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Abstract

Zusammenfassung: Die Digitalisierung von Arbeit und Wirtschaft verändert Organisationsformen von Unternehmen, Prozesse der Arbeitsteilung und Strukturen von Märkten. Ihre Folgen für die Logik kapitalistischen Wirtschaftens sind jedoch noch kaum analytisch durchdrungen. Wir schlagen daher vor, den Blick auf den digitalen Kapitalismus als spezifisches Produktionsmodell zu richten, das sich in bedeutenden Dimensionen vom fordistischen und postfordistischen Produktionsmodell unterscheidet. Wir erarbeiten hierzu eine Forschungsheu-ristik, die helfen soll, Digitalisierungsforschung und Kapitalis-musanalyse in Verbindung zu bringen. Abstract: The digitalization of the economy is transforming companies, division of labor, and market structures. Its consequences for a systematic understanding of capitalist transformation , however, are barely analytically understood. Therefore , we propose a perspective on digital capitalism as a specific production model which differs from the fordist and postfordist production model in significant ways. We develop an analytical framework of digital capitalism which is supposed to connect research on digitalization with systematical studies of capitalism. Einleitung
Preprint Paper, erscheint in: Soziale Welt. Sonderband «Soziologie des Digitalen. Digitale Soziologie»
Oliver Nachtwey
1
, Philipp Staab
2
Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
The Production Model of Digital Capitalism
Zusammenfassung:
Die Digitalisierung von Arbeit und Wirt-
schaft verändert Organisationsformen von Unternehmen, Pro-
zesse der Arbeitsteilung und Strukturen von Märkten. Ihre Fol-
gen für die Logik kapitalistischen Wirtschaftens sind jedoch
noch kaum analytisch durchdrungen. Wir schlagen daher vor,
den Blick auf den digitalen Kapitalismus als spezifisches Pro-
duktionsmodell zu richten, das sich in bedeutenden Dimensio-
nen vom fordistischen und postfordistischen Produktionsmo-
dell unterscheidet. Wir erarbeiten hierzu eine Forschungsheu-
ristik, die helfen soll, Digitalisierungsforschung und Kapitalis-
musanalyse in Verbindung zu bringen.
Abstract:
The digitalization of the economy is transforming
companies, division of labor, and market structures. Its conse-
quences for a systematic understanding of capitalist transfor-
mation, however, are barely analytically understood. There-
fore, we propose a perspective on digital capitalism as a spe-
cific production model which differs from the fordist and
postfordist production model in significant ways. We develop
an analytical framework of digital capitalism which is sup-
posed to connect research on digitalization with systematical
studies of capitalism.
Einleitung
Die vergleichende politische Ökonomie der vergangenen De-
kaden hat sich vielfach an der Untersuchung unterschiedlicher
Varianten des Kapitalismus ausgerichtet und deren historisch
geprägten Entwicklungspfade im Rahmen spezifischer institu-
tioneller Ordnungen zum Thema gemacht (Amable 2003;
Hall/Soskice 2001). Da diese Forschung jedoch vor allem auf
die institutionellen Komplementaritäten abzielte, wurde kriti-
1
Prof. Dr. Oliver Nachtwey, Departement
Gesellschaftswissenschaften, Universität Basel,
Petersgraben 27, CH-4051 Basel,
oliver.nachtwey@unibas.ch
siert, dass jenseits der „varieties“ des Kapitalismus auch des-
sen „commonalities“ (Streeck 2011) stärker in den Blick ge-
nommen werden müssen. Dies sei nicht zuletzt deshalb not-
wendig, da globale Makrotrends wie die Globalisierung von
Produktion und Absatzmärkten oder die Ausrichtung der
Wertschöpfungsprozesse auf die Finanzmärkte (Windolf
2005) die eigentlichen Triebkräfte eines „systemic change“
des Gegenwartskapitalismus bildeten (Streeck 2009).
Aus techniksoziologischer Perspektive stellt die fortschrei-
tende Verbreitung digitaler Informations- und Kommunikati-
onstechnik in den Arbeits- und Lebenswelten den entscheiden-
den Makrotrend für einen systemic change der jüngeren Ver-
gangenheit und Gegenwart dar (Brynjolfsson/McAfee 2014;
Kirchner 2015). Digitale Technologie bildet bereits die mate-
riale Voraussetzung jener Vernetzungs-, Beschleunigungs-
und Integrationsprozesse, die zum einen unter dem Schlagwort
der Globalisierung geführt werden und zum anderen die Basis
des globalen Aufstiegs des Finanzsektors bildeten (Schiller
2011; 2014). Heute zeigt sich allerdings darüber hinaus, dass
sich im Zuge der Digitalisierung Transformationen in zentra-
len Dimensionen der Kapitalismusanalyse, vor allem auf den
Ebenen der Produktions- und Marktorganisation sowie der Ar-
beitsbeziehungen, ereignen. In einigen Schlüsselunternehmen
der digitalen Ökonomie, wie Google, Amazon, Facebook,
Apple oder Microsoft (Dolata 2015), ist ein neuer Typus kapi-
talistischen Wirtschaftens zu beobachten, dessen möglicher
Modellcharakter für andere Branchen momentan durch Digi-
talisierungsprozesse in Industrie (Hirsch-Kreinsen/Itter-
mann/Niehaus 2015), öffentlichem Sektor (Zhao/Wallis/Singh
2015) und Dienstleistungswirtschaft (Staab/Nachtwey 2016a)
erprobt wird. Die Leitunternehmen der Digitalisierung fungie-
ren dabei sowohl hinsichtlich Produkt- und Innovationspolitik
2
Dr. Philipp Staab, Fachbereich Gesellschaftswissen-
schaften, Universität Kassel, Nora-Platiel-Straße 1, DE-
34109 Kassel, staab@uni-kassel.de
2 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
als auch bezüglich des Leitbildes der Unternehmensorganisa-
tion als Schrittmacher der old economy: Im Wettbewerb um
das selbstfahrende Auto konkurriert beispielsweise
Google/Waymo mit Daimler-Benz auf Augenhöhe und ein
130 Jahre altes Industrieunternehmen wie Bosch will sich in
Zukunft stärker an den Organisationsparadigmen der Startup-
Welt orientieren (vgl. Hank/Meck 2015).
Dies wirft die Frage auf, ob sich in den Schlüsselunternehmen
der Digitalisierung die Vorboten eines neuen Produktionsmo-
dells beobachten lassen, das weit jenseits der digitalen Ökono-
mie Bedeutung erlangen könnte. Im Folgenden skizzieren wir
daher die Konturen des Produktionsmodells des digitalen Ka-
pitalismus, das sich in den benannten Leitunternehmen des
kommerziellen Internets sowie in bedeutenden Startups wie U-
ber oder Airbnb, v.a. in Form der Durchsetzung der sogenann-
ten Plattformökonomie (Choudary/Parker/Alstyne 2016;
Kirchner/Beyer 2016; Srnicek 2017) beobachten lässt. An ih-
rem Beispiel analysieren wir, in Form einer idealtypischen
Verdichtung, das digitale Produktionsmodell in den Dimensi-
onen der Produktions- und Marktorganisation sowie der Ar-
beitsbeziehungen in Abgrenzung zum fordistischen und post-
fordistischen Produktionsmodell (Boyer/Durand 1993;
Dörre/Brinkmann 2005). Ziel der Analyse ist weder eine er-
schöpfende Darstellung der Konsequenzen der Digitalisierung
von Arbeit und Wirtschaft, noch eine abgeschlossene Theorie
des digitalen Kapitalismus und der Plattformökonomie zu lie-
fern. Es geht vielmehr um die Untersuchung digitaler Trans-
formationsprozesse mit dem Ziel der Etablierung einer For-
schungsheuristik, die die Anschlussfähigkeit der Digitalisie-
rungsforschung an die Kapitalismusanalyse ermöglichen soll.
Hierfür beziehen wir uns sekundäranalytisch auf wirtschafts-
soziologische Untersuchungen sowie eigene explorative For-
schungen (v.a. Experteninterviews).
