ArticlePDF Available

Interdisziplinarität - Transdisziplinarität. Zu Theorie und Praxis in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Authors:

Abstract

Seit den 1980er Jahren haben europäische und amerikanische ForscherInnen immer öfter nach inter- bzw. transdisziplinären Forschungs- und Arbeitsmethoden verlangt. Es bestand die Hoffnung, dass diese neuen Zugangsweisen die Analyse komplexer Themengebiete erleichtern und verbessern würden. Die theoretisch anspruchsvollen inter- und transdisziplinären Konzepte stellten sich in der Umsetzung in die Praxis jedoch oft als eine große Herausforderung dar. Innerhalb des Spezialforschungsbereichs Moderne - Wien und Zentraleuropa um 1900, an dem 72 junge WissenschaftlerInnen aus 7 unterschiedlichen Disziplinen seit 1994 teilgenommen haben, wurden interdisziplinäre Ansätze entwickelt und in der konkreten Forschung angewandt. Der folgende Text reflektiert einerseits die vom SFB entwickelten interdisziplinären Methoden und versucht andererseits, sie innerhalb der laufenden theoretischen Debatte um solche Methoden zu positionieren.
Interdisziplinarität -Transdisziplinarität
Zu
Theorie
und
Praxis in den Geistes-
und
Sozialwissenschaften
Von
Johannes Feichtinger,
Helga
Mitterbauer
und
Katharina
Scherke
Since the 1980's European and American re-
searchers have increasingly been calling for
interdisciplinary and/or transdisciplinary
working methods. They hoped that these new
approaches would facilitate and improve the
analysis
of
complex thematic fields. The theo-
retically demanding concepts
of
interdiscipli-
nary and/or transdisciplinary studies, however,
have often turned out to be quite challenging
when we tried
to
put them into practice.
In the Special Research Area in Graz Moderne
-
Wien
und Zentraleuropa um 1900, in which
72
young researchers in all from seven disci-
plines have been participating since 1994, in-
terdisciplinary approaches have been devel-
oped and put into practice based
ona
concrete
research topic. The paper presented here
briefly reflects on the interdisciplinary working
methods developed by the SFB and attempts to
position them within the current theoretical
debate.
Als erstes inter- beziehungsweise transdiszipli-
näres geistes- und sozialwissenschaftliches
Großprojekt in Österreich hat der Grazer Spe-
zialforschungsbereich Moderne -Wien und
Zentraleuropa um 1900 im Sommer 2004 das
Ende der vorgegebenen maximalen Laufzeit
erreicht. In diesen zehn Jahren haben sich nicht
weniger als
72
JungwissenschaftlerInnen aus
sieben Disziplirien neben der Aus- und Weiter-
bildung in ihrem engeren Fachbereich auch
eine Zusatzqualifikation in interdisziplinärer
Zusammenarbeit angeeignet.
Dieses Experiment war für die Beteiligten
ohne Zweifel ein mühsamer, aber ein höchst
lohnender Prozess, und es dauerte lange Zeit,
bis die Rede von "Leitdisziplinen" etc
..
ver-
klungen war. Das Gelingen der Kooperation
über Disziplinengrenzen hinweg verdankt sich
verschiedenen organisatorischen Maßnahmen,
die sowohl von den Projektleitern als auch von
den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen initi-
iert wurden: Ein maßgebliches Forum der in-
terdisziplinären Kommunikation bildeten die
Arbeitsgruppen zu bestimmten Themenberei-
chen (Ismen und Weltanschauungen, Identi-
täten, Kultur und Gesellschaft, Ästhetik der
i
newsletter MODERNE 7 (2004) Heft 2
Modeme, Kulturtransfer). In diesen Arbeits-
gruppen fanden intensive Diskussionen in
Kleingruppen (von rund acht bis zwölf Perso-
nen aus verschiedenen Disziplinen) statt, in
denen anstehende Forschungsprobleme aus
verschiedenen Perspektiven erörtert wurden.
Als ebenso erfolgreich erwiesen sich interne
Workshops,l die als "Klausurveranstaltungen"
an verschiedenen Orten Zentraleuropas durch-
geführt wurden und an denen möglichst alle
Projektleiter und MitarbeiterInnen teilnahmen.
Dabei trugen neben den Diskussionen während
des Tagungsprogramms informelle Gespräche
bei der Anreise und bei gemeinsamen Essen
nicht unwesentlich zur Förderung der interdis-
ziplinären Kommunikation bei. Des Weiteren
bildeten die einmal im Jahr durchgeführten
Symposien,2 an denen der SFB gemeinsam mit
internationalen Fachleuten diskutierte, und die
Jour fixes mit externen ExpertInnen3 Foren der
Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen
hinweg.
Als kontraproduktiv stellte sich eine Rahmen-
bedingung wissenschaftlicher Drittmittelfor-
schung in Österreich heraus: Die vom Haupt-
geldgeber, dem Fonds zur Förderung der wis-
senschaftlichen Forschung (FWF) , vorgege-
bene maximale Beschäftigungsdauer von sechs
Jahren für wissenschaftliche MitarbeiterInnen,
die
auf
naturwissenschaftliche oder technische
Disziplinen abgestimmt ist, aber der aktuellen
Situation in den Geistes- und Sozialwissen-
schaften nicht gerecht wird, hatte das zwangs-
weise Ausscheiden zahlreicher gut eingearbei-
teter JungforscherInnen zur Folge.
Da
es sich
bei den Fähigkeiten in interdisziplinärer
Kommunikation überwiegend um informelle,
nicht einfach weiterzugebende Kenntnisse
handelt, war es für die neu einsteigenden Kol-
leginnen und Kollegen relativ schwierig den
Anschluss an den Wissensstand der älteren
KollegInnen zu finden. Die Kontinuität konnte
vor allem durch MitarbeiterInnen aufrecht
erhalten werden, die entweder als fix ange-
stellte AssistentInnen von Anfang an quasi
ehrenamtlich im SFB tätig waren oder die zu-
erst einen Wer1cvertrag innehatten und erst zu
einem späteren Zeitpunkt der Laufzeit fix in
das Projekt eingebunden wurden oder sich dem
11
Projekt
so
verbunden fuhlten, dass sie auch
aus
Nachfolgeprojekten, Anstellungen oder der
Arbeitslosigkeit heraus weitgehend unentgelt-
lich am
SFB
mitarbeiteten.
