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Das Waldviertel – die ewige Abwanderungsregion? Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung. In: Das Waldviertel, 67. Jg., Heft 3, S. 427-438. Horn: WHB.

Authors:
67. Jahrgang
3/2018
Zeitschrift für Heimat- und Regionalkunde des Waldviertels und der Wachau
P. b. b. GZ 02Z032508 M Verlagspostamt 3580 Horn
67. Jahrgang – 3/2018
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Das Waldviertel
Zeitschrift für Heimat- und Regional-
kunde des Waldviertels und der Wachau
(Begründet von Johann Haberl jun. 1927
in Waidhofen an der Thaya)
Der Verein „Waldviertler Heimatbund“ bezweckt lo-
kale Forschungen im und über das Waldviertel, die
Förderung des Geschichts- und Heimatbewusstseins,
die Vertiefung der Kenntnisse der Kunst und Kultur
sowie die Bewahrung und Pflege erhaltenswerter
Zeugen der Vergangenheit, insbesondere auch die
Förderung von Bestrebungen der Denkmalpflege
und des Umweltschutzes im Sinne der Erhaltung der
Naturlandschaft und der Naturdenkmäler. Die Tätig-
keit des Vereins ist nicht auf Gewinn gerichtet. Jede
parteipolitische Betätigung innerhalb des Waldviert-
ler Heimatbundes ist mit den Vereinszielen nicht ver-
einbar und deshalb ausgeschlossen.
Namentlich gezeichnete Beiträge geben die persönli-
che Meinung des Verfassers wieder und stellen nicht
unbedingt die Auffassung der Redaktion dar.
Vorstand: Präsident: Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Tho-
mas Winkelbauer, Wien. Vizepräsidenten: MMag.
Bettina Marchart, Rastenfeld und Hon.-Prof. RA Dr.
Leonhard Reis, Horn. Finanzreferenten: OStR Mag.
Johann Fenz, Horn und Ing. Karlheinz Hulka, Horn.
Schriftführer: Mag. Agnes Wagner, Horn und Harald
Winkler, Gmünd. Schriftleiter der Zeitschrift „Das
Waldviertel“: Mag. Dr. Markus Holzweber, Wien und
MMag. Bettina Marchart, Rastenfeld.
Redaktion: Mag. Johann Fenz, Horn; Dr. Markus
Holzweber, Wien; Mag. Günter Milly, Wien; MMag.
Bettina Marchart, Rastenfeld; Mag. Marlene Müllner,
Gmünd; Dr. Franz Pieler, Asparn/Zaya, Dr. Friedrich
Polleroß, Wien; Mag. Franz Pötscher, Gutau; Mag.
Irmgard Rieder, Wien; Univ.-Prof. Dr. Thomas
Winkelbauer, Wien; Mag. Regina Zotlöterer, Trais-
mauer. Mitarbeiter der Kulturberichte: Bezirk Gmünd:
Harald Winkler, Gmünd. Bezirk Horn: Ing. Karlheinz
Hulka, Horn. Bezirk Krems: Dr. Johannes Gold,
St. Pölten. Bezirk Melk: OSR Herbert Neidhart, Pögg-
stall. Bezirk Waid hofen/Th.: Mag. Werner Neuwirth,
Thaya. Bezirk Zwettl: SR Friedel Moll, Zwettl.
Redaktionsadresse: A-1170 Wien, Leopold- Ernst-
Gasse 34-36/44, oder Telefon 0664/2836789 (Dr. Mar-
kus Holzweber).
Bestellungen von Vereinspublikationen: Wald-
viertler Heimatbund (WHB), A-3580 Horn, Postfach
1, oder Telefon 02982/3991 (Dr. Erich Rabl).
Herausgeber und Medieninhaber (Verleger):
Waldviertler Heimatbund (WHB), ZVR 236970795,
A-3580 Horn. www.daswaldviertel.at
Satz + Druck: Druckwerk Krems – regional genial,
A-3504 Krems-Stein, Karl-Eybl-Gasse 1.
Grafische Gestaltung: Georg Walter, Grafenschlag.
Gedruckt mit Unterstützung der Abteilung Kultur
und Wissenschaft des Amtes der Niederösterreichi-
schen Landesregierung.
ISSN 0259-8957
Waldviertel intern
Das dritte Heft des Jahres 2018
ist dem Herausgeber der Schrif-
tenreihe, Dr. Harald Hitz, gewid-
met. Seit 1991 hat er bereits 26
Bände dieser Reihe redaktionell
betreut. Nunmehr dürfen ihm
Freunde und Kollegen mit dieser
Ausgabe der Zeitschrift „Das
Waldviertel“ sehr herzlich zu sei-
nem 70. Geburtstag gratulieren.
Neben historischen Beiträgen zu
seinem Heimatort Waidhofen an
der Thaya bietet das Heft auch
Beiträge zu Entwicklungspers-
pektiven der Region.
Der Waldviertler Heimatbund
schließt sich mit diesem Heft
den Glückwünschen an und
dankt ihm für sein langjähriges
und unermüdliches Engage-
ment im Verein.
Mit freundlichen Grüßen
Univ.-Prof. Dr. Thomas
Winkelbauer
Präsident
MMag. Bettina Marchart
Hon.-Prof. RA Dr. Leonhard Reis
Vizepräsidenten
Dr. Markus Holzweber
Redaktionsleitung der Zeitschrift
Mag. Johann Fenz
Ing. Karlheinz Hulka
Finanzreferenten
Mag. Doris Gretzel
WHB-Schriftenreihe
Inhalt
Doris Gretzel - Harald Hitz und der WHB – zum 70. Geburtstag 369
Hartwig Hitz - Zum 70. Geburtstag 371
Christian Sonnenberg - Harald Hitz: Ein Pionier des österreichischen
Schulbuchwesens für Geographie und Wirtschaftskunde 373
Wilhelm Malcik - Harald Hitz – Mitgestalter von erfolgreichen
Schulbuchreihen für die AHS-Oberstufe 375
Herbert Knittler - Waidhofen an der Thaya – eine vergessene Braustadt? 377
Helmut Hutter - Das Stippl-Kreuz in Altwaidhofen.
Von einem, der auszog … - Josef Stippl 388
Franz Fischer - Telefonieren in Waidhofen 391
Erich Kerschbaumer - Kollmitzgraben und seine Findelkinder 398
Herbert Neidhart - Spuren der Gerichtsbarkeit der Herrschaft
Rogendorf in Pöggstall 410
Elisabeth Gruber und Martin Heintel - Das Waldviertel – die ewige
Abwanderungsregion? Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung 427
Michal Šindelář - Grenzüberschreitende Zusammenarbeit und
Beziehungen zwischen Südmähren und Niederösterreich aus
Sicht der lokalen Bevölkerung 439
Waldviertler und Wachauer Kulturberichte 451
Buchbesprechungen 470
Mitteilungen des Waldviertler Heimatbundes
Friedrich Polleroß, das Waldviertel und der Waldviertler Heimatbund –
eine kurze Würdigung aus Anlass seines 60. Geburtstages 477
Protokoll der WHB-Jahreshauptversammlung am
Sonntag, dem 27. Mai 2018, im Wegscheidhof in Wegscheid 481
Leserservice 498
Dr. Harald Hitz mit ao. Univ.-Prof. i.R. Dr.
