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Das „ökologisch“ lernende Unternehmen – zwischen Adaption und Innovation (1997): Transformationspfade

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Abstract

Unternehmen geraten unweigerlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sobald es um „bessere“ Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur geht. Die auf Gewinnerzielung unter Wettbewerbsbedingungen angelegten Erwerbsorganisationen sind bevorzugte Adressaten für umweltpolitische Reformen. Sie, und erst in zweiter Linie die Konsumenten, bestimmen Art und Umfang des Stoffwechsels mit der Natur.
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Kapitel 12
Das „ökologisch“ lernende Unternehmen zwischen Adaption und Innovation (1997)
revidierte Fassung 2018
(veröffentlicht in Helmut Wiesenthal: Rationalität und Organisation 2 Transformationspfade. Wiesbaden: Springer VS 2019, 265-
286)
1 Einleitung
Unternehmen geraten unweigerlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sobald es um „bessere“ Be-
ziehungen zwischen Gesellschaft und Natur geht. Die auf Gewinnerzielung unter Wettbewerbsbe-
dingungen angelegten Erwerbsorganisationen sind bevorzugte Adressaten für umweltpolitische
Reformen. Sie, und erst in zweiter Linie die Konsumenten, bestimmen Art und Umfang des Stoff-
wechsels mit der Natur. Sie bestimmen über die Nutzung von Energie und Ressourcen, verbrau-
chen Wasser, Luft und Boden und bewirken durch den ständigen Wandel der Produkte und Verfah-
ren, dass die Beziehung von Natur und Gesellschaft immer wieder andere Formen annimmt und
neue Probleme aufwirft, noch bevor die älteren gelöst sind.
Unternehmen sind aber auch die Veranstalter eines stürmischen und faszinierenden Kulturwandels.
Produktinnovation und Marketing haben traditionelle Sinnstifter abgelöst. Die im Wettbewerb um
Konsumentscheidungen entstehenden Sinnbilder von „zeitgemäßen“ Bedürfnissen und Lebenssti-
len halten den Überredungskünsten nahezu aller weltlichen und religiösen Autoritäten stand. Doch
auch das ist noch nicht alles. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Unternehmen, insbesondere
ihre Investitions- und Organisationsstrategien im mittlerweile globalisierten Handlungsfeld, be-
stimmen das Beschäftigungsniveau und den Umfang der Steuereinnahmen. Der permanente Kon-
flikt über die Höhe der Lohnkosten und Sozialbeiträge, über Standortnachteile und Standortalterna-
tiven erinnert an den einzigartigen Status der Unternehmen als Erzeuger und Verteiler sozialer
Chancen. Arbeitseinkommen und Arbeitsbefriedigung, Sozialeinkommen und staatliche Haushalte,
soziale Integration und gesellschaftlicher Status der Bürger, d. h. nahezu alle Qualitätskriterien des
öffentlichen und privaten Lebens verweisen auf die Multifunktionalität der organisierten Marktak-
teure. Deshalb erscheint uns die moderne Industriegesellschaft mehr als "Organisationsgesell-
schaft" denn als "Marktgesellschaft" (Perrow 1989; Simon 1991).
Unternehmen bestimmen alle wesentlichen Aspekte unseres Verhältnisses zur Natur. Ihre ökolo-
gisch relevanten Entscheidungen betreffen nicht nur die Produktionsprogramme, sondern auch die
Wettbewerbsstrategien und Organisationsstrukturen, sind diese doch Anschlussstellen für Folgeent-
scheidungen über Forschung, Innovation, Marketing sowie die organisationsinternen Aufmerksam-
keits- und Belohnungsstrukturen. Dabei ist nicht nur an Art und Umfang der aktuellen Inanspruch-
nahme der natürlichen Umwelt zu denken, sondern vorrangig an die Ausrichtung des Innovations-
vermögens. Letzteres scheint in ökologischer Hinsicht bedeutsamer als die Signale, welche die
staatliche Umweltpolitik aussendet. Denn unternehmerische Innovationen bestimmen sowohl den
Möglichkeitshorizont als auch die Problemproduktivität der industriellen Zivilisation. Ihnen gegen-
über wirkt das Entscheidungsverhalten von Konsumenten und Politikern nachrangig, da diese ihre
Absichten oft erst als Reaktion auf technologische oder ökonomische Entwicklungen und daraus
resultierende Probleme bilden.