Dass im
SFB
erfolgreich Inter- bzw. Transdis-
ziplinarität betrieben wurde, ohne dem
Fallstrick einer erzwungenen Sprachverein-
heitlichung zu unterliegen, belegt nicht nur das
höchst erfreuliche Ergebnis der Abschluss-
evaluierung, die fur den Spezialforschungsbe-
reich Moderne -
Wien
und Zentraleuropa um
1900 die beste Beurteilung seiner Gesamtleis-
tung erbrachte, die bisher ein SFB in Öster-
reich erreicht hat, sondern drückt sich auch
durch zahlreiche Publikationen aus: Neben der
Buchreihe des SFB, den Studien zur Moderne,
ist in diesem Zusammenhang etwa
auf
den
Band Ver-rückte Kulturen, in dem VelireterIn-
nen aus sieben Disziplinen gemeinsam das
Konzept des Kulturtransfers kulturwissen-
schaftlich erweitert haben, oder auf den in
diesem Frühjahr erschienenen Abschlussband
Kultur -Identität -Differenz hinzuweisen, in
dem nahezu alle Beiträge von mehreren Auto-
rInnen aus unterschiedlichen Fachrichtungen
verfasst wurden.4
Am Ende der Laufzeit sollen nun einige Refle-
xionen zu den Begriffen Inter- und Transdis-
ziplinarität sowie ihrer Geschichte und Prakti-
kabilität vorgenommen werden, ohne den zahl-
reichen Definitionen eine weitere hinzufugen
zu
wollen.
Der
Ruf
nach Interdisziplinarität
und
der
Übergang
zur
Transdisziplinarität
Seit den 1980er Jahren ertönte in der deutsch-
sprachigen Wissenschaftslandschaft im Rah-
men wissenschaftspolitischer Diskussionen
vennehrt der
Ruf
nach Interdisziplinarität. Man
versprach sich von interdisziplinärer For-
schung vor allem die Aufhebung erkenntnis-
hemmender Phänomene des modernen Wis-
senschaftsbetriebes. Die historische Ausdiffe-
renzierung des Systems Wissenschaft und
seine Organisationsforn1 in Fonn von Fakultä-
ten und Instituten hatte im 20. Jahrhundert fur
eine zunehmende Spezialisierung der einzelnen
Wissenschaftsdisziplinen gesorgt. Problema-
tisch an dieser gewachsenen Disziplinstruktur
war aus Sicht der Befurworter interdisziplinä-
rer Forschung, dass die Disziplingrenzen im
Laufe der Zeit nicht mehr als historisch ge-
wordene und solcherart keineswegs naturhaft
oder zwingend vorgegebene erkannt wurden,
sondern sich zu unüberwindbaren Erkenntnis-
12
grenzen entwickelt hatten. Interdisziplinarität,
so
beispielsweise die Hoffuung der Teilnehmer
der 1986 am Bielefelder Zentrum fur Interdis-
ziplinäre Forschung abgehaltenen Tagung zum
Thema Ideologie und Praxis der Interdiszipli-
narität. Schelskys Konzept und was daraus
wurde,5 solle die verloren gegangene Einheit
der Wissenschaften wiederherstellen und damit
disziplinäre Erkenntnisgrenzen zu überwinden
helfen. Hierbei müsse -
so
eine Forderung von
Jürgen Mittelstraß -allerdings beachtet wer-
den, dass das Ziel interdisziplinärer Forschung
nicht die Aufhebung der Disziplinarität sei,
sondern die Korrektur der durch Spezialisie-
rung entstandenen Wissenslücken moderner
Wissenschaft.
Auf
die zu erforschenden Pro-
bleme moderner Gesellschaften, die durchwegs
sehr komplexer Ali seien, biete Mittelstraß
zufolge die bisherige disziplinär organisierte
Forschung keine erfolgversprechenden Lö-
sungen mehr: "Probleme, die technische Kultu-
ren,
d.
h. die modernen Industriegesellschaften,
heute im überreichen Maße haben, tun uns
nicht den Gefallen, sich
als
Probleme fur diszi-
plinäre Spezialisten zu definieren.,,6 Interdis-
ziplinarität soll die "Rückgewinnung wissen-
schaftlicher Wahrnehmungsfahigkeiten" er-
möglichen und "nicht zuletzt auch Probleme
und Problementwicklungen erkennbar machen,
bevor sie da sind,
d.
h.
bevor sie uns auf den
Nägeln zu brennen beginnen."7 Mittelstraß
verbindet hier also mit Interdisziplinarität auch
einen aufklärerischen Anspruch -interdiszipli-
näre Forschung soll Orientierungswissen lie-
fern, das als "Stück Selbsterkennung und damit
Selbstkontrolle der wissenschaftlich-techni-
schen Welt" fungieren
kmlli.
Mittelstraß fordert auch bereits, dass interdis-
ziplinäre Forschung -wenn sie sich nicht nur
in einer Ansammlung von WissenschaftIerIn-
nen verschiedener Disziplinen niederschlagen
will -eigentlich Transdisziplinarität sein
müsse. Ein Ansatz gewissennaßen, der auf den
bestehenden Disziplinen aufbaut, diese jedoch
mitverändert. "Sie [die Transdisziplinarität]
lässt die Dinge nicht einfach, wie sie sind,
sondern stellt, und sei
es
auch nur in bestimm-
ten Problemlösungszusammenhängen, die ur-
sprüngliche Einheit der Wissenschaft - hier als
Einheit der wissenschaftlichen Rationalität,
nicht der wissenschaftlichen Systeme verstan-
den -wieder her.
,,8
Da Interdisziplinarität vielfach nicht mit die-
sem Grundverständnis betrieben werde, plä-
diert Mittelstraß fur eine Einstellungsänderung,
durch die vor allem Querdenken sowie neue
Fragestellungen erreicht werden könnten. Zu-
newsletter MODERNE 7 (2004) Heft 2
dem erhebt Mittelstraß den Anspruch, dass
bereits die Studien interdisziplinär aufgebaut
sein sollten, denn: "Wer nicht interdisziplinär
gelernt hat, kann auch nicht interdisziplinär
9 .
forschen." .
Die Professorin am interdisziplinären Studien-
programm der Wayne State University in Det-
roit und Präsidentin der Association for Inte-
grative Studies, Julie Thompson Klein,lo führt,
acht Jahre nach dem Bie1efelder Symposion,
alle interdisziplinären Aktivitäten
auf
die Vor-
stellung von Einheit und Synthese zurück.
Ihrer Ansicht nach werde Interdisziplinarität
vor allem angewandt,um
auf
komplexe Fragen
zu antworten, um breite Themengebiete zu
behandeln, um disziplinäre Bezüge
zu
entde-
cken, um Probleme zu lösen, die außerhalb des
Bereichs einzelner Disziplinen liegen sowie
um einheitliches Wissen zu erlangen, entweder
im engeren oder größeren Rahmen.