Roland Girtler beim Graselfest in Thaya 2010.
Foto: WHB-Archiv
67. Jahrgang
3/2018
Zeitschrift für Heimat- und Regionalkunde des Waldviertels und der Wachau
P. b. b. GZ 02Z032508 M Verlagspostamt 3580 Horn
67. Jahrgang – 3/2018
NEUERSCHEINUNG MAI 2018
„Jüdische Familien
im Waldviertel
und ihr Schicksal“
Herausgegeben von Friedrich Polleroß
(= Schriftenreihe des WHB Band 58,
ca. 704 Seiten, ca. 600 Abbildungen)
Euro 29,-
Bestelladresse:
www.daswaldviertel.at
Das Waldviertel – die ewige Abwanderungsregion?
Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung
427
Elisabeth Gruber und Martin Heintel
Das Waldviertel – die ewige
Abwanderungsregion?
Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung
Das Waldviertel gilt seit Jahrzehnten als Abwanderungsregion innerhalb Öster-
reichs. Deindustrialisierung und Prozesse der Peripherisierung haben die Lebens-
bedingungen vor Ort beeinflusst. Die wirtschaftliche Situation der Region, die vor
allem durch eine geringe Arbeitsplatzdichte geprägt ist, hat direkten Einfluss auf
die Bevölkerungsentwicklung. Unterdurchschnittliche Erreichbarkeiten und eine
geringe Dichte von starken regionalen Zentren haben dazu geführt, dass sich die
Region im zunehmenden globalen Standortwettbewerb, wie auch viele andere
„ländliche Räume“ in Europa, mit einer dringlichen Herausforderung beschäftigen
muss: dem Rückgang der Wohnbevölkerung. Die Abwanderung gilt als ausschlag-
gebende Determinante dafür.
Im vorliegenden Beitrag soll das Thema Bevölkerungsentwicklung und Abwande-
rung im Waldviertel genau unter die Lupe genommen werden: Welche Entwicklun-
gen lassen sich in den letzten Jahren beobachten und welche Rolle spielt die natür-
liche Bevölkerungsentwicklung, welche Rolle die internationale Migration? Zudem
wird veranschaulicht, welche Auswirkung Abwanderung auf die Region hat. Es wer-
den aber auch Entwicklungen gezeigt, die das negative Image als Abwanderungsregi-
on konterkarieren und darstellen, welche zukünftigen Entwicklungen im Waldviertel
bzw. auch in anderen ländlichen Räumen erwartet werden können und inwiefern es
Perspektiven jenseits der Abwanderung aus Sicht der Regionalentwicklung gibt. Ei-
nerseits wird die Perspektive auf Zuwanderung in ländliche Räume geworfen: Denn
trotz einer Nettoabwanderung zeigt sich in den meisten ländlichen Regionen auch
eine Dominanz gewisser Zuwanderergruppen. Eine zweite Perspektive setzt sich mit
einer neuen Betrachtungsweise von ländlichen Räumen bzw. Regionen mit Bevölke-
rungsrückgang auseinander. So zeigen existierende Studien, dass nicht nur die tat-
sächlich vorherrschenden Realitäten, sondern oftmals das Images von Regionen für
die zukünftige Entwicklung eine große Rolle spielen. Ein Imagewandel oder ein neu-
es ‚Framing‘ als neue Perspektive im Umgang mit Abwanderung wird daher im vorlie-
genden Beitrag ebenfalls als neue Sicht der Regionalentwicklung angeführt werden.
I. Die demographische Entwicklung im Waldviertel im Überblick
Dass das Waldviertel eine Region mit Bevölkerungsrückgang ist, ist kein Mythos.
So zeigt sich seit den 1950er Jahren eine geringer werdende Wohnbevölkerung.
Seit 2002 verliert die NUTS-3-Region pro Jahr im Durchschnitt 800 Einwohner
(Statistik Austria). Der Rückgang – verteilt auf die 111 Gemeinden der NUTS-Regi-
on - klingt dabei nicht sonderlich dramatisch. Dennoch ist dieser nachhaltig und
auch für die nächsten Jahre wird laut den Prognosen1 keine Trendwende erwartet.
Damit ist die Entwicklung in jedem Fall eine stetige.
1 Vgl. ÖKOK, https://www.oerok.gv.at/.
428 Das Waldviertel 67. Jahrgang – Heft 3/2018
Der Verlust der Einwohner lässt sich dabei auf zwei Faktoren zurückführen: auf
die natürliche Bevölkerungsentwicklung und auf die Wanderungsbewegungen.
In Tabelle 1 sind beide Determinanten der Bevölkerungsentwicklung, sowie die
Veränderung gesamt zwischen 2002 und 2016 dargestellt. In der Tabelle zeigt
sich, dass Abwanderung bzw. eine negative Wanderungsbilanz nicht primär der
ausschlaggebende Grund für den Bevölkerungsverlust im Waldviertel ist. Die
negative natürliche Bevölkerungsentwicklung, welche vor allem aufgrund nach-
haltig niedriger Geburtenzahlen zustande kommt, ist in erster Linie ausschlag-
gebend für den Bevölkerungsverlust im Waldviertel. Die Wanderungsbilanz im
Waldviertel zwischen 2002 und 2016 zeigt sich insgesamt positiv, kann allerdings
nicht die negative natürliche Bevölkerungsentwicklung ausgleichen. So gab es
zwischen 2002 und 2016 sowohl Jahre mit einer positiven sowie einer negativen
Wanderungsbilanz. In den meisten Jahren war der Saldo positiv, jedoch die Be-
völkerungsveränderung insgesamt, die die Differenz aus der natürlichen Bevöl-
kerungsentwicklung und der Wanderungsbilanz darstellt, war im Beobachtungs-
zeitraum insgesamt negativ.
Tabelle 1: NUTS-3 Region „Waldviertel“; Bevölkerungsentwicklung 2002-2017 im
jährlichen Verlauf
NUTS 3 Region Waldviertel
Bevölkerung
absolut
Natürliche
Bevölkerungsver-
änderung
Wanderungsbilanz
2002 223385 -519 -21
2003 222866 -506 43
2004 222360 -214 227
2005 222146 -70 331
2006 222076 -561 -118
2007 221515 -438 62
2008 221077 -290 208
2009 220787 -736 -209
2010 220051 -587 120
2011 219464 -110 482
2012 219354 -678 7
2013 218676 -427 258
2014 218249 -120 630
2015 218129 1090 1864
2016 219219 294 841
2017 219513 -1352 -624
(Quelle: Statistik Austria, Wanderungsstatistik; aus: Statcube 2018)
Ausprägung und Verteilung
Bei genauerer Betrachtung der Wanderungsbilanz zeigt sich, dass es die interna-
tionale Zuwanderung ist, die zu einer insgesamt positiven Wanderungsbilanz im
Betrachtungszeitraum der letzten Jahre führt. Die Binnenwanderungsbilanz, also
Das Waldviertel – die ewige Abwanderungsregion?
Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung
429
die Wanderungsbilanz zwischen dem Waldviertel und anderen Regionen Öster-
reichs, ist für die Jahre seit der genauen Registrierung von Wanderungsdaten, also
dem Jahr 2002, negativ. Trotz einer positiven Bilanz reicht die Außenwanderung
nicht aus, um die Entwicklung des Bevölkerungsrückgangs umzukehren, wie das
in anderen Regionen Österreichs der Fall ist, welche Wachstum erfahren. Einzig
im Jahr 2016 zeigte sich auch eine positive Bevölkerungsentwicklung für die Re-
gion als gesamtes. Das Jahr ist durch eine hohe Zuwanderung von Drittstaaten-
Angehörigen geprägt, welche in Österreich um Asyl ansuchten. Die erhöhte Zu-
wanderung durch Flüchtlinge, die im selben Zeitraum in allen Teilen Österreichs
beobachtet werden konnte, zeigte auch einen positiven Effekt auf die Bevölke-
rungsentwicklung in ländlich-peripheren Regionen, wenn auch nicht überall
eine nachhaltige.
Bei der Betrachtung des Nettowanderungssaldos der Binnenwanderungen in Ab-
bildung 1 zeigt sich deutlich, dass es mehrheitlich Personen der jungen Alters-
gruppen sind, die die Region verlassen. An dem positiven Saldo der Altersgrup-
pen 0-4 Jahren und 30-39 Jahren kann zwar auch abgelesen werden, dass auch
mehr junge Familien ins Waldviertel zu- als abwandern, allerdings wiederum
nicht so viele, dass diese den Verlust an Bevölkerung, der durch die natürliche
Bevölkerungsentwicklung entsteht, abfangen werden können.
Die negative Entwicklung, die für die gesamte Region beobachtet werden kann,
muss als regional ausdifferenziert verstanden werden und zeigt keine gleichmä-
ßige Verteilung. Während einige Gemeinden durchaus einen positiven Bevölke-
rungszuwachs verzeichnen (allen voran etwa Krems und die umgebenden Ge-
meinden, aber auch gut erreichbare Gemeinden entlang der Westachse erleben
Wachstum), sind es vor allem Gemeinden in peripheren Lagen des Waldviertels,
wo sich der Bevölkerungsrückgang bereits über längere Zeiträume manifestiert
hat.
Abbildung 1: Wanderungssaldo nach Altersgruppen 2014-2016
(Quelle: Statistik Austria, Wanderungsstatistik; aus: Statcube 2017)
430 Das Waldviertel 67. Jahrgang – Heft 3/2018
Abwanderung: das zentrale Problem für das Waldviertel?
Nachdem sich gezeigt hat, dass neben den Wanderungsbewegungen auch die
natürliche Entwicklung zu einem Bevölkerungsverlust im Waldviertel führen, ist
es zu kurz gegriffen, Abwanderung als einzigen Grund für die negative Bevölke-
rungsentwicklung zu nennen. Dennoch ist es wichtig auch zu bemerken, dass die
natürliche Bevölkerungsentwicklung sehr wohl auch mit der Wanderungsbilanz
in Zusammenhang steht: So sind geringer werdende Geburtenzahlen in Abwan-
derungsregionen auch auf eine fehlende Bevölkerung im jungen Alter zurückzu-
führen. Zunehmende Sterbefälle stehen mit einer älteren Altersstruktur in Zu-
sammenhang. Daher ist die Abwanderung sehr wohl auch als Determinante für
die Bevölkerungsstruktur im Waldviertel zu sehen und auch ausschlaggebend für
die natürliche Bevölkerungsentwicklung im Waldviertel zu verstehen.
Die negative bzw. geringe natürliche Bevölkerungsentwicklung ist aber eine Her-
ausforderungen, die in beinahe allen Regionen in Österreich beobachtet werden
kann. Geburtenzahlen können die Verluste durch Sterblichkeit nur bedingt kom-
pensieren, und somit ist die Zuwanderung in fast allen Regionen in Österreich
derzeit die einzige Perspektive, um die Bevölkerungszahl zumindest vorüberge-
hend zu halten oder um zu wachsen. Im Waldviertel gibt es damit vordergründig
also nicht nur eine Abwanderungsproblematik, sondern viel eher eine Zuwan-
derungsproblematik. In Abbildung 1 kann beobachtet werden, dass die inter-
nationale Zuwanderung durchaus einen Teil der negativen Binnenwanderung
kompensieren kann, allerdings nicht zu Gänze. Für eine Stabilisierung der Region
wäre eine erhöhte Zuwanderung aber notwendig.
II. Was bewirkt der Bevölkerungsverlust im Waldviertel?
Aktuell verliert das Waldviertel – wie bereits erwähnt - pro Jahr etwa 800 Personen.
Bevölkerungsverluste bedeuten für Gemeinden in erster Linie sinkende Steuerein-
nahmen, nachdem Zuweisungen aus dem Länderfinanzausgleich anhand der An-
zahl an Wohnbevölkerung (Hauptwohnsitze) – verteilt auf die Gemeinden – verteilt
wird. Gerade für viele Gemeinden in ländlichen Regionen bzw. generell Gemein-
den, welche keine große Anzahl an Betrieben beherbergen und daher nicht durch
Einnahmen aus der Kommunalsteuer profitieren können, stellen Ertragsanteile aus
dem Länderfinanzausgleich eine Haupteinnahmequelle dar. Wird die Bevölkerung
weniger, so wirkt sich das damit auch auf das Gemeindebudget negativ aus.
Geringeres Budget für Daseinsvorsorge
Geringere Steuereinnahmen bewirken wiederum, dass Gemeinden ihren Hand-
lungsspielraum verlieren. Je weniger Finanzen zur Verfügung stehen, desto we-
niger kann eine Gemeinde auch im Bereich der Daseinsvorsorge anbieten. Die
Daseinsvorsorge reicht dabei von Bildung (Schule), sozialer Einrichtung (Kin-
dergarten, betreutes Wohnen) bis hin zu gebauter Infrastruktur wie Wohnraum,
Grünraum (Parkanlagen) oder technischer Infrastruktur sowie der Abfallentsor-
gung. Nicht selten sind Gemeinden aber auch für die Bereitstellung von öffentli-
chem Verkehr und auch der Subventionierung von Geschäften, die den täglichen
Bedarf erfüllen sollen, zuständig. Das „Weniger werden“ hat damit Einfluss auf
die Lebensqualität vor Ort. Wenn diese gemindert wird, beeinflusst das wiederum
die Bereitschaft von neuer Bevölkerung zu kommen oder für bereits ansässige zu
bleiben.
