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Kunsttherapie in der Klinik. Ein kritischer Blick auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kunsttherapie und Medizin im Lichte einer Studie am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke

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Abstract

Im Rahmen einer einjährigen Studie der Fachhochschule Ottersberg und des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke wurden die spezifischen Bedingungen der Kunsttherapie im Krankenhaus und die wichtigsten strukturellen und inhaltlichen Schnittstellen in der Kooperation zwischen Medizin und Kunsttherapie untersucht und Perspektiven für die Integration der Kunsttherapie in ein Versorgungskonzept aufgezeigt,für das unter dem Eindruck der gesundheitspolitischen Entwicklungen die Akut- und Krisenintervention einen immer größeren Stellenwert gewinnt. Bei der Studie handelte es sich um eine kombinierte qualitative und quantitative Studie mit qualitativem Schwerpunkt. Ein wesentliches Ergebnis der Studie war, dass die Kunsttherapie zu einer umfassenden ärztlichen Diagnostik beitragen kann, indem sie die Wahrnehmungen der Ärzte um psychische und psychosoziale Faktoren erweitert. Die Studie zeigte aber auch, dass es vielfach an einer nachvollziehbaren und differenzierten Indikationsstellung für kunsttherapeutische Verfahren durch die Ärzte fehlt. Dies war sowohl auf strukturelle Mängel in der Besprechungskultur als auch auf inhaltliche Probleme bei der Dokumentation und Reflexion auf die kunsttherapeutische Praxis zurückzuführen. Ein differenzierter Blick auf die Beschreibungskriterien von Indikationen und die verschiedenen Ebenen kunsttherapeutischer Praxis öffnet eine neue Perspektive für die effektive Einbindung der Kunsttherapie in ein Gesamtbehandlungskonzept.
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„Ohne Kunsttherapie würde es kalt im Krankenhaus…“
Ein kritischer Blick auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kunsttherapie und Medizin im
Lichte einer Studie am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke
Zusammenfassung
Im Rahmen einer einjährigen Studie der Fachhochschule Ottersberg und des
Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke wurden die spezifischen Bedingungen der Kunsttherapie im
Krankenhaus und die wichtigsten strukturellen und inhaltlichen Schnittstellen in der Kooperation
zwischen Medizin und Kunsttherapie untersucht und Perspektiven für die Integration der Kunsttherapie in
ein Versorgungskonzept aufgezeigt, für das unter dem Eindruck der gesundheitspolitischen
Entwicklungen die Akut- und Krisenintervention einen immer größeren Stellenwert gewinnt. Bei der
Studie handelte es sich um eine kombinierte qualitative und quantitative Studie mit qualitativem
Schwerpunkt.
Ein wesentliches Ergebnis der Studie war, dass die Kunsttherapie zu einer umfassenden ärztlichen
Diagnostik beitragen kann, indem sie die Wahrnehmungen der Ärzte um psychische und psychosoziale
Faktoren erweitert. Die Studie zeigte aber auch, dass es vielfach an einer nachvollziehbaren und
differenzierten Indikationsstellung für kunsttherapeutische Verfahren durch die Ärzte fehlt. Dies war
sowohl auf strukturelle Mängel in der Besprechungskultur als auch auf inhaltliche Probleme bei der
Dokumentation und Reflexion auf die kunsttherapeutische Praxis zurückzuführen.
Ein differenzierter Blick auf die Beschreibungskriterien von Indikationen und die verschiedenen Ebenen
kunsttherapeutischer Praxis öffnet eine neue Perspektive für die effektive Einbindung der Kunsttherapie
in ein Gesamtbehandlungskonzept.
Schlüsselwörter
Kunsttherapie, Diagnose, Indikation, Wahrnehmung, Kooperation, interdisziplinäre Zusammenarbeit
Summary
A joint study by the Fachhochschule Ottersberg and the Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke verified the
specific conditions of art therapy in a clinical context and the most important interfaces in the cooperation
between medicine and art therapy. The study described the perspectives for the integration of the art
therapy in the medical concept of treatment that has to take into consideration the expansion of acute
intervention in medical care. The study combined qualitative and quantitative methods with qualitative
main focus. An essential result of the study was that the art therapy can lead to a comprehensive
diagnostics, because it enlarges the perception of the doctor through psychic and psychosocial factors. In
addition, the study showed that there are often not enough understandable and differentiated indications
for art-therapeutic procedures by the doctors. This is to be led back on structural defects in the discussion
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culture as well as on content problems with the documentation and reflection on the art-therapeutic
practice. A differentiated look at the criteria of indications and the different levels of art-therapeutic
practice opens a new perspective for the integration of the art therapy in the whole treatment concept.
