Content uploaded by Christian Geske
Author content
All content in this area was uploaded by Christian Geske on Nov 27, 2018
Content may be subject to copyright.
Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 17 / 201866
Streuobstwiesen in Hessen – ein Landschaftselement mit
agrarpolitischer und ökonomischer Geschichte
Christian Geske
Landschaften, Lebensräume und Arten
Streuobstwiesen prägen bis heute das
Bild der typischen hessischen Kultur-
landschaft (Wolf 1989, Lucke 1991).
Viele hessische Keltereien verwenden
Äpfel von Streuobstwiesen nach wie vor
als Rohstoff, aus dem das hessische „Na-
tionalgetränk“ Apfelwein hergestellt wird.
In manchen ländlichen Gegenden bin-
den die angrenzenden Obstbaumbestän-
de Dörfer und Kleinstädte harmonisch
in die Landschaft ein, sie gliedern und
beleben das Landschaftsbild (Nohl 1987).
Zusätzlich wirken Streuobstwiesen aus-
gleichend auf das Lokalklima und stei-
gern den Erholungswert einer Landschaft.
Sie sind Lebensraum zahlreicher Tier-
und Pflanzenarten und dienen als Gen-
reservoir für alte Kulturobstsorten
(Reich 1988, Simon 1992, Blab 1993,
Bauschmann & Stübing 2012, Dietz et al.
2012).
Dabei ist der Lebensraum Streuobstwiese
ein klassisches Element der Kulturland-
schaft und in Lage, Verteilung und
Struktur das Ergebnis einer seit Jahrhun-
derten andauernden wirtschaftlichen
Nutzung von Obstbäumen in Hessen
und dabei stark beeinflusst von politi-
schen und wirtschaftlichen Rahmenbe-
dingungen (vgl. Poschlod 2015).
Das Vorkommen von Vogelkirsche
(Prunus avium), Wildapfel (Malus sylves-
tris) und Wildbirne (Pyrus pyraster) auch
an hessischen Waldrändern legt zu-
nächst die Vermutung nahe, dass die
Kulturobstbäume in Mitteleuropa ent-
standen sind. Dies trifft jedoch zumin-
dest für die bekannten kultivierten
Apfel- und Birnensorten nicht zu. Sie
stammen aus Süd westasien und sind in
römischer Zeit vor ca. 2.000 Jahren
über den Balkan und das Mittelmeerge-
biet nach Deutschland gelangt (Seidl
2006, Schöller 2010). Der römische
Geschichtsschreiber Tacitus (55 – 115
n. Chr.) erwähnt, dass die germanische
Bevölkerung Obstbäume nicht gezielt
anpflanzte, sondern Wildobst in den
Wäldern sammelte (Kraushaar-Bross
1990). Obstanbau in Kulturen erfolgt
mit dem Vordringen der Römer in Hes-
sen daher zunächst nur südlich und west-
lich des Limes (Morgen 1932). Zahl-
reiche obstbauliche Begriffe lassen sich
auf lateinische Bezeichnungen zurück-
führen. Dazu gehören pfropfen (propago),
Most (mustum), Kelter (calcatura), Presse
(pressus), Fass (vas) oder Keller (cella)
(Rösler 2007). In der Völkerwande-
rungs- und Merowingerzeit vernachläs-
sigt, erhält der Obstbau in der Zeit der
Karolinger – vor allem durch die Land-
güterverordnung Kaiser Karls des Gro-
ßen (Capitulare de villis, 812 n. Chr.),
verbunden mit der Ausbreitung der
Klös ter – einen neuen wirtschaftlichen
Stellenwert (Morgen 1932).