Das Waldviertel – die ewige Abwanderungsregion?
Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung
431
Fehlen einer kritischen Masse
Des Weiteren bedeutet das Fehlen einer kritischen Masse aber auch das Fehlen
des Bedarfes für bestimmte Einrichtungen. So kam es in der Vergangenheit nicht
selten vor, dass aufgrund fehlender Kinderzahlen Schulen oder Kindergärten ge-
schlossen werden mussten. Der fehlende Bedarf an Wohnraum spiegelt sich zu-
dem in leerstehenden Häusern oder Geschäftslokalen wider, welche sich negativ
auf das Ortsbild auswirken. Die Selektivität der Abwanderung führt dazu, dass
oftmals junge Menschen mit hohem Innovationspotential abwandern, die wie-
derum wirtschaftliche Impulse in der Region anregen könnten. Nicht umsonst
wird im Zusammenhang mit Abwanderung daher von einem sich selbst verstär-
kendem Prozess gesprochen: eine Abwärtsspirale, die nur schwer durchbrochen
werden kann, ist sie einmal in Gang gesetzt.2
III. Perspektiven jenseits der Abwanderung:
Zuwanderung & Regionalentwicklung
Dennoch gibt es Perspektiven für Regionen, die bereits begonnen haben zu
schrumpfen. Die Ziele, die es zu erreichen gilt, sind dabei vordergründig relativ
einfach darzustellen. So wäre es wichtig zu verfolgen, dass die Lebensqualität (vor
allem betreffend der Daseinsvorsorge) vor Ort beibehalten wird bzw. um damit
Personen zum Bleiben, Zurückkehren oder neu Zuziehen zu bewegen. Um eine
stabile Bevölkerungszahl zu halten, wäre es nämlich in jedem Fall auch notwen-
dig, dass sich neue Bevölkerung ansiedelt. Dass diese Aufgabe keine leichte ist,
beweisen allerdings bereits viele vergebliche Versuche von Gemeinden und Re-
gionen diese zu erfüllen. Die Dynamiken der urbanen Konzentration haben sich
in den letzten Jahrzehnten sogar noch verstärkt. Dennoch sollen im folgenden
Text Perspektiven und Handlungsfelder aufgezeigt werden, welche zumindest
mancherorts zu einer Abmilderung des Verlustes der Wohnbevölkerung führen
können und auch auf die Stärken ländlicher Regionen hinsichtlich der Präferenz
als Wohnorte hinweisen sollen.
Im Kontext der Diskussion um Abwanderung werden zu oft die Schwächen be-
trachtet, während Indikatoren für hohe Lebensqualität, welche die im Folgenden
beschriebenen Entwicklungen durchaus unterstreichen, nicht immer bewusst
wahrgenommen werden. In einer ersten Perspektive wird gezeigt, welche poten-
tiellen Zuwanderer vor allem ländlichen Räumen hohe Attraktivität zuschreiben.
In einer zweiten Perspektive wird dargestellt, inwiefern Sprache über ländliche
Räume erst Realitäten schafft und tatsächliche Gegebenheiten vor Ort womöglich
verschweigt und negative Entwicklungen in den Vordergrund rückt.
Perspektive 1: Der ländliche Raum als Zielort für Migration?
Während bereits vorher beschrieben wurde, dass vor allem junge Bevölkerung
ländliche Räume verlässt, so gibt es auch andere Zuwanderergruppen, die nach
wie vor den ländlichen Raum als Wohnort bevorzugen. Bei aller Diskussion um
Abwanderung wird oftmals vergessen, dass Abwanderung nicht bedeutet, dass
keine Personen zuwandern. Am Beispiel des Waldviertels hat sich gezeigt, dass
trotz eines zeitweise positiven Wanderungssaldos der Fokus auf die zuwandern-
2 Gerlind Weber/Tatjana Fischer, Gehen oder Bleiben? Die Motive des Wanderungs- und Bleibeverhal-
tens junger Frauen im ländlichen Raum der Steiermark und die daraus resultierenden Handlungs-
optionen. In: Ländlicher Raum 4 (2012) S. 1-13; Online-Fachzeitschrift des Bundesministeriums für
Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, S. 9.
432 Das Waldviertel 67. Jahrgang – Heft 3/2018
de Bevölkerung und deren Bedürfnisse vernachlässigt wird. Während oft überlegt
wird, wie man die jungen Menschen vom Abwandern abhalten kann, wird selten
überlegt, wie man die Zuwanderer noch stärker in den Fokus nehmen kann. Im
Folgenden werden Zuwanderer in den ländlichen Raum beschrieben, die auch im
Waldviertel beobachtet werden können und vielleicht in Zukunft noch stärker in
den Blick genommen werden sollten.
Familienzuwanderung und Zuwanderung im „mittleren Alter“
Viele „ländliche Regionen“ zeigen einen Verlust von junger Wohnbevölkerung auf.
Im Alter der Familiengründung und -konsolidierung zeigen aber gerade Stadtum-
landbereiche und Pendlereinzugsbereiche, aber auch peripherer gelegene länd-
liche Räume, eine Rückwanderung oder Zuwanderung von Familien. Im Wald-
viertel gibt es einige Regionen, die einen großen Zuzug von Familien erfahren,
bzw. für Familien eine hohe Lebensqualität vorweisen. Der Wunsch vom Wohnen
im Grünen und vom Eigenheim ist in Österreich ein ungebrochener Trend, aber
nicht mehr überall leistbar. Allein deshalb gilt das Waldviertel für viele junge Men-
schen als attraktive Zuzugsregion. Aber auch familiäre Bindung ist für eine Rück-
kehr ein entscheidender Faktor.
Obwohl das Waldviertel als Region für Familien nach wie vor attraktiv ist, gibt es in
anderen ländlichen Räumen teilweise eine stärkere Ausprägung der Familienzu-
wanderung, was wiederum mit der Arbeitsplatzsituation in Verbindung zu brin-
gen ist. Auch städtische Bereiche zeigen sich in den letzten Jahren zunehmend als
attraktive Lebensräume für Familien. Für das Waldviertel bedeutet das auch wei-
terhin zu versuchen attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen zu schaffen und
diese auch nach außen zu tragen. Betriebe wie Sonnentor oder Gea gelten auch
überregional als besonders familienfreundliche Arbeitsplätze und erfahren große
Nachfrage auch bei Zu- und Rückwanderern.3 Die Gründe dafür sollten stärker in
Erfahrung gebracht werden und auch für andere Unternehmen als Vorzeigebei-
spiele dienen.
