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Queere Freizeit Inklusions-und Exklusionserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und *diversen Jugendlichen in Freizeit und Sport

Authors:
  • Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag
Krell, Claudia/Oldemeier, Kerstin
unter Mitarbeit von George Austin-Cliff
Queere Freizeit
Inklusions- und Exklusionserfahrungen von
lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und
*diversen Jugendlichen in Freizeit und Sport
Impressum
Forschung zu Kindern, Jugendlichen und Familien an der Schnittstelle von
Wissenschaft, Politik und Fachpraxis
Das Deutsche Jugendinstitut e. V. (DJI) ist eines der größten sozial wissenschaftlichen
Forschungsinstitute Europas. Seit über 50 Jahren erforscht es die Lebenslagen von
Kindern, Jugendlichen und Familien, berät Bund, Länder und Gemeinden und liefert
wichtige Impulse für die Fachpraxis.
Träger des 1963 gegründeten Instituts ist ein gemeinnütziger Verein mit Mitgliedern aus
Politik, Wissenschaft, Verbänden und Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Familien-
hilfe. Die Finanzierung erfolgt überwiegend aus Mitteln des Bundesministeriums für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend und den Bundesländern. Weitere Zuwendungen
erhält das DJI im Rahmen von Projektförderungen vom Bundesministerium für Bildung
und Forschung, der Europäischen Kommission, Stiftungen und anderen Institutionen
der Wissenschaftsförderung.
Aktuell arbeiten und forschen 360 Mitarbeiter innen und Mitarbeiter (davon 225 Wissen-
schaftler innen und Wissenschaftler) an den beiden Standorten München und Halle
(Saale).
Grak Brandungen GmbH, Leipzig
Druck Himmer GmbH Druckerei & Verlag, Augsburg
Datum der Veröffentlichung November 2018
© 2018 Deutsches Jugendinstitut e. V.
Abteilung Kinder und Kinderbetreuung
Nockherstraße 2
81541 München
Telefon +49 89 62306-0
Fax +49 89 62306-162
E-Mail loick@dji.de
www.dji.de
ISBN 978-3-86379-294-7
3
Inhalt
1 Freizeit von jungen LSBTIQ* Menschen:
Eine charakterisierende Rahmung 4
2 Studie
Queere Freizeit
: Methodische Konzeption und
Stichprobenbeschreibung 9
3 Zentrale Angaben zur Freizeitgestaltung der befragten Jugendlichen 18
4 Internet: Ein zentraler Ort für die Jugendlichen 22
5 Sport: Heteronormative Zwei-Geschlechter- Ordnung
besonders wirksam 27
6 Angebote der Kinder- und Jugendarbeit: Für einen Teil der
Jugendlichen ein wichtiger Ort 35
7 (Jugend)Kulturelle Orte: Cafés und Lokale, Disko theken und Clubs,
Konzerte und Theater 41
8 Öffentlicher Raum– häug ein schwieriger Ort 45
9 Umgangs- und Bewältigungsstrategien 48
10 Fazit: Ambivalenz als alltägliche Erfahrung von lesbischen,
schwulen, bisexuellen, trans* und *diversen Jugendlichen 53
11 Handlungsbedarfe 55
12 Literatur 61
13 Anhang 64
14 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 66
4
1. Freizeit von jungen
LSBTIQ* Menschen:
Eine charakterisierende
Rahmung
Ausganssituation der Studie
QueereFreizeit
Freizeit ist für junge Menschen ein zentraler Sozialisationsbereich. „Mit dem Be-
griff ,Freizeit‘ wird meist der von der überwiegend fremdbestimmten Berufs- und
Lernarbeit entlastete Zeitraum im Alltag bezeichnet, der nach freiem Ermessen
ausgefüllt werden kann“ (Hurrelmann 2010: 135). Im Gegensatz zu den Kontexten
Schule und Familie ist hier der individuelle Gestaltungsspielraum deutlich größer.
In der Freizeit bilden Jugendliche Interessen und Positionierungen aus, erleben
Zugehörigkeit und gehen Schritte der Verselbständigung und Ablösung vom El-
ternhaus (vgl. exemplarisch Hurrelmann 2010). Zudem erfahren Jugendliche in der
Freizeit – z. B. innerhalb von Szenen – Selbstwirksamkeit und erwerben Kompeten-
zen, die sie produktiv etwa in Ehrenämtern oder auch für ihre beruichen Ambi-
tionen einsetzen können (vgl. Hitzler/Niederbacher 2010; Pfadenhauer/Eisewicht
2015). Schließlich ist aus modernisierungstheoretischer Perspektive Freizeit auch
als „ein Übungsfeld für den Umgang mit der unendlich groß erscheinenden Fülle
von Wahl- und Verhaltensmöglichkeiten der Lebensgestaltung“ zu charakterisieren
(Hurrelmann/Quenzel 2013: 189).
Für junge lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere (LSBTIQ*)
Menschen bieten Freizeitkontexte zudem Möglichkeiten, ihre sexuellen und ge-
schlechtlichen Zugehörigkeiten, die nicht der Norm einer heterosexuellen und cisge-
schlechtlichen Lebensweise entsprechen, zu nden und zu festigen. Die DJI-Studie
Coming-out – und dann …?! hat gezeigt, dass junge LSBTQ* Menschen insbesondere
in ihrer Familie und an Bildungs- und Arbeitsorten zahlreichen Herausforderungen
aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Lebensweise begegnen. Demgegen-
über waren Freund_innen oft wichtige und unterstützende Personen während ei-
5
nes inneren und/oder äußeren Coming-outs (Krell/Oldemeier 2015 & 2017). Junge
Menschen mit einer ihrem Geburtsgeschlecht entsprechenden Geschlechtsidentität
oder mit einer gegengeschlechtlichen Orientierung erleben diese Phase hingegen
kongruent mit der dominierenden heteronormativen Zwei-Geschlechter-Ordnung.
Ein oft in die Freizeit integrierter weiterer Lebensbereich mit großer Bedeutung für
die Jugendgeneration ist der Sport: „Sport zu treiben sei geradezu eine altersspezi-
sche Norm“ (Burrmann/Mutz 2017: 386). Er gehört zu Beginn des 21. Jahrhun-
derts „weiterhin zu den attraktivsten jugendlichen Freizeitbeschäftigungen – 81 %
der befragten Jugendlichen geben an, Sport zu treiben“ (Deutsche Shell 2000: 207).
Zugleich bringt eine heteronormative Zwei-Geschlechterordnung im Sport häug
Ausgrenzungspotentiale mit sich. So war eine weitere Erkenntnis der vorangegan-
genen Studie Coming-out – und dann …?!, dass LSBTIQ* Jugendliche und junge Er-
wachsene häug auf – insbesondere organisierte – sportliche Aktivitäten verzich-
ten. Über 66 % aller jungen Menschen, die sich an der Studie beteiligten, nahmen
nicht am Vereinssport teil (Krell/Oldemeier 2016: 56). Zur Orientierung: Im 13.
Sportbericht der Bundesregierung (Bundesministerium des Inneren 2014) heißt es,
dass während der Adoleszenz 44 % der Jugendlichen nicht an einem Vereinssport
teilnehmen (Bundesregierung 2014: 126). Dort wird auch festgestellt, dass „nicht
alle Heranwachsenden gleichermaßen an Sport und Bewegung partizipieren, son-
dern große Unterschiede entlang von Ungleichheitsmerkmalen existieren“ (Burr-
mann/Mutz 2017: 397).
Da es zu den Erfahrungen von jungen LSBTIQ* Menschen in Freizeit und Sport
bisher kaum bundesweite empirische Erkenntnisse gibt, wurde die vorliegende Stu-
die Queere Freizeit durchgeführt. Die vorliegenden Ergebnisse sollen ein differen-
ziertes Bild zu den Erfahrungen von nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlecht-
lichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Bereich Freizeit und Sport geben.
Damit soll gleichzeitig eine Grundlage geschaffen werden, um für Politik, Praxis
und Gesellschaft Anregungen bereit zu stellen, für LSBTIQ* Jugendliche Inklu-
sionserfahrungen zu fördern und Exklusionsrisiken zu verringern.
Danksagung
Bevor wir eine interessante Lektüre wünschen, möchten wir der Stiftung Deutsche
Jugendmarke für die Förderung des Projektes danken. Unser besonderer Dank geht
an die jungen Menschen, die sich an der Online-Befragung und den Interviews
beteiligt haben. Außerdem möchten wir allen Personen und Einrichtungen danken,
die uns bei der Studie und der Ansprache von Jugendlichen für eine Teilnahme
unterstützt haben.
6
Glossar
Zum leichteren Verständnis der Forschungsergebnisse werden im Vorfeld einige
wichtige Begrifichkeiten und ihre Verwendungsweise in der vorliegenden Studie
kurz erläutert. Wir tun das in dem Bewusstsein, dabei komplexe interdisziplinäre
Diskussionen verkürzen zu müssen.
Die sexuelle Orientierung beschreibt die überdauernden, individuell unterschied-
lichen Interessen eines Menschen in Bezug auf das Geschlecht möglicher Part-
ner_innen. Die sexuelle Orientierung ist unabhängig von der geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit.
Die geschlechtliche Zugehörigkeit oder auch geschlechtliche Identität be-
schreibt die individuelle Zuordnung einer Person als Frau, Mann, dazwischen, bei-
des oder einem weiteren Geschlecht angehörig. Die Begriffe von geschlechtlicher
Identität und den dazugehörigen sozialen Komponenten (gender) ermöglichen die
Abgrenzung von körperlichen Merkmalen (sex) der Geschlechtszugehörigkeit.
Bei cisgeschlechtlichen (cis, vom Lat. „diesseits“) Menschen entspricht die ge-
schlechtliche Zugehörigkeit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht.
Bei transgeschlechtlichen, transidenten, transsexuellen oder trans* (trans,
vom Lat. „jenseits“, „hinüber“) Menschen entspricht die geschlechtliche Zugehö-
rigkeit nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht: Jungen werden mit
weiblichen Körpermerkmalen als „Mädchen“ geboren (trans* Junge/Mann), Mäd-
chen mit männlichen Körpermerkmalen als „Jungen“ (trans* Mädchen/Frau). Die
häug als Oberbegriff verwendete Bezeichnung Transgender ist eine Gegen-
position zu medizinisch-pathologisierenden Denitionsweisen. Er wurde in den
1970er-Jahren u. a. von Virginia Prince geprägt („We ain’t broken – so stop trying to
x us!“) und beschreibt inzwischen meist „vielfältige Weisen von Trans*“ (Franzen/
Sauer 2010: 8).
Bei intergeschlechtlichen, intersexuellen, intersex oder inter* Menschen
entsprechen die sog. ‚primären Geschlechtsmerkmale‘ nicht den medizinisch in-
stitutionalisierten, ausschließlich männlich oder weiblich denierten geschlechtli-
chen Erscheinungsformen. Diese als „geschlechtlich uneindeutig“ (Franzen/Sauer
2010: 11) bezeichneten Merkmale werden bei Säuglingen und kleinen Kindern
häug durch Operationen an medizinische Normen angepasst. Durch die meist
anschließende langfristige Gabe von Hormonen wird die Entwicklung in die vor-
gesehene Richtung forciert.
Die ursprüngliche abwertende Bedeutung des englischen Wortes „queer“ (abwei-
chend, abartig, schräg) wurde durch eine kritische Perspektive auf naturalisierte
7
und hierarchisch strukturierte Normen und Begriffe in eine de-stigmatisierende
und stärkende Selbstbeschreibung umgedeutet (Degele 2008: 11 f.). Heute wird
‚queer‘ oft als Oberbegriff benutzt, um insgesamt von nicht-heterosexuellen und
nicht-cisgeschlechtlichen Lebensweisen zu sprechen.
Die Begriffe orientierungs*divers und gender*divers sind vom Projektteam ent-
wickelte Bezeichnungen. Hier sind die jungen Menschen integriert, die sich in Be-
zug auf ihre sexuelle Orientierung oder ihre geschlechtliche Zugehörigkeit keiner
der etablierten Kategorien zuordnen.
Der Begriff Coming-out meint das eigene Erkennen (inneres Coming-out) und
gegebenenfalls Öffentlich-Machen (äußeres Coming-out) der sexuellen Orientie-
rung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit.
Heteronormativität beschreibt die Norm der Zwei-Geschlechter-Kategorien und
des gegengeschlechtlichen Begehrens, die als naturgegeben angesehen werden und
(weitgehend) unhinterfragt bleiben. Unterscheiden muss man dabei Heterosexuali-
tät als Form sexueller Praktiken zwischen Männern und Frauen von Heteronorma-
tivität, die diese Lebensweise durch Institutionen und Normen („das ist normal“)
privilegiert. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt weicht von diesen Normalitäts-
annahmen ab (vgl. exemplarisch dazu Butler 1991; Gildemeister/Hericks 2012).
Diskriminierung bezeichnet die ökonomische, kulturelle oder soziale Benachtei-
ligung von einzelnen Personen oder Personengruppen aufgrund zugeschriebener
Merkmale. Eine häuge Unterscheidung differenziert zwischen personaler Diskri-
minierung (z. B. diskriminierende Äußerungen, Gewalt oder sozialer Ausschluss)
und struktureller Diskriminierung, wenn gesellschaftliche Regelungen, Institutio-
nen, Normen oder Sprachverwendungen Anlass und Ursache von Diskriminierung
sind (Kemper 2010). Bei der sogenannten „Hasskriminalität“ (hate crimes) han-
delt es sich um eine besonders schwere Form von Diskriminierung: „Menschen
werden aufgrund ihrer (von Täter_innen vermuteten) Angehörigkeit zu einer Mi norität
Opfer einer Gewalttat“ (Steffens/Wagner 2009: 247).
Der gender_gap ist eine Variante einer gendersensiblen Schreibweise. Der Unter-
strich ist dabei Platzhalter für vielfältige Lebensweisen. Ein Sternchen* bzw. der
Asterisk* wird ebenfalls als Platzhalter für vielfältige Lebensweisen gelesen.
Vor dem Hintergrund einer komplexen und kontroversen Diskussion ist das Ver-
ständnis von Inklusion, diesem „genau genommen unmöglichen Begriff“ (Lü-
ders 2014: 46), in dieser Studie als „gesellschaftliche Teilhabe“ festgelegt. Damit
ist Inklusion in dieser Studie nicht auf Menschen mit einer Behinderung bezogen,
sondern als ein Gegenbegriff zur strukturellen Exklusion von bestimmten Perso-
nen(gruppen) von gesellschaftlichen Bereichen angelegt (vgl. exemplarisch Franken
2014).
8
Verwendung der Formulierungen
LSBTIQ* und *divers
Die Beschreibung und Benennung von Menschen, die nicht-heterosexuell und/
oder nicht-cisgeschlechtlich sind, ist kein einfaches Terrain. Es existieren keine ein-
heitlichen Varianten oder Formulierungen, die nicht kontrovers und kritisch disku-
tiert werden. Aus diesem Grund sollen die Benennungen und Beschreibungen in
dieser Studie kurz erläutert werden. Die gewählten Begriffsverwendungen orientie-
ren sich dabei sowohl an interdisziplinären Fachdiskursen als auch an den Diskur-
sen der betreffenden Menschen.
In dieser Broschüre geht es um die Erfahrungen von jungen Menschen in Freizeit
und Sport. Sowohl in rahmenden Textteilen als auch bei der Ergebnispräsenta-
tion wird von nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Jugendlichen die
Rede sein. Diese Bezeichnungen werden verwendet, weil sie die Gemeinsamkeiten
der befragten Jugendlichen darstellt, unabhängig von ihrer jeweiligen sexuellen oder
geschlechtlichen Selbstpositionierung:
1
Wenn es in rahmenden Texten um allgemeine Informationen und Erkenntnisse zu
nicht-heterosexuellen oder nicht-cisgeschlechtlichen Jugendlichen bzw. Lebens-
weisen geht, wird das etablierte Akronym LSBTIQ* verwendet, das für lesbisch,
schwul, bisexuell, trans*, inter* und queer steht.
Wenn es um Ergebnisse geht, die im Rahmen der Studie Queere Freizeit gesammelt
wurden, ist dem Projektteam die Sichtbarkeit und Sichtbarmachung der viel-
fältigen sexuellen und geschlechtlichen Lebensweisen wichtig. Hier werden die
Bezeichnungen lesbisch, schwul, bisexuell, trans* und *divers verwendet. Der Begriff
*divers umfasst zum einen orientierungs*diverse Jugendliche, also diejenigen,
die bezogen auf ihre sexuelle Orientierung eine alternative Selbstbezeichnung
oder keine Kategorie gewählt haben. Gender*diverse Jugendliche haben analog
dazu ihre geschlechtliche Zugehörigkeit nicht kategorisiert oder eine alternative
Selbstbeschreibung benannt. In der Gruppe der gender*diversen Jugendlichen
finden sich auch die inter* Jugendlichen, die an der Studie teilgenommen haben.
Der Begriff *divers bietet sich u. a. deshalb an, weil er in der Diskussion bei der
Umsetzung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur dritten Option des
Geschlechtseintrages aktuell ist (Bundesverfassungsgericht 2017).
Das Ziel der Studie ist eine wertschätzende und de-pathologisierende Benennung
und Beschreibung der jungen Menschen, um die es in dieser Broschüre geht.
1 Die sexuelle und geschlechtliche Zugehörigkeit mit einer Nichtzugehörigkeit zu benennen, hat das Projekt-Team kritisch diskutiert.
Doch die Erfahrungen mit lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und diversen* jungen Menschen haben gezeigt, dass ein inneres
Coming-out häug mit dieser Abgrenzung beginnt: „Ich bin nicht so wie die anderen.“
9
Studie
Queere Freizeit:
Methodische Konzep-
tion und Stichproben-
beschreibung
Die Studie Queere Freizeit hat sich aus dem vorherigen Projekt Coming-out – und
dann …?! entwickelt (Krell/Oldemeier 2015 & 2017). In den Ergebnissen dieser
Erhebung, an der über 5.000 Jugendliche teilgenommen haben, die sich primär
mit den Coming-out-Verläufen und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen,
schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen und jungen Erwachse-
nen in den drei Kontexten Familie, Bildung/Arbeit sowie Freundeskreis befasste,
wurde deutlich, dass insbesondere Freizeitorte wie Diskotheken oder Clubs, der
öffentliche Raum, das Internet und der Sport Diskriminierungspotentiale, gleich-
zeitig aber auch Quellen von Unterstützung und Teilhabe darstellen. Ausgehend
von diesen Ergebnissen wurde die aktuelle Studie darauf zugeschnitten, Exklu-
sions- wie Inklusionserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*,
inter* und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und
27 Jahren in verschiedenen Freizeitbereichen zu ermitteln. Wenn im folgenden
Text von Jugendlichen die Rede ist, werden damit diese Jugendlichen und junge
Erwachsenen zwischen 14 und 27 Jahren bezeichnet. Relevante Kontexte, die in
der Freizeitgestaltung von Jugendlichen eine Rolle spielen, wurden dafür in fünf
Bereiche zusammengefasst:
Internet: soziale und digitale Medien
Sport: Sportvereine, kommerzielle Sportangebote, informeller Sport
Angebote der Kinder- und Jugendarbeit: Jugendzentren und Jugendgruppen
Kulturelle Orte: Cafés und Lokale, Diskotheken und Clubs, Konzerte und Theater
Öffentlicher Raum: städtische Plätze und Parks/Grünanlagen
Um detaillierte Erkenntnisse über die Erfahrungen in Freizeit und Sport von
nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Jugendlichen zu erhalten, wur-
den sowohl ein qualitativer als auch ein quantitativer methodischer Zugang gewählt.
2.
10
Quantitativer Zugang–
die Online- Befragung
Im Rahmen einer Online-Befragung wurde zu jedem der oben aufgeführten Berei-
che abgefragt, ob sie Teil der Freizeitgestaltung der Jugendlichen sind, aus welchen
Gründen die Jugendlichen sie nutzen bzw. nicht nutzen, wie häug sich die Jugend-
lichen dort aufhalten und welche Erfahrungen sie dort gemacht haben:
Der Themenbereich Exklusion wurde hierbei durch ca. 15 Items abgedeckt,
die unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen in ihrer Häufigkeit erhoben.
Diese Erfahrungen reichten von der Verwendung von LSBTIQ* feindlichen
Schimpfwörtern und Witzen über persönliche Beleidigung, sexuelle Belästigung,
soziale Ausgrenzung, Androhung von Gewalt bis zu körperlichen Übergriffen.
Das Themenfeld Inklusion deckten zehn Items ab, die folgende Aspekte abbil-
den: subjektives Sicherheitsgefühl, erlebte Akzeptanz der eigenen Person, Erleben
von Gleichberechtigung, (Bewegungs-)Freiheit und Selbstbestimmung, Möglich-
keit von Authentizität, Beteiligungsmöglichkeiten, positiver Umgang mit den The-
men sexuelle Orientierung und geschlechtliche Zugehörigkeit sowie das Entste-
hen von Freundschaften (zu den konkreten Frageformulierungen siehe Anhang).
Neben den genannten Freizeitbereichen gab es einen Frageblock zum allgemeinen
Freizeitverhalten sowie einen zu demograschen Angaben. Im gesamten Frage-
bogen wurde darauf geachtet, offene Antworten zu ermöglichen. Am Ende befand
sich ein Aufruf, dass Jugendliche für persönliche Interviews gesucht werden und
sie bei Interesse ihre Kontaktdaten in Form ihrer Mailadresse hinterlassen können.
Über 500 Jugendlichen stellten sich für ein Interview zur Verfügung.
Die Verteilung des Links zum Onlinefragebogen erfolgte über 425 Kontaktadres-
sen aus verschiedenen Praxisfeldern (z. B. LSBTIQ* spezische Jugendzentren,
Beratungsstellen, Foren, Online-Medien, LSBTIQ* Plattformen oder Jugendver-
bände) mit der Bitte um Weiterleitung. Zwischen dem 26. April und 16. Juni 2017
wurde der Fragebogen 3.125 Mal aufgerufen, in die endgültige Auswertung konn-
ten Daten aus 1.711 Fragebögen einbezogen werden.
2 Die Differenz erklärt sich
dadurch, dass Menschen die Internetseite aufgerufen und sich über die Befragung
informiert haben, sich jedoch nicht für eine Teilnahme entschieden oder diese im
Verlauf des Fragebogens beendet haben. Es konnten zudem nur Fragebögen in der
Auswertung berücksichtigt werden, in denen alle für die Auswertung notwendigen
2 Die gewonnenen Ergebnisse sind aufgrund der Stichprobengröße, der Stichprobenzusammensetzung mit bundesweiten quantitati-
ven wie qualitativen Zugängen sowie der Themenvielfalt aussagekräftig und belastbar für die befragten LSBT*Q Jugendlichen und
jungen Erwachsenen. Voraussetzungen für Verfahren der Stichprobenziehung, die auf eine Repräsentativität im klassischen Sinne
zielen, sind in diesem Kontext nicht gegeben.
