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Wildnisgebiete und
grosse Prozessschutzflächen
in naturParken
ein handlungsleitfaden
„Die Natur braucht sich nicht anzustrengen,
bedeutend zu sein. Sie ist es.“
Robert Walser
Bundesamt
für Naturschutz
Gefördert durch:
Impressum
Herausgeber Deckert, Verschönerungsverein Siebengebirge; Dr. Niels
Gepp, Landkreis Emsland; Götz Graf Bülow von Dennewitz,
Verband Deutscher Naturparke (VDN) Landratsamt Tübingen, Abteilung Forst; Gunnar Heyne,
Holbeinstr. 12, D-53175 Bonn Naturpark Dahme-Heideseen; Udo List, Naturpark Nieder-
Jörg Liesen, Ulrich Köster lausitzer Landrücken; Rainer Paulus, Naturpark Keller-
www.naturparke.de wald-Edersee; Dr. Christine B. Schmitt, Universität Bonn;
Andreas Thiess, Naturpark Südheide; Andreas Wennemann,
Albert-Ludwigs-Universität-Freiburg Naturpark Rhein-Taunus.
Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen
Professur für Standorts- und Vegetationskunde Redaktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Reif Jörg Liesen
Tennenbacher Str. 4, D-79085 Freiburg i.Br.
www.vegetationskunde.uni-freiburg.de Gestaltung
Ute Mächler
Universität Kassel
Fachgebiet Landschafts- und Vegetationsökologie Druck
Prof. Dr. Gert Rosenthal, Dr. Jochen Godt Warlich Druck Meckenheim GmbH
Gottschalkstr. 26 a, D-34127 Kassel Auflage 1.000 Exemplare
www.uni-kassel.de/fb06/fachgebiete/landschafts-
architektur-und-planung/landschafts-und- Copyright: Bonn, Oktober 2018
vegetationsoekologie/profil.html
Förderung
Die Texte der jeweiligen Kapitel stammen von den jeweils Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit
zuständigen Bearbeiterinnen und Bearbeitern: Umsetzung - Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz
Universität Kassel, Naturschutzfachliche Bewertung – Al-und nukleare Sicherheit (BMU) (FKZ 351585040B). Der
bert-Ludwigs-Universität-Freiburg, Wildnisbildung – VDN. Text dieser Veröffentlichung gibt die Meinung des Heraus-
gebers wieder und muss nicht mit der des Zuwendungs-
Für weiterführende Informationen kann der Gesamtbericht gebers übereinstimmen.
zum F+E-Vorhaben „Naturparkpotenziale zur Entwicklung
von Wildnisgebieten und großen Prozessschutzflächen“ Gender-Hinweis
sowie die hier im Leitfaden genannten Anhänge und zitierte Im Sinne einer besseren Lesbarkeit der Texte wurde entwe-
Literatur unter www.naturparke.de abgerufen werden. Alle der die männliche oder weibliche Form von personenbezoge-
Eigentums- und Verfügungsrechte der Broschüre liegen beim nen Hauptwörtern gewählt. Dies impliziert keinesfalls eine
Herausgeber. Die in der Karte auf der letzten Seite farblich Benachteiligung des jeweils anderen Geschlechts. Frauen
gekennzeichneten Naturparke haben als Beispielregionen am und Männer sind gleichermaßen angesprochen.
F+E-Vorhaben mitgewirkt. Jede Verwertung ist ohne aus-
drückliche Zustimmung des Herausgebers unzulässig. Ohne Bildnachweise
schriftliche Genehmigung durch den Herausgeber ist es Umschlagseite VDN/Wolfgang Hermann, S. 2 VDN/Raimund
zudem nicht gestattet, die Publikation oder Teile daraus zu Knauf, S. 3 Jörg Liesen, S. 4 VDN/Bernd Tanneberger, S. 5
vervielfältigen. Der Herausgeber übernimmt keine Gewähr für Jörg Liesen, S. 6/7 Holger Leue, S. 8/9 VDN/Klaus Mayhack,
die Richtigkeit, die Genauigkeit und Vollständigkeit der Anga-S. 9 oben Jörg Liesen, S. 9 unten VDN/Rolf Eisentraud, S. 10
ben sowie die Beachtung privater Rechte Dritter. VDN/I. Noack, S. 12 VDN/Nobse 53, S.16 VDN/Ulrich Ming-
ram, S. 18 Jörg Liesen, S.21 VDN/Christian Schmalhofer,
Text S. 22 VDN/Johannes Brenner, S. 24 Maike Bieber, S. 25 VDN/
Sebastian Brackhane, Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Reif, Nicolas Hartmut Sauter, S. 26 oben Patrick Appelhans, S. 26/27
Schoof (Uni Freiburg), Maike Bieber, Dr. Jochen Godt, Prof. unten VDN/Siegfried A. Walter, S. 28 Jörg Liesen, S. 29 oben
Dr. Gert Rosenthal (Uni Kassel), Jörg Liesen, Annika Horstick Jörg Liesen, S. 29 unten VDN/Jörg Ossenbühl, S. 32 VDN/
(VDN) Uwe Liebe, S. 33 VDN/Reinhard Pfeiffer, S. 34 Jörg Liesen,
S. 35 Jörg Liesen, S. 36 Jörg Liesen, S. 37 VDN/Tom Braun,
Projektbegleitende Arbeitsgruppe S. 39 VDN/Martin Weimer, S. 40 VDN/R. Armbruster, S. 42
Dagmar Hupperich (BMU), Cornelia Neukirchen (BMU), Holger Leue, S. 43 Sebastian Brackhane, S.44 Jörg Liesen,
Dr. Volker Scherfose (BfN), Dr. Peter Finck (BfN), Ralf Forst S. 45 Jörg Liesen, S. 46 Jörg Liesen, S. 47 Catrin Kuhnert,
(BfN), Dr. Heiko Schumacher (Heinz Sielmann Stiftung), S. 48 Frank Schepers, S. 49 Catrin Kuhnert, S. 50 VDN,
Hans-Thomas Deckert (Landesbetrieb Wald und Holz NRW S. 51 Jörg Liesen, S. 52 Catrin Kuhnert, S. 53 Jörg Liesen,
& Verschönerungsverein Siebengebirge), Edgar Reisinger S. 54 Naturpark Stechlin-Ruppiner Land, S. 56 Jörg Liesen
(Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Natur-
schutz).Dank an alle Fotografen, die dem VDN Nutzungsrechte
für Fotos aus dem Fotoportal www.naturparkfotos.de
Dank an die Naturparke und externen Gutachter eingeräumt haben.
Wir danken den teilnehmenden Naturparken, insbesondere
den Vertretern der Beispielregionen, sowie den externen Gut-
achtern und Beteiligten: Mathias Allgäuer, Naturpark Schön-
buch; Dagmar Beckmann, Naturpark Hohe Mark; Jörn Böh-
mer, Naturpark Siebengebirge; Hanna Brunsen, Naturpark
Hümmling; Uwe Carli, Naturpark Hümmling; Hans-Thomas
klimaneutral
natureOffice.com | DE-229-984788
gedruckt
Vorwort 3
Einleitung 4
Was bedeutet Wildnis in Deutschland? 6
Aspekte zur Realisierung von Wildnisgebieten
und großen Prozessschutzflächen 8
Die Raumanalyse 9
Einstufung in Eignungskategorien 14
Einschätzung der räumlich/zeitlichen Gebietsentwicklung 16
Strategien der Akzeptanzherstellung 17
Die besondere Rolle des Naturparkträgers 21
Der Wildnis-Qualitäts-Check (WQC) 22
Langfristig wirksame Maßnahmen zur Etablierung von Wildnisgebieten 24
Naturschutzfachliche Analyse potenzieller Wildnisgebiete 28
Warum eine naturschutzfachliche Analyse? 28
Wann gelten die Mindestkriterien für Wildnisgebiete als erfüllt? 28
Naturschutzfachliche Analyse von Wildnisgebieten und
großen Prozessschutzflächen 32
Kriterien 33
Wildnisbildung in Naturparken 44
Definition und Abgrenzung Wildnisbildung 44
Wildnisbildung in Naturparken 45
Indikatoren 46
Wildnisbildungskonzepte in Naturparken 48
Anleitung zur Entwicklung von naturparkspezifischen Wildnisbildungsmodulen 54
Fazit Wildnisbildung in Naturparken 55
Wildnisgebiete und große
Prozessschutzflächen in Naturparken
Ein Handlungsleitfaden
2_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
Vorwort
Naturparke sind historisch ge- Diskussionen der letzten Jahre haben gezeigt, dass das
wachsene Kulturlandschaften. Thema Wildnis in unserer Gesellschaft zwischen verschie-
Die 105 Naturparke umfassen denen gesellschaftlichen Gruppen umstritten ist. Darauf
rund 28 % der Bundesfläche. Im müssen sich Naturparke mit ihrer Aufgabenvielfalt und
Fokus dieser Großschutzgebiete ihrem Fokus auf Kulturlandschaften viel stärker einstellen
stehen die in § 27 Bundesnatur- als z.B. Nationalparke, die Wildnisentwicklung als Kern
schutzgesetz (BNatSchG) und ihrer Aufgaben haben, staatlich getragen sind und über
die vom Verband Deutscher Flächenhoheit verfügen.
Naturparke e.V. (VDN) formu-
lierten Aufgaben und Ziele. Dies Aufgrund ihrer Aufgaben, Strukturen und ihres Selbstver-
sind Naturschutz und Landschaftspflege, Erholungsvor- ständnisses wählen Naturparke einen kooperativen und
sorge und nachhaltiger Tourismus, nachhaltige Regional- konsensorientierten Ansatz, wenn sie mit Flächeneigen-
entwicklung sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung tümern wie Landesforstverwaltungen, Bundesforsten,
(BNE). Kommunen, Bundesstiftungen, NGO´s etc. in Bezug auf
Wildnis zusammenarbeiten wollen und in ihrer Region eine
2007 wurden durch die Bundesregierung in der Nationa- Chance darin erkennen, dass ein Gebiet der natürlichen
len Biodiversitätsstrategie (NBS) erstmals Ziele zum Entwicklung überlassen werden könnte. Die Naturparke
Thema „Wildnis und Prozessschutz“ verankert. Auch können in Verbindung mit Partnern und Akteuren vor Ort
wenn einzelne Naturparke sich schon früh mit dem Thema Aufgaben zur Etablierung von großen Prozessschutzflä-
befasst haben, ist das Thema Wildnis doch noch relativ chen und Wildnisgebieten übernehmen. Dazu können vor-
neu auf der bundesweiten Agenda der Naturparke. bereitende naturschutzfachliche Analysen, Wegekonzept-
erstellungen, Wildnisbildung und Öffentlichkeitsarbeit
Eine im Jahr 2014 durchgeführte Studie zeigte, dass in sowie auch das spätere Management von großen Prozess-
Naturparken ein Potenzial für die Umsetzung von Wildnis- schutzflächen und Wildnisgebieten gehören.
zielen besteht. 2015 haben die Naturparke im Rahmen des
VDN-Positionspapiers „Naturparke für den Erhalt der Voraussetzung für die Übernahme dieser und weiterer
Biologischen Vielfalt stärken“ festgehalten, dass sie auch Aufgaben ist, dass die betreffenden Naturparke hierzu von
zur Etablierung von Wildnisgebieten beitragen können. Ländern und Regionen und ggf. auch vom Bund finanziell
und personell in die Lage versetzt werden. Der aktuell von
Von März 2016 bis September 2018 haben die Universität der Bundesregierung beschlossene „Wildnisfonds“ könnte
Freiburg und die Universität Kassel zusammen mit dem hierbei eine wichtige Rolle übernehmen. Um zu erreichen,
Verband Deutscher Naturparke das F+E-Vorhaben „Na- dass Naturparke stärker als bisher zur Umsetzung der
turparkpotenziale zur Entwicklung von Wildnisgebieten Wildnisziele der Nationalen Biodiversitätsstrategie bei-
und großen Prozessschutzflächen“ mit Förderung des tragen, ist es wichtig, die Naturparke in den Aktionsplan
Bundesamtes für Naturschutz mit Mitteln des Bundesmi- Schutzgebiete, den das Bundesumweltministerium ent-
nisteriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicher- wickeln will, adäquat zu integrieren.
heit durchgeführt. Wie dieser im Vorhaben entstandene
Handlungsleitfaden zeigt, wurden die Grundlagen gelegt,
um das Thema Wildnis bei den Naturparkträgern zu
verankern, die vorhandenen Potenziale aufzuzeigen und
die schon erfolgten Umsetzungsmaßnahmen im Bereich Friedel Heuwinkel
der Wildnisentwicklung darzustellen. Präsident Verband Deutscher Naturparke e.V.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_3
Die Bundesregierung hat sich im Rahmen der Nationalen und ca. 180.000 ha Wildnisgebieten einschließlich ehe-
Biodiversitätsstrategie (NBS) das Ziel gesetzt, dass sich maliger Militärflächen und Bergbaufolgelandschaften
die Natur wieder auf 2 % der Landesfläche nach eigenen – (Opitz et al. 2015).
durch den Menschen weitgehend unbeeinflussten – Ge-
setzmäßigkeiten entwickeln kann, wobei es sich vorwie- An dem von Bundesamt für Naturschutz (Bfn) und Bun-
gend um großflächige Gebiete handeln soll (2-%-Ziel). desministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsi-
Ein weiteres Ziel der NBS ist es, auf 5 % der Waldfläche cherheit (BMU) geförderten F+E-Vorhaben „Naturparkpo-
eine natürliche Waldentwicklung zu ermöglichen (NWE5- tenziale zur Entwicklung von Wildnisgebieten und großen
Ziel) (Spellmann et al. 2015). Zusammenfassend wird Prozessschutzflächen“ (FKZ 351585040B) waren die
von den „Wildniszielen der NBS“ gesprochen. Universität Freiburg i.Br. – Professur für Standorts- und
Vegetationskunde, die Universität Kassel – Fachgebiet
Bei Naturparken, die hauptsächlich historisch gewach-Landschafts- und Vegetationsökologie sowie der Verband
sene Kulturlandschaften repräsentieren, stand der Wild- Deutscher Naturparke e.V. (VDN) beteiligt. In dem Vorha-
nisaspekt bisher nicht im Fokus, hat aber an Bedeutung ben wurden zum einen die Potenziale für mögliche Wild-
zugenommen (Krämer & DecKert 2016; HeilanD et al. 2016; nisgebiete [bei Flächengrößen 1.000 ha (Wald, Hochge-
JeDicKe & lieSen 2017). Das Forschungs- und Entwicklungs- birge) bzw. 500 ha (Auen, Moore und Küsten)] und
vorhaben (F+E-Vorhaben) „Umsetzung des 2 %-Ziels für große Prozessschutzflächen (> 100 ha, im weiteren als
Wildnisgebiete aus der nationalen Biodiversitätsstrategie“ „große Prozessschutzflächen“ definiert) über eine
(2012–2014) belegte bundesweit ein erhebliches theo- Umfrage bei den Naturparken erfasst und diese dann in
retisches Flächenpotenzial an Wildnisgebieten in Natur- Beispielregionen nach naturschutzfachlichen und Umset-
parken mit ca. 230.000 ha Wildnisentwicklungsgebieten zungsaspekten beurteilt. Beispiele für Wildnisbildungs-
Einleitung
4_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
angebote u.a. auch aus anderen Großschutzgebieten Sie kennen sich oft mit Marketing- und Inwertsetzungs-
wurden ermittelt und für Naturparke anhand bestehender konzepten aus.
Bildungsmodule weiterentwickelt. Die ausführlichen Er- Sie können eine zentrale Rolle in der Wissensvermitt-
gebnisse zu diesem F+E-Vorhaben finden Sie im Gesamt- lung und der Wildnisbildung spielen.
bericht sowie die hier erwähnten Anhänge und Literatur Sie haben mit dem VDN einen beratenden und unter-
auf www.naturparke.de. stützenden Dachverband an ihrer Seite.
Die im Projekt betrachteten großen Prozessschutzflächen Der vorliegende Handlungsleitfaden richtet sich in erster
größer 100 ha sind keine neue Gebietskategorie, sondern Linie an die Träger und Verwaltungen von Naturparken,
dem Umstand geschuldet, dass Naturparke zumindest in kann aber auch anderen Organisationen wie Fachbehör-
der Projektphase nicht immer über die ausreichenden Flä- den und Naturschutzverbänden Hilfestellung bei der
chen von 1.000 ha im Wald oder 500 ha z.B. an Moorflä- Realisierung von Wildnis geben.
chen als Wildnisgebiete verfügten, aber dennoch Interesse
hatten, an dem Projekt teilzunehmen. Aus diesen Poten- Es werden kurze, praxisbezogene Beispiele und Empfeh-
zialflächen von großen Prozessschutzflächen können lungen für die Realisierung von Wildnisgebieten, wie z.B.
möglicherweise in Zukunft Wildnisgebiete entstehen, oder zur Schaffung von Akzeptanz und die naturschutzfach-
diese sind als Waldflächen dem NWE5-Ziel zuzuordnen. liche Analyse, aber auch für Wildnisbildungsangebote,
Denn ein Ziel des Projektes war es auch, bei den Natur- dargestellt und miteinander verknüpft. So sollte z.B. die
parken Interesse am Thema Wildnis zu wecken und ihnen im Kapitel „Aspekte zur Realisierung von Wildnisgebieten
ihr Potenzial für Wildnis und Prozessschutz aufzuzeigen. und großen Prozessschutzflächen" vorgestellte Raum-
analyse immer auch mit einer im darauf folgenden Kapitel
Die im F+E-Vorhaben erarbeiteten Ergebnisse basieren
auf den von BMU/BfN (2018) mit den Länderfachbe-
hörden abgestimmten Qualitätskriterien zur Auswahl von
großflächigen Wildnisgebieten in Deutschland im Sinne
des 2 %-Ziels der NBS (s. Anhang III auf www.natur-
parke.de).
Unabhängig vom theoretischen Flächenpotenzial können
Naturparke eine zentrale Rolle bei der Realisierung von
Wildnisgebieten in ihrer Region spielen. Dabei sind fol-
gende Faktoren von großer Bedeutung, die bei der z.T.
komplexen Umsetzung von Wildnisstrategien nicht un-
genutzt bleiben sollten:
Naturparke sind in der Region gut vernetzt.
Sie können eine Vorreiterrolle einnehmen, Ideengeber
und Türöffner sein.
Sie haben ein Bewusstsein für historisch gewachsene
Strukturen.