Die Namen vieler alter Obstsorten lassen
auf einen klösterlichen Ursprung schlie-
ßen wie z. B. Karthäuser Renette, Kar-
meliterbirne, Klosterapfel, Kapellenbirne
(Lucke et al. 1992). Es wird vermutet,
dass in den Klostergärten Obstbäume er-
folgreich veredelt wurden und Pfropf-
reiser sowie veredelte Jungbäume in die
Gärten der Bauern in den umliegenden
Dörfern gelangten. Dabei standen die
Obstbäume zunächst vor allem in ge-
schlossenen „Baumgärten“, die man
möglichst in Dorfnähe anlegte. Menk
(1972) nennt beispielsweise zahlreiche
Quellen für bereits Mitte des 15. Jahr-
hunderts urkundlich erwähnte „boym-
garten“ aus dem Raum Eschwege. Noch
heute zeugen entsprechende Gemar-
kungs- oder Straßennamen (z. B. „In den
Baumgärten“) in vielen hessischen Orten
davon. Obstgärten lagen in der Regel
hinter der Scheune der Bauernhäuser
und reichten bis an den Dorfzaun bzw.
die Stadtmauer heran, so dass viele Dör-
fer bis in die Neuzeit von einem „Obst-
baumwald“ umgeben schienen (Rösler
2007).
Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krie-
ges (1618 – 1648) erfährt der Obstbau auch
im Zusammenhang mit der in dieser Zeit
einsetzenden Klimaverschlechterung eine
Intensivierung. In manchen Regionen
wie dem Werratal, dem Taunusvorland
und der Wetterau ersetzen Obstbäume
die nicht mehr sinnvoll zu bewirtschaf-
tenden Weinberge, gefördert durch die
gezielte Intervention des jeweiligen abso-
lutistischen Staates (Pletsch 1989). Be-
reits 1727 lässt Landgraf Karl von dem
Obergarteninspektor Generalleutnant
von Hattenbach „die ihrer Zeit größte
Baumschule“ (Liebster 1984 a) bei Kassel
anlegen und verordnet die Anlage von
Baumschulen und die Pflanzung von
Obstbäumen in der ganzen Landgraf-
schaft Hessen (vgl. Schmoll 1990).
Erst jetzt beginnt in größerem Umfang
der Wandel von der reinen Selbstver-
sorgung aus den Gärten im unmittel-
baren Umfeld der Dörfer hin zu einem
Wirtschafts- und Verwertungs-Obst-
bau in der freien Landschaft (Weller
1992).
Die Verwertung beinhaltet selbstver-
ständlich auch die Verkelterung: Zu die-
ser Zeit löst Apfelwein in der freien
Reichsstadt Frankfurt den Wein als
„Haustrunk“ ab, 1641 wird erstmals das
Heraushängen von Kränzen als Zeichen
des Ausschanks erlaubt und ab 1654
wird Apfelwein bereits besteuert (Ernst
1959). Im 18. Jahrhundert sollen in gu-
ten Jahren allein in Frankfurt-Sachsen-
hausen über 10.000 Hektoliter Apfel-
wein ausgeschenkt worden sein (Weill
1928). Die hessischen Territorien sind
zum Ende des 18. Jahrhunderts bereits
ein Überschussgebiet an Obst. Kurhes-
sisches Dörrobst aus dem Gebiet um
Witzenhausen wird bis nach Bremen ge-
handelt und dort als Schiffsproviant ver-
wendet, frische Ware nach Kassel und
Göttingen geliefert (Künzel 1967). Nach
guten Ernten gehen damals im Oden-
Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 17 / 2018 67
am Rhein die „Königlich Preußische
Lehranstalt für Obst- und Weinbau“ ge-
gründet (Morgen 1932). Die Gründung
des „Nassauischen Landes-Obst- und
Gartenbau-Vereins“ erfolgt 1885, die der
„Großherzoglichen Hessischen Obstbaum-
schule“ in Friedberg 1895 (Logl o. J.).
Bei der Obstbaumzählung des Deutschen
Reiches im Jahr 1900 werden im Groß-
herzogtum Hessen (bestehend aus den
Provinzen Oberhessen, Rheinhessen und
Starkenburg) über 4 Millionen Obstbäu-
me gezählt, allein in der Provinz Starken-
burg (das heutige Südhessen südlich des
Mains ohne die Stadt Frankfurt) sind es
knapp 1,7 Millionen und damit 1.049
ertragsfähige Obstbäume je 100 ha land-
wirtschaftlicher Fläche (Goethe 1909,
zit. nach Lucke et al. 1992).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzt
dann mit der Einführung des Buschobst-
baus eine erste Veränderung im Bereich
des Intensivobstbaus, d. h. bei der Pro-
duktion von Tafelobst in den besonders
begünstigten Obstbaulagen, ein (Liebs ter
1984 b).