11
Angaben beantwortet waren und die grundsätzlich von Personen ausgefüllt wurden,
die zur Zielgruppe gehören.
3
Die Teilnehmer_innen wurden zu Anfang gebeten, ihre (aktuelle) sexuelle Orien-
tierung und geschlechtliche Zugehörigkeit zu benennen. Tabelle 1 veranschaulicht
die unterschiedlichen Kombinationen der beiden Merkmale.
4
Tab. 1: Kreuztabelle sexuelle Orientierung und geschlechtliche
Zugehörigkeit
Aktuelle Sexuelle Orientierung
Geschlechtliche Zugehörigkeit Lesbisch Schwul Bisexuell Heterosexuell Keine
Kategorie
Alternative
Selbst-
bezeichnung
Summe
Weiblich (Geburtsgeschlecht) 428 1 167 0 57 82 735
Männlich (Geburtsgeschlecht) 1 522 54 0 18 15 610
Weiblich (mit trans* Biograe) 7 4 9 6 6 11 43
Männlich (mit trans* Biograe) 1 27 25 13 14 28 108
Transgender / genderqueer 13 5 18 3 19 45 103
Weiblich (mit inter* Biograe) 1 0 0 1 0 0 2
Männlich (mit inter* Biograe) 0 0 1 0 0 0 1
Inter*/ intergeschlechtliche 0000011
Keine Kategorie 8 5 9 3 15 17 57
Alternative Selbstbezeichnung 10 1 8 0 4 28 51
Summe 469 565 291 26 133 227 1.711
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Die Jugendlichen hatten die Möglichkeit, neben der Auswahl vorgegebener Be-
griffe eine Kategorisierung ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit abzulehnen bzw. eine alternative Selbstbezeichnung im Rahmen einer
offenen Antwort einzutragen. 360 Jugendliche nutzten diese Möglichkeit mit Blick
auf ihre sexuelle Orientierung. Die häugsten alternativen Selbstbezeichnungen
waren hierbei pansexuell, asexuell und queer. Bezüglich ihrer geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit nutzten 108 Personen die Option, keine Kategorie oder eine alternative
Selbstbeschreibung wie z. B. non-binär oder genderuid. Insgesamt zeichnen sich
3 Angaben von Personen über 27 Jahren oder solchen, die nicht in Deutschland leben, konnten dementsprechend nicht berücksichtigt werden.
4 Beispielsweise haben 428 cis-weibliche lesbische Frauen an der Online-Befragung teilgenommen, wie im Kästchen oben links zu
lesen ist (Geschlechtliche Zugehörigkeit: weiblich (Geburtsgeschlecht)– sexuelle Orientierung: lesbisch). Insgesamt sind es jedoch
735 cisgeschlechtliche Frauen („Summe“ als ganz rechtes Kästchen in der ersten Zeile), von denen sich wiederum 167 als bisexuell
bezeichneten, 57 eine Kategorisierung für sich ablehnen und 82 haben eine alternative Selbstbeschreibung als offene Antwort an-
gegeben haben. Auf diese Weise lässt sich die gesamte Tabelle lesen: Als weiteres Beispiel haben 13 heterosexuelle trans* Männer
teilgenommen (Geschlechtliche Zugehörigkeit: männlich (mit trans* Biograe)– sexuelle Orientierung: heterosexuell). Als hetero-
sexuell bezeichnen sich insgesamt 26 Teilnehmer_innen (letzte Zeile „Summe“ mittleres Kästchen).
12
die Teilnehmer_innen der Studie Queere Freizeit durch eine große sexuelle und ge-
schlechtliche Vielfalt aus, die sich in dieser Kreuztabelle widerspiegelt.
Vor dem Hintergrund der Diskussion um einen Wandel der heteronormativen
Zwei-Geschlechter-Ordnung (vgl. exemplarisch Halberstam 2015; Schirmer 2012)
soll an dieser Stelle die hohe Zahl der orientierungs* und gender*diversen jungen
Menschen betont werden. Auch an der DJI-Studie Coming-out – und dann …?! haben
sich über 174 orientierungs*diverse und 215 gender*diverse Jugendliche und junge
Erwachsene beteiligt. Weitere, internationale Studien, wie z. B. der Dalia Research,
stellen ebenfalls eine Zunahme von Menschen fest, die sich jenseits etablierter Kate-
gorien sexueller und geschlechtlicher Zugehörigkeiten verorten (vgl. Dalia Research
2016). Perspektiven, die eine Neu-Konstituierung der heteronormativen Zwei-Ge-
schlechter-Ordnung feststellen, können durch diese hohe Zahl von *diversen jungen
Menschen in dieser Studie gestützt werden. Die folgende Abbildung 1 gibt eine Über-
sicht über die Teilnehmer_innen der Online-Befragung. Die grünen Balken beziehen
sich auf die sexuelle Orientierung, die roten auf die geschlechtliche Zugehörigkeit.
Abb. 1: Teilnehmer_innen der Online-Befragung nach Teilgruppen
(N = 1.711)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Das Durchschnittsalter der Teilnehmer_innen liegt bei 21,1 Jahren, wobei die gen-
der*diversen Jugendlichen als jüngste Teilgruppe mit 20,4 Jahren leicht unter und
die trans* weiblichen Jugendlichen als älteste Teilgruppe mit 22,9 Jahren leicht über
dem Durchschnitt liegen. Folgende Abbildung 2 zeigt die Altersverteilung nach
Altersgruppen.
Gender*diverse Jugendliche
Tr
ans* männliche Jugendliche
Tr
ans* weibliche Jugendliche
Orientierungs*diverse Jugendliche
Bisexuell-männliche Jugendliche
Bisexuell-weibliche Jugendliche
Schwule Jugendliche
Lesbische Jugendliche
215
108
43
174
54
167
522
428
13
Abb. 2: Altersverteilung der Teilnehmer_innen (N = 1.711)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Das durchschnittliche Alter beim inneren Coming-out lag bei den Jugendlichen,
die Auskunft über ihre sexuelle Orientierung gegeben haben, bei 14,0 Jahren. Mit
13,6 Jahren waren die schwulen Jugendlichen die jüngste Teilgruppe. Insgesamt
haben 14,9 % der lesbischen, schwulen, bisexuellen und orientierungs*diversen Ju-
gendlichen schon im Grundschulalter gewusst, dass sie „anders“ (Selbstbeschrei-
bung von vielen Jugendlichen), im Sinne von nicht-heterosexuell, sind. 9 % gaben
an, dies „schon immer“ gewusst zu haben. Ein äußeres Coming-out erfolgte im
Durchschnitt mit 16,2 Jahren.
Bei nicht-cisgeschlechtlichen jungen Menschen zeigte sich, dass das innere Co-
ming-out mit im Schnitt 14,6 Jahren stattfand, wobei dies bei trans* Jugendlichen
mit durchschnittlich 12 Jahren wesentlich früher eintrat als bei den gender*diver-
sen Jugendlichen. Für 31,6 % der trans* und gender*diversen Jugendlichen war im
Grundschulalter bereits klar, dass sie nicht ihrem, bei der Geburt zugewiesenen
Geschlecht angehören, 18,8 % von ihnen wusste dies „schon immer“. Beim äuße-
ren Coming-out waren sie durchschnittlich 18,0 Jahre alt. Die Teilgruppe der trans*
Jugendlichen lässt sich zudem im Hinblick auf ihre Transitionsprozesse charak-
terisieren. Knapp ein Drittel der Jugendlichen hat eine Vornamensänderung vor-
genommen bzw. nimmt sie aktuell vor und gut ein Viertel hat die Änderung ihres
Personenstands durchgeführt bzw. führt diese im Moment durch. Jeweils etwas
mehr als ein Drittel der Jugendlichen hat diese Schritte noch vor, rund ein Viertel
lehnt dieses Vorgehen für sich ab. Hormonelle Maßnahmen nehmen bzw. haben
etwa ein Drittel der Jugendlichen in Anspruch genommen. Operative Schritte hat
knapp ein Fünftel bisher durchführen lassen bzw. ist aktuell dabei. Etwas weniger
als die Hälfte der Jugendlichen haben entsprechende Operationen noch vor, hor-
monelle Schritte plant fast jede_r Dritte. Etwa jede_r Dritte lehnt wiederum so-
wohl hormonelle als auch operative Maßnahmen für sich ab. Insgesamt planen oder
realisieren deutlich mehr trans* weibliche und trans* männliche als gender*diverse
Jugendliche rechtliche wie medizinische Transitionsschritte.
17,8%
26,7%
26,1%
29,4%
14 bis unter 18 Jahre
18 bis unter 21 Jahre
21 bis unter 24 Jahre
24 bis unter 28 Jahre
14
Wie es bei vielen (Online-)Befragungen der Fall ist, sind auch in dieser Studie Ju-
gendliche mit formal niedriger Bildung deutlich unterrepräsentiert: 2,4 % der Teil-
nehmer_innen haben maximal einen Hauptschulabschluss oder streben diesen
momentan an. 13,6 % bereiten sich auf einen mittleren Schulabschluss vor oder
haben diesen bereits erworben. Deutlich mehr als drei Viertel der Teilnehmer_in-
nen (84,1 %) verfügen über eine formal hohe Bildung, deren zugehörigen Schul-
abschluss sie bereits erreicht haben oder den sie momentan durch den Besuch ei-
nes Gymnasiums bekommen möchten. Die momentane Beschäftigung der jungen
Menschen stellt sich wie folgt dar (Abb. 3).
Abb. 3: Bildungs- und Beschäftigungsstatus zum Zeitpunkt der
Erhebung (N = 1.711)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Knapp jede_r fünfte Jugendliche (19,1 %) lebt in einer Familie mit Migrations-
geschichte, d. h. die Eltern/ein Elternteil und/oder der junge Mensch sind außerhalb
von Deutschland geboren. Bei 80,9 % der Teilnehmer_innen ist dies nicht der Fall.
Das Lebensumfeld liegt bei 29,2 % der Teilnehmer_innen im dörichen/kleinstäd-
tischen Bereich, 19,4 % der Jugendlichen leben in einer mittleren Stadt und über die
Hälfte der Jugendlichen ist in einer Großstadt oder Metropole zuhause (51,5 %).
In der Binnendifferenzierung zeigt sich, dass eher jüngere Teilnehmende in ländli-
chen Regionen leben und mit zunehmendem Alter die Anzahl der jungen Menschen
steigt, die in (Groß)Städten oder Metropolen leben, was. vermutlich u. a. damit zu-
sammenhängt, dass sie für eine Ausbildung/Studium vom Land in die Städte ziehen.
k.A.
Arbeitssuchend
Fr
eiwilligendienst
Etwas ander
es
Beruiche Ausbildun
g
Arbeit
Schule
Studium
2,2%
2,3%
3,0%
3,8%
9,1%
17,0%
23,6%
39,2%
15
Qualitativer Zugang– die Interviews
Im qualitativen Teil dieser Studie wurden bundesweit mit problemzentrierten Inter-
views (vgl. Witzel 2000) vertiefte Erkenntnisse gewonnen über die Erfahrungen der
Jugendlichen in Freizeit und Sport sowie ihre Umgangs- und Bewältigungsstrategien in
Bezug auf ihre nicht-heterosexuelle Orientierung und/oder ihre nicht-cisgeschlecht-
liche Zugehörigkeit. Fast alle Interviewpartner_innen wurden über einen Aufruf am
Ende der Online-Befragung erreicht. Die Auswertung der transkribierten Interviews
erfolgte mit dem Verfahren des thematischen Kodierens (vgl. Kuckartz 2010).
Bei der Auswahl der jungen Menschen für ein Interview wurde darauf geachtet,
dass es unterschiedliche positive wie negative Erfahrungen in den einzelnen Frei-
zeitbereichen gab. Außerdem sollten sowohl lesbische, schwule, bisexuellen und
binär transgeschlechtliche Jugendliche über ihre Erlebnisse berichten, als auch ori-
entierungs* und gender*diverse junge Menschen. Die Vielfalt sexueller Orientie-
rungen und geschlechtlicher Zugehörigkeiten ndet sich somit auch im Sample der
16 qualitativen Interviews wieder. Die Angaben sind unter den Alias-Namen der
Jugendlichen in Tabelle 2 dargestellt, die sie sich teilweise selber ausgesucht haben.
Tab. 2: Samplebeschreibung Interviewpartner_innen
Name Alter Geschlechtliche
Zugehörigkeit
Sexuelle
Orientierung Wohnort Derzeitige
Beschäftigung
Anton 22 Cis-männlich Schwul Metropole Studium
Anna 19 Cis-weiblich Bisexuell Großstadt Gymnasium
Annabell 20 Trans* weiblich Pansexuell Metropole Studium
Beta 16 Inter* Polysexuell Großstadt Realschule
Can 19 Trans* männlich Heterosexuell Großstadt Gymnasium
Christine 26 Trans* weiblich Lesbisch Metropole/Dorf
5Studium
Clemens 24 Genderuid Asexuell Metropole/Kleinstadt Studium
David 23 Cis-männlich Schwul Großstadt Studium
Fabrizio 25 Cis-männlich Queer Kleinstadt Studium/Arbeit
Jasper 19 Trans* männlich Heterosexuell Metropole Gymnasium
Jennifer 23 Cis-weiblich Lesbisch Großstadt Studium
Julia 18 Trans* weiblich Pansexuell Großstadt Berufsausbildung
Johanna 25 Cis-weiblich Lesbisch Großstadt Akademischer Beruf
Niklas 23 Trans* männlich Keine Kategorisierung Großstadt Berufsausbildung
Stef 24 Cis-weiblich Lesbisch Mittlere Stadt Arbeit/Studium
Tina 16 Genderuid Bisexuell Metropole Gymnasium
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
5 Bei doppelten Angaben lebt die interviewte Person bspw. sowohl auf dem Dorf als auch in einer Metropole oder geht gleichzeitig
dem Studium und einer Arbeit nach.
16
Exkurs zu inter* Jugendlichen
Anders als in den vorangegangenen DJI-Projekten waren inter* Jugendliche ex-
plizit als eine Zielgruppe adressiert. Die Befragungszugänge wurden dementspre-
chend auf Inter* Verbände und Ansprechpartner_innen ausgeweitet, um inter* Ju-
gendliche zu erreichen. Dies hat nicht bzw. nur sehr bedingt funktioniert. Sowohl
an der Online-Befragung als auch an den Interviews haben nur sehr wenige teilge-
nommen. An der Online-Befragung haben vier inter* Jugendliche teilgenommen.
Da aufgrund dieser geringen Teilnahme von inter* Jugendlichen deren Gruppe zu
klein ist, um differenziert betrachten zu werden, wurden ihre Angaben zusammen
mit denen der Jugendlichen ausgewertet, die eine alternative Selbstbezeichnung für
ihre geschlechtliche Zugehörigkeit angegeben haben und die als gender*diverse
Gruppe in den Daten sichtbar werden. Es wurde ein Interview mit einem inter*
Jugendlichen geführt, das in die Auswertung mit einießt.
Um dennoch einen Einblick in die Lebenssituationen von intergeschlechtlichen
Menschen zu geben, erfolgt eine kurze Darstellung existierender sozialwissen-
schaftlicher Erkenntnisse 6 zu inter* Personen. Hierzu wurde im Rahmen der Studie
Queere Freizeit eine Expertise zum Thema Inter*, insbesondere zu inter* Jugend-
lichen und jungen Erwachsenen erstellt (Austin-Cliff/Oldemeier, i.E.).
„Intergeschlechtlichkeit ist ein Oberbegriff für eine Bandbreite naturgegebener
Varianten körpergeschlechtlicher Entwicklung. Manchmal sind intergeschlechtliche
Merkmale bei der Geburt sichtbar, in anderen Fällen zeigen sie sich erst in der
Pubertät. Einige intergeschlechtliche Varianten der Chromosomen sind äußerlich
nicht sichtbar. Nach Expert_innenangaben werden zwischen 0,05 und 1,7 % der
Bevölkerung mit intergeschlechtlichen Merkmalen geboren – die höhere Schätzung
entspricht etwa dem Anteil rothaariger Menschen. Intergeschlechtlichkeit bezieht
sich auf biologische Geschlechtsmerkmale und unterscheidet sich somit von der
sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität. Eine intergeschlechtliche
Person kann heterosexuell, schwul, lesbisch, bisexuell oder asexuell sein und sich
als weiblich, männlich oder weder-noch identizieren“ (United Nations Free and
Equal Campaign, Fact Sheet Intersex, 2015).
Einer Online-Recherche zu Forschungsergebnissen zu den Erfahrungen von inter*
Menschen hat gezeigt, dass diese die eigene allgemeine Lebensqualität mehrheitlich
als positiv bewerten, in manchen Lebensbereichen jedoch mit spezischen Schwie-
rigkeiten konfrontiert sind. In einem Online-Diskurs, der vom Deutschen Ethikrat
6 Charakteristisch für den Umgang der Medizin mit Intergeschlechtlichkeit in Ländern des globalen Westens war bis ins 21. Jahrhun-
dert hinein ein dezitorientierter und pathologisierender Blick: Heutzutage ist es trotz eines sich kürzlich abzeichnenden Blickwech-
sels noch in der Medizin nicht unüblich, dass die körperlichen Erscheinungsformen von Intergeschlechtlichkeit als „Störung“ etiket-
tiert werden, obwohl diese Variationen geschlechtlicher Entwicklung in vielen Fällen für die physische und psychische Gesundheit der
betreffenden Personen keinerlei Gefahr darstellen.
17
organisiert wurde, hat sich gezeigt, dass Unzufriedenheit und Schwierigkeiten, wenn
sie thematisiert werden, meistens als Folge von „therapeutischen“ Maßnahmen
(z. B. chirurgische und hormonelle Eingriffe in den Körper) verstanden und nicht
auf die Intergeschlechtlichkeit per se zurückgeführt werden (Deutscher Ethikrat
2012: 74). Ein Bereich, in dem die Lebensqualität von inter* Menschen allerdings
auffällig negativ bewertet wird, ist das Sexualleben (ebd. 74). Angst vor sexuellen
Kontakten sowie Angst davor, diese zu initiieren, Erregungsschwierigkeiten, durch
chirurgische Maßnahmen beeinträchtigte Empndungsfähigkeit und Angst vor
Verletzungen während des Geschlechtsverkehrs gehören u. a. zu den Problemen,
die in diesem Lebensbereich thematisiert werden (ebd.: 75). Auch im Alltags leben
werden bestimmte Schwierigkeiten genannt, wie die Notwendigkeit, die eigene In-
tergeschlechtlichkeit zu verstecken oder in öffentlichen Situationen (bspw. bei öf-
fentlichen Toiletten oder im Sport) zwischen den Geschlechtern entscheiden zu
müssen. Diskriminierungserfahrungen werden auch nicht selten thematisiert: Diese
erstrecken sich von negativen Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Tabuisierung
und dem entsprechenden Mangel an Aufklärung zu dem Thema Intergeschlecht-
lichkeit bis hin zu Ausgrenzungserlebnissen, Beleidigungen, Spott und sogar kör-
perlicher Gewalt (ebd.: 82).
7
Aufgrund der Ausblendung oder Tabuisierung von Intergeschlechtlichkeit besteht
wenig Wissen in der Öffentlichkeit. Das ist womöglich auch der Grund, warum
inter* Menschen selbst häug nicht ausreichend informiert sind und z. B. kaum
Kenntnisse über entsprechende Beratungs- und Community-Strukturen haben. So
kam die Befragung des Deutschen Ethikrats zu der Erkenntnis, dass viele inter*
Personen nicht mit anderen inter* Personen vernetzt sind (Deutscher Ethikrat
2012: 84 – 85).
Im Hinblick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2017, in dem der Ge-
setzgeber zu einer weiteren Option der rechtlichen Geschlechtszugehörigkeit ver-
pichtet wird, bleibt abzuwarten, ob sich die Lebenssituation für inter* Menschen
verändern wird.
7 Deutscher Ethikrat 2012: 61– 96; Schweizer / Richter-Appelt 2012; Brinkmann et al. 2007a, 2007b. Außerdem zur sozialen Konstruk-
tion von Intergeschlechtlichkeit Voß 2012.
18
3. Zentrale Angaben zur
Freizeitgestaltung der
befragten Jugendlichen
Um die Freizeitaktivitäten von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und *di-
versen Jugendlichen darstellen zu können und aus ihren dort gemachten positiven
wie negativen Erfahrungen ein Verhältnis von Exklusion und Inklusion sexueller
und geschlechtlicher Vielfalt ableiten zu können, ist einführend die Frage interes-
sant, welche Freizeitbereiche von den befragten Jugendlichen in welchem Umfang
genutzt werden (Abb. 4).
Abb. 4: Wo verbringen LSBTIQ* Jugendliche ihre Freizeit? (N = 1.711)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Die verschiedenen Freizeitbereiche werden damit von unterschiedlich vielen Ju-
gendlichen genutzt – dementsprechend liegen zu den vertiefenden Nachfragen
je Bereich (z. B. zu den positiven und negativen Erfahrungen der Jugendlichen)
unterschiedlich viele Angaben vor. Die Fragen zum Internet haben beispielsweise
1.701 Teilnehmer_innen beantwortet, die zu Jugendzentren 384. Wenn im wei-
teren Verlauf der Broschüre die einzelnen Freizeitkontexte beschrieben werden,
beziehen sich die Ergebnisse nur auf die Angaben der Jugendlichen, die in dem
jeweiligen Bereich aktiv sind bzw. angegeben haben, diesen zu nutzen, z. B. bei den
Im Jugendzentrum (N
= 384)
In der Disco, dem Club oder
auf einer Party (N
= 1.021)
In einer Jugendgruppe (N
= 519)
Beim Sport (N
= 1.136)
Im öf
fentlichen Raum (N = 1.206)
Im Cafe, Lokal, Kneipe, Bar (N
= 1.474)
Im Kino, Theater
, Musical, Konzert
(N
= 1.505)
Im Inter
net (N = 1.701)
30,3%
22,4%
59,7%
66,4%
70,5%
86,2%
88,0%
99,4%
69,7%
77,6%
40,3%
33,6%
29,5%
13,9%
12,0%
0,6%
Ja Nein
19
Jugendzentren auf die Antworten der 384 Jugendlichen, die dorthin gehen.
8 Dies
ist bei der Interpretation der Daten von Bedeutung.