Daneben können auch Initiativen auf regionaler Ebene als positive Beispiele für
Vereinbarkeit von Beruf und Familie genannt werden, wie etwa die Schaffung von
Ganztageskinderbetreuung. Ein Ausbau von sozialen Einrichtungen für Famili-
en wird in Zukunft notwendig sein, um ein attraktiver Standort zu bleiben. Denn
nicht nur Arbeitsplätze allein, sondern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
ist – gerade im ländlichen Raum – ein Thema, dem in Zukunft noch viel stärker
Beachtung geschenkt werden muss.
Der ländliche Raum als Zielort von Ruhestandsmigration und lebensstilorientier-
ter Zuwanderung
Unter dem Schlagwort „Retirement Migration“ werden seit den 1970er Jahren
vermehrt Wanderungen beobachtet, die nach der Pensionierung stattfinden.4
Ruhestandsmigration zeigt unterschiedliche räumliche Ausprägung als andere
Formen der Wanderungen. So werden von Senioren kleinere Siedlungen in räum-
lich attraktiven Lagen bevorzugt: in der Nähe zu Gewässern, zu Wäldern oder zu
Bergen. Auch in Österreich lässt sich Ruhestandsmigration beobachten, wie auch
3 Vgl. Ramon Bauer/Elisabeth Gruber/Martin Heintel, Demographie-Check als Planungsgrundlage für
Regionalentwicklung: LEADER-Region Waldviertel Süd – Nibelungengau. In: Wv 4 (2013) S. 433-455.
4 Vgl. Robert F. Wiseman, Why Older People Move: Theoretical Issues. In: Research on Ageing, 2 (1980)
S. 141-154.
Das Waldviertel – die ewige Abwanderungsregion?
Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung
433
beim Wanderungssaldo (Abb. 1) zu erkennen ist. Innerhalb Österreichs werden
dabei ländlich-periphere Regionen im Süden und Osten Österreichs bevorzugt.5
Im Alter zwischen 55 und 69 Jahren verlagern rund 60 Prozent der Personen, die in
diesem Alter noch einmal ihren Wohnstandort verlegen, diesen von Städten aufs
Land, ca. 26 Prozent in Stadtumlandbereiche. Dabei sind es insgesamt aber nur
rund 5 Prozent der 55 bis 69-jährigen in Österreich die im Alter noch einmal ihre
Wohnortgemeinde wechseln. Zahlenmäßig sind Personen, die innerhalb Öster-
reichs im Alter ihren Wohnstandort verlegen, nur gering (rund 18 000 Wohnstand-
ortverlagerungen im Jahr 2014). Durch die räumliche Konzentration in ländlichen
Bereichen ist diese Gruppe aber mancherorts von großer Bedeutung.
Auch im Waldviertel können in einigen Gemeinden Zuwanderungen von Senio-
ren beobachtet werden, die einen positiven Effekt für die Gemeinden haben. Se-
nioren zeigen dabei einerseits Interesse an Immobilien, die für junge Menschen
weniger attraktiv sind (z.B. in innerstädtischer Lage in Kleinstädten oder alte,
teilweise renovierungsbedürftige Häuser in abgeschiedener Lage). Zudem sind
sie nicht an einen Arbeitsplatz gebunden, nutzen aber dennoch die örtliche In-
frastruktur und sind auch teilweise in Vereinen aktiv. Gerade im Waldviertel, wo
ein großer Teil der Menschen auspendelt, ist eine Bevölkerung mit Potenzial in
der Nachbarschaftshilfe und anderen ehrenamtlichen Bereichen aktiv zu sein von
großer Bedeutung.
Im Waldviertel ist ein Zuzug im Seniorenalter vor allem aus dem Raum Wien
wahrzunehmen, was auf einen hohen Anteil an Rückwanderern schließen lässt.
Dennoch findet sich auch neue Wohnbevölkerung unter den älteren Zuwande-
rern, und auch eine Nachfrage aus anderen Teilen Österreichs ist zu vernehmen.6
In anderen Teilen Österreichs wurde von einigen Gemeinden der Zuzug von Seni-
oren bereits als potenziell gewinnbringender Zuzug wahrgenommen und durch
Projekte gezielt gefördert. Aber nicht nur Marketingmaßnahmen, sondern auch
die gezielte Integration von Neuzuwanderern ist wichtig, damit es für eine Ge-
meinde positive Effekte geben kann.
Dass der ländliche Raum und auch das Waldviertel attraktiv für die Zuwanderung
dieser Gruppe sind, zeigt in jedem Fall, dass eine hohe Lebensqualität vorhanden
ist. Denn Ruhestandmigranten sind vor allem an landschaftlich attraktiven Orten
und Orten mit einer guten Ausstattung von Daseinsvorsorge interessiert. Neben
Senioren gibt es auch noch andere Bevölkerungsgruppen, die ihren Wohnstand-
ort nicht (nur) aufgrund von Erwerbs- oder Ausbildungsmöglichkeiten wählen.7
In der Migrationsforschung werden zunehmend lebensstilorientierte Wanderun-
gen in den Blickpunkt genommen, welche als Hauptmotiv eines Wohnstandort-
wechsels vor allem Lebensqualität sowie Freizeitmöglichkeit sehen. Zwar können
es sich nicht alle Bevölkerungsgruppen leisten, unabhängig von einem Arbeits-
platz zu leben – eine Wohnortqualität ist aber bei den meisten Umzügen auch
mitentscheidend.
5 Vgl. Elisabeth Gruber, Im Ruhestand aufs Land? Ruhestandsmigration und deren Bedeutung für
ländliche Räume in Österreich (= Ländliche Räume: Beiträge zur lokalen und regionalen Entwicklung,
Bd. 2, Münster 2017).
6 Vgl. Gruber, Ruhestand (wie Anm. 5).
7 Michaela Benson/Karen O’Reilly, Migration and the search for a better way of life: a critical explorati-
on of lifestyle migration. In: The Sociological Review 57/4 (2009) S. 608-625.
434 Das Waldviertel 67. Jahrgang – Heft 3/2018
Multilokalität und Zweitwohnsitze
Besonders im Bereich der Ruhestandsmigration können im Waldviertel auch vie-
le Personen beobachtet werden, die zwar zuziehen, deren Wohnstandortverlage-
rung aber nicht als richtiger Zuzug gewertet werden kann. Nicht alle Personen,
die sich – vor allem in der Pension – dazu entscheiden, ihren Wohnstandort zu
verlagern, machen das auch permanent und mit der Aufgabe des alten Wohnsit-
zes. Oftmals werden zusätzliche Wohnstandorte aufgebaut oder gepflegt, nicht
immer meldet man sich auch offiziell an. Auch in anderen Altersgruppen ist die-
ser Trend anhaltend zu bemerken. Für die Gemeinden bedeutet das keine Zuwei-
sungen durch den Länderfinanzausgleich, welcher nur für hauptwohnsitzgemel-
dete Bevölkerung ausgezahlt wird.
