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Abstract

Obwohl für Wissenschaft und Forschung, für Verständigung und Vermittlung unverzichtbar, ist die Sprache im Kontext der künstlerischen Therapien bisher kaum thematisiert worden. Die Frage nach einer angemessenen Sprache erhält in Dokumentationen künstlerisch therapeutischer Praxis insofern eine besondere Bedeutung, als hier der schöpferische Mensch im Mittelpunkt steht. In ihren Beiträgen nähern sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes dem Thema Sprache interdisziplinär und unter wechselnden Blickwinkeln. Sie untersuchen Differenzen und Kongruenzen von sprachlichen und bildnerischen Medien und erkunden Eigenschaften und Gestaltungsmöglichkeiten sprachlicher Darstellung im Bezugsfeld kunsttherapeutischer Praxis und Forschung.
Wissenschaftliche Grundlagen der Kunsttherapie, Band 2:
„Ich seh dich so gern sprechen“ – Sprache im Bezugsfeld von
Praxis und Dokumentation künstlerischer Therapien
(hrsg. Ganß, M., Sinapius, P., de Smit, P. (2008))
Inhalt
Michael Ganß / Peer de Smit/ Peter Sinapius: Einleitung..........................................................7
Peer de Smit: Prolog................................................................................................................17
1. Sprache – Bild – Mensch
Theorie der Dokumentation – Sprachbegriff und Bildbegriff...................................................27
Peer de Smit: „Mit seinem Dasein zur Sprache gehen“ – Zur Sprache in
humanwissenschaftlicher Forschung und Dokumentation.......................................................29
Hans Dieter Huber: Phantasie als Schnittstelle
zwischen Bild und Sprache.......................................................................................................61
Hermanus Westendorp: “Be Bop A Lula, she’s my baby“ –
Wie das Sprechen erschafft, wovon es spricht..........................................................................71
Melanie Obraz: Bildliches Sprechen – Die Frage nach einer exponierten
Stellung des bildlichen Sprechens.............................................................................................85
Barbara Narr: Mit Worten Bilder malen –
Notizen über den Umgang mit Sprache.................................................................................105
2. Sprache in künstlerisch therapeutischer Praxis
Handeln und Behandeln..........................................................................................................113
Verena Kast: Mit Worten berühren..........................................................................................115
Peter Petersen: Heilkraft der Sprache....................................................................................133
Constanze Schulze: Wechselseitige Herausforderung narrativ-thera-
peutischer und kunsttherapeutischer Verfahren aus systemischer Sicht.................................145
3. Formen von Dokumentation und Forschung
Zwischen Sprache und Aktion................................................................................................157
Kerstin Hof: Einfach schreiben, was ist – Kreatives Schreiben als
schöpferisch-methodischer Weg kunsttherapeutischer und
pädagogischer Dokumentation................................................................................................159
Jörg Holkenbrink: Lügen unter Wahrheitssuchern –
Gedanken zu Papieren und Aktionen......................................................................................179
Helga Kämpf-Jansen: Zum Konzept „Ästhetische Forschung“ –
Mit einem Exkurs „Ästhetische Biografie“............................................................................187
4. Schreiben über die kunsttherapeutische Praxis
Erzählen – Schreiben – Dokumentieren..................................................................................205
Michael Ganß: Die kunsttherapeutische Dokumentation zwischen
Bericht und ästhetischer Erfahrung – Wissenschaftliche Standards
und die multisubjektiven Bedingungen der kunsttherapeutischen Praxis...............................207
Peter Sinapius: Bilder der Sprache Sprache der Bilder
Kriterien für die Qualität von Dokumentationen
künstlerisch therapeutischer Praxis.........................................................................................219
Maren Theel: Spuren im Bild..................................................................................................237
Kristina Menninghaus: Beobachtungen aus dem kunsttherapeutischen
Prozess mit einem traumatisierten Flüchtlingskind –
Das Gedächtnisprotokoll als Forschungsinstrument...............................................................253
Annika Nausner: „Aber allein kommt man dahin nicht.“
Eine Geschichte über die therapeutische
Beziehung als Ressource für Gestaltung.................................................................................269
Autorenverzeichnis...............................................................................................................285
„Ich seh dich so gern sprechen“ – Sprache im Bezugsfeld von Praxis und
Dokumentation künstlerischer Therapien
(hrsg. Ganß, M., Sinapius, P., de Smit, P. (2008))
Zusammenfassung der Beiträge
Peer de Smit
„Mit seinem Dasein zur Sprache gehen“
Zur Sprache in humanwissenschaftlicher Forschung und Dokumentation
Zusammenfassung
Wissenschaft und Forschung artikulieren sich im Medium der Sprache, seit es sie gibt.