Neben der Nutzung bzw. Nicht-Nutzung der verschiedenen Freizeitbereiche wur-
den die Jugendlichen gefragt, ob ihnen aus ihrer Sicht ausreichende zeitliche und
nanzielle Ressourcen für ihre Freizeitgestaltung zur Verfügung stehen. Hier zeigt
sich, dass die Jugendlichen mehrheitlich zufrieden sind: Auf die Frage, ob sie ihrer
Meinung nach genug Freizeit haben, antworteten 67,8 % mit „Ja, eher schon“, die
übrigen 32,2 % mit „Nein, eher nicht“. Die Zufriedenheit mit diesem Zeitbudget
nimmt mit zunehmendem Alter leicht ab, was sich durch einen höheren zeitlichen
Aufwand in Ausbildung, Studium oder Arbeit erklären lässt. Mit Blick auf die -
nanziellen Möglichkeiten ist hier ein gegenläuger Effekt zu beobachten: Hier zei-
gen ältere Jugendliche, die vermutlich über eigene Einnahmen verfügen, eine etwas
größere Zufriedenheit als die Jüngeren. Insgesamt ist wiederum die Mehrheit mit
ihrer nanziellen Situation zufrieden: 64,1 % der Befragten sagen, sie haben „Ja,
eher schon“ genug Geld für ihre Freizeitgestaltung zur Verfügung, dementspre-
chend geben 35,9 % der Jugendlichen an, dass dies bei ihnen nicht der Fall ist.
Eine weitere Frage ist, mit wem die Jugendlichen ihre Freizeit verbringen. Erwartungs-
gemäß stehen hier Freund_innen und Partner_innen an den ersten Stellen (Abb. 5).
Abb. 5: Mit wem verbringst du deine Freizeit? (in Abhängigkeit der
Lebenssituation, N = 963 –1.686)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
) 2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
8 Bei den Fragen dazu, warum Jugendliche bestimmte Bereiche nicht nutzen, beziehen sich die Ergebnisse auf die Jugendlichen, die
angegeben haben, dort nicht aktiv zu sein.
Nachbar_innen/Bekannte
Sportpartner_innen
Andere Personen
Onlinebekanntschaften
Geschwister
Eltern
Mitschüler_innen/Studien-
oder Arbeitskolleg_innen
Freund_innen
Parnter_in
12,8%
4,8%
13,9%
17,8%
21,2%
25,7%
28,0%
59,4%
72,1%
76,6%
75,2%
67,5%
49,4%
40,5%
43,4%
34,9%
64,4%
15,1%
18,6%
10,9%
14,7%
29,4%
33,8%
28,6%
5,7%
26,2% 9,4%
Oft/sehr of Manchmal Selten/Nie
20
Unter der Rubrik „Andere Personen“ wurden in den offenen Antworten weitere
Familienmitglieder (Großeltern, Onkel, Tanten), Freund_innen von Freund_innen,
Menschen, mit denen die Jugendlichen zusammenleben (z. B. in Wohngemeinschaf-
ten oder anderen Wohnformen) und Personen aus Jugendgruppen oder queeren
Zusammenhängen benannt. Jugendliche aus ländlichen Regionen verbringen ihre
Freizeit häuger mit ihren Geschwistern und Eltern, als dies in Großstädten und
Metropolen der Fall ist. Junge Menschen aus urbanen Gegenden wiederum treffen
in ihrer freien Zeit häuger Freund_innen und ihre Partner_innen, als dies von
lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und *diversen Jugendlichen auf dem Land
angegeben wird. Bei diesen Aspekten kommt zum einen sicherlich ein Alterseffekt
zum Tragen – Jugendliche wohnen eher noch in ländlichen Regionen und sind
stärker an die Familie angebunden, junge Erwachsene leben entfernt von ihrem
Elternhaus in Städten und Metropolen, gehen Beziehungen ein und konzentrieren
sich mehr auf Freundeskreise. Zum anderen könnten weitere Erklärungsansätze je-
doch sein, dass Jugendliche auf dem Land seltener eine Beziehung haben, weil sich
die Suche nach einem_r Partner_in schwieriger gestaltet und dass sie z. B. aufgrund
ihrer räumlichen Situation mit längeren Anfahrtswegen weniger Zeit mit ihren Part-
ner_innen verbringen. Zudem haben LSBTIQ* Jugendliche in ländlichen Regio-
nen deutlich weniger Freund_innen, die selber LSBTIQ* sind: Geben 9,5 % der
Jugendlichen in Großstädten und Metropolen an, dass sie keine anderen LSBTIQ*
Jugendliche in ihrem Freundeskreis haben, sind es in ländlichen Gebieten 23 %.
Der oben genannte Alterseffekt kommt vermutlich auch hier zum Tragen, da mit
einer alterstypischen Abwendung vom Elternhaus eine Hinwendung zu Gleichaltri-
gen einhergeht, die als neue Bezugsgruppe eine tragende Rolle bei der jugendlichen
Persönlichkeitsentwicklung werden. Insgesamt zeigt sich, dass über die Hälfte der
Jugendlichen nicht oder nur mit wenigen LSBTIQ* Jugendlichen befreundet sind
(vgl. Abb. 6).
Abb. 6: Zusammensetzung des Freundeskreises (N = 1.691)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Keine LSBTIQ* Jugendliche
18,7%
2,0%
19,0%
45,9%
14,3%
Ausschließlich LSBTIQ* Jugendliche
Mehr als die Hälfte LSBTIQ*
Jugendliche
Etwa die Hälfte LSBTIQ*
Jugendliche
Weniger als die Hälfte LSBTIQ*
Jugendliche
21
Ein wesentlicher Unterschied wird an dieser Stelle sichtbar: Trans* und gender*
bzw. orientierungs*diverse Jugendliche haben deutlich „queerere“ Freundeskreise
als junge Lesben, Schwule und Bisexuelle. Es geben beispielsweise 37,4 % der
nicht-cisgeschlechtlichen Jugendlichen an, dass ihr Freundeskreis ausschließlich
bzw. zu mehr als der Hälfte aus LSBTIQ* Jugendlichen besteht, während das bei
den nicht-heterosexuellen Jugendlichen nur bei 15,8 % der Fall ist.
22
4. Internet: Ein zentraler
Ort für die Jugendlichen
Aus dem Alltag von allen, insbesondere aber jungen Menschen, sind Internet und
onlinebasierte Dienste nicht mehr wegzudenken. So gut wie alle Jugendlichen ha-
ben die Möglichkeit, das Internet zu nutzen (mpfs 2017: 6). Die meisten Jugendli-
chen, die an der Studie Queere Freizeit teilgenommen haben, gehen mit ihrem eige-
nen Smartphone (94,3 %) oder ihrem Laptop/PC (87,4 %) ins Internet. Nur wenige
sind auf einen öffentlichen Computer oder das Gerät einer anderen Person ange-
wiesen. 94 % der Jugendlichen sind täglich online. Wie viele Stunden sie sich täglich
durchschnittlich im Internet beschäftigen, zeigt die folgende Abbildung (Abb. 7).
Abb. 7: Ungefähre Zeitdauer der täglichen Beschäftigung im Internet
(N = 1.668)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Fast drei Viertel der Jugendlichen beschäftigen sich zwischen zwei und fünf Stunden
täglich online. Zum Vergleich: In der JIM-Studie 2017, in der das Medienverhalten
von 14- bis 19-Jährigen untersucht wurde, gaben die Jugendlichen an, unter der Wo-
che täglich durchschnittlich 221 Minuten (was etwa 3,5 Stunden entspricht) für das
Internet aufzuwenden, was einen Zuwachs zum Jahr 2016 um 10 % bedeutet (mpfs
2017: 30). Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass nicht-heterosexuelle bzw.
nicht-cisgeschlechtliche Jugendliche mehr Zeit online verbringen als ihre heterosexu-
ellen, cisgeschlechtlichen Peers (Out online 2013). Sie haben hier die Möglichkeiten,
sich auszuprobieren, zu informieren (zu Coming-out ebenso wie zu Gesundheits-
themen, Sexualität und Partnerschaft) und sich mit anderen LSBTIQ* Jugendlichen
zu vernetzen (ebd.). Durchschnittlich verbringen die Jugendlichen der Studie Out
online fünf Stunden im Internet, d. h. 45 Minuten mehr als ihre heterosexuellen, cis-
geschlechtlichen Peers, die sich an der Studie beteiligt haben (Out online 2013: 12).
Mehr als 7 Stunden
43,2%
6,3%
30,0%
12,0%
8,5%
1 Stunde
2–3 Stunden
4–5 Stunden
6–7 Stunden
23
Die Pege von Kontakten über soziale Medien ist bei den befragten Jugendlichen
sehr verbreitet – ihre häugste Tätigkeit online ist die Nutzung von Instant Messen-
ger wie WhatsApp. Als zweithäugste Aktivität schauen die Jugendlichen Videos
oder Fernsehen im Internet, während an dritter Stelle die Vernetzung über soziale
Netzwerke wie Facebook steht (Abb. 8).
Abb. 8: Wie oft machst du folgende Sachen online? (N = 1.711)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
„Kommunikation ist nach wie vor ein zentraler Bereich der Onlinenutzung Jugend-
licher“ (mpfs 2017: 35). Dies spiegeln auch die Ergebnisse der Studie Queere Freizeit
wider. Unter den Plattformen, auf denen die lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*
und *diversen Jugendlichen einen eigenen Account haben, sind WhatsApp (91,4 %),
Facebook (80,3 %) und YouTube (69,4 %) die beliebtesten. Instagram, Snapchat,
Twitter und Tumblr werden ebenfalls genutzt, allerdings seltener. Im Vergleich zu den
Daten von AID:A 9 zeigt sich, dass die Befragten der Studie Queere Freizeit in den Be-
reichen, die persönliches Engagement erfordern, aktiver sind. Höhere Häugkeiten
zeigen sich bei Diskussionen in Internetforen und Newsgroups, die 4,3 % der 14- bis
27-Jährigen in AID:A täglich bzw. mehrmals pro Woche führen, dabei, selber etwas
in Netz zu stellen (AID:A 3,7 %) sowie beim bloggen und twittern (AID:A 2,9 %).
9 AID:A Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten ist der Langzeitsurvey des Deutschen Jugendinstituts. Allen hier angegebenen
Daten liegt eine eigene Berechnung zugrunde, die sich auf 9.125 Teilnehmer_innen im Alter von 14 –27 Jahren der zweiten AID:A
Welle 2014 / 2015 bezieht.
In Inter
netforen/Newsgroups diskutieren
Online-Spiele spielen
Selber was ins Netz stellen
Bloggen, twitter
n
Im Inter
net einkaufen
Skypen, chatten, telefonier
en
E-Mail schr
eiben oder lesen
Allgemeine Informationen suchen
Einfach so rumsurfe
n
Instant Messenger benutzen
Aktuelle Nachrichten lese
n
Inter
net für Schule/Studium/Beruf nutzen
Soziale Netzwerke nutze
n
Videos anschauen oder Fer
nsehen
13,4%
8,9%
16,2%
16,8%
22,0%
44,5%
51,6%
52,4%
64,5%
72,4%
70,3%
86,1%
46,0%
15,9%
46,6%
41,7%
23,4%
71,8%
57,3%
52,0%
48,0%
43,3%
31,9%
25,0%
23,7%
10,5%
49,1%
34,4%
40,0%
49,4%
60,4%
11,4%
20,7%
3,5%
0,4%
4,3%
3,6%
2,6%
6,0%
3,4%
4,9%
49,7%
Oft/sehr of Manchmal Selten/Nie
24
Jede_r zweite Jugendliche hat einen Account auf einer LSBTIQ* spezischen Platt-
form, wie z. B. Gorizi, dbna, Planetromeo oder dem FTM-Portal.
10 Bei den schwu-
len Jugendlichen sind es über drei Viertel der Teilnehmenden, bei orientierungs*
und gender*diversen Jugendlichen hingegen nur jede_r Dritte, die_der auf einer
entsprechenden Plattform registriert ist. Dieses deutliche Gefälle lässt sich vermut-
lich dadurch erklären, dass solche Plattformen, die sich in der Regel an einzelne
Zielgruppen wie lesbische, schwule oder trans* Jugendliche richten, von den ori-
entierungs*- und gender*diversen Jugendlichen als weniger passend oder weniger
interessant erlebt werden. Insgesamt zeigt sich, dass die Jugendlichen mit formal
hoher Bildung etwas weniger Zeit online verbringen als ihre Peers mit mittlerer
bzw. niedriger Bildung.
93,3 % der Teilnehmer_innen kennen LSBTIQ* spezische Internetseiten, wie
Nachrichten- oder Dating-Portale, Foren, Seiten von LSBTIQ* Jugendangeboten
etc. Die Bekanntheit ist jedoch an unterschiedliche Merkmale gebunden: Bei den
jüngsten Teilnehmer_innen zwischen 14 und 17 Jahren, denjenigen mit niedriger
formaler Bildung sowie denjenigen, die wenige bis keine LSBTIQ* Freund_in-
nen haben, liegt der Anteil derer, die entsprechende Seiten kennen, etwas niedriger.
Gleichzeitig zeigt sich, dass die jungen Teilnehmer_innen zwischen 14 und 17 Jah-
ren und diejenigen, die aus ländlichen Gebieten kommen oder wenige bzw. keine
LSBTIQ* Freund_innen haben, LSBTIQ* spezische Webseiten am häugsten
nutzen. Dies liegt möglicherweise daran, dass die genannten Teilgruppen von Ju-
gendlichen einen höheren Bedarf an Informationen und/oder Kontaktaufnahme
haben, als es bei anderen Teilgruppen der Fall ist.
Insgesamt nutzen junge schwule Männer (67,7 %) am häugsten LSBTIQ* spezi-
sche Webseiten. Gender*diverse (60,7 %) sowie orientierungs*diverse und trans*
weibliche Jugendliche (je 50,0 %) sind ebenfalls öfters auf diesen Seiten als die übri-
gen Teilgruppen. Die Interessen bei der höheren Nutzung dieser drei Teilgruppen
sind jedoch vermutlich unterschiedlich: Bei jungen schwulen Männern lässt sich
die hohe Nutzung auch über eine große Vernetzung über die oben genannten bzw.
ähnliche Portale erklären, bei orientierungs*diversen und trans* Jugendlichen geht
es hingegen wahrscheinlich eher um einen höheren Informationsbedarf zu ihren
Themen. Das Internet bietet nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen
Jugendlichen die Möglichkeit, sich zu informieren, zu engagieren, sich zu vernetzen
und neue Leute kennenzulernen. In den Interviews berichten die jungen Menschen
dementsprechend, dass sie online während der Zeit der Bewusstwerdung ihrer
nicht-heterosexuellen Orientierung und/oder nicht-cisgeschlechtlichen Zugehörig-
keit erste spezische Informations- und Austauschmöglichkeiten gefunden haben.
10 Gorizi ist ein Portal für junge Lesben, dbna (“du bist nicht allein“) ist ein Webangebot für schwule und bisexuelle männliche Jugend-
liche, Planetromeo ist eine Plattform für schwule Männer, das FTM Portal richtet sich an junge trans* Männer (Female-to-Male).
Hierbei handelt es sich sowohl um Dating-Plattformen als auch um (teils geschlossene) Foren, in denen Informationen zu bestimmten
Themen, wie z. B. Coming-out, Diskriminierung, Freizeitmöglichkeiten, Transitionsprozesse etc. ausgetauscht werden können. Auch
werden Vernetzungsangebote zu gemeinsamen (Freizeit)Aktivitäten angeboten.
25
Auf diese unkomplizierte Weise können sie sich dem Thema LSBTIQ* annähern,
ohne gleich jemand Anderen informieren zu müssen.
„… natürlich übers Internet. Das war so der Weg, wo man halt mal gucken
konnte, ohne dass es jemand merkt. Ja. Hauptsächlich tatsächlich übers Internet.“
(Johanna, 25 Jahre, cis-weiblich, lesbisch)
Aber auch nach der Bewusstwerdung sind verschiedene Online-Dienste wichtig,
um mit anderen LSBTIQ* Peers in Kontakt zu treten und sich mit spezischen
Informationen zu versorgen. Manche Jugendliche und junge Erwachsene versu-
chen dabei durch selbst produzierte Inhalte wie z. B. YouTube-Videos oder Pod-
casts, über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aufzuklären und gleichzeitig andere
LSBTIQ* Menschen von ihren Erfahrungen protieren zu lassen.
Neben vielen positiven Aspekten ist das Internet jedoch zugleich der Freizeitbe-
reich, an dem die Jugendlichen am häugsten Diskriminierungserfahrungen erle-
ben. Die häugsten Diskriminierungserfahrungen sind, dass Schimpfworte verwen-
det oder Witze gemacht werden – das haben zwischen 84 % und 88 % der Befragten
schon mindestens einmal erlebt (im Gegensatz zu nie und unabhängig davon, ob dies
selten, oft oder sehr oft vorgekommen ist). Insgesamt sind trans* und gender*di-
verse Jugendliche häuger Diskriminierung im Internet ausgesetzt. So berichtet
knapp die Hälfte von ihnen (46,2 %), dass sie beleidigt, beschimpft oder lächerlich
gemacht wurden, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung berichten dies weniger als
ein Drittel der Befragten (28,6 %).
In der aktuellen JIM-Studie gibt jede fünfte befragte Person an, dass schon mal
falsche oder beleidigende Informationen über sie im Internet oder auf Smartpho-
nes aufgetaucht sind (mpfs 2017: 59). Zwei Fünftel der Jugendlichen haben bereits
erlebt, dass eine Person, die sie kennen, im Internet „fertig gemacht“ wurde, wobei
die Anzahl mit zunehmendem Alter steigt: Bei den 18-Jährigen ist es beinahe die
Hälfte (ebd.). Dass das Internet ein diskriminierungsträchtiger Ort ist, kann da-
mit zusammenhängen, dass Diskriminierung nicht persönlich in einem face-to-face
Kontakt stattndet. Unabhängig davon, ob eine persönliche Bekanntschaft besteht
(z. B. Schulkamerad_innen) oder ob es sich um Personen handelt, die keinen per-
sönlichen Kontakt zu den Jugendlichen haben – ein gewisser Abstand und Ano-
nymität bleiben erhalten, wodurch die Schwelle für diskriminierende Handlungen
sinkt.
Häug schreiben die jungen Menschen davon, dass sie aufgrund einer für Andere
erkennbaren LSBTIQ* Zugehörigkeit (z. B. durch liken und teilen entsprechender
Artikel) Hass-Kommentaren ausgesetzt waren.
„Also ich teile natürlich viele Sachen irgendwie zu queeren Themen, ist auch
eines meiner Hauptthemen politisch, dass da Leute angefangen haben zu
26
pöbeln … Da hatte ich auch schon Sachen mit Gewaltaufrufen und bis hin zu
quasi Morddrohungen, die jetzt nicht so direkt an mich ausgesprochen wurden,
aber schon so was wie, keine Ahnung, Leute wie du gehören einfach gehängt
oder so. … also auch als Pädo wurde ich schon bezeichnet. Und, genau, so
was gibt’s schon auch, direkt dann gegen mich gerichtet.“ (Anton, 22 Jahre,
cis-männlich, schwul)
Auf solche Erfahrungen reagieren die jungen Menschen unterschiedlich. Sie blo-
ckieren z. B. diese Person(en) auf der eigenen Prol-Seite und erstatten, je nach
Inhalt, eine Online-Anzeige bei der Polizei. Polizeiliche Anzeigen sollen auch dazu
dienen, eine öffentliche Sichtbarkeit für diskriminierende Erfahrungen aufgrund ei-
ner LSBTIQ* Zugehörigkeit herzustellen. Andere versuchen sich in Diskussionen
argumentativ mit den ablehnenden Perspektiven auseinanderzusetzen.
„… und bei solchen Sachen hab ich mich dann halt immer gefühlt, als müsste
ich mich rechtfertigen, weil das halt einfach so Falschannahmen sind, die man
ja aber irgendwie eigentlich klären könnte. Aber, ja, da verrennt man sich dann
halt … ich hab versucht, sachlich zu argumentieren und irgendwie Fakten dar-
zulegen und hab aber irgendwie immer mehr so verletzende Sachen zurück-
gekriegt.“ (Clemens, 24 Jahre, genderuid, asexuell)
Manche Jugendliche schränken sich aufgrund von Erfahrungen mit diskriminie-
renden Kommentaren wegen ihrer nicht-heterosexuellen und/oder nicht-cisge-
schlechtlichen Lebensweise in den Inhalten ein, die sie posten oder bewerten, um
kein (weiteres) Angriffsziel zu sein.
Obwohl das Internet der Bereich ist, an dem die Jugendlichen am meisten Diskri-
minierung erleben, ist es insbesondere für die trans* und gender*diversen Jugend-
lichen auch der Ort, an dem sie viele positive Erfahrungen machen. Im Internet
können lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche zum Teil
authentischer auftreten, als ihnen dies im realen Leben möglich ist. So geben bei-
spielsweise 73 % der LSBT Jugendlichen, die im Rahmen der Studie Growing up
LGBT in America befragt wurden an, dass sie online offener über sich selber berich-
ten, als dies im realen Leben der Fall ist. Im Vergleich dazu traf dies nur auf 43 %
ihrer heterosexuellen und cisgeschlechtlichen Peers zu (HRC 2012: 6).
Für die trans* und gender*diversen Jugendlichen ist das Internet nach den queeren
Jugendzentren und Jugendgruppen der Bereich, an dem die Inklusion von sexueller
und geschlechtlicher Vielfalt am größten ist – vermutlich auch deshalb, weil sie für
sich passende Seiten, Kanäle oder Foren auswählen können. Mit Blick auf die se-
xuelle Orientierung fällt die Inklusion etwas geringer aus, das Internet liegt weiter
hinten im guten Mittelfeld.
27
Sport: Heteronormative
Zwei-Geschlechter-
Ordnung besonders
wirksam
Sport ist ein Bereich, in dem die empirischen Erkenntnisse über die Erfahrungen
von nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Personen in Deutschland
besonders gering sind. In der Studie Queere Freizeit wurde Sport als Freizeitbeschäf-
tigung (nicht im schulischen Kontext) genauer betrachtet.
11
Zwei Drittel der Jugendlichen haben angegeben, dass sie in ihrer Freizeit Sport
treiben (66,4 %), ein Drittel hat diese Frage verneint (33,6 %). Zum Vergleich: In
der MdDiKuS-Studie zum Thema Medien, Kultur und Sport geben über 80 % der
Jungen an, im Kinder- und Jugendalter Sport zu treiben, bei den Mädchen sind es
je nach Alter durchschnittlich 70 % (Züchner 2013:103). Die sportlich aktivste Teil-
gruppe in der Queeren Freizeit ist die der jungen Lesben (76,0 %). Bei den orientie-
rungs*diversen, bisexuellen und schwulen Jugendlichen liegt der Anteil jeweils bei
etwa 66 %. Geringer ist der Anteil von trans* und gender*diversen Jugendlichen,
die sportlichen Aktivitäten nachgehen. Er liegt für trans* weibliche Jugendliche bei
41,9 %, für junge trans* Männer bei 54,6 % und für gender*diverse Jugendliche bei
59,5 %. Tendenziell zeigt sich zudem, dass Jugendliche mit niedriger und mittlerer
formaler Bildung weniger sportlich aktiv sind als Jugendliche mit hoher Bildung.