Key words
art therapy, diagnosis, indication, perception, cooperation, interdisciplinary collaboration
Einleitung
Die Integration der künstlerischen Therapien in das Versorgungskonzept des
Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke ist seit seiner Gründung eng mit der Entwicklung des
Krankenhauses verbunden. Bis zu den jüngsten gesundheitspolitischen Einschnitten arbeiteten ca. 40
Menschen in den künstlerischen Therapien, heute sind es noch 24. Mit den Veränderungen der
gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen, vor allem mit der Einführung der Fallspauschalen, wird das
Krankenhaus in vielen Bereichen zu einem Ort der Akut- und Krisenintervention. Betrug beispielsweise
in der Neurologie die durchschnittliche Verweildauer 1990 noch 21 Tage sind es heute noch 7,8 Tage.
Seit 2005 wird die Aufteilung des Krankenhauses in einen akutmedizinischen und einen therapeutischen
Bereich betrieben.
Diese Situation bildete den Hintergrund für eine Studie der Fachhochschule Ottersberg und des
Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke1, die sich mit den besonderen Bedingungen der Kunsttherapie im
klinischen Rahmen befasste. Ziel war es, die spezifischen Organisationsstrukturen sichtbar zu machen,
die mit der Integration der Kunsttherapie in ein klinisches Versorgungskonzept verbunden sind, die
inhaltlichen Kooperationen zu untersuchen, die an der Nahtstelle zwischen Kunsttherapie und Medizin zu
einem Gesamtbehandlungskonzept führen und Perspektiven für eine kunsttherapeutische Versorgung
unter veränderten gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen zu entwickeln.
Bei der Studie handelte es sich um eine kombinierte qualitative und quantitative Studie mit qualitativem
Schwerpunkt. Sie zielte auf die Darstellung der realen kunsttherapeutischen Praxis in einem klinischen
Feld, in dem der Einzelne notwendig im Rahmen der spezifischen Organisationskultur in diesem Feld
agiert und mit den anderen Professionen interagiert. Die Datenerhebung erfolgte mit semistrukturierten
Leitfadeninterviews (2), sowie mit einer die kunsttherapeutischen Behandlungen begleitende
Datenerhebung mittels eines Fragebogens, in dem quantitative und qualitative Fragen kombiniert waren.
1 Das Forschungsprojekt: „Berufsfeldspezifische Bedingungen der Kunsttherapie im klinischen Rahmen“
wurde gefördert durch die Arbeitsgruppe Innovative Projekte (AGIP) beim Ministerium für Wissenschaft
und Kultur des Landes Niedersachsen als Kooperationsprojekt der Fachhochschule Ottersberg mit dem
Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (1. September 2005 bis 31. August 2006). Mitglieder der
Forschungsgruppe waren: Michael Ganß, Sarah Huber, Uli Kleinrath, Annika Niemann, Peter Sinapius
(Projektleitung), Ursula Stinglwagner , Sabine Theyssen
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In die Erhebung waren alle Kunsttherapeutinnen und Kunsttherapeuten aus dem Bereich der bildenden
Kunst sowie alle Ärzte, die Kunsttherapie verordnen, einbezogen. Die Ergebnisse des
Forschungsprojektes wurden in einem Abschlußbericht dokumentiert (1).
Strukturellen Schnittstellen
Ein Teil der Studie bezog sich auf die Organisationsstrukturen der Klinik, die eine Zusammenarbeit
zwischen Kunsttherapeuten und Medizinern und im Team ermöglichen. Bei der Untersuchung der
strukturellen Schnittstellen zwischen Ärzten und Kunsttherapeuten mittels 27 leitfadengestützter
Interviews konnten 13 verschiedene Schnittstellen erfasst und in ihrer Bedeutung für den
Behandlungsverlauf ausgewertet werden. Mit signifikant hoher Übereinstimmung wurden von Ärzten und
Kunsttherapeuten Kunst- und Teambesprechungen, bei denen das ganze Team einmal in der Woche für
ein- bis eineinhalb Stunden zusammenkommt, als die entscheidenden Schnittstellen genannt, in denen
über das Gesamtbehandlungskonzept gesprochen wird und die Kunsttherapeuten ihre Arbeit vorstellen
können (1, S. 181 ff). Die meisten Ärzte sehen in den Kunst- und Teambesprechungen die Möglichkeit
zu einer insbesondere um psychische und psychosoziale Faktoren erweiterten Wahrnehmung der
Patienten und betrachten sie als wesentlichen Teil einer Diagnostik, die über den unmittelbaren
pathologischen Befund hinaus konstitutionelle Faktoren und die individuelle Ausprägung der Krankheit
einbezieht. Die Ergebnisse aus dem qualitativen Teil der Studie bestätigten sich auch in der statistischen
Evaluation, in der 65 % der Ärzte als Ergebnis der Teambesprechungen die erweiterte
Patientenwahrnehmung hervorhoben (1, S. 383).
