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Wilhelm von Humboldts Theorie der Sprachevolution

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Zusammenfassung W. v. Humboldt hat eine Stufenfolge der Entwicklung der Sprachen nach dem Grad der Vervollkommnung der grammatischen Form aufgestellt und diese mit einer Sprachtypologie gekoppelt. Er unterscheidet nicht zwischen Evolution und geschichtlichem Wandel der Sprachen, sondern zwischen Phasen der Herausbildung und der Verfeinerung. Danach charakterisiert der herausgebildete Typ eine Sprache ein für allemal. Humboldt ist in solchen Fragen durchaus ein moderner Gesprächspartner, insofern seine theoretischen Konzeptionen an intensive empirische Untersuchungen, sowohl deskriptiver als auch sprachvergleichender Art, zurückgebunden sind.
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CLIPP
Christiani Lehmanni inedita, publicanda, publicata
titulus
Wilhelm von Humboldts Theorie der
Sprachevolution
huius textus situs retis mundialis
www.christianlehmann.eu/publ/lehmann_evolution.pdf
dies manuscripti postremum modificati
02.10.2018
occasio orationis habitae
Sitzung der Geisteswissenschaftlichen Klasse der Nordrhein-
Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf,
21.06.1989
volumen publicationem continens
Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 48(4)
annus publicationis
2018
paginae
689-715
Wilhelm von Humboldts
Theorie der Sprachevolution
Christian Lehmann
Erfurt, Deutschland
christian.lehmann@uni-erfurt.de
Abstract
W. v. Humboldt hat eine Stufenfolge der Entwicklung der Sprachen nach dem Grad der
Vervollkommnung der grammatischen Form aufgestellt und diese mit einer Sprachtypologie
gekoppelt. Er unterscheidet nicht zwischen Evolution und geschichtlichem Wandel der
Sprachen, sondern zwischen Phasen der Herausbildung und der Verfeinerung. Danach
charakterisiert der herausgebildete Typ eine Sprache ein für allemal.
Humboldt ist in solchen Fragen durchaus ein moderner Gesprächspartner, insofern seine
theoretischen Konzeptionen an intensive empirische Untersuchungen, sowohl deskriptiver als
auch sprachvergleichender Art, zurückgebunden sind.
Wilhelm von Humboldt’s theory of linguistic evolution
W. v. Humboldt posited a gradation in the evolution of languages by the degree of perfection of
their grammatical form and coupled this with a language typology. He does not distinguish
between evolution and history of languages, but between phases of development and
sophistication. The type thus developed characterizes a language definitely.
On such topics, Humboldt is by all means a contemporary interlocutor, because his
theoretical conceptions are bound up with intensive empirical research, both the descriptive and
the comparative variety.
Schlüsselwörter: Wilhelm von Humboldt, Sprachevolution, Sprachursprung, evolutive
Typologie, flektierender Typ, primitive Sprache, grammatischer Begriff, vollkommene Form,
Grammatikalisierung
Keywords: Wilhelm von Humboldt, linguistic evolution, origin of language, evolutionary
typology, flexive type, primitive language, grammatical concept, perfect form,
grammaticalization
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 2
Vorbemerkung
Dieser Text geht auf einen Vortrag zurück, der am 21.06.1989 in der Geistes-
wissenschaftlichen Klasse der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften,
Düsseldorf gehalten, aber bisher nicht publiziert wurde. Er ist über weite Strecken im
Stile eines an Nicht-Fachgenossen gerichteten Vortrags gehalten, der beibehalten wurde.
Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, dass die Wissenschaft in diesen fast drei Jahrzehnten
Fortschritte gemacht hat. Zu aktualisieren war insbesondere der Abschnitt 3. Andererseits
habe ich, mit zwei unsystematischen Ausnahmen, die in diesem Zeitraum aufgelaufenen
linguistischen Publikationen zum Thema nicht aufgearbeitet. Dies erscheint mir
akzeptabel, weil mein Beitrag, wie auch in der Einleitung gesagt, in erster Linie als
unmittelbarer Fachdialog mit Wilhelm von Humboldt gemeint ist.
1 Einleitung
Der Titel meines Beitrags scheint den möglichen Themenkreis klar einzugrenzen. In Wahrheit
kann man aber unter einem solchen Titel sehr verschiedene Dinge tun. Man könnte
Humboldts Gedanken zur Evolution der Sprachen in allen seinen Werken aufspüren, das
konstante Moment in ihnen, aber auch ihre Reifung nachweisen und sie zu seinen
anthropologischen, pädagogischen und sonstigen Theorien in Beziehung setzen. Dies wäre im
wesentlichen ein werkimmanenter Beitrag zur Humboldtexegese. Man könnte den
Zusammenhang von Humboldts Auffassung der Sprachevolution mit der zeitgenössischen
Sprachwissenschaft und anderen Wissenschaften aufweisen und zeigen, wie sie
geistesgeschichtliche Strömungen des 18. Jahrhunderts voraussetzt und an den allgemeinen
Entwicklungen des philosophischen Denkens am Anfang des 19. Jahrhunderts nicht nur
teilhat, sondern sie mitbestimmt, und wie sie schließlich insbesondere den weiteren Gang der
Linguistik beeinflusst.1 Dies wäre ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte. Man kann
schließlich Humboldts Theorie der Sprachevolution als einen der vorliegenden Beiträge zu
dieser Problematik nehmen und prüfen, wie er sich in der Konfrontation mit theoretischen
Entwicklungen und empirischen Erkenntnissen der heutigen Sprachwissenschaft ausnimmt.
Anders gesagt, man kann fragen, ob Humboldts Konzeption im Hinblick auf eine theoretische
Begründung des heute in dem relevanten Bereich für gesichert Gehaltenen ein aktuelles, über
die reine Wissenschaftsgeschichte hinausgehendes Interesse hat. Das ist die Fragestellung
meines Beitrags.
Wilhelm von Humboldt konzentrierte seine empirischen und zum großen Teil auch seine
theoretischen Bemühungen auf die Sprache und die Sprachen; aber dies war ihm weder in der
erkenntnistheoretischen Absicht noch in der tatsächlichen Arbeitspraxis ein Endziel. Es kam
ihm letztlich auf den geistigen Fortschritt der Menschheit an, auf das Streben der Menschen
nach einem einzigen Ziel, nämlich der vollkommenen Geistesbildung, das sich in so
mannigfachen Variationen in den Nationen zeigt. Noch allgemeiner und abstrakter gesagt, er
wollte das Problem des Verhältnisses zwischen Individualität und Totalität, besonders
zwischen dem menschlichen Individuum, der Nation und "der Einheit der menschlichen
1S. hierzu Trabant 1990, der darauf hinweist, dass Humboldts Werk in der Sprachwissenschaft des
19. Jahrhunderts eine marginale Rolle spielte.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 3
Natur" (1827-29: 220; 1836:4382) lösen. Die Sprache und die Sprachen erschienen ihm als
das geeignetste Feld, um diese Fragen als empirische Fragen zu behandeln. Denn die
Betätigung auf den anderen Feldern hoher Geistesbildung, vor allem Philosophie,
Wissenschaft, Geschichte, Poesie und Kunst, liegt immer nur in den Händen weniger. Die
Sprache aber ist ein Gebiet, auf dem alle Menschen schöpferisch sind oder sein können und
dessen Erscheinungen daher am ehesten als repräsentativ für den Geist einer Nation bzw. für
die geistige Entwicklung der Menschheit überhaupt genommen werden können. In Humboldts
eigenen Worten (1836:410):
Das Dasein der Sprachen beweist aber, dass es auch geistige Schöpfungen gibt,
welche ganz und gar nicht von éinem Individuum aus auf die übrigen übergehen,
sondern nur aus der gleichzeitigen Selbsttätigkeit áller hervorbrechen können. In
den Sprachen also sind, da dieselben immer eine nationelle Form haben, die
Nationen als solche eigentlich und unmittelbar schöpferisch.
Diese Unterordnung von Humboldts Sprachwissenschaft unter ein umfassenderes
Erkenntnisinteresse bedingt einen hohen Grad dessen, was wir heute Interdisziplinarität
nennen, was aber für Humboldt bloß integrale Berücksichtigung aller wesentlichen Aspekte
war. Philosophische, anthropologische, ethnologische, pädagogische, literaturwissen-
schaftliche Gesichtspunkte werden einbezogen, um ein ganzheitliches Bild zu entwerfen.
Dieser umfassenden Konzeption kann mein Beitrag nicht gegenübertreten. Ich beleuchte
Humboldts Gedankengebäude lediglich vom linguistischen Standpunkt aus und werde ihm
also bestenfalls unter diesem Gesichtspunkt gerecht.
Diese Einengung des Blickwinkels ist aber dem Gegenstand, also Humboldts Denken
gegenüber, erlaubt. Da Humboldt in der heutigen Linguistik nicht so präsent ist, wie es seiner
Bedeutung entspräche, ist nicht einmal innerhalb der Linguistik – und von anderen
Wissenschaften wird man es nicht erwarten – hinreichend geläufig, dass er in der
Sprachforschung mindestens ebenso sehr Empiriker wie Theoretiker war und dass einige
seiner wichtigsten Beiträge auf empirischem Gebiet, nämlich dem der Sprachbeschreibung,
liegen. Es ist leider sehr stark ins Bewusstsein der wissenschaftlichen Gemeinde gedrungen,
dass viele von Humboldts Thesen bis heute nicht überprüfbar und möglicherweise in der Tat
keine empirischen Hypothesen sind. Humboldt selber hat seine Thesen gerade auf dem hier in
Rede stehenden Gebiet der Evolution der Sprachen gelegentlich als Spekulation eingestuft
(z.B. 1827-29:335). Das ändert aber nichts daran, dass für ihn Sprachwissenschaft eine
empirische Wissenschaft ist (1827-29:298). Metaphysik und Empirie überein zu bringen war
auch für Humboldt nicht immer leicht; aber er würde jederzeit zugestanden haben, dass die
empirische Überprüfung seiner Thesen sinnvoll, d.h. ihrem wissenschaftstheoretischen Status
gemäß ist.
2 Evolution
2.1 Terminative und inzeptive Perspektive
Der Begriff der Evolution muss mindestens nach zwei Richtungen abgegrenzt werden.
Zunächst geht es um eine Frage der Interpunktion. In der Biologie versteht man den Begriff
der Evolution überwiegend in einem auf den jeweils erreichten Endpunkt gerichteten Sinne.
2Literaturverweise ohne Autorangabe gehen auf Werke Wilhelm von Humboldts.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 4
Die Evolution einer Art ist danach die Gesamtheit der Veränderungen im Reich des
Lebendigen, die zur Herausbildung dieser Art geführt hat. Der Kristallisationspunkt der
Evolution in diesem Sinne ist der Ursprung der betreffenden Art, gedacht als das
Überschreiten einer Schwelle. Diese terminative Sicht von Evolution gilt auch noch für die
Entstehung von Homo sapiens.