In Folge der zunehmenden Mechanisie-
rung findet in den folgenden Jahrzehnten
ein grundlegender Strukturwandel in der
Landwirtschaft statt. Obstbäume in der
Feldflur und an Wegrändern werden zu-
nehmend eher als Hindernis bei der
Feldarbeit empfunden. Die einsetzenden
Flurbereinigungen lassen an vielen Stel-
Darmstadt, Heppenheim) beamtete
Obstbaumtechniker eingestellt.
Die Schulbehörde in Nassau bestimmt
1817, dass jeder Schullehrer eine Obst-
baumschule unterhalten soll (Logl o. J.).
Manche Autoren sprechen vom anbre-
chenden „Zeitalter der Pomologie“ (Po-
mologie = Obstbaukunde, von lateinisch
„pomum“ = Baumfrucht bzw. „Pomona“
= die Göttin der Gartenfrüchte) mit neu
eingerichteten Ausbildungsstätten für
Baumwarte, Veredelungstechniken als
Thema in der Schule und pomologischen
Vereinen selbst in kleinen Dörfern
(Wolf 1989). In Kronberg im Taunus
schreibt der Pfarrer Johann Ludwig
Christ (1739 – 1813, Abb. 1) im Jahr
1794 das „Handbuch der Obstbaum-
zucht und Obstlehre“, seine „Vollstän-
dige Pomologie“ von 1809 gilt jahrelang
als Standardwerk.
Die Anzahl der beschriebenen Obstsorten
erreicht in Deutschland zu dieser Zeit ih-
ren Höhepunkt. Der im Hauptberuf als
Geheimer Rat des Herzogtums Nassau
tätige Arzt und Pomologe August Fried-
rich Adrian Diel (1756 – 1833, Abb. 1)
dokumentiert in den 27 Bänden seines
Werks „Versuch einer systematischen Be-
schreibung in Deutschland vorhandener
Kernobstsorten“ allein fast 1.500 Apfel-
sorten (u. a. Diel 1796). In Hessen findet
1864 die erste landesweite Obstbaum-
zählung statt, 1872 wird in Geisenheim
wald bereits mehr als 30.000 Malter
Dörrzwetschen allein aus dem Amt Breu-
berg nach Frankfurt und Holland (Debor
1954). Ein Nassauer Malter entspricht
109,06 Liter (www.wiesbaden.de ➞ histo-
rische Maßeinheiten). In Kronberg im
Taunus werden jährlich ca. 100 Zentner
(= 5.000 kg) getrocknete Mirabellen und
1.600 Hektoliter Apfelessig produziert und
bis nach Moskau und St. Petersburg ver-
kauft (Ernst 1959).
„Auf einen leeren Platz pflanz einen Baum
und pflege ihn fein, er bringt dirs ein.“
Brief vom 18. Juni 1886 an das Bürger-
meisteramt Gelnhausen (zit. nach Künzel
1967).
Die absolute Blütezeit des hessischen
Obstbaus beginnt jedoch im 19. Jahr-
hundert, zunächst gezielt unterstützt
durch die jeweiligen Landesherren. Im
Jahr 1823 erlässt Kurfürst Wilhelm II.
eine Anordnung, wonach Straßen und
Feldwege in Kurhessen mit Obstbäumen
zu bepflanzen seien. Bereits im darauffol-
genden Jahr werden beispielsweise im
Kreisgebiet von Marburg über 5.000
Obstbäume durch die Straßenbauver-
waltung und die Anlieger gepflanzt
(Dersch 1925, zit. nach Kraushaar-
Bross 1990). Im benachbarten Fürs-
tentum Waldeck erscheint im Jahr 1812
eine Verordnung zur „Beförderung der
Obstzucht“ und auch hier sollen ab 1824
alle Heer- und Landesstraßen mit Obst-
bäumen bepflanzt werden (Lübcke 1987).
Die Grafen und späteren Herzöge von
Nassau fördern ebenfalls zielgerichtet
den Obstbau (Morgen 1932). Die enge
Verbindung des Fürstenhauses Oranien
mit den Niederlanden ermöglicht die
Einfuhr neuer Obstsorten, die an den
Herrensitzen in Oranienstein und Dil-
lenburg, aber auch in Obstgärten in
Wiesbaden, Biebrich und Schierstein
gepflanzt werden. Im Großherzogtum
Hessen wird die systematische Bepflan-
zung von Landstraßen mit „Obstbaum-
Alleen“ 1812 per Verordnung festgelegt
und in den Folgejahren durch Verfü-
gungen detailliert geregelt (Debor 1954).