Sie kennen sozioökonomische und –ökologische Ent-
wicklungen in der Region und können Wildnis in einen (ab S. 28) erläuterten naturschutzfachlichen Analyse
vernetzenden Biotopverbund integrieren. einhergehen. Die einzelnen inhaltlichen Abschnitte wur-
Ihnen sind landschaftshistorische und -ökologische den von den beteiligten Projektpartnern bearbeitet: Das
Zusammenhänge bekannt. Thema Umsetzung von der Universität Kassel, Fachgebiet
Sie haben oft einen Vertrauensvorschuss als Mittler Landschafts- und Vegetationsökologie, die naturschutz-
zwischen Schützern und Nutzern in der Region. fachliche Analyse von der Professur für Standorts- und
Sie können über die Naturparkplanung das Wildnisziel Vegetationskunde, Universität Freiburg i. Br., sowie das
in der Region im partizipativen Prozess mit Akteuren Thema Wildnisbildung vom VDN.
der Region verankern.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_5
Was bedeutet Wildnis in Deutschland?
6_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Wildnis als eine „ursprüngliche“, von menschlichen Ein- zeichnet werden. Wildnis stellt keine formalrechtlich ge-
flüssen weitestgehend unbeeinflusste Landschaft ist im sicherte Schutzgebietskategorie an sich dar (Ausnahme
strengen Sinn in Deutschland nicht mehr zu finden. Die in z.B. NRW § 40 LNatSchG NRW), soll aber in rechtssiche-
der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ (NBS) rer Weise (z.B. Ausweisung als Schutzgebiet, dingliche
formulierten Ziele für natürliche Waldentwicklung und Sicherung im Grundbuch etc.) durch die in den Ländern
Wildnisgebiete setzen deshalb neben der Entstehung von zuständigen Naturschutzbehörden dauerhaft gesichert
kleineren Prozessschutzflächen auf die Entwicklung einer werden.
neuen Wildnis, die sich durch den großflächigen Schutz
natürlicher Prozesse auf Dauer einfindet. Um das zu Kleinere Prozessschutzflächen gehen nicht in das 2 %-
ermöglichen, sollen 2% der terrestrischen Landesfläche Wildnisziel ein. Bewaldete derartige Flächen tragen
Deutschlands einer natürlichen Dynamik überlassen wer- aber zum 5 %-Ziel der natürlichen Waldentwicklung bei
den. Wildnisgebiete im Sinne des 2 %-Ziels sind danach (BMU 2007). Eine Zwischenstellung nehmen größere
mindestens 1.000 ha große, unzerschnittene und kom- Prozessschutzflächen mit einer Größe von mindestens
pakte Flächen, die frei von jeglicher Nutzung sind. In Aus- 100 ha ein.
nahmefällen, z.B. in azonalen Lebensräumen entlang von
Flussauen oder in Mooren, können auch Flächen von min- Das Leitbild eines Wildnisgebietes oder einer großen Pro-
destens 500 ha als Wildnisgebiet im Sinne der NBS be- zessschutzfläche richtet sich neben der Wildnisdefinition
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_7
„Wildnisgebiete i.S. der NBS sind ausreichend große,
(weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete,
die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinfluss-
ten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewähr-
leisten.“ (fincK et al. 2013)
der NBS auch nach internationalen Richtlinien wie der
Wildnisdefinition der Wild Europe Initiative und der
Schutzgebietskategorie Ib „Wildnisgebiet“ der Weltnatur-
schutzunion (IUCN) (BmU/Bfn 2018). Nach Etablierung
eines Wildnisgebiets im Sinne der NBS finden in Deutsch-
land üblicherweise nach 10 Jahren, in Ausnahmefällen
nach spätestens 30 Jahren, keinerlei Managementaktivi-
täten in dem Gebiet mehr statt. Innerhalb der Übergangs-
zeiten können Waldumbau- und Renaturierungsmaßnah-
men sowie Maßnahmen zum Rückbau von Infrastruktur
vorgenommen werden. Diese und andere strategische
Maßnahmen zur Erreichung des Wildnisziels sind in einem
Managementplan festzuschreiben, der für jedes Wildnis-
gebiet spätestens 5 Jahre nach Einrichtung des Wildnisge-
biets zu erstellen ist (Gültigkeit: 10 Jahre) und auch Maß-
nahmen zu rechtlichen Verpflichtungen (z.B. Waldbrand-
kontrolle) definiert. Dem nachhaltigen Tourismus oder der
Forschung steht das Gebiet aber grundsätzlich, so weit
fachlich vertretbar, offen. Eingeschränkt möglich ist auch
das Wildtiermanagement, z.B. um die Schäden zu hoher
Huftierbestände außerhalb der Gebiete in den umliegen-
den Flächen zu regulieren. Die naturschutzfachliche Not-
wendigkeit einer Bejagung muss aber regelmäßig im Ma-
nagementplan dargelegt werden. Eine fischereirechtliche
Nutzung soll in einem Wildnisgebiet nicht mehr stattfinden.
Aspekte zur Realisierung von Wildnis-
gebieten und großen Prozessschutzflächen
Für die konkrete Realisierung von Wildnisgebieten und 1. Bestimmte Aspekte des betreffenden Raumes
Prozessschutzflächen größer 100 ha in Naturparken sind 2. die Akzeptanz in der Region sowie
im Wesentlichen drei Punkte ausschlaggebend: 3. der Naturpark und seine Trägerorganisation.
RaumanalyseAkzeptanzanalyseNaturparkträger
Regionale
Raumordnungs-
programme/-
pläne
Eigentums-
verhältnisse
Schutz-
gebiete
Ökologie Soziales Ökonomie
Träger-
schaft
Mittelund
Partner Planung
Umfeld-/StakeholderAnalyse
Analyseder
Ausgangssituation
Identifizierungder
Probleme
Erarbeitungvon
Lösungen
Bewerten
Abwägen
Priorisieren
Abbildung 1: Analyse der Hauptumsetzungsaspekte und daraus folgende Arbeitsschritte
8_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
Dabei gilt es, jeden einzelnen dieser Aspekte zu betrach-
ten und zu analysieren. Mit den Ergebnissen kann ein
Entwicklungsprozess beginnen, in dem Strategien zur
Problemlösung erarbeitet werden, um Wildnisgebiete
und/oder Prozessschutzflächen größer 100 Hektar in
einem Naturpark zu etablieren.
Die Raumanalyse
In der Raumanalyse wird geprüft, ob es Hürden gibt, die
der Etablierung eines Wildnisgebietes oder einer großen
Prozessschutzfläche im Wege stehen und ob es Aus-
schlusskriterien gibt, die eine weitere Bearbeitung ggf.
sinnlos machen.
Abbildung 1 zeigt, dass bei der Raumanalyse Aussagen
der Raumordnung, die Eigentumsfragen bzw. die Liegen-
schaftsverhältnisse und möglicherweise vorhandene
Schutzgebiete mit den festgesetzten Schutzzielen von
Relevanz sind und recherchiert werden müssen.
9
Zum Beispiel ist im Sinne der Vorbildfunktion des Staates Abbildung 2 dargestellt. Die Aufstellung, welche Daten für
und dem Prinzip der Freiwilligkeit vorgesehen, dass für die die einzelnen Schritte benötigt werden, wo die Daten zu
Ausweisung von Wildnisgebieten vorrangig Flächen der beziehen sind und wie sie bearbeitet und bewertet werden
öffentlichen Hand in Anspruch genommen werden sollen. sollten, geht aus Tabelle 1 hervor. Die naturschutzfachli-
Das schrittweise Vorgehen dieser Raumanalyse ist in che Analyse wird eingehend ab S. 28 dargestellt.
Abbildung 2: Schrittweise Prüfung der Raumverträglichkeit (auf unterschiedlichen Planungsebenen)
10_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Tabelle 1: Datengrundlagen, Bezug der Daten, Bearbeitung und Bewertung für die Arbeitsschritte aus Abbildung 2
Geoinformations-
systeme (GIS)
Datensatz
Raumordnung (RO) Liegenschaften Schutzgebiete
Datengrundlage
2 % Wildniskulisse
und potentielle
größere Prozess-
schutzflächen als
Shape-Datei.
Zeichnerische Darstellungen
und textliche Festsetzungen der
aktuellen Raumordnung.
Liegenschaften:
Öffentliche Hand
(Bund, Land und Kom-
munen), Private, Stif-
tungen.
Flächenhafte Schutzgebiets-
daten, Basiskartierung der
Lebensraumtypen (LRT),
Verordnungstexte der
Schutzgebiete und Standard-
datenbögen Natura 2000.
Datenbezug
Auf Anfrage vom
Bundesamt für
Naturschutz.
Zur Einsicht und als Download
auf den Regionsseiten (meist
ausreichend).
In Ausnahmefällen: Bezug von
Geodaten bei dem jeweiligen
Kreis oder der Region.
Katasterämter, Forst-
planungsämter, Bun-
desanstalt für Immo-
bilienaufgaben.
Bestenfalls sind die
Daten als Geodaten-
satz anzufordern.
Über die Länderportale im
Internet sind Daten im freien
Download verfügbar. Kartie-
rung der LRTs ggf. über die
Landesbehörden anfordern.
Bearbeitung und Bewertung
Verschnitt mit den
Geodaten (Raum-
ordnung, Liegen-
schaften, Schutz-
gebiete).
Einsehen und analoges Abglei-
chen der Pläne und Texte rei-
chen oft aus.
In Ausnahmefällen: Verschnitt
der Geodaten mit der pot. Wild-
niskulisse.
Bewertet wird die Vereinbarkeit
der RO-Ziele mit dem Ziel des
Prozessschutzes.
GIS basierter Ver-
schnitt dieser Daten
mit den anvisierten
Flächen bzw. der
Potenzialkulisse.
Analog vorliegende
Daten vorab mit einer
GIS-Software georefe-
renzieren und editie-
ren.
Prüfung auf Verein-
barkeit mit Prozess-
schutz.
Ergänzung der GIS-Daten der
vorkommenden LRT und
geschützten Biotope um das
Attribut „Eignung für Pro-
zessschutz“ – Prüfung auf
Vereinbarkeit mit Prozess-
schutz gemäß Anhang II und
III.
Hinweise
Liegen z.B. Aussiedlerhöfe oder
Flecken im anvisierten Raum, ist
zu prüfen, ob diese Flächen aus
dem Gebiet ausgegrenzt werden
können, ohne den Gesamtzu-
sammenhang des geplanten
Wildnisgebietes zu stören.
In einem 2. Durch-
gang prüfen, ob
Privateigentümern
Flächentausch oder
Entschädigungen für
Überlassung angebo-
ten werden können.
Wenn bei den Landesämtern
noch keine flächengenauen
Kartierungen der FFH-Le-
bensraumtypen vorliegen,
sind diese ggf. selbst zu er-
fassen bzw. ist eine Kartie-
rung zu beauftragen.
Verschnitt aller Daten ermöglicht Ermittlung von Ausschlussflächen und der Konfliktintensität (vgl. Abb. 3).
Außerdem ergeben sich erste Hinweise auf mögliche Zonierung in räumlicher und zeitlicher Hinsicht (vgl. Abb. 3).
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_11
12_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
Als Hilfestellung, wie die jeweiligen Ziele und Grundsätze aus den Planungsinstrumenten hinsichtlich ihre Kompatibilität
mit dem Prozessschutz einzuschätzen sind, soll Tabelle 2 dienen.
Tabelle 2: Einschätzung der Kompatibilität von Zielen und Grundsätzen der Raumordnung mit den Zielen des Prozessschutzes.
Die Tabelle stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Mögliche Festsetzungen in den Raumordnungs-
programmen und -plänen
Kompatibilität der Festsetzungen mit Wildnis/Prozessschutz
schließen sich
aus Einzelfallprüfung sind kompatibel
Vorranggebiete
Windenergie x
Forstwirtschaft x
Landwirtschaft x
Natur- und Landschaftsschutz x
Trinkwasser x
vorbeugender Hochwasserschutz x
Vorbehaltsgebiete
Forstwirtschaft x
Landwirtschaft x
Natur- und Landschaftsschutz x
Klimaschutz x
Freiraumfunktionen
Schutz der Natur x
Schutz von landschaftsgebundener Erholung x
Schutz des Grundwassers x
Klimaschutz x
Erholung/Tourismus x
Infrastrukturentwicklung (geplant)
Verkehrsinfrastrukturachsen x
regionale Versorgungsinfrastrukturen (Abfall, Hochwas-
serrückhaltung, Energie) x
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_13
Einstufung in Eignungskategorien
Aufbauend auf der in der Abbildung 2 dargestellten
schrittweisen Prüfung der Raumverträglichkeit werden
Flächen und Gebiete in vier Konfliktintensitäten (I-keine,
II-geringe, III-mittlere, IV-hohe Konfliktintensität) einge-
stuft. Darüber hinaus gibt es immer auch Flächen, bei
denen die Eignung im Einzelfall zu prüfen ist.
Zu beachten ist:
1. Der gesetzliche Schutzstatus von für Prozessschutz un-
geeigneten FFH-Lebensräumen und geschützten Biotopen
„schlägt“ zunächst jegliche positive Einschätzung der
Raumordnung und der Liegenschaftsverhältnisse, und ist
als „mittel oder hoch konfliktär“ einzustufen. Sind die
Raumordnungs- und Liegenschaftsverhältnisse dieser
Flächen positiv, ist immer im Einzelfall zu prüfen, inwieweit
solche durch Prozessschutz gefährdeten Biotope/Lebens-
räume durch sinnvolle Zonierungen in den großen Pro-
zessschutzflächen/Wildnisgebieten verbleiben können.
Ggf. können solche Flächen ausgegrenzt werden, ohne
den Gesamtzusammenhang des Gebietes zu stören und
ohne dass die notwendigen Pflege- und Erhaltungsmaß-
nahmen negative Auswirkungen auf die prozessgeschütz-
ten Flächen haben. In der Nachbarschaft zu Prozess-
schutzflächen können diese geschützten Flächen z.B.
Biotopverbundfunktion übernehmen.
Zu beachten ist:
2. Im Sinne der Vorbildfunktion des Staates und dem
Prinzip der Freiwilligkeit ist vorgesehen, dass für die Aus-
weisung von Wildnisgebieten vorrangig Flächen der öffent-
lichen Hand in Anspruch zu nehmen sind. In einem zweiten
Prüfdurchgang ist zu beachten, dass ggf. auch private
Eigentümer oder Stiftungen ihre Flächen zur Verfügung
stellen möchten. Die Tatsache, dass eine rechtlich
verfügte Nutzungsaufgabe immer dann, wenn sie einen
enteignungsgleichen oder – ähnlichen Charakter hat,
entschädigungspflichtig ist, kann ggf. auch als Anreiz wir-
ken. Die Einschätzung in der Abbildung 3 geht in so einem
Fall von folgender Annahme aus: Flächen, die bereits ei-
nen Schutzstatus haben, der mit den Zielen des Prozess-
schutzes kompatibel ist, werden ggf. eher von Privaten
zur Verfügung gestellt, als Flächen ohne jeglichen Schutz-
status. Zur Begründung ist zu sagen, dass geschützte
Flächen oft bereits Nutzungseinschränkungen unterliegen
und private Eigentümer solche Flächen ggf. gern eintau-
schen möchten.
Zu beachten ist:
3. Im anvisierten Wildnisgebiet bzw. der anvisierten
großen Prozessschutzfläche werden immer Flächen un-
terschiedlicher Konfliktintensitäten nebeneinanderliegen.
Dies heißt nicht, dass man kein Wildnisgebiet oder grö-
ßere Prozessschutzfläche ausweisen kann. Die Auswei-
Abbildung 3: Beispiel einer schrittweisen Ermittlung der Konfliktintensität (I – IV).
Prüfschritt 1
Prüfschritt 2 Prüfschritt 3
Auswertung der
Regionalen
Raumordnungs-
programme/
-pläne
Liegenschaften
Flächen
ohne
Schutz-
status
§§ Schutzstatus vorhanden
Geeignet für
Prozessschutz
Im Einzelfall
zu prüfen
Ungeeignet für
Prozessschutz
konfliktfrei
Öffentlich + I I (II) III
Privat - (III) (II) (III) IV
abzuwägen
Öffentlich + (II) (II) (II) IV
Privat - (III) (II) (III) IV
konfliktär
Öffentlich + III III IV IV
Privat - IV (III) IV IV
Erläuterung: I keine; II geringe; III mittlere; IV hohe Konfliktintensität; () –
Einstufung unter Vorbehalt der Abwägung/Einzelfallprüfung.
14_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
sung von Prozessschutzflächen ist neben dem räumlichen Die beschriebene Vorgehensweise wurde beispielhaft auf
auch im zeitlichen Kontext zu sehen. Das heißt, die Etab- das Naturschutzgebiet „Lutter“ im Naturpark Südheide
lierung eines Wildnisgebiets bzw. einer großen Prozess- angewendet. Das Ergebnis zeigt die Abbildung 4. In der
schutzfläche kann durchaus 20 Jahre oder länger dauern. Abbildung wurden die privaten Flächen durch Schraffur
Dieses Raum-Zeitverhältnis muss bei der Planung bzw. gekennzeichnet.
dem Umsetzungsprozess mit beachtet werden.
Abbildung 4: Ermittlung der Konfliktintensität am Beispiel des NSG „Lutter“ im Naturpark Südheide
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_15
Einschätzung der räumlich/zeitlichen
Gebietsentwicklung
Die Einschätzung des räumlich/zeitlichen Entwicklungs-
potenzials von Wildnisgebieten und großen Prozess-
schutzflächen erfolgt am besten, indem man die Ergeb-
nisse aus der naturschutzfachlichen Einschätzung (mit
dem Ziel der seriös untermauerten Entwicklungsprog-
nose) mit den Ergebnissen aus der Raumanalyse ver-
schneidet. Methoden und Kriterien für die naturschutz-
fachliche Analyse von Wildnisgebieten und großen Pro-
zessschutzflächen werden ab S. 28 ausführlich erläutert.
Abbildung 5 zeigt eine Bewertungsmatrix, wie Gebiete
mit hohem und weniger hohem Entwicklungspotenzial
ermittelt werden können. Die Anwendung dieser Matrix
(Abbildung 5) stellt die planerische Grundlage für Manage-
ment- und Entwicklungspläne von Wildnisgebieten/gro-
ßen Prozessschutzflächen dar. Die Ergebnisse werden in
den Raum übertragen und zeigen als Karte dann Gebiete
bzw. Teilgebiete mit unterschiedlichen Entwicklungszeit-
räumen und -schritten.
Abbildung 6 zeigt ein mögliches Beispiel. Ausschlag-
gebend für die Entwicklungsdauer können z.B. länger
dauernde Waldumbaumaßnahmen, Verhandlungen zum
Flächenkauf/-tausch oder ähnliches sein.
Abbildung 5: Bewertungsmatrix zur Ermittlung der Eignung von Flächen
zur Etablierung von Wildnisgebieten durch die Verschneidung der Ergeb-
nisse aus der Raumverträglichkeit mit den Ergebnissen der naturschutz-
fachlichen Einschätzung.