Die Gründe, aus denen sich Jugendliche gegen Sport entscheiden, sind vielfältig
(Abb. 9).
11 In den Interviews wurde trotz des Fokus auf Sport als Freizeitbeschäftigung deutlich, dass viele Probleme von trans* Jugendlichen
sich vor allem auf den Schulsport beziehen, weil binäre Geschlechterstrukturen dort stark zum Tragen kommen und sie sich diesem
Bereich nicht einfach entziehen können.
5.
28
Abb. 9: Gründe, weshalb Jugendliche keinen Sport machen
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
Bei den offenen Antworten zu den „anderen Gründen“ wurde vor allem mangelnde
Zeit und fehlende Motivation genannt. Eine Reihe von Antworten bezogen sich
auch darauf, dass Jugendliche sich aufgrund ihrer körperlichen Gegebenheiten in
Situationen, die in einem binären System auf schöne und leistungsfähige Körper
ausgerichtet sind, nicht wohl fühlen.
„Geschlechtergetrennte Umkleiden und ein Körper, der dort nicht hineinpasst.
Außerdem kann ich mit Binder
12 nur schwer Sport machen, mich aber ohne
Binder nicht in die Öffentlichkeit trauen.“ (Offene Antwort in der Online-Be-
fragung)
„Ich fühle mich schlecht dabei, weil ich dick bin und niemand zur Last fallen
will“. (Offene Antwort in der Online-Befragung)
12 Ein „Binder“ ist ein Kleidungsstück, das vor allem von trans* Männern genutzt wird, um (vor einer möglichen Mastektomie) die Brust
abzubinden.
Es gibt in meiner Nähe kein Sportangebot
(Sportver
ein, Fitness-Studio)
Ich hab kein Geld, um Sport zu machen
Der Sport, der mich inter
essiert, ist ein
typischer "Mädchen-" bzw
. "Jungensport"
Ich habe (im Moment) körperliche
Einschränkunge
n
Die Sportangebote in meiner Nähe bieten
nicht den Sport, den ich machen möchte
Ein ander
er Grund
Ich habe früher beim Sport schlechte
Erfahrungen gemacht, deshalb mache
ich keinen
Mir macht Sport keinen Spaß
11,8%
1,9%
4,4%
23,6%
20,3%
28,0%
19,6%
39,8%
4,3%
18,6%
18,6%
20,5%
10,9%
23,6%
17,6%
57,0%
Sexuelle Orientierung (N = 414) Geschlechtliche Zugehörigkeit (N = 161)
29
Auch Krankheit sowie Angst und Unsicherheit bezüglich neuer Gruppensituatio-
nen waren Gründe, die angeführt wurden, warum Jugendliche keinen Sport ma-
chen möchten. Bei den 126 Teilnehmer_innen, bei denen negative Erfahrungen
in der Vergangenheit grundlegend dafür sind, dass sie heute keinen Sport mehr
machen, hingen diese schlechten Erlebnisse bei 37 direkt mit ihrer sexuellen Orien-
tierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit zusammen:
„Und ich hab auch Sport gemacht, und da war das auch unmöglich, da kam auch
öfters mal so diese Äußerung, wie kann man denn auf Frauen stehen, wie geht
das? … Und das ist auch bis heute … also ich hab dann mit Sport aufgehört und
würde den auch nicht mehr anfangen, weil das einfach so negativ war.“ (Jenni-
fer, 23 Jahre, cis-weiblich, lesbisch)
Knapp drei Viertel der sportlich aktiven Jugendlichen üben mehr als eine Sport-
art aus (72,6 %). Insgesamt wurden von diesen Jugendlichen weit über 130 unter-
schiedliche Sportarten genannt, darunter neben den gängigen auch unbekanntere
bzw. jungendspezische Sportarten wie z. B. Parkour, Quidditch, Akrobatik und
Jonglieren, Geocaching, Ultimate-Frisbee oder Slackline. Um die aus dieser Vielfalt
entstehende Komplexität zu reduzieren, nahmen die Fragen der Online-Befragung
nur die Sportart in den Fokus, die von den jeweiligen Teilnehmer_innen als „Lieb-
lingssport“ deniert wurde. Die Lieblingssportarten sind Fitness 13 (13,1 %), gefolgt
von Fußball 14 (12,7 %), Tanzen (11,2 %) und Joggen (10,6 %).
Knapp drei Viertel der Jugendlichen gehen mehrmals (47,6 %) bzw. einmal in der Woche
(26,9 %) ihrem Lieblingssport nach. Dieser ndet in unterschiedlichen Settings statt. Im
Folgenden wird zwischen vier Möglichkeiten, Freizeitsport zu treiben, unterschieden:
Sportvereine
Kommerzielles Sportangebot (z. B. Fitnessstudio, Kampfsport- oder Reitschule,
Kletterhalle)
Informeller Sport (z. B. sich selbstorganisiert mit Freund_innen zum Sport treffen)
Alleine ausgeübter Sport (z. B. alleine joggen oder Radfahren gehen) 15
Letztgenannter Punkt ist auch die häugste Weise, auf der die Jugendlichen ih-
rem Lieblingssport nachgehen: Sie tun dies meist allein und ohne regelmäßige
Begleitung (28,7 %). Die favorisierten Sportarten hierbei sind Joggen, Mountain-
bike/Downhill fahren und Yoga/Pilates. In einem Sportverein üben 27,4 % ihren
Lieblingssport aus, die drei beliebtesten Sportarten sind hier Fußball, Kampfsport
13 Fitness ist der am häugsten genannte Lieblingssport unter schwulen, orientierungs*diversen und trans*männlichen Jugendlichen.
14 Fußball ist die Lieblingssportart der befragten lesbischen und bisexuell-weiblichen Jugendlichen. Im Breitensport ist Fußball bei „Mäd-
chen“ inzwischen unter den zehn beliebtesten Sportarten zu nden, wo hingegen Fußball unter „Jungen“ der mit Abstand meistaus-
geübteste Sport ist (Züchner 2013: 110).
15 Bei diesen Bereichen zeigen sich Überschneidungen, da Jugendliche z. B. auch alleine ins Fitnessstudio oder zum Reiten gehen kön-
nen. Jugendliche, die in einer Tanzschule trainieren, können Mitglieder in einem Verein sein.
30
und Tanzen. In vergleichbarer Häugkeit ndet sich der Besuch kommerzieller
Sportangebote (27,2 %), wo insbesondere Fitnesstraining, Tanzen und Kraftsport
angesagt sind. In einem informellen Kontext ndet für 15,8 % der Jugendlichen
ihr Lieblingssport statt. Meistens treffen sie sich durch spontane Verabredungen
mit Freund_innen oder Bekannten und organisieren ihren Sport auf diese Weise
selber. Am häugsten gehen sie gemeinsam schwimmen, bergsteigen, klettern oder
Fußball spielen. Der informelle Sport ndet überwiegend im öffentlichen Raum
statt. Genutzt werden Wiesen, Bolzplätze und Parks, Skate- oder Basketballplätze,
öffentliche Schwimmbäder sowie Wälder und Berge.
Es fällt eine unterschiedliche Nutzung von Sportangeboten in ländlichen und urba-
nen Gegenden ins Auge: Jugendliche aus Dörfern oder kleinen Städten sind häu-
ger in einem Sportverein aktiv als in einem kommerziellen Angebot. In Groß-
städten und Metropolen dreht sich dieses Bild um: Kommerzielle Sportangebote
werden hier deutlich häuger als Sportvereine besucht. Sportvereine werden auch
eher von jüngeren Jugendlichen genutzt, während mit zunehmendem Alter die
Teilnehmer_innen öfter ein kommerzielles Angebot besuchen – der Aspekt des
Alters spielt auch bei der unterschiedlichen Nutzung unter regionaler Perspektive
eine Rolle, da die jüngeren Teilnehmer_innen eher in ländlichen Gebieten leben,
die älteren in die Städte und Metropolen ziehen. Die Nutzung von kommerziel-
len Sportangeboten hängt vermutlich zudem sowohl mit der nanziellen Situation
der Jugendlichen als auch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Zeitressourcen
zusammen: Durch einen höheren Zeitaufwand aufgrund der Anforderungen von
Ausbildung, Studium oder Arbeitsalltag spielt für ältere Teilnehmer_innen vermut-
lich die Flexibilität von kommerziellen Sportangeboten, die sich mehrheitlich nicht
an festen Trainingszeiten orientieren, eine wichtige Rolle.
Die befragten Jugendlichen nden zudem unterschiedliche Aspekte bei der Nut-
zung der von ihnen gewählten Sportangebote wichtig oder sehr wichtig,
dass ein Sportverein gut erreichbar ist (was sich ggf. auch durch das jüngere Alter
erklären lässt) und dass dort gute Trainer_innen arbeiten. Bei den kommerziellen
Sportangeboten spielen diese Aspekte für die Jugendlichen eine nachrangige Rolle;
dass Freund_innen dort trainieren und die Sportler_innen bzw. Teams erfolg-
reich sind. Dies ist wiederum für Jugendliche, die in kommerziellen Angeboten
Sport treiben, wichtiger als für diejenigen aus Sportvereinen;
dass die Möglichkeit besteht, Menschen kennenzulernen, ist bei beiden Formen
der Sportangebote für die Jugendlichen sehr wichtig. Dahingegen spielt ein brei-
tes Angebot an Sportarten bei beiden keine ausschlaggebende Rolle;
dass ein offener Umgang bezüglich der Themen sexuelle Orientierung bzw. ge-
schlechtliche Zugehörigkeit vorhanden ist, wird von Sportler_innen, die in Verei-
nen trainieren, durchgängig als sehr wichtig bzw. wichtig bezeichnet. Bei der Nut-
zung kommerzieller Angebote ist das Bild deutlich heterogener: Ungefähr genauso
viele Jugendliche finden dies jeweils überhaupt nicht wichtig bzw. sehr wichtig.
31
Jugendliche, für die letztgenannter Aspekt eine große Rolle spielt, suchen sich zum
Teil Sportvereine oder kommerzielle Angebote, die sich dezidiert an LSBTIQ* Per-
sonen wenden – 12,2 % der befragten Jugendlichen, die sportlich aktiv sind, nutzen
eine solche Möglichkeit.
Im Bereich des informellen Sports sind Diskriminierungserfahrungen am seltens-
ten, was vermutlich mit dem Umstand zusammenhängt, dass die Jugendlichen diese
Beschäftigung mit Freund_innen oder vertrauten Personen ausüben – zwar gehen
sie hierfür in den öffentlichen Raum, aber dennoch bleiben sie in einem privaten
Rahmen unter sich.
Mit Blick auf ihre sexuelle Orientierung berichten rund 40,5 % der Jugendlichen
davon, auch im informellen Sport Diskriminierung erfahren zu haben. Bei der Nut-
zung eines kommerziellen Angebots waren 52,0 % mindestens einmal Diskriminie-
rung ausgesetzt, während die Quote im Sportverein mit 68,0 % am höchsten lag.
Am häugsten erleben die Jugendlichen LSBTIQ* feindliche Witze. Auch die Nut-
zung von Schimpfworten kommt verhältnismäßig oft vor. Ebenfalls häug erleben
sie, dass sie beobachtet bzw. angestarrt wurden.
Auch Jugendliche, die Diskriminierung aufgrund ihrer geschlechtlichen Zugehö-
rigkeit erlebt haben, erfuhren diese am seltensten beim informellen Sport und am
häugsten im Sportverein. Sie geben in der Tendenz deutlich mehr Diskriminie-
rungserfahrungen an, als Jugendliche, die darüber bezogen auf ihre sexuelle Ori-
entierung berichten – allerdings sind die Teilgruppen zu klein, um die Erfahrungen
quantitativ darstellen zu können.
Die beschriebenen Diskriminierungserfahrungen in Sportvereinen und kommer-
ziellen Sportangeboten gingen von unterschiedlichen Personen aus (Tab. 3) 16.
Tab. 3: Von wem ging diese Diskriminierung aus?
Trainer_in/Coach Zuschauer_
innen/Fans
Teamkolleg_
innen
Gegnerische
Sportler_innen
Sportverein (N = 279) 9,3 % 11,1 % 34,1 % 15,4 %
Kommerzielles Sport-
angebot (N = 277) 4,3 % 5,1 % 7,6 % 4,3 %
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
16 Die Teilnehmer_innen wurden gefragt, ob Diskriminierung von einer der vier Personengruppen ausgegangen ist. 9,3 % gaben bei-
spielsweise an, dass sie Diskriminierung durch eine_n Trainer_in / Coach erlebt haben, bei 90,7 % war das nicht der Fall.
32
In den offenen Antworten wurde deutlich, dass sich bei den kommerziellen Ange-
boten vor allem andere Besucher_innen bzw. Mitglieder diskriminierend verhielten.
In der Hälfte der offenen Antworten bezog sich diese Aussage dezidiert auf Fitness-
studios.
Sexualisierte Gewalt im Sport – als eine Form von Diskriminierung – ist ein weitgehend
unerforschtes Thema, auch was den Breitensport angeht. Eine Annäherung an mögli-
che Fallzahlen, wie viele Kinder und Jugendliche in Sportvereinen sexualisiert Gewalt
erleben, leitet das Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) aus
seiner Studie zum Thema sexuelle Gewalt ab: „Der Sportverein als Ort des Übergriffs
wird bei exhibitionistischen Handlungen von 0,9 % der männlichen und 1,4 % der weib-
lichen Betroffenen, für sexuelle Übergriffe mit Körperkontakt von 3,2 % der männli-
chen und 0,6 % der weiblichen und für sonstige sexuelle Handlungen von keinem der
männlichen und 4,2 % der weiblichen Betroffenen angegeben.“ (Rulofs 2015: 376)
Von den befragten Jugendlichen der Queeren Freizeit Studie, die in den unterschied-
lichen Bereichen sportlich aktiv sind, haben zwischen 5,7 % und 6,8 % angegeben,
aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit sexu-
elle Belästigung bzw. Beleidigung erlebt zu haben. Die niedrigsten Angaben bezie-
hen sich hierbei auf Sportvereine. Bei kommerziellen Angeboten waren es 6,4 %
und beim informellen Sport 6,8 %. Ein direkter Vergleich der Zahlen bietet sich
nicht zwar nicht an, weil in den Daten der Queeren Freizeit auch sexuelle Beleidigung
miterhoben wurde, wohingegen diese bei der KFN-Studie nicht enthalten war. Sie
machen in der Gesamtschau aber deutlich, das Prävention im Sport ernst genom-
men werden muss, auch gerade weil es sich um absolute Mindestzahlen handelt
und eine Vielzahl von Übergriffen nicht öffentlich werden. In der deutlichen Mehr-
heit sind es männliche Erwachsene wie Trainer, Übungsleiter oder andere Betreuer,
die im Sport sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausüben (Rulofs
2015), wobei auch für den Bereich Sport davon ausgegangen wird, dass Mädchen
und junge Frauen, so wie insgesamt bei sexualisierter Gewalt, deutlich häuger von
Übergriffen betroffen sind als Jungen und junge Männer (ebd.).
In den Interviews zeigt sich, dass die heteronormative Zwei-Geschlechter-Ordnung
im Sport besonders wirksam ist. Sport lässt sich aus einer sozialwissenschaftlichen
Perspektive durch eine institutionalisierte Distinktion zwischen heterosexuellen
und cisgeschlechtlichen Menschen einerseits und LSBTIQ* Personen andererseits
charakterisieren. In den meisten Sportarten ist z. B. eine Zuordnung zur Gruppe der
Frauen oder der Männer zwingende Voraussetzung für eine Teilnahme. Ein Wech-
sel dieser Zuordnung ist strukturell (und normativ) nicht vorgesehen. Außerdem ist
für manche Sportarten wie z. B. Fußball eine heterosexuell-männlich ausgerichtete
Kultur dominierend (Degele/Janz 2011).
17 So haben auch Jugendliche, die an dieser
17 In der Studie
Queere Freizeit
haben lediglich 4 % der schwulen Jugendlichen angegeben, dass Fußball ihr Lieblingssport ist– der
deutlich niedrigste Wert aller Teilgruppen.
33
Studie teilgenommen haben, davon berichtet, dass das Interesse bzw. Nicht-Inte-
resse an Fußball zu einer Separierung von „den Anderen“ geführt hat:
„Also Fußball fand ich schon immer furchtbar. Ich war irgendwie – alle anderen
waren immer im Fußballverein, und im Sportunterricht haben wir ständig Fußball
gespielt, und ich war immer der Einzige, der es nicht im Verein gemacht hat. War
dadurch unglaublich schlecht im Vergleich zu den anderen, ich war, glaub ich, prinzi-
piell nicht unsportlich. In anderen Sportarten war’s auch immer okay, aber Fußball –
halt einfach dadurch, dass alle anderen das mehr oder weniger professionell ge-
macht haben, war ich immer unten durch.“ (Anton, 22 Jahre, cis-männlich, schwul)
Für nicht-heterosexuelle und nicht-cigeschlechtliche junge Menschen, die regel-
mäßig, oft auch in mehreren Sportarten aktiv sind, ist Sport eine Möglichkeit für
„mentalen Ausgleich“. Zugleich können sich im Sport Diskriminierungsrisiken und
Ressourcen für Anerkennung begegnen:
„… die Leute haben halt schon von Anfang an so mich Schwuchtel genannt
und alles. Und dann im Sportunterricht … hatten wir Brennball gespielt. … ich
habe die da in Grund und Boden gestampft, ehrlich gesagt.“ (Beta, 16 Jahre,
inter*, polysexuell)
Für trans* Jugendliche kann Sport ebenfalls diese Widersprüchlichkeit von inklu-
dierenden und exkludierenden Erfahrungen besitzen. Es wird einerseits deutlich,
wie die strikte Geschlechtertrennung dazu führt, dass Sport vermieden oder abge-
lehnt wird. So ist beispielsweise Schwimmen aufgrund der Unvermeidbarkeit von
nahezu unbekleideten Körpern besonders hervorzuheben.
„Schwimmen nd ich echt schrecklich.“ (Julia, 18 Jahre, trans* weiblich, pansexuell)
Für manche trans* männliche Jugendliche ist Sport andererseits ein Mittel, um ihre
körpergeschlechtliche Entwicklung durch einen gezielten muskulären Aufbau in
gewünschter Weise zu unterstützen:
„Ich mach auch noch Sport außerhalb von dem Verein. Also ich geh einmal in
der Woche Bouldern, und ich geh meistens früh vor der Schule ins Fitnessstudio
… So eine halbe Stunde ungefähr. … also erstmal wach ich dadurch auf und
irgendwie – ist es halt – bringt es meinen Körper mehr in die männliche Form.“
(Jasper, 19 Jahre, trans* männlich, queer)
Es ist schließlich noch festzustellen, dass es insbesondere die Umkleide-Situationen
sind, die für die Jugendlichen zu belastenden und ausgrenzenden Erfahrungen führen:
„Ich liebe Schwimmen, ich gehe auch privat sehr oft schwimmen… und – das
Umziehen. Ich war ungeoutet, alle haben so ein bisschen gemunkelt, haben sich
34
weggedreht, das fand ich aber nicht so schlimm. Viel schlimmer nd ich, als
ich da war, die Angst in den Augen der anderen zu sehen. … So die Angst, die
die Heteros vor Homos haben… also heutzutage kann ich das den anderen so
verkaufen, ihr müsst euch vorstellen, der Homosexuelle ist die Spinne, und ihr
seid die, die kreischend wegrennen. Die Spinne hat mehr Angst vor euch als ihr
vor ihr. So sieht es nämlich … für mich in der Umkleide aus.“ (David, 23 Jahre,
cis-männlich, schwul)
Für die Jugendlichen, die über ihre sexuelle Orientierung berichtet haben, ist Sport
nach den Jugendgruppen und queeren Jugendzentren der Ort, an dem sie am
häugsten Inklusion erleben. Demgegenüber machen trans* und gender*diverse
Jugendliche hier deutlich weniger positive bzw. auch deutlich mehr negative Er-
fahrungen, wodurch Inklusion für sie hier in geringem Maße stattndet. Der Sport-
bereich liegt bei ihnen hinter dem öffentlichen Raum und dem Bereich Disco/
Club/Partyveranstaltung mit Blick auf Inklusion sehr weit hinten.
35
Angebote der Kinder-
und Jugendarbeit:
Füreinen Teil der
Jugend lichen ein
wichtiger Ort
Eine weitere Möglichkeit der Freizeitgestaltung ist der Besuch eines Jugendzen-
trums oder einer Jugendgruppe. Jugendzentren gibt es in vielen großen und mittel-
großen Städten, häug auch innerhalb verschiedener Stadtviertel.
Jugendzentren
In den Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2016 sind in der Kate-
gorie „Jugendzentren, -freizeitheime, Haus der offenen Tür“ bundesweit insgesamt
7.177 Einrichtungen verzeichnet, davon 536 ohne und 6.641 mit haupt- bzw. ne-
benberuich tätigen Personen (Statistisches Bundesamt 2018: T70). Diese Jugend-
einrichtungen sind in der Regel kommunal gefördert und werden von Trägern der
Kinder- und Jugendhilfe betrieben. Die pädagogischen Fachkräfte vor Ort beglei-
ten den Alltag der jungen Besucher_innen und organisieren verschiedene Aktivi-
täten wie z. B. themen- oder altersspezische Angebote, künstlerische oder sport-
liche Aktionen, gemeinsames Kochen, Hausaufgabenbetreuung oder beratende
Begleitung im offenen Betrieb. Im Vergleich zu diesen Jugendeinrichtungen, die
sich grundsätzlich an alle Jugendlichen richten, gibt es bundesweit schätzungsweise
weniger als 20 Jugendzentren, die sich mit ihrem Angebot dezidiert an nicht-he-
terosexuelle bzw. nicht-cisgeschlechtliche Jugendliche wenden (ein Großteil davon
liegt in NRW).
6.
36
Jugendgruppen
In Jugendgruppen, entweder verbandlich oder selbst organisiert, treffen sich junge
Menschen, die das Interesse an einem bestimmten Thema teilen und dies zum
Anlass bzw. Mittelpunkt ihrer gemeinsam gestalteten Zeit machen. Jugendliche
können selber Leiter_in einer solchen Gruppe sein, wenn sie beispielsweise eine
Juleica-Ausbildung gemacht haben. Bei lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*
oder *diversen Jugendgruppen fehlen institutionalisierte Strukturen bzw. Förde-
rungen häug: Hier treffen sich Jugendliche meist unverbindlich in einem selbst
initiierten Rahmen, oft ohne feste (Gruppen)Räume oder nanzielle Mittel und in
Selbstorganisation, d. h. auch, ohne eine Fachkraft, die die Gruppe begleitet.
Lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche besuchen in ihrer
Freizeit verschiedene Formen von Jugendgruppen. In der vorliegenden Studie gibt
knapp jede_r dritte befragte Jugendliche an (30,3 %), einmal pro Woche bzw. ein-
bis zweimal im Monat eine Jugendgruppe zu besuchen. Hierbei handelt es sich in
den meisten Fällen um eine LSBTIQ* Jugendgruppe (Abb. 10).