Obgleich Methodenbewusstsein zu den Hauptkriterien wissenschaftlichen Arbeitens gehört,
wird die Frage nach der Methode der sprachlichen Vermittlung selten gestellt. So bleibt die
Sprache in wissenschaftlichen Texten weitgehend unreflektiert. Richten sich
wissenschaftliche Untersuchungen auf den Menschen und auf das, was etwa in einer
kunsttherapeutischen Beziehung zwischen Menschen geschieht, gewinnt die Frage nach einer
adäquaten Sprache besondere Brisanz. Denn wer immer über einen Menschen redet,
behandelt ihn auch. Dies kann im Kontext pädagogischer oder therapeutischer Verantwortung
nicht unberücksichtigt bleiben.
Poetische Sprache lebt gegenüber einer unreflektierten und automatisierten Sprachpraxis von
der Aufmerksamkeit auf das ästhetische Vermögen der Sprache, ihre Bilder und Formen, ihre
Melodien und Klänge, ihre dynamischen Gesten und Rhythmen, die zwar auch in der
Alltagssprache und den Fachsprachen vorhanden sind, hier aber kaum bewusst
wahrgenommen werden. Denn wo der Zweck der Information über das sprachliche Medium
triumphiert, kann sich dieses schwerlich zu Gehör bringen. Was an der Sprache
wahrgenommen werden könnte, verschwindet unter dem, was wir durch Worte verstehen
sollen.
Diese Untersuchung fragt nach einer Sprache, die Räume der Erfahrung und des Erlebens
bietet für das, wovon sie spricht, der es gelingt, präzise und zugleich persönlich zu sein,
bildhaft und konkret bis in den Wortlaut hinein, nah an ihren Gegenständen und doch fähig zu
kritischer Distanz, wissenschaftlich und menschenwürdig in einem, kurz, einer Sprache, in der
sich der nötige Informationsgehalt mit der sprachlichen Gestaltung so verbindet, dass die für
Dokumentationen künstlerisch therapeutischer Praxis geforderte Nachvollziehbarkeit kein
leeres Wort bleibt.
Wo immer es um den Menschen geht und wo ginge es, wenn wir sprechen, nicht um den
Menschen? – liegt im Wie der Sprache nicht weniger Gehalt als im Was der Mitteilung.
Hans Dieter Huber
Phantasie als Schnittstelle zwischen Bild und Sprache
Zusammenfassung
Der Beitrag zeigt, dass mittels einer synthetisierenden Geistestätigkeit, die wir mit den
Begriffen Phantasie, Imagination, Einbildungskraft oder Vorstellungsvermögen bezeichnen,
eine Schnittstelle beschrieben wird, die den Übergang von der Mannigfaltigkeit der Bilder zur
Allgemeinheit und Abstraktion der Begriffe bewerkstelligt. Der Weg geht über
Schemabildung. Kunsttherapie sollte von der grundlegenden Differenz visueller Bildsysteme
zu den alphanumerischen Strukturen gesprochener oder geschriebener Sprache ausgehen und
die Konkretisation der Leerstellen der Bilder durch Imagination, Schema und Begriff
thematisieren. Umgekehrt ist für mich der Gedanke faszinierend, dass Wahrnehmung eine
durch Sensomotorik eingeschränkte Imagination sein könnte. Sensomotorik wäre dann das
entscheidende Korrektiv der Phantasie. Bei destruktiven Gewaltphantasien könnte dies ein
erster, wichtiger Hinweis sein. Indem ich mich aktiv handelnd in der Umwelt orientiere, binde
ich meine Phantasien an eine sensomotorische Wahrnehmung, die als eine Art Korrektiv
durch die Wirklichkeit und damit auch als ein Korrektiv für das Selbst wirksam werden
könnte.