Gebietskategorien nach
Raumverträglichkeit / Wildnis
Naturschutzfachliche
Bewertung
I II III IV
1
2
3
4
Sehr gut geeignete Gebiete - kurz bis mittelfristig zu entwickeln
Gut geeignete Gebiete - mittel bis langfristig zu entwickeln
Wenig geeignete Gebiete - nur langfristig zu entwickeln
Nicht geeignete Gebiete
Abbildung 6: Beispielhafte Darstellung der Entwicklung eines möglichen
Wildnisgebiets/einer großen Prozessschutzfläche in Raum und Zeit. Die
Anzahl der Entwicklungsschritte (drei) und die Zeiteinheiten (10 Jahre)
sind für das Beispiel willkürlich gewählt.
16_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
Strategien der Akzeptanzherstellung
Frühzeitige Aufklärung der möglicherweise betroffenen Wer muss beteiligt werden? Die Akteurs-Analyse:
Akteure in der Region und deren Beteiligung im Prozess Land, Region, Kreise, Kommunen
sind Voraussetzung für die Herstellung von Akzeptanz. Fachbehörden: Naturschutz, Forst- und Wasserwirt-
Entsprechend müssen zunächst die möglichen betroffe- schaft, Denkmalschutz etc.
nen Akteure identifiziert werden. Anschließend sind im Landeigentümer und Pächter
Dialog mit ihnen mögliche Bedenken und Zielkonflikte zu Tourismuswirtschaft
analysieren. Sobald die konkreten Probleme bekannt sind, Andere regionale Wirtschaftstreibende: z.B. Holzwirt-
können nach der Einigung auf gemeinsame Ziele (Leitli- schaft, Landwirtschaft, Fischerei
nien, Leitbilder, etc.) gemeinsam Lösungen erarbeitet Regionalverbände, Vereine
werden, die dann abzuwägen, zu bewerten und zu priori- Jagdausübungsberechtigte
sieren sind. Dieser Prozess endet allerdings nicht, wenn etc.
die Akteure sich für die Etablierung eines Wildnisgebiets Um alle zu beteiligenden Parteien zu erreichen, sollten
bzw. größere Prozessschutzfläche entscheiden, viel- Erörterungstermine über Bekanntmachungen in den
mehr beginnt dann die Realisierung im Raum und über Gemeinden öffentlich gemacht werden.
die Dauer werden die meisten Akteure weiterhin in den
Umsetzungsprozess involviert bleiben – auch über die Wie fördert man Akzeptanz für Prozessschutz?
angestrebte Etablierung der Flächen hinaus. Es gibt im Wesentlichen drei Ansätze der Akzeptanzförde-
rung: 1. Schaffung von Anreizen, 2. Überzeugung und
3. ein regulativer Ansatz.
Vier wesentliche Fragen bei der Herstellung von Akzep-
tanz müssen beantwortet werden: 1. Anreizorientierte Strategie:
„Wer sind Akteure, die zu beteiligen sind?“ Schaffung von finanziellen und/oder materiellen
„Wie gewinnt man deren Akzeptanz für ein solches Anreizen
Projekt?“ Aufbau und/oder Ausbau von Marktsegmenten im
„Mit welchen Gegenargumenten muss man rechnen?“ Tourismus
„Wie kann man diese mit Argumenten Pro-Wildnis und Entschädigungszahlungen für Nutzungsverzicht
weiteren unterstützenden Maßnahmen entkräften?“ Vertragsnaturschutz
Abbildung 7: Einzelschritte im Rahmen der Akzeptanzherstellung
Akteurs-
analyse
Analysieren
der Ziel-
konflikte
Lösungs-
strategien
entwickeln
Lösungen
abwägen,
priorisieren
Umsetzung
in Raum
und Zeit
Wie eine Region von Wildnis profitieren kann
Die Naturstiftung David ist federführend für das Naturschutzgroßprojekt „Hohe Schrecke – Alter Wald mit Zukunft“.
Das Projekt (7.321 ha Wald, inklusive rund 2.000 ha Waldwildnis) befindet sich seit 2013 in der bis 2023 laufenden
Maßnahmenumsetzung. Charakteristisch für das Projekt ist, dass neben Naturschutzmaßnahmen eine naturschutz-
gerechte Regionalentwicklung (z. B. Planung touristischer Angebote, Verbesserung der Regionalvermarktung) an-
gestrebt wird (Bfn 2018). In der Region werden regionale Wertschöpfungsketten entwickelt – von der nachhaltigen
Energiegewinnung über regionale Produkte bis zum sanften Tourismus. Bereits 2008 wurde in der Region der Verein
Hohe Schecke gegründet. Ziel des Vereins ist es gleichermaßen die naturschutzorientierte sowie wirtschaftliche
Entwicklung der Region zu fördern. Der Verein teilt sich mit der Naturstiftung David ein Projektbüro vor Ort (weiter-
führende Information: www.region.hoheschrecke.de/verein/; www.naturstiftung-david.de/schrecke/).
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_17
18_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Flächenkauf/-tausch der soziokulturellen und sozioökonomischen regiona-
Erarbeitung von Tourismuskonzepten rund um das len Entwicklung und/oder Erstellung regionaler land-
Gebiet schaftswissenschaftlicher Gutachten.
Beantragung anderer Fördergelder durch Nutzung von 4. Anwendung von Methoden des Perspektivenwechsels
Synergien z.B. mit der WRRL, dem Moorschutz oder in überschaubaren Diskussionsgruppen, z.B. Einsatz
Klimaschutzprogrammen. von umweltpsychologischen Methoden, um die Inter-
essen anderer Landnutzer möglichst wertfrei zu durch-
Die Liste der Pro-Wildnis Argumente (s.u.) gibt weitere dringen.
Hinweise, wie vor allem die Wirtschaftlichkeit einer Region 5. Verbesserung der Kenntnisse über die Möglichkeiten
von einem solchen Projekt profitieren kann. Es muss der Einflussteilhabe. Frühzeitige und wiederkehrende
genau geprüft werden, wo es in der Region Möglichkeiten informelle Bürgerbeteiligung, wie z.B. Ortsbegehun-
der (Wirtschafts-) Förderung gibt, die das Wildnisziel un- gen, Arbeitsgruppen, Mediation, Dialogforen. Besuch
terstützen und welche Anreize z.B. für Gewerbetreibende bestehender „Wildnisgebiete“ mit Betroffenen erlaubt
geschaffen werden können, um sich für die Ausweisung Vergleiche und Kontakte zu anderen Regionen. Die
von Wildnisgebieten/großen Prozessschutzflächen stark Akteure bekommen so eine Idee, wie Lösungen in der
zu machen. Organisation der Konzeptumsetzung aussehen können.
6. Einbeziehung von Landes- und Regionalpolitikern für
2. Überzeugungsorientierte Strategie die Sache und Einbeziehung und Aufklärung der loka-
(Persuasorischer Ansatz): len Presse.
Neben der Akzeptanzherstellung ist die Überzeugungsar- 7. Bei stark verhärteten Fronten ist eine Supervision an-
beit vor allem durch Aufklärung und Wissensvermittlung zuraten, dabei strukturiert eine externe unabhängige
eine entscheidende Strategie. Überzeugen kann man aber Person/Instanz (z.B. ein externes Planungsbüro) die
auch nur, wenn ein Anliegen richtig kommuniziert wird. Kommunikation und stellt sicher, dass alle Akteurs-
gruppen involviert sind.
Die folgenden sieben Empfehlungen dienen der Akzeptan- 8. Herstellung von Verbindlichkeit in der Zielorientierung.
zerhöhung (nacH frOHn et al. 2017, veränDert) u.a. auch
durch eine verbesserte Kommunikation und Argumenta- 3. Regulativer Ansatz (nur bedingt geeignet)
tion im Dialogprozess: Der regulative Ansatz betrifft Instrumente wie die räumli-
1. Transparente Kommunikation. Mehrdeutige zentrale che (regionale) Planung und die Gesetzgebung. Dazu ge-
Begriffe (Wildnis, Natur, Erholung) sind vorab klar zu hört die Unterschutzstellung von Flächen für den Prozess-
definieren und zu vereinheitlichen. Die einheitliche Be- schutz als Instrument, um ein zukünftiges Ziel festzu-
griffsnutzung ist im Dialog immer wieder einzufordern. schreiben. Dieser Ansatz ist nicht sofort als akzeptanz-
2. Eindeutiges Argumentieren, Vermeidung von schein- fördernd erkennbar und kann - zum falschen Zeitpunkt an-
baren Widersprüchen (siehe Nr. 1). gewendet - auch ins Gegenteil umschlagen. Das folgende
3. Bewusstsein für historisch gewachsene Strukturen Beispiel zeigt aber, dass hier in Kombination mit anderen
und Konflikte entwickeln. Ggf. Einholung von Analysen Faktoren ein Potenzial liegen kann:
Schaffung von Anreizen plus Nutzung des Regulativs „Unterschutzstellung“
Das Naturschutzgebiet (NSG) „Lutter“ mit 2.435 ha Größe, das zum großen Teil im Naturpark Südheide liegt, wurde
gezielt im Rahmen der Umsetzung des Naturschutzgroßprojektes „Lutter“ ausgewiesen, um Flächen und Schutzziel
langfristig zu sichern. Ursprünglich gab es in dem Raum nur ein NSG mit 9 ha Flächengröße, zwei Landschafts-
schutzgebiete (LSG) und zwei flächenhafte Naturdenkmale. In dem neuen Schutzgebiet wurden im Vorfeld der Aus-
weisung Flächen durch Ankauf und Flächentausch erworben und Gestattungs-/Duldungsrechte zugunsten der Land-
kreise Celle und Gifhorn erwirkt. Dazu wurde ein Flurneuordnungsverfahren angestrengt und eine frühzeitige Besit-
zeinweisung erwirkt (§ 65 Flurbereinigungsgesetz) mit dem insges. 1.500 ha Fläche der Kernzone in den Besitz
der beiden Projektträger, LK Celle und LK Gifhorn, überführt wurden. So konnte frühzeitig mit den Maßnahmen be-
gonnen werden und die in Aussicht gestellten, zeitlich gebundenen, Fördergelder in Anspruch genommen werden
(lanDKreiS celle & lanDKreiS GifHOrn 2011) (weitere Infos: UNB Landkreis Celle (Naturparkträger Südheide)).
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_19
Mit welchen Gegenargumenten muss gerechnet werden und was sind Argumente Pro-Wildnis in einer
Naturpark Region?
Die Aufstellung in Tabelle 3 zählt links mögliche Argumente von Wildnisgegnern auf und stellt sie Argumenten
Pro-Wildnis gegenüber.
Tabelle 3: Gegenüberstellung von möglichen Argumenten GEGEN und PRO Ausweisung von Wildnis
GEGENArgumente PROArgumente
Naturparke haben den gesetzlichen Der gesetzliche Auftrag von Naturparken beinhaltet auch naturschutzfachliche
Auftrag, die Kulturlandschaft zu be- Belange. Gemäß § 27 Abs. 1, Nr. 2 BNatSchG beinhalten Naturparke überwie-
wahren gend LSGs und NSGs. In Naturschutzgebieten kann aber auch Prozessschutz
ein Ziel sein und dieser wird somit zum Auftrag des Naturparkes.
Einschränkung der Flächennutzung
und andere Nutzungsverbote (Forst-
wirtschaft, Jagd, Fischerei, Brenn-
holz-/Pilzsammler)
Als Gegenstück zu der vollflächigen Nutzung bis in den kleinsten Winkel
unserer Landschaft erfordert das übergeordnete Ziel des Prozessschutzes
den Verzicht auf Nutzung in dafür geeigneten Teilbereichen der Landschaft.
Beeinträchtigung der Infrastruktur Auf ausgewiesenen Wegen bleibt Wildnis weiter erlebbar, niemand wird ausge-
Einschränkung der Begehbarkeit/ schlossen; hier gilt auch die Verkehrssicherungspflicht.
Zugänglichkeit für die Bevölkerung
Erweiterung des Besucher-/Gästekreises von regionalen über nationale hin zu
Wirtschaftliche Einbußen
internationalen Gästen
Alleinstellungsmerkmal in der Region
Steigendes Image für die Region
Belebung der regionalen Wirtschaft durch steigende Gästezahlen; mit Gäste-
zahlen steigt die Nachfrage nach regionalen Produkten allgemein
Kostenreduzierung durch teilweisen Wegfall der Pflege von Kulturbiotopen
Eröffnung neuer Marktsegmente (z.B. Wildnis-Bildungsangebote, geführte
Abwanderung von Gewerbe Wanderungen)
(z.B. Holzwirtschaft) Ausbau bestehender Marktsegmente (Übernachtungszahlen, Gastronomie, etc.)
Verlust von Arbeitsplätzen Schaffung von neuen Arbeitsplätzen mit neuen Marktsegmenten
Verlust von Kulturlandschafts- Wildnis als perfekte Ergänzung zur Kulturlandschaft unter wirtschaftlichen und
elementen ökologischen Gesichtspunkten
Verlust von Offenlandarten Sicherung bestimmter Biodiversitätselemente, die es in der Kulturlandschaft
nicht mehr gibt (keine Wildnis um jeden Preis)
Ökologischer Mehrwert in der Region
Änderung des Grundwasserspiegels
und der Vorflut zu Ungunsten von
Anrainern
Synergien mit Programmen wie z.B. der WRRL, Moorschutz und Generierung
von Fördergeldern über diese Programme
Hydrologische Gutachten geben Aufschluss über die konkrete Situation
Steigende Gefahr von Kalamitäten Anlage von Pufferzonen schützt vor Kalamitäten
Totholz gefährdet die Verkehrssicher- Auf ausgewiesenen Wegen gilt auch in Prozessschutzgebieten die Verkehrs-
heit auf Waldwegen sicherungspflicht.
Gebiete mit der Gefahr des Überhandnehmens von invasiven Arten werden
Ausbreitung von invasiven Arten
nicht für den Prozessschutz freigegeben.
Die Bekämpfung invasiver Arten muss bei entsprechender Situation gem.
Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 über invasive gebietsfremde Arten (EU-IAS-
Verordnung) aufrechterhalten werden, wenn eine Risiko- und Kosten-Nutzen-
Analyse nicht zu einem anderen Ergebnis kommen (§ 40 ff. BNatSchG).
Verdichtung der Vegetation führt zu
Einschränkung der Bejagungsmöglich-
keiten Geändertes Wildtiermanagement macht diese Argumente überflüssig, siehe
Kap. „Nachhaltige Maßnahmen zur Etablierung von Wildnisgebieten“
Steigende Wildschäden im Umland
20_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Die Liste der Gegenargumente zeigt, dass fast überwie- derung wollen. Auch mit gezielten Falschinformationen
gend Verlustängste eine große Rolle spielen, dass man muss gerechnet werden, die ggf. unter Einbeziehung von
z.B. Gewohntes (Verhalten) aufgeben soll. Diese Ängste Fachleuten aus der Wissenschaft aufzudecken und zu
sind unbedingt ernst zu nehmen, wobei zu prüfen ist, ob entkräften sind. Gegenargumente sind mit konkreten und
es sich um eine reale, konkrete „Gefahr“ handelt, die zu korrekten Zahlen und Argumenten zu entkräften.
der Besorgnis führt oder ob das Argument nur ein „All-
gemeinplatz“ von Menschen ist, die sowieso keine Verän- Die möglichen positiven Auswirkungen müssen für jede
Region ermittelt werden und sind möglichst mit Daten
zu untermauern.
Die besondere Rolle des
Naturparkträgers
Die Ausführungen oben zeigen, dass vor allem die Art
des Grundbesitzes eine Schlüsselrolle bei der Ausweisung
und Etablierung von Wildnisgebieten spielt. Naturpark-
träger, die über eigene Flächen verfügen wie z.B. das
Siebengebirge mit dem VVS (Verschönerungsverein
Siebengebirge) oder der Naturpark Südheide, dessen
Träger der Landkreis Celle ist, sind deshalb im Vorteil,
wenn sie die eigenen Flächen in den Prozessschutz ent-
lassen wollen.
Trotzdem zeigt das Beispiel der Hohen Schrecke (siehe
Kasten: Wie eine Region von Wildnis profitieren kann),
dass z.B. auch eine Organisation (Naturstiftung David)
federführend bei einer Gebietsentwicklung sein kann,
ohne selbst im Besitz der Liegenschaften zu sein. Mit den
Wie sich Kulturlandschaftspflege und Prozess-
schutz ergänzen können
Im Naturschutzgroßprojekt „Kellerwald-Region“ der
Naturparkregion Kellerwald-Edersee sind die Weltna-
turerbeflächen „Alte Buchenwälder Deutschlands“ im
Nationalpark Kellerwald-Edersee und daran angren-
zende Kernflächen der Edersee Nordhänge unter Pro-
zessschutz gestellt. Daran angrenzend liegt die
„Arche Region Frankenau und Umgebung“.
Kulturlandschaftspflege und Prozessschutz ergänzen
sich in dieser Region und bieten Möglichkeiten, ein
attraktives Besucherangebot zu schaffen, das zu einer
Inwertsetzung des Naturschutzes innerhalb des
Naturparkes führt (müller 2016). Das Projekt befindet
sich seit 2009 in der Phase der Umsetzung der inves-
tiven Maßnahmen und endet im Jahr 2018 (BfN 2018)
(www.naturschutzgrossprojekt-kellerwald.de).
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_21
schon in der Einleitung genannten Faktoren haben Natur-
parke ein großes Potenzial und können eine zentrale Rolle
bei der Realisierung von Wildnisgebieten spielen. Zur
besseren Einflussnahme in der Naturparkregion ist es
von großer Bedeutung für den Naturpark, sich als Träger
öffentlicher Belange anerkennen zu lassen.
Der Wildnis-Qualitäts-Check (WQC)
Das BMU und BfN haben 2018 eine mit den Landesfachbe-
hörden abgestimmte Kriterienliste für Wildnisgebiete auf-
gestellt (Anhang III). Diese Kriterien stellen für Organisa-
tionen, die Flächen als Wildnisgebiete etablieren möchten,
den Hauptleitfaden dar, den es zu beachten und dessen
Kriterien es zu erfüllen gilt. Um diese Kriterien leichter
handhaben zu können, wurde daraus eine Wildnis-Quali-
täts-Checkliste erstellt (Tab. 4). Diese hilft, Defizite auf-
zudecken und das Ziel im Auge zu behalten.
Die WQC-Liste in Tabelle 4 enthält die vier Handlungsfel-
der, die sich in die jeweils zu prüfenden Kriterien unterglie-
dern. Spalte 2 und 3 dienen der Kurzdarstellung des Ge-
biets mit Status-quo und aktuellem Check, ob das Krite-
rium im anvisierten Gebiet erfüllt ist oder nicht. In Spalte
4 können Bemerkungen/ Handlungsbedarfe vermerkt
werden.
In Spalte 5 soll der Zeithorizont angegeben werden, der
ggf. notwendig ist, um ein Kriterium zu erfüllen. In Spalte
5 kann in dem Fall, dass Initialmaßnahmen stattfinden,
der Zeitpunkt eingetragen werden, wie lange diese Maß-
nahmen andauern, bzw. wann die Maßnahmen eingestellt
werden sollen.