Im Sinne der Regulationstheorie muss die Bestimmung eines
spezifischen Kapitalismustypus den Zusammenhang von Ak-
kumulation, Regulation und Produktion erschließen (Aglietta
1987; Boyer 1990). Akkumulationsregime, Regulationsweise
und Produktionsweise emergieren jedoch als historische Kon-
figuration, deren exklusive funktionale Zusammenhänge erst
retrospektiv voll in den Blick geraten können. Wir fokussieren
daher im Folgenden zunächst das digitale Produktionsmodell,
welches der möglichen Verfestigung eines Akkumulationsre-
gimes und der darauf bezogenen Regulationsweise voraus-
3
Außer Acht lassen wir dabei die unterschiedlichen internati-
onalen Wertschöpfungsketten des digitalen Kapitalismus, die
sowohl für Wissensarbeit (z.B. in Callcentern) wie auch die
geht. Dabei konzentrieren wir unsere Analyse auf das Produk-
tionsmodell, wie es sich in den fortgeschrittenen Kapitalismen
entwickelt.
3
Der Begriff des Produktionsmodells bezeichnet eine spezifi-
sche Beziehung der Produktionsorganisation, der Produkt- und
Wettbewerbspolitik und der Arbeitsbeziehungen (Bo-
yer/Durand 1993; Boyer/Freyssenet 2003; Brinkmann 2011;
Dörre/Brinkmann 2005). Im Folgenden erweitern wir diese re-
gulationstheoretische Perspektive mit analytischen Dimensio-
nen der neuen Wirtschaftssoziologie zur Organisierung von
Märkten (Dobbin 2004; Sparsam 2015). Der klassischen Les-
art zufolge werden auf Märkten Eigentumsrechte gehandelt
(Ahrne/Aspers/Brunsson 2015), während Organisationen for-
male Gebilde darstellen, in denen Entscheidungen prozessiert
werden (Luhmann 2000; March/Simon 1993). In der jüngeren
Wirtschaftssoziologie hat sich dagegen die Erkenntnis durch-
gesetzt, dass man die Dimensionen Markt und Organisation
analytisch stärker verbinden muss (Ahrne/Aspers/Brunsson
2015; Fligstein/McAdam 2011). Im Verlauf des Textes wer-
den wir zeigen, dass eine solche Perspektive gerade hinsicht-
lich der Beschreibung des digitalen Produktionsmodells von
großer Bedeutung ist. Denn protodigitale Unternehmen verwi-
schen empirisch die Grenzen zwischen dem Markt und dem
organisationalen Innenraum der Firmen hinsichtlich der Mit-
gliedschaft und den Grenzen der Organisation, der Gover-
nance sowie der Kontrollformen.
Im ersten Teil des Aufsatzes skizzieren wir knapp und synthe-
tisierend das fordistische und das postfordistische Produkti-
onsmodell als Kontrastfolien zum emergierenden digitalen
Produktionsmodell. Anschließend wird im zweiten Abschnitt
das Format der digitalen Plattform als entscheidende Produk-
tionsorganisation des digitalen Kapitalismus vorgestellt und
die mit ihm verbundenen Transformationen in den Dimensio-
nen von Organisation und unternehmensinterner Governance
analysiert. Im folgenden dritten Teil wird die Markt- und Wett-
bewerbspolitik digitaler Plattformunternehmen als eine Orga-
nisierung von Märkten über soziotechnische Ökosysteme dis-
kutiert, wobei wir auch auf die spezifische Rolle digitaler Gü-
ter eingehen. Im vierten Abschnitt behandeln wir knapp die
Arbeitsbeziehungen als „politics in production“ (Burawoy
1985), indem wir den Blick auf bedeutende Konfliktlinien in-
nerhalb des Arbeitsprozesses der Plattformunternehmen und
den diesen korrespondierenden Arbeitskrafttypus richten. Ab-
schließend fassen wir unsere Befunde in einer Forschungsheu-
ristik zusammen, die im Sinne einer tentativen Generalisierung
Herstellung materieller Produkte (z.B. Smartphones) von Be-
deutung sind. Vgl. Fuchs (2014).
3 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
der Verbindung von Digitalisierungsforschung und Kapitalis-
musanalyse dienen soll.
1 Vom fordistischen zum
postfordistischen Produktionsmodell
Dörre und Brinkmann verweisen in Anschluss an Boyer und
Durand (Boyer/Durand 1993) auf vier Basisprinzipien des for-
distischen Produktionsmodells, die wir, stark kondensiert, fol-
gendermaßen zusammenfassen: (1) Hierarchische Steuerung
über direkte Befehlsketten im Unternehmen und eine entspre-
chend vertikal integrierte Konzernstruktur mit fester Mitglied-
schaft der Beschäftigten und im Zeitverlauf emergierenden be-
triebsbürgerlichen Rechten; (2) Das „Primat der Produktions-
über die Marktökonomie“ (Dörre/Brinkmann 2005: 88), also
ein Governancemodell, in dem die Produzenten auf expandie-
renden Verbrauchermärkten weitgehend unabhängig von
Marktkonkurrenz die Standards der angebotenen Produkte
kontrollieren und damit einhergehend die relative Entkopp-
lung von Produktionsabläufen, beruflichen Karrierepfaden
und Beschäftigungssicherung von Marktrisiken etablieren
konnten; (3) Tayloristischer Arbeitsprozess (also die über
technische Rationalisierungsmethoden vermittelte Zergliede-
rung des Arbeitsprozesses in kleine, funktional integrierte Ar-
beitsschritte und deren technische Detailkontrolle sowie die
Trennung von Hand- und Kopfarbeit), bzw. stark hierarchisch-
personale oder formal-bürokratische Kontrollmodelle; (4) Ein
Dualismus großbetrieblicher Massenproduktion und kleinbe-
trieblicher, funktional spezialisierter Fertigung (Ebd.).
Demgegenüber sei, spätesten seit den 1990er Jahren, ein an li-
beralen Marktwirtschaftsmodellen orientierter Kapitalismus-
typus dominant geworden, der auf einem finanzmarktgetriebe-
nen, postfordistischen Produktionsmodell basiere
(Dörre/Brinkmann 2005). Diese Entwicklung ist gekennzeich-
net durch: (1) Eine stärkere Ausrichtung der Unternehmenspo-
litik an den Finanzmärkten im Rahmen des Steuerungsprinzips
der Shareholder-Value-Orientierung (Höpner 2003) und damit
einhergehend eine weniger hierarchisch-zentralistische Orga-
nisation der Wertschöpfungsketten mit dem Effekt einer zu-
nehmenden Fragmentierung von Belegschaften und den mit
der Unternehmensmitgliedschaft verbundenen sozialen An-
rechten; (2) das Primat des Marktes, der von der Strukturie-
rung des Wettbewerbs zwischen den Unternehmen über die
Prinzipien unternehmensinterner Governance bis hinein in die
Arbeitsprozesse das dominierende Strukturierungsprinzip bil-
det; (3) entsprechend marktförmig strukturierte Herrschafts-
modelle im Rahmen eines marktzentrierten Kontrollmodus
(Dörre/Röttger 2003; Sauer 2011), der der Handlungsautono-
mie der Beschäftigten innerhalb des Arbeitsprozesses zwar
deutlich größere Spielräume gewährt, zugleich aber über Ziel-
vorgaben, internen Wettbewerb und die Ausgliederung von
Arbeitszusammenhängen aus den Unternehmen ein neues
Kontrollsystem an die Stelle von Taylorismus und hierar-
chisch-bürokratischer Steuerung setzt; (4) eine stärkere De-
zentralisierung der Wertschöpfungsketten und deutlich mehr
Wettbewerb zwischen einzelnen Unternehmen, aber auch zwi-
schen denen an einer spezifischen Wertschöpfungskette betei-
ligten Akteuren (Brinkmann 2011; Sauer 2005; 2010). Es ver-
steht sich von selbst, dass diese knappe und stilisierte Darstel-
lung der fordistischen und postfordistischen Produktionsmo-
delle hochgradig typisiert ist und der historisch dokumentier-
ten Vielfalt sowie den Überlappungen und Ungleichzeitigkei-
ten innerhalb beider Typen nicht annähernd gerecht werden
kann. Als typisierte Referenzfolie für unsere Ausführungen
zum Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus sind sie je-
doch insofern sinnvoll, als mit ihnen der (wiederum typisierte)
Kontrast der unterschiedlichen Produktionsmodelle scharf ge-
stellt werden kann.