Ein Konzept für Besprechungen im Vorfeld der kunsttherapeutischen Behandlungen war dagegen nicht
zu erkennen. Als wesentliche Schnittstelle im Vorfeld der kunsttherapeutischen Behandlung spielt allein
die computergestützte Informationsweitergabe eine zentrale Rolle, durch die die Anforderungen an die
Therapien stichwortartig erfolgen (1, S. 179). Hier scheinen die fehlenden Organisationsstrukturen zur
Vorbesprechung der Therapie auf inhaltliche Probleme hinzuweisen, die mit der Verordnungspraxis am
Krankenhaus zusammenngen.
Ebenso mangelt es an Strukturen, die am Ende der Behandlung die Kunsttherapie in die Dokumentation
des Behandlungsverlaufes aufnehmen und einen Rückblick erlauben. Formen der kunsttherapeutischen
Reflexion und Dokumentation sind nur schlecht entwickelt und strukturell nicht in das
Behandlungskonzept eingebunden (1, S. 190).
Inhaltliche Schnittstellen
Hintergrund für die Darstellung der inhaltlichen Kooperationen ist die Frage, welches die Brücke in der
Kommunikation zwischen den zwei Professionen Medizin und Kunsttherapie ist, die von ihrem
Selbstverständnis und ihrer Herkunft unschiedliche Perspektiven auf die Behandlung haben: In der
Kunsttherapie geht es um bildnerisch ästhetische Phänomene, in der medizinischen Behandlung um das
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Krankheitsbild. Auch wenn am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke das anthroposophische
Menschenbild in der Regel die Basis für die Zusammenarbeit zwischen Kunsttherapeuten und Ärzten
bildet, war hier zu untersuchen, wie sich diese gemeinsame anthropologische Grundhaltung in der
täglichen Praxis niederschlägt. Mit unserer Untersuchung setzten wir an den konkreten inhaltlichen
Bedingungen der Zusammenarbeit an unter den Schwerpunkten:
- Was verstehen Kunsttherapeuten und Ärzte jeweils unter Kunsttherapie?
- Welche Indikationen für Kunsttherapie gibt es?
- Welche Sprache wählen Kunsttherapeuten und Ärzte, um sich zu verständigen?
Bezogen auf das Verständnis von Kunsttherapie war die Aussage signifikant häufig, die therapeutische
Beziehung, also die Begegnung mit dem Patienten spiele in der Kunsttherapie eine zentrale und tragende
Rolle (1, S. 50). Eine Ärztin gab zu Protokoll:
„Es ist auch noch mehr, als dass die Patientin nur die Therapien machen. Es ist zum Beispiel so, dass der
Herr X., auch wenn die Patienten noch gar nicht viel mitmachen können, oder bevor es so richtig anfängt,
erstens ist er auch eine kontinuierliche Kontaktperson, eben auch in dem Bereich, wo es um was anderes
geht als körperliche Funktion und Rollstuhl bedienen, oder medizinisch-ärztliche Probleme im engeren
Sinn, sondern ich denke auch mehr schon auf der, auch auf der emotionalen Ebene und auf dem
persönlichen Austausch, und er ist dann auch derjenige, der das Ästhetische mit rein bringt, den
Patienten mal eine Blume vorbei bringt, oder mal einen Kristall ins Fenster hängt, damit sie dann die
Farben sehen können, die sich brechen., ein Mobilé aufhängt. Und das ist glaube ich auch total
wichtig.“ (1, S. 51).
In dieser Aussage herrscht schon fast so etwas wie ein Junktim zwischen ästhetischem Gestalten und
einer „guten“ therapeutischen Beziehung. Der Kunsttherapeut stellt nicht nur die ästhetischen Mittel, wie
Farbe oder Ton, zur Verfügung, er schafft vor allem einen individuellen Raum, in dem das künstlerische
Werk Teil einer ästhetischen Handlung wird, die sich zwischen Therapeut und Patient vollzieht (Sinapius
2007).