22_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
Tabelle 4: Wildnis-Qualitäts-Check (WQC) für Wildnisgebiete, aufgestellt gemäß BMU/Bfn (2018). Die genaue Formulierung der Kriterien befindet sich im
Anhang III.
1
Qualitätskriterien
des BMU/BfN (2018)
2
Status-
quo
3
Kriterium
erfüllt/
gegeben?
4
Bemerkungen/
Handlungsbedarfe
5
Zeithorizont
zur Erfüllung des
Kriteriums
1 Rahmenbedingungen
1.1 Rechtsgrundlage besteht nach
Naturschutz oder Forstrecht
1.2 Wildnis/Prozessschutz als-
Schutzzweck ist in der Rechtsgrund-
lage definiert?
1.3 Fachliche Zuständigkeit /Rechtsauf-
sicht bei Naturschutz oder Forstver-
waltung?
1.4 Eigentum in öffentlicher Hand
1.5 Größe (500 ha bzw. 1000 ha)
1.6 Abgrenzung an natürlichen Gegeben-
heiten und kompakter Zuschnitt
2 Wildnisentwicklung und Schutz der natürlichen biologischen Dynamik und Vielfalt
2.1 Natürliche Entwicklung ist nach
10 bzw. 30 Jahren möglich
3 Management
3.1 Leitbild kompatibel mit IUCN Ib bzw.
der Definition für Wildnisgebiete nach
der NBS
3.2 Managementplan für das Gebiet ist
vorhanden/in Erarbeitung
3.3 Zonierung des Gebietes in
Kern- und Entwicklungszone
3.4 Initialmanagement von max.
10 Jahre Dauer
3.5 Wildtiermanagement, keine
herkömmliche Jagd
4 Beeinträchtigende Faktoren
4.1 Besiedlung
4.2 Infrastruktur und Fragmentierung
4.3 Fischereiliche Nutzung
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_23
Langfristig wirksame Maßnahmen
zur Etablierung von Wildnisgebieten
Auf Wildnis-/Prozessschutzflächen wird der natürlichen
Entwicklung ohne den Einfluss des Menschen 100 %
Vorrang gegeben. Bauliche, nutzungsorientierte oder
landschaftspflegerische Maßnahmen sind definitionsge-
mäß nicht möglich. Die Entwicklung ist ergebnisoffen
und folgt weder einem Ziel noch einem fixen Endzustand.
Entsprechend kann jede Fläche sofort in den Prozess-
schutz entlassen werden und wird sich entsprechend
dem Ausgangszustand und einsetzender natürlicher,
ungestörter Prozesse mehr oder weniger schnell in
Richtung Wildnis verändern.
Flächen in Deutschland weisen allerdings fast immer eine
Nutzungshistorie durch den Menschen auf. Folglich finden
sich auf diesen Flächen auch Relikte und Zeugnisse ver-
gangener und/oder aktueller Nutzungen. Diese Relikte
und Zeugnisse können baulicher Art sein (Wege, Bau-
werke etc.) oder in anderer Form von (alten) Nutzungs-
aktivitäten zeugen, wie z.B. Rohstoffgewinnung, forst-
liche Nutzung, Beweidung, Fischerei etc.
Im Etablierungsprozess zu einem Wildnisgebiet oder gro-
ßen Prozessschutzflächen (größer 100 ha) muss die Frage
geklärt werden, wie mit diesen Relikten und/oder mit be-
stehenden Nutzungen umzugehen ist. Grundsätzlich kann
jede Fläche von heute auf morgen in den Prozessschutz
entlassen werden. Wenn aber mit „Wildnis“ eine Natur-
schutzstrategie verfolgt wird, die darauf abzielt, in stark
überprägten Gebieten (z.B. in einem standortfremden
Nadelholzforst) schneller eine höhere natürliche, biolo-
gische Vielfalt zu erreichen, als sie sich bei sofortiger Ent-
lassung in den Prozessschutz einstellen würde, dann kann
es sinnvoll sein, in Gebieten (Entwicklungs-) Maßnahmen
durchzuführen und die Flächen erst nach Beendigung der
Maßnahmen in den Prozessschutz zu entlassen.
An dieser Stelle sollen keine konkreten Maßnahmen
aufgelistet werden, denn letztlich hängt die Art der Maß-
nahmen stark von den lokalen Gegebenheiten ab. Die
Abbildung 8: „Unauffällige“ Verkehrssicherungsmaßnahmen im Nationalpark Bayerischer Wald. (Foto: Bieber, 2016). Potentielle Gefahrenbäume wurden
auf halber Höhe gefällt.
24_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Maßnahmen lassen sich jedoch in folgende Obergruppen
einstufen:
Waldbauliche Maßnahmen (Waldumbau)
Landschaftspflegerische Entwicklungsmaßnahmen
(z.B. Wiederansiedlung von Torfmoosen in Mooren)
Bauliche Maßnahmen (Rückbau von Infrastruktur
inklusive wasserbauliche Maßnahmen)
Wildtiermanagement
Eine Sonderstellung in Bezug auf den Prozessschutz neh-
men die immer wieder gestellten Fragen nach Maßnah-
men des Wildtiermanagements, der Verkehrssicherungs-
pflicht und dem Umgang mit Neobiota ein. Diese Themen
werden sehr konträr diskutiert, weshalb die folgenden
Erläuterungen eine Hilfestellung geben sollen:
Wildnis und Maßnahmen der
Verkehrssicherungspflicht
Selbst wenn in Zonen mit ungestörter Entwicklung und
auf ausgewiesenen Wildnispfaden das Betreten auf eigene
Gefahr erfolgt, besteht für den Verkehrssicherungspflich-
tigen eine Haftung für sog. atypische Gefahren. In jedem
Fall muss auf mögliche Gefahren hingewiesen werden,
denn Waldbesitzer sind grundsätzlich verpflichtet, „dieje-
nigen Gefahren zu beseitigen oder vor ihnen zu warnen,
die für einen durchschnittlich sorgfältigen Benutzer nicht
oder nicht rechtzeitig erkennbar sind und auf die er sich
nicht oder nicht rechtzeitig einzustellen vermag“ (zit.:
WattenDOrf et al. 2017, S. 152).
Um den Umfang der notwendigen Verkehrssicherungs-
maßnahmen in Prozessschutzgebieten in Grenzen zu
halten, sollten auch im Sinne des Prozessschutzes Wege-
netze ausgedünnt werden und Betretungsverbote für
die Zonen mit ungestörter Entwicklung ausgesprochen
werden. Als Ersatz hierfür können im Außenbereich vor-
handene Wegesysteme ausgebaut werden, die für Um-
weltbildungszwecke genutzt werden. Insgesamt sollte
ein zielführendes und mit dem Schutzzweck konformes
Wegesystem erarbeitet werden. Grundsätzlich können
Wegesicherungsmaßnahmen aber auch so ausgeführt
werden, dass für Besucher Lenkungs- und Sicherungs-
maßnahmen nicht direkt erkennbar sind. Anschaulich
zeigt dies die Abbildung 8 am Beispiel des Nationalparks
Bayerischer Wald. Hier werden an den Hauptwegen
potentielle Gefahrenbäume auf halber Höhe gefällt, die
Kronen verbleiben als „liegendes“ Totholz an Ort und
Stelle.
Wildnis und Wildtiermanagement
Als Begründung für die Regelungsbedürftigkeit vermeint-
lich problematischer Populationsdichten (hier sind i.d.R.
Paarhufer gemeint) in Wildnisgebieten werden vor allem
zwei Argumente angeführt:
1. Bei überhöhter Populationsdichte könnte das Entwick-
lungsziel „Prozessschutz“ gefährdet sein.
2. Nicht gemanagte Wildtierpopulationen können Schä-
den in der umliegenden Kulturlandschaft anrichten
und damit die Akzeptanz des ausgewiesenen Wildnis-
gebietes vermindern.
In den mit den Länderfachbehörden abgestimmten Quali-
tätskriterien für Wildnisgebiete des BMU/BfN (2018) wird
„Wildtiermanagement“ (Kriterium 3.5) wie folgt definiert:
„Herkömmliche Jagd findet im Wildnisgebiet nicht statt.
Ein Wildtiermanagement kann bei Huftierarten aus natur-
schutzfachlicher Notwendigkeit oder zur Vermeidung von
Schäden angrenzender land- und forstwirtschaftlich ge-
nutzter Gebiete stattfinden. ….“ (siehe Anhang III). Not-
wendigkeit und Methoden des Wildtiermanagements sind
im Managementplan für das Wildnisgebiet beschrieben
und werden regelmäßig hinsichtlich Effektivität und weite-
rer Notwendigkeit überprüft.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_25
Hinsichtlich des Zeithorizontes werden folgende Aussagen
für das Qualitätskriterium 2.1: „Schutz der natürlichen
Entwicklung“ gemacht: „Das Wildnisgebiet hat die Voraus-
setzung dafür, dass auf der gesamten Fläche spätestens
nach Ablauf von in der Regel 10, in Ausnahmefällen bis zu
30 Jahren seit Einrichtung des Wildnisgebiets ausschließ-
lich natürliche Prozesse wirken. Es findet danach keine
Steuerung der Entwicklung durch menschliche Eingriffe
mehr statt.“
Da die Wirkung von Wildnisgebieten in die umgebende
Kulturlandschaft, auch vor dem Hintergrund des Nach-
barschaftsrechtes und der Berücksichtigung von Akzep-
tanz ernst zu nehmen ist, liegt es nahe, in Management-
strategien auch das Umfeld des Wildnisgebietes einzube-
ziehen. Hierzu bieten sich auf Partizipation setzende Me-
thoden an, wie sie auch im Zuge des KLIMWALD-Projektes
in einem anderen – aber durchaus übertragbaren Kontext
– erfolgreich angewandt wurden (GODt 2018).
Vor dem Hintergrund der Akzeptanzsteigerung und aktuell
dringender Regelungsbedarfe (Schäden in der umgeben-
den Kulturlandschaft, nahende Afrikanische Schweinepest
etc.) besteht auf diesem Feld erheblicher Forschungs- und
Entwicklungsbedarf. Sollte die Reduzierung von Wildtier-
populationen in Wildnisgebieten (bzw. in der Entwick-
lungszone) als unabdingbar erachtet werden, sind keine
herkömmlichen Bejagungsmethoden, sondern ausschließ-
lich dem Entwicklungsziel dienende, einerseits effektive
und andererseits möglichst minimal störende Methoden,
wie z.B. Bewegungsjagden, anzuwenden.
Wildnis und Neobiota
Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Durchführung
der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 über invasive gebiets-
fremde Arten (EU-IAS-verOrDnUnG 2014) am 09.09.2017,
wurde am 16.09.2017 auch das BNatSchG angepasst. Ins-
besondere der § 40 mit seinen Ergänzungen ist für Pro-
zessschutzgebiete von Relevanz, denn gemäß Art. 7 (2)
der EU-IAS-Verordnung sollen alle Schritte unternommen
werden, um die Ausbreitung invasiver gebietsfremder
Arten zu verhindern. In der frühen Phase ihrer Ausbreitung
sind invasive Arten sofort zu beseitigen (Art. 17 (1)). Für
bereits weit verbreitete (etablierte) invasive Arten sind
Managementmaßnahmen durchzuführen (Art. 19).
26_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Als initiale Maßnahmen auf Flächen, die später in den
Prozessschutz entlassen werden sollen, sind Manage-
mentmaßnahmen für invasive Arten gemäß EU-IAS-
Verordnung und BNatSchG also unbedingt durchzufüh-
ren. Diese Maßnahmen dienen der Beseitigung, der Popu-
lationskontrolle oder Eindämmung der Arten. Sie sollen
in einem angemessenen Verhältnis zu den Auswirkungen
auf die Umwelt (Risikoanalyse) stehen und sich auf eine
Kosten-Nutzen-Analyse (Kostenwirksamkeit) stützen.
Weiter sind sie von den für Naturschutz und Landschafts-
pflege zuständigen Behörden festzulegen (§ 40e BNat-
SchG).
Entsprechend der EU-IAS-Verordnung wären also auch in
Wildnisgebieten- und großen Prozessschutzflächen inva-
sive Arten zu bekämpfen. Bisher wurde laut WattenDOrf et
al. (2017) z.B. in den Kernzonen deutscher Biosphären-
reservate (BR) mit der Thematik unterschiedlich umge-
gangen. In Kernzonen einiger BR wurden keine dauerhaf-
ten Maßnahmen gegen Neobiota durchgeführt mit der
Begründung, dass es sich um prozessgeschützte Kernzo-
nen mit offenem Entwicklungsergebnis handelt. Nachdem
seit September 2017 die EU-IAS-Verordnung auch Ein-
gang in die Bundesnaturschutzgesetzgebung gefunden
hat, wird sich der Umgang mit diesem Thema auch auf
prozessgeschützten Flächen ggf. ändern. Eine Einschät-
zung dazu kann hier nicht gegeben werden.
Besonders wichtig wird in in diesem Zusammenhang
die erwähnte Risiko- und Kosten-Nutzen-Analyse. Es
mag sein, dass man für bestimmte Flächen zum Ergebnis
kommt, sie (1) gar nicht erst in den Prozessschutz zu
entlassen, oder (2) diese Flächen bei der Zonierung von
Gebieten aus Zonen mit ungestörter Entwicklung von
vornherein auszugrenzen. Eine dritte Option, nämlich die
Nicht-Bekämpfung der betreffenden Arten mit dem
Wunsch, das Verhalten/die Ausbreitung der Arten in pro-
zessgeschützten Bereichen wissenschaftlich beobachten
zu wollen, muss ggf. gesondert behandelt werden.
Welche Arten von der Verordnung und dem Gesetz betrof-
fen sind, geht aus der Unionsliste der EU hervor sowie
aus vier nationalen Listen: Aktions-, Management-, Hand-
lungs- und Beobachtungsliste (siehe dazu: https://
neobiota.bfn.de/invasivitaetsbewertung.html).
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_27
Naturschutzfachliche Analyse
potenzieller Wildnisgebiete
Warum eine naturschutzfachliche
Analyse?
Es ist in der Auswahl von Wildnispotenzialgebieten vorder-
gründig unerheblich, ob der Istzustand „weit“ von dem
gedachten Zustand einer langfristigen Entwicklung ohne
Einfluss des Menschen entfernt ist. Somit bedarf es in
Bezug auf das Ziel aus rechtlichen Gründen vorerst i.d.R.
keiner naturschutzfachlichen Einschätzung des Potenzial-
gebietes.
Dennoch ist eine naturschutzfachliche Analyse geboten,
weil die seriös aus naturschutzfachlichen Einschätzungen
prognostizierte Weiterentwicklung des Gebietes eine
wichtige Grundlage für ggf. initial einzuleitende Maßnah-
men darstellt. Weiterhin hat die fundierte Prognose Aus-
wirkungen auf die Ausgestaltung von naturschutzfachlich
begründeten Maßnahmen im Umfeld (z.B. Biotopvernet-
zungsstrukturen (§ 21 BNatSchG)). Die Kenntnis von jetzi-
gen und zukünftigen Flächenanteilen naturschutzfachlich
wichtiger Lebensraumtypen (FFH-Recht) spielt eine wich-
tige Rolle in der Verfolgung regionaler oder überregionaler
Naturschutzstrategien (z.B. Handhabung der Eingriffs-/
Ausgleichsregelung zur Vernetzung von Lebensräumen).
Somit ist vor dem Hintergrund umfassender Planung eine
naturschutzfachliche Einschätzung des Potenzialgebietes
letztlich doch geboten.
Wann gelten die Mindestkriterien
für Wildnisgebiete als erfüllt?
Die Mindestkriterien für Wildnis berufen sich auf die schon
eingangs genannte Definition von Wildnis nach fincK et al.
(2013) und auf die zwischen den Länderfachbehörden und
dem BMU/BfN abgestimmten Qualitätskriterien (BMU/
BfN 2018). Wildnisgebiete und große Prozessschutzflä-
chen sind frei von dauerhaften menschlichen Siedlungen,
28_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
öffentlicher Infrastruktur (Straßen, Schifffahrtswegen,
Bahntrassen etc.), störenden Leitungstrassen oder Anla-
gen zur Energiegewinnung und Rohstoffabbau. Um eine
ungestörte, natürliche Entwicklung innerhalb des Gebiets
zu gewährleisten, sollte auch ein gewisser Mindestabstand
zu menschlicher Infrastruktur eingehalten werden. Diese
kann durch lärm-, licht-, und luftgetragene Immissionen
die natürliche Entwicklung innerhalb eines Wildnisgebiets
beeinträchtigen. Der Mindestabstand hängt dabei maß-
geblich von der Topographie, der Vegetationsbedeckung
des Wildnisgebiets und der Art der angrenzenden
menschlichen Infrastruktur ab, wie z.B. dem Verkehrs-
aufkommen einer Straße oder der Siedlungsdichte (z.B.
Stadtgebiet vs. alleinstehender Bauernhof).
Die im Folgenden angeführten Mindestabstände sollen
daher als Richtwerte fungieren, die den örtlichen Gege-
benheiten anzupassen sind und folglich eine literaturge-
stützte Festsetzung darstellen. Für Gebiete, die an Infra-
struktur mit einer hohen Verkehrs- oder Siedlungsdichte
(Autobahnen und Städte) angrenzen, schlagen rOSen-
tHal et al. (2015) einen Mindestabstand von 250 m vor.
Bei weniger dicht befahrenen bzw. besiedelten Landstra-
ßen und Dörfern kann ein Abstand von 50 m ausreichend
sein, der z.B. die Bildung eines natürlichen, negative Ein-
flüsse abschirmenden Waldrandes ermöglicht (HeUvelDOp
& BrüniG 1976). Im Allgemeinen wirken negative mensch-
liche Einflüsse tiefer in Offenlandlebensräume als in
Waldlebensräume ein.
29
Ausgewählte Mindestkriterien bei Wildnisgebieten
Abb. 9: Ausgewählte Mindestkriterien bei Wildnisgebieten
Wildnisgebiete i.S.d. NBS sollen eine Mindestgröße von 1.000 ha nicht unterschreiten (für Ausnahmefälle siehe
Punkt 2). In einer möglichst kompakten Fläche (niedrige Umfang-Flächen-Relation) können negative Randeffekte
minimiert werden.
Potenzialgebiete mit großen Anteilen einer azonalen Lebensraumausstattung, wie etwa Auwälder entlang von
Flüssen oder Moorgebiete, erfüllen ab 500 ha die Mindestgröße für ein Wildnisgebiet. Ausnahmeregelungen können
aber auch für andere Wildnistypen Anwendung finden. So können bei Vorliegen besonderer naturräumlicher, eigentums-
rechtlicher oder schutzgebietsspezifischer Gründe auch Flächen in Wäldern, ehemaligen Truppenübungsplätze oder
Bergbaufolgelandschaften mit einer Größe von 500 – 1.000 ha als Wildnisgebiete im Sinne der NBS eingestuft werden.