Dennoch ist ein Zweitwohnsitz nicht als vergebene Zuwanderung zu betrachten.
Auch Zweit- oder Nebenwohnsitz-Bevölkerung bringt Investitionen. Und teilwei-
se kommt es irgendwann doch zu einem finalen Zuzug. Zwar bedeutet die der-
zeitige Regelung keine Zuweisungen aus dem Steuertopf, in Bundesländern wie
Tirol oder Salzburg, wo Zweitwohnsitze aufgrund der angespannten Lage am Im-
mobilienmarkt als stark problematisch erachtet werden, zeigen sich aber bereits
Lösungsansätze wie auch bei Freizeitwohnsitzen Steuergelder erhoben werden
können. In jedem Fall ist davon auszugehen, dass zunehmend hybride Lebens-
stile an mehreren Orten gelebt werden. Eine Überlegung, wie diese auch jenseits
finanzieller Ressourcen gewinnbringend für die Gesellschaft vor Ort sein können,
ist damit sicher nicht verkehrt.
Internationale Zuwanderung und Flüchtlingsmigration
Im Jahr 2015 und 2016 erlebten vor allem aufgrund der starken Zunahmen von
Zuwanderungen von Asylwerbern auch einige ländliche Gemeinden ein – zumin-
dest kurzfristig - starkes Wachstum der Wohnbevölkerung. Viele kleine Gemein-
den stellten Quartiere zur Verfügung. Nicht überall gelang es, dass Personen auch
langfristig bleiben wollten. Internationale Zuwanderung und auch die Zuwan-
derung von Flüchtlingen sollte aber auch gerade in ländlichen Gemeinden als
Chance anerkannt werden. Junge Bevölkerung, die gewillt ist, sich zu integrieren
und zu arbeiten, wurde in einigen Regionen Europas bereits als großes Potenzial
erkannt.8 Ländliche Räume bieten zudem auch ein gutes Umfeld, etwa für junge
Familien, aber auch für die Integration in die Gesellschaft generell.
Um mehr internationale Zuwanderer zum Kommen und Bleiben zu bewegen, gilt
es aber auch, die richtigen Voraussetzungen zu schaffen. Das fängt bereits beim
„Willkommenheißen“ der neuen Bewohner an, aber auch bei der Akzeptanz un-
terschiedlicher Lebensformen und Lebensstyle, welche oftmals eher ausschließ-
lich in urbanen Regionen als möglich betrachtet wird. Um eine negative natürli-
che Bevölkerungsentwicklung nachhaltig auszugleichen wird ein stärkerer Fokus
auch auf internationale Zuwanderung, in Zukunft jedenfalls auch in ländlichen
Räumen, wichtig sein und eher als Stärke und nicht als Herausforderung betrach-
tet werden müssen.
8 Vgl. Silke Franke/Holger Magel (Hg.), Flüchtlinge aufs Land? (= Argumente und Materialien zum
Zeitgeschehen 106, München 2016) S. 103-111. Online: https://www.hss.de/fileadmin/user_upload/
HSS/Dokumente/_Publications_/161229_AMZ-106_INTERNET.pdf.
Das Waldviertel – die ewige Abwanderungsregion?
Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung
435
Perspektive 2: Neue Diskurse in der Regionalentwicklung
Auch wenn mancherorts ein „Wenigerwerden“ prognostisch stattfinden wird, gilt
es dennoch auch in diesem Zusammenhang, die gängigen Diskurse zu hinter-
fragen. Wie wirken sich beispielsweise Bilder der Benachteiligung auf die – sei es
individuelle, sei es soziale – Gestaltung und Planung der Gegenwart und Zukunft
aus? Welche historischen und soziokulturellen Kontexte sind für Imaginationen
und Narrative der Regionalentwicklung des Waldviertels von Bedeutung und in
welchen Traditionslinien stehen sie? Fragen wie diese werden zunehmend häu-
figer bei einschlägigen Veranstaltungen diskutiert9, nicht zuletzt im Zusammen-
hang, wie Regionalentwicklung in Zukunft proaktiv gestaltet werden kann und
entwicklungshemmende Bilder stärker kritisch hinterfragt werden können. Auch
darin liegen Potenziale, die für das Waldviertel nutzbar sind.
Eine neue Sprache zum Entkommen aus der Negativspirale
Die Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK)10 widmet sich im Rahmen
einer ÖROK-Partnerschaft ebenso diesem Thema und kommt zum Schluss, dass
„die Sprache über Regionen mit Bevölkerungsrückgang und die damit verbunde-
nen Phänomene überwiegend negativ geprägt sind. Die so konstruierte öffentli-
che Wahrnehmung dieser Region begünstigt eine Negativspirale, denn Sprache
stellt Wirklichkeit her. … die Regionalpolitik und -planung braucht geeignete me-
thodische Zugänge, die außerhalb ihres klassischen Repertoires liegen. Kommu-
nikationswissenschaft und Psychologie können eine wesentliche Bereicherung
darstellen.“11 In aktuellen Projekten der Regionalentwicklung wird daher zuneh-
mend ein sprachlicher Zugang reflektiert sowie auf das Wording geachtet. Dabei
wird Regionalentwicklung im Kontext von Framing reflektiert.
Die Frage, die sich somit stellt ist, in welche Zusammenhänge die Entwicklung
einer Region, die Entwicklung z.B. konkret des Waldviertels, eingebettet wird.
„Framing bezeichnet das Einbetten eines Themas in ein bestimmtes Bedeutungs-
umfeld. Laut Goffman sind Frames grundlegende kognitive Strukturen, die die
Wahrnehmung und Widerspiegelung von Realität lenken. Im Allgemeinen wer-
den Frames nicht bewusst erzeugt, werden jedoch unbewusst während des kom-
munikativen Prozesses übernommen. Vereinfacht lässt sich sagen, dass Frames
durch eine bestimmte Themenstrukturierung die Blickrichtung des Informati-
onsprozesses vorgeben und regeln…“12 Frames wirken sich laut Wehling nicht
nur auf den Prozess der Sprachverarbeitung aus, sondern auch auf unsere Wahr-
nehmung.13
Was bedeuten nun – einfach gesagt – Begriffe wie Schrumpfung, Rückzug, Rück-
bau, Verlust oder Problemregion im Kontext der Regionalentwicklung? Wieder-
holungen dieser Art erzeugen sog. „Deep Frames“, Bilder bzw. Metaphern, die
9 Vgl. u.a.: Dialog-Workshop: „Regionen mit Bevölkerungsrückgang – Perspektiven für einen Image-
Wandel“, Friedersbach 2018, https://www.zukunftsraumland.at/veranstaltungen/9523 (Zugriff:
02.07.2018); ÖREK-Impulstreffen, Wien 2018, https://www.oerok.gv.at (Zugriff: 02.07.2018) und
„Gutes Leben auf dem Land? Imagination, Projektion, Planung, Gestaltung“ (Halle 2018),
http://www.dorfatlas.uni-halle.de (Zugriff: 02.07.2018)
10 Vgl. https://www.oerok.gv.at (Zugriff: 04.07.2018).
11 Thomas Dax u.a., Regionen mit Bevölkerungsrückgang; Experten-Impulspapier zu regional- und
raumordnerischen Entwicklungs- und Anpassungsstrategien. Analyse und strategische Orientierung.