In Bezug auf die Gesamtsituation auf den Stationen genießt die Kunsttherapie in mehreren Aussagen
einen Ruf, sie sei unentbehrlich, weil sie einen Raum für individuelle Begegnungen schafft. Auf die
Frage: „Was würde Ihnen fehlen, wenn es die Kunsttherapie nicht gäbe?“ antwortet ein Arzt:
Es würde kalt und ausgedorrt im Krankenhaus werden. Es würde ein ganz wesentlicher Teil dessen, was
den Patienten ausmacht, ins Hinter-, in den Hintergrund treten und ich spüre, dass es auch für uns
Ärzte mitunter, wenn wir genügend Zeit haben uns auf diese Kunsttherapien einzulassen, eine
unglaubliche Rückernährung ist dadurch, dass Menschen auch im Haus arbeiten, die das eigentlich
Gesunde pflegen. Denn vieles ist im normalen 8-Stunden-Betrieb oder 16-Stunden-Betrieb sehr ungesund
geworden. Und die, die andere gesund machen sollen, müssen manches aushalten, was gar nicht gesund
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ist. Und wenn da noch Menschen mitarbeiten, die in einer anderen Weise dafür arbeiten, dann gibt es
auch, gibt es ein Feedback, eine Rückwirkung.
Ähnlich hoch wie das Beziehungsgeschehen wird das Prozesshafte der Therapie bewertet, das in den
gestalterischen Handlungen der Patienten seinen Ausdruck findet. Aus der Sicht der Mediziner werden
durch gestalterische Prozesse Verwandlungsprozesse ausgelöst, die bis ins Physische gehen können (1, S.
66). Was die „Patienten sozusagen im Tun zu erleben, wie sich etwas verändert und wächst und dass sich
vielleicht auch der Kreis wieder schließt, das ist, glaube ich, auch eine ganz, ganz wichtige Erfahrung,
was dann eben sehr viel Anstoß an die eigene Entwicklungsfähigkeit und die eigenen Lebenskräfte
gibt…“. Hier steht das künstlerische Werk als Ergebnis im Vordergrund, sondern die Förderung von
Fähigkeiten und die Integration von Potentialen durch das künstlerische Handeln: „Dann ist Gesundheit
eben nicht die Wiederherstellung der alten Gesundheit, im Sinne von Wiederherstellen des Alten, sondern
dass sich wirklich etwas Neues, Zukünftiges neu fügt und das ist eigentlich ja etwas, wo man gerade mit
schöpferischen Therapien auch daraufhin arbeiten kann, dieses Sich- Fügen des Neuen zu begleiten“. (1,
S. 67)
Das künstlerische Werk ist in den Augen der meisten Befragten Grundlage und Ausgangspunkt für die
kunsttherapeutische Praxis. In der Betrachtung des Werkes steht die Frage im Vordergrund, wie die
gestalterischen Handlungen in Erscheinungen treten und wie sich der Patient mit dem Werk verbindet.
Damit beziehen sich die meisten Aussagen auf die Handlungsfähigkeit und die Schwingungsfähigkeit der
Patienten. Eine Wirkung des Mediums im Sinne eines Medikaments kann aus den Aussagen nicht
abgeleitet werden. Es ergaben sich aus der Studie für eine kategoriale Trennung von Werk und
Gestaltungsprozess ebenso wenig Anhaltspunkte wie für eine monokausale Verknüpfung zwischen
kunsttherapeutischer Praxis und Krankheitsgeschehen (1, S. 75).
Indikation
Die Indikation für die Kunsttherapie durch die Mediziner erfolgt in der Regel „unspezifisch“ sowohl in
Bezug auf das jeweilige Verfahren als auch in Bezug auf die zur Anwendung kommenden
therapeutischen Mittel. Eine zentrale Rolle spielen hierbei Routine und Gefühl. (1, S. 117).
In den Äußerungen der Ärzte kommt es zu zahlreichen Beispielen aus der Praxis, in denen sie den
Verlauf kunsttherapeutischer Behandlungen auch in Bezug auf die anfängliche Indikationsstellung
darstellen. Viele Ärzte haben ihre eigenen Indikationsmuster für spezifische konstitutionelle Aspekte, die
sie in Form eines „wenn dann“ Musters vortragen.
Das ist zunächst vor dem Hintergrund unserer Untersuchungsergebnisse nicht erstaunlich, in denen die
Kunsttherapie als Beziehungs- und Prozessgeschehen aufgefasst wird und sowohl die individuelle
Begegnung Patient Therapeut als auch der ergebnisoffene, kunsttherapeutische Prozess eine
herausragende Rolle spielen.