Ende des 19. Jahrhunderts ist ein großer
Teil der hessischen Straßen von Obst-
baumalleen begleitet und für die erfor-
derliche Pflege werden in einzelnen
Kreisverwaltungen (u. a. Offenbach,
Streuobstwiesen in Hessen
Abb. 1: Ende des 18. Jahrhunderts wirkten zwei bedeutende Pomologen in Hessen-
Nassau: Johann Ludwig Christ (1739 – 1813) in Kronberg im Taunus (links) und
August Friedrich Adrian Diel (1756 – 1833) in Diez.
(Quelle: www.bund-lemgo.de ➞ Biographien Pomologen)
Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 17 / 201868
Intensiv-Obstplantagen (Mader 1982).
In diese Zeit fällt auch die Entstehung
des Begriffs „Streuobst“ – als negativ be-
legtes Synonym für eine nicht mehr zeit-
gemäße Anbauweise im Zeitalter von in-
tensiven Niederstamm-Obstbaukulturen
zur Erzeugung von marktfähigem Tafel-
obst (vgl. Rösler 2007).
Heute werden Apfelbaumanlagen im
Intensivobstbau üblicherweise einreihig
mit ca. 3 m Reihenabstand und ca. 1 m
Baumabstand in der Reihe angelegt; da-
raus ergeben sich ca. 2.500 bis 3.000
Bäume je Hektar. Im hessischen Erwerbs-
obstbau werden hier in Abhängigkeit vom
Pflanzsystem 15 bis 30 Tonnen Tafeläp-
fel je Hektar geerntet. Im Streuobstbau
sind die jährlichen Erträge verwertungs-
fähiger Früchte sehr stark schwankend.
Je nach Baumzahl, Sorte, Alter der Bäu-
me, Pflegezustand und Standort variie-
ren die Erträge. Im Mittel können 6 – 10
Streuobstanbaus stark zurück, Rodungs-
prämien der Europäischen Gemeinschaft
(vgl. Petzold & Hahn 1973) beschleu-
nigen den Rückgang von Hochstamm-
obstbäumen.
Die Anzahl der hochstämmigen Obst-
bäume reduziert sich in Hessen in der
Zeit von 1965 bis 1987 um über 80 %
(Pauritsch & Harbodt 1988). Grund
für diesen Rückgang sind neben der Ro-
dung die fehlende Pflege (Schnitt, Nach-
pflanzung) und vor allem die Auswei-
sung von Neubaugebieten in den Streu-
obstgürteln der Ortsränder (Abb. 2, siehe
auch Lembach 1993, Schmidt 1994).
Allein im Stadtgebiet von Wiesbaden
wurden im Jahr 1985 etwa 1.000 alte
Obstbäume gefällt (vgl. Schaab 1991).
Gleichzeitig erfolgte in den klassischen
Obstanbaugebieten der Ersatz von
Hochstammobst durch niedrigstämmige
len Baumreihen und Einzelbäume in der
Landschaft verschwinden.
Sowohl nach dem Ersten wie auch nach
dem Zweiten Weltkrieg stiegen die An-
zahlen der Obstbäume durch das Be-
dürfnis der Bevölkerung nach Selbstver-
sorgung mit Obst in der „armen“ Zeit
wieder an. Mit dem „Wirtschaftswunder“
und der damit verbundenen Verbesserung
der wirtschaftlichen Situation in der
Bundesrepublik Deutschland ging das
Interesse an Selbstversorger-Obstbau dann
jedoch schnell wieder deutlich zurück
(Weller 1992). Importiertes Obst ge-
langte auf den bundesdeutschen Markt
und der hessische Erwerbsobstbau konnte
nur konkurrieren, indem er marktgängige
Sorten in ausreichender Qualität kosten-
günstig produzierte.