Obwohl Interdisziplinarität (verstanden als ein
Prozess, um eine integrative Synthese zu er-
langen, ein Prozess also, der üblicherweise mit
einem Problem, einer Frage, einem Thema
oder einem Gegenstand beginntlI) bereits
auf
den verschiedensten Gebieten praktiziert wird,
macht Thompson Klein als Gründe für eine
weitverbreitete Konfusion eine generelle Unsi-
cherheit über die Bedeutung des Begriffs aus,
beobachtet sie eine weit verbreitete Unver-
trautheit mit der interdisziplinären Forschung
("published work on the subject is used by a
relatively small group
of
people,,12) und kriti-
siert den Mangel eines einheitlichen Kerns des
Diskurses über Interdisziplinarität. Gerade die
Dispersion des Diskurses würde jedem Ver-
such, das Konzept der Interdisziplinarität zu
definieren, massiv im Wege stehen.
Beim
1.
Weltkongress der Transdisziplinarität
wurde Interdisziplinarität im Sinne einer blo-
ßen Kombination bestehender Organisationen
des Wissens zum "Tabu" erklärt, der, schon
von Mittelstraß vorgeschlagene, Begriff der
Transdisziplinarität befürwortet, denn Trans-
disziplinarität basiere
auf
jenen Entwicklungen
in Wissen und Kultur, die gekennzeichnet sind
durch Komplexität, Hybridität, Non-Linearität
und Heterogenität. Im Sinne dieser Definition
wird Transdisziplinarität zu einem Gemeinsa-
men an Axiomen für eine Gruppe von Diszip-
linen. Basierend
auf
der Dynamisierung des
Wissens, der Mobilität und permanenten Neu-
konfigurationen bringe Transdisziplinarität
neue theoretische Strukturen, Forschungsrne-
thoden und Praxisformen hervor, die nicht
mehr bestimmten Disziplinen zugeordnet wer-
den können.
13
newsletter MODERNE 7 (2004) Heft 2
Weitere Aspekte
der
Debatte
und
die Rolle
der
Kulturwissenschaften
Interdisziplinarität beschreibt eine wissen-
schaftliche Praxis, an der mehr als eine Dis-
ziplin beteiligt ist; das Ziel interdisziplinärer
Praxis ist die disziplinübergreifende Bewälti-
gung wissenschaftlicher Probleme.
14
Somit
versteht sich Interdisziplinarität als Reaktion
auf
die anhaltende Spezialisierung in den etab-
lierten wissenschaftlichen Disziplinen, und
zugleich als Antwort
auf
das wachsende Be-
wusstsein vorn vielschichtigen Charakter wis-
senschaftlicher Herausforderungen.
Verschiedene AutorInnen verweisen aber auch
darauf, dass Interdisziplinarität mit dem An-
spruch einer unified science in Verbindung
steht, wie sie
u.
a.
von verschiedenen Mitglie-
dern des Wiener Kreises, allen voran Otto
Neurath, vertreten wurde.
15
Die Suche nach
solch universalistischen Theorien (grand theo-
ries) ist heute aber umstrittener denn je; zwar
kommen ,große Erzählungen'
(J.
F.
Lyotard)
oftmals den Hoffnungen der Menschen entge-
gen,
v.
a.
in Zeiten kollektiver Verunsicherung,
der Wirklichkeit hielten Theorien, die univer-
selle Aufklärung versprachen, aber selten
stand.
Interdisziplinarität ist heute eine Trademark,
die oft unreflektiert verwendet wird, aber auch
ein methodisch-theoretischer Ansatz, der das
weite Spektrum zwischen punktueller Zusam-
menarbeit über einen beschränkten Zeitraum
bis hin zu einer neuen Wissenschaftsauffas-
sung mit Anspruch
auf
Institutionalisierung
umfasst.
Ein Punkt, der in der theoretischen Debatte um
Interdisziplinarität von Julie Thompson Klein
unterstrichen wird, ist, dass die Opposition
zwischen Disziplinarität und Interdisziplinari-
tät rhetorisch aufrecht erhalten wird: So wird
Disziplinarität unter WissenschaftlerInnen mit
analytischem Geschick, Interdisziplinarität mit
synthetisierender Geschicklichkeit assoziiert:
De facto passiert jedoch in beiden beides.
Wird von Interdisziplinarität gesprochen, soll
geklärt werden, was eine Disziplin auszeich-
net. Dafür liefert Thomas
S.
Kuhn eine Hand-
habe: Wissenschaftsdisziplinen seien durch
scientific communities geprägt, die sich ihrer-
seits
auf
tradierte Wissenschaftspraxen beru-
fen: Eine wissenschaftliche Gemeinschaft be-
steht (nach Kuhn) aus den Fachleuten eines
wissenschaftlichen Spezialgebiets, die einer
gleichartigen Ausbildung und beruflichen Ini-
tiation unterworfen sind. Sie haben die gleiche
Fachliteratur gelesen und vielfach dasselbe
13
daraus gelernt, bezeichneten doch die Grenzen
dieser Standardliteratur die Grenzen eines wis-
senschaftlichen Gegenstandsbereiches; jede
. Gemeinschaft hat für gewölmlich ihr eigenes
Gegenstandsgebiet. Zwar gäbe es Schulen
innerhalb der Wissenschaften, die miteinander
in Konkurrenz lägen; ihre Dauer sei aber be-
grenzt, da sich der wissenschaftliche Aus-
tausch zusehends
auf
Schulen beschränke.
Würde der Austausch dennoch zwischen unter-
schiedlichen Schulen weitergeführt, könnten
oft bedeutende Meinungsverschiedenheiten
und Missverständnisse hervorgerufen wer-
den.
16
Thomas
S.
Kuhn entwirft das Bild von
territorial organisierten, sich ihrer Stabilität
versichernden wissenschaftlichen Reproduk-
tionsgemeinschaften, die das Ziel verfolgen,
ihre unverwechselbare Fachidentität abzusi-
chern. Die Abgrenzung des Faches werde, so
Rolf
Lindner, der sich Kuhn anschließt,
um
so
prägnanter fonnuliert,
je
näher einander die
Disziplinen
auf
grund verwandter Theorien,
Verfahren und Gegenstandsbereiche seien.
Diesen Spielregeln der Abgrenzung folge auch
Interdisziplinarität, beruhe sie doch
auf
der
wechselseitigen Anerkelmung der jeweiligen
Disziplingrenzen. Daher sei die Interdisziplina-
rität ein durchaus konservatives Verfahren
wissenschaftlicher Praxis, verfestigte sie doch
disziplinäre Grenzen durch ritualisierte Grenz-
überschreitung. Das Wissenschaftssystem
selbst sei dann ein Ensemble von Disziplinen,
die als eigenständige und geschlossene Ein-
heiten mit eigenem Gegenstand, Methoden
und
Traditionen
zu
charakterisieren seien.