Hermanus Westendorp
“Be Bop A Lula, she’s my baby“ - Wie das Sprechen erschafft, wovon es spricht
Zusammenfassung
Man spricht vergeblich aus, was man sieht. Das, was man sieht, liegt nicht in dem, was man
sagt.
Das Verhältnis zwischen Bild und Sprache ist labil und veränderlich. Beide Systeme sind
spezifisch organisiert und operieren mit eigenen Grammatiken. Sprachliche Aussagen über
Bilder beruhen nicht auf a priori vorhandenen Übereinstimmungen, sondern sind
eigenständige Konstitutionsleistungen, die mittels diskursiver Strategien, wie etwa Benennen
und Erzählen, parallele Formulierungen erstellen.
Als Konsequenz für ein angemessenes Sprechen über Kunst wird ein performativ poetisches
Sprechen vorgeschlagen, das sprechend vollzieht, wovon es spricht.
Melanie Obraz
Bildliches Sprechen
Die Frage nach einer exponierten Stellung des bildlichen Sprechens im Gegensatz zu einer in
Schriftzeichen fixierten puren Begrifflichkeit
Zusammenfassung
Es soll die Besonderheit des bildlichen Sprechens (der Bildwerke der bildenden Kunst) in der
Weise herausgestellt werden, als es sich um eine Exponiertheit handelt, die sich weder einer
bloßen Abgehobenheit noch einer Fantasterei ausliefert. Die Exponiertheit ergibt sich
vielmehr aus dem „Im-Gefühl-gegründet-Sein“, das weit über einen begrifflich-sprachlichen
Horizont der Vermittlung von Verstehen hinausgreift und dennoch – oder gerade auch deshalb
von einer glasklaren Verständigung einerseits und einer sich immer wieder entziehenden
Verständigung andererseits nährt. Das Schweigen, das kein Verschweigen ist, gibt jener Art zu
sprechen die exponierte Stellung, die nach einer Ebene verlangt, die gleichsam Verstand,
Gefühl und Intuition miteinander herausfordert und fördert.
Barbara Narr
Mit Worten Bilder malen
Notizen über den Umgang mit Sprache
Zusammenfassung
Vielfältige Sprache kann vielfältiges Denken fördern. Der Text ist darum ein Plädoyer für
überraschungsvolles Schreiben auch in der Wissenschaft. Er ist ein Plädoyer für Sprache, die
eine dem Menschen zugewandte Neugier spürbar werden lässt. Und ein Plädoyer wider
formelhafte Sprache, in deren Schlepptau sich oft normierende Urteile befinden. Dabei geht
es nicht nur um den ästhetischen Gewinn lebendiger Sprache, sondern auch um den
Missbrauch von Sprache, der einen Missbrauch von Macht ausdrücken und vorbereiten kann.
Verena Kast
Mit Worten berühren
Zusammenfassung
Wörter vermitteln zwischen uns und der Welt: Wir werden von ihnen berührt. Das Sprechen
und die Sprache dienen der Bindung, der Kommunikation und der Kooperation: Es geht um
das gemeinsame Sprechen und um eine gemeinsame Sprache.
Worte, die uns berühren, weisen auf Ressourcen hin, aber auch auf Komplexe, die mit
emotionalen Schwierigkeiten verbunden sind. Worte können uns angenehm oder unangenehm
berühren, sie können heilen oder auch verletzen. Worte haben eine Wirkung. Mit Sprache
können wir behandeln und integrieren, was uns verletzt hat.
Die Sprache ist ein Haus der Kultur und der menschlichen Interaktion.
