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Kunst in sozialen Kontexten

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Abstract

Niederschrift eines Vortrages auf der Tagung ‚Kultur und Gesundheit in der Stadt‘ am 29. September 2016 in Bad Kissingen
03.04.2018 - Kunst in sozialen Kontexten
Beitrag von Prof. Peter Sinapius, Professor für Kunsttherapie, Arts und Social Change an der MSH Medical SchoolBeitrag von Prof. Peter Sinapius, Professor für Kunsttherapie, Arts und Social Change an der MSH Medical School
Hamburg. Die MSH ist dem Leitgedanken verpflichtet, dass die Künste wesentliche Bestandteile des sozialenHamburg. Die MSH ist dem Leitgedanken verpflichtet, dass die Künste wesentliche Bestandteile des sozialen
Zusammenlebens sind.Zusammenlebens sind.
Atelierarbeit – Thema Wahrnehmung, copyright: Peter Sinapius
Wenn wir über Krankheit oder Gesundheit sprechen, bewegen wir uns in einem Bereich, der wie kaum ein anderer von Tabus, Metaphern
und Ängsten beherrscht wird. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat sie an den Beispielen Krebs und AIDS offengelegt und
festgestellt, dass wir mit militärischen Metaphern operieren, um unser Verhältnis zu Krankheit zu definieren, als gelte es gegen sie in den
Krieg zu ziehen.
Wenn wir uns mit Gesundheit oder Krankheit beschäftigen, werden wir konfrontiert mit unseren eigenen Ängsten, Verleugnungen und
Vorurteilen, die wir aus unserem Leben ausgliedern. Dazu gehören das Anderssein, die Versehrtheit, das Scheitern, das Nutzlose und
Entbehrliche. Diese Attribute haben in einer Kultur, in der es um Zielstrebigkeit, Erfolg und Wachstum geht, keinen Platz. Was von der Norm
abweicht und vielleicht in pathologische Typologien passt, verdrängen wir in gesellschaftliche Randbereiche, weil es unsere Hoffnungen,
Visionen oder Fantasien von einem erfolgreichen Leben durchkreuzt.
Im Folgenden möchte ich skizzieren, welche Berührungspunkte es zwischen Kunst und Gesundheit gibt und wie sich künstlerische auf
soziale Prozesse beziehen lassen.
In dem Musikvideo „Turnpike“ der belgischen Rockband dEUS spazieren zwei Männer durch Paris. Wohl wissend, dass sein Partner ab und
zu verrückte Dinge macht, beruhigt der ältere der beiden Männer irritierte Passant*innen oder Autofahrer*innen, während der jüngere
plötzlich, ohne Vorwarnung und weit ausladend auf die Straße oder zwischen die vorbeifahrenden Autos springt oder wild gestikulierend mit
Passant*innen interagiert. Es ist Sam Louwyck, ein Tänzer, der die Bewegungen von Tourette-Kranken studiert hat.