Theoretisch ebenso möglich ist aber eine inzeptive, also vorwärts gewandte Sicht, die das
weitere Schicksal einer Art nach dem Punkte ihres Entstehens in die Evolution einbezieht.
Hier ist zunächst an die Herausbildung verschiedener Rassen unterhalb der Ebene der Art,
also an Mikroevolution zu denken. Aber auch auf der Ebene der Art hat die inzeptive Sicht der
Evolution in der Biologie gerade im Falle von Homo sapiens eine erhebliche Rolle gespielt.
Man nimmt zwar an, dass alle Menschen seit der Entstehung von Homo sapiens sapiens einer
einzigen biologischen Art angehören, dass also auf dieser Ebene seitdem keine biologische
Evolution stattgefunden hat. Gleichzeitig aber meint man, dass die Umwälzungen, die die
menschliche Zivilisation seit der Steinzeit auf den heutigen Stand gebracht haben, an
Bedeutung für das Überleben der Art und für das gesamte Reich des Lebendigen genetischen
Mutationen mindestens gleichgestellt werden können. Gerade auf dem Gebiet der Kultur
spricht man von Evolution in offenbarer Analogie zur biologischen Evolution. Wir werden im
weiteren Verlauf sehen, dass Humboldt selbst an dieser Auffassung des Begriffs seinen
wesentlichen Anteil hat.
Für die Evolution der Sprache besagt dies, dass man zwischen zwei Phasen unterscheiden
kann. Die erste führt zur Herausbildung der menschlichen Sprache, wobei ‘menschliche
Sprache’ eine solche ist, die sich von heutigen menschlichen Sprachen nicht dem Wesen nach
unterscheidet. In der zweiten Phase erleiden die Sprachen Veränderungen, durch die sich
verschiedene Typen herausbilden. Es fragt sich natürlich, ob diese Veränderungen nicht doch
so weitreichend sind, dass die Resultate Sprachen in einem anderen Sinne sind als das, was
beim Ursprung der Sprache gesprochen wurde. Dies ist gerade eine von Humboldts zentralen
Fragen.
2.2 Evolution und Geschichte
Evolution muss zweitens in einem qualitativen Sinne abgegrenzt werden gegen Geschichte.
Evolution ist ein an Organismen auftretender gerichteter Entfaltungsprozess, in dem
kategorial verschiedene Stufen erreicht werden. Sie hat kein von außen vorgegebenes Ziel,
sondern verläuft nach intrinsischen teleonomischen Gesetzen. Geschichte dagegen setzt
Sinngebung, Wollen und Gestalten durch den Menschen voraus. Nur insofern es in der
Geschichte der Menschheit oder einer Nation eine Richtung oder wenigstens Stufen gibt, ist
sie der Evolution vergleichbar.
Dies bedeutet aber, dass das erste Abgrenzungsproblem, wenn auf die Evolution von
Homo sapiens angewandt, identisch ist mit dem zweiten. Man könnte versucht sein, das
Problem der Unterscheidung zwischen Evolution und Geschichte auf das Interpunktions-
problem zurückzuführen und zu sagen: abgesehen von der Mikroevolution der Rassen ist der
Gang der den Menschen betreffenden Ereignisse bis zu seiner Entstehung Evolution, ihr Gang
seitdem ist Geschichte (vgl. auch Fn. 4). Damit hätte man das Problem theoretisch aus der
Hand gegeben und an die Biologen verwiesen. Diese müssten dann entscheiden, an welchem
Punkt der biologischen Entwicklung die Art Homo sapiens fertig war.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 5
Gegen einen solchen Schritt spricht mindestens zweierlei. Erstens ist die Datenlage so,
dass die Paläanthropologie, wenn sie bloß mit biologischen, nämlich i.w. anatomischen
Methoden arbeitet, den fraglichen Punkt gar nicht bestimmen kann. Sie bedient sich dazu
vielmehr ganz wesentlich solcher Kriterien wie Gebrauch von Werkzeugen und Feuer, die den
erreichten Zivilisationsstand charakterisieren. Das heißt aber, sie greift auf historische
Methoden zurück. Zweitens aber besteht auch gar kein wissenschaftstheoretisches Interesse,
die Abgrenzungsproblematik aus der Hand zu geben. Die Frage ist ja gerade, ob die
Geschichte auf einer höheren Ebene strukturiert ist, ob sich in ihr Typen herausbilden, die
durch gerichtete Umwälzungen miteinander verbunden sind, m.a.W., ob sie der biologischen
Evolution wesentlich analog ist.
Auf die Sprache angewendet, stellt sich das Problem wie folgt dar. Sprache tritt uns
begrifflich auf zwei Weisen entgegen: zum einen als Naturphänomen, also als etwas, was der
Spezies Homo sapiens eigen ist; zum anderen als ein kulturelles und geschichtliches
Phänomen, nämlich in Gestalt der verschiedenen Sprachen (vgl. 1820:6f). Diese beiden
Begriffe werden in französischer Terminologie seit F. de Saussure (1916) als ‘langage’ und
‘langue’ unterschieden. In einem ersten Ansatz würde man sagen: Sprache im Sinne von
‘langage’ unterliegt der Evolution, nämlich der Evolution von Homo sapiens; eine Sprache im
Sinne von ‘langue’ dagegen hat eine Geschichte, die ganz wesentlich an die Geschichte des
sie sprechenden Volkes gebunden ist.
‘Langage’ tritt aber tatsächlich nur in Form von ‘langues’ auf. Jegliche wirklich ‘langage’
betreffende Evolution muss sich also an den ‘langues’ zeigen. An dieser Stelle wird das
Problem zu einem genuin linguistischen: Wie sind die konstitutiven Merkmale von ‘langage’
zu konzipieren, damit die Entstehung von Homo sapiens mit der Entstehung von ‘langage’
zusammenfällt? Sind diese Merkmale so beschaffen, dass sie Variation zwischen
verschiedenen ‘langues’ erfassen, oder sind sie für alle historisch bekannten und denkbaren
‘langues’ dieselben?
Bevor ich diesen Punkt verlasse, muss ich noch auf einen möglichen terminologischen
Einwand zu sprechen kommen. Man könnte mir entgegenhalten, dass ich im Hinblick auf
Wilhelm von Humboldt ein Pseudoproblem konstruiere; der Terminus ‘Evolution’ kommt
nämlich bei ihm gar nicht vor. Den erst durch Darwin aufgebrachten biologischen
Evolutionsbegriff konnte er noch nicht kennen.3 Worauf also bezieht sich der Titel meines
Beitrags?
Auf der terminologischen Ebene ist diesem Einwand relativ leicht zu begegnen. Ich halte
mich an die Ausdrücke ‘Entwicklung’ bzw. ‘Sprachentwicklung’, die an zentraler Stelle in
Humboldts Werk und insbesondere in einigen Werktiteln vorkommen, und nehme
Entwicklung als unserem Terminus Evolution zu Humboldts Zeit äquivalent. Auf der
begrifflichen Ebene wird zu zeigen sein, dass Humboldt in der Tat unter ‘Entwicklung’ das
verstand, was ich oben zur Charakterisierung des Begriffs ‘Evolution’ angeführt habe (s.a. Fn.
5).
3Humboldt dürfte den Lamarckismus gekannt haben; vgl. Akademie-Ausgabe Bd. VII:595. Das
scheint aber für den gegenwärtigen Zusammenhang unerheblich.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 6
3 Der Ursprung der Sprache in paläoanthropologischer Sicht
Wir werden in §6.1 sehen, dass in Humboldts Denken die inzeptive Sicht der Evolution eine
ungleich stärkere Rolle spielt als die terminative. Da meine Fragestellung sich darauf richtet,
was Humboldt zum heutigen Erkenntnisstand beigetragen hat, trage ich diesem
Ungleichgewicht seines Interesses hier Rechnung und handele nur verhältnismäßig kurz von
dem als ‘Ursprung der Sprache’ bekannten Problem.
Es gehört mittlerweile beinahe zum Ritual einer diesem Problem gewidmeten
linguistischen Abhandlung, die Tatsache zu erwähnen, dass die angesehene Société de
Linguistique de Paris 1865 in ihre Statuten die Bestimmung aufnahm: "La Société n'admet
aucune communication concernant ... l'origine du langage". In ihrer Zeit war diese
Bestimmung aus der Sicht einer empirischen Wissenschaft höchst sinnvoll. Bis vor relativ
kurzer Zeit bestand überhaupt keine Möglichkeit, die Frage nach dem Ursprung der Sprache
empirisch anzugehen. Einer der hervorragendsten Autoren, die sich im 19. Jahrhundert mit
dem Thema befasst haben, Heymann Steinthal, stellte es bereits im Titel seiner Abhandlung
(1888) in den "Zusammenhang mit den letzten Fragen allen Wissens" und wies es damit
(S.70) explizit dem Gebiet der Metaphysik zu.
Wenn sich die Linguistik heute wieder vermehrt des Themas annimmt, so deswegen, weil
sie aufgrund einer veränderten Erkenntnislage annimmt, das Thema sei doch als empirisches
behandelbar. Ich gebe die von Paläanthropologie und Urgeschichte derzeit angesetzte
Stufenfolge der menschlichen Evolution wieder, um den äußeren Rahmen dessen, wovon hier
die Rede ist, zu umreißen. Vor etwa 1,9 Mio. Jahren begannen die Homininen in Gestalt von
Homo erectus, regelmäßig aufrecht zu gehen und gemeinsam zu jagen. Seitdem bilden sich
die anatomischen Voraussetzungen für lautsprachliche Kommunikation, insbesondere
bestimmte Merkmale des auditiven und artikulatorischen Apparats heraus. Über den gesamten
Zeitraum wächst auch die Zerebralisation. Seit etwa 790.000 Jahren sind der Gebrauch von
Feuer und eine Tradition in der Herstellung von Werkzeugen nachweisbar. Die ältesten derzeit
bekannten Fossilien des modernen Menschen, also Homo sapiens, sind etwa 160.000 Jahre
alt. Erste Bestattungen sind seit 95.000 Jahren, erste Kunst seit 70.000 Jahren nachweisbar.
Spätestens seitdem haben wir mit Artgenossen zu tun, die abgesehen vom Zivilisationsstand
Menschen wie wir sind. Entsprechend kann man für die Entstehung des modernen Menschen
160.000 v.Ch. als Terminus post quem und 70.000 v.Ch. als Terminus ante quem ansetzen.
Wenn wir die Evolution der Sprache mit der von Homo sapiens in Parallele setzen,
müssen wir also annehmen, dass Sprache im heutigen Sinne seit mindestens 70.000 Jahren
besteht. Anders gesagt, für die erste Phase der Evolution der Sprache, nämlich ihre
Herausbildung, können über eine Million Jahre angesetzt werden. Die zweite Phase, die die
Weiterentwicklung und den historischen Wandel der Sprachen umfasst, dauert dagegen "erst"
70.000 bis 160.000 Jahre.