Peter Petersen
Heilkraft der Sprache
Zusammenfassung
Der Therapeut als Poet des Leidenden hat mit der Sprache ein machtvolles Werkzeug zur
Hand. Dabei kann Sprache sich zum Ausdruck bringen in vielfältigen Disziplinen
Künstlerischer Therapien: Der eigentlichen Kunsttherapie, ebenso Musik-, Bewegungs-,
Schauspieltherapie – auch Psychotherapie als eine Wort-Therapie rechne ich dazu.
Entscheidend in der Worttherapie ist nicht der Aspekt der Information, sondern der Poesie im
ursprünglichen Sinn. In diesem Therapiebeispiel lasse ich die Sprachkraft mit drei Aspekten
sich darstellen: Entgiftungsprozess; Magie des Wortes; der Dialog.
Constanze Schulze
Wechselseitige Herausforderung narrativ-therapeutischer und kunsttherapeutischer
Verfahren aus systemischer Sicht
Zusammenfassung
In Bezug auf die Frage nach der Bedeutung von Sprache in der kunsttherapeutischen Praxis
und Forschung geraten spezifische Methoden und Verfahren in den Blick, die das
Geschichtenerzählen und seine therapeutische Wirksamkeit zum Gegenstand haben.
In der therapeutischen Arbeit, insbesondere mit Kindern und Jugendlichen und ihren
Familien, sind narrativ-therapeutische Ansätze zu einem integrativen Bestandteil
verschiedener ressourcen- und lösungsorientierter systemischer Konzepte geworden. Da ihre
Besonderheit vor allem im Erkunden, Er-Finden, Visualisieren, Zentrieren, Fokussieren, Um-
und Neuerzählen von biografischen (persönlichen wie familiären) „Geschichten“ liegt, bieten
sie für die Kunsttherapie vielfältige Anknüpfungspunkte auf theoretischer wie auf praktischer
Ebene. Die wechselseitige Herausforderung in der Konfrontation von narrativ-therapeutischen
und kunsttherapeutischen Verfahren zeigt sich insbesondere im Hinblick auf die
Möglichkeiten einer methodischen Integration.
Dieser Beitrag will vor dem Hintergrund der Entwicklungen der Systemischen
Therapie/Familientherapie einzelne Aspekte dieser interdisziplinären Begegnung näher
darstellen.
Kerstin Hof
Einfach schreiben, was ist
Kreatives Schreiben als schöpferisch-methodischer Weg kunsttherapeutischer und
pädagogischer Dokumentation
Zusammenfassung
Schreiben ist eine Schlüsselkompetenz in der Kommunikation. Der Artikel stellt das Kreative
Schreiben als einen vielversprechenden und praxisorientierten Pfad auf dem Weg zu einer
angemessenen kunsttherapeutischen und pädagogischen Dokumentation vor. Neben einer
kurzen Einführung in die Haltung und die Methoden des Kreativen Schreibens betrachtet der
Beitrag zunächst den Schreibprozess und seine einzelnen Phasen. Im nächsten Schritt geht es
um die individuelle Schreibmotivation, die sich in Schreiblust oder -unlust und -hemmungen
bis hin zu Schreibblockaden äußern kann. Das Kreative Schreiben bietet hier Auswege und
die Möglichkeit, schriftsprachliche Kompetenzen zu entwickeln und das sprachliche
Ausdrucksniveau (nicht nur, aber auch) hinsichtlich einer ästhetischen Umgestaltung der
Alltagssprache anzuheben. Entsprechend befasst sich der Beitrag auch mit der Fragestellung,
ob eine Dokumentation als ästhetisches Produkt zu verstehen sein sollte.
Abschließend hebt der Artikel noch die besondere Bedeutung hervor, die einer Gruppe beim
Kreativen Schreiben zuteil werden kann, und stellt auswertend einige Erfahrungen aus einer
kreativen Schreibwerkstatt zum Thema „Dokumentieren“ an der FH Ottersberg heraus.