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Umso interessanter war für unsere Studie die Frage, auf welcher Sprachebene sich Kunsttherapeuten und
Ärzte verständigen und welche Kriterien der Verständigung über therapeutische Fragen sich hieraus
ableiten lassen. Die Untersuchung der Sprachebene, auf der Ärzte und Kunsttherapeuten kommunizieren,
hat ergeben, dass keine einheitliche Fachsprache Verwendung findet. Die gemeinsame
Kommunikationsebene von Kunsttherapie und Medizin ist weder medizinisch-naturwissenschaftlich noch
von ästhetischen Fragestellungen bestimmt, sondern folgt den individuellen Wahrnehmungen aus der
Begegnung mit dem kranken Menschen. Ihr Hintergrund sind psychosoziale Fragestellungen, individuelle
Lebenskonzepte und anthropologische Grundannahmen.
Die Sprache, über die die beiden Disziplinen in den Austausch treten, gibt entscheidende Hinweise auf
die Kriterien für die Indikation kunsttherapeutischer Verfahren. Grundsätzlich lassen sich zwei
entscheidende Gesichtspunkte formulieren, die für Indikationen leitend sind:
1. Die Indikationen folgen individuellen und subjektiven Wahrnehmungen
Durch die Kunsttherapie erscheint die Krankheit in einem neuen auch sprachlichem Kontext, der
sich vor allem auf individuelle und subjektive Wahrnehmungen stützt. Die Begrifflichkeiten
orientieren sich dabei an dem, was sich aus der unmittelbaren Wahrnehmung am Patienten ergibt und
sich gleichzeitig als Faktoren schöpferischen Gestaltens beschreiben lässt, wie: „abgrenzen, auflösen,
erden, fließen, formen, begrenzen, verbinden, strukturieren“ usw. (1, S. 2006, 157). Die
verwendeten Begrifflichkeiten folgen also keiner spezifischen Fachsprache, sondern der
individuellen Wahrnehmung in der Begegnung mit dem Patienten und dem subjektiven Gefühl, das
sich daraus für eine therapeutische Idee oder Indikation ableitet.
2. Die Indikationen sind an Prozessen orientiert und stehen mit drei Wahrnehmungsebenen in
Zusammenhang
Die Beschreibungen benutzen keine Begriffe einer statischen Diagnostik, die auf den
Krankheitstypus hinweist, sondern sind weitgehend auf Prozesse orientiert, die sich zwischen zwei
Polen abspielen: Innen und Außen, Strukturieren und Fließen, Verhärten und Auflösen. In der Art der
Beschreibung liegt viel Unbestimmtheit, meistens ist es der Versuch der sprachlichen Annäherung an
Phänomene, die sich aus den eigenen subjektiven Eindrücken ergeben.
Aus der Untersuchung der in den Interviews verwendeten Begriffe haben sich 3 Ebenen ergeben,
denen sich die Begriffe, die Wahrnehmungen aus der Begegnung mit dem Patienten beschreiben, im
Wesentlichen zuordnen lassen:
- Die Schwingungsfähigkeit des Patienten zwischen Innen und Außen,
- die Handlungsfähigkeit des Patienten zwischen Strukturieren und Fließen,
- und die Konstitution des Patienten.
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Die von den Ärzten genannten Indikationen ließen sich im Wesentlichen mit diesen drei Bereichen
in einen Zusammenhang bringen (1, S. 124).
Subjektivität und Unbestimmtheit in der Begriffswahl sind nach unserer Einschätzung kein Mangel,
sondern folgen der individuellen und subjektiven Wahrnehmung der Ärzte und Therapeuten2. Der
entscheidende Mangel sowohl in den Indikationsstellungen als auch in der Reflexion auf die Therapie ist
nach unserem Eindruck die unzureichende Differenzierung zwischen den verschiedenen Ebenen der
kunsttherapeutischen Praxis.
