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Langzeitmonitoring am Läppkes Mühlenbach. Bachentwicklung auf einer Industriebrache in Oberhausen

Authors:
  • Biologische Station Westliches Ruhrgebiet
  • Biologische Station Westliches Ruhrgebiet

Abstract

Im Rahmen der Öffnung der Verrohrung und dem Neubau des Gewässerbettes vom Läppkes Mühlenbach im Bereich eines ehemaligen Stahlwerkgeländes in Oberhausen ergibt sich die einmalige Chance, die Fließgewässer- und Flächenentwicklung auf einer Industriebrache über einen langen Zeitraum zu dokumentieren. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus dem „Netzwerk Urbane Biodiversität Ruhrgebiet“ startete 2017 mit dem wissenschaftlichen Monitoring. Die Forschungsergebnisse fließen unmittelbar in die praktische Arbeit im Umgang mit Gewässerrenaturierungen und naturnahen Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen von Industriebrachen ein.
Peter Keil, Gunnar Jacobs, Brigitte Brosch, Corinne Buch, Daniel Hering,
Kathrin Januschke, Till Kasielke, Götz Heinrich Loos, Isabel Menzer, Tobias Rautenberg,
Julian Sattler, Martin Schlüpmann, Thomas Schmitt, Harald Zepp
Langzeitmonitoring
am Läppkes Mühlenbach
Bachentwicklung auf einer Industriebrache in Oberhausen
Die Verrohrung des Läppkes Mühlenbachs wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Stahlwerkes in
Oberhausen geöffnet und das Gewässerbett neu angelegt. Das bietet die einmalige Chance, die Fließge-
wässer- und Flächenentwicklung auf einer Industriebrache von Beginn an mitzuverfolgen. Eine interdis-
ziplinäre Arbeitsgruppe startete 2017 dazu ein Forschungsprojekt. Erste Ergebnisse werden hier
vorgestellt.
Das Langzeitmonitoring am Läpp-
kes Mühlenbach ist das erste ge-
meinsame Forschungsprojekt des
„Netzwerkes Urbane Biodiversität Ruhrge-
biet“. Hierfür hat sich eine inter dis zi pli-
re Arbeitsgruppe aus Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern des Geographischen In-
stitutes der Ruhr-Universität Bochum, der
TU Dortmund, der Abteilung Aquatische
Ökologie der Universität Duis burg-Essen,
der Emschergenossenschaft und des Regi-
onalverbandes Ruhr sowie der Biologi-
schen Station Westliches Ruhrgebiet zu-
sammengetan. Ziel des Vorhabens ist es,
die Entwicklung einer Auenlandschaft auf
dem Gelände des ehemaligen Elektrostahl-
werkes, einem Teil der ehemaligen Gute-
hoffnungshütte, in Oberhausen zu doku-
mentieren. Der im Oberlauf bereits renatu-
rierte Läppkes Mühlenbach wird in naher
Zukunft dieses Gelände durchießen und
dadurch ein neues aquatisches Ökosystem
begründen. Die Veränderungen von Flora
und Fauna, Relief, Wasserhaushalt und Bö-
den in der Aue und auf den angrenzenden
Hängen sollen über einen Zeitraum von
mindestens zehn Jahren untersucht wer-
den.
Die Umgestaltung des Läppkes Mühlen-
bachs ist eines der wenigen Projekte im
Ruhrgebiet, bei dem ein naturnaher Aus-
oder vielmehr Neubau eines Fließgewässer-
abschnittes auf einer Industriebrache reali-
siert wird. Dort sind die industrietypischen
Substrate weitgehend erhalten geblieben,
zudem wurde auf jegliche Ansaat und An-
panzung verzichtet. Aus fheren For-
schungsarbeiten zur Entwicklung naturnah
ausgebauter Fließgewässer sowie zu Indus-
triebrachen ist die hohe Bedeutung derar-
tiger Flächen für die urbane Biodiversität
des Ruhrgebietes bekannt (z. B. winking et
al. 2014, keil & gUderley 2017 ).
Das Mosaik von Substraten mit unter-
schiedlichen bodenchemischen und -phy-
sikalischen Eigenschaften in verschie-
denen Expositionen bedingt einen klein-
räumig variierenden Nährstoff- und
Wasserhaushalt und somit optimale Vo-
raussetzungen für eine große Standort-
und Artenvielfalt. Die Verbindung des
naturnahen Fließgewässers mit der Indus-
trienatur lässt hierbei eine spannende Ent-
wicklung erwarten.