Der belgische Choreograf Alain Platel hat in diesem Video aus dem Jahre 1996 das ästhetische Material für seine Choreografien gefunden:
Das ist „ein Kunstwerk“, so sagt er in einem Interview, „weil hier Kunst und Krankheit, beide, endlich souverän sind.“ Die Bewegungen von
Nervenkranken nutzt er seither als Anschauungsmaterial für seine Tänzer*innen: „Ich habe mich anfangs geschämt“, so sagt er, „meinen
Tänzern Filme von Nervenkranken zu zeigen. Doch sie sehen gar nicht das Kranke, sondern empfinden diese Menschen als übersensibel,
die mit dem Körper verrückte Sachen anstellen, weil sie es mit Worten nicht ausdrücken können. Das lässt sie so zerbrechlich, auch intim
erscheinen. Das motiviert vor allem Tänzer, die nicht Theater spielen wollen, sondern ganz real tanzen. Es geht ihnen um die Souveränität
des Körpers, und gerade ein Körper, der krank ist, zeigt, wie souverän er ist.“
Die Perspektive, die hier eingenommen wird, mag zunächst ungewöhnlich erscheinen. Der Begriff Souveränität zielt hier nicht auf kognitiv
gesteuerte Handlungen, sondern auf das leibliche Ausdrucksvermögen. Dem/der Kranken werden schöpferische Fähigkeiten zugesprochen,
von denen der/die Gesunde lernen können. Neurologische Krankheiten wie das Tourette-Syndrom werden ja zunächst mit einem Verlust an
Fähigkeiten in Verbindung gebracht, die auf ein Hirnleistungsdefizit zurückzuführen sind. Ein Zugewinn an schöpferischen Fähigkeiten wird
man unter diesem Blickwinkel zunächst nicht erwarten. Das gilt allerdings nur, wenn schöpferische Fähigkeiten in erster Linie mit
kognitiven Prozessen in einen Zusammenhang gebracht werden, die mit Leistungen unseres Gehirns in Verbindung stehen. Aus dieser
Perspektive ist der Körper gleichsam ein Anhängsel an das Gehirn, dem er nicht mehr zu folgen vermag. Dass das nicht stimmt, zeigen die
besonderen Begabungen von Patient*innen, die an einem Tourette-Syndrom leiden. Sie sind, wie Oliver Sachs in seinen Berichten zeigt, oft
sehr einfallsreich und verfügen über eine ausgesprochen hohe Reaktionsfähigkeit und Schlagfertigkeit.
Wenn ich also von Gesundheitsförderung spreche, meine ich das nicht nur im Sinne von Prävention, also der Vermeidung von Krankheit,
sondern auch im Sinne von Integration dessen, was von der Norm abweicht oder mit der Erwartung kognitiver Leistungsfähigkeit nicht
zusammenpasst.
Performance Art, copyright: Sandra Freygarten
In dem Video „Turnpike“ treffen zwei Welten aufeinander: die Kunst und der gewöhnliche Alltag auf einer belebten Straße in Paris. Wie hängt
beides nun zusammen, wie lassen sich künstlerische und soziale Prozesse in einen Zusammenhang bringen?
In den jüngeren Kultur- und Medienwissenschaften finden sich Anhaltspunkte dafür, welchen Einfluss die künstlerische Praxis auf soziale
Situationen haben kann. Vor allem der Zusammenhang von alltagsweltlichen und ästhetischen Wahrnehmungen steht im Vordergrund und
damit die Frage, wie die künstlerische Praxis zu einer Veränderung des Wahrnehmungsverhaltens im Alltag führen kann.
Die künstlerische Arbeit in sozialen und interkulturellen Bereichen ist spätestens seit den Tanzprojekten des Tänzers und Choreografen
Royston Maldoom im öffentlichen Bewusstsein. Er arbeitete mit sogenannten schwierigen Jugendlichen, alleinerziehenden Müttern, blinden
Kindern, Gefangenen oder Bankern. Sein Anliegen war es, Tanz zu einem Stück Alltagskultur zu machen: „Dance has enormous potential as
an agent for personal transformation and community development.“ Der Tanz beeinflusst die Wahrnehmungen für den Raum, für andere
Menschen, für Beziehungen, die durch die gemeinsame Choreografie sichtbar werden, für Bewegungen, die zwischen den Tänzer*innen
entstehen und die sich zu einem gesamten Bild zusammenfügen. Tanz fördert das Gefühl für die eigene Körperlichkeit, die Präsenz und die
Gemeinschaft. Darin liegt sein veränderndes Potenzial.
Seit Oktober 2013 gibt es an der MSH Medical School Hamburg den staatlich akkreditierten Studiengang „Expressive Arts in Social
Transformation“. Er qualifiziert für die Begleitung von Entwicklungs- und Veränderungsprozessen mit künstlerischen Mitteln in
unterschiedlichen sozialen Feldern. Inhaltlich und didaktisch basiert er auf der Vernetzung von Forschung, Lehre und Zivilgesellschaft. Er
knüpft an Konzepte der Gesundheitsförderung und Organisationsentwicklung an , die sich auf Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in
sozialen und gesellschaftlichen Kontexten richten.