In den Beschreibungen für Indikationsstellungen kam es so teilweise zu Verknüpfungen zwischen
individuellen Wahrnehmungen am Menschen oder verschiedenen Phänomenen der Krankheit und Ebenen
der kunsttherapeutischen Praxis, als seien bildnerische Phänomene oder gestalterische Handlungen die
Fortsetzung leiblicher oder konstitutioneller Vorgänge. So wurde die Beschreibung, ein Patient sei
„gedankenzerfahren“ und „strukturlos“ mit einem kunsttherapeutischen Verfahren verknüpft, das über
den Gestaltungsprozess eine Änderung herbeiführen sollte (hier: Plastizieren, um zu strukturieren), ohne
die multikausalen Bedingungen der kunsttherapeutischen Praxis im Blick zu haben (1, S. 2006, 124). Ein
anderer Arzt beschrieb die rheumatische Erkrankung eines Patienten als „Gestaltverlust“, der sich
spiegele in gestalterischen Vorgängen beim Plastizieren mit Ton (1, S. 2006, 72).
Sobald Vorgänge, die sich auf verschiedenen Ebenen der Diagnostik zeigen, monokausal mit
Bedingungen der kunsttherapeutischen Praxis verknüpft werden, entsteht ein Widerspruch zwischen
Indikation und kunsttherapeutischer Praxis. Was sich in der Persönlichkeit des Patienten als Problem
zeigt („gedankenzerfahren“), soll auf der Prozessebene „Patient Werk“ durch gezielte
kunsttherapeutische Interventionen gelöst werden (Plastizieren um zu strukturieren). Was sich auf der
Ebene des Krankheitsbildes als „Gestaltverlust“ äußert, soll auf der Ebene gestalterischer Handlungen mit
Ton behandelt werden. Eine solche monokausale Verknüpfung zwischen der Wahrnehmung am Patienten
und einer der Ebenen der kunsttherapeutischen Praxis wird den multikausalen Beziehungen
kunsttherapeutischen Handelns nicht gerecht.
Der Kunsttherapeut bezieht sich in seiner Praxis auf drei Ebenen: Auf die Beziehungsebene Patient
Therapeut, auf die Handlungsebene Patient - Werk (durch kunsttherapeutische Interventionen) und auf die
Reflexionsebene Werk Therapeut. Alle Ebenen befinden sich in einem wechselseitigen Verhältnis
zueinander: Eine Intervention, die sich auf die Ebene Patient Werk bezieht, wirkt ebenso auf die
2 Ein Beispiel zeigt, was den Unterschied zwischen einer Sprache, die objektiv messbare Umstände
beschreibt und einer Sprache, die subjektive Eindrücke wiedergibt, ausmacht: Ich kann die Schnelligkeit
eines Autos in Abhängigkeit von Ort und Zeit genau bestimmen, indem ich die zurückgelegte Entfernung
und die Zeit, die es dafür braucht, messe und das Ergebnis in dem Verhältnis von Kilometer pro Stunde
ausdrücke. Der Eindruck von der Geschwindigkeit eines vor mir vorbeifahrenden Fahrzeugs hat
demgegenüber, je nachdem wie differenziert meine Schilderung ist, etwas mehr oder minder Relatives
und Unbestimmtes: „Mir schien, das Auto war sehr schnell“.
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Beziehungsebene, umgekehrt beeinflusst die therapeutische Haltung die Handlungsebene usw. Daraus
folgt ein multikausales Beziehungsgeflecht, das wir hier noch einmal abbilden:
Abb. 1: Die multikausalen Beziehungen kunsttherapeutischen Handelns
Erst aus der Reflexion auf die verschiedenen Ebenen der kunsttherapeutischen Behandlung der
Beziehungsebene, der Reflektionsebene (Werkbetrachtung) und dem Prozessgeschehen - und in Hinblick
auf die verschiedenen Ebenen, mit denen eine Krankheit in Zusammenhang steht
(„Schwingungsfähigkeit“, „Handlungsfähigkeit“, „Konstitution“) ergibt sich ein Modell von einem
diagnostischtherapeutischen Prozess (3/ 4), der einem prozessualen Verständnis von Therapie folgt.
Perspektiven
Die Schwierigkeit, in Bezug auf die kunsttherapeutische Praxis zu einer differenzierten
Indikationsstellung zu gelangen, spiegelt sich auch in den eingangs skizzierten strukturellen Problemen
vor und am Ende einer jeden Behandlung.
Zum Zeitpunkt der Indikationsstellung für ein kunsttherapeutisches Verfahren stehen den Ärzten in der
Regel noch nicht die diagnostischen Möglichkeiten zur Verfügung, die zu einer differenzierten
Diagnosestellung führen können. Erst die Teambesprechungen, zu denen die Kunsttherapeuten mit ihren
Wahrnehmungen aus der kunsttherapeutischen Arbeit mit den Patienten beitragen, eröffnen
Möglichkeiten einer differenzierteren Diagnosestellung. Diesen Bedingungen müssten die strukturellen
Bedingungen für die Zusammenarbeit zwischen Kunsttherapeuten und Ärzten gerecht werden.