In den 1950er- und 60er-Jahren geht die
wirtschaftliche Bedeutung des extensiven
Streuobstwiesen in Hessen
Abb. 2: Streuobstwiesengürtel um Annerod (Landkreis Gießen) Anfang der 1950er-Jahre und im Jahr 2013 (rechte Seite) (© HVBG)
Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 17 / 2018 69
chigen Streuobstbestände als „Biotop“
(Abb. 3, vgl. Geske 1998, HMILFN
1995). Mit der Novelle des Hessischen
Naturschutzgesetzes (HENatG) wird 1994
erstmals ein gesetzlicher Schutz von
Streuobstbeständen verankert. Es folgen
Auseinandersetzungen zur Auslegung des
§ 23 HENatG, die durch einen Erlass be-
endet werden (z. B. Mindestgröße von
1.000 m² oder mindestens 10 Bäume, vgl.
Verordnung über bestimmte Lebensräume
und Landschaftsbestandteile, Gesetz- und
Verordnungsblatt für das Land Hessen,
Teil I vom 30.12.1997, S. 473 – 474).
Gleichzeitig erlebt die Nutzung von
Streuobst bei der Herstellung von regio-
nalen und lokalen Spezialitäten in eini-
gen Regionen Hessens einen neuen Auf-
schwung. Mit dem Hessischen Land-
schaftspflegeprogramm von 1994 wird
die Pflanzung und Pflege von Streuobst-
bäumen mit 20 DM / Baum gefördert.
baumbestände gelangt in den Fokus des
amtlichen und ehrenamtlichen Natur-
schutzes (u. a. Lucke 1991, Mader
1982, Reich 1988).
Im August 1987 startet das Naturschutz-
zentrum Hessen (NZH) gemeinsam mit
dem Verband der Hessischen Apfelwein-
und Fruchtsaftindustrie die Kampagne
„Rettet die Obstwiesen“ (Heidt & Huck
1988). Die „Obstwiese“ wird 1988 das
erste „Biotop des Jahres“. Ein Schwer-
punktheft „Streuobstwiesen“ der Schriften-
reihe „Beiträge zur Naturkunde der Wet-
terau“ stellt in verschiedenen Beiträgen
den aktuellen Stand der Naturschutzfor-
schung zum Lebensraum Streuobstwiese
in Hessen dar (u. a. Bauschmann 1988,
Rüblinger 1988, Heidt 1988).
Die landesweite Hessische Biotopkartie-
rung (HB) erfasst von 1992 bis 2006
hessenweit alle landschaftsprägenden flä-
Tonnen je Hektar erzielt werden (Schriftl.
Mitt. E. Walther, Landesbetrieb Land-
wirtschaft Hessen, 21.6.2018).
Vom Anfang der 1960er- bis Ende der
1970er-Jahre werden in Deutschland
praktisch keine Obsthochstämme mehr
in die freie Landschaft gepflanzt, Baum-
schulen müssen die unverkäuflichen jun-
gen Obsthochstämme verbrennen (Lucke
et al. 1992). Die bestehenden Streuobst-
bestände überaltern durch die jahrzehn-
telang fehlende Nachpflanzung vielerorts
(Lucke 1991, Weller 1996).
Ende der 1980er-Jahre setzt dann in
Deutschland ein grundlegender Wandel
in der Wahrnehmung der verbliebenen
Streuobstbestände ein. Der durch ver-
schiedene Untersuchungen belegte natur-
schutzfachliche Wert extensiv genutzter
Streuobstwiesen und der landschaftsprä-
gende Aspekt der verbliebenen Obst-
Streuobstwiesen in Hessen
Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 17 / 201870
Verein „Rhöner Apfelinitiative“ versucht
mit dem Konzept „Schutz durch Nut-
zung“ im Rahmen der Regionalentwick-
lung den Erhalt und den Schutz von
Streuobstbäumen durch eine gezielte
Vermarktung von Obstprodukten (z. B.
Apfel-Sherry, Apfel-Schaumwein) in der
Insbesondere im Zusammenhang mit der
Nationalpark-Region Kellerwald-Edersee
(Kubat 1999) und dem Biosphärenre-
servat Rhön (Krenzer & Zöll 1997)
wird versucht, regionale Produktion und
Vermarktung von Obst aus der Region
wieder zu stärken. Der 1995 gegründete
Seit 1998 finden die Hessischen Pomolo-
gentage in Naumburg statt, hier wird
u. a. der Oberdieck-Preis für Projekte
oder das Lebenswerk Einzelner zur Er-
haltung der Vielfalt alter Obstsorten in
Deutschland vergeben (Thöne & Seydel
2016).