4 Der Ursprung der Sprache in heutiger linguistischer Sicht
Ich skizziere nun die bekannte methodologische Situation der Linguistik gegenüber dem
Problem der "menschlichen Ursprache". Will man sich dem in Rede stehenden Sprachzustand
mit empirischen Methoden nähern, so kann man wieder entweder die terminative oder die
inzeptive Sicht annehmen. Im ersten Falle geht man konstruktiv von den
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 7
Kommunikationssystemen anderer Primaten, im zweiten Falle rekonstruktiv von den
historisch belegten Sprachen aus.
4.1 Konstruktiver Ansatz
Der konstruktive Ansatz beruht auf einem Vergleich von Kommunikationssystemen, wie sie
bei verschiedenen Menschenaffenarten vorkommen, mit menschlicher Sprache. Man darf
annehmen, dass die semiotischen Eigenschaften, die den ersteren gemeinsam sind, auch für
die Kommunikation von Australopithecus galten. Die wichtigsten Unterschiede sind mit
einiger Sicherheit angebbar. Auf pragmatisch-semantischer Ebene ist es die unbeschränkte
Produktivität menschlicher Sprache gegenüber der Geschlossenheit des tierischen
Kommunikationssystems. Dies impliziert, dass man in menschlicher Sprache über alles
kommunizieren, also auch für alles Auszudrückende Zeichen bilden kann. Insbesondere ist
tierische Kommunikation situationsgebunden, d.h. auf unmittelbar Stattfindendes oder
Bevorstehendes bezogen, während menschliche Kommunikation eine solche Beschränkung
nicht kennt. Auf struktureller Ebene ist der wichtigste Unterschied die Tatsache, dass in
äffischer Kommunikation jede Nachricht in einem ganzheitlichen, nicht systematisch
gegliederten Signal besteht, während sie in menschlicher Sprache zweifach gegliedert ist,
nämlich aus Zeichen zusammengesetzt ist, die ihrerseits aus Sprachlauten bestehen. Diese
beiden Unterschiede hängen miteinander zusammen, da unbeschränkte Produktivität die
zweifache Gliederung voraussetzt. Die ungeheure Leistung, die der Vormensch auf dem Weg
vom Australopithecus zum Homo sapiens vollbrachte, war also die Herausbildung der
zweifachen Gliederung der Sprache (vgl. Hockett & Ascher 1964, Hoijer 1969). Wie das
freilich geschah, darüber kann man derzeit nur spekulieren.
4.2 Rekonstruktiver Ansatz
4.2.1 Historisch-vergleichende Methode
Bei rekonstruktivem Vorgehen eröffnen sich eine Reihe methodischer Möglichkeiten. Da ist
zunächst der Ansatz der historischen Sprachwissenschaft. Hier berücksichtigt man von allen
Sprachen die jeweils ältesten dokumentierten Stadien. Das führt im äußersten Falle auf etwa
3500 v.Ch., den Zeitpunkt, von dem an Tontafeln in sumerischer Schrift vorliegen. Ferner
kann man mit den anerkannten Mitteln der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft aus
verwandten Sprachen Ursprachen rekonstruieren und deren geschichtliche Realität für einen
vernünftigen Zeitpunkt vor der ältesten verglichenen Sprache postulieren. Für das
Urindogermanische reicht man damit in eine Zeit zurück, die von der Zeit der ältesten
sumerischem Texte nicht wesentlich verschieden ist. Diese Methode reduziert gleichzeitig die
Anzahl der Sprachen, mit denen man zu tun hat, von derzeit etwa 6000 auf die Ursprachen
einiger Hundert Familien oder Stämme, und reduziert außerdem ihre Verschiedenheit. Die
rekonstruierten Ursprachen sind jedoch, was ihren Bau angeht, Extrapolationen aus historisch
vorfindlichen Sprachen, weisen also nicht in das kategorial andere. Im übrigen sind an diesem
Punkt, also etwa nach einem Zwanzigstel des bis zur frühesten Sprache im heutigen Sinne
insgesamt zu überbrückenden zeitlichen Abstands, die wissenschaftlich akzeptierten
Methoden der historisch-vergleichenden Linguistik am Ende. Jeglicher Vergleich von
Wurzeln über nicht nachweislich historisch verwandte Sprachen hinweg, wie er auch heute
gelegentlich noch vorkommt, hat mit Wissenschaft nichts zu tun.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 8
4.2.2 Vergleich mit primitiven Sprachen
Ein anderer möglicher rekonstruktiver Zugang wäre der über zeitgenössische primitive
Sprachen. Hier wäre freilich zunächst zu klären, was in einem wissenschaftlich und ethisch
verantwortbaren Sinne primitiv heißen soll. Um die Frage auf wirklich Vergleichbares
anzuwenden, muss man zunächst solche Situationen außen vor lassen, wo eine
Sprachgemeinschaft die Gesamtheit der zu erfüllenden kognitiven und kommunikativen
Funktionen auf mehr als eine Sprache aufteilt. In einer solchen soziolinguistischen Situation
ist notwendigerweise jede der beteiligten Sprachen funktionell defizient und deshalb auch
strukturell nicht voll ausgebaut. Man beschränkt die Frage also auf Sprachen, die jeweils in
ihrer Sprachgemeinschaft die einzigen verwendeten sind. Auch bei dieser Verengung der
Fragestellung gibt es erhebliche Unterschiede in kultureller Hinsicht. Der wichtigste ergibt
sich daraus, dass nur ein Bruchteil aller Sprachen auch für schriftliche Kommunikation
verwendet wird und dass viele kulturelle Leistungen in rein mündlicher Tradition nicht
erreichbar sind. Die Linguistik ist – in diesem Punkte durchaus gegen Wilhelm von Humboldt
ganz überwiegend der Meinung, dass dies äußerliche Umstände sind, die mit dem
Sprachbau nur begrenzt zu tun haben.
Stattdessen hat die Linguistik, und zwar seit Wilhelm von Humboldt, versucht, Sprachen
in bezug auf ihre Komplexität zu vergleichen. Dies stößt allerdings auf zahlreiche theoretische
und methodische Schwierigkeiten. Zuverlässiger als die Komplexität einer ganzen Sprache
lässt sich die Komplexität eines einzelnen Subsystems, z.B. des Lautsystems, des Satzbaus,
des Zahlsystems oder der Verwandtschaftsterminologie beurteilen. Für jedes solche
Subsystem bieten die Sprachen eine Bandbreite möglicher Komplexität. Notwendigerweise
gibt es für jedes eine oder mehrere Sprachen, die am unteren Pol des Komplexitätskontinuums
stehen. Und es finden sich auch Sprachen, namentlich das in diesem Jahrhundert viel Wirbel
in der Disziplin verursachende Pirahã (Everett 2005), die an mehreren dieser Kontinua das
heute bekannte Minimum repräsentieren. Manche solcher sprachlichen Merkmale lassen sich
mit Eigenschaften der Kultur in Beziehung setzen, so z.B. das Fehlen eines Zahlsystems zum
Fehlen von Handel bei den Pirahã. Solange es aber keinen Komplexitätsmaßstab für ganze
Sprachen gibt, berechtigt das noch nicht zu einer Rede über primitive Sprachen (so bereits
Humboldt 1820:2). Diese hat keine Stütze in der Wissenschaft und dürfte, soweit sie nicht
Ansichten der Linguistik vergangener Jahrhunderte kolportiert, auf einer Übertragung vom
anschaulich fasslichen technologischen Entwicklungsstand auf den außerhalb der Linguistik
natürlich völlig unbekannten Sprachzustand beruhen.
Es wäre auch denkbar, den ersten und zweiten Ansatz in folgendem Sinne miteinander zu
kombinieren: Da die Geschichte einer Sprache innig mit der des betreffenden Volkes
zusammenhängt, erscheint die Annahme plausibel, dass in einer Gesellschaft, die keinem
raschen äußeren Wandel unterliegt, auch der Sprachwandel langsamer vonstatten geht.
M.a.W., wenn auch die Sprachen der Völker auf niedrigem materiellen Zivilisationsstand
nicht selbst primitiv sein mögen, so sollte doch die Annahme erlaubt sein, dass sie sich nur
wenig gewandelt haben und also deswegen der Ursprache noch näher sind als Sprachen höher
zivilisierter Völker. Die Annahme eines langsameren Sprachwandels in Gesellschaften
niedriger materieller Entwicklungsstufe ist jedoch empirisch widerlegbar. Humboldt (1827-
9:236f) berichtet selbst von dem in Ozeanien und Amerika verbreiteten Gebrauch, in einer
Sprache Wörter auszutauschen, wenn dem Träger eines Namens, der aus diesen Wörtern
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 9
gebildet ist, etwas Besonderes (Regierungsantritt, Tod) widerfährt. Folglich unterliegt der
Wortschatz und alles, was mit ihm zusammenhängt, beständiger Umwälzung.
Hinzukommt, dass die frühen Stufen des Homo sapiens Nomaden waren. Untersuchungen
an Sprachen heutiger Nomadenvölker legen die Vermutung nahe, dass ihre häufig
wechselnden Kontakte mit anderen Völkern den Sprachwandel eher beschleunigen als
hemmen (Boretzky 1981). Über die Geschwindigkeit des Sprachwandels zu
vorgeschichtlicher Zeit lassen sich also insgesamt keine spezifischen Annahmen machen.
Daher muss man aus historisch bekannten Wandelraten extrapolieren, mit dem schon in §4.2.1
genannten Ergebnis.
4.2.3 Vergleich mit Pidginsprachen
Ein dritter rekonstruktiver Zugang zur menschlichen Ursprache wäre der über die in der
Neuzeit beobachtbaren Pidginsprachen. Diese entstehen als notdürftiges Verständigungsmittel
zwischen Menschen, die sich mit den ihnen zu Gebote stehenden Sprachen nicht verständigen
können, und sind in der Tat primitiv (vgl. Labov 1971). Man hat geschlossen, dass die allen
Pidginsprachen gemeinsamen Merkmale die der menschlichen Ursprache sein müssten (vgl.
Bickerton 1981). Nur zwei aus der Fülle von Problemen, auf die dieser Ansatz stößt, seien
genannt. Erstens verfügen die Menschen, die sich in einer Pidginsprache verständigen, bereits
über eine vollentwickelte Sprache, aus der sie alle notwendigen Konzepte schöpfen können.
D.h., sie erfinden nicht die menschliche Sprache, wie es ex hypothesi der Urmensch tat.
Zweitens finden sich in allen Pidginsprachen Eigenschaften der Sprachen, die ihren Sprechern
als Muttersprachen dienten. D.h. nicht nur der Begriff der menschlichen Sprache ist bereits
unabhängig vorgeprägt, sondern spezifische Ausprägungen menschlicher Sprache schlagen
sich in den Pidgins nieder. Wenn also dieser methodische Ansatz auch neuartige Perspektiven
eröffnet, erlaubt er doch ebensowenig wie die vorigen eine direkte Extrapolation der
Ursprache aus vorfindlichen menschlichen Sprachen.