Abb. 1: 2016, unmittelbar nach der Geländemodellierung des
Läppkes Mühlenbachs Foto: G. Jacobs
Abb. 2: 2017, ein Jahr Vegetationsentwicklung am Läppkes Müh-
lenbach Foto: C. Buch
34 Natur in NRW 4/2018
Industriebrache
Die wesentlichen Fragestellungen sind:
Wie vollziehen sich die Flächenbesied-
lung unterschiedlicher Organismen und
die Vegetationsentwicklung auf Substra-
ten mit unterschiedlichen bodenchemi-
schen, bodenphysikalischen und hydrolo-
gischen Eigenschaften räumlich und zeit-
lich?
Wie verändert sich die Artenzusammen-
setzung im Laufe der Sukzession?
Wie prägen Herkunft, Art und Weise der
Einwanderung und Einbürgerung die Ar-
tenzusammensetzung?
Wie steht das räumliche und zeitliche
Vorkommen unterschiedlicher Arten-
gruppen miteinander im Zusammen-
hang?
Wie sind die Artenzusammensetzung
und die naturschutzfachliche Bedeutung
der Fläche im Kontext der biologischen
Vielfalt von Industriebrachen (Indus-
trienatur) im Ruhrgebiet zu bewerten?
Welche Erkenntnisse lassen sich für Pe-
gemaßnahmen an Fließgewässern und In-
dustriebrachen ableiten?
Durch ein breit aufgestelltes Untersuchungs-
programm soll eine umfängliche Auswer-
tung ermöglicht werden. Es umfasst:
Abiotik: Relief, Boden, Bodenwasser,
Mikroklima
Fauna: Makrozoobenthos, Spinnen, Li-
bellen, Heuschrecken, Laufkäfer, Wild-
bienen, Tagfalter, Nachtfalter, Schweb-
iegen, Mollusken, Fische, Amphibien,
Reptilien, Avifauna, Säugetiere (u. a. Fle-
der mäuse)
Pilze und Flechten
Flora: Moose, Gefäßpanzen
Panzengesellschaften
Untersuchungsgegenstand
und erste Ergebnisse
Böden
Bedingt durch die künstliche Anlage des
kleinen Bachtals und die hiermit verbun-
denen Bodenumlagerungen nden sich am
Läppkes Mühlenbach derzeit nur Rohbö-
den aus unterschiedlichen Substraten. Die
räumliche Heterogenität der Böden wird
sich zusammen mit dem Grundwasser-
stand und dem Relief maßgeblich auf die
Vegetationsentwicklung auswirken. Aus-
gerichtet an den Transekten (Abb. 4) wurde
der Ausgangszustand der Böden ermittelt.
Auch zukünftig werden im Labor zahlrei-
che, für das Panzenwachstum relevante
Bodeneigenschaften analysiert, um die Bo-
denentwicklung zu dokumentieren.
Am südlichen Hang des künstlich geschaf-
fenen Bachtals besteht der Untergrund aus
technogenen Substraten (Bergematerial,
Schlacken, Aschen usw.), die beim Bau
des Güterbahnhofes Essen-Frintrop auf-
geschüttet wurden. Der Panzenbewuchs
auf der Böschung lässt erkennen, dass es
sich hier um einen schwer zu besiedelnden
Boden handelt (Abb. 5). Beobachtungen an
vergleichbaren Standorten im Ruhrgebiet,
so auch im angrenzenden Gleispark Frin-
trop, zeigen jedoch, dass gerade diese Ex-
tremstandorte die besonders wertvollen
Lebensräume r seltene Tiere und Pan-
zen darstellen.
An der Talsohle des Baches bestehen die
Böden aus kiesigen Sanden der Niederter-
rasse. Auf der nördlichen Talseite domi-
nieren schwach lehmige Sande mit unter-
schiedlichem Kiesanteil. In einer stärker
lehmigen Lage am Unterhang deutet eine
ausgeprägte Rosteckung des Bodens auf
eine Beeinussung durch Stauwasser hin.
Starker Moosbewuchs zeichnet die insge-
samt feuchteren Verhältnisse in diesem Be-
reich nach und lässt bereits jetzt erkennen,
welchen Einuss der Boden auf die zukünf-
tige Vegetationsentwicklung haben wird.
Bodenhydrologie
Die hydrologische Komponente wurde in
das Monitoring aufgenommen, um den
Ist-Zustand der Bodenfeuchte und des
Grundwasserstandes vor der Flutung für
spätere Vergleiche festzuhalten und lang-
fristig die Interaktionen zwischen Grund-
wasser, Bodenfeuchte, Panzen- und Tier-
gemeinschaften zu analysieren.