Streuobstwiesen in Hessen
Abb. 3: Die räumlichen Schwerpunkte der im Rahmen der Hessischen Biotopkartierung (HB) zwischen 1992 und 2006 erfassten
17.567 Streuobstbiotope zeigen noch heute, in welchen Regionen der Anbau und die Vermarktung von Obst eine besondere
Bedeutung hatten. (Quelle: HLNUG, Abt. Naturschutz; Kartenhintergrund: GeoBasis-DE / BKG 2013, Stand: 20.6.2018)
Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 17 / 2018 71
Schalen- und Beerenobstes der Christ‘schen
Baumschulen zu Kronberg. Bd. 1: Das Kern-
obst. Frankfurt (Main). 688 S.
Debor, H. W. (1954 / 2006): Geschichte des
Wein- und Obstbaues im Odenwald. A mt für
den Lä ndlichen Raum R eichelshe im (Hrsg.):
Wiederveröffentlichung anlässlich des 65-jäh-
rigen Bestehens des Kreisobstbauverbandes.
Erbach im Odenwald. 72 S.
Diel, A. F. A. (1796): Versuch einer systema-
tischen Beschreibung in Deutschland vorhan-
dener Kernobstsorten, Erstes Heft. Aepfel.
Frankfurt (Main). 243 S.
Ernst, E. (1959): Die Obstbaulandschaft des
Vordertaunus und der südwestlichen Wetterau.
Rhein-Mainische Forschung 46: 1 – 172.
LOGL (Landesverband Hessen für Obstbau,
Garten und Landschaftspflege e. V.) (Hrsg.)
(o. J.): Vereinschronik des Landesverbandes
gegründet 1885: 30 S. (ww w.logl-hessen.de,
Download am 20.6.2018)
Menk, L. (1972): Landwirtschaftliche Son-
derkulturen im unteren Werratal. Marburger
Geogr. Schr. 55: 1 – 251.
Morgen, H. (1932): Die Obsterzeugung und
der Obstabsatz im Rheingaukreis und in der
Stadt Wiesbaden. Diss. Univ. Göttingen. 93 S.
Petzold, R.; Hahn, O. (1973): Die bishe-
rigen Ergebnisse der Rodungsaktion in der
EWG und der Bundesrepublik Deutschland.
Erwerb sobstbau 15: 5 – 9.
Scha ab, E . (1991): Streuobstprogramm – wir-
kungsvolle Instrumente zur Erhaltung des
ökologisch bedeutsamen Landschaftselements
Streuobstwiese? Natur & Landschaft 66:
331 – 334.
Weil l, E. (1928): Der Aepfelwein – sein Werden
und seine Geschichte unter besonderer Be-
rücksichtigung des Frankfurter Aepfelweines.
Diss. Univ. Frankfurt am Main. 71 S.
Die vollständige Literaturliste finden Sie
unter www.naturschutz-hessen.de
Die Beispiele für umfangreiche Aktivi-
täten zum Schutz und zur Pflege der ver-
bliebenen Streuobstwiesen in Hessen zei-
gen, dass die in den 1990er-Jahren erfolgte
Neubewertung erste greifbare Früchte
trägt. Eine Stichprobenkartierung des
BUND-Hessen in 40 hessischen Städten
und Gemeinden in den Jahren
2008 / 2009 ergab beispielsweise im Ver-
gleich zu 1986 eine stabile Gesamtanzahl
von Obstbäumen und einen erstaunlich
hohen Anteil (23,6 %) von jungen Bäu-
men (< 15 Jahre). Nach wie vor ist aber
fast die Hälfte der Streuobstbestände
durch fehlende Pflege und Überalterung
gefährdet (Gärtner 2009); dies deckt
sich auch mit aktuellen Untersuchungen
aus Nordrhein-Westfalen (Dierichs &
Weddeling 2018). Seit 2015 werden im
Rahmen des Hessischen Programms für
Agrarumwelt- und Landschaftspflege-
maßnahmen (HALM) Nachpflanzungen
von Hochstamm-Obstbäumen zur ex-
tensiven Obsterzeugung mit 55 Euro pro
Baum im Pflanzjahr und die Baumpflege
mit 6 Euro je Baum und Jahr gefördert
(www.umwelt.hessen.de ➞ das Wichtigste
im Überblick, Download am 19.6.2018).