Die Existenz von Pidginsprachen war Humboldt anscheinend geläufig. In einem
Abschnitt über Sprachmischung hält er dafür,
Sprachen, die in roher Verwirrung aus Wörtern und Wendungen ganz verschiedner
bestehen und nicht Sprachen einer Nation, sondern rohe Austauschmittel zwischen
Menschen verschiedner sind, in die Klasse der Sprachen zu setzen, die besonderen
Gewerben und Beschäftigungen eigen sind. Hierhin ist neben anderen die lingua
Franca in den Häfen des Mittelmeeres zu rechnen. (1827-29:341)
Er hat Sprachen dieser Art aber offenbar nicht in Zusammenhang mit der Genese neuer
Sprachen gebracht, denn er schreibt auch (1836:407), dass "wir nur mit gänzlicher
Überschreitung unseres Erfahrungsgebiets von neu beginnenden Sprachen reden können".4
4.2.4 Evolutive Typologie
Einen letzten rekonstruktiven Zugang zur menschlichen Ursprache könnte die
Sprachtypologie bieten. Es wäre denkbar, dass die von ihr aufgestellten Typen in eine
Ordnung gebracht werden können, die evolutiv interpretierbar ist, so dass nachgeordnete
4Vgl. auch 1836:410f: "Aus der Erfahrung kennen wir eine solche Sprachschöpfung nicht, es bietet
sich uns auch nirgends eine Analogie zu ihrer Beurteilung dar."
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 10
Typen in der Stufenfolge sich nur aus vorgeordneten entwickeln können, nicht aber
umgekehrt. Der erste Typ einer solchen Rangfolge könnte dann als der Typ der ursprünglichen
Sprache angesehen werden. Dies ist in neuerer Zeit gelegentlich mit Bezug auf die Typologie
des akkusativischen, ergativischen und aktivischen Sprachbaus versucht worden (vgl. Klimov
1980). Es ist aber vor allem der von Humboldt gewählte Zugang zu unserer Problematik. Wir
wollen ihn deshalb an dieser Stelle nicht weiter verfolgen, sondern unten ausführlich
diskutieren.
4.3 Analogieschluss
Der konstruktive und der rekonstruktive Zugang zum Problem der Ursprache haben
gemeinsam, dass sie sich auf empirisch vorfindliche Kommunikationssysteme stützen und aus
ihnen extrapolieren. Daneben gibt es noch einen Zugang über die Analogie, nämlich die
zwischen Phylogenese und Ontogenese. So ähnlich, wie sich die Sprache des Kindes von
einer primitiven Form zur voll ausgebildeten Erwachsenensprache entwickelt, so ähnlich
könnte auch die Ursprache des Menschen entstanden sein. Hier muss man aber sehen, dass
der Parallelismus zwischen Ontogenese und Phylogenese nicht aus biologischen Gründen
besteht. Urmenschen sind nicht wie Säuglinge, sie erwerben die Sprache auch nicht wie
Kleinkinder. Der Parallelismus folgt vielmehr aus der immanenten Logik des Systems: die
Entfaltung von Komplexität aus kompakter Einfachheit kann nicht sehr viele verschiedene
Wege gehen. Wegen der Unterschiede zwischen Urmenschen und Kleinkindern ist also der
Analogieschluss unsicher; und soweit der Parallelismus wirklich besteht, kann man auf den
Analogieschluss ebenso gut verzichten und gleich die konstruktive Methode wählen.
5 Humboldts Ansicht vom Ursprung der Sprache
Humboldts Gedanken zur Sprachevolution finden sich hauptsächlich in den folgenden
Schriften:
"Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der
Sprachentwicklung", 1820;
"Über das Entstehen der grammatischen Formen und ihren Einfluß auf die
Ideenentwicklung", 1822;
"Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaues", 1827-29;
"Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige
Entwicklung des Menschengeschlechts", 1836.
Vom ersten bis zum letzten dieser Werke wandeln sich Humboldts Ansichten in mehreren
Punkten. Gelegentlich ist auch innerhalb eines Werkes sein Standpunkt nicht völlig klar. Im
allgemeinen lässt sich sagen, dass er in den früheren Werken wesentlich mutigere und
dogmatischere Thesen über die Sprachevolution vertritt, während die späteren Werke mehr
Zweifel und Mäßigung verraten. Dies vereinfacht die Aufgabe einer Darstellung, die
Humboldts Auffassung auf den Punkt bringen will, durchaus nicht. Denn während im
allgemeinen Humboldts Spätwerk als die Quintessenz seines Schaffens anzusehen ist, müsste
man sich in diesem Falle zwecks Gewinnung größerer Klarheit an das Frühwerk, und zwar
gelegentlich gegen die Aussagen des Spätwerks, halten. Damit täte man Humboldt aber
jedenfalls unrecht, denn die vorsichtigeren Formulierungen des Spätwerks sind aus heutiger
Sicht die der Sachlage angemesseneren.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 11
Zum Verständnis von Humboldts Auffassung muss eine Begriffsklärung vorausgeschickt
werden. Der Begriff der Form tritt bei Humboldt in mindestens drei Bedeutungen auf (vgl.
hierzu ausführlich Coseriu 1972):
1. Die Form steht im Gegensatz zum Stoff, ungefähr im aristotelischen Sinne. Im Falle
der Sprache als ‛langage’ ist diese Form, vereinfacht gesagt, das Sprachsystem, insbesondere
die Grammatik, gegenüber dem Laut einerseits und der Menge des Ausdrückbaren
andererseits (1836:422). In dieser Bedeutung geht der Begriff in die strukturalistische
Dichotomie zwischen Form und Substanz ein.
2. Die Form einer einzelnen Sprache ist das ihr spezifische System, und wiederum
besonders das ihrer Grammatik zugrundeliegende typologische Prinzip, also der Sprachtyp.
3. Von den möglichen Formen in der zweiten Bedeutung ist die Form par excellence
diejenige, die für die vollkommenste gehalten wird, nämlich die Gestaltung der Grammatik
nach dem Flexionsprinzip. Die Form in diesem Sinn heißt daher auch die "wahre Form".
Es ist nicht zu vermeiden, dass alle diese Varianten des Formbegriffs in den folgenden
Zitaten und Darstellungen vorkommen.
Humboldt unterscheidet, ganz wie in §2.1 dargestellt, zwischen einer Epoche, in der die
menschliche Sprache entsteht, und einer zweiten, in der sich die Sprachen weiterentwickeln.
Das erste, was nun im Hinblick auf diese Zweiteilung auffällt, ist das ungeheure quantitative
Ungleichgewicht, in dem seine Theorie diese beiden Perioden erfasst. Über die erste sagt er
nämlich fast nichts. In einer Zeit, in der das Spekulieren über den Ursprung der Sprache an
der Tagesordnung war, ist dies höchst bemerkenswert. Seine Thesen zum Ursprung der
Sprache sind, kurz zusammengefasst, die folgenden:
1. Zur biologischen Ausrüstung des Menschen gehört die Vernunft, mit zwei
interdependenten Aspekten, Denkvermögen und Sprachvermögen (1820:11). Die "einfache
Verstandeshandlung, die überhaupt zum Verstehen und Hervorbringen der Sprache auch in
einem einzigen ihrer Elemente gehört, ... kann nicht erlernt werden, muss ursprünglich im
Menschen vorhanden sein." (1820:12)
2. Die Sprache verdankt ihr Dasein, und mithin ihren Ursprung, nicht lediglich einem
kommunikativen Bedürfnis, sondern ist auch notwendiger Ausdruck des Denkens (1827-
9:197ff; 1836:390).
3. Die Sprache kann theoretisch in einer Familie oder sogar zwischen einem Paar
entstanden sein. Die einzig plausible Annahme ist aber, dass sie in einem Volk entstand, weil
nur dort verschiedenartige Individualitäten einander anregen (1827-29:252).
4. "Es kann auch die Sprache nicht anders als auf einmal entstehen, oder um es genauer
auszudrücken, sie muss in jedem Augenblick ihres Daseins dasjenige besitzen, was sie zu
einem Ganzen macht." (1820:2) "Es gibt nichts Einzelnes in der Sprache" (1820:10), daher
"konnte die Erfindung nur mit einem Schlage geschehen" (1820:11). "Überhaupt ist ... alles
Bestimmen einer Zeitfolge in der Bildung der wesentlichen Bestandteile der Rede ein
Unding." (1827-9:205).
5. Bildung von neuem Stoff, d.h. Erfindung neuer Lautzeichen gab es nur beim (bzw.
bis zum) Ursprung der Sprache. Sobald einmal Sprache da ist, wird nur noch der vorhandene
Stoff umgeformt (1820:18; 1827-29:278-280).
6. Die Frage der Mono- vs. Polygenese der Sprache ist weder logisch noch empirisch
entscheidbar. Vermutlich hängen alle Sprachen miteinander zusammen, wenn nicht durch
Monogenese, dann durch sekundären Kontakt (1820:4f; 1827-29:232).
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 12
Auch die Menge dieser Thesen zeigt, wie nahe empirische Wissenschaft und Metaphysik
bei Humboldt beieinanderliegen. Z.B. setzt die Diskussion über die Erweislichkeit von
Hypothesen zur Mono- vs. Polygenese der Sprache voraus, dass es sich dabei um eine
empirische Frage handelt. Auch die fünfte These kann als empirische Hypothese zur
Wortbildung in dem Sinne genommen werden, dass in historischen Sprachen neue Wörter
nicht durch Erfindung neuer Wurzeln, sondern durch Wiederverwendung vorhandener
Zeichen gebildet werden, und ist dann aus heutiger Sicht zu 95% richtig. Die vierte These
dagegen, wonach die menschliche Sprache auf einmal entstanden sein muss, ist zwar
innerhalb von Humboldts Gesamtkonzeption völlig schlüssig, kann aber nicht als empirischer
Satz gemeint sein (anders Schlerath 1982:91f).
6 Humboldts Ansicht von der Evolution der Sprache
6.1 Die äußeren Phasen
Insgesamt scheint Humboldts Interesse, sich an der Diskussion um den Ursprung der Sprache
zu beteiligen, begrenzt. Er war sich wohl darüber im klaren, dass Engagement auf diesem
Gebiet mit seinem wissenschaftstheoretischen Grundsatz konfligierte, Linguistik als
empirische Wissenschaft zu betreiben. Bemerkenswert ist sein Verdikt (1836:411): "die
primitive Bildung der wahrhaft ursprünglichen Sprache ... [ist] uns, gerade in dem Punkte
ihrer eigentlichen Erzeugung, unerklärbar." Viel wichtiger ist ihm die inzeptive Sicht der
Evolution. Zu ihrem Verständnis sind eine Reihe von Voraussetzungen nötig.
