ArticlePDF Available

Im Schatten der Krise: Über Normativität in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre

Authors:
EINLEITUNG
https://doi.org/10.1007/s11615-018-0132-6
Polit Vierteljahresschr
Im Schatten der Krise: Über Normativität in der
politikwissenschaftlichen Hochschullehre
Mischa Hansel · Daniel Lambach · Julia Reuschenbach
© Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft 2018
Seit geraumer Zeit ist im Zuge neuer populistischer Bewegungen, dem Erstarken
autoritärer Regime sowie dem wahrgenommenen Scheitern liberaler „Grand Stra-
tegies“ (Freihandel, Demokratisierung) viel von einer Krise des Liberalismus und
liberaler Ordnungsmodelle zu hören. Die Politikwissenschaft, die in der Bundesre-
publik einmal als Demokratiewissenschaft gestartet war, muss sich dabei ohne Frage
besonders angesprochen fühlen, wie unlängst auch Bundespräsident Steinmeier auf
dem DVPW-Kongress „Grenzen der Demokratie“ betont hat (Bundespräsidialamt
2018). Heute ist zwar der direkte demokratische Erziehungsauftrag zurückgetreten.
Doch mit dem Selbstverständnis einer Orientierungswissenschaft (vgl. Waschkuhn
2002) verbindet sich ein nicht minder großes Versprechen: Dem gefühlten Verlust
von intersubjektivem Sinn etwas entgegensetzen zu können, auf das sich politisch
mündige Bürgerinnen und Bürger einigen könnten. Strittig ist allerdings, welche
Relevanz die Disziplin dabei im öffentlichen Raum überhaupt hat (Masala 2017).
Ebenso ließe sich aber auch argumentieren, dass der eigentliche Orientierungsbeitrag
der Politikwissenschaft in ihrem universitären „Alltagsgeschäft“, also in Seminaren,
Übungen und Vorlesungen, stattfindet und dort zukünftige Aktivisten, Medienschaf-
fende und politische Verantwortliche adressiert (Eriksson und Sundelius 2005).
Können oder müssen sich Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler
im Seminarraum deutlicher positionieren? Worin bestünde diese Positionierung? Et-
wa nur in der Erklärung oder auch in der Bewertung der (oder mehrerer) Krise(n)?
M. Hansel ()
Aachen, Deutschland
E-Mail: mischa.hansel@ipw.rwth-aachen.de
D. Lambach
Frankfurt am Main, Deutschland
J. Reuschenbach
Bonn, Deutschland
K
M. Hansel et al.
Anders gefragt: Müssen Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler auch
„anecken“ und bestimmte Normen und Werte – ungeachtet einer immer heteroge-
neren Studierendenschaft und des Kontroversitätsgebotes1– als nicht verhandelbar
erklären? Ist politikwissenschaftliche Lehre notwendigerweise und immer norma-
tiv? Worin manifestiert sich diese Normativität – in der Auswahl der Themen sowie
Autorinnen und Autoren, in der Methodik, im Habitus der Studierenden und Dozie-
renden? Diese wenigen Fragen suggerieren schon, wie schwierig es ist, Normativi-
tät in der politikwissenschaftlichen Lehre auf den Punkt zu bringen. Zugleich wird
schnell klar, dass solche Fragen am Selbstverständnis der Disziplin rühren. Wer im
politikwissenschaftlichen Studium primär eine analytisch-methodische Ausbildung
sieht, wird die Frage sicherlich anders beantworten, als jemand der den Schwerpunkt
eher auf den Erwerb von Demokratiekompetenz legt.