2 Die Produktionsorganisation der
digitalen Plattform
Die Beschreibungen der fordistischen und der postfordisti-
schen Wirtschaftsweise deuten gleichermaßen auf die zentrale
Rolle hin, die der Verbindung von Unternehmenspolitik und
Marktgestaltung bei der Analyse von Produktionsmodellen zu-
kommt. Das digitale Produktionsmodell, dessen Konturen im
Folgenden beschrieben werden, stellt in dieser Hinsicht eine
Besonderheit dar, denn viele der Leitunternehmen der Digita-
lisierung sind nicht nur Firmen, sondern gleichermaßen
Märkte. Der Begriff, der sich zur Beschreibung dieses Sach-
verhalts durchgesetzt hat, ist jener der Plattform (vgl. Gawer
2009). Ebay, aber auch Firmen wie Airbnb, Uber oder Ama-
zons Mechanical Turk, sind Unternehmen mit Angestellten,
die in ein spezifisches Organisationssystem eingebunden sind.
Die zentrale Dienstleistung solcher Firmen besteht allerdings
zugleich im Angebot eines Marktplatzes, auf dem sich Kun-
den, Firmen und Arbeitskräfte als Anbieter und Nachfrager
von Produkten, Dienstleistungen und Arbeitskraft treffen. An
ihrem Beispiel lassen sich daher die empirischen Zusammen-
hänge zwischen der Transformation von Organisationsfakto-
ren und der Veränderung von Märkten unmittelbar beobach-
ten, weil sie gleichermaßen der integrierenden Logik der Platt-
form folgen. Diese kann als Leitfigur der digitalen Reorgani-
sation von Unternehmen und Märkte gelten (Choudary/Par-
ker/Alstyne 2016; Srnicek 2017; Staab/Nachtwey 2016b).
Plattformen sind intermediäre digitale Infrastrukturen“, die
Personen und Gruppen erlauben miteinander zu interagieren
(Srnicek 2017: 43). Unterschiedliche Nutzertypen wie Produ-
zenten, Dienstleister, Kunden, Anbieter von Werbung, etc.
können in Austauschprozesse miteinander eintreten. Als
Quasi-Märkte organisieren Plattformen das Zusammentreffen
4 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
von Angebot und Nachfrage. Allen Plattformen ist gemeinsa-
men, dass sie datengetriebene und datenoptimierte Markt-
plätze darstellen. Über externe, aber viel häufiger endogen ge-
nerierte Daten optimieren Sie das Matching von Anbietern und
Nachfragern sowohl in zeitlicher wie auch qualitativer Dimen-
sion (Srnicek 2017). Ein spezifisches Merkmal des Plattform-
Modells ist zumindest für einige der zentralen Internetunter-
nehmen , dass Produkt und Wertschöpfung (mit Marx gespro-
chen: Gebrauchswert und Tauschwert) zwar verkoppelt sind,
aber in ihrer Wertform nicht übereinstimmen. Das Produkt, die
Interaktion von Akteuren, ist häufig sogar kostenfrei, die
Wertschöpfung findet vielfach über andere Dienste statt (z.B.
Werbung, Integration in die eigenen gebührenpflichtigen An-
gebote). Das Geschäftsmodell kann allerdings auch in der Er-
hebung von Gebühren für Transaktionen zwischen Anbietern
und Kunden bestehen der Fahrtenvermittler Uber oder di-
verse Reiseportale erheben beispielsweise eine Transaktions-
gebühr bei der Vermittlung einer Serviceleistung, ebenso wie
Googles oder Apples Appstores oder in der Zweitverwertung
der bei den Plattformen auflaufenden Kundendaten bspw. zum
Vertrieb von Werbeflächen im Internet, wie etwa im Fall von
Google oder Facebook.
2.1 Plattform als Organisationsmodell und
hybride Mitgliedschaft
Selbst global operierende Plattformunternehmen kommen in
der Regel mit einer relativ kleinen Hauptorganisation mit fes-
ten Belegschaftskernen aus. Google beispielsweise hatte im
Jahr 2015 weltweit nur knapp 62.000 Mitarbeiter,
4
während
der Volkswagenkonzern weltweit und die Caritas alleine in
Deutschland fast 600.000 Beschäftigte zählen. Das Organisa-
tionsmodell von Plattformunternehmen entspricht allgemein
einem kleinen Zentrum mit partiell geöffneten Organisations-
grenzen: Die Plattformen greifen jenseits ihrer formalen Orga-
nisationsgrenzen in unterschiedlichem Ausmaß auf externe
Arbeitskraft zu, sei es durch die Beteiligung „arbeitender Kun-
den“ (Kleemann/Voß/Rieder 2008), die als Co-Produzenten
etwa bei Bewertungs- oder Beratungsprozessen im Internet ak-
tiv werden (Staab 2017), oder in Form bezahlter Aufträge, die
von Freelancern übernommen werden. Die Organisation ist
daher weder durch eine feste Mitgliedschaft wie im fordisti-
schen Produktionsmodell, noch durch eine fragmentierte Mit-
gliedschaft wie im Falle des Postfordismus geprägt. Bei den
am Arbeitsprozess Beteiligten dominieren hybride Mitglied-
4
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/195387/um-
frage/anzahl-der-mitarbeiter-von-google-seit-2001 (Zugriff
vom 28.6.2017).
schaften, die lediglich durch eine temporäre und partielle In-
tegration von Arbeitskräften ins Unternehmen gekennzeichnet
sind. Man ist weder ganz drinnen, noch ist man ganz draußen:
Als Clickworker ist man beispielsweise Teil der Community
der jeweiligen Crowdsourcing-Plattform (vgl. Boes et al.
2015) ohne dort angestellt zu sein, ebenso wie App-Program-
mierer, die Anwendungen für Betriebssysteme wie Android o-
der IOS entwickeln, nicht Teil der Belegschaften von Google
oder Apple sind. Da Personen, die direkt in den Arbeitsprozess
integriert sind, unter der Maßgabe der Organisationslogik der
Plattform vielfach nicht Mitglied des Unternehmens sind, ent-
behren sie auch der damit verbundenen arbeitsrechtlichen und
sozialen Integrationschancen, bspw. im Rahmen betrieblicher
Mitbestimmung, betrieblichen Arbeitsrechts und der Inklusion
in die Sozialversicherungen. Zwischen Crowdworkern und
Kunden besteht in qualitativer Hinsicht dabei nur ein kleiner
Unterschied,
5
denn beide sind lediglich über eine hybride Mit-
gliedschaft mit der Organisation verbunden.
2.2 Governance: Primat der Ökosysteme
Betriebliche Governanceprinzipien sind in der Plattformöko-
nomie, ebenso wie in anderen Produktionsformen, der Spiegel
einer spezifischen Marktstrategie der Unternehmen. Während
im Fordismus Gewinn vor allem durch die Rationalisierung
der Produktion und deren Anpassung an die jeweiligen Ver-
brauchermärkte erzielt wurde und im postfordistischen Pro-
duktionsmodell die Orientierung der Unternehmen auf die Fi-
nanzmärkte durch die Dominanz des Shareholder-Value-Prin-
zips durchgesetzt wurde, bildet im digitalen Kapitalismus das
Wachstumsparadigma der Plattformen und ihrer Ökosysteme
den Kern der unternehmerischen Strategien der Marktgestal-
tung.
Von produktspezifischen Plattformen wie Uber oder Airbnb,
die sich auf Produkte und Teilmärkte spezialisieren, sind
Meta-Plattformen wie Google, Apple, Amazon oder Microsoft
zu unterscheiden. Sie fungieren, bspw. über ihre Betriebssys-
teme (Android, IOS, Windows), jeweils als Plattform der Platt-
formen, die von bereichsspezifischen Anbietern als Anker-
plätze für ihre Angebote benötigt werden. Den Kern dieser
Metaplattformen bilden soziotechnische Ökosysteme (Dolata
2015; Nachtwey/Staab 2015), also anwendungsbezogene digi-
tale Konfigurationen aus Programmen, Geräten, digitaler Inf-
rastruktur (Server und Clouds) sowie Dienstleistungen, die
5
Unter dieser Maßgabe wird nachvollziehbar, weshalb Ama-
zon es offenbar für vertretbar hielt, Crowdworker des Me-
chanical Turk zeitweise nicht monetär, sondern in Form von
Einkaufsgutscheinen zu ‚entlohnen‘.