1. Die Menschheit befindet sich insgesamt in einer Entwicklung, deren Ziel
vollkommene Geistesbildung ist. Ihr Fortschreiten wird durch Leistungen auf den in §1
genannten Gebieten schöpferischer Geistestätigkeit markiert. Diese Entwicklung manifestiert
sich in der Entwicklung der Nationen und mithin in der Entwicklung der Sprachen (1820:7 et
pass.). Jede Sprache dient der "Erreichung der Zwecke der Menschheit" (1820:9).
2. Jede Sprache hat eine ihr eigene Form (i.S.v. §5, Bedeutung 2). Diese ist
unmittelbarer Ausdruck des Denkens oder, allgemeiner, der Weltsicht einer Nation.
3. Der Bildung der Sprachform zugrunde liegt die "Geisteskraft", "der formende
Sprachsinn" der Nation. Dieser ist in den Nationen verschieden stark und in verschiedener
Weise ausgeprägt.
Aus diesen Voraussetzungen folgt die Möglichkeit einer Evolution der Sprachen, die über
den Punkt ihres Ursprungs hinaus bis in die Gegenwart reicht. Den äußeren Rahmen dieser
Evolution bildet ein mehrphasiges Modell, das wie folgt eingeführt wird: "Die beiden
entscheidenden Momente im Leben der Sprachen sind ... ihr nicht weiter begreifliches, sich
nur durch die Tat ankündigendes Erscheinen als Stoff und die höhere Befruchtung dieses
Stoffs durch den ihr mitgeteilten Hauch intellektueller Begeisterung." (1827-29:292) Dieses
Zweiphasenmodell wird durch Einschieben einer weiteren Phase zu folgendem
Dreiphasenmodell erweitert:
Drei Momente also können zum Behuf einer prüfenden Zergliederung der
Sprachen unterschieden werden:
- die erste, aber vollständige Bildung ihres organischen Baues;
- die Umänderung durch fremde Beimischung, bis sie wieder zu einem Zustande
der Stetigkeit gelangen;
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 13
- ihre innere und feinere Ausbildung, wenn ihre äußere Umgrenzung (gegen
andere) und ihr Bau im ganzen einmal unveränderlich feststeht.
Die beiden ersten lassen sich nicht mit Sicherheit voneinander absondern. Aber
einen entschiedenen und wesentlichen Unterschied begründet der dritte. Der
Punkt, welcher ihn von den anderen trennt, ist der der vollendeten Organisation, in
welchem die Sprache im Besitz und freien Gebrauch aller ihrer Funktionen ist und
über den hinaus sie in ihrem eigentlichen Bau keine Veränderungen mehr erleidet.
(1820:5)
Zur Erläuterung des letzteren Punktes heißt es (1820:2), dass eine Sprache am Ende der
zweiten Phase ihre wesentlichen Flexions- und Derivationskategorien ausgebildet habe und
daran in der dritten Phase nichts Entscheidendes mehr ändere.
Hier stellt sich zunächst ein exegetisches Problem: liegt die erste Phase vor oder nach
dem im vorigen Abschnitt besprochenen Ursprung der menschlichen Sprache? Für die erste
Alternative spricht, dass bereits These 5 zum Ursprung der Sprache besagte, Erfindung von
Stoff habe es nur bis zum Ursprung, danach aber nicht mehr gegeben. Gegen diese
Auffassung5 spricht, dass die anschließende Phase der Sprachmischung das Bestehen
mehrerer Sprachen voraussetzt. Mithin müssten am Ende der ersten Phase, also am
hypothetischen Ursprung der Sprache, mehrere Sprachen stehen. Dann würde das Zwei- oder
Dreiphasenmodell aber an die Stelle der soeben vertretenen Unentscheidbarkeit der Frage der
Monogenese stillschweigend die Polygenese setzen.
Eine Lösung dieses Widerspruchs bietet sich an, wenn man Humboldts Bemerkungen zu
den Vorgängen der Mischungsphase (1820:4f) genau nimmt. Dort ist nämlich überwiegend
von der Mischung von Mundarten, nicht von der von Sprachen die Rede. Unter dieser
Voraussetzung kann man sich doch für die erste Alternative entscheiden, so dass das
Dreiphasenmodell die Struktur von T1 hätte:
T1. Äußere Phasen der Sprachevolution (nach Humboldt 1820:5)
1. Entstehungsphase:
Entstehung der menschlichen Sprache als zunächst ungeformter Stoff, und zwar in
einem Dialektkontinuum.
2. Organisations- und Konsolidierungsphase:
Kopplung der Dialekte an verschiedene Nationen, Auseinanderentwicklung und
Mischung derselben, Ausbildung des formalen Grundgerüstes jeder Sprache.
3. Verfeinerungsphase:
Ausbau und Verfeinerung jeder Sprachform.
Wichtig ist, dass bereits dieses Modell – ebenso wie das folgende typologische Modell – zwar
ein dynamisches, aber nicht unbedingt ein evolutives in dem einfachen Sinne eines
unilinearen chronologischen Ablaufs ist. So tritt uns das Altgriechische bereits zur Zeit
5Da die zweite Phase des Dreiphasenmodells auch Organisationsphase genannt und mit der ersten
zusammengefaßt wird, spricht auch der folgende Satz für die erste Alternative (1820:7): "Der
Organismus [der Sprachen] gehört zur Physiologie des intellektuellen Menschen, die Ausbildung zur
Reihe der geschichtlichen Entwicklungen."
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 14
Homers auf der am Ende der zweiten Phase erreichten Stufe entgegen, während wir beim
Englischen die gesamte zweite Phase historisch verfolgen können (1820:5). Ja es scheint
sogar dies wird aber nicht ausdrücklich gesagt –, dass eine Sprache die zweite und dritte
Phase mehrmals durchlaufen kann. Z.B. reicht die dritte Phase im Falle des Griechischen bis
in die alexandrinische Periode (1820:5). Von da an bildet sich das Neugriechische heraus, das
eine andere Form als das Altgriechische hat (1827-29:311-313). In solchen Fällen ist mit
verschiedenen Nationen und verschiedenen Sprachen zu rechnen, so dass es in diesem Sinne
nicht dieselbe Sprache ist, die den Zyklus noch einmal durchläuft.
6.2 Das typologische Modell
Bis hierhin ist bloß ein leerer Rahmen für die Evolution von Sprachen vorgelegt worden. Die
Frage ist nun, wie er inhaltlich auszufüllen sei. Was sind das für Sprachformen, die am Ende
der Organisationsphase erreicht werden, und wie sind sie in dem evolutiven Modell
aufeinander bezogen?
Um diese Fragen beantworten zu können, bedarf es wieder mehrerer Voraussetzungen.
Zunächst muss die Möglichkeit bestehen, das Konstitutive an einer Sprachform auf den
Begriff zu bringen, damit das Modell nicht die unüberschaubare Vielfalt der Sprachen
unmittelbar erfassen muss. D.h., es ist eine Sprachtypologie vorausgesetzt, die dem evolutiven
Modell eine Menge von Typen zur Verfügung stellt. Zweitens müssen die Typen auf einer
Skala geordnet werden, wenn die Annahme einer größeren oder geringeren Stärke des
formenden Sprachsinns substantiiert werden soll. Das Anordnungsprinzip ist
notwendigerweise ein Bewertungsmaßstab. D.h., es wird drittens ein Kriterium benötigt,
welches die Rangfolge der Skala begründet.
Der mittlere Abstraktionsgrad, den jede Typologie voraussetzt, wird in der zweiten Phase
des Dreiphasenmodells angesiedelt. In der Entstehungsphase sind sich die Sprachen, wenn es
denn überhaupt mehrere sind, noch zu ähnlich. Die Feinheiten der letzten Phase wiederum
liegen auf einer Ebene, die die Evolution nicht mehr berührt. Die am Ende der
Organisationsphase erreichten Sprachformen dagegen bilden die gesuchte Basis für eine
Typisierung.
Die Typen sind Strukturtypen. Sie sind also durch Prinzipien definiert, welche den
grammatischen Bau beherrschen, d.h. die Art des Ausdrucks grammatischer Begriffe
(Kategorien und Relationen) regeln. Es ist also eine Theorie des Ausdrucks grammatischer
Begriffe vorausgesetzt. Diese gibt Humboldt in Form von T2 (die Ziffern und Zwischentitel
habe ich hinzugefügt):
T2. Verfahren zum Ausdruck grammatischer Begriffe (Humboldt 1822:42f)
[1. Affigierung]
Anfügung oder Einschaltung bedeutsamer Silben, die sonst eigene Wörter ausgemacht
haben oder noch ausmachen,
[2. Anbildung]
Anfügung oder Einschaltung bedeutungsloser Buchstaben oder Silben bloß zum
Zweck der Andeutung der grammatischen Verhältnisse,
[3. Innere Modifikation]
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 15
[a] Umwandlung der Vokale durch Übergang eines in den anderen oder durch
Veränderung der Quantität oder Betonung,
[b] Umänderung von Konsonanten im Innern des Worts,
[4. Wortstellung]
Stellung der voneinander abhängigen Wörter nach unveränderlichen Gesetzen,
[5. Reduplikation]
Silbenwiederholung.
Nun können Typen grammatischen Baus durch das Vorherrschen eines oder mehrerer dieser
Bezeichnungsmittel definiert werden. Es sind i.w. die drei Typen in T3:
T3. Grammatische Typen (nach Humboldt 1836:488-500)
1. Isolierender Typ
Vorherrschen von Nr. 4 in T2: grammatische Begriffe werden überhaupt nicht
ausgedrückt.
2. Agglutinierender Typ:
Vorherrschen von Nr. 1: grammatische Begriffe werden durch eigene Zeichen, und zwar
i.w. durch gebundene Morpheme, ausgedrückt.
3. Flektierender Typ:
Vorherrschen von Nr. 2 und 3: grammatische Begriffe werden durch innere oder
periphere Modifikation der lexikalischen Begriffe ausgedrückt.
Die Reduplikation ist nicht typspezifisch. Bei Humboldt sind die drei Typen exemplarisch
durch Klassisches Chinesisch, Türkisch und Altgriechisch repräsentiert. Hier dienen B1 – B3
aus dem Vietnamesischen, Türkischen und Lateinischen der Illustration.
B1. chį tôi được thơ.
VIET ältere.Schwester ich erhalt Brief
"meine Schwester erhielt den/einen Brief" (Kuhn 1990:9)
B2. kız-kardeş-im mektub-u al-dı.