Mit Blick auf die Entstehungsgeschichte
werden alle Aktivitäten zur Sicherung
der hessischen Streuobstwiesen jedoch
langfristig nur dann erfolgreich sein,
wenn das dort produzierte Obst auch
Abnehmer findet – sei es regional in Kel-
tereien oder lokal zur Selbstversorgung –
so wie bereits seit mehr als 1.500 Jahren.
Kontakt
Christian Geske
Hessisches Landesamt für Naturschutz,
Umwelt und Geologie
Dezernatsleitung N2 Arten
Europastraße 10
35394 Gießen
Christian.Geske@hlnug.hessen.de
www.hlnug.de
Literatur
Christ, J. L. (1809): Vollständige Pomologie
und zugleich systematisches, richtig und aus-
führlich beschreibendes Verzeichnis der vor-
nehmsten Sorten des Kern- und Steinobstes,
Regionalökonomie zu verankern (Cle-
ment et al. 1996). Dabei hat das Projekt
auch das ehrgeizige, aber sehr konkrete
Ziel, jährlich in der Rhön 1.000 Apfel-
bäume neu zu pflanzen (Rösler &
Kitzmann 2008).
In den klassischen hessischen Obstanbau-
gebieten mit den größten verbliebenen
Streuobstbeständen entstehen verschie-
dene Initiativen zum Erhalt der verblie-
benen Hochstamm-Obstbäume. In der
Obstanbauregion Vortaunus wird im
Jahr 1992 der Landschaftspflegeverband
Main-Taunus-Streuobst e. V. gegründet,
der seit 1993 mit einer hauptamtlichen
Geschäftsführerin die Pflege der Streu-
obstbestände und die Vermarktung des
Obstes koordiniert (Helling & Herma-
nowski 1995, BUND Eppstein & Main-
Taunus-Streuobst e. V. 1997). Ein
Baustein ist dabei die Gründung des Trä-
gervereins „Hessische Apfelwein- und
Obstwiesenroute zwischen Main und
Taunus“ im Jahr 1995. Das Projekt ist so
erfolgreich, dass – inzwischen ergänzt
durch fünf weitere Regionalschleifen –
heute über 1.000 km beschilderte Rad-
und Wanderwege Hessens Obstwiesen
verbinden (z. B. Trägerverein Hessische
Apfelwein- und Obstwiesenroute im
Wetteraukreis e. V. 1998). Auch im
Main-Kinzig-Kreis koordiniert ein Land-
schaftspflegeverband die Streuobstwiesen-
pflege und betreut über 10.000 Bäume
auf über 1.000 Hektar Fläche (Land-
schaftspflegeverband Main-Kinzig-
Kreis 2000). Unter Federführung des
Arbeitskreises Streuobst des Amtes für
den ländlichen Raum (ALR) Reichels-
heim wurden seit 1988 im Odenwald-
kreis insgesamt 12.000 junge Obstbäu-
me nachgepflanzt (Debor 1954 / 2006).
Gemeinsam mit dem Kreisverband
Odenwald für Obstbau, Garten und
Landschaftspflege organisiert das ALR
Reichelsheim außerdem seit Jahren die
Ausbildung von ehrenamtlichen Fach-
warten für Obstbau und zahlreiche wei-
tere Aktivitäten rund um den Streuobst-
anbau. Die 1996 gegründete „Streuobst-
initiative im Landkreis Kassel“ (SILKA)
nimmt derzeit jährlich ca. 300.000 Kilo-
gramm Obst aus Streuobstwiesen in sie-
ben Annahmestellen an und kann seit
2006 die gesamte Liefermenge regional
direkt vermarkten (Seydel 2016).
Streuobstwiesen in Hessen
3
JAHRBUCH
Band 17 / 2018
Naturschutz
in Hessen
HERAUSGEBER
Nordhessische Gesellscha für Naturkunde und Naturwissen schaen (NGNN) e. V.