5 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
durch eine umfassende Integration der Nutzer sowie eine ten-
denzielle Schließung gegenüber anderen Ökosystemen ge-
kennzeichnet sind. Über die Verknüpfung von Hard- und Soft-
wareangeboten (bspw. Tablets/Smartphones und Betriebssys-
temen), von materiellen Gütern und Dienstleistungen (bspw.
in Shopping-Apps) in einem Netzwerk sowie dessen partieller
Öffnung für Ko-Innovation und Ko-Produktion durch Dritte
(etwa App-Entwickler und Kunden, die bspw. Rezensionen
verfassen) kommt es zu einer immer stärkeren Integration der
Nutzer: Auf einem Android Smartphone sind, gemeinsam mit
dem Google-Betriebssystem, beispielsweise bereits zahlreiche
Google-Apps vorinstalliert und eine Anmeldung über ein
Google-Konto ist Nutzungsbedingung. Damit bindet der Kon-
zern Nutzer direkt in sein technisches Netzwerk ein und wird
für diese zum Tor zur digitalen Welt, an dem sämtliche rele-
vanten Daten auflaufen, die das Geschäftsmodell des Unter-
nehmens bilden.
6
Das wachsende Produkt- und Dienstleis-
tungsportfolio sowie die immer stärkere Integration dieses An-
gebots in sozio-technische Ökosysteme erhöht die Bindung
von Kunden an die Meta-Plattformen, da die Transaktionskos-
ten eines Wechsels in ein anderes Netzwerk bei fortschreiten-
dem Integrationsgrad steigen.
Soziotechnische Ökosysteme werden im Grunde mit den glei-
chen Mechanismen wie Märkte bzw. Organisationen gesteu-
ert: Zentral für die platform governance sind Entscheidungs-
rechte, Kontrollmodi bzw. deren Automatisierung in Form von
Prozessgestaltung und Nutzungsregelungen sowie die Ausge-
staltung der Eigentumsrechte (Tiwana et al. 2010). Die Kon-
trolle über die Regeln und das Eigentum an ihrem Ökosystem
liegt einzig bei der Metaplattform: Sie besitzt den spezifischen
Markt. Über die Normierung der technischen Standards setzen
Plattformen daher die Regeln für die Marktprozesse und kön-
nen diese im Prinzip nach eigenem Interesse gestalten oder
aussetzen.
7
Als Organisation, die sich eigene Regeln setzen
kann, regelt die Plattform zudem den Zugang von Akteuren
zum Markt. Sie kann entscheiden, wer Produkte anbieten bzw.
erwerben darf und wer vom Marktgeschehen ausgeschlossen
bleibt. Plattformen verfügen außerdem über Informations-
6
Shoshana Zuboff (2016: 3) bezeichnet Google als „Mutter-
schiff und Idealtypus einer neuen ökonomischen Logik.“.
7
Google war in der Vergangenheit beispielsweise mit Prozes-
sen konfrontiert, in denen Unternehmen die Objektivität des
Bewertungsalgorithmus der Suchmaschinenfunktion an-
zweifelten. Solche Zweifel können nur entstehen, weil
Google als Organisation die technischen Protokolle kontrol-
liert, auf deren Basis die Marktbeziehungen stattfinden.
macht, wie sie die Produzenten des Fordismus und Postfordis-
mus nie erreichen konnten. Bei ihnen bündelt sich das Wissen
über Kundenbeziehungen, Namen, Adressen, Kreditkartenda-
ten, Nutzerprofile und -verhalten Informationen also, die zur
Einschätzung von Märkten und damit für den Erfolg von Un-
ternehmen von entscheidender Bedeutung sind.
Die Arbeit der Schlüsselunternehmen der Digitalisierung an
einer Selbsttransformation in zunehmend geschlossene sozio-
technische Ökosysteme offenbart den Primat betrieblicher
Governance in der Plattformökonomie: Um in ihrem Bereich
wirklich umfassend erfolgreich zu sein, müssen Plattformen
lokale Monopole anstreben (Staab/Nachtwey 2016b). Denn so
lange mehrere Plattformen in einem Marktsegment um die
gleichen Nutzer konkurrieren, diktiert tendenziell der Wettbe-
werb die Preise und drückt damit die Gewinne der Plattformen.
Sobald ein Plattformunternehmen allerdings als dominieren-
der Marktplatz in einem spezifischen Segment operiert, kann
es die eigenen Transaktionsgebühren im Grunde beliebig er-
höhen und für Produzenten und Kunden die Preise setzen,
8
da
es alleine über den Zugang zum und Ausschluss vom Markt
entscheidet. Plattformunternehmen setzen daher in der Regel
auf radikale, von großen Mengen Risikokapitals gestützte Ex-
pansionspolitik, die vornehmlich auf das Gewinnen immer
neuer Nutzer setzt (Kahn 2017). Denn die Maximierung der
Nutzerzahlen bildet die notwendige Voraussetzung für die an-
gestrebte Marktdominanz. So subventionieren Unternehmen,
wie bspw. der Fahrtendienstleister Uber, vielfach ihre Pro-
dukte und nehmen hohe Verluste in Kauf, um immer mehr
Kunden zu gewinnen.
9
Hieran veranschaulicht sich exempla-
risch der Primat der Expansion gegenüber dem kurzfristigen
Gewinn (Kahn 2017), der im Kontext des strategischen Auf-
baus sozio-technischer Ökosysteme von noch entscheidende-
rer Bedeutung ist als im Falle der spezialisierten Plattformen.
3 Plattformen als Marktorganisation
Das Primat der Expansion vor dem Gewinn prägt empirisch
die Entwicklung digitaler Märkte: Nach einer Übergangsphase
8
Besonders eindrücklich lässt sich dieser Umstand an der
Fahrtendienst-Plattform Uber beobachten: Uber legt nicht
nur die Höhe der Gebühr pro vermittelter Fahrt, die es vom
Lohn des Dienstleisters erhält, sowie die Höhe des Kilome-
terpreises fest. Es behält sich auch vor, bei höherer Nach-
frage zu Stoßzeiten die Fahrpreise zu erhöhen.
9
Uber beispielsweise machte, 8 Jahre nach seiner Gründung,
allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2017 noch 708
Millionen Dollar Verlust (Isaac 2017).
6 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
des Wettbewerbs unterschiedlicher Plattformanbieter entwi-
ckelt sich in der Regel ein Quasi-Monopolist oder doch zumin-
dest ein dominierendes Unternehmen, das den Konkurrenten
den Takt vorgibt, so bspw. Amazon im Bereich des E-Com-
merce, Google als Suchmaschine oder Facebook als soziales
Netzwerk wobei in der Logik des Aufbaus sozio-technischer
Ökosysteme auch Oligopole möglich sind, weil durch die enge
Einbindung des Kunden in die technischen Netzwerke der je-
weiligen Unternehmen der Wechsel zwischen unterschiedli-
chen Ökosystemen erschwert wird, wodurch der betreffende
Markt im Grunde zwischen einigen wenigen Firmen aufgeteilt
wird (Staab/Nachtwey 2016b).