Jörg Holkenbrink
Lügen unter Wahrheitssuchern - Gedanken zu Papieren und Aktionen
Zusammenfassung
Wissenschaftler suchen nach theoretischer Anschlussfähigkeit, Künstler erzählen gerne
Anekdoten, wenn sie ihre Arbeit dokumentieren wollen. Jörg Holkenbrink, künstlerischer
Leiter des Zentrums für Performance Studies der Universität Bremen, ist ein Grenzgänger
zwischen beiden Welten. In seinem Beitrag „Lügen unter Wahrheitssuchern“ plädiert er für
produktive Wechselspiele, welche die unterschiedlichen Zugänge zur Wirklichkeit neu
miteinander in Beziehung setzen. In einem anschließenden E-Mail-Interview mit Michael
Ganß zum Thema „Performance und Dokumentation“ führt er ein solches Wechselspiel auf
herausfordernde Weise vor.
Helga Kämpf-Jansen
Zum Konzept „Ästhetische Forschung“
Mit einem Exkurs „Ästhetische Biografie“
Zusammenfassung
Im vorliegenden Beitrag geht es u. a. darum zu zeigen, wie sich verbal-diskursive
Zugangsweisen und ästhetisch-praktische Strategien im Konzept „Ästhetische Forschung“
aufeinander beziehen und so die unterschiedlichen Möglichkeiten der Erkenntnisgewinnung
produktiv machen. Sprache hat hier mehrere Funktionen: Zum einen erhält sie eine besondere
Bedeutung im Dokumentieren der Arbeitsprozesse und im Reflektieren der unterschiedlichen
Herangehensweisen generell, zum anderen darin, ästhetisch-praktische bzw. künstlerische
Prozesse und Arbeitsergebnisse reflektierend und kommentierend zu begleiten und so
nonverbale Vorgänge in das Medium „Sprache“ zu transferieren. Und zum Dritten geht es
darum, für eigene Textproduktionen verschiedene Theoriediskurse aufzugreifen, die dann
neben den künstlerischen Arbeiten – die thematischen Bearbeitungen fundieren.
Michael Ganß
Die kunsttherapeutische Dokumentation zwischen Bericht und ästhetischer Erfahrung
Wissenschaftliche Standards und die multisubjektiven Bedingungen der kunsttherapeutischen
Praxis
Zusammenfassung
Am Beispiel einer narrativen Dokumentation aus meiner kunsttherapeutischen Praxis stelle
ich den interaktiven und prozessualen Charakter dieses Geschehens dar, in welchem der
Kunsttherapeut Teil des Prozesses ist. Dokumentiert der Kunsttherapeut seine
kunsttherapeutische Praxis, ist er selber Bestandteil der Darstellung. Die kunsttherapeutische
Dokumentation bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Vermittlung des therapeutischen
Geschehens und der Selbstreflexion. Daher gehe ich in meinem Beitrag sowohl auf die
Bedeutung des Adressaten für eine nachvollziehbare Dokumentation wie auf die
intrasubjektiven Prozesse beim Verfasser ein. Eine kunsttherapeutische Dokumentation hat
einen eigenen ästhetischen Wert und ist kein reines Abbild des dokumentierten
therapeutischen Geschehens. Als narrative Darstellung hat sie einen ausgeprägt subjektiven
Charakter und kann vielfältige Formen annehmen, durch die der dokumentierte Prozess
nachvollziehbar wird.
Peter Sinapius
Bilder der Sprache - Sprache der Bilder
Kriterien für die Qualität von Dokumentationen künstlerisch therapeutischer Praxis
Zusammenfassung
Die Verwendung bildhafter oder narrativer Darstellungen in der kunsttherapeutischen
Dokumentation knüpft an einen in den letzten Jahrzehnten interdisziplinär geführten Diskurs
in der Ethnologie, den Kultur-, Kunst- und Bildwissenschaften, den Sozialwissenschaften und
der Philosophie an, der zu Paradigmenwechseln in diesen Disziplinen, sogenannten „cultural
turns“, geführt und teilweise in einem erweiterten Bildverständnis seinen Niederschlag
gefunden hat. Die Ausdehnung des Begriffes „Bild“ auf performative, sprachliche und andere
Darstellungen ermöglicht einen neuen Blick auf Formen der Beschreibung künstlerischer
Prozesse.