Endbericht im Auftrag des Bundeskanzleramts Österreich (Wien 2016) S. 79.
12 Vgl. http://luhmann.uni-trier.de/index.php?title=Goffmann:_Framing (Zugriff: 02.07.2018)
13 Vgl. Elisabeth Wehling, Politisches Framing; Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus
Politik macht (= edition medienpraxis 14, Köln 2016) S. 32f.
436 Das Waldviertel 67. Jahrgang – Heft 3/2018
Werturteile (ver)stärken, z.T. unabhängig ihrer empirischen Evidenz. Die Konse-
quenzen daraus sind jedenfalls fatal. Diese „Todesmetaphern“ führen dazu, dass
eine Region sowohl von innen wie auch von außen damit unmittelbar assoziiert
wird.
Abwanderungsregion? Auf der Suche nach einem neuen „Framing“
Einer Abwanderungsregion wird dann beispielsweise zugeschrieben, dass es kei-
ne Arbeitsplätze gibt, auch wenn dies nicht stimmen sollte, und z.B. Fachkräf-
temangel herrscht. In zahlreichen Interviews und Studien, die im Waldviertel
durchgeführt worden sind,14 hat sich gezeigt, dass die lokale Arbeitskraft bei den
Betriebseignern, die aufgrund ihrer Loyalität zum Betrieb und zur Region die ge-
fragtesten Arbeitskräfte sind: vielfach fehlen sie jedoch, weil sie in die städtischen
Großräume gezogen sind. Umgekehrt ist es schwer Personen von außen zu ge-
winnen, wenn dieses Image mit der Region assoziiert wird.
Wenn von Regionaler Identität die Rede ist, kommt daher der Zuschreibung, die
Menschen oder Medien einer Region geben, verstärkte Bedeutung zu.15 Aus der
Sicht der Regionalentwicklung lässt sich die Frage ableiten, welche Geschichte,
welches „Narrativ“, eine Region nun erzählen will. Einfach gefragt: „Welche Story
sollen alle Schulkinder des Waldviertels lernen, behalten und weitergeben?“ Ist es
eine Geschichte des Niedergangs, oder vielleicht eine Geschichte der Ökoregion
Waldviertel mit vielen naturräumlichen Ressourcen und spezialisierten erfolgrei-
chen Gewerken, um nur zwei Beispiele zu nennen. Hierbei geht es nicht darum,
etwas zu erfinden was nicht ist, sondern andere Fakten in das Licht zu stellen.
„Eine Erzählung ist eine Form der Darstellung. … Das Attribut narrativ wird auch
für die Methode verwendet, Sachverhalte und Lehren in Form von Storys zu ver-
mitteln. Ein Narrativ bezeichnet in anthropologischer Perspektive und in der Er-
zähltheorie eine auf Geschichte bezogene Äußerung, die sowohl Inhalt als auch
Subtext transportiert und deren Funktion es ist, Erlebtes in bekannte Kategorien
zu bringen“.16
Werden „Geschichten“ im Kontext der Historischen Anthropologie als histori-
sche Praxis begriffen, können diese auch im Kontext der Regionalentwicklung
aufgearbeitet werden. „Alltagswirklichkeiten gelten in dieser Perspektive als von
historischen Akteuren geformt und getragen, verändert oder zerstört. … Fragen
richten sich auf das konkrete ‚Machen‘, ‚Tun‘ und ‚Ausdrücken‘ von Ereignissen
und Konfigurationen sowie auf deren Wahrnehmungen. Die materialen Alltage
der Menschen erweisen sich als veränderliche, zugleich als ihrerseits verändern-
de Momente historischer Prozesse. Dazu gehören die Profile von Interessen und
Emotionen in ihren praktischen Wirkungen und Umsetzungen, aber auch in ih-
ren medialen wie symbolisch-rituellen Voraussetzungen und Vermittlungen. Si-
tuative Verknüpfungen werden erschlossen…“.17
Neue Geschichten braucht das Land
Geschichten zu erzählen bedeutet somit zum einen eine reflexive Auseinander-
setzung mit der Vergangenheit, gleichzeitig jedoch zum anderen das Aufbereiten
14 Vgl. Bauer/Gruber/Heintel, Demographie-Check (wie Anm. 3).
15 Vgl. Leo Baumfeld, Regionale Identität gestalten. Manuskript (2011), online: http://www.baumfeld.
at/files/identi-01-regionale-identitaet.pdf (Zugriff 02.07.2018), S. 4.
16 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Erz%C3%A4hlung (Zugriff: 02.07.2018).
17 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Historische_Anthropologie (Zugriff: 02.07.2018).
Das Waldviertel – die ewige Abwanderungsregion?
Perspektiven aus der Sicht der Regionalentwicklung
437
zukünftiger Entwicklungsoptionen. Geschichten eignen sich deshalb so gut, da
sie im Optimalfall ein Bindeglied zwischen Emotionen, Informationen, Unter-
haltung und Spannung darstellen. Sie wirken dabei als Informationsträger, da sie
vielfach unbewusst wirken und in bekannten/gelernten Mustern ablaufen. Sie
wecken Gefühle und bilden ein „Kino im Kopf“. Aus der Sicht der Regionalent-
wicklung sind sie insofern sehr wertvoll, da sie Diskussionsstoff liefern und zum
Dialog einladen. Sie bieten Anknüpfungspunkte, sie lassen sich fortsetzen und
sie lassen sich auch verändern. Genau darin liegt noch viel ungenutztes Potenzi-
al. Regionalentwicklung ist eine Querschnittsmaterie, die auf unterschiedlichen
Handlungsebenen von öffentlicher Verwaltung bis zu Bottom-up-Prozessen zur
Anwendung kommt. Die Wirkung zielt dabei auf sämtliche Maßstabsebenen von
einer EU-Zielgebietskulisse bis hin zu lokalen Projekten. Die Qualität und Dauer
der Prozesse ist sehr unterschiedlich und wird in der Regel von Governance-Ar-
rangements gesteuert.18 Genau diese Governance-Arrangements, dieses Zusam-
menwirken unterschiedlicher Steuerungsebenen, bei denen regionale Akteure
eine große Rolle spielen, sind Kommunikatoren dieser Geschichten.