Die Messung des volumetrischen Wasser-
gehaltes erfolgt an Stichtagen mittels TDR-
Sonde an Messpunkten entlang der Tran-
sekte sowie an weiteren zufällig gewählten
Messpunkten, um eine ächenhafte Aus-
sage über den Untersuchungsraum treffen
Abb. 3: Kanalisierter Läppkes Mühlenbach (links) und naturnah ausgebauter Bereich im
bereits renaturierten oberen Abschnitt (rechts) in Oberhausen
Fotos: Emschergenossenschaft
Läppkes Mühlenbach:
Zahlen und Fakten
Der Läppkes Mühlenbach ist ein klei-
ner Nebenlauf der Emscher im Stadtge-
biet von Oberhausen. Jahrzehntelang
diente er als offener Abwassersammler.
Im Bereich des Unter- und Mittellau-
fes von Kilometer 0,0 bis Kilometer
3,04 ist er ein Verbandsgewässer der
Emschergenossenschaft.
Oberhalb trägt er den Namen Hex-
bach und ist ein kommunales Gewäs-
ser der Städte Essen und Mülheim an
der Ruhr.
Einschließlich Hexbach beträgt die
Gewässerlänge etwa sechs Kilometer.
Der Trockenwetterabuss beträgt
rund 86 Liter pro Sekunde, der Hoch-
wasserabuss (HQ25) 16 Kubikme-
ter pro Sekunde.
Im Oberlauf wird das Gewässer von
mehreren kleinen Quellen und Neben-
bächen gespeist.
Ab Ende 1988 bis Ende 1991 wurde
der Läppkes Mühlenbach im Rah-
men der Umgestaltung des Em-
scher-Systems als eines der ersten
Gewässer auf rund 1,9 Kilometer
Länge im oberen genossenschaftli-
chen Abschnitt naturnah umgestaltet
(zwischen km 1,1 und km 3,04).
Für den Umbau unterhalb Kilometer
1,10 liegt die Plangenehmigung vor.
Ein erster Teilabschnitt des Ge-
wässerbettes ist bereits hergestellt
(s. Abb. 1 u. 2); parallel laufen die Ar-
beiten am Kanalsystem.
Für 2019 ist die Flutung des Gerinnes
geplant.
Natur in NRW 4/2018 35
Industriebrache
zu können. Des Weiteren werden aktuelle
Grundwasserhöhen sowie die Grundwasser-
bewegungsrichtung bestimmt. In temporä-
ren Messkampagnen werden zukünftig mit-
hilfe von Tensiometern Wasserspannungen
ermittelt und pF-Kurven erstellt, die Aussa-
gen zur Wasserversorgung der Panzen an
den verschiedenen Standorten ermöglichen.
Bedingt durch Substratvariabilität, Re-
liefposition und unterschiedlichen Be-
wuchs sind bereits jetzt erhebliche, klein-
räumige Wassergehaltsunterschiede fest-
zustellen. Diese Unterschiede werden
sich mit dem Durchleiten des Bachwas-
sers verstärken.
Gewässermorphologie
Durch wiederholte Drohnenbeiegung
werden hochauösende digitale Gelände-
modelle des Bachabschnittes erzeugt. Sie
ermöglichen es, die morphologischen Ver-
änderungen des Bachlaufes über einen län-
geren Zeitraum zu verfolgen. Es bleibt ab-
zuwarten, wie der Bach nach der Flutung
auf das vorgestaltete Gerinnebett mit sei-
nen unregelmäßigen Mäandern reagiert,
welche Eigendynamik er entwickelt und
welche Fließgewässerstrukturen sich aus-
bilden.
Flora und Vegetation
Bei der oristischen Untersuchung wird
jedes Jahr das Gesamtartenspektrum er-
fasst, sodass sich nachvollziehen lässt,
welche Panzenarten hinzukommen und
welche sukzessionsbedingt oder durch an-
dere Faktoren wieder verschwinden. Ent-
lang der Transekte (Abb. 4) wurden an ins-
gesamt 18 Standorten drei mal drei Meter
große Dauermonitoringächen deniert,
an denen jährlich die Vegetation mittels
panzensoziologischer Methoden erhoben
wird.
Im Spätsommer 2016 wurden auf den
weitgehend vegetationsfreien Rohboden-
ächen bereits 68 Panzenarten erfasst.
2017 waren es 151 Panzenarten, wo-
bei alle im Vorjahr bereits kartierten Ar-
ten wieder aufgefunden wurden. Bis zum
Sommeranfang 2018 besiedelten bereits
205 Panzenarten das Gelände. Für das
verhältnismäßig kleine Untersuchungsge-
biet ist dies eine beeindruckende Anzahl,
die auf die heterogenen Standortbedin-
gungen, die konkurrenzarmen Standorte
und den Einuss der beiden direkt an-
grenzenden, äußerst artenreichen Indus-
triebrachen (Gleis park Frintrop und ehe-
maliges Stahlwerksgelände) zurückzu-
führen ist.