Die Einführung des Studiengangs „Expressive Arts in Social Transformation“ war eine Reaktion auf den wachsenden Bedarf an qualifizierten
Kräften im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen vor dem Hintergrund massiver Veränderungen in diesen Bereichen: Soziale und
kulturelle Lebenswelten verschiedener gesellschaftlicher Gruppen treiben sichtlich auseinander und die Bedingungen für das
Zusammenleben haben sich vielerorts massiv verändert.
Tagung Imperfekt – Intermedialität und Performativität in den Künstlerischen Therapien, copyright: Sandra Freygarten
Zu beispielhaften Projekten, die Studierende des Studiengangs in den letzten Jahren im öffentlichen Raum realisiert haben, gehören:
das Projekt „Kunstapotheke“ in Kooperation mit dem „Amt für nachhaltiges Norderstedt“, der Stadt Norderstedt und dem „Initiativkreis
Die Ulzburger Straße“ (IKUS). Im Rahmen dieses Projektes wurde im Quartier eine leer stehende ehemalige Apotheke umgewandelt in
eine Hochschule auf Zeit. Die Studierenden entwickelten von hier aus künstlerische Beteiligungsformen zur Förderung einer
nachhaltigen Quartiersentwicklung,
die studentische Initiative „Kulturwohnzimmer“ in einer Fußgängerunterführung im Zentrum von Harburg als Ort für kulturelle Teilhabe
und Begegnung mit dem Ziel, unterschiedliche lokale Bildungseinrichtungen, ortsansässige Initiativen und Akteure der
Stadtentwicklung miteinander zu vernetzen. Das Kulturwohnzimmer soll ein erster Schritt in Richtung eines größeren interkulturellen
Zentrums in der Harburger Innenstadt sein,
das 2015 von Professorin Kerstin Hof ins Leben gerufene partizipatorisch-literarische Kunstprojekt „Poesieambulanz“ in Erlangen.
Ausgangspunkt war die Kunstausstellung „Kunstinfekte“ in der Pathologie der Universitätsklinik Erlangen und im angrenzenden
öffentlichen Raum. Studierende des Departments Kunst, Gesellschaft und Gesundheit bearbeiteten in Schreib- und Lesewerkstätten
oder philosophischen Gesprächen mit den Bewohner*innen Fragen individueller „gesunder“ Lebensgestaltung. Darüber hinaus gibt es
künstlerische Projekte, bei denen Studierende mit Menschen aus dem Jugendstrafvollzug, aus Schulen, aus Altenhilfe- oder in
Erstaufnahme-Einrichtungen für Geflüchtete arbeiten. Diese Projekte sind curricular im Studium verankert und beziehen die
künstlerische Arbeit auf den sozialen und urbanen Raum.
Sontag, Susan (2003): Krankheit als Metapher. Frankfurt am Main: Fischer.
http://www.clipfish.de/musikvideos/video/2961699/ deus-theme-from-turnpike/, aufgerufen am 3.9.2016.
Wesemann, Arnd (2009): Porträt Alain Platel / ballettanz / Seite 54 / Juli 2009 http://www.kultiversum.de/ Tanz-Ballet-Tanz/Portrait-Alain-
Platel.html?p=3, aufgerufen am 23.8.2010.
Vgl.: Sacks, Oliver (2009): Witty Ticcy Ray. In: Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte. Hamburg: Rowohlt.
Carley, Jacalyn (2010): Royston Maldoom. Community Dance – Jeder kann tanzen. Leipzig: Henschel Verlag.
Pelikan, Jürgen M., Demmer, Hildegard, Hurrelmann, Klaus (Hrsg.) (1993): Gesundheitsförderung durch Organisationsentwicklung.
Weinheim: Juventa Verlag / Hurrelmann, K. (2006): Gesundheitssoziologie. Eine Einführung in die sozialwissenschaftlichen Theorien von
Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. 6. völlig überarbeitete Auflage. Weinheim: Juventa.
Weltgesundheitsorganisation (1986). Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung. Genf: WHO.
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