18
Abb. 10: Genutzte Jugendgruppen, Angaben in absoluten Häug-
keiten (N = 519)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
18 Unter dem Punkt „Eine andere Jugendgruppe“ wurden weitere politische Projekte/Gruppen ebenso genannt wie Engagement in
queeren Kontexten und Kunst- bzw. Musikprojekte, die sich nicht in den Bereich Theater-, Musik- oder Tanzgruppe bzw. Chor ein-
ordnen lassen.
Jugendgruppe eines Schützen-
oder Heimatvereins
Pfadnder_innen
Jugendgruppe der FFW
, DLRG, THW
Eine ander
e Jugendgruppe
Jugendgruppe einer Partei
oder Gewerkschaft
Kir
chliche/religiöse Jugendgruppe
Theater
-, Musik- oder Tanzgruppe, Chor
LSBTIQ* Jugendgruppen
11
26
40
41
70
83
108
286
37
Für viele der Jugendlichen, die in eine Jugendgruppe gehen, ist es wichtig, dort
Freund_innen zu treffen (67,6 %) und neue Leute kennenzulernen (61,7 %). Fast je-
de_r zweite Jugendliche organisiert in der Jugendgruppe gerne selber etwas (44,1 %)
oder ist dort, um Tipps und Informationen zu bekommen (40,1 %). Rund ein Vier-
tel geht gerne mit auf Freizeitfahrten, feiert dort Partys oder nimmt an besonderen
Kursen, wie z. B. der Juleica-Ausbildung, teil. Das hohe Maß an ehrenamtlichem En-
gagement zeigt sich auch daran, dass fast jede_r dritte befragte Jugendliche angibt,
selber die Organisation oder Leitung einer Jugendgruppe übernommen zu haben.
Dieses Ergebnis spiegelt eine generelle Entwicklung wider, indem das freiwillige
Engagement von jungen Menschen auf einem hohen Niveau liegt und tendenziell
steigt (Freiwilligensurvey 2014: 94). Die jungen Menschen investieren hierbei viel
Zeit und erwerben im Rahmen dieser Aktivitäten (u. a. zertizierte) Kompetenzen.
„Ich bin ja dann … angesprochen worden, ob ich nicht auch Leiterin machen
will … Genau, und dann hab ich halt angefangen, probemäßig ein halbes Jahr.
Und dann hab ich so eine Juleica Schulung gemacht ... Genau, und dann wurde
ich zur Gruppenleiterin, und das bin ich eigentlich heute noch.“ (Annabell, 20
Jahre, trans* weiblich, pansexuell)
So wie bei den Jugendgruppen auch, gehen die meisten Jugendlichen, die ein Ju-
gendzentrum nutzen, in Einrichtungen, die sich in erster Linie an LSBTIQ* Jugend-
liche wenden (79,7 %). Ein deutlich kleinerer Teil geht in Jugendzentren, die sich an
alle Jugendlichen wenden (11,5 %) oder nutzt beide Angebote (8,9 %). Ähnlich wie
bei dem Besuch einer Jugendgruppe steht bei LSBTIQ* Jugendlichen, die in ein
queeres Jugendzentrum gehen im Vordergrund, Leute kennenzulernen, Freund_in-
nen zu treffen, den offenen Betrieb zu nutzen und Tipps und Infos zu bekommen.
Bei der Nutzung eines LSBTIQ* Jugendzentrums, das von den meisten etwa ein
bis zweimal im Monat besucht wird (20,4 %), stehen Aspekte im Vordergrund, die
mit dem Leben in einer heteronormativen Umwelt in Verbindung gebracht wer-
den können: Hier ist klar, dass die anderen Besucher_innen auch LSBTIQ* sind.
Diskussionen um LSBTIQ* Themen führen in diesen Kontexten nicht dazu, dass
die Jugendlichen automatisch der Gefahr eines ungewollten Coming-outs ausge-
setzt sind. Die Jugendlichen können in geschützten Räumen offen als LSBTIQ*
auftreten und erleben, dass das ‚Merkmal‘, nicht-heterosexuell oder nicht-cisge-
schlechtlich zu sein, oft als verbindender – und nicht wie im Alltag häug trennen-
der – Faktor wirken kann. Sie treffen dort, wie in den LSBTIQ* Jugendgruppen
auch, auf Gleichgesinnte, erleben Rollenmodelle, können über für sie relevante
Themen sprechen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen
Zugehörigkeit im Alltag nicht selbstverständlich und offen angesprochen werden
können (z. B. Coming-out, Liebe, Sexualität, Transition, Diskriminierung). Die Ein-
zugsbereiche LSBTIQ* spezischer Jugendzentren reichen oft über die Kommune
hinaus: Besucher_innen müssen mitunter weite Wege in Kauf nehmen, so dass sie
verstärkt zu punktuellen Angeboten und Aktivitäten kommen.
38
Für Jugendzentren, die sich an alle Jugendlichen wenden, sind die Fallzahlen in dieser
Studie sehr klein, weswegen die Daten mit Vorsicht interpretiert werden müssen. Ana-
log zu den LSBTIQ* Jugendzentren zeigt sich hier, dass das Treffen mit Freund_in-
nen der wichtigste Faktor für den Besuch eines Jugendzentrums ist. Die Möglichkeit,
selber etwas zu organisieren, den offenen Betrieb zu nutzen und Kurse oder Gruppen
zu besuchen bzw. zu leiten sind weitere Faktoren, die erwähnt wurden. Beim Besuch
eines Jugendzentrums, das für alle Jugendlichen offensteht, stehen augenscheinlich
eher ‚handlungsbezogene‘ Gründe im Vordergrund, d. h. an bestimmten Aktionen
und Angeboten teilzunehmen, die Räume im Jugendzentrum zu nutzen oder Kurse
zu belegen. In LSBTIQ* Jugendzentren sind eher Linie ‚soziale‘ Aspekte ausschlagge-
bend, wie Leute kennenzulernen, Freund_innen zu treffen und Tipps und Infos zu be-
kommen. Mehrheitlich haben die Jugendlichen in den Interviews berichtet, über per-
sönliche Kontakte den Anschluss an ein queeres Jugendangebot gefunden zu haben:
„Da bin ich über eine Bekannte draufgekommen, … ich hatte die in einem
Inter*-Forum kennengelernt, und wir hatten uns halt ein bisschen unterhalten.
Und weil sie mit einer von den Aufpassern bei der Trans*-Inter*-Tagung war, da
hat sie mich halt eben eingeladen, dass ich auf ihre Kosten dann mir das Ganze
eben anschauen kann und bin dann so eben dahin gekommen.“ (Christine, 26
Jahre, trans* weiblich, lesbisch)
Andere haben in Online-Gruppen Informationen über entsprechende „ofine“
Angebote erhalten. In den Interviews wird deutlich, dass die Jugendlichen in quee-
ren Jugendgruppen und Jugendzentren meist ein Sicherheitsgefühl haben, das
mit einer positiven Atmosphäre verbunden ist, in der ihre sexuelle und/oder ge-
schlechtliche Zugehörigkeit nicht erklärungsbedürftig ist. In nicht-queeren Räumen
nden sie diese Bedingungen nicht oder nur selten vor.
„Aber ich glaube wirklich, oder die Erfahrung lehrt mich, dass die meisten her-
kommen, um sich auszutauschen, neue Leute kennenzulernen und ein Sicher-
heitsgefühl zu bekommen, weil sie eben einen safe space haben. Und dieser safe
space ist unbezahlbar.“ (David, 23 Jahre, cis-männlich, schwul)
Bei einem differenzierten Blick auf die einzelnen Teilgruppen ist hervorzuheben,
dass gender*diverse, orientierungs*diverse und trans* Jugendliche das Angebot
einer Jugendgruppe tendenziell häuger nutzen als lesbische, schwule und bise-
xuelle junge Menschen, wobei eine quantitative Darstellung aufgrund der kleinen
Fallzahlen nicht möglich ist. Für diese Gruppen von Jugendlichen ist ein stärkerer
Informations- und Erfahrungsaustausch relevant, und es ist zu vermuten, dass das
Bedürfnis danach, „Gleichgesinnte kennenzulernen“ höher ist.
„Ja, es war halt eine total tolle Atmosphäre irgendwie so. Also ich wusste, sozu-
sagen alle haben das Gleiche, und deswegen ist es halt so entspannt, und man
muss nicht drüber reden. Genau, alles cool, und das sind mega die netten Leute
39
damals gewesen. Ich hab mich gleich wieder verknallt und so.“ (Annabell, 20
Jahre, trans* weiblich, pansexuell)
Außerdem beschreiben manche Jugendliche, dass ein queerer Raum vor allem wäh-
rend ihres inneren und/oder äußeren Coming-outs notwendig war, dass sie hier
erstmals eine Zugehörigkeit aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder ihrer
geschlechtlichen Identität erlebt haben.
„Also sozusagen hat man das queere Jugendzentrum am Anfang noch gebraucht,
aber irgendwann hatte man ja seinen Freundeskreis, dass man ab und zu mal ins
queere Jugendzentrum gegangen ist, aber sozusagen das nicht mehr brauchte.
Aber als ich dann dahingegangen bin, dachte ich mir, oh mein Gott, wir sind in
der Mehrheit, alle sind so wie ich.“ (Jennifer, 23 Jahre, cis-weiblich, lesbisch)
Darüber hinaus gab insgesamt etwa die Hälfte der Befragten an, nicht an dem
Besuch eines Jugendzentrums oder einer Jugendgruppe interessiert zu sein. Un-
abhängig von einer LSBTIQ* Zugehörigkeit sind solche Angebote für manche
Jugendliche kein Ort, an dem sie ihre Freizeit verbringen wollen (vgl. auch Hurrel-
mann 2010: 131). Sie haben nicht das Bedürfnis nach jugendspezischen und/oder
LSBTIQ* spezischen Räumen.
„Nein, ich bin einfach nicht so ein Mensch – also ich hab auf jeden Fall Freunde,
die in irgendwelchen Jugendvereinen sind, aber das ist einfach von vornherein
nichts für mich.“ (Can, 19 Jahre, trans* männlich, heterosexuell)
Tabelle 4 veranschaulicht die Gründe, warum lesbische, schwule, bisexuelle, trans*
und *diverse Jugendliche nicht in eine Jugendgruppe oder ein Jugendzentrum gehen.
Tab. 4: Gründe der Nicht-Nutzung von Jugendzentren /Jugendgruppen
Gründe der Nicht-Nutzung Jugendgruppe
(N = 1.192)
Jugendzentrum
(N = 1.327)
So ein Angebot interessiert mich nicht 45,6 % 49,4 %
Es gibt in meiner Nähe keine LSBTIQ* Jugendgruppe /
kein LSBTIQ* Jugendzentrum 31,4 % 26,5 %
Es gibt in meiner Nähe keine Jugendgruppe / kein Jugendzentrum 24,0 % 15,9 %
Ich bin mir unsicher, weil ich nicht weiß, was mich dort erwartet 22,5 % 27,9 %
Ich kann mit den Leuten dort nichts anfangen 17,9 % 25,1 %
Andere Gründe 13,0 % 16,4 %
Ich glaube, da mit meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlecht-
lichen Zugehörigkeit nicht hinzupassen 6,0 % 7,5 %
Ich habe dort früher schlechte Erfahrungen gemacht 3,4 % 4,7 %
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
40
Außerhalb von Großstädten und Metropolen besteht oft das Problem, dass allge-
meine thematisch interessante Angebote sowie queere Angebote fehlen. Geeignete
Angebote sind hier nur mit viel Zeit- und Geldaufwand in einer Stadt zu erreichen.
„Also es gibt, ich weiß nicht mehr, welcher Samstag im Monat das war, immer
so ein Treffen mit Transleuten, da war ich auch zweimal, aber das ist mir einfach
zu weit, drei Stunden hinzufahren.“ (Niklas, 23 Jahre, trans* männlich, ohne
Kategorisierung der sexuellen Orientierung)
Auch ein inzwischen zu hohes Alter sind Gründe, die gegen den Besuch sprechen.
Es wird ebenfalls deutlich, dass Jugendliche Jugendgruppen und Jugendzentren als
„Sprungbrett“ bezeichnen, wo sie zuerst Leute kennenlernen und sich ins queere
Leben einnden können, um dann mit Freund_innen dieses vertraute Umfeld zu
verlassen und gemeinsam ihre Freizeit außerhalb zu gestalten.
Trotz vieler positiver Aspekte sind sowohl queere als auch allgemeine Jugendgrup-
pen und -zentren keine diskriminierungsfreien Räume. Aufgrund der kleinen Fall-
zahlen lassen sich hier allerdings nur Tendenzen ablesen: In Jugendgruppen scheint
Diskriminierung seltener stattzunden als in Jugendzentren. Trans* und gender*-
diverse Jugendliche sind von Diskriminierung häuger betroffen – dies gilt sowohl
für allgemeine als auch für queere Zusammenhänge. Für sie sind mitunter auch
Jugendeinrichtungen, die sich dezidiert an nicht-heterosexuelle bzw. nicht-cisge-
schlechtliche Jugendliche wenden, keine geschützten Räume – auch hier erleben sie
zum Teil, Ausgrenzung und Unverständnis aufgrund fehlenden Wissens bzw. Sen-
sibilität bezüglich geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Auch Jugendliche, deren
sexuellen Orientierung oder äußerliches Auftreten nicht bestimmten stereotypen
Erwartungshaltungen entsprechen, machen dort negative Erfahrungen.
Wiederum trotz zum Teil sehr deutlicher und hoher Diskriminierungserfahrungen
sind Jugendgruppen und queere Jugendzentren die Freizeitbereiche, an denen die
Jugendlichen am meisten Inklusion erleben. Auch wenn es keine diskriminierungs-
freien Räume sind, stehen hier positive Erfahrungen sehr stark im Vordergrund.
Eine tragende Rolle spielt hier sicherlich die Möglichkeit, Gleichaltrige kennenzu-
lernen, die ähnliche Interessen oder Hobbys haben und Freundschaften einzuge-
hen, was insbesondere im Jugendalter wichtig für die Identitätsbildung sowie die
Entwicklung eines eigenen Werte- und Normensystems ist.
41
(Jugend)Kulturelle
Orte: Cafés und Lokale,
Disko theken und Clubs,
Konzerte und Theater
In diesem Kapitel nden sich die Erfahrungen der lesbischen, schwule, bisexuellen,
trans* und *diversen Jugendlichen an (jugend)kulturellen Orten, die sich in drei
Kategorien einteilen lassen:
Party und Feiern: Discos, Clubs, Partyveranstaltungen
Kulinarisch-gesellige Orte: Cafés, Lokale, Bars, Kneipen
Darstellende Kunst: Kino, Theater, Musicals, Konzerte
Zum Feiern oder Tanzen gehen 59,7 % der Jugendlichen, die meisten von ihnen
etwa ein- bis zweimal im Monat bzw. seltener. Deutlich mehr Jugendliche, nämlich
86,2 % halten sich genauso häug an kulinarisch-geselligen Orten auf. Wiederum
etwas mehr Befragte (87,9 %) gehen ins Kino, ins Theater, in ein Musical oder in ein
Konzert, die meisten von ihnen ebenfalls ein- bis zweimal im Monat oder seltener.
Insgesamt zeigt sich, dass alle Angebote von jüngeren Jugendlichen bzw. denjenigen,
die auf dem Land leben, seltener genutzt werden – was vermutlich mit einer gerin-
geren Verfügbarkeit und Mobilität, weniger nanziellen Mitteln und dem Jugend-
schutz, der die Nutzung bestimmter Orte reglementiert, in Zusammenhang steht.
Jugendliche, die (jugend)kulturelle Orte nicht aufsuchen, geben dafür unterschied-
liche Gründe an (Tab. 5).
Tab. 5: Gründe der Nicht-Nutzung (jugend)kultureller Orte
Gründe der Nicht-Nutzung Party und Feiern
(N = 690)
Kulinarisch-gesellige
Orte (N = 237)
Darstellende Kunst
(N = 206)
Kein Interesse 74,3 % 57,4 % 41,7 %
Ich kann mit den Leuten dort nichts anfangen 60,6 % 30,0 % 10,7 %
Ich glaube, mit meiner SO / GZ dort nicht hinzupassen 19,4 % 8,4 % 2,4 %
Das gibt es in meiner Nähe nicht 14,8 % 13,9 % 9,2 %
Ich habe dort früher schlechte Erfahrungen gemacht 11,2 % 3,4 % 1,0 %
Ich hab nicht genug Geld 16,8 % 28,7 % 34,5 %
Ich bin zu jung 12,9 % 16,9 % k. A.
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
7.
42
Im Bereich der darstellenden Kunst, der neben Kino auch Theater, Musical und
Konzerte umfasst, wird deutlich, dass zum Teil fehlende nanzielle Mittel einem
Besuch entgegenstehen, was dahingehend interessant ist, dass deutlich mehr als
die Hälfte der befragten Jugendlichen angegeben hat, mit dem Geld, das ihnen zur
Freizeitgestaltung zur Verfügung steht, zufrieden zu sein. Insbesondere im Party-
bereich zeigt sich, dass viele nicht-heterosexuelle oder nicht-cisgeschlechtliche Ju-
gendliche kein Interesse daran haben, dort hinzugehen. Sie betonen dabei, dass sie
größere Ansammlungen von (überwiegend unbekannten) Menschen nicht mögen:
„Aber da ich Partys oder so Zeug nicht sehr gerne hab, da ich dann bei solchen
Angelegenheiten dann doch eher den kleinen Rahmen bevorzuge.“ (Christine,
26 Jahre, trans* weiblich, lesbisch)
60,6 % der jungen Menschen, die an der Online-Befragung teilgenommen haben,
gaben so auch an, dass sie dort mit den Leuten nichts anfangen können. Auch hat
jede fünfte Person berichtet, nicht auf Partyveranstaltungen zu gehen, aus Angst
davor, mit ihrer sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Zugehörigkeit
dort nicht hinzupassen. Die schlechten Erfahrungen, die bei 11,2 % der Jugendli-
chen dazu führten, dass sie nicht mehr in bestimmte Discos, Clubs oder auf Partys
gehen, sind bei knapp der Hälfte der Jugendlichen auf LSBTIQ* feindliche Erleb-
nisse zurückzuführen.
„… nach dem einen Vorfall im Club [Anm.: Bedrohliche Auseinandersetzung
mit anderen Besucher_innen] hab ich dann halt auch gesagt, nee, dahin will ich
nicht mehr.“ (Anton, 22 Jahre, cis-männlich, schwul)
Sowohl bei der Freizeitgestaltung auf Partys als auch an kulinarisch-geselligen Orten
und im Bereich der darstellenden Kunst beschreiben junge Lesben, Schwule, Bise-
xuelle, trans* und *diverse Jugendliche, Diskriminierung erlebt zu haben (Tab. 6).
Tab. 6: Diskriminierungserfahrungen in unterschiedlichen Bereichen
Diskriminierungserfahrungen
aufgrund der …
Auf Partys und
beim Feiern
An kulinarisch-
geselligen Orten
An Orten der
darstellenden Kunst
Sexuellen Orientierung 89,9 %
(N = 842)
73,6 %
(N = 1.132)
59,3 %
(N = 1.099)
Geschlechtlichen Zugehörigkeit 91,9 %
(N = 161)
87 %
(N = 276)
79,4 %
(N = 291)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018
Besonders häug nden sich diese Berichte im Partykontext. Hierzu zählen Beleidi-
gungen, Beschimpfungen und das Lächerlich-gemacht-werden. Wegen ihrer sexu-
43
ellen Orientierung haben dies 32,3 % der Jugendlichen erlebt, während 42,4 % der
trans* und gender*diversen diesen Anfeindungen aufgrund ihrer geschlechtlichen
Zugehörigkeit ausgesetzt waren.
„… dumm angemacht und dumme Sprüche hab ich schon oft gehört, weil ich
mich auch auf Hetero-Partys geoutet hab. … und dann kommen so Sprüche
wie: Ja, komm, hast es schon mal ausprobiert mit einem Mann? … Ja, also so
Sprüche hat man schon gehört.“ (Johanna, 25 Jahre, cis-weiblich, lesbisch)
Auch die Androhung von körperlicher Gewalt (aufgrund der sexuellen Orientierung
12,8 %; aufgrund der geschlechtlichen Zugehörigkeit 22,2 %) sowie körperliche An-
griffe (aufgrund der sexuellen Orientierung 7,3 %; aufgrund der geschlechtlichen
Zugehörigkeit 10,8 %) müssen Jugendliche erleben, wiederum im Partybereich am
häugsten. In den Interviews schildern Jugendliche entsprechende Situationen:
„Ich erinnere mich an einen Vorfall … wir sind an denen vorbeigelaufen, und
der hat uns erstmal angepöbelt. … dann kamen halt noch andere dazu, die ha-
ben uns dann auch angegriffen … Und dann gab’s eine körperliche Auseinan-
dersetzung, wir wurden auch getreten und so.“ (David, 23 Jahre, cis-männlich,
schwul)
Sexueller Belästigung und Beleidigung sind fast ein Drittel (29,6 %) der lesbischen,
schwulen, bisexuellen und orientierungs*diversen Jugendlichen ausgesetzt, bei den
trans* und gender*diversen sind es 42,4 %. Damit sind Discos, Clubs und Partyveran-
staltungen von allen in dieser Studie erfassten Freizeitbereichen die Orte, an denen die
Jugendlichen am häugsten sexuelle Belästigung und Beleidigung erfahren. Beson-
ders von entsprechenden Übergriffen sind trans*, gender* und orientierungs*diverse
Jugendliche sowie junge Lesben und bisexuelle cisgeschlechtliche Frauen betroffen.
Für lesbische, schwule, bisexuelle und orientierungs*diverse Jugendliche ist der Party-
bereich nach dem Internet der Freizeitkontext, an dem sie die meiste Diskriminie-
rung erleben, für trans* und gender*diverse nach dem Internet und dem öffentli-
chen Raum der an dritter Stelle diskriminierungsreichste Kontext. Ein Aspekt, der
vermutlich zu diesem hohen Maß an Diskriminierung beiträgt, ist die Tatsache, dass
bei entsprechenden Veranstaltungen der Konsum von Alkohol und möglicherweise
weiteren berauschenden Substanzen für viele „dazu gehört“, wodurch die Hemm-
schwelle für übergrifges Verhalten gesenkt wird. Auch ein starres, heteronormati-
ves Geschlechterrollen- und Beziehungsbild, das an jugendspezischen Orten, wo
geirtet und getanzt wird, klar im Vordergrund steht, kann dazu beitragen, dass
Verhalten, das nicht diesen Erwartungen entspricht, sanktioniert wird.