Innerhalb des oristischen Inventars las-
sen sich Arten hervorheben, die für na-
turnahe Biotope der bäuerlichen Kul-
turlandschaft charakteristisch, dort aber
aufgrund von Veränderungen des Le-
bensraumes bedroht sind und so auf an-
thropogene Sekundärstandorte auswei-
chen mussten. Besonders erfreulich war
in dieser Hinsicht der Fund von meh-
reren Exemplaren des Schwarzen Bil-
senkrautes (Hyoscyamus niger). Die in
NRW nur sehr selten als Ruderalpanze
auftretende Art wurde in den vergange-
nen zehn Jahren intermittierend auf der
angrenzenden Brachäche gefunden.
Weitere bemerkenswerte Arten sind die
Gewöhnliche Ochsenzunge (Anchusa of-
cinalis) und die Raue Nelke (Dianthus
armeria). Zudem ist das massenhafte
Auftreten von industrienaturtypischen
Arten interessant, beispielsweise der bei-
den neophytischen Arten Australischer
Gänsefuß (Dysphania pumilio) und Klebri-
ger Gänsefuß (Dysphania botrys, Abb. 6),
zwei Charakterarten der Industriebra-
chen des Ruhrgebietes. Aufgrund der
Dezimierung offener Industriebrachen
durch Sukzession, Bebauung et cetera
nehmen die Bestände dieser Arten mög-
licherweise ab.
Die ersten Ergebnisse der vegetations-
kundlichen Untersuchungen sind sehr he-
Abb. 5: Spärlicher Bewuchs auf den technogenen Substraten der rechten Talseite. Beson-
ders vegetationsfeindlich ist die helle Ascheschicht. Foto: T. Kasielke
Abb. 4: Der Untersuchungsraum mit drei denierten Transekten zur Untersuchung be-
stimmter Artengruppen (Datengrundlage, Bearbeitung: Emschergenossenschaft)
Legende
Untersuchungsgebiet
Randbereich (Ergänzendes Untersuchungsge
biet)
Transekte
36 Natur in NRW 4/2018
Industriebrache
terogen. Dies ist eine Folge der hinsicht-
lich ihrer Bodenbeschaffenheit und Ex-
position unterschiedlich gewählten Mo-
nitoringstandorte. Die Bandbreite reicht
von typischer Ruderalvegetation nähr-
stoffreicherer Standorte über wechsel-
feuchte Pioniervegetation bis zu arten-
armen Beständen auf trocken-warmen
industrietypischen Sonderstandorten mit
Spezialisten.
Vögel
Aufgrund der sehr geringen Vegetations-
strukturen ohne Strauch- und Baumschicht
und den zu erwartenden, geringen Besied-
lungsdichten, wurde auf eine ächige Re-
vierkartierung zunächst verzichtet. Im Jahr
2017 wurden die Brutvögel, Nahrungsgäste
und Durchzügler im Rahmen mehrer er
Kartierungsgänge und einer Daten bank-
aus wertung (Meldeportale: ornitho.de,
BSWR.de) ermittelt. Bei den Begehungen
wurden die gängigen Grundsätze einer Re-
vierkartierung weitgehend berücksichtigt.
Dabei werden insbesondere alle revieran-
zeigenden Vögel innerhalb des Untersu-
chungsgebietes sowie eines rund 50 Meter
breiten Randstreifens registriert. Zusätz-
lich werden alle Nahrungsgäste, Rastvögel
sowie Durchzügler mit entsprechender Zu-
ordnung dokumentiert.
Als Pionier und auf vegetationsarme Se-
kundärstandorte angepasste Vogelart
nutzte 2017 der Flussregenpfeifer das frühe
Sukzessionsstadium zur Nestanlage. Zeit-
weise wurden vier Eier bebrütet (Abb. 7).
Jungvögel konnten zu keinem Zeitpunkt
festgestellt werden. Wahrscheinlich ist die
Brut kurz vor oder nach dem Schlupf ge-
scheitert, möglicherweise durch erhebliche
Störungen unter anderem durch freilau-
fende Hunde, die teilweise den Schutzzaun
übersprungen hatten. Ansonsten brüteten
noch zwei Paare der Dorngrasmücke im
Untersuchungsgebiet. Für alle übrigen Vo-
gelarten, die bereits in den benachbarten
Randbereichen mit älteren Gebüsch- und
Gehölzstrukturen siedelten, fehlten noch
die erforderlichen Vegetationsstrukturen.