30_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Große Prozessschutzflächen gemäß den Festlegungen für dieses Projekt mit Bezug auf Naturparke sind mindes-
tens 100 ha groß. Sie sind zu klein für eine Anrechnung zum 2 %-Ziel. Waldgebiete oder Gebiete, in denen von einer
zukünftigen Bewaldung auszugehen ist (z.B. ehemalige Truppenübungsplätze, Bergbaufolgelandschaften oder ehe-
malig landwirtschaftlich genutzte Flächen), gehen aber in das 5 %-Ziel der natürlichen Waldentwicklung ein.
Auch kleinere Flächen können ökologisch wertvoll sein, z.B. als Trittsteinbiotope für auf natürliche Prozesse
angewiesene Arten. Sie können je nach den vorherrschenden Sukzessionsphasen in einem Netzwerk von Prozess-
schutzflächen für Metapopulationen gefährdeter Arten der Naturlandschaft dienen, oftmals sind dies stenöke
Arten. Ab einer bewaldeten Flächengröße von 0,3 ha zählen sie zum 5 %-Ziel der Natürlichen Waldentwicklung
(siehe auch enGel et al. 2016).
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_31
Die Vernetzung von Prozessschutzgebieten ist besonders wichtig, da in Abhängigkeit von Alterungsprozessen
oder natürlichen Störungen unterschiedliche Entwicklungsphasen in einem Prozessschutzgebiet vorherrschen kön-
nen. Durch die Vernetzung können z.B. Pionierarten aus Wildnisgebiet A in das Wildnisgebiet B wandern, wenn die
Entwicklungsdynamik in Wildnisgebiet A voranschreitet und sich die Habitatstruktur in der Folge ändert. Idealer-
weise kann durch ein solches Netzwerk auch mit den eher kleinen Prozessschutzflächen in Deutschland eine natürli-
che Mosaikphasendynamik abgebildet werden und Raum für die ökosystemtypische Biodiversität auf allen Skalen-
ebenen sichergestellt werden. Das BfN, Forstverwaltungen, Bundesländer und Naturschutzorganisationen haben
Konzepte für die Wiedervernetzung von Ökosystemen oder Populationen auf Landschaftsebene erarbeitet, wie z.B.
durch Wildtierkorridore oder integrative Waldbewirtschaftungskonzepte. Auf lokaler Ebene ist v.a. die Landnutzung
zwischen den einzelnen Prozessschutzflächen von Relevanz: Während Siedlungen, Straßen und intensiv genutzte
landwirtschaftliche Flächen den Austausch von Arten zwischen zwei Prozessschutzgebieten verhindern oder stark
erschweren, können extensiv genutzte Flächen zwischen zwei Prozessschutzgebieten zur Bildung eines ökologi-
schen Funktionsraumes beitragen, in dem der Austausch von Arten möglich ist (Hänel 2007).
Ein Wildnisgebiet oder eine große Prozessschutzfläche ist frei von jeglicher durch den Menschen geprägte Infra-
struktur. Das gilt nicht nur für Straßen, sondern z.B. auch für Leitungstrassen oder Gaststätten, die innerhalb des
Gebiets liegen. Das Vorhandensein von Forstwegen und anderer kleinflächiger menschlicher Infrastruktur ist im
Normalfall unproblematisch, da diese vor der Ausweisung zum Wildnisgebiet zurückgebaut oder der natürlichen
Sukzession überlassen werden können.
Als Abstand zwischen einem Wildnisgebiet bzw. einer großen Prozessschutzfläche und vielbefahrenen Autobah-
nen, Bundes- und Kreisstraßen (>1.000 Fahrzeuge/Tag), Bahntrassen oder größeren Siedlungen und Industrie-
gebieten wird ein Richtwert von 250 m empfohlen (rOSentHal et al. 2015). Allerdings haben Faktoren wie die
Topographie, die Vegetationsbedeckung und Artenzusammensetzung im Umfeld Auswirkungen auf die Wirkdistanz
negativer anthropogener Effekte. Je nach den örtlichen Faktoren ist der Abstand zu anthropogener Infrastruktur
abzuwägen und der Richtwert kann über- oder unterschritten werden.
Als Abstand eines Wildnisgebiets zu weniger befahrenen Landstraßen, kleineren Siedlungen, landwirtschaftlichen
Betrieben oder sonstiger, weniger störender Infrastruktur können 50 m ausreichend sein. Innerhalb dieser
Distanz kann sich ein natürlicher Waldrand, der negative Randeffekte abschirmt, ausbilden, bzw. in einer Pflege-
oder Entwicklungszone erhalten werden (HeUvelDOp & BrüniG 1976).
Naturschutzfachliche Analyse von
Wildnisgebieten und großen Prozess-
schutzflächen
Jedes Gebiet, welches die Mindestkriterien der NBS und
die Qualitätskriterien des BMU und Bfn erfüllt, kann als
Wildnisgebiet oder große Prozessschutzfläche anerkannt
werden. Manchmal stehen den verantwortlichen Institutio-
nen mehrere Abgrenzungsvarianten oder gar Gebiete zur
Verfügung. Im Folgenden werden Kriterien zur natur-
schutzfachlichen Analyse potenzieller Wildnisgebiete und
großer Prozessschutzflächen vorgestellt, die zu einer
transparenten und auch aus naturschutzfachlicher Sicht
sinnvollen Auswahl geeigneter (Teil-) Flächen führen soll.
Durch die naturschutzfachliche Analyse können außer-
dem Maßnahmen für einen Managementplan abgeleitet
werden. Im Gegensatz zur Analyse eines Ausgangszu-
stands ist eine naturschutzfachliche Bewertung, die den
Ausgangszustand A eines Potenzialgebietes mit einem
prognostizierten Endzustand B vergleicht, hingegen nicht
oder nur nach sehr langen Zeiträumen möglich. Denn
Prozessschutz ist letztlich ergebnisoffen und das Gebiet
befindet sich nie in einem statischen Zustand, sondern
ist vielmehr fortwährend einer dynamischen Entwicklung
unterworfen.
Die im Folgenden vorgeschlagenen Kriterien haben zum
Ziel, die Analyse von Wildnisgebieten und großen Prozess-
schutzflächen sowohl qualitativ (z.B. im Rahmen einer
Gebietsbegehung durch eine(n) ExpertIn), als auch quan-
titativ (z.B. durch Geographische Informationssysteme)
zu ermöglichen. Mithilfe der so gewonnenen Informatio-
nen können dann sowohl Aussagen über das gesamte
Potenzialgebiet („Ist das untersuchte Gebiet das am
besten geeignete unter den zur Verfügung stehenden
Potenzialflächen?“) erfasst, als auch mögliche konkrete
Initialmaßnahmen, wie Waldumbau- oder Renaturierungs-
maßnahmen, für einen Managementplan formuliert wer-
den (z.B. Entnahme von gebietsfremden Arten) (s. auch
Beispiele S. 38 ff.).
32_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Tabelle 5: Einschätzung der Naturnähe von Waldgebieten (nach der 2. Bundeswaldinventur modifziert durch reif et al. 2005)
Naturnähe-Stufe Indikatoren
ISehr naturnah Alle Hauptbaumarten der natürlichen Waldgesellschaft vorhanden;
ihr Bestockungsanteil in der Summe 50%
Anteil der Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft 90 %
Anteil der außereuropäischen Baumarten 10 %
II Naturnah > 50 % der Hauptbaumarten der natürlichen Waldgesellschaft vorhanden;
ihr Bestockungsanteil in der Summe 33 %
Anteil der Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft 80 %
III Eingeschränkt naturnah Bestockungsanteil der Hauptbaumarten in der Summe 25 %
Anteil der Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft 75 %
IV Bedingt naturnah Anteil der Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft zwischen 50 % und 75 %
VKulturbetont Anteil der Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft zwischen 25 % und 50 %
VI Kulturbestimmt Anteil der Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft 25 %
Kriterien
(1) Naturnähe
Das Kriterium „Naturnähe“ überprüft die Übereinstim-
mung der aktuellen Landbedeckung (Ist-Zustand) mit der
potenziell natürlichen Landbedeckung. Naturnahe Aus-
gangsbedingungen, im Sinne einer ursprünglichen Arten-
zusammensetzung, erhöhen die Wahrscheinlichkeit der
Beibehaltung bzw. Entwicklung standortangepasster
Biozönosen und Ökosysteme (CHytrý et al. 2009). Wir
schlagen für Waldgebiete eine Methode auf der Grund-
lage des Abgleichs der realen Bestockung mit der poten-
ziell natürlichen Baumartenzusammensetzung vor
(Naturnähe I), sowie alternativ eine Methode, die den
menschlichen Einfluss (Hemerobie) auf ein Gebiet misst
(Naturnähe II) und auch für nicht bewaldete Ökosyste-
me genutzt werden kann.
(1a) Naturnähe I: Aktuelle vs. potenzielle
natürliche Vegetation (pnV)
Das Kriterium Naturnähe I vergleicht die aktuelle Besto-
ckung einer Bestandeseinheit mit der potenziell natür-
lichen Vegetation (pnV) der relevanten Fläche. Die pnV
ist hier als der Zustand der Vegetation definiert, den
man ohne jede menschliche Eingriffe nur aufgrund der
standörtlichen Bedingungen erwarten würde (Tüxen
1956). Das Naturnähe Kriterium I kann in einem Potenzial-
gebiet sowohl durch Experten (DierScHKe 1994), als
auch durch einen Abgleich vorhandener Datensätze wie
z.B. den Ergebnissen der Bundeswaldinventuren und
pnV-Geodatensätzen eingeschätzt werden (SUcK et al.
2010, 2013, 2014a, 2014b). Da der nationale Datensatz
zur pnV (1: 500.000) sehr grob ist, ist die Verwendung
höher aufgelöster Datensätze (z.B. „Standortswald“ in
Baden-Württemberg) zu präferieren. Die hier dargestellte
Definition der Naturnähe-Stufen erfolgt in Anlehnung
an reif et al. (2005; Tab. 5).
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_33
Tabelle 6: Zuordnung von Landnutzungsformen einer Hemerobiestufe (nach Stein & Walz 2012)
Hemerobiestufe Landnutzungsform nach ATKIS Digitales Basis-Landschaftsmodell
ahemerob
– nicht kulturbeeinflusst Felsen, Felsblock, Felsnadel; Schnee; Eis und Firn; Geröll
oligohemerob Moor, Moos; standortgerechter Wald; Sumpf, Ried; Watt; Sand; Sandbank;
– schwach kulturbeeinflusst Düne
mesohemerob Streuobstwiese; standortfremder Wald; Heide; Gehölz; Brachland; Baumreihe;
– mäßig kulturbeeinflusst Hecke, Knick
β-euhemerob Grünanlage; Grünland; Wald in Ortslagen; Seen; Strom, Fluss, Bach; Damm,
– mäßig-stark kulturbeeinflusst Wall, Deich
α-euhemerob Acker; Gartenland; Sonderkultur; Friedhof; Gärtnerei; Sport-, Golfplatz;
– stark kulturbeeinflusst Spielfeld, Spielfläche
Wohnbaufläche (offene Bebauung); Fläche gemischter Nutzung (offene
Bebauung); Fläche besonderer funktionaler Prägung (offene Bebauung);
polyhemerob Freizeitanlage; Campingplatz; Tagebau; Deponie; Kläranlage; Zoo;
– sehr stark kulturbeeinflusst Freizeitpark, Halde, Aufschüttung; Hauptwirtschaftsweg; Wirtschaftsweg;
Bahnstrecke; Bahnhofsanlage; Flughafen; Hafen; Kanal, vegetationslose
Fläche (der pnV nicht entsprechend)
metahemerob
– übermäßig stark kulturbeeinflusst
– Biozönose zerstört
Wohnbaufläche (geschlossene Bebauung); Industrie- und Gewerbefläche;
Fläche gemischter Nutzung (geschlossene Bebauung); Fläche besonderer
funktionaler Prägung (geschlossene Bebauung); Bauwerke; vollständig
versiegelte Flächen z. B. Straßenkörper; Fahrbahn; Rollbahn; Vorfeld
1 (b) Naturnähe II: Hemerobie
Hemerobie ist ein Maß für den menschlichen Kulturein-
fluss auf Ökosysteme (vgl. KOWariK 1999). Die Einteilung in
Hemerobiestufen (vgl. Tab. 6) ist v.a. in Gebieten mit einer
heterogenen Vegetationsbedeckung bzw. Landnutzung
sinnvoll, vor allem dort, wo Wälder zum Zeitpunkt der na-
turschutzfachlichen Analyse nicht der dominierende
Landschaftstyp sind. Das gilt auch für Flächen wie alpine
Gebirgslandschaften oder Bergbaufolgelandschaften.
Einer nicht gefluteten Bergbaufolgelandschaft würde z.B.
je nach Sukzessionsstadium die Hemerobiestufe
mesohemerob (Brachland), oder, wenn eine Besiedlung
durch standortgerechte Pioniergehölze bereits stattge-
funden hat, die Hemerobiestufe oligohemerob (standort-
gerechter Wald) zugeteilt. In Anlehnung an Stein & Walz
(2012) wurde für das Fallbeispiel „NSG Lutter“ im Natur-
park Südheide eine Einteilung in Hemerobiestufen durch-
geführt (siehe nachfolgendes Bsp. Abb. 10, vgl. auch JeDi-
cKe 2003)
34_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_35
(2) Habitattradition
Unter Habitattradition wird hier die zeitliche Konstanz
einer Biozönose einschließlich ihrer aktuellen Artenzu-
sammensetzung sowie ihres Totholzanteiles und Struk-
turangebots verstanden. Es soll insbesondere eine Ein-
schätzung stattfinden, inwiefern die ursprüngliche Arten-
zusammensetzung in der Potenzialfläche überdauern
konnte und so eine Quellpopulation für das potenzielle
Wildnisgebiet oder die große Prozessschutzfläche
besteht (Tab. 7).
Tabelle 7: Wertstufen zur Einschätzung der Habitattradition eines Potenzialgebietes
Wertstufe Indikator
I
Die Lebensgemeinschaft weist eine historisch dauerhaft durchgängige ursprüngliche Artenzusam-
mensetzung (im Wald inkl. Bestockung) auf, eine menschliche Nutzung hat nie stattgefunden oder
war ohne maßgeblichen Einfluss auf die entsprechende Biozönose (Bsp.: „Ursprüngliche Wildnis“,
intaktes Hochmoor, Hochgebirgsstandort)
II
Die Lebensgemeinschaft weist eine historisch dauerhaft durchgängige naturnahe Artenzusam-
mensetzung auf, eine nachhaltige menschliche Nutzung hat stattgefunden oder findet nach wie
vor statt (Bsp.: Naturnaher Buchenbestand)
III
Die Artenzusammensetzung der Lebensgemeinschaft hat sich im Laufe der Zeit durch menschli-
che Nutzung verändert, die Formation ist historisch dauerhaft durchgängig gleich geblieben (Bsp.:
Standortsfremde Bestockung, „Fichtenforst“)
IV
Die Lebensgemeinschaft, ihr Standort und ihre Artenausstattung, wurden im Laufe der Zeit durch
menschliche Nutzung völlig umgestaltet (Bsp.: Torfabbaugebiet, Bergbaufolgelandschaft, Sied-
lung, intensiv landwirtschaftlich genutzte Fläche)
36_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Tabelle 7: Wertstufen zur Einschätzung der Habitattradition eines Potenzialgebietes
(3) Vollständigkeit
Das Kriterium Vollständigkeit steht für das Potenzial, dass
innerhalb eines Gebietes alle ökosystemtypischen Prozesse
stattfinden können und gewährleistet ist, dass die entspre-
chende Biodiversität auf allen Skalenebenen Raum findet.
Es wird über die Größe einer Potenzialfläche erfasst
(Tab. 8).
(4) Vorkommen von Arten ungestörter Lebensräume
Das Vorkommen von Arten ungestörter Lebensräume, wie
z.B. Schwarzstorch
(Ciconia nigra)
, Luchs
(Lynx lynx)
oder
Wildkatze
(Felis sylvestris)
, weist auf (groß-) räumliche
und strukturelle Eigenschaften der Potenzialfläche oder
ihrer Teilflächen hin, die eine besondere Wertigkeit für den
Prozessschutz darstellen.
(5) Vorkommen von Arten dynamischer Lebensräume
Das Vorkommen von Arten dynamischer Lebensräume,
wie z.B. Uferschwalbe
(Riparia riparia)
, weist auf Eigen-
schaften und Prozesse einer besonderen natürlichen
Dynamik in der Potenzialfläche oder ihrer Teilflächen hin,
die aufgrund ihrer Seltenheit in der heutigen Kulturland-
schaft eine besondere Wertigkeit für den Prozessschutz
darstellen.
Tabelle 8: Zuordnung der Potenzialflächen zu verschiedenen Größenklassen und funktionalen Landschaftsebenen
Wertstufe Größenklassen (ha) Begründung
I 100 – 500 Phasendynamik kann stattfinden, Raumansprüche von vielen Arten
der Makrofauna erfüllt.
II 500 – 1000 Dynamik großräumiger Prozesse kann stattfinden.
III 1000 – 3000 Dynamik großräumiger Prozesse kann stattfinden, Resilienz der
Biozönosen auf Landschaftsebene gewährleistet.
IV 3000 – 10 000 Mindestgröße der Wild Europe Initiative ist erfüllt.
V > 10 000 Empfohlene Größe der Wild Europe Initiative, Raumansprüche vie-
ler Großsäuger sind erfüllt.
WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN_37
Wildnis in Offenland und Feuchtgebieten –
Das Naturschutzgebiet Lutter im Naturpark Südheide
Abb. 10: Die obige Karte zeigt das Naturschutzgebiet
Lutter eingeteilt in die jeweiligen Hemerobiestufen.
Oligohemerobe Landbedeckungstypen in dem Gebiet
sind v.a. Moore und standortgerechte Wälder, wäh-
rend die mesohemeroben Gebiete durch standorts-
fremde Wälder und Brachland geprägt sind. β-euhe-
merobe Flächen sind von (extensiv beweidetem)
Grünland und Gewässern dominiert.
Der Naturpark Südheide wurde 1964 gegründet und
zählt damit zu den älteren Naturparken in Deutsch-
land. Im Jahr 1989 wurde im Zuge der Förderung des
Naturschutzgroßprojektes „Lutter“ damit begonnen,
das gleichnamige Naturschutzgebiet auszuweisen, ein
sich in den Landkreisen Celle und Gifhorn (hier außer-
halb des Naturparks) erstreckendes, weit verzweigtes
Fließgewässersystem mit naturnahen Heidebächen,
Auen- und Bruchwäldern, Mooren, Sümpfen und Quell-
bereichen (www.naturpark-suedheide.de). Darüber
hinaus wurden dem NSG auch durch Land- und Forst-
wirtschaft geprägte naturfernere Flächen angegliedert,
die nun nach und nach aus der Nutzung genommen
werden.