Der oft vergleichsweise schnelle Aufstieg großer Plattformen
zu Quasi-Monopolen resultiert nicht nur aus der Strategie der
Unternehmen (vgl. Dolata 2015), sondern erklärt sich zum Teil
aus der Materialität digitaler Güter und der Eigenlogik von
Ordnungsprozessen im Internet: Zum einen wirken beim er-
folgreichen Aufbau von Plattformen oft Netzwerkeffekte
(Shapiro/Varian 1998), die auf dem Umstand beruhen, dass
der Nutzen vieler digitaler Produkte mit der Zahl der User
steigt: Soziale Netzwerke bspw. werden immer attraktiver, je
mehr Personen sich anschließen. Ist eine kritische Masse ein-
mal erreicht, wird die Gewinnung neuer Nutzer zu einem sich
selbst verstärkenden Prozess, der das rasante Wachstum der
jeweiligen Plattform trägt. Zum anderen wirken beim Angebot
digitaler Produkte spezifische Skaleneffekte: Bei der Entwick-
lung einer App mögen bspw. beachtliche Kosten anfallen. Ist
das Produkt jedoch einmal entwickelt, kann es zu extrem nied-
rigen Grenzkosten reproduziert werden. Dies macht es den je-
weiligen Firmen möglich, große Stückzahlen zu relativ kleinen
Einzelpreisen anzubieten oder die Produkte, mit dem Ziel ei-
ner langfristigen Kundenbindung gar umsonst zur Verfügung
zu stellen. Große Unternehmen können dabei in großer Ge-
schwindigkeit immer neue Produkte in großer Vielfalt auf den
Markt werfen, was kleineren, ressourcenschwächeren Firmen
den Markteintritt erschwert, die eigene Position stärkt und
schnelles Wachstum ermöglicht. Das Zusammenwirken von
Skalen- und Netzwerkeffekten als Spezifikum digitaler Güter
und Ordnungsprozesse trägt daher zur Entwicklung marktseg-
mentdominierender Firmen bei.
10
Amazon beispielsweise kann aufgrund seiner Marktstellung
die Einkaufspreise bei Verlagen drücken und so Margen über
dem marktüblichen Niveau erreichen.
11
Letztere ist jedoch in der Regel im Besitz der jeweiligen
Plattformen und weicht insofern vom klassischen Modell des
3.1 Digitale Händlermärkte
Die Monopolfunktion digitaler Plattformen unterscheidet sie
grundsätzlich von den Markplätzen des Fordismus, die maß-
geblich durch die Produzenten strukturiert waren, sowie von
den Märkten des Postfordismus, für die die Expansion der re-
alen Konkurrenz unter den Firmen prägend war. Während im
Fordismus die Produzenten Angebot und Preise und damit ihre
eigenen Margen bestimmten, war der Postfordismus eine stär-
ker „consumtion based economy“ (Crouch 2009), in der An-
bieter und Nachfrager zwischen alternativen Marktplätzen
wählen konnten, was den Marktmechanismus bei der Bestim-
mung der Preise tendenziell stärkte. Der digitale Kapitalismus
der Plattformen ist in diesem Sinne weder ein Produzenten-
(Fordismus), noch ein Konsumenten- (Postfordismus), son-
dern ein Händlermarkt, in dem die jeweiligen Plattformen auf
Grund ihrer Quasi-Monopolstellungen die eigenen Margen zu
einem erheblichen Grad selbst bestimmen können.
10
Als Ei-
gentümer der Märkte und der Ökosysteme beruht das Ge-
schäftsmodell der Plattformen auf anteiligen Margen, Gebüh-
ren, dem Handel mit Nutzerdaten (Sekundärverwertungen, v.a.
Werbung) und/oder der Vermietung digitaler Infrastruktur
(Cloud-Services).
11
Während bereichsspezifische Plattformen
etwa jene für Übernachtungen (Airbnb) oder Musik (Spotify)
die eigenen produktspezifischen Märkte dominieren und for-
men, verwalten und kontrollieren die Leitunternehmen der Di-
gitalisierung ihre jeweiligen Metamärkte, denen die produkt-
spezifischen Plattformen untergeordnet sind.
Über die Schlüsselrolle des Handelsgewinns ist nicht nur das
Primat der Produktion, wie es für das fordistische Produktions-
modell prägend war, ausgehebelt. Auch das Primat des realen
Wettbewerbs, das den Postfordismus bestimmte, herrscht auf
den marktdominierenden Plattformen nicht. Denn sowohl be-
reichsspezifische als auch Metaplattformen können die Regeln
des Wettbewerbs, dessen Forum sie stellen, bestimmen und
damit die Konkurrenzmechanismen zu ihren eigenen Gunsten
strukturieren.
3.2 Zugang statt Eigentum
In den Händlermärkten des digitalen Kapitalismus spielt zu-
dem die Kategorie des Eigentums in zweifacher Hinsicht eine
veränderte Rolle im Vergleich zu anderen Wirtschaftsformen:
Erhebens von Vermittlungsgebühren und der Zweitverwer-
tung anfallender Daten ab. Es bleibt abzuwarten, ob hierin,
wie Srnicek (2017) argumentiert, das eigentliche Geschäfts-
modell der Zukunft für die Plattformen entsteht. Dies wäre
dann jedenfalls eine signifikante Transformation innerhalb
der Logik der Marktorganisation.
7 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
Hinsichtlich des Eigentums an den Produktionsmitteln und
hinsichtlich der produzierten Güter und Dienstleistungen. In
den Produzentenmärkten des Fordismus und den Kunden-
märkten des Postfordismus wurde Gewinn primär durch die
Übertragung von Eigentumsrechten erzielt: Ein Stahlunterneh-
men übertrug beispielsweise die Eigentumsrechte an seinem
Produkt einem Automobilhersteller, der daraus ein Produkt er-
zeugte, dessen Eigentumsrechte er wiederum gegen Gewinn
an einen Kunden veräußerte. Der Schlüssel der Wertschöpfung
lag in diesen Modellen im Eigentum an den Produktionsmit-
teln, die zur Herstellung der jeweiligen Produkte benötigt wur-
den. Fabrikbesitzer oder Aktienhalter profitierten vom bei der
Übertragung von Eigentumsrechten erzielten Gewinn. Ein we-
sentliches Merkmal der Plattformökonomie ist dagegen, dass
die Gewinnerzielung vornehmlich auf Nutzungsgebühren von
Märkten und der auf ihnen angebotenen Güter und Dienstleis-
tungen sowie der Kommodifizierung persönlicher Daten ba-
siert. Der Besitz an Produktionsmitteln spielt daher für die Ge-
winnerzielung eine weniger zentrale Rolle. Dies gilt umso
mehr, weil die Produktionsmittel in der digitalen Ökonomie
tendenziell insofern ‚demokratisiert‘ sind, als die meisten Ar-
beitenden über einen eigenen Laptop oder ein äquivalentes
Produkt verfügen.
12
Ein selbstständiger Crowdworker bei-
spielsweise ist zwar Besitzer jener Produktionsmittel, die sei-
nen Arbeitsprozess strukturieren. Er kann daraus jedoch nur
verhältnismäßig wenig Gewinn schlagen, da die Marktkonkur-
renz, strukturiert durch die jeweilige Plattform, über seine
Marktchancen entscheidet. Die Plattform kontrolliert die, auch
materielle, Infrastruktur.
Zudem bieten digitale Güter ganz eigene Wertschöpfungs-
möglichkeiten, die ebenfalls die Plattformen bevorteilen: Wo
immer möglich setzen Plattformunternehmen auf die Digitali-
sierung ihres Produktportfolios. Ein Vorreiter dieser Entwick-
lung ist beispielsweise Amazon im Rahmen seines E-bookpro-
gramms sowie seiner Musik- und Video-Streaming Dienste.
Digitale Produkte sind nicht räumlich oder zeitlich fixiert.
Durch das Wegfallen der analogen Distribution von Produkten
entsteht den Unternehmen ein tendenziell allzeitiger Zugang
zu den Nutzern. Während erste Versuche des Wirtschaftens
mit digitalen Gütern, etwa im Rahmen von Apples iTunes-
Store, noch auf den Verkauf, also die tatsächliche Übertragung
ebensolcher Eigentumsrechte an einem digitalen Produkt setz-
ten, dominieren in jüngerer Vergangenheit Streaming-, d.h.
Verleihdienste, wie Spotify, Netflix oder Amazon Prime das
Angebot. Die Gewinnerzielung wird hier nicht nur in Bezug
auf den Besitz der Produktionsmittel, sondern auch auf der
12
Autoren wie Jeremy Rifkin (2014) sehen in der Demokrati-
sierung der Produktionsmittel und den sinkenden Grenzkos-
ten eine künftige post-kapitalistische Ordnung heraufziehen.