Einige typische Offenlandarten wie Braun-
kehlchen, Steinschmätzer und Schafstelze
auf dem Durchzug nutzten die noch kahlen
Flächen zur Rast. Zudem wurden interes-
sante Nahrungsgäste wie der Wespenbus-
sard im Beobachtungsjahr 2017 gesichtet.
Amphibien
Die Erfassung der Amphibien erfolgte
durch Sichtbeobachtungen. Ein Vorkom-
men der Kreuzkröte (Bufo calamita) auf
der benachbarten Stahlwerksbrache ist
seit Langem dokumentiert. Aufgrund der
eher ungünstigen Gewässersituation war
das Vorkommen im Untersuchungsgebiet,
trotz der ansonsten strukturell guten Ha-
bitatsituation, überschaubar. Das Zentrum
des Vorkommens lag außerhalb des Re-
naturierungsabschnittes. Gelegentlich als
Laichplatz genutzte Lachen lagen im zen-
tralen Bereich der Industriebrache. Auf den
Baustellenächen der Renaturierungsmaß-
nahme hatten sich im Juni und Juli auf dem
oberen, nördlich gelegenen Plateau einige
kleine Senken mit Wasser gefüllt. In diesen
Wasserlachen wurden am 14. Juni 2017 300
und am 5. Juli 2017 500 Kaulquappen der
Kreuzkröte gezählt. Am 22. August 2017
wurde auch ein subadultes Tier gefunden.
Die baustellenbedingten Gewässer werden
im Zuge der Sukzession ihre Funktion für
die Kreuzkröte verlieren, sodass für den
Erhalt der Population gesonderte Maßnah-
men notwendig werden.
Libellen
Sobald mit der Flutung und einer kontinu-
ierlicheren Wasserführung des Baches zu
rechnen ist, wird das Untersuchungsge-
biet alljährlich mindestens viermal wäh-
rend der Hauptugzeit begangen, die je
nach Witterung von Mitte April bis An-
fang September reicht. Dabei wird das ge-
samte Gewässer abgelaufen und alle Arten
gemäß Erfassungsmethodik des Arbeits-
kreises Libellen NRW aufgenommen. Sel-
tenere Arten werden gezählt und häugere
in Abundanzklassen eingeordnet. Dabei
sind insbesondere die unterschiedlichen
Stadien (Larve, Exuvie, Imago) sowie die
gezeigten Verhaltensweisen (z. B. territo-
riales Männchen, Tandem, Kopulation, Ei-
ablage, Jungfernug) für eine Bewertung
der Bodenständigkeit entscheidend.
2017 konnten im Rahmen von mehreren
Stichprobenkontrollen bereits acht Libel-
lenarten nachgewiesen werden. Da sich
in der Aue lediglich temporär wasserh-
rende Pfützen befanden und diese selbst
für Arten, die an solche Gewässer ange-
passt sind, nicht ausreichten, müssen bis-
lang alle Libellenarten als Gäste eingestuft
werden. Bei den Kleinlibellen waren es die
häugen Arten Frühe Adonislibelle und
Große Pechlibelle. Unter den Großlibel-
len waren Große Königslibelle, Viereck,
Großer Blaupfeil und Große Heidelibelle
sowie die Pionierart Plattbauch und die
überwiegend aus dem Süden einiegende
Frühe Heidelibelle vertreten.
Heuschrecken
Heuschrecken werden alljährlich an min-
destens drei Terminen (Juli bis Septem-
ber) entlang der drei festgelegten Tran-
Abb. 6: Klebriger Gänsefuß, Charakterart
der Industriebrachen im Ruhrgebiet
Foto: C. Buch
Abb. 8: Blauügelige Ödlandschrecke im
Bereich der offenen Böden am Läppkes
Mühlenbach Foto: M. Schlüpmann
Abb. 7: Brut(versuch) des Flussregenpfei-
fers auf den Rohböden am ppkes Müh-
lenbach mit Gelege Foto J. Sattler
Natur in NRW 4/2018 37
Industriebrache
sekte in einem Korridor von beidseitig
fünf Metern akustisch und optisch erfasst.
Gemäß der Erfassungsmethodik des Ar-
beitskreises Heuschrecken NRW werden
sie einer Häugkeitsklasse zugeordnet.
Zufallsfunde weiterer Arten außerhalb
der Transekte werden für die Gesamtar-
tenliste vermerkt. Es konnten bisher vier
Arten festgestellt werden. Neben den
beiden Chorthippus-Arten, Nachtigall-
und Brauner Grashüpfer, waren dies das
Grüne Heu pferd und die für offene Roh-
böden typische Blauügelige Ödland-
schrecke (Abb. 8).