Gemessen an der universalen Bedeutung der Unternehmen für die moderne Gesellschaft scheint das
öffentliche Interesse an ihren Charakteristika und Funktionsbedingungen eher gering. Wer wissen
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will, wie Unternehmen entscheiden, welche Probleme ihnen zu schaffen machen, oder was man als
Erwerbstätiger, Konsument oder Sparer von ihnen zu erwarten hat, erhält zwar täglich neue Infor-
mationen von der Wirtschaftspresse. Aber die Frage nach den realen Möglichkeiten und Risiken z.
B. einer raschen Reduzierung des Energieverbrauchs oder der konsequenten Umweltanpassung von
Produkten prallt an einer Wand aus Unverständnis und Schutzbehauptungen ab. Den eigenen Be-
kundungen zufolge gehorchen Unternehmen allein den Zwängen des Marktwettbewerbs, folgen
dem Anreiz relativer Preise und bemühen sich, den Anschluss an die scheinbar autonome Technik-
entwicklung nicht zu verlieren. Kein Wunder, dass sie sich dabei durch die Ansprüche von Markt
und Staat, ganz zu schweigen von Forderungen der Beschäftigten und Verbraucher, überstrapaziert
sehen.
Doch auch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften tun sich oft schwer, ein zutreffendes, d. h.
multiperspektivisches Verständnis von Unternehmen als gesellschaftlichen Subjekten zu zeichnen.
Die Marxsche Ausbeutungs- und Akkumulationstheorie hatte das Positivsummenspiel um Werte
und Lebensqualität ignoriert, das die Marktakteure der Gesellschaft gewiss nicht uneigennützig
bescheren. Die am Weberschen Bürokratiemodell orientierte Organisationstheorie ließ die kommu-
nikativen und innovativen Aspekte des Organisationshandelns unbeachtet, während sie die Mög-
lichkeiten der zweckrationalen Organisationsgestaltung tendenziell überschätzte. Die mikroökono-
mische Perspektive, die (nicht nur) dem Neoliberalismus eigen ist, blendet mit ihrem Beharren auf
dem Modell der rationalen Gewinnmaximierung ein Zentralproblem der Organisationssteuerung
aus, nämlich den Umgang mit Unsicherheit und Informationsüberschuss. Und die Organisationsso-
ziologie oszilliert zwischen Anarchiediagnosen, aseptischen Systemmodellen und menschelnden
Partizipationsrezepten. Wo immer man nach einem unverkürzten Verständnis von Unternehmen
dem Zentralphänomen der "Wirtschaft der Gesellschaft" (Luhmann) fahndet, stößt man auf ris-
kante Simplifikationen. Sich dieser zu erwehren, indem ihnen eine weitere an die Seite gestellt
wird, ist der Zweck der folgenden Überlegungen. Sie sind nicht revolutionär. Der vorgeschlagene
Perspektivenwechsel beruht nicht auf völlig neuartigen Erkenntnissen, sondern ergibt sich aus einer
alternativen Anordnung bekannter Merkmale der Unternehmenswirtschaft.1
2 Unternehmen sind Individuen
Die Annahme, einen umfassenden Oberbegriff für alle existierenden Unternehmen zu besitzen, hat
ganze Generationen von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern zu vorschnellen Verallgemeine-
rungen verleitet. Tatsächlich sind Unternehmen so verschieden wie die einzelnen Personen, denen
sie ihre Existenz verdanken. Gewiss existieren auch Ähnlichkeiten. Diese erleichtern es z. B. Ar-
beitnehmern und Managern, ihre Organisationserfahrungen zu transferieren, wenn sie den Arbeits-
platz wechseln. Aber die formale Isomorphie verschleiert die oft erheblichen Unterschiede der Be-
standsbedingungen und Überlebenschancen in einer kompetitiven Marktumwelt (Dimaggio/Powell
1983).