Auffällig ist jedoch, dass dieser Dissens und überhaupt unsere Vorstellungen ei-
ner mehr oder weniger normativen Lehre eher selten thematisiert werden. Das liegt
wohl nicht allein an der fortwährenden Reputationsasymmetrie zwischen Forschung
und Lehre. Vielmehr sind Dozierende einem Spannungsfeld ganz unterschiedlicher
Ansprüche, Leitbilder und Kritiken ausgesetzt, die nicht leicht miteinander zu ver-
einbaren sind. Da ist zum einen der legitime Wunsch, unterschiedliche Lebens-
realitäten der heutigen Studierenden auch dadurch anzuerkennen, dass in der Lehre
verschiedene prä-theoretische Weltsichten wertgeschätzt werden, wie Dannica Fleuß
in ihrem Beitrag „Politische Theorie anwendungsbezogen lehren – Lehrende zwi-
schen normativer Zurückhaltung und kritischer Stellungnahme“ argumentiert. In
dieser Grundhaltung steckt selbst ein normatives Postulat, das auf das Zurückhal-
ten von Werturteilen seitens der Dozierenden hinausläuft. Zugleich wird die Frage
aufgeworfen, worin dann ein minimaler Grundkonsens bestehe und wie mit extre-
men Positionen umgegangen werden solle. Zweitens ist der Umstand zu erwähnen,
dass interpretative Methoden und sprachlich-diskursive Forschungsgegenstände in
der Politikwissenschaft stark an Bedeutung gewonnen haben. In der Folge ist die
Vorstellung autoritativer Wissensbestände sowie wissenschaftlicher „Fakten“ pro-
blematisch geworden (Daase und Deitelhoff 2017). Es wäre verwunderlich, wenn
sich dieser Relativismus nicht auch in der Lehre niederschlagen würde und dann
– neben Theorien und Analysemethoden – nicht auch die Vorstellung „gesicherter“
Soll-Aussagen problematisch erscheinen lassen würde. Drittens passt das Rollenmo-
dell der Dozierenden, die eben auch zu lernende Soll-Aussagen definieren, nicht zu
den Kernaussagen konstruktivistischer Lehr-Lerntheorien und zur Priorisierung von
Kompetenzerwerb und selbstbestimmtem Lernen. Zumindest bedeutet der damit
einhergehende Paradigmenwechsel, die Bereitschaft, Kontroll- und Interventions-
möglichkeiten – auch bezüglich normativer Lehrinhalte – abzugeben, womit sich
der Beitrag von Julian Eckl „Theorien als latente Quellen von Normativität und
Verantwortung in der Hochschullehre: Die Bedeutung von didaktischen und fach-
1Das Kontroversitätsgebot geht auf den Beutelsbacher Konsens von 1976 zurück, der bis heute gültige
Grundsätze der politischen Bildung formulierte. Demnach sollen in Politik und Wissenschaft strittige In-
halte auch im Politikunterricht (sowie in der politikwissenschaftlichen Lehre) kontrovers dargestellt und
diskutiert werden.
K
Im Schatten der Krise: Über Normativität in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre
spezifischen Theoriedebatten am Beispiel des politikwissenschaftlichen Teilgebiets
,Internationale Beziehungen‘“ unter anderem beschäftigt.
Viertens werden (nicht nur) Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaft-
ler im Rahmen populistischer Anti-Eliten-Diskurse „mitverhaftet“ und es wird ih-
nen eine liberal-kosmopolitische erzieherische Agenda unterstellt. Die Kritik ist
also, dass Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler schon grundsätz-
lich zu stark normativ argumentieren. Hier liegt der Impuls nahe, sich dann doch
auf die vermeintlich analytische, „faktische“ Ebene zurückzuziehen, um sich als
„Wissenschaft“ gegen den Vorwurf der Parteilichkeit zu immunisieren. Der vieler-
orts durchgeführte „March for Science“,2der Wissenschaft als Faktenwissenschaft
gegen die ,alternativen Fakten‘ Donald Trumps und anderer Populisten behaupten
will und „evidence-based policy-making“ befürwortet, geht in diese Richtung. Dabei
ist fraglich, ob die Negation normativer Inhalte sinnvoll und überzeugend ist, dies
gilt sowohl im Seminar in der Hochschule als auch in der breiten Öffentlichkeit.
Ein „Zuviel an Normativität“ – wenn auch mit anderer Intention – schlägt Leh-
renden schließlich auch von Seiten politisch aktiver Studierender entgegen, die grö-
ßeren Einfluss auf die Auswahl von Themen sowie Autorinnen und Autoren und im
Allgemeinen eine stärkere Berücksichtigung alternativer Perspektiven einfordern,
etwa postkolonialer oder feministischer Ansätze. Dem ist insofern zuzustimmen, als
die Entscheidung darüber, was als wichtiges – oder gar kanonisches – Thema oder
welche Perspektive zu gelten habe, in der Tat eine zutiefst normative ist. Dieser
Sachverhalt wird nun – viel stärker im angelsächsischen Raum – politisiert und
als Herrschaftsmittel kritisiert. Es geht hier vor allem um latent normative Inhal-
te, die aber möglicherweise umso prägender sind. Ob diese neuen Ansprüche nun
zurückgewiesen oder konstruktiv aufgenommen werden, jedwede Reaktion darauf
basiert wiederum auf normativen Vorstellungen politikwissenschaftlicher Lehre und
den damit einhergehenden Rollenverständnissen.