17
Der Begriff der Interdisziplinarität in der vor-
liegenden Ausrichtung versprach daher nicht
sehr produktiv
zu
sein, notwendig schien eine
Differenzierung und Präzisierung der Tenni-
nologie. Joseph Kockelmans hat dafür (ausge-
hend von einer Definition
von
Disziplinen als
Wissensgebiete oder Untersuchungsfelder, die
durch ein Corpus von allgemein verbindlichen
Methoden charakterisiert sind) folgende tenni-
nologische Unterscheidungen angeboten: Mul-
ti-, Pluri- und Transdisziplinarität, sowie cross-
disciplinary work, ein Begriff, der jenes Vor-
gehen bezeichnet, dass Vertreter verschiedener
Disziplinen ein Problem
zu
lösen versuchen,
ohne hierfür aber eine neue Disziplin
zu
schaffen.
18
Innerhalb der deutschsprachigen Geisteswis-
senschaften ist seit längerem eine Asymmetrie
zwischen der Rationalität der Fakten und der
Rationalität historisch gewachsener Diszipli-
nen
zu
beobachten: Das Ziel ist daher der Aus-
gleich zwischen dem Missverhältnis sich stän-
14
dig weiter ausdifferenzierender Disziplinen mit
dem Resultat von in sich homogenen Subdis-
ziplinen mit definiertem Aufgabenfeld, defi-
nierter Zielsetzung sowie Methoden- und The-
orieninventar einerseits und rasch anwachsen-
den wissenschaftlichen Herausforderungen
anderseits, die trotz (oder vielleicht gerade
wegen) der disziplinären Ausdifferenzierung
nicht abzudecken sind.
Ein solches Missverhältnis ist
im
deutschspra-
chigen Raum
im
Besonderen in den historisch-
henneneutisch und philologisch ausgerichteten
Geisteswissenschaften zu diagnostizieren. Wie
Hartmut Böhme und Klaus Scherpe betonen,19
haben diese es verabsäumt, sich einer Überprü-
fung
und
inneren Kritik auszusetzen. Daher
haben die Geisteswissenschaften auch ihre
disziplinäre Homogenität, wie sie sich im 19.
Jahrhundert ausbildete, bewahrt. In der Tat
wurden innovative Ansätze· der Zwischen-
kriegszeit, wie
z.
B. die durchaus modeme
Variante der Kultmwissenschaft Warburg-
Cassirer' scher Prägung, vertrieben, später
k?ntinuierlich
~nterdlückt
und
ba~d
ver?ressen;
dIese mussten
SIch
anderswo etabheren.-o
Der sich entfaltende Theorie- und Methoden-
pluralismus vennochte die stabilen Disziplinen
lange Zeit nicht aufzubrechen, er entwickelte
sich lediglich in wissenschaftlichen Schulen.
Damit entstanden durchaus hegemoniefreie,
innovative, doch umstrittene Diskursräume.
Aber auch innerhalb universitärer Disziplinen
wurden die Traditionen von lokal-, regional
und nationenspezifischen Disziplin- und Me-
thodenausprägungen durchbrochen, und zwar
von außen her, durch Impulse aus anderen
Ländern: Hartmut Böhme und Klaus Scherpe
unterstreichen daher, dass durch die Internatio-
nalisierung auch
im
deutschsprachigen Raum
eine nachholende Nonnalisierung stattgefun-
den habe, sodass methodisch-theoretisch sta-
bile, oft überlebte Disziplinen im Begriff sind,
sich
zu
verwandeln:
z.
B. die Volkskunde zur
Europäischen Ethnologie.
21
Der Theorie-
und
Methodenpluralismus findet
heute sein Dach unter den transdisziplinär aus-
gerichteten Kulturwissenschaften, die ihren
Gegenstand diskursiv verhandeln und metho-
disch vielfältig sind. Die Kulturwissenschaften
können daher einen Rahmen für die verschie-
densten Refonnbemühungen abgeben.
Mit Böhme
und
Scherpe sind verschiedene
Gründe dafür anzuführen, dass die traditionel-
len Disziplinen von sich aus über ihre Grenzen
hinaus drängen,
d.
h.
transdisziplinär argumen-
tieren:
Zum
einen verfügen traditionelle, auch
in sich differenzierte Disziplinen mit national
newsletter MODERNE 7 (2004) Heft 2
spezifischen methodischen Ausprägungen
kaum mehr über die notwendigen Mittel, ge-
genwartsrelevantenwissenschaftlichen Heraus-
forderungen nachzukommen. Zum anderen
ergab sich mit der zunehmenden Betonung der
Funktion gegenüber der Substanz künstleri-
scher Medien eine Perspektivenverschiebung,
bedingt durch die Auflösung der nationalen
Kanones der Literaturen durch die Medien-
konkurrenz; mit dem Verlust der Privilegie-
rung kanonischer Meisterwerke mussten auch
jene Philologien ihre Handlungsunfahigkeit
eingestehen, die sich
auf
ihre traditionellen
Grenzen versteiften. Zum dritten ging infolge
der Ausdifferenzierung und Spezialisierung der
Disziplinen die Fähigkeit verloren, übergrei-
fende Fragestellungen zu erkennen; gemein-
same Problemfelder wurden zunehmend igno-
riert.22
Vor dem Hintergrund auswärtiger Entwicklun-
gen boten sich folgende Lösungsstrategien
an:
Erstens die Infragestellung von traditionellen
disziplinären Abgrenzungen sowie die Akzep-
tanz einer interdisziplinär komparatistischen
Vielfalt von Diskursen und eine transdiszipli-
näre Sicht auf das jeweilige Forschungsobjekt;
dafür war zweitens die Schaffung von Diskurs-
foren, von Medien der Verständigung, welche
die Multiperspektivität als Chance begriffen,
notwendig. Die Kulturwissenschaften gaben
dafür schließlich drittens den institutionellen
Rahmen
ab,
nicht jedoch wieder als selbstän-
dige, bewusst nach Abgrenzungen suchende
Disziplinen, sondern als Metaebene der Refle-
xion.
So
besteht eine wesentliche Leistung der
Kulturwissenschaften darin, dass sich durch
die multidisziplinären Standorte die Blick-
punkte auf die Inhalte verändern; dadurch kön-
nen übersehene Problemgemeinsarnkeiten
wieder entdeckt werden.