Zur Verdeutlichung bedienen wir uns einer simplen Unterscheidung, und zwar zwischen Methoden
der Gewinnerzielung einerseits und Mustern der Gewinnverwendung andererseits. Vergleichen wir
in einem Gedankenexperiment alle Unternehmen einer beliebigen Stadt hinsichtlich dieser bei-
den Dimensionen, so werden wir rasch den Eindruck gewinnen, dass es kaum zwei Firmen im sel-
ben Marktsegment gibt, die ihren Gewinn mit exakt derselben Faktorkombination erzielen, um ihn
dann auf exakt dieselbe Weise zu verteilen. Vielmehr unterscheiden sich die Unternehmen auf der
einen Seite hinsichtlich der Zusammensetzung der Produktpalette aus Gütern mit unterschiedlichen
1 Sie sind überwiegend Arbeiten entnommen, die durch den bounded rationality-Ansatz inspiriert sind. Im Folgenden
wird v.a. auf Cyert/March (1963), Simon (1976a), Nelson/Winter (1982), Hannan/Freeman (1977, 1984), Elster (1983,
1987), Dosi (1988), March/Olsen (1989) sowie verschiedene Artikel im New Palgrave (Eatwell et al. 1987) Bezug
genommen. Als deutschsprachige Texte seien Klimecki et al. (1991), Schreyögg (1991) und Berger/Bernhard-Mehlich
(1992) sowie Wiesenthal (1991, 1994) genannt.
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Eigenschaften und je spezifischer Profitabilität. Ihre Unterschiede erstrecken sich aber auch auf die
Art und Weise der Mitarbeitermotivation (z. B. im Verhältnis von hierarchischer Kontrolle, Team-
arbeit und Effizienzlöhnen). Auf der anderen Seite mag der erzielte Gewinn entweder den Kapital-
gebern, dem Management, der Belegschaft oder aber dem Etat der Forschungs- und Entwicklungs-
abteilung bzw. den Repräsentanten anderer Teilfunktionen der Organisation zugute kommen. Und
wenn wir doch zwei Firmen fänden, die sich hinsichtlich ihres Musters von Gewinnerzielung und
-verwendung wie eineiige Zwillinge glichen, ist es nicht ausgemacht, dass sie auf künftige Markt-
veränderungen auf exakt die gleiche Weise reagieren würden.
Mögen sich vergangene Unternehmenserfolge mit einem günstigen Entsprechungsverhältnis von
Unternehmensverhalten und Marktbedingungen erklären lassen, so ist ihr künftiges Abschneiden
am Markt doch prinzipiell offen. In einer kompetitiven Marktumwelt hängt der zukünftige Unter-
nehmensbestand nicht nur von der Bereitschaft ab, den in der vergangenen Periode erzielten Ge-
winn zur Verbesserung weiterer Gewinnchancen zu verwenden, sondern auch davon, ob zutreffen-
de Annahmen über die künftige Entwicklung der Nachfrage und das Verhalten der Wettbewerber
gemacht werden. Und spätestens an diesem Punkt, d. h. in der Art und Weise, in der sich die Un-
ternehmensleitung ihre Chancen und Probleme unter (noch) irrealen Bedingungen ausmalt, endet
jede Liste der ansonsten bestehenden Gemeinsamkeiten. Die real existierenden Unternehmen mö-
gen manches gemeinsam haben, aber ob und wie sie ihren Bestand in einer ungewissen Zukunft
sichern, bleibt genuin ungewiss. Aus diesem Grund ist es wichtig, sie nicht nur als Exempel ein und
derselben Gattung, sondern jedes von ihnen als ein Individuum mit bestimmten (oft intransparen-
ten) einzigartigen Merkmalen anzusehen.
3 Unternehmen sind keine unitarischen Akteure
Im Bemühen, sich angesichts einer ungewissen Zukunft und d. h. vor allem: der Unsicherheit
über das Verhalten von Wettbewerbern und Nachfragern Marktanteile und Zukunftschancen zu
sichern, agieren Unternehmen in mancher Hinsicht "gespalten". Differenzen existieren nicht nur
zwischen den Interessen von Eigentümern bzw. Management und den Beschäftigten, da die einen
auf Kostensenkung setzen, während die anderen höhere Löhne erwarten, sondern auch zwischen
den Vertretern der einzelnen Teilfunktionen des Unternehmens (z. B. F&E, Produktion, Marketing,
Verkauf, Controlling usw.) auf der einen Seite und den Anhängern bestimmter "Philosophien" der
Unternehmensentwicklung auf der anderen.