Obwohl die jungen Menschen im jugendkulturellen Bereich relativ häug von Dis-
kriminierungserfahrungen berichten, wird in den Interviews deutlich, dass sie hier
dennoch auch Gestaltungsspielräume wahrnehmen. Viele verbringen ihre Freizeit,
44
soweit möglich, an Orten, an denen eine vielfaltakzeptierende Einstellung selbst-
verständlich ist.
„Auf den Partys, wo ich bis jetzt war, waren halt auch nur Menschen, die das
akzeptieren.“ (Tina, 16 Jahre, genderuid, bisexuell)
Dabei wird vielfach deutlich, dass queere Orte und Veranstaltungen als „safe spaces“
angesehen werden, an denen ihre sexuelle und/oder geschlechtliche Lebensweise
nicht das „Andere/Abweichende“ ist.
„… wenn ich auf diesem Straßenfest [Anm.: queeres Fest] z. B. unterwegs bin,
muss ich mir eben keine Gedanken machen, wer ist jetzt da grad in der Nähe …
halte ich jetzt Händchen, kann ich ihm jetzt ein Küsschen geben oder nicht, wo
ich halt einfach das ablegen kann, diese Bedenken, die man immer im Hinter-
kopf hat.“ (Anton, 22 Jahre, cis-männlich, schwul)
Zusammenfassend zeigt sich, dass insbesondere in Discos, Clubs und auf Partyver-
anstaltungen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt kaum Thema sind. Dies sind viel-
mehr die Bereiche, an denen die Jugendlichen am wenigsten positive Erfahrungen,
aber viel Diskriminierung beschreiben. Nach dem öffentlichen Raum erleben die
Jugendliche an diesen Orten am wenigsten Teilhabe. Kulinarische sowie Orte der
darstellenden Kunst liegen im Mittelfeld der untersuchten Freizeitorte.
45
Öffentlicher Raum–
häug ein schwieriger
Ort
Ein weiterer Ort, an dem lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Ju-
gendliche – wie alle anderen Jugendlichen auch – oft ihre Freizeit verbringen, ist
der öffentliche Raum. 70,5 % der befragten Teilnehmer_innen nutzen diesen in
unterschiedlichen öffentlichen Bereichen zur Freizeitgestaltung (Abb. 11).
Abb. 11: Wenn du deine Freizeit draußen verbringst, wo bist du dann?
(N = 1.206)
Quelle: DJI-Studie
Queere Freizeit
2018 (Mehrfachantworten waren möglich)
Als andere Orte nannten die Jugendlichen z. B. Garten, Unicampus, Hundewiese,
Friedhof, Bushaltestelle oder Hafen. Auf die Frage, wie häug sie ihre freie Zeit im
öffentlichen Raum verbringen, gab knapp die Hälfte der Jugendlichen an, mehr-
mals pro Woche ihre freie Zeit draußen zu verbringen (48,0 %), knapp ein Viertel
ist etwa einmal pro Woche dort in der Freizeit unterwegs (23,9 %). Jugendliche, die
in ländlichen Regionen leben, geben häuger an, ihre freie Zeit jeden Tag draußen
zu verbringen als ihre Peers in urbanen Gegenden. Möglicherweise liegt das daran,
dass Strukturen, die sonst in der Freizeit genutzt werden könnten, in ländlichen
Regionen weniger vorhanden bzw. schlechter zu erreichen sind.
Insgesamt zeigt sich, dass die Freizeitgestaltung im öffentlichen Raum ein hohes
Maß an Diskriminierungspotential beinhaltet. 84,1 % der lesbischen, schwulen, bi-
Andere Orte
Sportplatz, Skatepark, Bolzplatz
Straße, Bahnhof, Unterführung, Parkplatz
Spielplatz, Park
Fußgängerzone, Einkaufszentrum, Stadt
In der Natur
6,8%
19,3%
29,3%
56,1%
70,4%
77,2%
8.
46
sexuellen und orientierungs*diversen Jugendlichen berichten, hier Diskriminierung
aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erlebt zu haben. Noch häuger machen
trans* und gender*diverse Jugendliche hier diskriminierende Erfahrungen (93,9 %).
Ein Drittel (33,1 %) der nicht-heterosexuellen Jugendlichen wurde wegen ihrer se-
xuellen Orientierung beleidigt, beschimpft oder lächerlich gemacht, mehr als der
Hälfte der trans* und gender*diversen Jugendlichen ist dies aufgrund ihrer ge-
schlechtlichen Zugehörigkeit passiert (55,1 %). Neben LSBTIQ* feindlichen Wit-
zen und Schimpfwörtern (bezogen auf die sexuelle Orientierung 70,2 %, bezogen
auf die geschlechtliche Zugehörigkeit 75,8 %) fällt hier insbesondere ins Auge, dass
die Jugendlichen berichten, angestarrt oder beobachten zu werden. Aufgrund ihrer
sexuellen Orientierung erleben das 58,7 %, wegen ihrer geschlechtlichen Zugehö-
rigkeit 79,8 % der Jugendlichen. 18,5 % der lesbischen, schwulen, bisexuellen und
orientierungs*diversen Jugendlichen berichten, dass sie aufgrund ihrer sexuellen
Orientierung sexuelle Beleidigung oder Belästigung im öffentlichen Raum erlebt
haben. Bei den trans* und gender*diversen Jugendlichen trifft dies auf 26,3 % zu.
Auch die Androhung von Gewalt (aufgrund der sexuellen Orientierung 11,9 %, der
geschlechtlichen Zugehörigkeit 21,4 %) sowie körperliche Übergriffe (aufgrund der
sexuellen Orientierung 6,9 %, der geschlechtlichen Zugehörigkeit 11,9 %) nden im
öffentlichen Raum statt.
Diese Daten bestätigen die Hinweise, die sich bezogen auf Diskriminierungs-
erfahrungen im öffentlichen Raum in der Studie Coming-out – und dann …?! ange-
deutet haben. Nach dem Internet ist der öffentliche Raum für trans* und gen-
der*diverse Jugendliche der Bereich, an dem sie am häugsten Diskriminierung
erfahren. Für lesbische, schwule, bisexuelle und orientierungs*diverse Jugendliche
ist es der dritthäugste Bereich nach dem Internet und (jugend)kulturellen Orten
wie Discos, Clubs oder Partyveranstaltungen. Während sich die Jugendlichen dis-
tanzieren können, wenn im Internet oder auf Partys Diskriminierung stattndet
bzw. befürchtet wird, ist ein solcher Rückzug vom öffentlichen Bereich so gut wie
nicht möglich. Sie müssen sich hier aufhalten, um sich z. B. von A nach B zu bewe-
gen oder Dinge des täglichen Lebens zu erledigen.
In den Interviews haben viele junge Menschen von konkreten diskriminierenden
Erfahrungen in der Öffentlichkeit berichtet. Dabei ist zu betonen, dass sie häug
von ihnen unbekannten Personen beleidigt oder bedrängt werden:
„Da war ich mit einer Freundin, stand ich halt an der Ampel. … Und dann – ja,
dann kam irgendwie auch so ein Typ und so und hat uns gefragt, ob wir Transen
sind und dass wir mal unsere Penisse herzeigen sollen und so einen Scheiß. Ja.“
(Annabell, 20 Jahre, trans* weiblich, pansexuell)
Neben beleidigenden bis hin zu gefährlichen Situationen gibt es viele Berichte über
„Angestarrt-werden“. Hierbei scheint es für die Jugendlichen außer Frage zu sein,
47
dass der Grund in ihrer nicht-heterosexuellen Orientierung und/oder nicht-cis-
geschlechtlichen Zugehörigkeit liegt:
„… das ist manchmal schon unangenehm, da hat man auch das Gefühl, die
Menschen, die mich da grad anschauen, die sind da sehr – also nicht wohlwol-
lend. … dass man immer Aufmerksamkeit auf sich zieht …. In dem Moment,
wo man öffentlich zeigt, dass man schwul ist, schauen einen Leute an.“ (Anton,
22 Jahre, cis-männlich, schwul)
Es ist außerdem hervorzuheben, dass viele der Jugendlichen an öffentlichen Orten
grundsätzlich ein Gefühl der Angst beschreiben:
„Das war am Anfang sehr, sehr schwierig, man wusste auch nicht, wie man
damit umgehen soll. Man hat sich eigentlich ständig in Gefahr gefühlt.“ (Can,
19 Jahre, trans* männlich, heterosexuell)
Es wird deutlich, dass viele nicht-heterosexuelle und nicht-cisgeschlechtliche Ju-
gendliche diskriminierende Situationen in der Öffentlichkeit erleben und sie deswe-
gen verschiedene Strategien entwickeln, um handlungsfähig zu bleiben. Entweder
vermeiden sie Orte, an denen sie negative Erfahrungen erwarten, oder sie entwi-
ckeln Umgangsweisen:
„Mittlerweile ist das so, dass ich, wenn ich dumme Blicke kriege, dass ich zu-
rückstarre, die ganze Zeit, so. Danach gucken die eher weg. Oder ich einfach
frage, ist alles okay, geht’s dir gut, kann ich dir irgendwie helfen?“ (Can, 19 Jahre,
trans* männlich, heterosexuell)
Der öffentliche Raum ist der Bereich, an dem die Jugendlichen am häugsten Dis-
kriminierungserfahrungen machen und am seltensten Inklusion von sexueller und
geschlechtlicher Vielfalt stattndet. Alltägliche Situationen, über die heterosexu-
elle Menschen meist nicht weiter nachdenken müssen, wie z. B. als Paar in der Öf-
fentlichkeit Hand-in-Hand zu laufen, sich zu küssen oder so gekleidet, wie es der
eigenen geschlechtlichen Zugehörigkeit entspricht, auf die Straße zu gehen, sind
für nicht-heterosexuelle bzw. nicht-cisgeschlechtliche Personen nach wie vor weder
selbstverständlich noch unproblematisch bzw. ungefährlich. Die Jugendlichen ha-
ben hier das geringste Gefühl von Sicherheit und Akzeptanz und beschreiben selte-
ner das Gefühl, dass sie sich z. B. frei und selbstbestimmt bewegen können. Dies ist
insbesondere dahingehend problematisch, als dass sie sich dem öffentlichen Raum
im Alltag nicht entziehen können.
48
9. Umgangs- und Bewäl-
tigungsstrategien
Es wurde bisher gezeigt, welche Erfahrungen nicht-heterosexuelle und/oder nicht-cis-
geschlechtliche Jugendliche und junge Erwachsene in den Lebensbereichen Freizeit
und Sport machen. Dabei wurden insbesondere positive und negative Erfahrungen
in den Kontexten Internet, Sport, Jugendangebote, (jugend)kulturelle Angebote so-
wie der öffentliche Raum betrachtet. Es wurde dargelegt, dass auch im Bereich Frei-
zeit und Sport komplexe Herausforderungen aufgrund einer heteronormativen Ge-
schlechterordnung bestehen. Wie die empirischen Erkenntnisse dieser und anderer
Studien zeigen, erleben lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche
weiterhin eine gesellschaftliche Positionierung im „Außen/Anderen/Abweichen-
den“: Diskriminierungserfahrungen in nahezu allen Lebensbereichen aufgrund der
nicht-heterosexuellen und/oder nicht-cisgeschlechtlichen Zugehörigkeit sind häug.
In diesem Abschnitt werden nun die Umgangs- und Bewältigungsstrategien der
jungen Menschen in den Bereichen Freizeit und Sport veranschaulicht.
Queerer Informations- und Erfahrungs-
austausch
Viele lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche nutzen ihre Frei-
zeit für spezische Bedarfe und Interessen, die mit ihrer nicht-heterosexuellen und
nicht-cisgeschlechtlichen Lebensweise zusammenhängen. Eine elementare Strategie
der jungen Menschen ist dabei die Suche nach Informationen und der spezische Er-
fahrungstausch mit LSBTIQ* Peers. Informationen werden insbesondere zu Beginn
der Bewusstwerdung einer nicht-heterosexuellen oder nicht-cisgeschlechtlichen Zu-
gehörigkeit, d. h. häug im Alter zwischen etwa 11 und 18 Jahren, über bestimmte On-
line-Plattformen recherchiert. Für Menschen mit medizinischen und/oder rechtlichen
Transitionszielen ist zudem die einfache und schnelle Verfügbarkeit von Informatio-
nen über Rahmenbedingungen und Verfahren ein entscheidender Zugewinn, gerade
im Vergleich zu den Möglichkeiten der Informationsgewinnung vor dem Internet.
„Ja, also ich hab halt mich informiert, so medizinischer Weg, Namensänderung,
… da war ich dann bei solchen Plattformen. Und es gibt auch ziemlich viele Blogs,
glaub ich, von Transleuten, die halt auch so schreiben, wie ihr Weg war und so.
… das ist halt sehr ermutigend auch.“ ( Jasper, 19 Jahre, trans* männlich, queer)
49
Für lesbische, schwule, bisexuelle oder orientierungs*diverse Jugendliche geht es
online vielfach darum, sich mit anderen LSBTIQ* Peers zu vernetzen, oder auch
darum, jugendkulturelle Angebote wie z. B. Love-Storys auf YouTube-Kanälen zu
konsumieren. Der Erfahrungsaustausch ndet aber auch ofine statt. Hier kann es
z. B. darum gehen, wie man die Eltern über die LSBTIQ* Lebensweise informiert
oder wie Andere im schulischen oder beruichen Umfeld mit ihrer Zugehörigkeit
umgehen. Bei akuten Problemen kann es auch um Unterstützung gehen.
„Und dann ging das Martyrium los, dass ich da total ausgegrenzt wurde. Aber zu
der Zeit hatte ich ein lesbisch-schwules Jugendzentrum in einer Metropole gefun-
den und bin da regelmäßig hingegangen, deswegen gingen mir diese ganzen Aus-
grenzungen – also es war kein aktives Mobben, es war einfach nur – ich war un-
sichtbar und Luft für die. Und, ja, so. Und das war aber nicht so schlimm. … Und
sozusagen die ganze Zeit einfach nur im Internet gehangen hab und mich durch
die Jugendforen da, die LGBT Foren für Jugendliche da einfach ausgetauscht
habe und dadurch gelebt habe.“ (Jennifer, 23 Jahre, cis-weiblich, lesbisch)
Dabei sind die genutzten Orte und Plattformen nicht auf den deutschsprachigen Kon-
text begrenzt – viele der junge Menschen stehen gerade mit englischsprachigen Peers
im Austausch. Aus einer Perspektive, die nicht nur Diskriminierungserfahrungen und
Risiken in den Blick nimmt
19, sei hier betont, dass eine internationale Vernetzung so-
wie routinierte Englischfähigkeiten einen Ressourcengewinn darstellen. Insgesamt sorgt
also die Strategie des Informationserwerbs und Erfahrungsaustauschs zu LSBTIQ*
Themen dafür, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Handlungs- sowie An-
schlussoptionen vergrößern können und mehr Handlungssicherheit im Umgang mit
Herausforderungen aufgrund einer heteronormativen Geschlechterordnung erlangen.
Engagement
Vielfach führt die Teilnahme an queeren Kontexten in der Freizeit außerdem dazu,
dass lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche hier eine aktive
Rolle einnehmen und sich z. B. ehrenamtlich für Sichtbarkeits-, Beratungs- und Auf-
klärungsprojekte engagieren. Junge trans* Personen geben ihr erworbenes Wissen
z. B. in Bezug auf Rahmenbedingungen bei rechtlichen und/oder medizinischen
Transitionswünschen an andere trans* Jugendliche weiter.
19 Zunehmend wird bei der Diskussion zu nicht-heterosexuellen sowie nicht-cisgeschlechtlichen Lebensweisen auch eine Resilienzpers-
pektive eingenommen (vgl. z. B. Zeeman et al. 2016; Oldemeier 2017). Als resilient (vom engl. resilience) werden Personen bezeich-
net, die sich „trotz gravierender Belastungen oder widriger Lebensumstände psychisch gesund entwickeln“ (Fröhlich-Gildhoff / Rön-
nau-Böse 2014: Pos. 80). Dabei ist die „Resilienzforschung ressourcen- und nicht dezitorientiert ausgerichtet. Sie geht davon aus,
dass Menschen aktive Bewältiger und Mitgestalter ihres Lebens sind und durch soziale Unterstützung und Hilfestellung die Chance
haben, mit den gegebenen Situationen erfolgreich umzugehen und ihnen nicht nur hilos ausgeliefert zu sein“ (ebd.: Pos. 151).
50
„Und, ja, ich geb manchmal auch Beratungsgespräche von meiner Ärztin aus,
also auch Transbezogen. … meine Ärztin meint, das ist für Transleute halt wich-
tig, Austausch zu haben. … und jetzt verknüpft sie mich halt immer wieder mit
anderen Leuten, die grad auf dem Weg sind, dass ich denen Tipps gebe usw. …
Also ich nd’s schon gut, dass man mal zeigen kann, was man weiß und dass
man auch anderen Menschen helfen kann, also ich nd’s super.“ (Niklas, 23
Jahre, trans* männlich, keine Kategorisierung der sexuellen Orientierung)
Manche Jugendliche haben ein großes politisches Interesse und sind auch in diesem
Bereich tätig. Damit versuchen sie, aktiv auf die Öffnung der strukturellen hetero-
normativen Bedingungen einzuwirken.
„In dem einen hab ich halt eine politische Gruppe. Und wir planen halt so politische
Aktionen oder wenn wir geschlossen jetzt auf irgendwelche Demos gehen, aber ma-
chen halt auch so Soli-Veranstaltungen um uns zu nanzieren, z. B. halt auch grade
für LGBT Menschen und leisten hauptsächlich politische Arbeit an Schulen, sprich
Aufklärung über Rechtsruck, über LGBT.“ (Tina, 16 Jahre, genderuid, bisexuell)
Und wiederum engagieren sich andere Jugendliche in der Jugendarbeit, indem sie
z. B. Jugendgruppen leiten:
„Ich mach Jugendarbeit, seit ich 14 bin, 13, nicht 14. … und hab dann eine
Verantwortungsposition hier übernommen und hab dann die [Anm.: LSBTIQ*
spezische] Gruppe übernommen. Und dann bin ich eigentlich jeden Mittwoch
hier gewesen. Und dann hat das angefangen, dass sich besonders in den letzten
drei Jahren mein ganzes Freizeitverhalten – sich hier entwickelt und abgewickelt
hat.“ (David, 23 Jahre, cis-männlich, schwul)
Das teilweise ausgesprochen hohe Engagement ist zudem oft verknüpft mit beruf-
lichen Zukunftswünschen in diesen Bereichen. Manchen jungen LSBTIQ* Men-
schen gelingt es also, im Umgang mit den spezischen Herausforderungen Kom-
petenzen zu entwickeln und Ressourcen für Anerkennung zu generieren.
Schutzstrategien
Zentral sind allerdings auch zahlreiche Schutzstrategien als Reaktion auf die genann-
ten Bedingungen aufgrund einer nicht-heterosexuellen oder nicht-cisgeschlechtli-
chen Zugehörigkeit. Allen voran sind hier die Vermeidung von Situationen und
Beziehungen zu nennen, in denen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Dis-
kriminierungserfahrungen befürchten, darunter auch im Sport.
51
„… es gab auf jeden Fall Zeiten, da hab ich auf sehr viel verzichtet. Schwimmen
gehen z. B., das hab ich als Kind noch vor der Pubertät sehr gerne gemacht, aber
ab der Pubertät gar nicht mehr. … auf Kontakte, Sozialkontakte hab ich mich
auch, wie ich schon gesagt hab, absichtlich teilweise distanziert. Sonst auch weg-
gehen, weil das kam mir unangenehm irgendwie vor.“ (Niklas, 23 Jahre, trans*
männlich, keine Kategorisierung der sexuellen Orientierung)
Manche jungen Menschen verbringen ihre freie Zeit vorwiegend in privaten Kon-
texten. Zu nennen sind zunächst Tätigkeiten, die für „Zuhause“ charakteristisch
sind, wie z. B. Lesen und Konsolen-Spiele. Zudem bevorzugen viele der Jugend-
lichen Treffen „im kleinen Kreis“, wie z. B. für ein „gemeinsames Grillen“ oder
„Kochen“. Eine solche Konzentration auf private Orte kann eine Schutzstrategie
vor (weiteren) Diskriminierungserfahrungen darstellen. Sie meiden damit öffentli-
che jugendtypische Orte wie z. B. Partys. So gibt es Berichte über konkrete Verhal-
tensweisen an öffentlichen Orten, um bedrohliche Situationen zu verhindern.
„Da hab ich manchmal so eine Angst, dass ich dann abends, wenn ich nach
Hause gehe, mit meiner Freundin telefoniere oder mich in die Nähe vom Bus-
fahrer setze, weil manchmal sehr, sehr komische Sachen kommen. Sehr komi-
sche Sachen. … Ja. Also wir [Anm.: seine Freundin und Can] gehen nicht gerne
raus.“ (Can, 19 Jahre, trans* männlich, heterosexuell)
Deutungsstrategien
Und schließlich sind noch Deutungsstrategien zu nennen, mit denen junge lesbi-
sche, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche den gesellschaftlichen
Bedingungen einer heteronormativen, cisgeschlechtlichen Ordnung begegnen. In
selbstreexiven (Denk-)Prozessen analysieren sie diese Erfahrungen und Wahrneh-
mungen, die im Zusammenhang mit ihrer nicht-heterosexuellen Orientierung und/
oder geschlechtlichen Zugehörigkeit stehen. Auf diesem Weg erfolgt eine Entlas-
tung. Durch Deutungsstrategien der Differenzierung, Relativierung („war ja nicht
so gemeint“), Legitimierung („bei der älteren Generation ist das halt noch so“) und
Idealisierung („die machen das nicht absichtlich“) werden entsprechende Erfahrun-
gen verarbeitet und dadurch auch verstehbar.
„Ich hatte auch schon oft die Situation, dass ich das Gefühl hatte, dadurch,
dass ich mich jetzt gerade geoutet habe, haben die plötzlich einen persönlichen
Bezug dazu und sehen das plötzlich ganz anders, weil ganz oft hatte ich auch
die Situation: Was, du? Das dachte ich gar nicht! Und auch wieder nicht nega-
tiv, sondern so, aber dir merkt man das ja gar nicht an, weil eben doch noch
52
so Vorstellungen im Kopf drin sind, und der muss irgendwie nasal reden und
besonders weiblich sich verhalten, genau, dass man da einfach so ganz banale
Vorurteile, die in den Köpfen drin sind, auch oft ohne negativ gemeint zu sein
…“ (Anton, 22 Jahre, cis-männlich, schwul)
Der Spielraum in der Gestaltung der Freizeit ist größer als in anderen alltäglichen
Lebensbereichen wie z. B. Schule und Familie. Das zeigt sich auch bei der hier vor-
genommenen Betrachtung von Freizeit- und Sportwelten von lesbischen, schwulen,
bisexuellen, trans* und *diversen Jugendlichen. Vielfach steht bei den Jugendlichen
und jungen Erwachsenen dabei ihre nicht-heterosexuelle oder nicht-cisgeschlechtli-
che Zugehörigkeit im Vordergrund. Sie bewegen sich in ihrer Freizeit überwiegend
an Orten, wo sexuelle und geschlechtliche Vielfalt implizit (z. B. links-alternative
politische Szenen) oder explizit (z. B. queere Angebote für Jugendliche) Bestandteil
ist. Bei anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt ihre nicht-hetero-
sexuelle oder nicht-cisgeschlechtliche Zugehörigkeit nur eine untergeordnete Rolle
bei ihrer Freizeitgestaltung. Dabei legen sie dennoch Wert auf grundsätzlich diver-
sitätsakzeptierende Haltungen.
