org/wiki/Ankka-jänis#/media/File:Kaninchen_und_Ente.png
QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR
Die Armutskonferenz u.a. (Hrsg.): „Achtung. Abwertung hat System. Vom Ringen um
Anerkennung, Wertschätzung und Würde“ ÖGB, 2018
Die Armutskonferenz: „Schande Armut. Stigmatisierung und Beschämung.
Dokumentation der 7. Armutskonferenz“, 2008.
Online: www.armutskonferenz.at/files/ak7-low.pdf
Frevert, Ute: „Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht“
S. Fischer Verlag, 2017
Knecht, Alban: „Beschämung von Armutsbetroffenen – Erfahrungen und Gegenstrate-
gien“ 2019. Online: www.albanknecht.de/publikationen/beschaemung_armutsbetroffe-
ne_gegenstrategien.pdf
Moser, Michaela: Folien zum Thema Partizipation, 2019.
Online: www.armutskonferenz.at/files/moser_partizipation_workshop_20190130.pdf
Neckel, Sighard: „Die Macht der Stigmatisierung. Status und Scham“, 2008.
Online: www.armutskonferenz.at/files/neckel_macht_der_stigmatisierung-2008.pdf
Schäfer, Alfred / Thompson, Christiane (Hrsg.): „Scham“,
Ferdinand Schöningh Verlag, 2009
Tiedemann, Jens L.: „Scham“, Psychosozial-Verlag, 2016
www.armutskonferenz.at
Ein Leitfaden für Betroffene
Viele Menschen, die in schwierigen Lebenslagen sind oder Armutserfah-
rungen gemacht haben, kennen Situationen, in denen sie abwertend und
schlecht behandelt werden. Oftmals geschieht das auf Ämtern oder auch
in Gesundheitseinrichtungen (beim Arzt, in Krankenhäusern oder bei der
Erstellung von Gutachten). Diese Erfahrungen von Beschämung gehen meist
nicht spurlos an ihnen vorüber – Kränkungen machen eben auch krank!
Dieser Leitfaden soll Dir helfen, beschämende Situationen zu vermeiden
oder besser damit umzugehen. Und er zeigt Dir Möglichkeiten, wie Du auch
andere Betroffene unterstützen kannst.
Durch Selbststärkung, durch lösungsorientierte Kommunikation, durch
professionelle Unterstützung, durch Rechtsdurchsetzung, durch gegensei-
tiges Begleiten, durch mehr Mitsprache-Möglichkeiten, durch Vernetzung
und Zusammenschluss sowie durch das Eintreten für gesellschaftliche
Veränderungen.
Wir können uns wehren!
Wir können einander begleiten und uns vernetzen!
Wir können uns gemeinsam stark machen für unsere Anliegen!
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Armutsbetroffene sind in besonderem Maße beschämenden Situationen ausgesetzt. Unter anderem auf Ämtern, in Einrichtungen des Gesundheitssystems wie auch in den Medien werden sie damit konfrontiert, dass sie Normvorstellungen angeblich nicht genügen und defizitär seien. Die Armutskonferenz – österreichisches Netzwerk gegen Armut und Ausgrenzung – verfolgt mit einem Projekt das Ziel, gegen Beschämungserfahrungen und ihre Folgen vorzugehen. Der Beitrag verdeutlicht Beschämungserfahrungen von Armutsbetroffenen und diskutiert mögliche Gegenstrategien. People experiencing poverty are patricularly exposed to embarrassing situations. In public administrations, healthcare facilities, the media and other contexts they encounter attitudes to the effect that they do not conform to societal norms and that they are deficient in certain ways. The Austrian Network against Poverty and Social Exclusion is engaged in a project aiming to take action against embarassing experiences and their consequences. This article describes such embarassing experiences of people experiencing poverty and discusses counter-strategies.