TÜRK Mädchen-Bruder-POSS.1.SG Brief-AKK nehm-PRÄT
"meine Schwester bekam den Brief"
B3. soror mea epistulam accēpit
LAT Schwester.F(NOM.SG) mein:NOM.SG.F Brief.F:AKK.SG bekomm\PERF:3.SG
"meine Schwester erhielt den/einen Brief"
Die Charakteristika der drei Typen zeigen sich wie folgt in den Beispielen:
Im isolierenden Bau werden an den Wörtern keinerlei grammatische Kategorien oder
Relationen ausgedrückt. Wörter, die in der Funktion unseren grammatischen Wörtern
entsprechen (z.B. tôi in B1), sind selten und tragen relativ konkrete Bedeutung wie die
lexikalischen Wörter. Wortstellungsregeln unterstützen die Konstruktion der Relationen
zwischen den Wörtern. Hier z.B. ist die Relation der possessiven Attribution mit der Stellung
des Possessors tôi unmittelbar hinter dem Possessum chį assoziiert.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 16
Im agglutinierenden Bau wird jede grammatische Kategorie oder Relation bei Bedarf
durch ein eigenes Morphem ausgedrückt, welches dem bezogenen lexikalischen Wort
angefügt wird. Z.B. bezeichnet in B2 das Suffix -u den Akkusativ. Die lexikalischen Stämme
sind frei, die grammatischen Morpheme relativ lose angefügt.
Im flektierenden Bau trägt jedes Wort unter allen Umständen Ausdrucksmerkmale an
sich, die seine grammatischen Kategorien und Relationen anzeigen, und zwar durchaus auch
alle auf einmal. Dies sind in erster Linie innere Modifikationen der lexikalischen Wurzeln (in
B3 z.B. Vokalkürzung im Nominativ von soror oder Wurzelablaut zum Ausdruck des Perfekts
in accēpit) und Wechsel von Endungen (z.B. -am in epistulam, -it in accēpit). Die Endungen
sind gleichsam Auswüchse des Stammes (1836:494). Sie alternieren mit anderen Endungen,
sind aber nicht weglassbar und unterscheiden sich dadurch von agglutinativen Suffixen wie
etwa dem -u von mektub-u in B2.
In dieser Charakterisierung erscheinen die drei Typen als Idealtypen, die sich in einer
gegebenen Sprache nicht unbedingt und vielleicht nie in dieser reinen Weise verwirklichen
(1836:653f). So kann es in einer überwiegend isolierenden oder flektierenden Sprache auch
agglutinative Konstruktionen geben. Die drei Typen sind so konzipiert, dass Übergänge
zwischen ihnen logisch möglich sind. Dadurch trägt die Typologie den tatsächlich in den
Sprachen vorkommenden Übergängen Rechnung.
Die drei Typen bilden in der Reihenfolge ‘Isolation Agglutination Flexion’ ein
Kontinuum. Dieses erweist sich in der Synchronie durch Ausdrucksverfahren, die eine
Übergangsstellung zwischen den in T2 aufgeführten einnehmen. Die Übergangszone
zwischen Isolation und Agglutination bilden Morpheme, die eine Zwischenstellung zwischen
Wörtern und Affixen einnehmen. So hat etwa das Japanische kasusanzeigende Morpheme,
z.B. ga ‘Nominativ’, o ‘Akkusativ’, no ‘Genitiv’, die hinter den so bestimmten Nominal-
syntagmen stehen, wie in B4 gezeigt. Diese sind je nach Analyse Postpositionen oder Suffixe,
repräsentieren also einen Übergang zwischen diesen beiden Kategorien. Die Übergangszone
zwischen Affixen und flexivischen Endungen bilden Erscheinungen wie die Deklination der
Substantive im Deutschen, wie in B5 illustriert. Hier hat man einerseits Wörter wie Wiese, die
den Plural durch ein agglutinatives -n-Suffix und den Kasus überhaupt nicht bezeichnen,
andererseits aber auch Wörter wie Hahn, die die Pluralformen durch ein flexivisches
Verfahren, nämlich die Kombination des Umlauts mit diversen Numerus-Kasus-Endungen,
bilden.
B4. hito -ga /-o /-no
JAP Mensch -NOM/-AKK/-GEN
B5. a. Wiese – Wiese-n
b. Hahn – Hähne
In der Diachronie erweist sich dasselbe Kontinuum durch den Wandel von Konstruktionen
und Verfahren von Isolation zu Agglutination und von dieser zu Flexion. Der erste Wandel
charakterisiert die Entwicklung des modernen Chinesischen. Z.B. hatte das klassische
Chinesisch ein Substantiv men “Klasse”, welches anderen Substantiven, z.B. rén “Mensch”,
zur Bildung von Kollektiva nachgestellt werden konnte: rén men “Menschheit”. Im modernen
Mandarin-Chinesischen ist dies, wie B6 verdeutlicht, ein Pluralsuffix für belebte Substantive
geworden: rén-men “Menschen”. Der Wandel von Agglutination zu Flexion zeigt sich z.B. in
der Ausbildung des synthetischen Futurs im Italienischen, wie in B7 illustriert. Eine Form wie
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 17
mangeremowir werden essen” war zunächst durch Agglutination einer Form des Verbs
‘haben’ – hier *avemo “wir haben” an den Infinitiv hier mangiare “essen” entstanden.
Das auslautende e des Infinitivs fiel aber im Futur weg, sein a wurde zu e geschwächt; und
andererseits änderte das Verb “haben” selbst seine Flexion und lautet z.B. in der 1.Pl.
abbiamo. Seitdem sind die synthetischen Futurformen nicht mehr rein agglutinativ, sondern
völlig ins Flexionsparadigma integriert. Vgl. Humboldt 1822:45 zu einem ähnlichen Fall.
B6. rén men → rén-men
CHIN Mensch Klasse Mensch-PL
‟Menschheit” ‟Menschen”
B7. *mangiare-avemo → mangeremo
ITAL essen-hab:1.PL ess:FUT:1.PL
‟wir haben zu essen” ‟wir werden essen”
Die Anordnung der Typen des isolierenden, agglutinierenden und flektierenden Sprachbaus
auf einer Skala ergibt sich also aus empirischen Beobachtungen. Durch Verallgemeinerung
über Fällen historischen Wandels erhält man dann eine evolutive Typologie. Humboldt
präsentiert sie wie in T4 (vgl. auch 1820:13):
T4. Evolutive Typologie (Humboldt 1822:54f)
[Formlosigkeit]
Die Sprache bezeichnet ursprünglich Gegenstände und überläßt das Hinzudenken der
redeverknüpfenden Formen dem Verstehenden. Sie sucht aber dies Hinzudenken zu
erleichtern durch Wortstellung und durch auf Verhältnis und Form hingedeutete Wörter für
Gegenstände und Sachen. So geschieht, auf der niedrigsten Stufe, die grammatische
Bezeichnung durch Redensarten, Phrasen, Sätze.
[Isolation]
Dies Hilfsmittel wird in gewisse Regelmäßigkeit gebracht, die Wortstellung wird stetig, die
erwähnten Wörter verlieren nach und nach ihren unabhängigen Gebrauch, ihre
Sachbedeutung, ihren ursprünglichen Laut. So geschieht, auf der zweiten Stufe, die
grammatische Bezeichnung durch feste Wortstellungen und zwischen Sach- und
Formbedeutung schwankende Wörter.
[Agglutination]
Die Wortstellungen gewinnen Einheit, die formbedeutenden Wörter treten zu ihnen hinzu
und werden Affixa. Aber die Verbindung ist noch nicht fest, die Fugen sind noch sichtbar,
das Ganze ist ein Aggregat, aber nicht éins. So geschieht auf der dritten Stufe die
grammatische Bezeichnung durch Analoga von Formen.
[Flexion]
Die Formalität dringt endlich durch. Das Wort ist éins, nur durch umgeänderten
Beugungslaut in seinen grammatischen Beziehungen modifiziert; jedes gehört zu einem
bestimmten Redeteil und hat nicht bloß lexikalische, sondern auch grammatische
Individualität; die formbezeichnenden Wörter haben keine störende Nebenbedeutung mehr,
sondern sind reine Ausdrücke von Verhältnissen. So geschieht auf der höchsten Stufe die
grammatische Bezeichnung durch wahre Formen, durch Beugung und rein grammatische
Wörter.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 18
Die erste Stufe dieses Modells ist beim Ursprung der Sprache erreicht. Innerhalb der weiteren
Evolution steht der isolierende Sprachbau der ursprünglichen Formlosigkeit am nächsten, der
flektierende Sprachbau steht am Ende der Evolution.
In späteren Werken hat Humboldt dieses Modell in mehreren Punkten geändert. Auf eine
Verschärfung läuft es hinaus, wenn die isolierenden Sprachen wiederholt (z.B. 1827-29:334)
als "formlos" bezeichnet, wenn also die ersten beiden Stufen der Evolutionsleiter miteinander
identifiziert werden. Ferner (1822:31f) "bieten sich die Verschiedenheiten der Sprachen [in
einem ersten Zugang] als Stufen in ihrem Fortschreiten dar." Bald darauf (1827-29:178)
betrifft das Modell jedoch
nur die Verschiedenheit der Gestaltung der grammatischen Form und das
Verhältnis der verschiedenen Gestaltungen zu dem vollendeten Begriff derselben.
Dies Verhältnis drückt sich natürlich in Graden aus, in welchen sich ein
stufenartiges Fortschreiten denken läßt, aber nicht notwendig angenommen zu
werden braucht.
Und wiederum heißt es (334):
Man kann sich Unterschiede der Sprachen ... als verschiedene Epochen der
Sprachentwicklung denken ..., und dies kann nicht nur die Verschiedenheit dieser
Sprachformen in ein helleres Licht setzen, sondern es wird dadurch wirklich eine
Stufenfolge des grammatischen Organismus in der menschlichen Sprache
aufgestellt. Aber man behauptet damit keineswegs, dass auch in der Wirklichkeit
diese Gattungen in der Tat auseinander entstanden seien.
Vgl. noch 1836:390f. Das typologische Modell ist also weniger ein evolutives als ein
systematisch-dynamisches.
Humboldt konnte sich auch nie schlüssig werden, ob nun Flexion notwendigerweise
Agglutination voraussetzt oder nicht. Einerseits muss er feststellen:
Immer ... bleibt die Anfügung bedeutsamer Silben das wichtigste und häufigste
Hilfsmittel zur Bildung grammatischer Formen. (1822:47)
Auch ist mir keine [Sprache] bekannt, deren grammatische Formen nicht noch
selbst in ihrer höchsten Vollendung unverkennbare Spuren der früheren
Silbenagglutination an sich trügen. (1820:14)
Und nicht nur die empirischen Fakten sprechen dafür; auch die Theorie könnte nicht erklären,
wie eine ursprünglich flektierende Sprache sollte entstehen können (1822:43-46). Später aber
(1827-29:334) widerruft er:
Ich möchte ... keineswegs behaupten, dass notwendig ein solcher Übergang habe
vorgehen müssen und dass es nicht vielmehr bei weitem wahrscheinlicher sei,
dass die Beugungssprachen von ihrem ersten Ursprunge an solche gewesen wären.
Noch später (1836:545f) wird auch ein Versuch zur theoretischen Begründung gemacht. Wie
auch immer eine flektierende Sprache entstehen mag, jedenfalls ist dazu "immer ein neues
Bildungsprinzip", also Diskontinuität auf höchster Ebene, notwendig.