In der Kunsttherapie geht es um Handlungen und Ereignisse, die im bildnerischen Werk ihre
Spuren hinterlassen. Ein wesentliches Kriterium für die Qualität einer schriftlichen
Dokumentation der kunsttherapeutischen Praxis ist die Kongruenz der Form der Darstellung
mit den kontextuellen und interaktiven Bedingungen der Situation, die sie zum Gegenstand
hat. Eine Dokumentation künstlerisch therapeutischer Praxis muss in der Lage sein Prozesse
in ihrer situativen Evidenz zu erfassen und darzustellen, da sich die Bedeutung künstlerischer
und dialogischer Prozesse erst aus dem interaktiven Geschehen der konkreten therapeutischen
Situation erschließt. Dazu eignen sich sprachliche Darstellungen, die Bilder erzeugen, um
damit die komplexen und interaktiven Umstände einer Situation zu rekonstruieren und
Vorstellungen von den konkreten Bedingungen künstlerisch therapeutischer Praxis zu
vermitteln.
Um Anhaltspunkte r eine Beurteilung der Qualität von Dokumentationen künstlerisch
therapeutischer Praxis zu gewinnen und unter dem Gesichtspunkt, ob sich die Form einer
sprachlichen Darstellung mit den beschriebenen Situationen im Einklang befindet, entwickele
ich am Beispiel einer Beschreibung meiner eigenen kunsttherapeutischen Praxis Kriterien für
die sprachliche Darstellung kunsttherapeutischer Verläufe.
Maren Theel
Spuren im Bild
Zusammenfassung
Der Beitrag behandelt Verhältnismäßigkeiten von Bild und Sprache. Im Bild wird mittels
zeichnerischer und malerischer Spuren Zeugnis abgelegt von vorangegangenen Bewegungen.
Insofern sind bildnerische Äußerungen Spuren gelebter Zeit. Sie vermitteln sich anders als
Begriffe, die bildnerische Phänomene zu identifizieren versuchen und sie aus ihrem
bildnerischen Zusammenhang lösen.
Bilder sind die Präsenz des Abwesenden. Sie vermögen etwas zum Ausdruck zu bringen,
worin der Mensch mit seiner Lebensgeschichte erscheint. Spuren im Bild zeugen von
Stationen gelebter Zeit. Lebensgeschichte/Werkgeschichte kann als Spurbildung von
Gedächtnis im therapeutischen Prozess wirken. Bilder berühren das Unaussprechliche.
Kristina Menninghaus
Beobachtungen aus dem kunsttherapeutischen Prozess mit einem traumatisierten
Flüchtlingskind
Das Gedächtnisprotokoll als Forschungsinstrument
Zusammenfassung
Der Beitrag beruht auf einer qualitativen Einzelfallstudie, welche die Zusammenhänge der
Bild- und Beziehungsebene im kunsttherapeutischen Prozess eines traumatisierten
Flüchtlingskindes unter dem Gesichtspunkt der ich- und identitätsstiftenden Wirkung von
Kunsttherapie systematisch untersucht (Menninghaus 2006).
Um die innere Dynamik des therapeutischen Prozesses im Dreieck Kunsttherapeut – Patient
Kunst nachvollziehbar zu machen, habe ich mich selber zum „Forschungsinstrument“
gemacht. Ich habe an dem kunsttherapeutischen Prozess mit einem traumatisierten
Flüchtlingskind teilgenommen und meine Be-obachtungen in Gedächtnisprotokollen
dokumentiert. Die Gedächtnisprotokolle wurden anschließend von mir inhaltsanalytisch
ausgewertet und interpretiert. Im Folgenden soll am Beispiel dieser Studie das
Gedächtnisprotokoll als Möglichkeit der Dokumentation eines kunsttherapeutischen Verlaufes
im Rahmen der „teilnehmenden Beobachtung“ vorgestellt werden. In der Interpretation dieser
Protokolle beschränke ich mich auf die Darstellung der identitätsstiftenden Wirkung der
(kunst-)therapeutischen Beziehung.