Was folgt nun aus diesen konträren Normativitätszuschreibungen und aus dem
Spannungsbogen zwischen Positionierung und Zurückhaltung? Zunächst einmal
wohl ganz grundlegend die Notwendigkeit einer expliziten Reflexion darüber, wie
und wodurch politikwissenschaftliche Lehre normativ ist, sein kann und sollte. Das
gesammelte Forum zum Thema „Normativität in der Lehre“ im vorliegenden Heft
der PVS möchte zu dieser Diskussion wichtige Impulse beisteuern. Die Beiträge
stammen aus unterschiedlichen Teilgebieten des Faches, sind sich aber darüber ei-
nig, dass politikwissenschaftliche Lehre immer notwendigerweise normativ ist. Sie
begreifen es als Kernaufgabe der politikwissenschaftlichen Lehre, nicht nur eine
analytische, sondern auch eine normative Urteilskompetenz der Studierenden zu
fördern. Diese kann nur mit normativen Argumenten oder der intensiven Analy-
se normativer Vorstellungen und Prozesse „trainiert werden“. Zugleich setzen die
Beiträge unterschiedliche Akzente in Bezug darauf, worin sich die Normativität
politikwissenschaftlicher Lehre manifestiert und wie sie didaktisch einzubetten ist.
Schließlich fällt überdies auf, wie stark die Geschichte und das Selbstverständnis der
Subdisziplinen zum Verständnis von Normativität beigetragen haben. Dennoch sind
die angesprochenen Herausforderungen und Problemlösungsvorschläge von so all-
2Siehe https://marchforscience.de/. Zugegriffen: 20. September 2018.
K
M. Hansel et al.
gemeiner Natur, dass sich unschwer Beispiele auch aus anderen Teilgebieten finden
ließen.3
Dannica Fleuß plädiert in Ihrem Beitrag einerseits für eine anwendungsbezogene
Lehre normativer politischer Theorie und andererseits für eine normative Zurückhal-
tung der Lehrenden. Eingangs differenziert sie zwischen den „externen Quellen von
Normativität in Lehrveranstaltungen“, gemeint sind Studienordnungen oder Lehr-
methode, sowie den normativen Lerngegenständen, wie beispielsweise Menschen-
rechtskonzepten. Ihr Fokus liegt auf den Lerngegenständen und deren Vermittlung
durch Analyse von konkreten Entscheidungs- und Dilemmasituationen. Hierdurch
werde einerseits der Kompetenzerwerb der Studierenden gefördert. Andererseits er-
folgt durch die Konkretisierung ein stärkerer Druck seitens der Lehrenden, Werturtei-
le auszusprechen und es besteht die Gefahr, dass der normative Bias der Lehrenden
zu stark auf die Lehr-Lernsituation einwirkt und das Prinzip des demokratischen
Pluralismus verletzt. Um dem entgegenzuwirken, entwickelt Fleuß ein Konzept des
„Case-Teaching“, mithilfe dessen Studierende in die Rolle der oder des normativ
Urteilenden versetzt werden.
Im Unterschied zu Dannica Fleuß fokussiert Julian Eckl weniger auf normative
Lehrgegenstände und dafür umso mehr auf „latente Quellen von Normativität“. Da-
bei gelte es zu erkennen und zu reflektieren, in welchem Maße in didaktischen und
fachspezifischen Theoriedebatten normative Aspekte mitverhandelt würden. Theori-
en der internationalen Beziehungen enthalten schon darum einen normativen Kern,
dass sie bestimmte Gegenstände als wichtig oder unwichtig markieren, bestimmte
Handlungsweisen als „Normalfall“ charakterisieren und dadurch politisch instru-
mentalisierbar sind. Verschiedene Lehr-Lern-Theorien wiederum modellieren die
ideale Rolle und den Verantwortungsrahmen der Dozierenden ganz unterschiedlich.
So wird deutlich, dass konstruktivistische Lerntheorien in viel geringerem Maße
Instruktionen und Interventionen der Dozierenden befürworten als behaviouralisti-
sche Lerntheorien. Hier geht es zudem nicht mehr um die Vermittlung spezifischer
Wissensbestände, sondern um die Schaffung einer Lernumgebung, in der Perspek-
tivwechsel angeregt und das Hinterfragen von Realitätskonstruktionen ermöglicht
wird. Dies lässt freilich die Frage entstehen, ob dann auch gesellschaftliche Grund-
konsense als eine (unter mehreren möglichen) Realitätskonstruktion(en) abgelehnt
werden können, beziehungsweise wie und von wem auf extreme Positionen reagiert
werden kann.