Ein weiteres Problem, das durch A.W. Schlegels Observations sur la langue et la
littérature provençales von 1818 vorgegeben war, das Humboldt aber erst später gesehen zu
haben scheint, liegt in der Entwicklung der alten zu den modernen indogermanischen
Sprachen, die Schlegel mit den Begriffen ‘synthetischer vs. analytischer Bau’ innerhalb des
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 19
flektierenden indogermanischen Typs zu erfassen sucht. Aus Humboldts evolutiver Typologie
folgt nämlich der Satz (1822:50): "Je mehr sich eine Sprache von ihrem Ursprung entfernt,
desto mehr gewinnt sie, unter übrigens gleichen Umständen, an Form", wo Form natürlich
flektierende Form ist. Die flektierende Form, so wie in T4 definiert, wird aber in den
germanischen, romanischen und anderen modernen indogermanischen Sprachen klärlich
aufgelöst. Humboldt nimmt daher in der Entwicklung der indogermanischen Sprachen einen
Kulminationspunkt an, der für das Griechische in der homerischen Sprache, für das
Lateinisch-Romanische in Ciceros Sprache liegt, und fügt dem zitierten Satz folgende
Einschränkung hinzu (1827-29:272f): "Je mehr sich eine Sprache von dem
Kulminationspunkt ihrer Grammatik entfernt, desto mehr verliert sie, unter übrigens gleichen
Umständen, an Form." Zwischen den betreffenden alten und modernen indogermanischen
Sprachen herrscht also keine Kontinuität in der Form. Vielmehr wird die alte Form
“zerschlagen” und die Reste mit Hilfswörtern wieder zusammengefügt (1827-29:317f). Zu
konstatieren ist (352) “das allmähliche Abnehmen des formenzusammenhaltenden
Sprachsinns.”
Diese Wendung trifft Humboldts ursprüngliche Konzeption empfindlich an zwei Stellen.
Erstens ist mit ihr nicht mehr die Grundthese aufrecht zu erhalten, dass alle
Sprachentwicklung eine Annäherung an die vollkommene Sprachform ist. Zweitens müssen
nun die modernen indogermanischen Sprachen zu den “weniger vollkommenen” (333)
gezählt werden, was mit der Idee des Fortschreitens der geistigen Bildung von der Antike bis
zur Neuzeit nicht vereinbar ist. Das ursprüngliche Modell wäre damit invalidiert. Deshalb
sucht Humboldt später6 eine andere Lösung. Er erklärt den Wandel für lediglich oberflächlich.
“Mitten in allen diesen Veränderungen blieb aber in der untergehenden Sprache das
wesentliche Prinzip ihres Baues, die reine Unterscheidung des Sach- und Beziehungsbegriffs”
(1836: 642). Damit nähert er sich der Schlegelschen Auffassung an und rettet sein
ursprüngliches Modell: “Es sanken Formen, nicht aber die Form” (642).
7 Humboldts Begriff der vollkommenen Form
Die Rangskala der Sprachformen diente Humboldt als Maßstab für die Bewertung von
Sprachen. Diese gehörte zu seiner evolutiven Typologie wesentlich dazu, weil deren Zweck ja
war, den Fortschritt in der menschlichen Geistesbildung aufzuweisen. Humboldt war in
diesem Punkte aber verhältnismäßig milde und hütete sich, einer Sprache jeglichen Vorzug
abzusprechen. Seine Nachfolger im 19. Jahrhundert, vor allem H. Steinthal und F. Misteli
(1893), leisteten sich ungezügelte Exzesse gegen die “rohen”, “chaotischen”, “gänzlich
verwahrlosten” nicht-indogermanischen Sprachen. Erst im 20. Jahrhundert, also nicht mehr zu
ihren Lebzeiten, ernteten sie dafür den Spott unvoreingenommener Linguisten wie O.
Jespersen (1920) und E. Sapir (1921, bes. Kap. VI). Seitdem scheint die Frage der Bewertung
von Sprachen vom Tisch zu sein.
Allerdings begnügte man sich damit, die evolutive Typenskala aus ideologischen Gründen
abzulehnen. Man unterstellte wohl zu recht –, dass es kein Zufall war, wenn humanistisch
gebildete Linguisten das homerische Griechisch für die vollkommenste Sprache hielten, dicht
gefolgt von anderen altindogermanischen Sprachen. Man verwarf die ganze Konzeption in der
Annahme, dass weiter nichts hinter ihr steckte als eben diese unwissenschaftliche Ideologie.
6Vgl. allerdings bereits 1827-29:301, wo das Französische dieselbe Form hat wie das Lateinische.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 20
Es stellt sich daher die Frage, ob sich eigentlich nie jemand die Mühe gemacht hatte, die
evolutive Rangskala theoretisch zu begründen.
Doch: Wilhelm von Humboldt. Sein Argument, das in der seinerzeitigen Debatte und erst
recht in zeitgenössischen Referaten völlig untergegangen ist, hat die in T5 wiedergegebene
Form:
T5. Die vollkommene Form (Humboldt 1822)
Soll nun die Sprache dem Denken gerecht sein, so muss sie in ihrem Baue soviel als
möglich seinem Organismus entsprechen. Sie ist sonst, da sie in allem Symbol sein
soll, gerade ein unvollkommenes dessen, womit sie in der unmittelbarsten Verbindung
steht. Indem auf der einen Seite die Masse ihrer Wörter den Umfang ihrer Welt
vorstellt, so repräsentiert ihr grammatischer Bau ihre Ansicht von dem Organismus
des Denkens.
Die Sprache soll den Gedanken begleiten. Er muss also in stetiger Folge in ihr von
einem Elemente zum andern übergehen können und für alles, dessen er für sich zum
Zusammenhange bedarf, auch in ihr Zeichen antreffen. Sonst entstehen Lücken, wo
sie ihn verläßt, statt ihn zu begleiten. (56f)
Die Wörter und ihre grammatischen Verhältnisse sind zwei in der Vorstellung
durchaus verschiedene Dinge. Jene sind die eigentlichen Gegenstände in der Sprache,
diese bloß die Verknüpfungen, aber die Rede ist nur durch beide
zusammengenommen möglich. Die grammatischen Verhältnisse können, ohne selbst
in der Sprache überall Zeichen zu haben, hinzugedacht werden, und der Bau der
Sprache kann von der Art sein, dass Undeutlichkeit und Mißverstand dabei dennoch,
wenigstens bis auf einen gewissen Grad, vermieden werden. ...
Soll aber die Ideenentwicklung mit wahrer Bestimmtheit und zugleich mit
Schnelligkeit und Fruchtbarkeit vor sich gehen, so muss der Verstand dieses reinen
Hinzudenkens überhoben werden und das grammatische Verhältnis ebensowohl durch
die Sprache bezeichnet werden, als es die Wörter sind. Denn in der Darstellung der
Verstandeshandlung durch den Laut liegt das ganz grammatische Streben der
Sprache. Die grammatischen Zeichen können aber nicht auch Sachen bezeichnende
Wörter sein; denn sonst stehen wieder diese isoliert da und fordern neue
Verknüpfungen. (37f)
Schärfer formuliert: Jedes Zeichen in der Rede muss in Relation zu mindestens einem anderen
stehen. Diese Relation kann nicht selbst wieder durch Zeichen i.S.v. Morphemen oder
Wörtern ausgedrückt werden, sonst bekommt man einen regressus ad infinitum. Weil die
Relation also ausgedrückt werden soll, ist die bloße Wortstellung kein vollkommenes
grammatisches Mittel. Und weil sie nicht durch Morpheme oder Wörter ausgedrückt werden
kann, sind diese, mindestens wenn sie noch konkreten Bedeutungsgehalt haben,7 keine
vollkommenen grammatischen Mittel. Somit bleiben aus dem Katalog der grammatischen
Mittel (T2), wenn man von der Reduplikation absieht, nur noch Anbildung und innere
Modifikation. Dies sind eben gerade die Mittel des flektierenden Sprachbaus. Das Argument
wird übrigens 1836:489-500 in ganz paralleler Weise von den grammatischen Relationen auf
7Die Einordnung der rein grammatischen Wörter auf der Rangskala ist schwierig; s. die obigen
Bemerkungen zum analytischen Sprachbau.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 21
die grammatischen Kategorien ausgedehnt, die mithin auch flexivischen Ausdruck haben
müssen.
Man wird feststellen, dass dieses Argument lückenlos ist.8 Es wäre natürlich
unangemessen, ihm auf der empirischen Ebene begegnen zu wollen, indem man darauf
hinweist, dass die isolierenden und agglutinierenden Sprachen ja doch funktionieren. Dies
würde erstens Humboldts Punkt nicht treffen, dem es ja nicht um das bloße Funktionieren,
sondern gerade um die vollkommene Angepasstheit der Sprachform an das Denken geht. Und
selbst wenn sich auf empirischer Ebene kein Unterschied in der Funktionstüchtigkeit der
Sprachen verschiedenen Typs nachweisen ließe, bliebe immer noch die Aufgabe, Humboldts
Argument auf theoretischer Ebene zu widerlegen.
Mir scheint, das Argument enthält zwei stillschweigende Voraussetzungen, die man nicht
zu akzeptieren braucht. Die erste, von Humboldt an keiner Stelle hinterfragte Voraussetzung
ist die, dass die lexikalischen und grammatischen Begriffe oder, allgemeiner, die Gegenstände
und die Formen oder Operationen des Denkens disjunkte Klassen bilden. Das ist nur in der
Logik so. Humboldt fußt in der Tat stark auf der allgemeinen Grammatik, wenn er postuliert:
Die allgemeinen, an den einzelnen Gegenständen zu bezeichnenden Beziehungen
und die grammatischen Wortbeugungen beruhen beide größtenteils auf den
allgemeinen Formen der Anschauung und der logischen Anordnung der Begriffe.
Es liegt daher in ihnen ein übersehbares System, mit welchem sich das aus jeder
besonderen Sprache hervorgehende vergleichen läßt (1836:468).
Dieses übersehbare System gibt es in der menschlichen Sprache in Wirklichkeit nicht,
jedenfalls nicht als ein System von Kategorien und Relationen, die sich in allen Sprachen als
grammatische Kategorien und Relationen manifestieren müssten. Die semantische Relation
des Benefaktivs z.B., die in allen Sprachen ausgedrückt wird, ist weder eindeutig ein
grammatischer noch eindeutig ein lexikalischer Begriff. Dass sie als grammatischer behandelt
werden kann, zeigt im Deutschen ihr Ausdruck durch den bloßen Dativ, wie in B8a. Dass sie
als lexikalischer Begriff aufgefasst werden kann, zeigt der alternative Ausdruck durch die
sekundäre Präposition zugunsten, wie in c. Auf halbem Wege dazwischen steht der Ausdruck
durch die primäre Präposition für, wie in b.