38_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Bei Ackerflächen geschieht das durch Stilllegung, Wei-
den werden heute noch extensiv beweidet und müss-
ten künftig aus der Nutzung entlassen werden. In den
aus den Aufforstungen von Heideflächen hervorgegan-
genen Wirtschaftswäldern aus Fichte und Kiefer wer-
den Waldumbaumaßnahmen betrieben, um den Wald
vor dem Entlassen in den Prozessschutz in einen na-
turnahen Zustand zu überführen. Dies bedeutet, dass
die Einstufung in Hemerobiestufen einem schnellen
zeitlichen Wandel unterworfen sein kann und sich
diese damit ändern werden. So werden viele ehemalige
Ackerbrachen im NSG Lutter heute bereits durch
standortgerechte Pioniergehölze besiedelt und ma-
chen eine Entwicklung hin zu einer naturnahen Vegeta-
tionsbedeckung bzw. sekundären Wildnis durch.
Die Fischereirechte für die Gewässer im NSG liegen bei
der Unteren Naturschutzbehörde. Die Fischerei wird
im NSG nicht mehr ausgeübt. Allerdings kann eine
jagdliche Regulierung der Rotwildbestände, sowie von
invasiven Neozoen wie Nutria
(Myocastor coypus
) und
Marderhund
(Nyctereutes procyonoides)
, stattfinden.
Auch Wildtierregulation für die Abwendung von Schä-
den auf angrenzenden Flächen oder aus naturschutz-
fachlichen Gründen kann in einem Prozessschutzge-
biet notwendig sein (vgl. Kapitel „Wildnis und Wildtier-
management“). Gemäß Bundesnaturschutzgesetz
§ 40 (3) sind die zuständigen Behörden zudem ange-
halten, Maßnahmen zu ergreifen, um die Verbreitung
von nichteinheimischen oder invasiven Arten zu ver-
hindern (vgl. Kapitel „Wildnis und Neobiota“).
Eine wirksame Bekämpfung von im NSG fest etablier-
ten invasiven Neobiota wie dem Drüsigen Springkraut
(Impatiens glandulifera)
, Spätblühender Trauben-
kirsche
(Prunus serotina)
und dem Japanischen Stau-
denknöterich
(Fallopia japonica)
ist in Wildnisgebieten
nicht vorgesehen. Eine Bekämpfung von Neobiota bei
initialen Ansiedlungen kann als zeitlich limitierte Initial-
maßnahme auf der Basis eines Managementplans
möglich oder erforderlich sein, falls durch die Neobiota
der Bestand einheimischer Arten bedroht ist. Ist eine
nachhaltige Bekämpfung von invasiven Neobiota lang-
fristig geplant, ist das entsprechende (Teil-)gebiet
daher einer Entwicklungszone zuzuordnen.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_39
Prozessschutz in Wäldern – Der Naturpark Schönbuch
Der Naturpark Schönbuch wurde 1972 gegründet und
ist damit der älteste Naturpark Baden-Württembergs.
Die ca. 15.600 ha Naturparkfläche besteht zu 86 %
aus Wald (64 %Laubwald und 36 % Nadelwald) und zu
13 % aus landwirtschaftlich genutzten Flächen (1 %
sonstige Landnutzung). Die alten, totholzreichen Laub-
wälder des Schönbuchs bieten v.a. den Spechten
vielfältige Lebensräume. Sieben der neun heimischen
Spechtarten sind im Schönbuch heimisch, darunter
der Schwarzspecht und der Mittelspecht. Naturpark-
träger ist das Land Baden-Württemberg, vertreten
durch das Regierungspräsidium Tübingen und
22 Gebietskörperschaften (4 Landkreise, 18 Natur-
parkgemeinden).
Der Großteil der Naturparkfläche befindet sich in
Landesbesitz (63 %), gefolgt von Gemeinde- (34 %)
und Privatbesitz (3 %). Auf ca. 90 % der Waldfläche
wird heute Forstwirtschaft betrieben, ca. 10 % sind
dauerhaft aus der Nutzung genommen und z.B. als
Bannwälder ausgewiesen (www.naturpark-schoen-
buch.de). Neben drei schon bestehenden Bann-
wäldern mit einer Gesamtfläche von 101 ha ist ein
weiterer Bannwald „Falkenkopf“ (130 ha) in Planung.
Dieser soll als Fallbeispiel für die nachfolgende
naturschutzfachliche Analyse dienen; diese wurde
quantitativ-räumlich mithilfe eines GIS durchgeführt.
Naturschutzfachliche Analyse des
potenziellen Bannwaldes „Falkenkopf“
Im potenziellen Bannwald „Falkenkopf“ wurde eine
naturschutzfachliche Analyse anhand eines neu entwi-
ckelten Punktesystems durchgeführt. Mit der ange-
wendeten Bewertungsmethode konnte ein Bestand
innerhalb des Potenzialgebiets bis zu 36 Punkte er-
halten. Die einzelnen Kriterien wurden dabei wie
folgt gewichtet: Naturnähe (I oder II) = max. 8 Punkte,
Habitattradition = max. 8 Punkte, Vollständigkeit =
max. 8 Punkte, Vorkommen von Arten ungestörter
Lebensräume = max. 6 Punkte, Vorkommen von Arten
dynamischer Lebensräume = max. 6 Punkte. Am Ende
erhielt jede Bestandeseinheit, je nachdem wie gut die
Kriterien erfüllt wurden, zwischen 0 und 36 Punkte
und wurde anhand von drei Wertstufen (eingeschränk-
tes Entwicklungspotenzial, gutes Entwicklungspoten-
zial, hervorragendes Entwicklungspotenzial) einge-
schätzt. Durch die Einteilung in Wertstufen konnten
dann direkte Maßnahmen für einen Management-
plan abgeleitet werden (Abb. 11). Die detaillierte
Herleitung der Methodik (inklusive zur Gewichtung
der Kriterien) ist im Gesamtbericht des F+E-Vor-
habens erläutert.
40_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Abb. 11: Naturschutzfachliche Analyse des potenziellen Bannwalds "Falkenkopf"
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_41
Wildnis im Moor – Der Naturpark Hümmling und der Internationale Naturpark
Bourtanger Moor - Bargerveen
Der Naturpark Hümmling und der Internationale Na-
turpark Bourtanger Moor - Bargerveen liegen im Wes-
ten Niedersachsens und haben einen gemeinsamen
Träger. Der Naturpark Hümmling befindet sich im
Landkreis Emsland, er wurde 2015 als Naturpark aner-
kannt und erstreckt sich über eine Fläche von 576 km².
Der Internationale Naturpark Bourtanger Moor -
Bargerveen liegt im Regionendreieck der Landkreise
Emsland, der Grafschaft Bentheim sowie der nieder-
ländischen Provinz Drenthe. Er bedeckt 140 km² und
wurde 2006 zum Naturpark erklärt (www.huemmling.
de; www.naturpark-moor.eu). Flächen beider Natur-
parke waren ursprünglich Teile der größten zusam-
menhängenden Hochmoore Mitteleuropas. Seit dem
19. Jh. wurden diese durch Entwässerung und Torfab-
bau, Besiedlung und Umwandlung in landwirtschaftli-
che Flächen kultiviert. Nachdem der Wert der hochsen-
siblen Moorökosysteme erkannt worden ist, wurden
enorme Anstrengungen zur Erforschung der Wieder-
herstellbarkeit von Hochmoorlebensgemeinschaften
unternommen. Schutzgebiete entstanden, Wieder-
vernässungsmaßnahmen zur Renaturierung geschä-
digter Moore wurden eingeleitet und auf Flächen in
öffentlicher Hand wurde die Folgenutzung nach Teil-
abtorfung von „Landwirtschaft“ in „Naturschutz“
geändert. Die Abbaugenehmigungen laufen in den
nächsten Jahren nach und nach aus. Durch Wieder-
vernässung soll eine größtmögliche Annäherung an
Lebensgemeinschaften der Hochmoore erreicht
werden und damit Sekundär-Lebensräume für wild-
wachsende Pflanzen und Tiere geschaffen werden.
Zukünftig stellen diese Flächen Potenzialflächen für
„sekundäre“ Wildnisgebiete dar. Als Ziel in seinem
Naturparkplan formuliert, möchte der Naturpark
Hümmling Ruhezonen zum Schutz störanfälliger
Lebensgemeinschaften erhalten. In diesem Rahmen
könnte ein Wildnisgebiet innerhalb eines bestehen-
den Naturschutzgebietes entwickelt werden. In
beiden Naturparken gibt es noch Reste kleinflächiger,
ursprünglicher Hochmoorflächen, deren Tier- und
Pflanzenwelt eine mögliche Quellpopulation für
renaturierte Moorgebiete darstellt.
42_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Prozessschutz im Moor
Eine Ausweisung von (Hoch-)Mooren zu einem Wild-
nisgebiet i.S.d. NBS oder zu einer großen Prozess-
schutzfläche ist insbesondere dann sinnvoll, wenn auf
der Basis der sukzessionalen Prozesse die Entwicklung
des „(Hoch-)Moors“ unter Einschluss seiner natürli-
chen Kontaktgesellschaften (Moorrandgebüsche und
-wälder) dauerhaft erreicht und erhalten werden kann.
Bei Torfabbauflächen, die wiedervernässt werden
müssen, kann dies durch regulierte Anhebung des
Wasserstandes erreicht werden, beispielsweise durch
Aufstau mithilfe von Dämmen. Ein so renaturiertes
Gebiet ist in sich heterogen und besteht zumeist aus
flach aufgestauten Wasserflächen, die der Verlandung
unterliegen. Es gibt wiedervernässte Bereiche, in
denen die sich einstellenden Torfmoose gute Wachs-
tumsraten verzeichnen, sowie Bereiche, die etwas
höher über dem Stauwasserhorizont liegen. In diesen
Bereichen können sich Gehölze ansiedeln.
Die wiedervernässten Bereiche können in Form von
Poldern konstruiert werden. Dämme sind für die
Beibehaltung des Erhaltungszustandes oder Wieder-
herstellung von „Moorlebensraum“ von größter
Wichtigkeit. Bei standörtlich für die Vermoorung
vorgesehenen, dauerhaft vernässten Bereichen kann
es daher sinnvoll sein, durch Initialmaßnahmen das
hydrologische Regime wiederherzustellen.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_43
Wildnisbildung in Naturparken
Definition und Abgrenzung
Wildnisbildung
Für parallel existierende Bildungskonzepte wie Umwelt-
erziehung, Ökopädagogik, Naturbezogene Pädagogik,
Umweltlernen, Naturnahe Erziehung und Ökologisches
Lernen, kam in den 1980er Jahren der Begriff „Umwelt-
bildung“ auf, der heute als „Sammelbegriff“ aller genann-
ten Konzepte verwendet wird. Die Umweltbildung ver-
mittelt Fakten zur Umweltgefährdung und des Umwelt-
schutzes und soll zu umweltbewusstem und -gerechtem
Handeln erziehen (BrillinG & KleBer 1999 in HOttenrOtH
et al. 2017; BUnD 2002).
Jedoch gelangt die klassische Umweltbildung schnell an
ihre Grenzen. So haben die Erfahrungen der letzten Jahr-
zehnte gezeigt, dass das Wissen um Klimawandel, Luftver-
schmutzung oder Artensterben allein keine Neuorientie-
rung unseres Wertesystems oder grundlegende Verhal-
tensänderungen hervorruft (Killermann 1993 in BUnD
2002). Vielmehr bedarf es einer emotionalen und empa-
thischen Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand
Natur. Als Folge dieser Erkenntnis entwickelte sich die
klassische Umweltbildung weiter. Die meisten Umwelt-
bildungskonzepte verfolgen heute daher zwei Ziele. Zum
einen die praktische Wissensvermittlung über Natur und
Umweltschutz und zum anderen die Förderung einer
emotionalen Beziehung zur Natur (KUHlmann 2007; BUnD
2002). Die heutige Umweltbildung steht vor der langfris-
tigen Herausforderung, Handlungsmöglichkeiten für eine
nachhaltige Entwicklung aufzuzeigen (Bildung für nach-
haltige Entwicklung, BNE) und ist oft eine Mischung aus
verschiedenen Bildungskonzepten, wie bspw. Naturerleb-
nispädagogik, Rucksackschule, Bildung für nachhaltige
Entwicklung (BNE) oder Wildnisbildung (EUROPARC
DEUTSCHLAND 2017).
Die Wildnisbildung ist ein eigenständiger Teilbereich der
Umweltbildung sowie der Bildung für nachhaltige Entwick-
lung. Das Konzept der Wildnisbildung entstand aus ver-
44_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
schiedenen Umweltbildungskonzepten und orientiert sich
an naturerlebnispädagogischen und erlebnispädagogi-
schen Ansätzen. Des Weiteren fließen bspw. Elemente der
Wildnis- oder Waldpädagogik ein. Je nach Bildungsange-
bot und -kontext variieren diese Einflüsse auf Ziele, Inhalte
und Methoden der Wildnisbildung.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_45
EUROPARC DEUTSCHLAND definiert
Wildnisbildung wie folgt:
„Wildnisbildung interpretiert die Prozessschutz-Ent-
wicklung und das Wildnisverständnis „Natur Natur
sein lassen“ mit seiner Aufforderung, die wilde Natur
als Gast zu erleben und nicht verändernd in sie einzu-
greifen. Wildnisbildung ist in einen konzeptionellen
Rahmen von Schlüsselthemen einer nachhaltigen Ent-
wicklung eingebettet und hat zum Ziel, Verständnis
für die Dynamiken der Natur hervorzurufen und sol-
che Werte, Einstellungen und Fähigkeiten zu vermit-
teln, die dazu beitragen, die Lebensansprüche nicht-
menschlicher Lebewesen anzuerkennen, zu verstehen
und respektieren zu lernen und somit letztendlich die
Existenz von Wildnis und unberührter Natur zu ermög-
lichen. Grundlage für das Verstehen ist die unmittel-
bare, elementare Begegnung mit dem Phänomen
Wildnis. Das aktive und emotionale Erleben von Wild-
nis wird bei der Wildnisbildung folglich der Wertebil-
dung und Wissensvermittlung vorangestellt. Wichtige
Methode der Wildnisbildung sind bspw.: „therapeu-
tisches Nichtstun, Bescheidenheitsprinzip, minimal-
impact und leave-no-trace Ansätze, Zeitwohlstand
etc.“ (genauere Definition der verwendeten Begriffe
siehe EUROPARC DEUTSCHLAND 2017 Kapitel 4.5).
Wildnisbildung in Naturparken
Naturparke sind in großen Teilen Kulturlandschaften und
konzentrieren bisher ihre Umweltbildungsangebote und
Angebote zur BNE auf die vorhandenen Kulturlandschaf-
ten. Bisher haben Naturparke eher selten Wildnisgebiete
in ihrer Gebietskulisse (Ausnahme: Kernfläche Natur-
schutz „Hinterlandswald“ von über 1.000 ha im Naturpark
Rhein-Taunus), sondern, wie der Naturpark Siebengebirge
oder der Naturpark Hohe Mark, große Prozessschutz-
flächen, die aber nur zum Teil betretbar sind (z.B. Betre-
tungsverbot von ehemaligen Truppenübungsplätzen wie
im Naturpark Hohe Mark). Trotz der häufig fehlenden
Flächenverfügbarkeit und Restriktionen bei der Nutzungs-
möglichkeit von Wildnisgebieten bzw. großen Prozess-
schutzflächen für Wildnisbildung bietet es sich für Natur-
parke an, in Absprache mit den jeweiligen Eigentümern
auf ähnlich naturnahen Flächen und/oder an Objekten
(z.B. Totholz) und/oder Strukturen (z.B. Uferabbrüche
an Gewässern) Inhalte von Wildnisbildung an Zielgruppen
zu vermitteln.
Auch eine Diskrepanz zwischen der Vorstellung vieler
Menschen von Wildnis und dem realen Erscheinungsbild
von Wildnis kann immer wieder beobachtet werden. Daran
schließt sich die Überlegung an, wo Wildnis vermittelt wer-
den kann und sollte. Mitunter lässt sich an einem liegen-
den Totholzstamm oder auf einer Windwurflichtung je
nach Zielgruppe z.B. in einem naturnahen Wirtschaftswald
mehr Wildnis erklären, erleben und erfahren, als in einem
ausgewiesenen Wildnisgebiet, in dem für einen Laien die
Dynamik (noch) nicht sichtbar und erlebbar ist. Auch
die Zielgruppe ist hier entscheidend, denn z.B. für Kinder
im Kindergartenalter muss man Wildnis sicherlich anders
vermitteln und erlebbar machen als für Studenten. Der
Bezug zu angrenzenden oder vorhandenen großen Pro-
zessschutzflächen und/oder Wildnisgebieten im Natur-
park sollte aber hergestellt werden.
Aus Erfahrung der Naturparke und anderen Großschutz-
gebieten zur Wildnisbildung sowie Expertengesprächen
wird deutlich, dass sich unter dem Begriff „Wildnisbil-
dung“ viele verschiedene Richtungen von Bildungs- und
Erlebnisangeboten verbergen. Naturparke, die Veranstal-
tungen im Bereich Wildnisbildung anbieten, sollten sich
mit diesen Richtungen auseinandersetzen und für sich
definieren, wie sie Wildnisbildung verstehen und umsetzen
möchten (EUROPARC DEUTSCHLAND 2017; lanGenHOrSt
et al. 2014; yOUnG et al. 2010).
Steht auf der einen Seite reine Wissensvermittlung von
biologischen und naturschutzfachlichen Informationen,
sehen andere Wildnis als „sozial-ökologisches Experiment
einer Gesellschaft […], die Menschen und Natur einem
immer stärkeren Ökonomisierungsdruck aussetzt. Das
kontemplative Erleben und Erkunden verwildernder Natur
soll zu mentalen Perspektivwechseln auf die individuellen
und gesellschaftlichen Naturverhältnisse anregen“ (lan-
GenHOrSt et al. 2014). Es geht also mehr um Wildnis als
Symbol der individuellen und gesellschaftlichen Freiheit
(trOmmer 1992).
Daneben gibt es Strömungen, die u.a. durch Meditation
in der Wildnis eine Bewusstseins- und damit Verhalten-
sänderung zur Natur erwirken wollen (palmO 2016).
Das sogenannte „Coyote-Teaching“ wurde maßgeblich
von Tom Brown jr. und Jon Young aus den USA entwickelt
und leitet sich eher von der „Kultur der Wilden“ als von der
„Wildnis“ als Landschaft ab. Viele Wildnisschulen orientie-
ren sich an dieser Richtung und sehen ihre Tradition u. a.
basierend auf den Lehren indigener Völker als Jäger- und
Sammlerkulturen (yOUnG et al. 2010).