Laufkäfer
Das Laufkäfer-Monitoring beinhaltet eine
standardisierte Haupterfassung auf den
drei festgelegten Transekten einmal jähr-
lich im Juni sowie zwei bis vier zusätzli-
che Handfänge auf der gesamten Fläche
zwischen Mai und August. Die standardi-
sierte Erfassung erfolgt mithilfe von Bo-
denfallen und Handfängen. Pro Transekt
werden vier Bodenfallen in bewachsenen
Bereichen für eine Woche ausgebracht und
vier Handfänge in vegetationslosen Berei-
chen jeweils auf einer Fläche von einem
Quadratmeter durchgeführt. Beifänge von
weiteren Gruppen (z. B. Kurzügelkäfer,
Spinnen) werden gezählt und für eine mög-
liche spätere Bestimmung in 96-prozenti-
gem Ethanol konserviert.
Im Jahr 2017 wurden insgesamt 58 Lauf-
käfer-Individuen verteilt auf 14 Arten ge-
fangen. Am häugsten traten der Dü-
nen-Sandlaufkäfer (Cicindela hybrida)
(Abb. 9) und der Kleine Kreuz-Ahlenläu-
fer (Bembidion femoratum) auf. Der Dü-
nen-Sandlaufkäfer ist eine für sandige
Rohböden typische Art und ndet in den
großen, offenen Sandächen im tieie-
genden Bereich des noch nicht geuteten
Gewässerlaufes gute Besiedlungsbedin-
gungen. Der Kleine Kreuz-Ahlenläufer
bevorzugt generell Rohböden oder fhe
Sukzessionsstadien, wobei er von Indus-
triebrachen über Bergehalden bis hin zu
offenen Gewässerufern diverse Lebens-
räume besiedelt.
Darüber hinaus wurden 2017 an den ver-
bliebenen Restwasserächen im westli-
chen und östlichen Bereich des neu ge-
schaffenen, aber noch nicht geuteten
Gewässerverlaufes Uferarten wie Gelb-
rand-Flachläufer (Agonum marginatum)
und Kleiner Uferläufer (Elaphrus ri-
parius) nachgewiesen. Bemerkenswert
ist der Fund des Kleinen Schnellläufers
(Harpalus modestus), einer wärme- und
trockenheitsliebenden Art, die nach der
Roten Liste Nordrhein-Westfalens vom
Aussterben bedroht ist. Bei der ersten
Begehung im Mai 2018 zeigte sich, wie
auch 2017, eine deutliche Dominanz des
Dünen-Sandlauf fers sowie des Klei-
nen Kreuz-Ahlenläufers. In den höher-
liegenden und teils durch Pioniervege-
tation beschatteten Bereichen traten Ru-
deralarten wie der Metallische Schnell-
läufer (Harpalus distinguendus) auf. Ein
bemerkenswerter Fund in den Bodenfal-
len von 2018 war der Vierpunkt-Laub-
läufer (Notiophilus quadripunc tatus),
der sich als wärmeliebende Art mit ur-
sprünglich südeuropäischer Verbreitung
im Zuge des Klimawandels über den
Oberrhein zunehmend in Richtung Nor-
den ausbreitet (Erstfund in NRW 2011).
Insgesamt zeigten die Lauf käfer im ersten
Untersuchungsjahr eine schnelle Besied-
lung der neu geschaffenen Rohböden, hier
vor allem durch wärmeliebende und teils
seltene Arten.
Erstes Fazit und Ausblick
Die ersten Ergebnisse bestätigen die Er-
wartungen, dass sich auf den Rohböden
in kurzer Zeit eine bemerkenswert arten-
reiche Biozönose einstellen wird. Mit der
Durchleitung des Bachwassers wird sich
diese rasch entwickeln und verändern.
Durch die einsetzenden Bodenbildungs-
prozesse und die Sukzession werden sich
auch die Standortverhältnisse verändern.
Flora und Fauna werden sich an die neue
hydrologische Situation anpassen, Feuch-
tegradienten können sich zwischen den
Hängen und dem Gerinne ausbilden und
neue Ökotopmuster differenzieren.
Um das Untersuchungsprogramm weiter
zu vervollständigen, werden in den Fol-
gejahren möglichst weitere Organismen-
gruppen wie Pilze, Flechten, Moose, Spin-
nen und Mollusken sowie nach Flutung der
Bachsohle das Makrozoobenthos unter-
sucht.