B8. a. Der Bauer kaufte seinem Sohn das Grundstück.
b. Der Bauer kaufte das Grundstück für seinen Sohn.
c. Der Bauer kaufte das Grundstück zugunsten seines Sohnes.
Es gibt also Systeme von Konzepten und Operationen, die als Elemente der Kognition allen
Menschen gemeinsam sind und in allen Sprachen ausgedrückt werden. Für einige davon gibt
es eine starke Tendenz, sich in grammatischen Kategorien und Relationen niederzuschlagen.
Das gilt etwa für das Konzept des Sprechaktteilnehmers oder für die diversen Relationen der
Partizipation an einer Situation (vgl. Seiler 1988). Keine linguistische Theorie aber gibt ein
Inventar von grammatischen Kategorien und Relationen vor, das universal ist in dem Sinne,
dass diese in allen Sprachen vorkommen müssten. Humboldt ist zwar seiner Zeit weit voraus,
wenn er fordert (1822:35-37), man dürfe Phänomene anderer Sprachen, die sich als
Übersetzungsäquivalente gewisser grammatischer Kategorien indogermanischer Sprachen
8Ein anderes, weniger schlüssiges Argument für die alleinige Angemessenheit des Flexionsprinzips
für das Denken findet sich 1836:544-546.
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 22
darbieten, nicht eo ipso zu denselben Kategorien erklären, sondern müsse ihr je eigenes
Funktionieren herausarbeiten (vgl. Steinthal 1888:106). Nichtsdestoweniger ist er auch ein
Kind seiner Zeit, wenn er, gerade aufgrund einer derart verfeinerten Analyse, feststellt, dass
gewissen Sprachen Infinitiv, Passiv oder Konjunktiv fehlen und in solchen Fällen “die
Bezeichnung eines grammatischen Verhältnisses dem Begriff der wahren grammatischen
Form nicht genau entspricht” (1820:37).
Die zweite implizite Voraussetzung besagt, dass lexikalischer Begriff einerseits und
grammatische Kategorie und Relation andererseits je einen eigenen Ausdruck haben müssen.
Dies ist in all den Fällen nicht so, wo grammatische Kategorie und Relation nicht
kontextabhängig variieren. Wörter wie morgen bezeichnen nicht nur einen lexikalischen
Begriff, sondern gehören außerdem auch noch der Kategorie Adverb an. Diese gehört zur
Menge der lexikalischen und grammatischen Merkmale des Worts und ist ebensowenig
separat an ihm ausgedrückt wie ein beliebiges anderes dieser Merkmale. Sie ist aber, neben
diesen, mitausgedrückt, sonst könnte man sie nicht an dem Wort in Isolation feststellen. In der
Kategorie aber ist das Kombinationspotential des Worts angelegt, also die grammatischen
Relationen zu anderen Wörtern, die es eingehen kann. Daher besteht in Syntagmen wie
kommt Erwin morgen kein Zweifel über die modifikative Beziehung des Adverbs zum Verb.
Humboldt scheint mir Unrecht zu haben mit der Behauptung, man müsse sich in solchen
Fällen die Beziehung hinzudenken (vgl. Lehmann 1985, §1).
Die beiden Voraussetzungen, dass es eine universale Menge von grammatischen Begriffen
gebe und dass grammatische Begriffe einen separaten Ausdruck haben müssten, sind also
nicht zu akzeptieren. Damit fällt allerdings auch die These, der flektierende Sprachbau sei der
vollkommenste, und mit ihr die Evolutionsskala im Sinne einer Skala fortschreitender
Vollendung des Sprachbaus. Wir hatten in §6.2 gesehen, dass bereits die Einordnung der
Entwicklung von den alten zu den modernen indogermanischen Sprachen die Skala schwer
erschütterte.
8 Evolution und Grammatikalisierung
Hier schließt sich natürlich die Frage an: was bleibt dann noch von Humboldts Theorie der
Sprachevolution? Die Antwort ist positiver, als es an diesem Punkte den Anschein haben
könnte. Das dynamische Verhältnis zwischen der isolierenden, der agglutinierenden und der
flektierenden Technik, so wie in dem typologischen Modell von T4 dargestellt, ist nämlich
völlig richtig gesehen. Es fehlt nur ein Schritt, nämlich die Erkenntnis, dass es nicht die
geometrische Form eines Strahls, sondern die einer Spirale hat (vgl. Gabelentz 1901:256). Die
Voraussetzungen zu diesem Schritt sind bereits bei Humboldt expliziert. Er zeigt (1822:51-53)
anhand eines aztekischen Beispiels, dass grammatische Wörter aus lexikalischen, in diesem
Falle Präpositionen aus Körperteilbezeichnungen, entstehen. Derselbe Vorgang, nämlich die
semantische und lautliche Abschleifung und die schrittweise Indienstnahme für grammatische
Funktionen, kennzeichnet den Übergang von grammatischen Wörtern zu agglutinativen
Affixen. Humboldt zeigt dies (1827-29:273) an dem bereits von A.W. Schlegel vorgeführten
Beispiel der Herausbildung des synthetischen Futurs in den romanischen Sprachen (vgl. B7)
sowie (273-275) anhand der Entstehung von Kasussuffixen aus Postpositionen im
Ungarischen (vgl. B4). Immer noch derselbe Vorgang überführt agglutinative Affixe in
flexivische Endungen (1827-29:328; 1836:492-499). Noch weitergehende Abschleifung im
Verein mit dem Aufkommen expliziterer Verfahren führt schließlich zum völligen Verlust von
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 23
Flexionskategorien, etwa dem Verlust des Kasus vom Lateinischen zu den romanischen
Sprachen. Auch diesen letzteren Fall hatte Humboldt berücksichtigt (1836:637). Über allem
hatte er die doppelte Verallgemeinerung von T6 aufgestellt.
T6. Grammatikalisierung nach Humboldt
dass die grammatischen Formen im Laufe der Zeit abnehmen, ist gewiß, (1827-
29:271) [man hat] immer aber zugleich ein Unterschieben neuer Erhaltungsmittel
der Einheit der Rede, geschöpft aus dem vorhandenen Vorrate (1836:642).
Dieses ist das allgemeine Prinzip, welches seit A. Meillet (1912) ‘Grammatikalisierung’ heißt
und über Humboldts evolutiver Typologie waltet. Grammatikalisierung ist in allen Sprachen
ständig am Werk, schleust neue Begriffe aus dem Lexikon in die Grammatik ein und
unterwirft bestehende grammatische Subsysteme so lange noch starreren Regeln, bis ihre
Elemente nichts mehr ausdrücken. Deshalb hat das Prinzip die Form einer Spirale, so wie in
F1 dargestellt.
F1. Grammatikalisierungsspirale
Lehmann, Humboldts Theorie der Sprachevolution 24
Sprache ist für Humboldt ständiges Schaffen. “Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende
Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen.”
(1836:418) Auch die Sprachform wird ständig geschaffen. Soweit es darum geht, besteht die
Arbeit des Geistes darin, vorhandenes Material so zu verwenden, dass es die Konstruktion des
Gedankens ausdrücken kann. Dies führt zur immer neuen Indienstnahme von weniger
grammatischen Zeichen für mehr grammatische Zwecke, ganz im Sinne von Humboldts
doppelter Verallgemeinerung. Mithin folgt die Konzeption der Grammatikalisierungsspirale
organisch aus Humboldts Sprachauffassung. Wir hatten bereits bei der Diskussion von T3
gesehen, dass das Phasenmodell eine teilweise Zyklizität nicht ausschließt.
In welchem Sinne aber ist diese Theorie noch evolutiv? Mir scheint, wichtige Züge der in
§2.2 gegebenen Bestimmung des Evolutionsbegriffs sind auch auf diese Konzeption des
Sprachwandels anwendbar (immer natürlich unter der Voraussetzung der Übertragung von
Organismen auf Kulturphänomene). Die grammatischen Veränderungen in den Sprachen
haben eine Richtung, wenn auch keine geradlinige, sondern eine spiralförmige. Im Laufe der
Entwicklung werden kategorial verschiedene Stufen erreicht, nämlich die verschiedenen
Sprachformen oder Typen des Sprachbaus. Humboldt hat die Sprachform so konzipiert, dass
sie die Identität der Sprache begründet. Er erläutert dies wie folgt:
[Es ist nötig], alles und jedes, so konkret, wie es dasteht, als die Sprachform
ausmachend zusammenzufassen, mithin diese in einem Sinne zu nehmen, welcher
eigentlich die Möglichkeit irgendeiner Veränderung in derselben Sprachform
ausschließen würde. (1827-29:300)
Damit hat die Sprachform den Meilletschen Charakter eines “système où tout se tient”. Somit
ergibt sich logisch das Postulat,
[dass sich in den Sprachen] eine sie charakterisierende, dergestalt feste Form
findet, dass sie, solange diese besteht, die nämlichen sind, wenn sie zerschlagen
wird, aber zu anderen werden (1827-29: 298f).
Damit ist die theoretische Basis gegeben, um von Identität oder Verschiedenheit einer Sprache
in den Stadien ihres Wandels zu sprechen und, allgemein, typologischen Wandel zu erfassen.
Von hier aus führt ein gerader Weg zu E. Sapirs (1921:144-155) Gedanke, dass der Typ einer
Sprache dasjenige ist, was am resistentesten gegen Sprachwandel ist, ja sogar zukünftig
möglichen Wandel determiniert. Wenn man daher in Humboldts dynamischer Typologie von
den zeitbedingten Beschränkungen absieht, bleibt immer noch eine wirklich evolutive
Theorie, die eine Struktur und Gesetzmäßigkeit sowohl in der synchronen Verschiedenheit der
Sprachen als auch in ihrer diachronen Veränderung begründet.
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Dit boek is gewijd aan de beschrijving van de processen die de hedendaagse grammatica van de Nederlandse taal vormden en altijd nog vormen, namelijk aan grammaticalisatie. Deze publicatie is opgedeeld in drie delen. Het eerste deel behandelt de historische ontwikkeling van grammaticalisatie-studies als een taalwetenschappelijke subdiscipline sinds de 19de eeuw. In het tweede deel concentreert zich dit werk op de nieuwere trends op dit gebied. Er is onder andere aandacht besteed aan de beschrijving van grammaticalisatieprocessen in het kader van de constructiegrammatica die in de laatste jaren binnen de historische taalwetenschap steeds belangrijker is geworden. Verder is het thema evolutionair denken in de taalwetenschap op kritische wijze uitgelicht. In het laatste deel van deze publicatie zijn voorbeelden van verschillende grammaticalisatieprocessen in het kader van de naamwoordelijke, werkwoordelijke als ook de pragmatische sfeer uitgewerkt. In dit verband zijn ontwikkelingen beschreven die deels eeuwen geleden in de Oergermaanse tijd zijn begonnen, maar ook deels processen die pas in de recente jaren dankzij de nieuwe mogelijkheden van de digitale communicatie zijn ontstaan.