In der „Wildnispädagogik“ werden Methoden zur Entwick-
lung eines Verständnisses natürlicher Zusammenhänge,
zur Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit, zur Förde-
rung individueller Neigungen und Fähigkeiten und zur
Aneignung von Kompetenzen angewendet, um in und mit
der umgebenen Natur zu leben, ohne sie langfristig zu
zerstören (vgl. HOttenrOtH et al. 2017).
Die „Wildnisbildung“ stellt im Gegensatz zur Wildnispäda-
gogik nicht das individuelle Verhältnis des Menschen zur
Natur in den Vordergrund, sondern unterstützt die Ent-
wicklung eines nachhaltigen Mensch-Natur-Verhältnisses
im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (vgl.
ScHreiBer 2010; BUND 2002).
Indikatoren
Um „Wildnisbildung“ von anderen Umweltbildungsange-
boten und Wildniserlebnisangeboten abgrenzen und ent-
wickeln zu können, hat EUROPARC Deutschland verschie-
dene Indikatoren entwickelt, die in unterschiedlicher Aus-
prägung Wildnisbildung charakterisieren (ausführlich dazu
s. EUROPARC DEUTSCHLAND 2017). In wieweit die ein-
zelnen Indikatoren bei der Entwicklung von Wildnisbil-
dungsangeboten berücksichtigt werden, sollte jedem Na-
turpark bzw. Anbieter überlassen bleiben. Grundsätzlich
gilt natürlich auch in diesem Zusammenhang, dass es
schwierig ist, allgemeingültige Kriterien für eine gelungene
Bildungsarbeit zu definieren. Deshalb sollten die folgenden
Indikatoren eher als Anregungen verstanden werden.
1. Bescheidenheit, Demut und Achtsamkeit
Die Teilnehmenden nehmen sich bewusst zurück, lassen
geschehen, greifen nicht verändernd in die Natur ein und
sind lediglich Gast in der Natur. Der leave-no-trace- bzw.
minimal-impact-Ansatz liegt allen Wildnisbildungsange-
boten zu Grunde und ermöglicht ein spurenfreies Zurück-
lassen der Wildnis und somit eine ungestörte Wildnis-
entwicklung. Die Gruppen sollten daher auch möglichst
klein gehalten werden; empfohlen werden Gruppen-
größen von zehn bis 15 Teilnehmenden.
2. Begegnung mit dem Phänomen Wildnis
Wichtige Grundlage und Voraussetzung, um Verständnis
und Akzeptanz für die verwildernde Natur zu schaffen, ist
die unmittelbare, sinnliche Begegnung mit dem Phänomen
Wildnis. Wildnis muss authentisch erfahrbar sein, jedoch
spielen subjektive Kriterien eine größere Rolle als z.B. die
tatsächliche Flächengröße. Wildnis lässt sich daher auch
als Gedankenkonstrukt verstehen. Bei den Teilnehmenden
sollte sich ein „Wildnisgefühl“ einstellen, d.h. die Teilneh-
46_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
menden sollten die Empfindung haben, fernab von
menschlichen Einflüssen zu sein. Diese Empfindung ist
subjektiv und abhängig von der jeweiligen Zielgruppe.
Wildnisorte sollten dementsprechend gewissenhaft
gewählt werden.
3. Aktive und sinnliche Naturerfahrung
Wildnis muss begreifbar sein und sich zunächst in den
Köpfen der Menschen „bilden“. Das Bewusstsein für und
die Einstellung zur Natur muss jeder in sich selbst suchen.
Im Mittelpunkt der Wildnisbildung steht daher nicht die
Vermittlung von Wissen oder Werten, sondern das aktive
und emotionale Erleben von verwildernder Natur zwischen
Harmonie, Leben und Tod (von z.B. abgestorbenen Bäu-
men), Langsamkeit und Chaos.
4. Zeitwohlstand vermitteln
Der zeitgemäße Umgang mit der Wildnis wird in der Wild-
nisbildung mit viel Zeit und Muße vermittelt. Wildnisbil-
dungsangebote bauen auf entschleunigende Konzepte
des „Therapeutischen Nichtstuns“ auf. Damit werden die
Zeitdimensionen von Prozessen in der Natur verdeutlicht
und Ruhe und Stille, als Ausgleich zum oftmals gehetzten
Leben in der Zivilisation, vermittelt.
5. Wildnisbildner als Mentoren und Begleiter
Schlüsselqualifikationen der Wildnisbildner gehen über die
der herkömmlichen Umweltbildner hinaus. So verfügen
Wildnisbildner in erster Linie über ausgeprägte Sozialkom-
petenzen, um verschiedene Gruppendynamiken zu erken-
nen sowie situationsangepasst agieren zu können. Des
Weiteren sollten Wildnisbildner authentisch sein und u.a.
über Begeisterungsfähigkeit verfügen. Fundierte ökologi-
sche Kenntnisse sowie Wildniserfahrung sind wichtig, um
den Prozessschutz-Gedanken an die Teilnehmenden zu
vermitteln und sie für die Wildnis begeistern zu können.
6. Emotional und kognitiv förderndes Lernumfeld
Lernumfeld und Lehrmethoden orientieren sich bei der
Wildnisbildung an den Teilnehmenden. Schwerpunktmä-
ßig geht es nicht darum, Fakten zu vermitteln, sondern
Begeisterung zu wecken. Der Fokus liegt auf den größeren
Zusammenhängen und nicht auf Detailwissen. Die Lern-
wege sind vielfältig und abwechslungsreich gestaltet,
verfolgen partizipative Ansätze und berücksichtigen so
die verschiedenen Lern- und Naturerfahrungstypen. Das
aktive und emotionale Erleben von Wildnis wird bei der
Wildnisbildung folglich der Wertebildung und Wissensver-
mittlung vorangestellt. Lernmethoden folgen erlebnis-
pädagogischen Prinzipien und schaffen herausfordernde
Situationen der Naturbegegnung, die in sozialer Interak-
tion der Gruppe zu bewältigen sind.
7. Natur-Erleben und Sich-Selbst-Erleben
(Emotionale Ebene)
Das inspirierende Erleben der Wildnis vermittelt den Teil-
nehmenden einerseits das Gefühl persönlicher Freiheit,
andererseits stellt die elementare und unmittelbare Wild-
niserfahrung auch eine Herausforderung für die eigene
Wahrnehmung dar, da sie im krassen Gegensatz zur
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_47
geordneten Zivilisation stehen kann und z.B. von Unbe-
rechenbarkeit und Regellosigkeit geprägt sein kann. Dies
führt einerseits zu intensiveren Sinneswahrnehmungen
und einer gesteigerten Selbstwahrnehmung und anderer-
seits zu intensiveren Gedanken, die den Horizont des
gesamten Daseins erweitern können. Wildnis kann es den
Menschen erleichtern, wieder „Kontakt zu ihren eigenen
Gefühlen“ aufzunehmen, weckt Begeisterung, Neugier
und Entdeckungsdrang.
8. Ökologisches Wissen und Werte vermitteln
Wildnisbildungsangebote ermöglichen den Teilnehmen-
den das Entdecken und Erkunden der biologischen Vielfalt
mit ihrer Bedeutung für den Menschen. Wildnisbildung
macht die Prozessschutz-Entwicklung erlebbar, schafft
Bewusstsein für Wildnis und beschleunigt durch die
erzielten Bildungseffekte das Verständnis für die Natur-
dynamiken. Lernziele der Wildnisbildung sind somit u.a.
ökologisches Wissen vermitteln, den Menschen als Teil
des Ökosystems verstehen und seine Kompetenzen
zu stärken.
9. Transfer in den Alltag
Ziel der Wildnisbildung ist es, bei den Teilnehmenden
Verantwortung für die Natur, Umwelt und Mitmenschen
hervorzurufen, individuelle Einstellungen zu ändern,
Bewusstsein für eigenes ökologisches, nachhaltiges Han-
deln zu schaffen und Handlungen und Engagement im
Alltag anzustoßen (Wildnisschutz, Naturschutzhandeln,
nachhaltiger Lebensstil).
10. Reflexion und Nachbereitung
Für die Reflexion und Nachbereitung der Wildniserfahrung
empfiehlt es sich, ausreichend Zeit einzuräumen, um ein-
gehende Bildungswirkungen zu erzielen. Die Teilnehmen-
den berichten von ihren Sichtweisen, überdenken ihre
Erfahrungen und lernen andere kennen, dabei wird die
Vielfalt der Blickpunkte zu einzelnen Wildnisphänomenen
deutlich. Toleranz und Verständnis gegenüber Meinungen
anderer aufzubringen und das Erkennen, Verstehen und
Zulassen von natürlichen Prozessen ist das Ziel.
Wildnisbildungskonzepte in Naturparken
Die Materialien und Strukturen für Wildnisbildung zur
Unterstützung der Naturparke im Rahmen des F+E-
Vorhabens werden hier v.a. in Bezug auf die vom VDN
etablierten Umweltbildungsmaterialien, -instrumente
und -netzwerke dargestellt. Die hier genannten Beispiele
48_WILDNISGEBIETE UND GROSSE PROZESSSCHUTZFLÄCHEN IN NATURPARKEN
zeigen das Potenzial der Naturparke auf, Wildnisbildungs-
angebote zu entwickeln und umzusetzen, denn das
Thema Wildnis steckt bei den meisten Naturparken noch
in den Anfängen. Außerdem zeigt sich auch bei Wildnis-
und Umweltbildungsangeboten immer wieder die Diskre-
panz in der Personal- und Finanzausstattung gegenüber
z.B. den Nationalparken (lieSen & WeBer 2018). Weitere
Ideen und Ansätze zur Wildnisbildung, v.a. aus National-
parken, sind im Gesamtbericht (ausführlich dazu s. EURO-
PARC DEUTSCHLAND 2017) zu finden.
Naturpark-Schulen
In zurzeit über 80 Naturpark-Schulen werden Naturpark-
Themen wie Natur und Landschaft, regionale Kultur und
Handwerk, Land- und Forstwirtschaft regelmäßig im
Unterricht, in Exkursionen oder Projekttagen behandelt.
Die Schüler lernen auf diese Art ihre Region kennen und
werden für sie begeistert. Der Grundgedanke von Natur-
park-Schulen ist es, Kindern und Jugendlichen auf bil-
dungsplanorientierter Basis Themen aus den Bereichen
Natur und Kultur mit außerschulischen Partnern zu ver-
mitteln. Diese Themen werden verbindlich und dauer-
haft mit hohem Praxisbezug im Lehrplan verankert. Das
Thema Wildnis behandeln zurzeit sechs Naturparke in
ihren Naturpark-Schulen.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_49
Jugend-Wildniscamps
im Naturpark Siebengebirge
Ziele des Moduls:
die besondere Waldästhetik des Wildnisgebietes
im Naturpark Siebengebirge soll mit allen Sinnen
erlebt werden
die zentralen Begriffe „Wildnis“ und „Prozess-
schutz“ sollen verstanden werden; die Abgrenzung
zur „multifunktionalen Forstwirtschaft“ soll auch
diesen Begriff verständlich machen
Der Konflikt zwischen „Nutzern“ und „Schützern“
soll verstanden und in einer Podiumsdiskussion
spielerisch dargestellt werden.
Zielgruppe: Schulkassen 6 bis 10
Erster Tag (Zeitrahmen 17.00 bis 19.00 Uhr)
Vorstellungsrunde
Einführung ins Thema „Wildnis“, Klärung der
Begriffe „Prozessschutz“ und „Wildnis“
Fragerunde
Zweiter Tag ( Zeitrahmen 10.00 bis 17.30 Uhr)
Spielerisches Bilden von Kleingruppen, jeder
Gruppe wird eine Leittierart (Wildkatze, Marder
etc.) zugeordnet
Begleitete Wanderung in Form einer Schnitzeljagd
mit verschiedenen Stationen: die Wanderung führt
zum größten Teil über Wildnispfade. Im Fokus
stehen hier Waldbilder, in denen bereits verstärkt
natürliche Prozesse wiedereingesetzt haben. An-
hand dieser sollen die Begriffe „Prozessschutz“
und „Wildnis“ visualisiert werden. Die Schüler sol-
len außerdem körperlich gefordert werden und den
ästhetischen Aspekt des Waldes erkennen lernen.
Anhand von Fragebögen sollen die Schüler den Lern-
erfolg in den Kleingruppen selbst dokumentieren.
Mittagspause im Wald, Verpflegung aus dem
Rucksack
Zusammentragen der Ergebnisse der Kleingrup-
pen, Rollenverteilung und Üben einer Podiums-
diskussion
Dritter Tag (Zeitrahmen: 10.00 bis 12.00 Uhr)
Vorstellung der Ergebnisse in Form einer
Podiumsdiskussion
Abschiedsrunde mit Reflexion, Aufnahme eines
Gruppenfotos
50_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Im Einklang mit der Natur
Im Naturpark Rheinland gibt es vier Naturparkzentren, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte haben. Eines
davon ist das „Haus der Natur“ in Bonn. Hier liegt der thematische Schwerpunkt auf dem Bereich „Wald“. In diesem
Zusammenhang werden hier auch unterschiedliche Wildnisbildungsveranstaltungen durchgeführt. Zielgruppen
sind dabei auch Schulklassen.
Thema dieser Veranstaltungen ist überwiegend das Leben in Einklang mit der Natur auf der Grundlage von aus-
schließlich natürlichen Ressourcen. Durch Inhalte wie Feuer machen (Drillbohrer, Funkenschlag), Kräuterkunde und
-sammeln, Wahrnehmungsaufgaben, Laubhütten bauen u.a. erleben die Teilnehmenden Natur mit anderen Augen
und auf nachdrücklichere Weise als bei klassischen Umweltbildungsangeboten.
Vor allem für Naturpark-Schulen, bei denen die kontinuierliche, immer wiederkehrende Beschäftigung mit dem
Thema Naturpark im Fokus steht, bietet sich durch diese Wildnisbildungsangebote die Möglichkeit, die umgebende
Natur einerseits im wahrsten Sinne des Wortes hautnah und andererseits vor allem immer wieder im Wandel der
Jahreszeiten zu erleben. Dadurch entstehen einprägsame Erlebnisse, die lange nachwirken und so für das Thema
Wildnis sensibilisieren.
Naturpark-Kitas
Gerade kleine Kinder brauchen für ihre gesunde Entwick-
lung Elementares: Wasser, Erde, Gebüsche, Spielraum,
Stille und Zeit. Dies fördert ihre emotionale Stabilität,
Konzentrationsfähigkeit, Ausgeglichenheit und das Selbst-
vertrauen sowie die Umsicht mit der Natur.
Im Wald erleben die Kinder den Wechsel der Jahreszeiten
im wahrsten Sinne des Wortes „hautnah“. Die Kinder
entwickeln ein positives Verhältnis zur Natur. Sie erfahren
den Wald als etwas Einmaliges, das es besonders zu
schätzen gilt. Hier wird bereits der Grundstein gelegt für
einen verantwortungsbewussten Umgang in und mit
der Natur im Erwachsenenalter.
Der Naturpark Hohe Mark ist auch Modell-Naturpark im
Projekt „Naturpark-Kita“ und wird Wildnisbildungsinhalte
in seine Arbeit mit der zukünftigen Naturpark-Kita einflie-
ßen lassen. Drei Naturparke vermitteln bisher das Thema
Wildnis in ihren Naturpark-Kitas, einer davon ist der
Naturpark Bayerische Rhön.
Von klein auf in die Wildnis
Im Biosphärenreservat und Naturpark Bayerische Rhön werden Wildnisbildungsangebote auch schon für Kindergar-
tenkinder angeboten. Wichtig für diese Zielgruppe ist die Regelmäßigkeit der Besuche. Gerade kleine Kinder brauchen
feste Rituale, um sich wohl zu fühlen. Ein einmaliger Ausflug in eine verwildernde Natur kann da eher Unsicherheit er-
zeugen, weil bekannte Umgebungen verlassen werden. Finden die Ausflüge aber regelmäßig statt und sind verbunden
mit festen Ritualen (ggf. die gleichen, die es auch in der Kita gibt), fühlen die Kinder sich sicher und eingebunden und
sind offen und begeisterungsfähig für die sie umgebende Natur. Deshalb sind die Wildnisbildungsangebote für Kinder-
gärten immer in ein längerfristiges Programm eingebunden. Das bedeutet, dass keine einmaligen Wildnis-Exkursionen
für Kindergärten angeboten werden, sondern nur Projekte, die sich über ein Jahr erstrecken, bei denen einmal im
Monat (oder öfter) eine Exkursion in ein Wildnisgebiet oder eine große Prozessschutzfläche auf dem Programm steht.
Zum Projektabschluss findet eine Übernachtung unter freiem Himmel in der „Wildnis“ statt.
In diesem Alter steht sicher nicht die Wissensvermittlung, sondern vielmehr das sinnliche Erleben und selbstständige
Entdecken im Vordergrund. Aus diesem Grund sind die Wildnisbildungsangebote im Naturpark Bayerische Rhön für
diese Zielgruppe sehr auf das eigenständige Erleben ausgelegt. Je nach Absprache werden Laubhütten gebaut, es
wird sich getarnt und anschleichen geübt, Feuer gemacht und Stockbrot gegrillt, es werden Kräuter gesammelt oder
auch Tonperlen gebrannt. Ganz nebenbei lernen die Kinder dabei verwildernde Natur kennen, wie bspw. beim Klettern
über liegendes Totholz.
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_51
Mobiles Waldlabor
Das mobile Waldlabor wurde vom VDN 2014 entwickelt,
um motorisch eingeschränkten Besuchern ein intensi-
veres Walderleben zu ermöglichen. Aktuell sind sieben
Waldlabore in fünf Naturparken im Einsatz.
Angeregt durch das Projekt wird das Berufskolleg Viersen
im Naturpark Schwalm-Nette in den nächsten Monaten
mit ihren Lernenden Material-Sets zur Bestückung des
mobilen Waldlabors entwickeln, die auch für den Einsatz
im Bereich „Wildnis“ mit Kindern im Kindergartenalter
geeignet sind. Diese Material-Sets werden in den fünf
„Naturpark-Kitas“ im Naturpark Schwalm-Nette getestet
und anschließend allen interessierten Naturparken zur
Bestellung angeboten.
Der Naturpark Sauerland Rothaargebirge besitzt bereits
seit mehreren Jahren ein mobiles Waldlabor. Im Mai 2018
wurde in diesem Naturpark die bundesweit erste Förder-
schule offiziell als Naturpark-Schule ausgezeichnet. Ein
gemeinsames Projekt wird dort die Erstellung eines Wald-
erlebnis-Parcours in Kooperation mit dem Regionalforst-
amt Oberes Sauerland sein. Oberhalb der Schule fuß-
läufig zu erreichen wird eine Wegstrecke von ca. 3–5 km
im kommunalen Wald zur Verfügung gestellt. Für diese
Wegstrecke werden in Kooperation mit Waldpädagogen
und dem örtlichen Revierförster Stationen für alle Schüler
altersgerecht (6-20 Jahre) entwickelt, die auf verschiede-
nen Kompetenzstufen (verschiedene Lesestufen, leichte
Sprache, handlungsorientiertes Erleben mit allen Sinnen)
Erfahrungen und Wissen vermitteln.