Um im Sinne eines diagnostisch therapeutischen Prozesses die Kunsttherapie in die Behandlung zu
integrieren, müsste sie über geeignete Instrumente der Reflexion und Dokumentation verfügen. Dieses
Instrumentarium stellt ein differenzierter Blick auf die multikausalen Bedingungen der
kunsttherapeutischen Praxis (vergl. Abb. 1) und die individuellen Wahrnehmungen in der Begegnung mit
dem Patienten („Schwingungsfähigkeit“, „Handlungsfähigkeit“, „Konstitution“) zur Verfügung.
So kann sich aus einer Zusammenschau des Werkes, des prozessualen Geschehens und der
therapeutischen Beziehung ein vollständiges Bild ergeben, das im Team zu einem gemeinsamen
Behandlungskonzept beitragen kann:
- Reflexionsebene: Hier geht es um das Beschreiben bildnerischer Phänomene im Werk: Was ist
sichtbar.
- Handlungsebene: In die Beschreibung der phänomenologischen Werkbetrachtung fließt häufig
bereits ein, in welchem Verhältnis die bildnerischen Phänomene zu den Handlungen des Patienten
stehen: Wie hat der Patient gestaltet, wie ist der Umgang mit dem Material, wie ist es ihm gelungen,
sich zu seinem Werk in Beziehung zu setzen.
- Beziehungsebene: Die therapeutische Beziehung ist ein Schlüssel zur Therapie. Wird diese Ebene
nicht in die kunsttherapeutische Diagnostik einbezogen, entsteht kein vollständiges Bild und können
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Wahrnehmungen in der Werkbetrachtung oder in der Beschreibung des Prozesses eine falsche
Bedeutung gewinnen.
Ein integratives Behandlungskonzept, das diese Gesichtspunkte einbezieht, eröffnet der Kunsttherapie
gerade vor dem Hintergrund sich verändernder gesundheitspolitischer Rahmenbedingungen - neue
Perspektiven im Krankenhaus.
Abbildung 2: Perspektiven für die Kunsttherapie am GKH Herdecke
Die Kunsttherapie ermöglicht den Ärzten gerade in Hinblick auf die verkürzte Verweildauer der
Patienten - eine erweiterte Diagnostik, indem sie ihre Wahrnehmungen um psychische und psychosoziale
Faktoren, die sich in der Kunsttherapie zeigen, erweitert. So öffnen sich sowohl Perspektiven für die
Integration der Kunsttherapie in die klinische Versorgung als auch für die Verbindung zwischen
akutmedizinischer Versorgung und ambulanter kunsttherapeutischer Nachsorge. Die Kunsttherapie
gewinnt gleichzeitig im Langzeitbereich vor dem Hintergrund einer besseren Reflexion und ihrer
strukturellen Einbindung in ein Gesamtbehandlungskonzept eine Bedeutung im Rahmen eines
diagnostischtherapeutischen Prozesses im Sinne eines Gesundheitskonzeptes, das die Förderung von
Ressourcen und Entwicklung von Potentialen einschließt, sodass sich wirklich etwas Neues,
Zukünftiges fügt (1, S. 67).