Fazit
In den Diskussionen um Inter- und Transdis-
ziplinarität fehlte der Hinweis, wie die theore-
tisch anspruchsvollen Konzepte in die Praxis
umgesetzt werden können. In der konkreten
Arbeit stößt etwa der weitreichende Anspruch
einer transdisziplinären Veränderung der Wis-
senschaftslandschaft häufig an seine Grenzen,
da wo nach wie vor Vertreter traditioneller
disziplinärer Vorstellungen für die Vergabe
von Forschungsmitteln verantwortlich sind
oder die Ausbildung des Nachwuchses regeln.
In der Praxis gilt es daher anhand konkreter
Forschungsfragen, die Möglichkeiten neuer
news
letter
MODERNE
7 (2004) Heft 2
F orschungsausrichtungen auszuloten und auch
den Konzepten der Inter- sowie Transdiszipli-
narität eine praktikable Ausformung zu geben.
Die MitarbeiterInnen des von vornherein inter-
disziplinär angelegten (und damit auch als
Reflex
auf
die Interdisziplinaritätsdiskussion
der 1980er Jahre entstandenen) Spezialfor-
schungsbereiches Moderne können am Ende
der Laufzeit des Projektes
auf
einen reichhalti-
gen Erfahrungsschatz hinsichtlich der Mög-
lichkeiten und auch Probleme interdisziplinärer
Forschung zurückblicken. Während Inter- oder
Transdisziplinarität andernorts gern als
Schlagwort verwendet wurde, ohne dass klar
wurde, wie interdisziplinäre Arbeit im Alltag
wirklich aussehen und funktionieren kann,
wurde im SFB Moderne Interdisziplinarität
zehn Jahre lang erarbeitet und praktiziert, was
sich auch maßgeblich in den Publikationen des
SFBs niedergeschlagen hat. Die oben genann-
ten organisatorischen Maßnahmen (Arbeits-
gruppen, Workshops, Symposien usw.) dienten
der konkreten Umsetzung neuer Forschungs-
ausrichtungen. Insbesondere in den Arbeits-
kreisen des SFBs wurde deutlich, welche
Schwierigkeiten sich ergeben können, wenn
verschiedene Disziplinen gemeinsam an einem
Thema arbeiten sollen. Als Beispiel sei hier
etwa nur auf den unterschiedlichen Gebrauch
ein und derselben Begriffe in verschiedenen
Disziplinen verwiesen, der im Forschungsall-
tag zu zahlreichen Problemen führen kann. Der
Begriff ,Moderne' findet beispielsweise eine
sehr unterschiedliche Konnotation in den am
Projekt beteiligten Disziplinen: Er wird sowohl
als Epochenbezeichnung (die oft nur wenige
Jahrzehnte umfasst) als auch als Bezeichnung
für den gesamten gesellschaftlichen Transfor-
mationsprozess der Neuzeit verwendet. Die
Frage ist, wie mit solchen Begriffsunterschie-
den und daraus möglicherweise resultierenden
Verständnisschwierigkeiten umzugehen ist?
Ein wesentliches Ergebnis der Arbeit des SFBs
ist, dass das Ziel interdisziplinärer Arbeit nicht
die Vereinheitlichung des Sprachgebrauchs
sein kann, die zu nicht enden wollenden Dis-
kussionen zwischen den Disziplinen um die
Hegemonie in der Begriffsdefinition führen
würde. Es geht vielmehr darum, im interdis-
ziplinären Gespräch Einblick in die unter-
schiedliche Begriffsverwendung und damit
auch verschiedenartige Ausrichtung von For-
schungsfragen in anderen Fächern zu erlangen,
um, darauf aufbauend, Schnittpunkte zu fin-
den, an denen sich die Arbeiten der einzelnen
Disziplinen sinnvoll ergänzen können. Voraus-
setzung für eine solcherart verstandene Inter-
15
disziplinarität ist neben einer generellen Of-
fenheit und Neugier für die Arbeitsweise ande-
rer Fächer auch genügend Zeit, um die Ge-
meinsamkeiten und Unterschiede des Zugangs
in der Diskussion konkreter empirischer Bei-
spiele oder aber auch theoretischer Positionen
auffinden zu können. Die Konsequenz einer
solchen breiten, fächerübergreifenden Grund-
lagendiskussion ist nicht nur, dass der gemein-
same Forschungsgegenstand aus möglichst
vielen Perspektiven betrachtet wird, sondern
auch dass ein Wissenstransfer zwischen den
einzelnen Fächern insofern stattfindet, als theo-
retische Konzepte und Zugänge anderer Dis-
ziplinen teilweise
als
fiuchtbar für das eigene
Fach erkannt werden und
auf
diese Weise Ein-
gang in die, im Wissenschafts system nach wie
vor privilegierte, disziplinäre Forschungsarbeit
finden können.
I V gl. dazu die Berichte über die Workshops des
SFB Moderne in allen Heften des news letter MO-
DERNE.
2 V gl. dazu die Ankündigungen und Berichte über
die Symposien in ebda.
3 Die abgehaltenen Jours fixes sind
auf
der Website
des SFB Moderne aufgelistet, siehe: http://www-
gewi.kfunigraz.ac.atlmoderne/index.html.
4 V gl. dazu die auf der hinteren inneren Umschlag-
seite aufgelisteten Bände der Studien zur Moderne
sowie: Federico CELESTIN1, Helga MITTER-
BAUER (Hg.), Ver-rückte Kulturen. Zur Dynamik
kultureller Transfers, Tübingen 2003 (Stauffenburg
Discussion 22). -Moritz
csAKY,
Astrid KURY,
Ulrich TRAGATSCHNIG (Hg.), Kultur -Identität
Differenz. Wien und Zentraleuropa in der Mo-
deme, Innsbruck
[u.
a.]
2004 (Gedächtnis -Erinne-
rung -Identität 4). -Eine Auflistung der zahlrei-
chen Publikationen, die in den vergangenen zehn
Jahren publiziert wurden, findet sich ebenfalls
auf
der Website des SFB Moderne: http://www-
g:ewi.kfunigraz.ac.at/moderne/index.html.
V gl. Jürgen KOCKA, Einleitung,
in:
Jürgen KO-
CKA (Hg.), Interdisziplinarität. Praxis -Herausfor-
derung -Ideologie, Frankfurt/Main 1987,
7.
6 Jürgen MITTELSTRASS, Die Stunde der Inter-
disziplinarität?, in: Jürgen KOCKA (Hg.), Interdis-
ziplinarität. Praxis -Herausforderung -Ideologie,
FrankfurtiMain 1987, 154
f.
7 Ebda, 155.
8 Ebda, 156.
9 Ebda, 157. .
10
Julie
T.