Möglich ist eine Einbindung des mobilen Waldlabors zu
Wildnisthemen in anderen Naturparken, die sich dem
Thema Wildnis annehmen wollen.
Im Naturpark Siebengebirge plant der VVS für seine Wild-
nisgebiete barrierefreie Angebote im Rahmen seiner Wild-
niskommunikation u.a. auf einem Wildnisrundweg um die
Löwenburg. Dort ist für mobilitätseingeschränkte Perso-
nen der Einsatz des vom VDN entwickelten mobilen Wald-
labors geplant. Auch für Flüchtlinge und Menschen mit
Migrationshintergrund plant der Naturpark Siebengebirge
Angebote zu Wildnisbildung. Menschen mit Migrations-
hintergrund werden dabei von zertifizierten Natur- und
Landschaftsführern sowie von Flüchtlingskoordinatoren
begleitet. Angebote zum Thema Natur in Naturparken,
die sich an Flüchtlinge, Menschen mit Migrationshinter-
grund und Menschen aus sozial benachteiligten Schichten
richten, auch unabhängig vom Thema Wildnis, hat der
VDN in einem Leitfaden herausgegeben (VDN 2018).
Naturpark-Entdecker-Westen
Aktuell sind über 6400 Entdecker-Westen des VDN
in knapp 60 Natur- und Nationalparken in Deutschland,
Österreich und Luxemburg im Einsatz.
Gerade die Naturpark-Entdecker-Westen haben sich für
den Einsatz im Bereich Wildnisbildung als sehr geeignet
herausgestellt. Durch ihre vielen verschiedenen Taschen
lassen sich die Entdecker-Westen für jeden Einsatz unter-
schiedlich ausstatten und jeder Teilnehmer hat die Mög-
lichkeit, Natur individuell zu entdecken und erleben.
52_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Wildnis-Exkursionen für Jugendliche mit geistiger Behinderung
Im Naturpark und Biosphärenreservat Bayerische Rhön werden bspw. Wildnis-Exkursionen für Jugendliche mit
geistiger Behinderung durchgeführt. Gerade bei dieser Zielgruppe steht das selbstständige Entdecken, Anfassen
und Erleben im Vordergrund. Für Wildnis-Exkursionen werden die Westen dazu mit Hand- und Becherlupen, ein-
fachen Bestimmungshilfen und einem „Spechtschnabel“ (ein an einer Seite zugespitzter Holzstab, der an einen
Spechtschnabel erinnern soll) ausgestattet. Mit diesem Werkzeug können die Teilnehmer besonders gut an
liegendem/stehendem Totholz Rinde entfernen und mit eigenen Augen das Leben dort entdecken. Auf diese
Weise lassen sich sehr gut originäres Naturerleben und biologische Zusammenhänge (Wildnisgebiete – Totholz-
Insekten – Spechte) verbinden.
Zusätzlich werden auf solchen Exkursionen mit schnell bindendem Gips Abdrücke von Tierspuren gemacht. Die
Taschen der Weste bieten dem Exkursionsleiter die Möglichkeit, kleine Mengen dieses Gipspulvers mitzuführen und
vor Ort zu benutzen. Die ausgehärteten Abdrücke können dann in einer der Westentaschen mit nach Hause trans-
portiert und später im Klassenzimmer weiter untersucht werden.
Wildnis-Exkursion im Watt
Das große Potenzial der Entdecker-Westen im Bereich Wildnisbildung zeigt sich z.B. auch daran, dass sie seit vielen
Jahren im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer eingesetzt werden. Bei Exkursionen ins Watt er-
möglichen die Westen Kindern ein eigenständiges Forschen und Entdecken der Wildnis Watt. Zum Einsatz kommen
hier, der Umgebung angepasst, kleine Bestimmungshilfen zu den Lebewesen des Wattenmeers und ein Kescher.
Dieses Beispiel aus dem Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zeigt, wie die Entdecker-Westen
gerade in Wildnis-Gebieten mit ihren unterschiedlichen naturräumlichen Ausstattungen individuell angepasst
werden können und ein individuelles Naturerleben ermöglichen, ohne dabei das empfindliche Ökosystem Wildnis
zu beeinflussen.
53
Naturparkführer
Naturparkführer stellen einen wichtigen Baustein in der
Bildungsarbeit von Naturparken dar. In vielen Naturpar-
ken werden die Bildungsaufgaben überwiegend von die-
sen speziell geschulten Ehrenamtlern bzw. Freiberuflern
wahrgenommen. Für ihre unterschiedlichen Aufgaben
werden sie häufig durch den Naturpark weitergebildet.
Das gilt auch für den Bereich Wildnisbildung.
Anleitung zur Entwicklung von natur-
parkspezifischen Wildnisbildungs-
modulen
Die besonderen Wildnisbildungsangebote in den Natur-
parken können in den meisten Fällen nur gemeinsam mit
Partnern, Flächeneigentümern und Akteuren der Region
von den Naturparkträgern entwickelt und durchgeführt
werden (s. Ablaufschema Abb. 12).
Fortbildungsangebote zum Thema Wildnis für Naturparkführer
Im Naturpark und Biosphärenreservat Bayerische Rhön gibt es spezielle Fortbildungsangebote zum Thema Wildnis
für Naturparkführer und Gruppenleiter.
Meist erstrecken sich solche Fortbildungen über ein Wochenende mit Übernachtung im Freien (je nach Witterung
unter Planen, in Laubhütten oder unter freiem Himmel). Die einzelnen Bestandteile einer solchen Veranstaltung
werden immer individuell mit der Gruppe entwickelt. Stets geht es dabei um die „Grundbedürfnisse“ der Menschen
(trocken, warm, satt, Schlaf). Das bedeutet, es werden immer Unterstände errichtet (trocken), es wird immer auf
offenem Feuer gekocht (satt) und es wird immer eine Schlafstätte gebaut. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind,
haben die Teilnehmer auch ihre Unsicherheit in der Wildnis überwunden und können entspannt die biologischen
Besonderheiten von Wildnis erleben und entdecken.
Menschen lernen am besten/intensivsten, wenn sie sich wohl fühlen (in der Gruppe und in der Umgebung). Das gilt
für Kinder im Klassenzimmer genauso wie für Erwachsene in einem Wildnisgebiet. Insofern erfüllt eine solche Wild-
nisexkursion gleich mehrere Faktoren für ein erfolgreiches Lernen. Die meisten Menschen sind es heutzutage nicht
mehr gewohnt, im Wald ohne Infrastruktur zu übernachten oder zu essen. Ausgesetzt in der „Wildnis“ erleben viele
diese erstmal als bedrohlich, weil sie unbekannt ist. Sind erstmal die Grundbedürfnisse sichergestellt und hat sich
gleichzeitig durch die verschiedenen Gruppenaktionen (Bau von Laubhütten, Sammeln von Zutaten für das Essen
etc.) ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Teilnehmer entwickelt, sind die besten Lern-Voraussetzungen geschaf-
fen, um biologische Zusammenhänge zum Thema Wildnis zu verstehen.
Gruppenleiter oder Naturparkführer, die Wildnis selber so erlebt haben, vermitteln ihr Wissen dazu anders an ihre
Teilnehmer als jemand, der sich Wissen nur theoretisch angelesen hat.
54_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Abb. 12: Ablaufschema zur Entwicklung von naturparkspezifischen Wildnisbildungsmodulen
Eruieren, ob Wildnisgebiete/Prozessschutzflächen
im Naturpark vorhanden sind
Klärung beim Flächeneigentümer ob, wie, wo und wann
Wildnisgebiete/Prozessschutzflächen betreten werden dürfen
Festlegung der eigenen Definition von Wildnisbildung
(Ziele, Methoden, Philosophie…)
Kooperationspartner finden und gemeinsame Ziele abstimmen
Vermarktung/Kommunikation der Angebote
Qualität der Wildnisbildung sichern
Wildnisbildungskonzepte entwickeln/anpassen unter besonderer
Berücksichtigung der/des
1. räumlichen Gegebenheiten
2. thematischen Ansätze und Indikatoren
3. Zielgruppen
4. vorhandenen Materialien/Ausstattung
5. zeitliche Dimension/Häufigkeit
6. finanziellen Aufwands und Personal
Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken_55
Mögliche Kooperationspartner können sein: Flächeneigen-
tümer (z.B. Bundes- und Landesforsten, DBU, private oder
kommunale Waldbesitzer), Naturschutzorganisationen,
Natur- und Landschaftsführer, (freie) Umwelt-/Wildnis-
bildungseinrichtungen, Jugendherbergen, Naturfreunde-
häuser, touristische Leistungsträger und Organisationen.
Fazit Wildnisbildung in Naturparken
Der Begriff „Wildnis“ ist für viele Menschen nicht klar ab-
gegrenzt und vielfach bestehen falsche Vorstellungen zum
Thema „Wildnis“. Zahlreiche Unsicherheiten und Vorur-
teile in der Diskussion über Wildnis existieren dabei in der
Bevölkerung, die durch Aufklärung und Wissensvermitt-
lung von verschiedenen Akteuren behoben werden sollen
(s.initiative WilDniS in DeUtScHlanD 2017). Auch verschie-
dene Akteure und Bildungseinrichtungen sind unter dem
Thema „Wildnisbildung“ mit unterschiedlichen Inhalten
aktiv (siehe oben). Umso wichtiger ist es, mit guten Wild-
nisbildungsangeboten Aufklärung zu betreiben und für
die Bedeutung von Wildnisgebieten zu sensibilisieren.
Für Naturparke, die sich dem Thema Wildnisbildung an-
nehmen wollen, ist es daher notwendig, sich mit evtl. be-
reits bestehenden Wildnis- und Umweltbildungsangeboten
in ihrer Region auseinander zu setzen und gemeinsame
Vermittlungsziele zum Thema „Wildnis“ festzulegen.
Dabei und auch bei neu zu entwickelnden Angeboten soll-
ten Naturparke ihre eigenen Schwerpunkte und „Wildnis-
philosophie“ in Verbindung mit den regionalen Ansätzen
der allgemeinen Naturparkbildungsarbeit abstimmen und
NATURPARKE IN DEUTSCHLAND_56
vermitteln. Wildnisbildung kann sich, bei entsprechender
Umsetzung und entsprechenden Inhalten, dazu eignen,
Inhalte zur BNE zu vermitteln, für die die Naturparke
einen gesetzlichen Auftrag nach Bundesnaturschutzge-
setz haben. Eine entsprechende finanzielle und personelle
Ausstattung zur Wildnisbildung ist dabei Grundvoraus-
setzung.
Um nachhaltige Erfahrungen der Teilnehmer von Wildnis-
bildungsangeboten zu ermöglichen, ist es wünschenswert,
einige Wildnisgebiete unter bestimmten Voraussetzungen
auch für die Bildungsarbeit zu öffnen und gemeinsam mit
Naturparken Angebote zu schaffen. Originäre Naturerleb-
nisse prägen sich deutlich besser ein als theoretische
Abhandlungen zum gleichen Thema.
Gleichzeitig muss nicht mit jeder Zielgruppe tatsächlich
eine Exkursion in ein Wildnisgebiet durchgeführt werden,
um das Thema Wildnis zu vermitteln. Für Kindergarten-
kinder bspw. reicht dazu z.B. ein umgefallener Baum in
einem Waldstück fußläufig vom Kita-Gelände. So können
auch kleine Strukturen und Elemente, die Naturdynamik
kennzeichnen, und kleinere Prozessschutzflächen einen
Beitrag zur Wildnisbildung liefern.
56_Wildnisgebiete und grosse Prozessschutzflächen in naturParken
Naturparke in Deutschland
Mosel
Rhein
Fulda
Ruhr
Rhein
Ems
Weser
Saale
Elbe
Elbe
Neisse
Spree
Oder
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Werra
Main
Neckar
Donau
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eiz und Kummerower See
elder Land)
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Bremen
Düsseldorf
Erfurt
Dresden
Mainz
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Wiesbaden
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Naturparke in Deutschland
1 Schlei
2 Hüttener Berge
3 Westensee
4 Aukrug
5 Holsteinische Schweiz
6 Lauenburgische Seen
7 Sternberger Seenland
8 Nossentiner/Schwinzer Heide
19 Mecklenburgische Schw
10 Flusslandschaft Peenetal
11 Insel Usedom
12 Am Stettiner Haff
13 Feldberger Seenlandschaft
14 Hümmling
15 Wildeshauser Geest
16 Lüneburger Heide
17 Südheide
18 Elbhöhen-Wendland
19 Bourtanger Moor – Bargerveen
20 Dümmer
21 Steinhuder Meer
22 TERRA.vita
23 Weserbergland
24 Elm-Lappwald
25 Solling-Vogler im Weserbergland
26 Harz/Niedersachsen
27 Münden
28 Drömling
29 Harz/Sachsen-Anhalt
30 Harz/Sachsen-Anhalt (Mansf
31 Unteres Saaletal
32 Fläming
33 Dübener Heide
34 Saale- Unstrut-Triasland
35 Stechlin-Ruppiner Land
36 Uckermärkische Seen
37 Westhavelland
38 Barnim
39 Märkische Schweiz
40 Hoher Fläming
41 Nuthe-Nieplitz
42 Dahme-Heideseen
43 Niederlausitzer Landrücken
44 Schlaubetal
45 Niederlausitzer Heidelandschaft
46 Hohe Mark
47 Teutoburger Wald/Eggegebirge
48 Schwalm-Nette
49 Deutsch-Belgischer Naturpark Hohes Venn – Eifel
50 Rheinland
51 Siebengebirge
52 Bergisches Land
53 Sauerland-Rothaargebirge
54 Arnsberger Wald
55 Diemelsee
56 Kellerwald-Edersee
57 Habichtswald
58 Reinhardswald
59 Frau-Holle-Land
60 Lahn-Dill-Bergland
61 Rhein-Taunus
62 Taunus
63 Vulkanregion Vogelsberg
64 Hessische Rhön
65 Hessischer Spessart
66 Bergstraße-Odenwald
67 Eichsfeld-Hainich-Werratal
68 Südharz
69 Kyffhäuser
70 Thüringer Wald
71 Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale
72 Erzgebirge/Vogtland
73 Zittauer Gebirge
74 Rhein-Westerwald
75 Nassau
76 Südeifel
77 Vulkaneifel
78 Saar-Hunsrück
79 Soonwald-Nahe
80 Pfälzerwald
81 Neckartal-Odenwald
82 Stromberg-Heuchelberg
83 Schwäbisch-Fränkischer Wald
84 Schönbuch
85 Schwarzwald Mitte/Nord
86 Südschwarzwald
87 Obere Donau
88 Bayerische Rhön
89 Haßberge
90 Frankenwald
91 Bayerischer Spessart
92 Steigerwald
93 Fränkische Schweiz Frankenjura
94 Fichtelgebirge
95 Steinwald
96 Fr ankenhöhe
97 Hirschwald
98 Nördlicher Oberpfälzer Wald
99 Oberpfälzer Wald
Oberer Bayerischer Wald
Bayerischer Wald
Altmühltal
Augsburg-Westliche Wälder
Ammergauer Alpen
Nagelfluhkette
100
101
102
103
104
105
1 Schlei 28 Drömling 54 Arnsberger Wald 81 Neckartal-Odenwald
2 Hüttener Berge 29 Harz/Sachsen-Anhalt 55 Diemelsee 82 Stromberg-Heuchelberg
3 Westensee 30 Harz/Sachsen-Anhalt 56 Kellerwald-Edersee 83 Schwäbisch-Fränkischer Wald
4 Aukrug (Mansfelder Land) 57 Habichtswald 84 Schönbuch
5 Holsteinische Schweiz 31 Unteres Saaletal 58 Reinhardswald 85 Schwarzwald Mitte/Nord
6 Lauenburgische Seen 32 Fläming 59 Frau-Holle-Land 86 Südschwarzwald
7 Sternberger Seenland 33 Dübener Heide 60 Lahn-Dill-Bergland 87 Obere Donau
8 Nossentiner/Schwinzer Heide 34 Saale-Unstrut-Triasland 61 Rhein-Taunus 88 Bayerische Rhön
9 Mecklenburgische Schweiz und 35 Stechlin-Ruppiner Land 62 Taunus 89 Haßberge
Kummerower See 36 Uckermärkische Seen 63 Vulkanregion Vogelsberg 90 Frankenwald
10 Flusslandschaft Peenetal 37 Westhavelland 64 Hessische Rhön 9 1 Bayerischer Spessart
11 Insel Usedom 38 Barnim 65 Hessischer Spessart 92 Steigerwald
12 Am Stettiner Haff 39 Märkische Schweiz 66 Bergstraße-Odenwald 93 Fränkische Schweiz –
13 Feldberger Seenlandschaft 40 Hoher Fläming 67 Eichsfeld-Hainich-Werratal Frankenjura
14 Hümmling 41 Nuthe-Nieplitz 68 Südharz 94 Fichtelgebirge
15 Wildeshauser Geest 42 Dahme-Heideseen 69 Kyffhäuser 95 Steinwald
16 Lüneburger Heide 43 Niederlausitzer Landrücken 70 Thüringer Wald 96 Frankenhöhe
17 Südheide 44 Schlaubetal 71 Thüringer Schiefergebirge/ 97 Hirschwald
18 Elbhöhen-Wendland 45 Niederlausitzer Heidelandschaft Obere Saale 98 Nördlicher Oberpfälzer Wald
19 Bourtanger Moor – Bargerveen 46 Hohe Mark 72 Erzgebirge/Vogtland 99 Oberpfälzer Wald
20 Dümmer 47 Teutoburger Wald/Eggegebirge 73 Zittauer Gebirge 100 Oberer Bayerischer Wald
21 Steinhuder Meer 48 Schwalm-Nette 74 Rhein-Westerwald 101 Bayerischer Wald
22 TERRA.vita 49 Deutsch-Belgischer Naturpark 75 Nassau 102 Altmühltal
23 Weserbergland Hohes Venn – Eifel 76 Südeifel 103 Augsburg-Westliche Wälder
24 Elm-Lappwald 50 Rheinland 77 Vulkaneifel 104 Ammergauer Alpen
25 Solling-Vogler im Weserbergland 51 Siebengebirge 78 Saar-Hunsrück 105 Nagelfluhkette
26 Harz/Niedersachsen 52 Bergisches Land 79 Soonwald-Nahe
27 Münden 53 Sauerland Rothaargebirge 80 Pfälzerwald
Die blau markierten Naturparke waren Fallbeispielregionen im F+E-Vorhaben
„Naturparkpotenziale zur Entwicklung von Wildnisgebieten und großen Prozessschutzflächen“
Verband Deutscher Naturparke
Holbeinstraße 12
53175 Bonn
Tel. 0228/9212860
Fax 0228/9212869
info@naturparke.de
www.naturparke.de
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