Kundenseite unabhängig von der Übertragung von Eigentums-
rechten: Der Eigentumstitel verbleibt bei den Produzenten, die
auch im Besitz der Produktionsmittel sind. Der Konsument ge-
winnt lediglich temporären Zugang zum gewünschten Objekt,
ohne dessen Eigentümer zu werden. Dazwischen fährt die
Plattform die Vermittlungsrenditen ein.
Die Plattform übernimmt also einerseits die Rolle des Händ-
lers, der freilich nur begrenzt Güter lagern oder materiell dis-
tribuieren muss und dennoch der eigentliche Profiteur der
Marktorganisation ist. Andererseits basieren die beschriebe-
nen Prozesse eben gleichzeitig auf einer hochgradig proprietä-
ren Infrastruktur in Form des Cloud-Computing, wo wiederum
die Leitunternehmen des kommerziellen Internets die ent-
scheidenden Anbieter sind (insbesondere Amazon, Microsoft
und Google). Die Plattform wird damit zum Sinnbild eines Ka-
pitalismus, in dem sich Gewinnerzielung von der Verfügung
über Eigentum sowohl auf der Produzenten- als auch auf der
Konsumentenseite zunehmend löst, während gleichzeitig die
zugrundeliegende Infrastruktur zunehmend vermachtet wird.
4 Arbeitsbeziehungen: Digitale
„Politics in Production“
Jenseits der Strukturierung von Märkten zeigen sich auch im
internen Organisationsuniversum der Plattformen spezifische
Veränderungen im Vergleich zum fordistischen bzw. postfor-
distischen Produktionsmodell. Denn die Macht der digitalen
Netzwerke erstreckt sich auch auf die Gestaltung des Arbeits-
prozesses und damit auf ein entscheidendes Feld der Arbeits-
beziehungen. Jenseits der „politics of production“, die etwa in
Form von Arbeitsmarkt und Sozialpolitik oder industriellen
Beziehungen die Arbeitsbeziehungen prägen, gelten vor allem
die „politics in production“, also die Verhandlungen zwischen
Kapital und Arbeit über betriebliche Arbeitskraftnutzung, als
entscheidende Dimension des den Arbeitsbeziehungen zu-
grunde liegenden Arbeitskonfliktes (Burawoy 1985). Industri-
elle Beziehungen, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik verweisen
auf die spezifische Regulationsweise einer kapitalistischen
Formation. Auf Grund der gegenwärtigen Dominanz des post-
fordistischen Modells kann davon ausgegangen werden, dass
dessen Regulationsmodi einstweilen auch den Rahmen für die
Plattformwirtschaft bilden. Die den „politics in production“
zugrundeliegenden betrieblichen Herrschaftsdynamiken sind
8 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
dagegen unter digitalen Vorzeichen im einem systematischen
Wandel begriffen.
Der Arbeitsprozess im fordistischen Produktionsmodell war
durch unterschiedliche, jedoch gleichermaßen rigide Kontroll-
formen geprägt. Im Rahmen des Taylorismus innerhalb der
Produktionsarbeit wurde beispielsweise auf strikte, technische
Prozesssteuerung gesetzt. Am Fließband konnten Arbeiter, zu-
mindest idealtypisch gesprochen, kaum Autonomiespielräume
geltend machen: Jeder Arbeitsschritt und jede Zeiteinheit wa-
ren streng technisch normiert, wodurch ein Ausscheren aus
dem Kontrollregime beinahe unmöglich wurde. Die bürokrati-
schen Kontrollformen der Angestelltenwelten dieser Epoche
waren zwar weniger stark technisch determiniert. Bürokrati-
sche Vorgaben, gepaart mit strikten personengebundenen
Kontrollformen bedingten aber auch hier eine deutliche Ein-
schränkung von Autonomie. Für den Arbeitskonflikt war dem-
entsprechend das Feld der „politics in production“ von großer
Bedeutung (Burawoy 1985; Edwards 1979). Nicht nur Löhne
und Arbeitszeiten waren entscheidende Themen. Auch Huma-
nisierungsforderungen im Rahmen des Abbaus betrieblicher
Kontrolle prägten die Arbeitsbeziehungen. Als Effekt der sich
hieraus entwickelnden Kämpfe entstand mit dem Arbeitneh-
mer ein spezifischer Typus von Arbeitskraft: Ausgebaute Mit-
bestimmungsstrukturen, tariflich geregelte Arbeitsverhältnisse
und nicht zuletzt die Reduktion von Arbeitsbelastungen waren
Zugeständnisse, die Unternehmen zur Bedingung der zeitwei-
ligen Aufrechterhaltung von Kontrolle über die Arbeitspro-
zesse zu leisten bereit waren. Im postfordistischen Produkti-
onsregime wurden, wie bereits beschrieben, die rigiden Kon-
trollformen des Fordismus durch marktförmigere Herrschafts-
modelle ersetzt: Statt über detailgenaue Prozesskontrolle
wurde Disziplin über die Etablierung von Zielvorgaben, inter-
nen Wettbewerb und die Ausgliederung von Arbeitszusam-
menhängen aus den Unternehmen gesichert. In der Forschung
etablierte sich in Bezug auf den zugrundeliegenden Arbeits-
krafttypus der Prozessbegriff der Subjektivierung (Klee-
mann/Voß 2010), der sowohl die gestiegenen Ansprüche zu-
nehmend hochqualifizierter Beschäftigter an Arbeit hinsicht-
lich Sinnstiftung und Handlungsfreiraum (Baethge 1991) als
auch die betriebliche Indienstnahme dieser Ansprüche zu
Herrschaftszwecken (Moldaschl/Sauer 2000), etwa über deren
Mobilisierung durch „Unternehmenskultur“ (Deutschmann
2002: 126) oder Zielvorgabenmanagement beschreibt. Die
zentrale Konfliktlinie in subjektivierten Arbeitsformen ver-
läuft nicht mehr im Arbeitsprozess, sondern betrifft die Frage
der Grenzziehung zwischen Arbeit und Leben im Sinne der Li-
mitierung des Zugriffs auf die Subjektivität der Beschäftigten
(Heiden 2014; Jürgens 2006).
4.1 Algorithmen, Bewertungssysteme und
digitale Prozesssteuerung
In der Plattformökonomie deutet sich nun ein Comeback rigi-
der sozio-technischer Kontrollmethoden an, das sich, im Zuge
der Hybridisierung der Mitgliedschaft, auch zunehmend jen-
seits der Unternehmensgrenzen erstreckt. Den Schlüssel zu
diesen neuen Herrschaftsformen bilden zum einen algorith-
musgetriebene Steuerungsformen von Arbeit (Raf-
fetseder/Schaupp/Staab 2017). Über Hardware-Endgeräte sind
heute auch räumlich mobil arbeitende Beschäftigte permanent
überwachbar. Über Smartphones oder Tablets können bei-
spielsweise Bewegungsdaten erhoben werden, was individu-
elle Leistungsprofile und vergleiche erlaubt. Solche Überwa-
chungsmethoden bedürfen dabei vielfach keiner personenge-
bundenen Kontrollinstanz mehr. Normabweichungen können
vielmehr von intelligenten Algorithmen direkt aufgedeckt
werden. Über solche Algorithmen kann beispielsweise relativ
problemlos eine vollautomatisierte Suche nach Fehlern erfol-
gen, etwa wenn im Rahmen von Programmier- oder Wartungs-
tätigkeiten Websites nicht in gewünschter Weise funktionie-
ren. In Extremfällen, die vornehmlich relativ routineförmige
Repetitivaufgaben betreffen, können solche Kontrollmodelle
Formen eines digitalen Taylorismus annehmen (vgl. Nacht-
wey/Staab 2015; Staab/Nachtwey 2016), der Handlungsauto-
nomie, ähnlich der Situation der industriellen Massenproduk-
tionsarbeit, fast vollständig aus dem Arbeitsprozess tilgt.