KLEIN, Interdisciplinarity. History, The-
ory and Practice, Detroit 1990.
II
Vgl. Julie
T.
KLEIN, Notes Toward a Social
Epistemology
of
Transdisciplinarity (Vortrag für
16
den
1.
Weltkongress der Transdisziplinarität, Ar-
rabida, Portugal, 2.-6.11.1994) http://perso.club-
internet.fr/nico
11
ciretlbulletinlb 12/b 12c2 .htm
12
Vgl. ebda,
13.
13
Vgl. dazu auch: Michael GIBBONS
[u.
a.], The
New Production
of
Knowledge. The Dynamics
of
Science and Research in Contemporary Societies,
London 1994.
14 V gl. Ansgar NÜNNING, Metzlerlexikon Litera-
tur und Kulturtheorie: Ansätze -Personen -
Grundbegriffe, Stuttgart-Weimar 1998,237
f.
15
vgl.
Julie
T.
KLEIN, Interdisciplinarity. History,
Theory and Practice, Detroit 1990, 25.
16 Vgl. Thomas
S.
KUHN, Die Struktur wissen-
schaftlicher Revolutionen, Frankfurt/Main 15 1999,
188
f.
17 Vgl.
Rolf
LINDNER, Die Stunde der Cultural
Studies, Wien 2000,
16
f.
18
Vgl. Joseph KOCKELMANS (ed.), Interdiscipli-
narity and Higher Education, Uliiversity Park, Pa.
1979.
19
Vgl. Hartmut BÖHME, Klaus
R.
SCHERPE, Zur
Einführung, in: DIES. (Hg.), Literatur- und Kul-
turwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle,
Reinbek 1996 (rowohlts enzyklopädie 575), 7-24,
hier
8.
20
So
sind es auch auswärtige Entwicklungen (der
"linguistic turn", der Strukturalismus, dem sich die
Sozialgeschichte deutscher Prägung paradigmatisch
widersetzte, der Poststrukturalismus und der De-
konstruktivismus), die heute das methodisch-theo-
retische Inventar für die Transformation der Geis-
teswissenschaften bilden.
21
V gl. BÖHME, SCHERPE, Einführung, 8
f.
22 V
gl.
ebda,
lO
ff.
newsletter MODERNE 7 (2004) Heft 2
... Auf dem Weg vom reinen forschungsorganisatorischen Postulat hin zur Ressource, zur Überwindung disziplinärer Grenzen und zur Entwicklung praktischer, handlungsrelevanter Lösungsansätze ist sie seither Inhalt in den unterschiedlichsten, teilweise divergenten Kontexten. (Weber, 2010;Feichtinger, Mitterbauer & Scherke 2004;Mittelstraß, 1992). So sieht Balsinger sie als "Brücke zwischen den Disziplinen", mahnt aber zugleich die klare Unterscheidung zwischen Interdisziplinarität als Organisations-und als Denkform an (Balsinger, 1996). ...
Article
Full-text available
Studies indicate positive effects of interprofessional collaboration on the quality of health care. Interprofessional academic education of health care professionals is crucial for successful cooperation, although Terizakis & Gehring (2014, p. 24) state «a genuine understanding of interprofessional teaching […] hasn't developed yet.» The undefined usage of terminology and coexisting interprofessional study programs are only one part of the problem. Further consented interprofessional learning concepts and systematic knowledge regarding competencies and teaching experiences are lacking. The WHO (2010, pp. 27 f) recommends lecturers to generate a common understanding of interprofessionality. At Hamburg University of Applied Sciences a part-time study program in interprofessional health care and management started in September 2015. It was designed as a continuing education program for occupational-, physio-, and speech therapists, nurses and midwives. As a preparation for the program focus group discussions with staff members of the department „Pfege & Management» were conducted. The aim was to investigate their understanding of interprofessionality, learning and teaching. The results indicated a contextual understanding of interprofessionality, although the usage of the terminology remains blurred. The tension of a congruent interprofessional learning concept is to enhance scientific reflection of disciplines, as well as strengthening interprofessional aspects. Regarding the change in demands of the health care system, interprofessional collaboration is seen as a major resource. The research gap on disciplinary orientations in terms of enhancing professional identity on the one and interprofessionality as innovative construct on the other hand has to be filled.
... Dann wäre es besser, für eine völlig differente Praxis auch einen differenten Begriff zu finden. 5 Im Gegensatz zum interdisziplinären Ansatz geht es bei Transdisziplinarität nicht allein um eine Kooperation der Disziplinen zu einem gemeinsamen Thema, sondern um die Reflexion und Kritik der jeweiligen Erkenntnisparameter; vgl.Feichtinger et al. (2004). ...
Chapter
Da es im Weiteren noch um die Expertise im Umgang mit Katzen gehen wird, diesen Individualisten, die ihren wesensbestimmenden Eigensinn mit Wissenschaftlern und Künstlern teilen, sei besagte Expertise gleich anfangs zur Anwendung gebracht und die Katze aus dem sprichwörtlichen Sack gelassen. Denn je länger sie darin herumrumort, desto weniger harmonisch gerät die Öffnung des Sackes.
... Auf dem Weg vom reinen forschungsorganisatorischen Postulat hin zur Ressource, zur Überwindung disziplinärer Grenzen und zur Entwicklung praktischer, handlungsrelevanter Lösungsansätze ist sie seither Inhalt in den unterschiedlichsten, teilweise divergenten Kontexten. (Weber, 2010;Feichtinger, Mitterbauer & Scherke 2004;Mittelstraß, 1992). So sieht Balsinger sie als "Brücke zwischen den Disziplinen", mahnt aber zugleich die klare Unterscheidung zwischen Interdisziplinarität als Organisations-und als Denkform an (Balsinger, 1996). ...