53
Fazit: Ambivalenz
als alltägliche Erfah-
rung von lesbischen,
schwulen, bisexuellen,
trans* und *diversen
Jugendlichen
Die Erkenntnisse aus der vorgestellten Studie Queere Freizeit veranschaulichen, dass
lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche in ihrer Freizeit häu-
g parallel sowohl negative als auch positive Erfahrungen machen. Findet an den
unterschiedlichen Orten Exklusion durch homo-, bi- oder trans*negative Anfein-
dungen statt, erleben die Jugendlichen dort zugleich – oft in räumlicher wie zeitli-
cher Nähe – auch auf verschiedene Art und Weise Inklusion.
Mit Blick auf die Diskriminierungserfahrungen wird deutlich, dass diese zum Teil
sehr häug passieren, in den abgefragten Bereichen unterschiedlich stark ausge-
prägt sind und zudem öfter aufgrund der geschlechtlichen Zugehörigkeit als auf-
grund der sexuellen Orientierung auftreten. Im Internet, in Discos/Clubs/Party-
veranstaltungen sowie im öffentlichen Raum nden diskriminierende Ereignisse am
häugsten statt. In jugendspezischen Angeboten und beim Sport waren diese am
seltensten. Die mit Abstand am meisten genannten Diskriminierungen sind, dass
LSBTQ* feindliche Witze gemacht oder Schimpfwörter verwendet werden. Oft
erleben die Jugendlichen auch, dass ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche
Zugehörigkeit auf der einen Seite nicht ernst genommen, auf der anderen wiede-
rum überbetont wird oder dass sie deswegen angestarrt oder beobachtet werden.
Beleidigungen, Beschimpfungen, Ausgrenzung oder sexuelle Belästigung erfahren
die Jugendlichen im Vergleich etwas seltener. Allerdings werden nicht wenige – hier
jedoch auch wieder proportional häuger trans* und gender*diverse Jugendliche –
aufgefordert, sich so zu verhalten, dass nicht auffällt, dass sie lesbisch, schwul, bi-
sexuell, trans* oder *divers sind, teilweise dürfen sie bestimmte Räume oder Orte
nicht nutzen. Auch die Androhung von Gewalt sowie körperliche Angriffe sind
Erfahrungen eines Teils der Jugendlichen. Es kommt also in allen Freizeitbereichen
in unterschiedlichen Formen zu Exklusion aufgrund der sexuellen Orientierung
oder geschlechtlichen Zugehörigkeit.
10.
54
Gleichzeitig machen die Jugendlichen in den selben Kontexten die Erfahrung der In-
klusion von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Analog zu den höheren Diskriminie-
rungserfahrungen beschreiben hier trans* und gender*diverse Jugendliche wiederum
weniger positive Erfahrungen als die lesbischen, schwulen, bisexuellen und orientie-
rungs*diverse Jugendlichen. In queeren Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit erle-
ben die Jugendlichen am meisten Inklusion. Es fällt auf, dass auch queere Jugendgrup-
pen oder Jugendzentren nicht für alle Besucher_innen diskriminierungsfreie Räume
sind. Sport war für lesbische, schwule, bisexuelle und orientierungs*diverse Jugendliche
ebenfalls ein Bereich, dem sie ein hohes Maß an Inklusion bescheinigen, dem Internet
weniger. Für trans* und gender*diverse Jugendliche gilt umgekehrt, dass das Internet
ein hohes Inklusionspotential bietet, Sport ein geringeres. Der öffentliche Raum und
Freizeitbereiche wie Discos, Clubs oder Partyveranstaltungen sind die Orte, an denen
am wenigsten Inklusion von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt stattndet.
Als Dimensionen von Inklusion haben die Jugendlichen am häugsten das Gefühl,
dass sie die gleichen Rechte haben, wie die anderen Menschen auch und dass sie als
die Person akzeptiert werden, die sie sind. Etwas seltener erleben sie, dass sie sich
frei und selbstbestimmt bewegen können, dass sie sich sicher und gut aufgehoben
fühlen und dazugehören. Den Eindruck, sich wegen ihrer sexuellen Orientierung
oder geschlechtlichen Zugehörigkeit nicht verstellen und auf nichts verzichten zu
müssen sowie das Gefühl, dass das Thema sexuelle Orientierung oder geschlechtli-
che Zugehörigkeit so angesprochen wird, dass es für die Jugendlichen angemessen
ist, haben wiederum etwas weniger Jugendliche. Das Schließen von Freundschaften
spielt im Kontext von Inklusion insgesamt eine geringere Rolle und wird abhängig
von verschiedenen Freizeitangeboten und damit verknüpften Erwartungen an den
Aufbau von Freundschaftsbeziehungen unterschiedlich eingeschätzt.
Lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und *diverse Jugendliche benden sich somit
in einem Spannungsfeld: Freizeitbereiche, in denen sie an vielen Stellen Inklusion
erleben, sind gleichzeitig Bereiche, an denen sie punktuelle Erfahrungen von Dis-
kriminierung machen. Sie leben letztendlich in einer alltäglichen Ambivalenz
20, die
auf der einen Seite auf dem (Erfahrungs-)Wissen beruht, dass eine nicht-heterose-
xuelle oder nicht-cisgeschlechtliche Lebensweise Konsequenzen in Form von Dis-
kriminierung und damit Exklusion zur Folge hat bzw. haben kann. Auf der anderen
Seite trägt eine in den letzten Jahrzehnten gewachsene rechtliche wie gesellschaft-
liche Veränderung in unterschiedlich hohem Maße zu einem Gefühl der „Norma-
lisierung“ bei, wodurch ein positiver Umgang mit sexueller und geschlechtlicher
Vielfalt möglich ist bzw. wird. Das Umgehen mit dieser Ambivalenz wird durch die
beschriebenen Strategien möglich, die Jugendliche entwickeln, um handlungsfähig
zu bleiben und tägliche Herausforderung zu bestehen.
20 In modernisierungstheoretischen Diskursen ist Ambivalenz zentral für die soziologische Charakterisierung gesellschaftlicher Entwick-
lungen: „Ambivalenz ist das Strukturmerkmal von Modernisierung schlechthin und steht für die Zwei-, ja Mehrdeutigkeit von Moderni-
sierungsprozessen“ (Degele/Dries 2005: 30).
55
Handlungsbedarfe
Nicht-heterosexuelle und nicht-cisgeschlechtliche Jugendliche erleben Freizeit und
Sport als widersprüchliche Lebenswelten. Einerseits nden sie dort soziale Zuge-
hörigkeit und Unterstützung, andererseits erfahren sie dort Ausschluss, Mobbing
und andere Formen von Diskriminierung. Sie nutzen in ihrer Freizeit sowohl Sport-
und Freizeitangebote, die sich an alle Jugendlichen richten, als auch solche, die sich
gezielt an LSBTIQ* Menschen wenden. Für erstere gilt es, sich im Rahmen von di-
versitätssensiblen Öffnungsprozessen auf junge nicht-heterosexuelle und nicht-cis-
geschlechtliche Nutzer_innen einzustellen. Für letztere gilt es, weiterhin spezi-
sche Funktionen zu erfüllen, etwa als „geschützte Räume“ für jüngere LSBTIQ*
Jugendliche oder als Orte von qualizierter Beratung und Information zu Fragen
z. B. des inneren oder äußeren Coming-outs. Nicht nur aufgrund der geringeren
Verfügbarkeit von queeren Jugendangeboten braucht es aus Sicht der Jugendlichen
beide Angebotsformen.
Welche Herausforderungen und Entwicklungsbedarfe für die Ausgestaltung von
Freizeit- und Sportangeboten und die dahinterliegenden Strukturen (der Kinder- und
Jugendhilfe aber auch von Vereinen und privatwirtschaftlichen Anbietern) lassen
sich aus diesen Erkenntnissen ableiten? Welche Strategien können Exklusions-
risiken für LSBTIQ* Jugendliche in Freizeit und Sport verringern und Inklusions-
chancen erhöhen?
Konzeptionelle Ausrichtung von
Angeboten: Offenheit signalisieren
und Diskriminierung begegnen
Ein erster Handlungsbedarf auf der Ebene der konzeptionellen Ausrichtung be-
zieht sich auf die Haltung und das Selbstverständnis von Einrichtungen und Trä-
gern. Damit LSBTIQ* Jugendliche sich in einem Angebot willkommen fühlen, be-
darf es einer erkennbar offenen Haltung der Einrichtung zu Fragen sexueller und
geschlechtlicher Vielfalt. Hilfreich sind Satzungen, Verhaltenskodizes oder Richt-
linien, die auf einen wertschätzenden und diskriminierungsfreien Umgang unter
Fachkräften, Ehrenamtlichen und Jugendlichen abzielen. Solche Selbstverpich-
tungen können sich auf das Thema Vielfalt insgesamt beziehen – und damit die
verschiedenen Ebenen möglicher Ungleichheiten wie Religion, Migration, sexuelle
Orientierung, geschlechtliche Zugehörigkeit oder Behinderung einbeziehen – oder
11.
56
spezische Aspekte von Vielfalt hervorheben. Programme wie „Schulen ohne Ras-
sismus“, „Schulen gegen Homophobie“ oder das Label „Offen für alle“ in der
Jugendarbeit bieten sich als Anregung oder Vorlage an.
Selbstverpichtungen benennen das Recht auf Teilhabe für alle Jugendlichen, ma-
chen eine offene Haltung bezüglich der Themen sexuelle Orientierung und ge-
schlechtlicher Zugehörigkeit deutlich, sorgen für Sichtbarkeit von sexueller und
geschlechtlicher Vielfalt und etablieren Verhaltensrichtlinien sowie Verfahrenswei-
sen für den sozialen Umgang. Hierzu gehören klare Antidiskriminierungsregeln:
Eine „Kultur des Hinsehens“ und konsequentes Einschreiten bei stattndenden
Diskriminierungen. Mit solchen Strategien soll eine Atmosphäre des gegenseitigen
Respekts geschaffen und die Aufmerksamkeit gegenüber Diskriminierung erhöht
werden. Auch in sogenannten queeren Jugendangeboten bedarf es Prozessen einer
Reexion, ob das Thema geschlechtliche Zugehörigkeit dort präsent ist und auch
trans* und gender*diverse Jugendliche willkommen sind. In diesem Sinne angesto-
ßene Wege können als Öffnungsprozesse im Sinne einer diversitätssensiblen Orga-
nisationsentwicklung verstanden werden.
Zugänge erleichtern, Barrieren abbauen
Damit LSBTIQ* Jugendliche Sport- und Freizeitangebote nutzen, müssen diese
als diversitätssensibel erkennbar sein, niedrigschwellige Zugänge bieten und Zu-
gangsbarrieren vermeiden. Bei Sport- und Freizeitangeboten, die sich an alle Ju-
gendlichen richten, besteht für LSBTIQ* Jugendliche oftmals eine Unsicherheit
bezüglich der Akzeptanz gegenüber sexueller und geschlechtlicher Vielfalt bei den
Fachkräften wie den anderen jugendlichen Besucher_innen. Hier gilt es, die Hal-
tung über gezielte Öffentlichkeitsarbeit sichtbar zu machen (z. B. über Label, Pla-
kate, Flyer oder Aufkleber an Eingangstüren bzw. in Eingangsbereichen). Bei An-
geboten, die sich dezidiert an junge Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, inter* und
queere Jugendliche richten, besteht eine mögliche Hürde in der mit dem Besuch
verbundenen Sichtbarkeit bzw. „Positionierung“ als zur Gruppe der LSBTIQ* Ju-
gendlichen zugehörig. Niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten (z. B. Kontaktauf-
nahme über Mail oder Telefon oder Begleitung durch heterosexuelle Freund_innen
oder andere Vertrauenspersonen beim ersten Besuch) können mögliche Barrieren
abbauen. Auch die geringe Verfügbarkeit bzw. schwierige räumliche Erreichbarkeit
von queeren Freizeit- und Sportangeboten stellen Hindernisse für die Nutzung
dar. Umso wichtiger ist es, dass sich allgemeine Angebote gegenüber sexueller und
geschlechtlicher Vielfalt öffnen, damit diese von allen Jugendlichen genutzt werden
können.
57
Aus-, Fort- und Weiterbildung: Wissen
vermitteln, Qualizierung anbieten
Haupt- und ehrenamtliche Fachkräfte, die in Freizeit- und Sportangeboten mit
Jugendlichen z. B. als Sozialpädagog_in, Trainer_in, Kurs-/Gruppenleiter_in oder
Erzieher_in arbeiten, arbeiten immer auch mit nicht-heterosexuellen und nicht-cis-
geschlechtlichen Jugendlichen. Vielen ist dies jedoch nicht bewusst und sie richten
ihr Handeln, sei es implizit oder explizit, an heterosexuellen, cisgeschlechtlichen Ju-
gendlichen aus. Begleitend zu Prozessen der Organisationsentwicklung sind damit
auch Prozesse der Sensibilisierung und Personalentwicklung als institutionenbezo-
gene Handlungsbedarfe zu nennen.
Um Kompetenzen im Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt unter
Fachkräften zu entwickeln, braucht es Angebote zur Aus- und Fortbildung. Über
Wissensvermittlung und Aufklärung können Unsicherheiten abgebaut, Falschan-
nahmen und Vorurteile verringert, Problembewusstsein und Sensibilisierung ge-
stärkt und Reexionsprozesse initiiert werden. Haupt- und Ehrenamtliche werden
qualiziert, Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung oder geschlecht-
licher Zugehörigkeit zu erkennen, zu thematisieren und zu begegnen. Reexions-
prozesse können helfen, eventuelle eigene Vorurteile und homo- und trans* feind-
liche Einstellungen zu erkennen und zu bearbeiten. Als Strategien bieten sich
Workshops und Fortbildungen an, die Beteiligung von LSBTQ* Aufklärungspro-
jekten (wie sie an Schulen bereits vielfach etabliert sind) oder die Veranstaltung
von Informationstagen oder -kampagnen. Die systematische Implementierung des
Themas sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sowohl in Qualizierungsangebote im
Kontext der Jugendarbeit (z. B. im Rahmen der Juleica-Ausbildung oder beim Er-
werb von Trainerlizenzen) als auch in Lehrpläne von pädagogischen Studiengängen
und beruichen Ausbildungen würde eine ächendeckende thematische Grundbil-
dung sicherstellen.
Besondere Bedingungen im Sport
Für viele Jugendliche ist Sport ein wesentlicher Teil ihrer Freizeit, er übernimmt
sozialisatorische und gesundheitliche Funktionen und gerade Sportvereine stellen
wichtige soziale Orte von Eingebundenheit und Unterstützung dar. Während bei
privatwirtschaftlichen Sportschulen und Fitnessstudios besonders in städtischen
Kontexten oft Auswahlmöglichkeiten bestehen, existieren zu Sportvereinen (ge-
rade auf dem Land) häug weniger bzw. kaum Alternativen.
58
Sportangebote im Breiten- wie im Wettkampfsport sind vielfach durch eine strikte
Zwei-Geschlechter-Ordnung geprägt. Nicht-binäre Zugehörigkeiten junger Men-
schen stellen den Sport somit vor grundlegende Herausforderungen. Unmittelbar
sichtbar werden diese etwa bei Fragen nach der Nutzung von Umkleiden und der
Zugehörigkeiten zu Frauen- und Männer- bzw. Mädchen- und Jungenteams. Be-
sonders für trans* und gender*diverse Jugendliche kommt die bisherige Einteilung
nach Mädchen und Jungen an ihre Grenzen. Diese Jugendlichen nden sich in
den etablierten Geschlechterkategorien nicht oder nur mit Einschränkungen wie-
der. Nicht zuletzt das Urteil des Bundesgerichtshofs zum ‚Dritten Geschlecht‘ wird
neue Diskussionen um sexuelle Vielfalt im Sport anregen.
Handlungsbedarfe beziehen sich damit insbesondere auf die Ebene der Sportver-
bände. Hier gilt es, die vorhandenen Strukturen darauf zu überprüfen, wo an den
beiden Geschlechtern orientierte Normierungstendenzen zu Exklusionsprozessen
von LSBTIQ* Jugendlichen führen und wo Chancen für Öffnungsprozesse hin zu
einem exibleren Umgang mit binären Ordnungen möglich sind. Sportangebote
ohne Wettkampfbetrieb, die nicht auf eine Geschlechterzuordnung angewiesen
sind (wie Fitnessstudios, Sportschulen, Breitensportabteilungen von Sportvereinen)
können ihre Position dahingehend nutzen, sich z. B. in ihrer medialen Selbstdar-
stellung und Öffentlichkeitsarbeit positiv auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt
zu beziehen und sich damit LSBTIQ* Jugendlichen als attraktive Orte sportlicher
Aktivität anzubieten.
Öffentlichkeit sensibilisieren
Ebenso wie die Institutionen der Jugendarbeit sowie die dort Arbeitenden, braucht
auch die Gesellschaft im Sinne der allgemeinen Öffentlichkeit aller Bürger_innen
Informationen darüber, wie Lebenssituationen von LSBTIQ* Jugendlichen (und
Erwachsenen) aussehen, an welchen Stellen sie in unserer Gesellschaft auf offene
Türen und wo auf Barrieren der sozialen Teilhabe stoßen.
Aufklärung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und die Sichtbarkeit von di-
versen Lebensformen helfen, Ressentiments zu begegnen und Klischees zu relati-
vieren. Öffentliche Kampagnen, Plakate, Aufkleber und Videoformate als Signale
der Öffnung, realistische Darstellungen in den Medien und Antidiskriminierungs-
arbeit tragen zur Sensibilisierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen bei. Ein of-
fenes gesellschaftliches Klima ermöglicht, dass nicht-heterosexuelle und nicht-cis-
geschlechtliche Menschen im Alltag präsenter werden. Dies unterstützt wiederum
den Abbau von Ängsten und Vorurteilen, wodurch entsprechende Lebensweisen
entdramatisiert und schlussendlich selbstverständlich werden können.
59
Solange dies jedoch nicht erreicht ist und nach wie vor homo- und trans*feindliche
Ereignisse in der Öffentlichkeit (z. B. in Bussen und Bahnen oder auf öffentlichen
Plätzen und Straßen) stattnden, stellt sich die Frage, wie der Schutz von nicht-he-
terosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Jugendlichen im öffentlichen Raum ge-
währleistet werden kann. Öffentliche Räume sind als Ort für Mobilität, Konsum
und Freizeit unvermeidlicher Teil des Alltags von Jugendlichen. Die Bereitstellung
von Schutz- und Hilfsangeboten im Fall von verbalen oder körperlichen Belästi-
gungen oder Angriffen gegenüber LSBTIQ* Jugendlichen (z. B. Notfall-Telefon-
nummern, Ansprechbarkeit von Taxi-, Bus- und Bahnfahrer_innen, Ansprechper-
sonen bei der Polizei) kann hier einen wichtigen Beitrag liefern.
Ganz grundsätzlich stellen persönliche Kontakte und Gelegenheiten zur Ausei-
nandersetzung wichtige Strategien dar, mögliche Vorbehalte und Ressentiments
abzubauen. Begegnungen unter Jugendlichen unterschiedlicher sexueller Orientie-
rungen und geschlechtlicher Zugehörigkeiten (z. B. über Begegnungen zwischen
Sportvereinen oder Jugendgruppen mit und ohne LSBTIQ* Bezug) wie auch Be-
gegnungen zwischen LSBTIQ* Jugendlichen und als Gruppenleiter_innen, Trai-
ner_innen, Sozialpädagog_innen, Erzieher_innen oder in der Kultur oder Gastro-
nomie arbeitenden Personen können so strukturelle wie personale Diskriminierung
aufgrund einer nicht-heterosexuellen Orientierung oder nicht-cisgeschlechtlichen
Identität verringern und soziale Teilhabe befördern.
Übergriffen und Anfeindungen im
Internet keine Plattform bieten
Sogenannte Hassreden (Hate Speech), (Cyber)Mobbing und Diskriminierung sind
im Internet weitverbreitete Phänomene, von denen auch LSBTIQ* Jugendliche
betroffen sind. Hier gilt es, Bemühungen von Anbietern und Providern zu inten-
sivieren, um Menschen, die Angriffen ausgesetzt sind, besser zu schützen. Grund-
legend dafür ist, dass im Rahmen der Nutzungsbedingungen bzw. Netiquette
schriftlich festgehalten wird, dass homo-, bi- und trans*feindliche Anfeindungen
ebenso verfolgt und geahndet werden, wie beispielsweise rassistische, antisemiti-
sche oder sexistische Aussagen. Diese grundlegende Haltung sollte auch mit Blick
auf Onlinespiele gelten, wo nach wie vor teilweise ein sexistisches, frauen- und
LSBTIQ* feindliches Klima herrscht. Ausgehend von einer antidiskriminierenden
Grundhaltung sollten niedrigschwellige Meldesysteme die Möglichkeit bieten, auf
einfachem Weg diskriminierende Kommentare, Tweets oder Posts an die Betrei-
ber der genutzten Plattform zu melden, damit zeitnah eine Intervention wie die
Sperrung des Accounts, von dem die Übergriffe ausgehen, erfolgt. Ziel muss es
60
sein, Menschen, die von Hassreden, Mobbing oder Diskriminierung betroffen sind,
schnell und effektiv vor diesen Übergriffen zu schützen, ohne dass sie sich gezwun-
gen sehen, ihren eigenen Account aufzugeben und die Plattform zu verlassen. Es
müssen vielmehr diejenigen ausgeschlossen werden, die Hass verbreiten, andere
beleidigen, stigmatisieren oder bedrohen. Perspektivisch bedarf es hierzu eines ge-
nerellen Wandels der „Gesprächskultur“, die vielfach online praktiziert wird. Mit
Blick gerade auf Jugendliche müssen sich insbesondere Lehrer_innen und Sozial-
pädagog_innen, schlussendlich jedoch alle diejenigen, die mit Kindern und Jugend-
lichen im schulischen Kontext oder Freizeitbereich arbeiten, damit befassen, dass
Mobbing und Diskriminierung heutzutage nicht mehr mit Verlassen der Schule
oder der Freizeiteinrichtung endet, sondern über soziale Medien fortgeführt wer-
den kann, auch wenn sich die Jugendlichen nicht in räumlicher Nähe zueinander
benden. Hate Speech, (Cyber)Mobbing und Diskriminierung als Thema aufzu-
greifen und zu benennen, das Wissen darüber und den Umgang damit in den päda-
gogischen Alltag einzubauen und gemeinsam mit den Jugendlichen zu reektieren,
bietet neben der Diskussion und Wissensvermittlung auch die Chance, dass sich
Jugendliche, die entsprechende Erfahrungen machen, an eine erwachsene Person
im Umfeld wenden könne, wenn sie Unterstützung benötigen.