Der Beitrag von Eva Ottendörfer, Marika Gereke und Tanja Brühl „Mehr Nor-
mativität wagen: Ein Plädoyer für eine reflexive Grundhaltung in der politikwis-
senschaftlichen Lehre“ beruft sich explizit auf die konstruktivistische Lehr-Lern-
Theorie und plädiert entschieden für ein „Mehr an Normativität“ in der politikwis-
senschaftlichen Hochschullehre, verbunden mit einer reflexiven Grundhaltung und
der expliziten Offenlegung normativer Haltungen durch Lehrende und Studieren-
3In der Regierungslehre etwa scheint eine normative Verortung im Umgang mit tagespolitischen Fragen,
die den Studierenden auch in ihrer Alltagswelt begegnen (bspw. rechtsradikale Proteste und Ausschreitun-
gen, europaskeptische Kampagnen), beinahe unumgänglich. In der vergleichenden Systemlehre wiederum
kann intensiv darüber gestritten werden, inwiefern explizit oder implizit europäisch inspirierte Idealtypen
und Vergleichsmaßstäbe legitim sind oder einen problematischen normativen Bias darstellen.
K
Im Schatten der Krise: Über Normativität in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre
de. Dabei kommt der Friedens- und Konfliktforschung zugute, dass sie sich, anders
als die Teildisziplin der Internationalen Beziehungen, von Beginn an als normativ-
kritische Wissenschaft verstanden hat, die insbesondere für Machtfragen auch in
der Lehrsituation sensibel ist. Gerade unter diesem Gesichtspunkt wird der Rol-
lenwandel der Lehrenden begrüßt, von einer Autorität der Wissensvermittlung zu
einer Rolle als Begleiterin und Begleiter, Beraterin und Berater oder Moderatorin
und Moderator. Dennoch impliziert diese Rolle immer noch ein Machtverhältnis,
das schon in der Themen- und Methodenwahl begründet ist. Umso wichtiger ist
es, die eigenen normativen Haltungen offenzulegen und den Studierenden eigene
Reflexionsprozesse zu ermöglichen, etwa indem sie in die Rolle von Expertinnen
und Experten schlüpfen.
Literatur
Bundespräsidialamt. 2018. Rede des Bundespräsidenten auf dem 27. Kongress der deutschen Politolo-
gen. http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2018/
09/180926-DPVW-Kongress-Frankfurt.html (Erstellt: 26. September 2018). Zugegriffen: 01. Okto-
ber 2018.
Daase, Christopher, und Nicole Deitelhoff. 2017. Populismus und Lüge: Politikwissenschaft in Bedräng-
nis. Zeitschrift für Internationale Beziehungen 24(2).Editorial vom 02.10.2017.
Eriksson, Johan, und Bengt Sundelius. 2005. Molding minds that form policy: how to makeresearch useful.
International Studies Perspectives 6(1):51–71.
Masala, Carlo. 2017. Auf dem Rückzug. Zeit Online, 23.02.2017.
Waschkuhn, Arno. 2002. Grundlegung der Politikwissenschaft: Zur Theorie und Praxis einer kritisch-
reflexiven Orientierungswissenschaft. München: Oldenbourg.
K
... Wenn wir unseren Studierenden eine kritische Haltung vermitteln möchten, sollten wir unsere eigenen normativen Überzeugungen und Doxa transparent und für Kritik zugänglich machen. Angesichts einer zunehmenden Polarisierung gesellschaftlicher Diskurse werden solche normativen Diskussionsangebote von Studierenden zunehmend eingefordert(Hansel et al. 2018;Ottendörfer et al. 2018). 4) Wie können wir IB-Lehre anwendungsorientiert gestalten, ohne dies gegen forscherischen Anspruch auszuspielen? ...
Article
Full-text available
How can policy-relevant ideas be effectively communicated to practitioners? While the existing literature has focused on what kind of theory and research are policy relevant, it does not say much about how this knowledge can be communicated. If you want to make a difference, you must know how to reach your target. We take note of the important, but in this context often overlooked opportunities for knowledge diffusion that are provided by the education of young minds and the training of mid-career officials and officers. This article first discusses three contending perspectives on the relationship between scholars and practitioners. It then makes a conceptual elaboration of conditions for communicating research to practitioners, drawing on a wide body of literature on the power of ideas. We conclude by summarizing pointers for how scholars may reflect and how we can act, if we wish to enrich foreign policy practice with research-based ideas.
Rede des Bundespräsidenten auf dem 27
  • Bundespräsidialamt