Conference Paper
Full-text available
Querdenken erlaubt - Interdisziplinarität beginnt in den Köpfen von Lehrenden Käuper KM, Boettcher AM, Busch S Hintergrund Studien belegen die positiven Effekte einer berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit auf eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung. Dabei werden interdisziplinäre hochschuliche Primärausbildungen und Weiterbildungen von Gesundheitsfachberufe als Basis für die erfolgreiche kooperative Zusammenarbeit gesehen. Jedoch konstatieren Terizakis und Gehring, dass sich „ein genuines Interdisziplinaritätsverständnis für die Lehre (…) noch gar nicht herauskristallisiert“ hat (ebd., 2014, 24). Die unklare Begriffsbestimmung zu Interdisziplinarität sowie die Koexistenz von unterschiedlichen interdisziplinären Studienformaten sind nur einige Gründe. Es herrscht ein Mangel an konsentierten interdisziplinären Lehrkonzepten. Daher fehlt es an systematischen Wissens zu notwendigen Kompetenzen als auch an Erfahrungsschätzen von interdisziplinär Lehrenden. Die WHO empfiehlt interdisziplinär Lehrenden ein gemeinsames Verständnis von Interdisziplinarität zu entwickeln (ebd., 2010, 27ff.). In Vorbereitung auf den neuen berufsbegleitende Bachelorstudiengang „Interdisziplinäre Gesundheitsversorgung und Management“ (Start WS 2015/16) für Angehörige der Ergo- und Physiotherapie, Pflege, Hebammenkunde und Logopädie an der HAW Hamburg wurden Lehrende unter Anwendung von Fokusgruppen über ihre Kenntnis zu Interdisziplinarität befragt. Methode Im Januar 2015 diskutierten moderatorengestützt 8 Professor_innen und 9 wissenschaftliche Mitarbeitende in 3 getrennten und statusgruppengemischten Fokusgruppen über Interdisziplinarität, interdisziplinären Lehrens und Zusammenarbeit. Die Fokusgruppen mit Dauer von durchschnittlich 1,5h wurden aufgezeichnet, transkribiert und qualitativ analysiert. Ergebnisse Es zeigt sich, dass alle Teilnehmenden über ein eigenes kontextuales Verständnis von Interdisziplinarität verfügen, wobei der Terminus sehr unscharf benutzt wird. Ein Spannungsfeld eines kongruenten interdisziplinären Lehrkonzeptes ist die wissenschaftliche Reflexion der fünf Berufsgruppen innerhalb ihrer Herkunftsdisziplin als auch die Stärkung von Interdisziplinaritäten. Diskussion Das Gesundheitssystem befindet sich im Wandel und interprofessionelle Zusammenarbeit der Gesundheitsfachberufe wird als Lösung auf dringende Fragen gesehen. Jedoch herrscht ein Forschungsdesiderat in der akademischen Wissensvermittlung zu dem Umgang von eindeutiger Disziplinorientierung zur Herausbildung der beruflichen Kernidentität und Interdisziplinarität als innovatives Denkkonstrukt vor.
Article
Full-text available
Musikpädagogische Forschung kann sowohl interdisziplinär als auch transdisziplinär konzipiert sein. Interdisziplinäre Forschung zielt darauf, einen disziplinspezifischen Wissensstand durch die Verknüpfung mit anderen fachwissenschaftlichen Perspektiven zu erweitern. Eine andere Herausforderung stellt transdisziplinäre Forschung bereit. Transdisziplinarität bewährt sich dort, wo es gelingt, neue Erkenntnisse durch eine Verknüpfung von differentem Disziplinwissen freizusetzen. Dieser Beitrag schließt an diese Perspektive an und schlägt eine Heuristik vor, wie mit induktivem Bezug auf Modelle die transdisziplinäre Sache musikpädagogischer Forschung empirisch begründet werden kann.
Chapter
Der Beitrag zeigt eingangs auf, inwieweit Transdisziplinarität in Abgrenzung sowie mit Schnittmengen zur Multi- und Interdisziplinarität beschrieben werden kann. Ferner werden die Gegenstandsbereiche der Multi-, Inter- und Transdisziplinarität aufgezeigt. Ein weiterer Part des Beitrags legt den Fokus auf die Nutzung von transdisziplinären Ansätzen im Segment der sozialen Sicherung. Es wird aufgezeigt, welchen Mehrwert transdisziplinäre Perspektiven für die Planung und Umsetzung von sozialer Sicherung haben und welche Grenzen ausgemacht werden können.
Chapter
„Landschaft“ bezeichnet eines der zentralen Konzepte der europäischen Kultur-, Politik- und Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte. Das heißt keinesfalls, dass darunter immer dasselbe verstanden worden wäre oder heute Übereinstimmung im Gebrauch dieses Ausdrucks bestünde. „Landschaft“ kann ein physisch begehbares, topografisch, politisch oder durch die Grenzen eines Blicks umgrenztes Territorium meinen, ein malerisches Genre mit großer Tradition oder aber die vagen Gebilde imaginierter oder fiktiver Räume, die in Träumen erscheinen und manchmal in Filmen Gestalt annehmen. Welcher Sinn, welche Bedeutung könnte die vielfachen Verwendungen des Ausdrucks, die variantenreichen Konzepte zusammenhalten? Ich schlage vor, diesen Kern probehalber in einer abstrakten, wesentlich ästhetischen und imaginativ anregenden Qualität der „Landschaft“ zu sehen: darin, dass mit der Rede von Landschaften der Anspruch verbunden ist, den jeweils verhandelten Gegenstand in seiner Ausdehnung, in seiner Erstreckung und Fläche im Überblick zur Betrachtung und zur Diskussion zu bringen: Wenn von Landschaften die Rede ist, werden Territorien und Räume, Konzepte und Strukturen als übergreifend und kontinuierlich verstanden und in dieser Weise der Betrachtung geöffnet.
Article
Full-text available
Zusammenfassung Eine interdisziplinäre Arbeitswissenschaft wird vielfach gefordert und programmatisch seit den 1970er Jahren gefördert. Aus philosophischer Sicht ist zunächst zu klären, was Interdisziplinarität, die für die Arbeitswissenschaft fruchtbar gemacht werden kann, heißt (Kapitel 1). Dabei fällt auf, dass viele der Problemfelder der Arbeitswissenschaft intrinsisch, d. h. von ihrem Selbstverständnis her, nur interdisziplinär bearbeitet werden können. Die Forderung nach menschenwürdiger oder menschengerechter Arbeit drängt die Frage nach dem, was unter „Würde“ zu verstehen ist, in den Vordergrund (Kapitel 2.1). Ich plädiere für einen weltanschaulich möglichst neutralen und implementierbaren, gleichwohl anspruchsvollen Würdebegriff, der minimalanthropologische Voraussetzungen macht. Wie immer man menschenwürdige und menschengerechte Arbeit auffassen mag, die Begründungspflicht eines Rechts auf Arbeit (2.2) bleibt. Das Schlusskapitel (3) beschäftigt sich mit zwei wichtigen Theorien, die in vielen einschlägigen Debatten um die Bedingungen menschenwürdiger und menschengerechter Arbeit zwar vorausgesetzt werden, aber nicht immer explizit thematisiert werden: Aus gewerkschaftlicher Sicht ist der Liberalismus der Förderung humaner, d. h. menschenwürdiger Arbeit eher abträglich (3.1). Dieser Kritik wird widersprochen. Dem Modell des homo oeconomicus, das mindestens in wirtschaftsliberalen Kreisen affirmativ bewertet wird, liegt ein Menschenbild zu Grunde, das zurückgewiesen wird (3.2).