Annika Nausner
„Aber allein kommt man dahin nicht.“
Eine Geschichte über die therapeutische Beziehung als Ressource für Gestaltung
Zusammenfassung
Ausgehend von der Frage, wie ein kunsttherapeutischer Prozess innerhalb einer klinischen
Studie nachvollziehbar zu beschreiben ist, führt die Suche nach Objektivität paradoxerweise
zur therapeutischen Beziehung als wirksames Agens der Kunsttherapie. Eine forschende
Therapeutin befindet sich in einer Doppelfunktion zwischen den beiden Polen der versuchten
objektiven Betrachtung und der subjektiven, sehr persönlichen Involviertheit in den
therapeutischen Prozess. Innerhalb dieser Spannung soll durch die Beschreibung anhand von
bildnerischen Gestaltungen die therapeutische Beziehung, ihre Entwicklung und ihre
Bedeutung als Ressource nachvollziehbar werden.
Presentation
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Für die Bereiche, die dem subjektiven und intersubjektiven Erleben und nicht der objektiven Wirklichkeit angehören, ist ein Bildbegriff nicht brauchbar, dessen Anspruch es ist, Aussagen zu machen, die verallgemeinerbar sind. Er klammert den intersubjektiven Bereich aus, der laut Yalom der wichtigste, das Ergebnis bestimmende Faktor der Therapie ist, die sich mit dem psychischen Erleben beschäftigt. Das führt uns zu anthropologischen Überlegungen, bei denen der Bildbegriff in einem ganz anderen Zusammenhang eine Rolle spielt.
Presentation
Full-text available
In der Überschrift zu diesem Vortrag werden zwei therapieferne Begriffe in Zusammenhang mit therapeutischen Handlungen gebracht. Die Kunst und die Ästhetik. Kunst ist eine besondere Form individueller und auch sozialer Praxis, die sich innerhalb bestimmter Spielräume vollzieht. Innerhalb dieser Spielräume können Geschichten erfunden, Bilder erzeugt, Dramen oder Komödien inszeniert werden, die auf eine besondere Weise mit unserer Wirklichkeit verbunden sind. Hier kann gehasst, geliebt, gelebt und gestorben werden, ohne dass es unmittelbare gesundheitliche, soziale oder gar strafrechtliche Folgen hat. Wir befinden uns in einem besonderen System mit eigenen Regeln, dem Kunstsystem. Dann taucht in der Überschrift noch ein zweiter therapieferner Begriff auf, der uns aus dem Alltag bekannt ist. Die Ästhetik. Uns interessiert hier aber nicht der Begriff aus dem Alltag, sondern Ästhetik als Theorie der Wahrnehmung. Was unterscheidet eine ästhetische Wahrnehmung der Wirklichkeit, die z.B. die künstlerische Praxis bestimmt, von einer alltäglichen Wahrnehmung.
Chapter
Dieser Beitrag stellt Anordnungen in der Theatertherapie dar (zu Hauptströmungen d. Theatertherapie s. David R. Johnson und Renée Emunah, Current approaches in drama therapy. Charles C Thomas Publisher, Springfield, 2009) und zeigt eine Möglichkeit der systematischen Rekonstruktion von theatertherapeutischen Prozessen auf. Dazu werden drei Ebenen unterschieden: 1) Das therapeutischen Setting, als äußere Rahmenbedingungen. 2) Die Strukturierung innerhalb der Theatertherapiesitzungen. Hier spielen sowohl das Therapie- als auch das Theaterverständnis von Therapeut*in und der Spielenden und die damit verbundenen theatralen, künstlerischen und künstlerisch-therapeutischen Setzungen eine Rolle (vgl. Phil Jones, Drama as therapy: Theatre as living. Routledge, London, 2007). 3) Der Prozess des Aufzeichnens an sich. Welche Methoden und Medien werden eingesetzt? Wie lassen sich flüchtige Erlebnisse und Spielprozesse erfassen (vgl. Isa Wortelkamp, Sehen mit dem Stift in der Hand – die Aufführung im Schriftzug der Aufzeichnung. Rombach Verlag, Freiburg i. Brsg., 2006)? Welche Anordnungen und Setzungen sind nötig und wie gelingt es, eine Sprache zu finden, in der Erleben in der Theatertherapie reflektiert werden kann?
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