Korrespondenzanschrift:
Prof. Peter Sinapius
Institut für Kunsttherapie und Forschung der Fachhochschule Ottersberg
Am Wiestebruch 68
28870 Ottersberg
Tel: 04205/ 3949-0
E-Mail: mail@kunsttherapieforschung.de
Literatur:
1 Ganß, M., Niemann, A., Sinapius, P. (2006): Forschungsprojekt „Berufsfeldspezifische Bedingungen
der Kunsttherapie im klinischen Rahmen“ - Abschlußbericht. Ottersberg: Institut für Kunsttherapie
und Forschung der Fachhochschule Ottersberg
2 Helfferich, C. (2005): Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer
Interviews. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
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10
3 Matthiesen, P. F. (2003): Einzelfallforschung in der Medizin / Bedeutung, Möglichkeiten, Grenzen,
Stuttgart: Verlag für akademische Schriften (VAS)
4 Matthiessen P. F. (2004): Der diagnostisch-therapeutische Prozess als Problem der
Einzelfallforschung. Merkurstab 2004; 57 (1): 2-14
5 Sinapius, P. (2007): Der Durchschnitt und der Einzelfall: Kunsttherapeutische Dokumentation
zwischen Statistik und Poesie. In: Sinapius, P. Ganß, M.: Grundlagen, Modelle und Beispiele
kunsttherapeutischer Dokumentation. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang
Data
Sinapius_Publicationlist
Presentation
Full-text available
In der Überschrift zu diesem Vortrag werden zwei therapieferne Begriffe in Zusammenhang mit therapeutischen Handlungen gebracht. Die Kunst und die Ästhetik. Kunst ist eine besondere Form individueller und auch sozialer Praxis, die sich innerhalb bestimmter Spielräume vollzieht. Innerhalb dieser Spielräume können Geschichten erfunden, Bilder erzeugt, Dramen oder Komödien inszeniert werden, die auf eine besondere Weise mit unserer Wirklichkeit verbunden sind. Hier kann gehasst, geliebt, gelebt und gestorben werden, ohne dass es unmittelbare gesundheitliche, soziale oder gar strafrechtliche Folgen hat. Wir befinden uns in einem besonderen System mit eigenen Regeln, dem Kunstsystem. Dann taucht in der Überschrift noch ein zweiter therapieferner Begriff auf, der uns aus dem Alltag bekannt ist. Die Ästhetik. Uns interessiert hier aber nicht der Begriff aus dem Alltag, sondern Ästhetik als Theorie der Wahrnehmung. Was unterscheidet eine ästhetische Wahrnehmung der Wirklichkeit, die z.B. die künstlerische Praxis bestimmt, von einer alltäglichen Wahrnehmung.
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Zusammenfassung. Kunsttherapie hat sich heute als spezifisches multimodales Angebot zur therapeutischen Behandlung von Essstörungen im klinischen Anwendungsfeld etabliert. Hier kommt sie vorwiegend im Gruppensetting zum Einsatz. Im Hinblick auf die weitere auch wissenschaftliche Anerkennung dieses Therapieverfahrens wird die stringente Verfolgung von insbesondere empirischer Forschung notwendig. Grundlegende Voraussetzung dafür ist die Erfassung des aktuellen Standes kunsttherapeutischer Literatur zur Behandlung von Essstörungen und die davon abgeleitete Formulierung des konkreten Forschungsbedarfes. Bedauerlicherweise beziehen sich die bisher vorliegenden Literaturübersichtsarbeiten auf teils sehr unterschiedliche Kategorien und Standards der Analyse, was dieses Vorhaben erheblich erschwert. Es fehlen sowohl systematische Analysen zur kunsttherapeutischen Literatur als auch die Aufarbeitung deren Qualität und Evidenz. Damit auch ältere Publikationen ihre Berücksichtigung finden können, muss eine spezielle Analysematrix entwickelt werden, die neben quantitativen Aspekten auch qualitative Analysestrategien enthält. Dieser Beitrag berichtet von den Ergebnissen einer solchen bibliometrischen Analyse, in der deutsch- und englischsprachige Literatur der Kunsttherapie bei Essstörungen (1970 – 2010) untersucht wurde. Sie versteht sich zugleich als exemplarische Analysestrategie. Innerhalb dieses Artikels liegt der Fokus auf der vergleichenden Betrachtung von Sprache und Publikationsmedium, was für eine systematische und historische Analyse bedeutsam erscheint.
Chapter
Full-text available
Die Dokumentation kunsttherapeutischer Praxis ist der Ausgangspunkt für eine kunsttherapeutische Forschung. In dem vorliegenden Band werden Grundlagen, Modelle und Beispiele der Dokumentation vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen dabei Kriterien, die mit den spezifischen Bedingungen der kunsttherapeutischen Praxis einhergehen: Die Subjektivität kunsttherapeutischer Praxis, die individu- ellen Bedingungen der therapeutischen Begegnung und die anthropologischen Vorraussetzungen für therapeutisches Handeln. Der eigene Standpunkt, die ei- genen Erfahrungen, der eigene künstlerische und weltanschauliche Hintergrund werden damit wesentlicher Bestandteil einer kunsttherapeutischen Dokumen- tation. Damit kommen anthropologische Konzepte, individuelle Sichtweisen, sinnliche Faktoren und die persönliche Anteilnahme ins Spiel, die auch den Blick des Arztes erweitern, weil sie über die unmittelbar am pathologischen Be- fund orientierte Betrachtung hinausgehen.
Der diagnostisch-therapeutische Prozess als Problem der Einzelfallforschung
  • P F Matthiessen
Matthiessen P. F. (2004): Der diagnostisch-therapeutische Prozess als Problem der Einzelfallforschung. Merkurstab 2004; 57 (1): 2-14