Article
Inwiefern können aktuelle interdisziplinäre Praktiken zwischen Sozial-, Literatur- und Sprachwissenschaften dazu beitragen, das umstrittene Konzept „Identität“ zu überdenken? So lässt sich der Ausgangspunkt der deutsch-französischen Tagung für NachwuchswissenschaftlerInnen, die am 26. und 27. November 2015 am Centre Marc Bloch (Berlin) stattgefunden hat, zusammenfassen. Der einleitende Aufsatz wendet sich zuerst verschiedenen interdisziplinären Traditionen zu, bevor er mögliche Forschungsdesigns für die Analyse von Identitätskonstruktionen skizziert.
Literatur-und Kulturwissenschaften
  • Vgl
  • Kockelmans Joseph
  • Klaus R Scherpe
  • Zur Einführung
18 Vgl. Joseph KOCKELMANS (ed.), Interdisciplinarity and Higher Education, Uliiversity Park, Pa. 1979. 19 Vgl. Hartmut BÖHME, Klaus R. SCHERPE, Zur Einführung, in: DIES. (Hg.), Literatur-und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle, Reinbek 1996 (rowohlts enzyklopädie 575), 7-24, hier 8. 20 So sind es auch auswärtige Entwicklungen (der "linguistic turn", der Strukturalismus, dem sich die Sozialgeschichte deutscher Prägung paradigmatisch widersetzte, der Poststrukturalismus und der Dekonstruktivismus ), die heute das methodisch-theoretische Inventar für die Transformation der Geisteswissenschaften bilden. 21 V gl. BÖHME, SCHERPE, Einführung, 8 f. 22 V gl. ebda, lO ff.
237 f. 15 vgl Theory and Practice
  • Stuttgart-Weimar Grundbegriffe
  • T Julie
  • Klein
  • Interdisciplinarity
  • History
Grundbegriffe, Stuttgart-Weimar 1998,237 f. 15 vgl. Julie T. KLEIN, Interdisciplinarity. History, Theory and Practice, Detroit 1990, 25. 16 Vgl. Thomas S. KUHN, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/Main 15 1999, 188 f. 17 Vgl. Rolf LINDNER, Die Stunde der Cultural Studies, Wien 2000, 16 f.
The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies 14 V gl. Ansgar NÜNNING, Metzlerlexikon Literatur und Kulturtheorie: Ansätze-PersonenGrundbegriffe
  • Ii Vgl
  • T Julie
  • T Klein Julie
  • Klein
  • Klaus R Interdisciplinarity
  • Zur Scherpe
  • Einführung
II Vgl. Julie T. KLEIN, Notes Toward a Social Epistemology of Transdisciplinarity (Vortrag für 16 den 1. Weltkongress der Transdisziplinarität, Arrabida, Portugal, 2.-6.11.1994) http://perso.clubinternet.fr/nico 11 ciretlbulletinlb 12/b 12c2.htm 12 Vgl. ebda, 13. 13 Vgl. dazu auch: Michael GIBBONS [u. a.], The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies, London 1994. 14 V gl. Ansgar NÜNNING, Metzlerlexikon Literatur und Kulturtheorie: Ansätze-PersonenGrundbegriffe, Stuttgart-Weimar 1998,237 f. 15 vgl. Julie T. KLEIN, Interdisciplinarity. History, Theory and Practice, Detroit 1990, 25. 16 Vgl. Thomas S. KUHN, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/Main 15 1999, 188 f. 17 Vgl. Rolf LINDNER, Die Stunde der Cultural Studies, Wien 2000, 16 f. 18 Vgl. Joseph KOCKELMANS (ed.), Interdisciplinarity and Higher Education, Uliiversity Park, Pa. 1979. 19 Vgl. Hartmut BÖHME, Klaus R. SCHERPE, Zur Einführung, in: DIES. (Hg.), Literatur-und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle, Reinbek 1996 (rowohlts enzyklopädie 575), 7-24, hier 8. 20 So sind es auch auswärtige Entwicklungen (der "linguistic turn", der Strukturalismus, dem sich die Sozialgeschichte deutscher Prägung paradigmatisch widersetzte, der Poststrukturalismus und der Dekonstruktivismus), die heute das methodisch-theoretische Inventar für die Transformation der Geisteswissenschaften bilden. 21 V gl. BÖHME, SCHERPE, Einführung, 8 f. 22 V gl. ebda, lO ff.
Kultur -Identität Differenz. Wien und Zentraleuropa in der Modeme
V gl. dazu die auf der hinteren inneren Umschlagseite aufgelisteten Bände der Studien zur Moderne sowie: Federico CELESTIN1, Helga MITTER-BAUER (Hg.), Ver-rückte Kulturen. Zur Dynamik kultureller Transfers, Tübingen 2003 (Stauffenburg Discussion 22). -Moritz csAKY, Astrid KURY, Ulrich TRAGATSCHNIG (Hg.), Kultur -Identität Differenz. Wien und Zentraleuropa in der Modeme, Innsbruck [u. a.] 2004 (Gedächtnis -Erinnerung -Identität 4). -Eine Auflistung der zahlreichen Publikationen, die in den vergangenen zehn Jahren publiziert wurden, findet sich ebenfalls auf der Website des SFB Moderne: http://wwwg:ewi.kfunigraz.ac.at/moderne/index.html. V gl. Jürgen KOCKA, Einleitung, in: Jürgen KO-CKA (Hg.), Interdisziplinarität. Praxis -Herausforderung -Ideologie, Frankfurt/Main 1987, 7.
Notes Toward a Social Epistemology of Transdisciplinarity (Vortrag für den 1
  • Ii Vgl
  • T Julie
  • Klein
II Vgl. Julie T. KLEIN, Notes Toward a Social Epistemology of Transdisciplinarity (Vortrag für den 1. Weltkongress der Transdisziplinarität, Arrabida, Portugal, 2.-6.11.1994) http://perso.clubinternet.fr/nico 11 ciretlbulletinlb 12/b 12c2.htm 12 Vgl. ebda, 13.
Die Stunde der Cultural Studies
  • Vgl
  • Rolf Lindner
Vgl. Rolf LINDNER, Die Stunde der Cultural Studies, Wien 2000, 16 f.
Literatur-und Kulturwissenschaften
  • Vgl
  • Hartmut
  • Klaus R Böhme
  • Zur Scherpe
  • Einführung
Vgl. Hartmut BÖHME, Klaus R. SCHERPE, Zur Einführung, in: DIES. (Hg.), Literatur-und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle, Reinbek 1996 (rowohlts enzyklopädie 575), 7-24, hier 8.