Darüber hinaus gewinnen horizontale Evaluierungs- und Be-
wertungssysteme zunehmend an Bedeutung. Unter dem be-
triebswirtschaftlichen Begriff des Feedbacks operieren solche
Systeme mit der Leistungsbewertung von Beschäftigten durch
andere Beschäftigte oder Kunden. Spezifische sozio-techni-
sche Softwaretools ermöglichen es beispielsweise Kollegen o-
der Dienstleister zu bewerten eine Praxis, zu der Kunden bei
beinahe jedem Online-Einkauf angehalten werden, die aber
auch innerhalb digitaler Plattformunternehmen selbst, wie
bspw. bei Amazon zum Einsatz kommt (Kantor/Streitfeld
2015; Staab/Nachtwey 2016). Oft werden solche Rating-Sys-
teme mit der Vergabe von Punkten kombiniert, die sich an-
schließend in etwaigen Privilegierungen oder Sanktionierun-
gen niederschlagen und darüber hinaus über die Gamefication
der Arbeitsprozesse (Wer schafft den höchsten Score?) einen
Leistungsanreiz erzeugen sollen. So hat beispielsweise IBM
im Rahmen seines Organisationskonzeptes Generation Open
ein Bewertungsprogramm für seine Mitarbeiter initialisiert,
das über die Vergabe sogenannter „Blue Points“ alle Beschäf-
tigten des Unternehmens weltweit vergleichbar macht, was
dem Betriebsrat zufolge zum einen Arbeitsdruck erzeugt und
zum anderen mit Auswirkungen für die Auslastung und Be-
schäftigungsperspektive von Mitarbeitern verbunden ist (vgl.
Rehm/Schäfer 2015: 64).
9 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
Systematisch erstrecken sich die beschriebenen „algokrati-
schen“ (Aneesh 2009) sowie die sozio-technischen Kontroll-
systeme nicht nur auf Mitarbeiter digitaler Plattformunterneh-
men, sondern auch auf Arbeitskraft jenseits der formalen Un-
ternehmensgrenzen: So kann beispielsweise Arbeitskraft, auf
die im Rahmen von Crowdsourcing-Prozessen zugegriffen
wird, relativ lückenlos in bestehende Kontrollsysteme inte-
griert werden. Arbeitspakete werden stark formalisiert und
Eingabemasken installiert, die nur solche Handlungsoptionen
zulassen, die im Host-System anschlussfähig sind (vgl. ebd.).
Über Screenshots oder die Überwachung von Tastaturanschlä-
gen kann zudem in Echtzeit in den Arbeitsprozess eines Free-
lancers eingegriffen werden. Darüber hinaus kommen auch in
Crowdsourcing-Prozessen die benannten Bewertungssysteme
zum Einsatz (vgl. Rehm/Schäfer 2015)
4.2 Kontingente Arbeitskraft
In derartigen Organisationsformen von Arbeit ist ein altes be-
triebswirtschaftliches Problem der Unternehmen gelöst: Zur
effektiven Integration und Kontrolle von Arbeitskraft ist nun
keine formale Organisationsmitgliedschaft der Tätigen mehr
notwendig. In zugespitzter Form verdeutlichen solche Arbeits-
prozesse daher, welcher Idealtypus von Arbeitskraft das Leit-
bild des digitalen Produktionsmodells darstellt. Mit der digita-
len „Kontingenzarbeitskraft“ (Nachtwey/Staab 2015) einsteht
ein Arbeitskrafttypus, der durch die Kombination der organi-
sationalen und herrschaftspraktischen Integration von Arbeits-
kraft in das Unternehmen ohne die damit üblicherweise ver-
bundenen formalen Mitgliedschaftsrechte gekennzeichnet ist.
War der Arbeitnehmer der Ausdruck einer historischen Über-
einkunft zwischen Kapital und Arbeit, in deren Rahmen im
fordistischen Produktionsmodell Folgsamkeit durch Mitglied-
schaftsrechte erkauft wurde (vgl. Staab 2014), und die subjek-
tivierte Arbeitskraft der Effekt eines Mangels rigider Kontroll-
möglichkeiten für hochqualifizierte Arbeit im postfordisti-
schen Produktionsmodell, so ist die Kontingenzarbeitskraft die
erfolgreiche Synthese aus effektiver Kontrolle und organisato-
rischer Freisetzung. Jenseits aller organisatorischer Integrati-
onsmechanismen bewegt sie sich atomisiert auf einem, durch
digitale Anwendungen tendenziell globalisierten Markt. Der
die Problematik der Arbeitsbeziehungen konturierende Ar-
beitskonflikt besteht daher in ihrem Fall im tendenziell univer-
sellen Wettbewerb atomisierter Einzelner. Seien es hochquali-
fizierte Freelancer in der Softwareentwicklung oder Clickwor-
ker, die mit digitalen Einfacharbeiten betraut werden, bei der
Plattform als der entscheidenden Schnittstelle zwischen Ar-
beitskraftangebot und Arbeitskraftnachfrage laufen in ihrem
Fall alle Fäden extra-betrieblicher Herrschaft im Arbeitspro-
zess zusammen: Der Plattformbetreiber entscheidet über die
konkrete Ausformung von Nutzungs- und Kontrollbedingun-
gen, Bewertungssysteme, Teilnahmemöglichkeiten und gege-
benenfalls den Ausschluss vom Arbeitsmarkt der Plattform
eine deutliche Zentralisierung ökonomicher Macht.
5 Für eine kapitalismusanalytische
Digitalisierungsforschung
In diesem Text haben wir die mögliche Entwicklung eines ei-
genständigen Produktionsmodells des digitalen Kapitalismus
diskutiert. Dabei handelt es sich um einen emergierenden Pro-
zess. Die Kategorien- und Begriffsbildung ist deshalb keines-
wegs als abgeschlossene Theorie des digitalen Produktions-
modells zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um eine Heu-
ristik, die einige Anschlussmöglichkeiten einer Soziologie des
Digitalen zur kapitalismustheoretischen Gegenwartsanalyse
aufzeigen soll (vgl. Tabelle 1).
Tabelle 1:
Zusammenfassung der Dimensionen einer Analyse des digitalen Produktionsmodell
Digitales Produktionsmodell
Produktionsorganisation
Marktorganisation
Arbeitsbeziehungen
Unterneh-
mensorganisa-
tion
Governance
Unternehmens-
Marktbezie-
hungen
Arbeitsprozess
Arbeitskrafttypus
10 Oliver Nachtwey, Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus
Plattform
Hybridi-
sierte Mit-
glied-schaft
Primat des
Ökosys-
tems
Expansion
durch In-
tegration
Händler-
markt
Algorithmen
Bewertungs-
systeme
Digitale Pro-
zesssteuerung
Kontingenzar-
beitskraft
Hybridisierung
Zentralisierung
ökonomischer
Macht
Betrachtet man die benannten Leitunternehmen der Digitali-
sierung, so wird deutlich, dass es sich zwar um dynamische
und an Einfluss gewinnende Firmen handelt, diese jedoch in
ihrer Reichweite nach wie vor beschränkt sind. Dem digitalen
Produktionsmodell kann bisher wohl innerhalb keiner nationa-
len Ökonomie und auch nicht auf globaler Ebene eine herr-
schende Leitfunktion zugeschrieben werden. Dennoch ist die
Durchwirkung der Weltgesellschaft mit digitaler Technologie
und deren Einfluss auf die Entwicklung des globalen Kapita-
lismus unverkennbar. Von der Digitalisierung der industriellen
Produktionsprozesse (Industrie 4.0), der Staatsapparate (E-
Government) und öffentlichen Infrastruktur (smart cities) bis
hin zur Finanzbranche (Fintech) finden heute ambitionierte di-
gitale Restrukturierungsprozesse statt, die eine kapitalismus-
analytische Soziologie des Digitalen in den Blick nehmen
sollte. Unsere Ausführungen und tentativen Begriffsbildungen
zielen deshalb lediglich auf eine erste Orientierung einer Sozi-
ologie des digitalen Kapitalismus und sind als Plädoyer für
dessen weitere Erforschung zu verstehen, die immer noch am
Anfang steht. Zahlreiche Fragen sind damit aufgeworfen: Be-
steht beispielsweise ein notwendiger Zusammenhang zwi-
schen dem Plattformmodell und der Prekarisierung von Arbeit
oder ist auch die umgekehrte Richtung denkbar? Wo liegen die
funktionalen, materialen und ökonomischen Grenzen des digi-
talen Produktions- bzw. Distributionsmodells? Wird die Platt-
formlogik auch das strukturierende Prinzip der Digitalisierung
von Industriearbeit und öffentlichem Sektor bilden?