Wie kann nun ein Selbstbild oder Image, eine Selbst- oder Fremdwahrnehmung
verändert werden? Wie kann das „regionale Gejammer“ aufhören? Wichtig ist in
jedem Fall eine Reflexion historischer Kontexte. Wie lässt sich Entwicklung in
meiner Region darstellen? Welche Akteure haben hier eine Rolle gespielt? War-
um fühle ich mich benachteiligt? Wichtig ist das Überdenken der Deep Frames
und das bewusste Verwenden von Sprache. Dabei kommt dem Bewusstsein über
die Alltagsverwendung von Sprache besondere Bedeutung zu. Auch das Kontex-
tualisieren einer Innensicht zu empirischer Evidenz kann hilfreich sein, um Ge-
schichten näher an die Fakten zu bringen. Gelingt dies da und dort, können neue
Geschichten mit einer Vielfalt an positiven Konnotationen erzählt werden.
IV. Fazit und Schluss: das Waldviertel - eine Region mit Abwanderung und den-
noch Zukunftsraum?
Der vorliegende Beitrag betrachtete das Thema der Abwanderung und des Bevöl-
kerungsrückgangs im Waldviertel und zeigte, welche Rolle die Abwanderung in
der Bevölkerungsentwicklung der Region spielt, welche Auswirkungen Abwande-
rung auf die Region hat, aber auch, welche Perspektiven es für von Abwanderung
betroffene Regionen wie etwa das Waldviertel aus Perspektive der Regionalent-
wicklung gibt
Einerseits wurde gezeigt, dass der Bevölkerungsrückgang zwar in der Region nach
wie vor existent ist und mit Abwanderung in Zusammenhang steht, dass aber das
Waldviertel sehr wohl auch Zuwanderung erlebt, und dass gewisse selektive Zu-
wanderungen (etwa von Familien oder Personen im Ruhestand und auch multi-
lokal lebenden Personen) für die Lebensqualität der Region sprechen. Auch bei
sogenannten „Abwanderungsregionen“ darf nicht außer Acht gelassen werden,
dass es auch immer eine Zuwanderung gibt. Am Beispiel des Waldviertels zeigt
sich sogar teilweise ein positiver Wanderungssaldo, welcher allerdings die negati-
ve Fertilitätsentwicklung nicht zur Gänze ausgleichen kann.
Diskurse um das Thema Schrumpfung und Abwanderung zeigen oftmals einen
18 Vgl. Martin Heintel, Regionalentwicklung. In: Akademie für Raumforschung und Landesplanung
(Hg.), Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung. Hannover (im Erscheinen 2018; online
unter: http://humangeo.univie.ac.at/ueber-uns/team/martin-heintel/publikationsliste/).
438 Das Waldviertel 67. Jahrgang – Heft 3/2018
verkürzten Blick auf tatsächliche Entwicklungen, welche wiederum dazu führen,
dass Regionen, welche diese Entwicklungen erleben, mit Images versehen wer-
den, die nicht immer zutreffen. Etwa, dass Abwanderung gleichzeitig mit unat-
traktiven Lebensbedingungen für alle Bevölkerungsgruppen im Zusammenhang
steht, oder dem nicht Vorhandensein attraktiver Arbeitsplätze. Im Beitrag konnte
gezeigt werden, dass für das Waldviertel beide Images widerlegt werden können.
Und dennoch ist das Image des Waldviertels als ewige Abwanderungsregion das
dominante Narrativ, das sich festsetzt.
Um Zuwanderung zu forcieren und auch das Bleiben und Zurückkehren zu för-
dern wird es weiterhin unablässig sein, die Region als Ort mit hoher Lebensquali-
tät zu fördern und zu entwickeln, aber auch zu propagieren, dass es trotz Abwan-
derung eine positive Lebensqualität vor Ort gibt, ebenso wie Arbeitsplätze. Das
Arbeiten an den Images, das Durchbrechen einer Abwanderungskultur sind also
ebenso bedeutend, um sich als ländlicher Raum im Standortwettbewerb und im
Wettbewerb um Wohnbevölkerung durchzusetzen, wie die tatsächliche Situation
vor Ort.
Bei der derzeitigen Fertilitätsentwicklung muss aber dennoch davon ausgegan-
gen werden, dass es auf Dauer nicht überall Wachstum geben kann. Und nach-
dem Wanderungen in Österreich derzeit die entscheidende Komponente der
Bevölkerungsentwicklung darstellen, bestimmen diese auch, wo Bevölkerung
wächst und wo diese zurückgeht. Damit wird es in einigen Regionen nicht wieder
zu einem Anwachsen oder gar zu einer weiteren Ausdünnung der Wohnbevöl-
kerung kommen und Regionen werden in Zukunft stärker in einem Wettbewerb
um – vor allem junge – Bevölkerung stehen. Der Beitrag ermutigt dennoch auch
traditionelle Abwanderungsregionen dazu, sich weiterhin in diesem Wettbewerb
mit unterschiedlichen Mitteln und Perspektiven zu behaupten, nachdem trotz
(selektiver) Abwanderung auch (selektive) Zuwanderung und damit Zukunft
möglich ist.
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Regionen mit Bevölkerungsrückgang -Perspektiven für einen ImageWandel
  • U Vgl
Vgl. u.a.: Dialog-Workshop: "Regionen mit Bevölkerungsrückgang -Perspektiven für einen ImageWandel", Friedersbach 2018, https://www.zukunftsraumland.at/veranstaltungen/9523 (Zugriff: 02.07.2018);
Zugriff: 02.07.2018) und "Gutes Leben auf dem Land? Imagination, Projektion, Planung, Gestaltung
  • Örek-Impulstreffen
ÖREK-Impulstreffen, Wien 2018, https://www.oerok.gv.at (Zugriff: 02.07.2018) und "Gutes Leben auf dem Land? Imagination, Projektion, Planung, Gestaltung" (Halle 2018), http://www.dorfatlas.uni-halle.de (Zugriff: 02.07.2018)
Regionen mit Bevölkerungsrückgang
  • Thomas Dax
Thomas Dax u.a., Regionen mit Bevölkerungsrückgang;
Politisches Framing; Wie eine Nation sich ihr Denken einredet -und daraus Politik macht
  • Elisabeth Vgl
  • Wehling
Vgl. Elisabeth Wehling, Politisches Framing; Wie eine Nation sich ihr Denken einredet -und daraus Politik macht (= edition medienpraxis 14, Köln 2016) S. 32f.
Regionen mit Bevölkerungsrückgang -Perspektiven für einen Image-Wandel
  • Vgl
Vgl. u.a.: Dialog-Workshop: "Regionen mit Bevölkerungsrückgang -Perspektiven für einen Image-Wandel", Friedersbach 2018, https://www.zukunftsraumland.at/veranstaltungen/9523 (Zugriff: 02.07.2018);
  • Leo Vgl
  • Baumfeld
Vgl. Leo Baumfeld, Regionale Identität gestalten. Manuskript (2011), online: http://www.baumfeld. at/files/identi-01-regionale-identitaet.pdf (Zugriff 02.07.2018), S. 4.