Der interdisziplinäre Forschungsansatz
verspricht dabei Erkenntnisse, die bei ein-
facher Betrachtung einzelner Organismen-
gruppen kaum möglich wären. Innerhalb
des komplexen Systems Bachaue – Indus-
triebrache können biozönologische Zu-
sammenhänge erkannt und interpretiert
werden. Die Ergebnisse können in die
Planung zukünftiger Projekte zu natur-
nahen Bachausbauten sowie Pege- und
Entwicklungsmaßnahmen auf Indus trie-
brachen einießen und so im Sinne von
„Best-practice-Beispielen“ von Nutzen
sein.
Literatur
keil, p. & e. gUder ley (Hrsg.) (2017):
Artenvielfalt der Industrienatur – Flora,
Fauna und Pilze auf Zollverein in Essen.
Abhandlungen aus dem Westfälischen Mu-
seum für Naturkunde 87: 1–320.
winking, c., lorenz, a. w., sUres, B. &
d. hering (2014): Recolonisation patterns
of benthic invertebrates: a eld investiga-
tion of restored former sewage channels.
Freshwater Biology 59: 1932–1944.
Koordinierende Autoren
Dr. Peter Keil
Biologische Station
Westliches Ruhrgebiet e. V.
Ripshorster Str. 306
46117 Oberhausen
peter.keil@bswr.de
Gunnar Jacobs
Emschergenossenschaft/Lippeverband
Kronprinzenstraße 24
45128 Essen
jacobs.gunnar@eglv.de
Zusammenfassung
Im Rahmen der Öffnung der Verroh-
rung und dem Neubau des Gewässer-
bettes vom Läppkes Mühlenbach im
Bereich eines ehemaligen Stahlwerk-
geländes in Oberhausen ergibt sich
die einmalige Chance, die Fließge-
wässer- und Flächenentwicklung auf
einer Indus trie brache über einen lan-
gen Zeitraum zu dokumentieren. Eine
interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus
dem „Netzwerk Urbane Biodiversi-
tät Ruhrgebiet“ startete 2017 mit dem
wissenschaftlichen Monitoring. Die
Forschungsergebnisse ießen unmit-
telbar in die praktische Arbeit im Um-
gang mit Gewässerrenaturierungen
und naturnahen Pege- und Entwick-
lungsmaßnahmen von Industriebra-
chen ein.
Abb. 9: Dünen- Sandlauf käfer in den sa ndi-
gen Bereichen des noch nicht geuteten
Gewässerlaufes am Läppkes Mühlenbach
Foto: K. Januschke
38 Natur in NRW 4/2018
Industriebrache
Luchse:
Perspektiven für NRW
Salamanderpest:
Ausbreitung in NRW
Industriebrache:
Bachentwicklung
unter Beobachtung
Projekt GrünSchatz:
Wildpanzen
als Gärsubstrat
Bisam und Nutria:
Umgang mit zwei invasiven Arten
Natur in NRW Nr. 4/2018
Nr. 4/2018
43. Jahrgang
Natur in NRW
www.lanuv.nrw.de
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und Verbraucherschutz
Nordrhein-Westfalen
Leibn i zstraße 10
45659 Recklinghausen
Telefon 02361 305-0
poststelle@lanuv.nrw.de
K 2840 F
... Die präsentierten Nachweise stammen aus dem Südosten der Fläche, einem mit jungen Birken bewachsenen Bereich. Die Heuschreckenfauna dieses Gebietes wurde von Keil et al. (2018) zusammengefasst. ...
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Kurzfassung: Die Ameisengrille Myrmecophilus acervorum (Panzer, 1799) wurde in den vergangenen Jahren in Nordrhein-Westfalen zunehmend häufiger nachgewiesen. Im Ballungsraum Ruhrgebiet erfolgten dabei mehrfach Funde auf Industriebrachen. Gezielte Kartierungen in den Jahren 2017 bis 2019 ergaben zahlreiche neue Nachweise von M. acervorum für die Region. Insgesamt erfolgten 18 Nachweise auf 7 Messtischblättern und die Art konnte erstmals für den Naturraum Niederrheinisches Tiefland belegt werden. Im Ballungsraum Ruhrge-biet besiedelt die Ameisengrille wärmebegünstigte Kulturlandschaften, Industriebrachen und sogar Gärten. Die Fundlokalitäten zeigen in vielen Fällen eine starke Verinselung inmitten versiegelter städtischer Flächen. Wir schlussfolgern daraus, dass die Art im Ruhrgebiet weit verbreitet ist und eine stärkere Dispersionsfähigkeit besitzen muss, als bislang angenommen. Sie verhält sich in der Region als thermophile Hemerophile. Die starke Zunahme von Nachweisen der Ameisengrille in Nordrhein-Westfalen muss aktuell als Ausbreitung gewertet werden, da sie unserer Ansicht nach historisch, trotz der geringen Körpergröße, nicht vollständig übersehen werden konnte. Die Verbrei-tungsschwerpunkte in Nordrhein-Westfalen liegen aktuell im Ballungsraum Ruhrgebiet und dem Weserbergland mit dem angrenzenden Nordwest-hessischen Bergland. Obwohl die Bestimmung von Arten der Gattung Myrmecophilus Berthold, 1827 diffizil ist, eignet sich M. acervorum aktuell für Meldungen auf Meldeplattformen und der Berücksichtigung in Citizen Science-Projekten, da sie nach bisheriger Kenntnis die einzige mitteleuropäische Art der Ameisengrillen darstellt. Für