Es wäre zu erwarten, dass ein digitales Produktionsmodell im
Rahmen nationaler und anderer institutioneller Pfadabhängig-
keiten gewisse Variationen aufweisen würde, die dann auch
die Ebenen der Akkumulation und Regulation beträfen.
Schließlich hat bereits zum jetzigen Zeitpunkt das Nachdenken
über neue sozialpolitische Regulationsweisen des digitalen
Kapitalismus begonnen von der Novellierung des Kartell-
rechts und neue Sozialversicherungstypen, gesetzlichen Regu-
lierungen von Crowdwork bis hin zu der Debatte um das be-
dingungslose Grundeinkommen (vgl. BMAS 2017; BMWi
2017). Welche Rolle werden bei solchen Anpassungs- und
Konfigurationsprozessen Staat und Akteure der organisierten
Arbeitsbeziehungen spielen? Welche Aktivitäten und Kon-
flikte sind in unterschiedlichen Fällen auf den Ebenen von Ak-
kumulation und Regulation zu erwarten?
Unserer Ansicht nach bedarf es einer heuristischen Referenz-
folie, wie jener, die wir im vorliegenden Artikel skizziert ha-
ben, um diese Fragen überhaupt adäquat stellen zu können, da
aus dem Kontrast unserer Extrapolationen gegenwärtiger
Trends im kommerziellen Internet mit zukünftigen Entwick-
lungen ein analytischer Begriff des digitalen Kapitalismus em-
pirisch geschärft oder verworfen werden kann.
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Theorists of post capitalism have recently argued for a more or less inevitable end to capitalism. They assume that private accumulation is systematically blocked by the inability of capitalist corporations to create revenues by setting prices as they lose control over the reproduction of their commodities and that in this process, capitalist labour will eventually disappear. Drawing on a case study of Amazon and thoughts on the policies of other leading digital corporations, we challenge these assumptions. Key corporate players of digitization are trying to become powerful monopolies and have partly succeeded in doing so, using the network effects and scaling opportunities of digital goods and building socio-technical ecosystems. These strategies have led to the development of in part isomorphic structures, hence creating a situation of oligopolistic market competition. We draw on basic assumptions of monopoly capital theory to argue that in this situation labour process rationalization becomes key to the corporation's competitive strategies. We see the expansion of digital control and the organizational structures applied by key corporate players of the digital economy as evidence for the expansion of capitalist labour, not its reduction.
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Purpose – The purpose of this paper is to capture and understand the nature of the relationship between e-government development and the digital economy. Design/methodology/approach – Drawing on the Technology Acceptance Model and Fountain’s technology enactment theory, a multidimensional research model was developed. The model was tested empirically through an international study of 67 countries using reputable archival data, primarily including the UN’s e-government survey and the Economist Intelligence Unit’s digital economy rankings. Findings – The empirical findings indicate a strong positive reciprocal (two-way) relationship between e-government development and the digital economy. This finding provides empirical evidence to support the general notion of “co-evolution” between technology and organisations. The study also finds that along with social, economic, political, technological and demographic factors, certain national cultural characteristics have significant effects on the digital economy and e-government development. Research limitations/implications – Relying on archival global data sets, this study is constrained by the coverage and formulation of the data set indices, the sample size (67 countries), and the impossibility of detecting errors that may occur in the process of data collection. Therefore, caution should be taken when making generalisations about the findings of this study. Originality/value – The paper addresses a deficit of empirical research that is supported by sound and established theories to explain short-term dynamics and the long-term impact of the digital economy on public administration. The study contributes to a more accurate and comprehensive understanding of the dynamic relationship between e-government development and the digital economy.
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In the light of the growth crisis of contemporary capitalism, the digitalisation of the economy fosters hopes for spectacular productivity gains, giving economic growth a new impetus. However, such predictions ignore the fact that the growth crisis of contemporary capitalism is mainly a result of weak private demand. I argue that digitalisation represents a macro-strategy for economic transformation explicitly tackling this aspect. However, while several strategies aimed at rationalising consumption can be observed in leading digital economy companies, instead of solving the consumption problem by increasing demand, they tend to exacerbate the structural weakness of consumption. I coin the term ‘consumption dilemma’ to mark this phenomenon and briefly stress its implications for union policies.
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Zusammenfassung Die Digitalisierung gilt derzeit als Auslöser eines radikalen Strukturwandels. Es wird erwartet, dass zunehmend mehr ökonomische Aktivitäten erfolgreich auf digitale Märkte verlagert werden. Aus wirtschaftssoziologischer Perspektive sind diese Erwartungen erklärungsbedürftig. Die Unsicherheit auf digitalen Märkten ist vergleichsweise groß. Dieser Artikel nutzt die wirtschaftssoziologischen Theoriebausteine der Kontrollkonzepte von Fligstein (2001) und der Koordinationsprobleme des Marktes von Beckert (2009), um ein grundlegendes Muster digitaler Marktordnungen als Plattformlogik zu benennen. Mittels der Plattformlogik werden auf digitalen Märkten einerseits traditionelle feste Kopplungen von Unternehmen in lose Kopplungen überführt, andererseits werden Unternehmen zu Profiteuren der digitalen Märkte, die sie organisieren. Als Profiteure erheben sie Gebühren für Markttransaktionen auf digitalen Plattformen. Der Artikel leistet einen grundlegenden Beitrag für die soziologische Analyse der Formen und Folgen der Digitalisierung. Als Ausgangspunkt für die weitergehende Forschung wird eine wirtschaftssoziologische Perspektive vorgeschlagen, die digitale Marktordnungen ins Zentrum der Überlegungen rückt.
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http://www.his-online.de//fileadmin/verlag/leseproben/978-3-86854-729-0.pdf
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Massive and sustained corporate investment around ICTs developed in response to the economic downturn of the 1970s, within a multifaceted attempt to renew profitable growth. Five core components of this encompassing response were financialization, militarization, wage repression, transnationalization, and accelerated commodification. Yet these axes of a developing digital capitalism eventually converged on a new and deeper financial-economic crisis. May we expect this sector to reprise its earlier role in renewing the accumulation process? How may geopolitical-economic forces be rebalanced?
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Markets have sometimes been described as vastly different from and even opposite to formal organizations. But markets and organizations share a similarity as well. Both are organized - by the use of decisions on membership, rules, monitoring, sanctions or hierarchy. Market organization creates differences among markets, and specific dynamics, which can be explained by the actions and interactions of market organizers: profiteers, others', sellers and buyers. The concept of market organization is an analytical tool, which can be used for analysing why and how markets are created, why they get their specific form and how they change.
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In der Arbeits- und Industriesoziologie der Nachkriegszeit, d.h. in den letzten 60 Jahren, waren die Veränderungen der Betriebs- und Unternehmensorganisation lange Zeit kein zentrales Thema. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sie liegen wohl zum einen in der hohen Stabilität organisatorischer Strukturen von Betrieben und Unternehmen in den 1960er und 1970er Jahren, einer Zeit, in der die Grundsteine für arbeits- und industriesoziologische Forschung und Lehre in Deutschland gelegt wurden. Zum anderen führte der spezifische historische Blick der Arbeits- und Industriesoziologie zu anderen Schwerpunktsetzungen: Vor allem in der Forschung ging es zunächst um die Veränderungen von Arbeit, die durch den technischen Fortschritt bzw. Rationalisierungsmaßnahmen der Betriebe hervorgerufen wurden. Der Blick war relativ eng auf Arbeitsplätze, Arbeitsprozesse und evtl. auch noch auf die Arbeitsorganisation gerichtet. Die Organisation von Betrieben und Unternehmen war selten eigenständiger Gegenstand von Untersuchungen. Sie wurde ebenso wie außerbetriebliche Bedingungen, seien es Märkte oder staatliche Institutionen, in der Regel zwar als Einflussfaktor gesehen, aber zunächst nicht systematisch erforscht.