61
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13. Anhang
Fragen in der Online-Erhebung zu positiven Erfahrungen an unterschiedlichen
Orten der Freizeitgestaltung:
Ich wurde dort als die Person, die ich bin, akzeptiert
Ich hatte dort die gleichen Rechte, wie andere Menschen auch
Ich habe dazugehört, wie die anderen auch
Ich habe mich dort gut aufgehoben gefühlt
Ich musste mich dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlecht-
lichen Zugehörigkeit nicht verstellen
Meine sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Zugehörigkeit wurde dort
so thematisiert, dass es für mich ok war
Ich musste wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zugehö-
rigkeit dort auf nichts verzichten
Ich konnte mich dort frei und selbstbestimmt bewegen
Ich habe mich dort sicher gefühlt
Ich habe dort Freund_innen gefunden
Fragen in der Online-Erhebung zu negativen Erfahrungen an unterschiedlichen
Orten der Freizeitgestaltung:
Es wurden dort „Witze“ über LSBTIQ* gemacht
Wörter wie „schwul“, „Kampflesbe“, „Transe“ oder „Zwitter“ wurden dort
als Schimpfworte verwendet
Ich wurde dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit angestarrt oder beobachtet
Meine sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Zugehörigkeit wurde dort zu
stark betont (z. B. übertriebenes Interesse am Privatleben)
Meine sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Zugehörigkeit wurde dort nicht
ernst genommen, absichtlich ignoriert oder nicht mitgedacht
Ich wurde dort aufgefordert, mich so zu benehmen, dass nicht auffällt, dass ich
LSBTIQ* bin
Ich wurde dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit ausgeschlossen
Ich konnte/durfte dort bestimmte Orte oder Räume nicht nutzen bzw. musste
diese verlassen
Mir wurde dort ein Outing angedroht
Ich wurde dort gegen meinen Willen geoutet
Ich wurde dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit beleidigt, beschimpft, lächerlich gemacht
Mir wurde dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit Gewalt angedroht
65
Mir wurden dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit Sachen weggenommen oder zerstört
Ich wurde dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit sexuell beleidigt oder belästigt
Ich wurde dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Zu-
gehörigkeit körperlich angegriffen oder verprügelt
Zusätzliche Fragen für das Internet:
Ich wurde dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen
Zugehörigkeit über einen längeren Zeitraum geärgert, bedrängt, angegriffen
( Cybermobbing)
Jemand hat sich dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen
Zugehörigkeit als mich ausgegeben und falsche Behauptungen verbreitet
Jemand hat mich dort wegen meiner sexuellen Orientierung bzw. geschlechtli-
chen Zugehörigkeit verfolgt (Stalking)
Es wurden dort gegen meinen Willen über mich bzw. meine sexuelle Orientie-
rung bzw. geschlechtliche Zugehörigkeit Informationen, Bilder oder Videos ver-
breitet
66
14. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abbildung 1: Teilnehmer_innen der Online-Befragung nach Teilgruppen (N = 1.711) 12
Abbildung 2: Altersverteilung der Teilnehmer_innen (N = 1.711) 13
Abbildung 3: Bildungs- und Beschäftigungsstatus zum Zeitpunkt der Erhebung (N = 1.711) 14
Abbildung 4: Wo verbringen LSBTIQ* Jugendliche ihre Freizeit? (N = 1.711) 18
Abbildung 5: Mit wem verbringst du deine Freizeit? (in Abhängigkeit der Lebenssituation,
N = 963 –1.686) 19
Abbildung 6: Zusammensetzung des Freundeskreises (N = 1.691) 20
Abbildung 7: Ungefähre Zeitdauer der täglichen Beschäftigung im Internet (N = 1.668) 22
Abbildung 8: Wie oft machst du folgende Sachen online? (N = 1.711) 23
Abbildung 9: Gründe, weshalb Jugendliche keinen Sport machen 28
Abbildung 10: Genutzte Jugendgruppen, Angaben in absoluten Häugkeiten (N = 519) 36
Abbildung 11: Wenn du deine Freizeit draußen verbringst, wo bist du dann? (N = 1.206) 45
Tabelle 1: Kreuztabelle sexuelle Orientierung und geschlechtliche Zugehörigkeit 11
Tabelle 2: Samplebeschreibung Interviewpartner_innen 15
Tabelle 3: Von wem ging diese Diskriminierung aus? 31
Tabelle 4: Gründe der Nicht-Nutzung von Jugendzentren /Jugendgruppen 39
Tabelle 5: Gründe der Nicht-Nutzung (jugend)kultureller Orte 41
Tabelle 6: Diskriminierungserfahrungen in unterschiedlichen Bereichen 42
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... This has also been the case in Germany, which ranks 13th among the EU-27 plus UK countries in the most recent Rainbow Index of the International Lesbian and Gay Association (ILGA-Europe, 2021). However, there is only limited research on the situation of LGBTQ people in Germany (Groß & Niedenthal, 2021) and a dearth of research on LGBTQ athletes, potential homo-/ transnegativity in sports, and respective anti-discrimination sports policies in Germany (Krell & Oldemeier, 2018;Schweer, 2018). Against this backdrop, this chapter assesses the situation of LGBTQ athletes in sports in Germany and reflects on organised sports' LGBTQ-inclusion policies. ...
... The findings of this study of 1,700 members of 175 sports clubs showed that 19% of the membership thought that their club did not welcome homosexual athletes, and more than 30% expressed homonegative attitudes with regard to concrete interactions with homosexual athletes in their sports. The actual experiences of LGBTQ athletes in organised sports have been documented by a qualitative study (Böhlke & Müller, 2020), while a quantitative study by Krell and Oldemeier (2018) focused on the experiences of LGBTQ adolescents in leisure activities. ...
Chapter
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There is a scarcity of studies exploring LGBTQ people’s PAS participation and experiences. The objective of this chapter is to present the PAS panorama for LGBTQ people in Spain. To do so, in this chapter, we first introduce the Spanish legal framework and some initiatives and measures adopted to improve LGBTQ people’s inclusion and participation in PAS. Second, relevant Spanish studies on this topic are introduced to contextualise the situation of this population, and we finish off with some partial results of our current research and the future lines of actions necessary to promote their access and engagement in PAS.
... There is growing empirical evidence that LGBTQ+ people regularly experience discrimination and exclusion in sports (Denison, Bevan, & Jeanes, 2020;Kavoura & Kokkonen, 2020). However, there is a dearth of research on the situation of LGBTQ+ athletes in Germany (Krell & Oldemeier, 2018;Schweer, 2018). ...
... However, some empirical studies have identified equal or higher participation rates of LGBTQ+ individuals compared to their heterosexual and cisgender counterparts (Doull, Watson, Smith, Homma, & Saewyc, 2018;Elling & Janssens, 2009;Yoon & So, 2013). With regard to sports participation in Germany, Krell & Oldemeier (2018) identified a lower sports participation rate for LGBTQ+ persons aged 14-27 years compared to non-LGBTQ+ individuals, with transgender females having the lowest participation rate. ...
Article
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There is growing international evidence that lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, and sexually/gender diverse (LGBTQ+) people regularly experience discrimination in sports. However, there is a lack of empirical research with regard to the sports situation in Germany. Based on a quantitative survey of 858 self-identifying LGBTQ+ individuals, the present research is the first to provide a comprehensive picture of the experiences of LGBTQ+ people in sports in Germany. To add distinctive knowledge to the international research, this analysis considers differences within the group of LGBTQ+ people and between various sports settings (i.e., organizational framework, team vs individual sports, and performance level. Two research questions are addressed: (1) What micro- and meso-level factors affect the witnessing of homo-/transnegative language and the prevalence of homo-/transnegative incidents in respondents’ sports activities? (2) What micro- and meso-level factors affect respondents’ feelings of being offended by homo-/transnegative language and what behavioral consequences (i.e., refraining from specific sports and reactions to homo-/transnegative episodes) can be observed among different LGBTQ+ subgroups? The data reveal the impact of the sports context on the perception of homo-/transnegative language but not on negative experiences. Moreover, there is a higher prevalence of gay compared to lesbian athletes with regard to the perception of homo-/transnegative language in their sports and a higher prevalence of gay athletes and non-cisgender (transgender) athletes with regard to homo-/transnegative experiences in sport compared to lesbian and cisgender athletes. The empirical evidence confirms and deepens international findings. Moreover, the data assist the Sport Ministers Conference’s goal of increasing initiatives to tackle the exclusion and discrimination faced by LGBTQ+ people in sports.
... . The findings of this study of 1,700 members of 175 sports clubs showed that 19% of the membership thought that their club did not welcome homosexual athletes, and more than 30% expressed homonegative attitudes with regard to concrete interactions with homosexual athletes in their sports. The actual experiences of LGBTQ athletes in organised sports have been documented by a qualitative study (Böhlke & Müller, 2020), while a quantitative study by Krell and Oldemeier (2018) focused on the experiences of LGBTQ adolescents in leisure activities. ...
Chapter
Nach einem kurzen Abriss der wissenschaftlichen Grundlagen geschlechterbezogener und diversitätssensibler Jugendarbeit werden in dem Beitrag Handlungsempfehlungen formuliert, die vor allem Aspekte der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften sowie die Finanzierungsgrundlagen der Projekte und Initiativen betreffen. Anhand von Beispielen wird die Notwendigkeit einer verlässlichen strukturellen Verankerung von geschlechterbezogenen und diversitätssensiblen Projekten für Jugendliche illustriert.
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Mit welchen Schwierigkeiten sind trans* Personen konfrontiert, wenn sie sich outen? Dieser Frage gehen Tessa Ganserer und Kerstin Oldemeier in ihrem Beitrag nach. Ausgehend von Tessa Ganserers Erfahrungen wird gezeigt, dass Gerechtigkeitsforderungen für queere Lebensweisen weiterhin nötig sind. Ein Fokus liegt auf der psychopathologisierenden Konstruktion des Medizin- und Rechtssystems. Der Text schließt mit einer politischen und sozialwissenschaftlichen Einordnung über Versäumtes und Notwendiges.
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There is little empirical research on the sport experiences of gay and lesbian recreational athletes in Germany and their existence and needs within organized, non-professional sports have largely been ignored. Based on twelve in-depth interviews with self-identified male gay and female lesbian adults, this paper explores how queer recreational athletes experience sport in German sports clubs and which particular challenges or discriminatory situations they are confronted with. Findings show that study participants do not experience much discrimination on an explicit level in the sports clubs. Nevertheless, many respondents try to hide their sexuality in the sports context to prevent possible discrimination and questions about their sexuality. After all, it is mainly the discussion about and reduction of their sexuality that is being experienced as problematic. Five main stressors have been identified: (1) the necessity of an outing, (2) the sports club typical mode of communication, (3) the heteronormative pre-structuring of the sports, (4) the feeling of otherness and the assigned special role, (5) the implicit fear of discrimination. The findings point to the need for increased reflection on and reduction of heteronormative structures in German sports clubs.
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Zusammenfassung Dieser Artikel gibt Einblick in die Online-Studie Queeres Leben in Bayern. Neben lebensbereichs- und teilgruppenspezifischen Differenzen bei Diskriminierungserfahrungen werden auch regionale Unterschiede zwischen Bayerns ländlichen Gebieten und Ballungsräumen beleuchtet. Von wem, auf welche Art und an welchen Orten die Diskriminierungen erfahren werden, wird exemplarisch an den Lebensbereichen öffentlicher Raum, Gesundheitsversorgung sowie Schule und Beruf dargestellt. Bei der Betrachtung der Diskriminierungserfahrungen wird die Existenz besonders vulnerabler Teilgruppen deutlich – sowohl innerhalb der Gruppe queerer Teilnehmer*innen als auch aus einem intersektionalen Blickwinkel. Besonderes Augenmerk wird außerdem auf Konsequenzen von diskriminierenden Erfahrungen gelegt: Die Ergebnisse weisen auf eine geringe Inanspruchnahme von Beratungsangeboten und Anzeigenerstattung hin. Um die Erfahrungen queerer Menschen in Bayern nicht auf Diskriminierungen zu reduzieren, werden auch Befunde zu positiven Aussagen präsentiert, die mit der Nicht-Heterosexualität und/oder Nicht-Cisgeschlechtlichkeit in Zusammenhang stehen. Ein abschließendes Fazit diskutiert Besonderheiten der Erkenntnisse über die Erfahrungen queerer Menschen in Bayern.
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Zusammenfassung Kinder und Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung von der Mehrheit der Jugendlichen unterscheiden, gelten in den Sozialwissenschaften als vulnerable (verletzliche) Gruppe. Um diese Kinder und Jugendlichen adäquat zu schützen und in ihrer Entwicklung zu unterstützen, benötigen Fachkräfte spezifisches Wissen und pädagogisches Handwerkszeug. Dieser Beitrag regt zur Praxisreflexion an und gibt konkrete Handlungsempfehlungen für eine queer-inklusive pädagogische Praxis.
Chapter
Jugendliche wachsen in vielfältigen Lebenslagen auf. Mit dem Anspruch, diese empirisch so gut wie möglich und damit so differenziert wie nötig abzubilden, steht die u. a. erziehungswissenschaftliche Jugendforschung vor der Herausforderung, Stichproben und Zugänge, Instrumente und Inhalte auf diese Heterogenität abzustimmen. Anhand der Dimensionen der zu untersuchenden Zielgruppe und des thematischen Zuschnitts führen wir verschiedene Umgangsweisen mit gesellschaftlicher Diversität in der Jugendforschung aus. Die drei dargestellten Perspektiven auf ‘Jugend’ und ‘Diversität’ zeigen dabei unterschiedliche Verhältnisse zwischen diversitätsorientierter und allgemeiner Jugendforschung: von einer parallelen Existenz und Arbeitsteilung über eine gegenseitige Bezugnahme und Kontextualisierung bis zu einem immanenten Verhältnis. Am Beispiel eines empirischen Forschungsprojektes mit Jugendlichen mit Behinderungen werden diese konzeptionellen Überlegungen exemplarisch illustriert und in ihren Möglichkeiten und Grenzen diskutiert.
Chapter
Der Beitragstitel nimmt Bezug auf die Struktur von Jugendforschung, die sich zwischen Etabliertheit einerseits, neuen Anforderungen vor dem Hintergrund der Globalisierung und Transnationalisierung andererseits (neu) zu verorten hat. Ausgehend vom Entwicklungspfad der kulturanalytischen Jugendforschung – jenen des CCCS und des Essener Zentrums für Jugendforschung – werden neue Perspektiven, wie die Institutionalisierung der Jugendforschung, die Instrumentalisierung der Jugendlichen als Ergebnislieferanten in large-scale-assesments sowie die Pluralisierung und Diffundierung von Jugendstilen analysiert. Von hier aus werden Ausblicke auf Jugendforschung entwickelt, die auch die Relationalität von Jugend in den Blick nehmen, die sich als Konsequenz der aufgezeigten Entwicklungslinien ergeben.
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Zusammenfassung Der gesellschaftliche Blick auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt hat sich in den letzten Jahrzehnten verandert. Doch nach wie vor sind nicht-heterosexuelle und nicht-cisgeschlechtliche Lebensweisen in Deutschland keine Selbstverstandlichkeit. Das zeigt sich z. B. daran, dass in sozialwissenschaftlichen Jugendstudien lesbische, schwule, bisexuelle, trans und queere (LSBTQ-)Lebensweisen weiterhin kaum berucksichtigt werden. Die Folge ist ein Mangel an Erkenntnissen uber ihre Lebenssituation. Die Ergebnisse der bundesweiten Studie Coming- out – und dann …?! zeigen, welche Erfahrungen LSBTQ-Jugendliche bei ihrem inneren und auseren Coming-out in alltaglichen Lebensbereichen wie Familie, Bildungs und Arbeitsorten und dem Freundeskreis machen und welche Diskriminierungserfahrungen sie dort erleben. Auserdem wird deutlich, wie sie mit Herausforderungen und Problemen umgehen, die aufgrund einer heteronormativen Zwei-Geschlechter-Ordnung bestehen. Uber 5 000 lesbische, schwule, bisexuelle, trans und queere Jugendliche haben in einer Online-Befragung Auskunft uber ihre Erlebnisse gegeben. Auserdem wurden deutschlandweit 40 problemzentrierte Interviews mit LSBTQ-Jugendlichen gefuhrt, in denen sie von ihren Erfahrungen und Umgangsweisen berichtet haben. Der Beitrag gibt einen Uberblick uber zentrale Ergebnisse der Studie Coming-out – und dann …?! Schlusselworter: Diversitatssensible Jugendforschung, Gender Studies, Queer Studies, LSBTQ-Jugendliche, Coming-out, Diskriminierung ----- Summary I am what I am? – The experience of lesbian, gay, bisexual, trans and queer youth in Germany Social attitudes to sexual und gender diversity have changed in recent decades. Nevertheless, non-heterosexual and non-cisgender ways of life are still not normal. For example, empirical research on young people hardly takes account of lesbian, gay, bisexual, transgender and queer lifestyles. The consequence is a lack of knowledge about their lives. The results of the nationwide study Coming out – and then …?! show how young LGBTQ people experience the process of self-awareness and coming out. The study focuses on their daily lives in a family, educational and work context and amongst their peers and shows what kind of discrimination these adolescents face. It also reveals the challenges and problems they face living in a heteronormativity- based society. More than 5,000 young people took part in an online survey. In addition, 40 problem centered interviews were conducted across Germany in which these young people talked about their individual experiences and behaviours. The article presents an overview of the key results of the study Coming out – and then …?! Keywords: diversity-sensitive youth research, gender studies, queer studies, LGBTQ youth, coming out, discrimination ----- Bibliographie: Krell, Claudia/Oldemeier, Kerstin: I am what I am? – Erfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans und queeren Jugendlichen in Deutschland, GENDER, 2-2016, S. 46-64. https://doi.org/10.3224/gender.v8i2.23733
Article
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Within lesbian, gay, bisexual and transgender (LGBT) research there is increasing health-related scholarship on trans lives, with a growing awareness of the impact of health inequalities on trans well-being. The aim of the paper is to provide greater understanding of transgender young people’s views of what is needed to promote their emotional well-being and resilience by undertaking specific analysis of data collected as part of wider research with young people (n = 97). The study utilised participatory qualitative methods with a cross sectional design generating data via a focus group with trans youth (n = 5), followed by thematic analysis. Findings suggest that both individual and collective capacities or resources enable and sustain resilience and well-being for trans young people. The adversity trans youth face is present in school, the community and in healthcare, but they are able to find places where they feel safe and connected to others. Practitioners, teachers and school nurses are well positioned to facilitate structural change in alliance with trans youth to promote resilience. Research results were utilised to inform health improvement, commissioning and service delivery.
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Menschen können aufgrund von Merkmalen, die für andere Menschen leicht zu erkennen sind, diskriminiert werden. Solche Merkmale umfassen beispielsweise das Geschlecht, die Hautfarbe, unfall- oder krankheitsbedingte Entstellungen des Gesichtes oder Adipositas. Menschen können aber auch aufgrund von Merkmalen diskriminiert werden, die anderen Menschen nur unter bestimmten Voraussetzungen bekannt werden. Beispiele hierfür sind die sexuelle Orientierung, nicht unmittelbar sichtbare Erkrankungen und Behinderungen, HIV-Infektionen oder die Religionszugehörigkeit.
Book
Das innere und das äußere Coming-out stellen für LSBTQ*-Jugendliche häufig eine Herausforderung dar, bei deren Bewältigung dem sozialen Umfeld eine große Bedeutung zukommt. Dieses kann sowohl unterstützend wirken als auch für Diskriminierung und Exklusion verantwortlich sein. Die Autorinnen stellen die Ergebnisse der Studie „Coming-out – und dann…?!“ vor, an der sich über 5.000 Jugendliche beteiligt haben. Die Vielfalt der sexuellen und geschlechtlichen Zugehörigkeiten der Studienteilnehmer_ innen macht deutlich, wie wichtig eine diversitätssensible Perspektive auf jugendliche Lebenswelten für Politik, Fachpraxis und (Sozial-)Wissenschaften ist, wenn ihre jeweiligen Bestrebungen für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelten sollen.
Article
Für die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland sind die Exklusion und Inklusion vertraute Begriffe. Mit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 Inklusion kam eine neue Bedeutung im Sinne der Inklusion von jungen Menschen mit Behinderungen hinzu. Dies führte dazu, dass der Begriff vieldeutiger wurde. Vor diesem Hintergrund unternimmt der Beitrag den Versuch, die Diskussion zu sortieren. Entlang von fünf Themenkomplexen sollen Aspekte und Herausforderungen des Inklusionsbegriffes erläutert werden. Eingegangen wird auf das soziologische gesellschaftstheoretische Verständnis von Inklusion, auf den Gegensatz von Integration und Inklusion, auf die Forderung nach Dekategorisierung, den ungeklärten Stellenwert der Menschenrechtskonvention, die Frage der sozialgesetzlichen Zuständigkeiten zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Behindertenhilfe sowie die Herausforderungen an die Veränderungen der pädagogischen Praxis und Institutionen, die mit Inklusion verbunden sind. Abstract Exclusion and Inclusion are familiar concepts for the Child and Youth Services in Germany for a long time. Due to the entry into force of the Convention of the United Nations on the rights of persons with disabilities 2009, a new meaning accrued in the sense of including of women and men with disabalities. This made the term inclusion more and more ambiguous. Against this background, the article tries to sort the discussion. The aspects and challenges of inclusion are going to be explained based on five issues. Under consideration will be: the sociological meaning auf exclusion and inclusion, the conceptual confrontation of integration and inclusion, the discussion about decategorization, the open status of the convention, the discussion about the tasks for the disability law on the one hand and the child and youth services law on the other hand and the inavoidable institutional chances connected with the idea of inclusion.
Beschluss des ersten Senats vom 17
  • Bundesverfassungsgericht
Bundesverfassungsgericht (2017): Beschluss des ersten Senats vom 17. Oktober 2017 -BvR 2019/16 -Rn. (1-69)
Counting the LGBT population: 6 % of Europeans identifiy as lgbt
  • Dalia Research
Dalia Research (2016): Counting the LGBT population: 6 % of Europeans identifiy as lgbt. Online verfügbar unter: https://daliaresearch.com/counting-the-lgbt-population-6-of-europeans-identify-as-lgbt/ (5.10.2018)
Out online -The Experiences of Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender Youth on the Internet
  • Gay
Gay, Lesbian & Straight Education Network (GLSEN) (2013): Out online -The Experiences of Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender Youth on the Internet. New York