die Kartierung im Ballungsraum Ruhrgebiet eignet sich nach unseren Ergebnissen vor allem der Monat September, da die gezielte Suche zu vielen anderen Zeitpunkten negativ verlief. Als neue Nach-weismethode kann das nächtliche Ableuchten der Bodenoberfläche genannt werden, was im Rahmen einer Kartierung auf einem zuvor ermittelten Nachweisstandort erstmals erfolgreich eingesetzt werden konnte. Abstract: The ant-loving cricket Myrmecophilus acervorum (Panzer, 1799) has been increasingly proven in North Rhine-Westphalia during the past years. Several records were made on post-industrial brownfields in the Ruhr metropolitan area. Targeted recordings in the years 2017 to 2019 resulted in numerous new records for M. acervorum in this area. A total of 18 records were made and the species was documented for the area "Niederrheinisches Tiefland", a part of the Lower Rhine area, for the first time. In the Ruhr metropolitan area, the ant-loving cricket colonizes favorable warm industrial and cultural landscapes such as fallow land and even gardens. The localities show strong islan-dization effects in the middle of sealed urban areas in many cases. We conclude that the species is widespread in the Ruhr area and must have a higher dispersibility than previously assumed. It behaves as a thermophilic hemerophile in the region. The increasing frequency of records of the ant-loving cricket in North Rhine-Westphalia has currently to be regarded as a range expansion, as in our opinion it could not been completely overlooked despite its small size. Although the determination of species of the genus Myrmecophilus Berthold, 1827 is difficult, M. acervorum is suitable for recording on reporting platforms and a consideration in Citizen Science projects, as it is known to date the only Central European species of ant-loving crickets. According to our results, the month of September is most suitable for recording in the Ruhr metropolitan area as field records at many other times where negative. As a new recording method, the nocturnal illumination of the ground surface can be named, as it was successfully used for the first time on a previously detected location. 2 Einleitung
... Da bislang kein umfassendes Pflegekonzept existiert, wurde im Berichtszeitraum ein Maßnahmenkonzept für die Pflege des RS1 erstellt (Buch 2018). Im Vordergrund stehen dabei die Stellen mit besonders dringendem Handlungsbedarf. ...
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In der Schriftenreihe berichten wir über unsere laufenden Arbeiten in den Schutzgebieten, im Bereich der urbanen Biodiversität (hier insbesondere im Themenfeld Industrienatur) und in der Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit. Zudem werden Neufunde von Pflanzen und Tiere in unserem Zuständigkeitsbereich aufgeführt. Alle Berichte sind online auf unsere webpage http://www.bswr.de/service/jahresberichte/index.php verfügbar. We report on our ongoing work in the protected areas, in the field of urban biodiversity (in particular in the field of industrial nature) and in environmental education and public relations. In addition, new finds of plants and animals are listed in our area of responsibility. All reports are available online on our webpage http://www.bswr.de/service/jahresberichte/index.php.
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Für neun Handlungsfelder wurden Positionspapiere erarbeitet, in denen die grundsätzliche Problematik, Entwicklungschancen, Lösungsvorschläge und Best-Practice-Beispiele aufgezeigt werden. Diese stellen das inhaltliche und strukturelle Konzept der Regionalen Biodiversitätsstrategie Ruhrgebiet dar. Weiter Informationen unter: https://urbane-biodiversitaet.de/index.php/positionspapiere.html
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Biodiversitätsverluste durch Landnutzungswandel werden in jüngster Zeit vor allem mit der massiven Zunahme der Maisanbauflächen und der damit einhergehenden Monotonisierung der Landschaft sichtbar. Im GrünSchatz-Projekt wird als Alternative zum Maisanbau eine für den Naturschutz opti-mierte Wildpflanzenmischung als Gärsubstrat für Biogasanlagen getestet und die Wirkungen auf die Biodiversität und das Landschaftsbild sowie die Akzeptanz ermittelt. Die umfangreichen Untersu-chungen belegen die erwarteten positivenEffekte.
Umgang mit zwei invasiven Arten
  • Nutria
und Nutria: Umgang mit zwei invasiven Arten