Dabei besitzt keine Akteurgruppe zuverlässiges Wissen über die künftigen Situationsparameter,
weil der Unternehmenserfolg wesentlich vom zukünftigen Verhalten Dritter abhängt, v. a. der
Wettbewerber und Kunden, aber auch des Staates. Unsicherheit über die künftigen Erfolgsbedin-
gungen erzwingt regelmäßig eine Orientierung an kurzfristigen Partikularzielen und der gegen-
wartsnahen "Lokalrationalität". Daraus folgt eine unvermittelte Koexistenz von Stress und Ver-
schwendung, Konservatismus und Zukunftsoptimismus, ja selbst von mehreren sich widerstreiten-
den Langfriststrategien. Diesen Zustand latenter Desintegration zu moderieren und die Vertreter der
Teilfunktionen zu einem Mindestmaß an Koordination ihrer Aktivitäten anzuhalten, ist eine der
wichtigsten Managementaufgaben.
Die Fragmentierung der Unternehmensfunktionen resultiert aus der Unterschiedlichkeit der Teil-
umwelten, mit denen das Unternehmen im Austausch steht: den Kapital- und Arbeitsmärkten sowie
den Absatzmärkten mit ihren je eigenen Chancen, Unsicherheiten und Dynamiken. Je „besser“
einzelne Unternehmensteile in die für sie relevanten Teilumwelten integriert sind, desto komplexer
und auf den ersten Blick disparater wirkt das Unternehmen als soziales System. Als "Ganzes"
ist es womöglich kaum mehr steuerbar. Deshalb ist das Vorhandensein von sich widersprechenden
Problem- und Chancenwahrnehmungen nichts Ungewöhnliches. Bis zu einem gewissen Grade stei-
gen sogar die Selbstbehauptungschancen des Unternehmens, wenn divergierende, aber je für sich
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realitätsbewusste Orientierungen toleriert werden (Wiesenthal 1990). Das bedeutet: In umweltori-
entierten Organisationen besteht immer ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit für Orientierungen
und soziale Werte, die in der gesellschaftlichen Umwelt beheimatet sind. Doch werden sie im Re-
gelfall ebenso wenig über konkurrierende Orientierungen siegen, wie eine radikale Kostensen-
kungsorientierung, die zu Lasten der Zukunftschancen ginge, oder eine spekulative Langfriststrate-
gie, die die Gegenwartssituation ignorierte.
Wenn die Unternehmensspitze die internen Differenzen der Organisation zu kaschieren sucht und
Einmütigkeit demonstriert, bemüht sie sich um die Balancierung eines stets gefährdeten Burgfrie-
dens, aber nicht um die Realisierung eines schlüssigen, allgemein geteilten Konzepts. Nicht selten
muss die Organisationsspitze selbst auf eine integrierte Gesamtschau aller relevanten Teilumwelten
verzichten. D. h., dass auch bestinformierte Topmanager nicht ohne gelegentlichen Rückgriff auf
subjektive Einschätzungen und Risikoannahmen auskommen.
Zu den Konsequenzen ist Folgendes zu bemerken. Wenn Unternehmen letztendlich anhand subjek-
tiver Szenarios "gesteuert" werden, geschieht das einerseits als Reaktion auf einen mehr oder weni-
ger hohen Grad kontextueller Unsicherheit. Andererseits summieren sich genau diese Reaktionen
zu einer bedeutsamen Quelle von Unsicherheit für die Entscheider selbst und für Dritte. Damit
eröffnet sich eine interessante Perspektive auf die "Lernchancen" des multiplen Akteurs Unter-
nehmen. Weil er weniger integriert ist als er (nach innen wie nach außen) zu sein vorgibt, sind sei-
ne Lernprozesse nicht notwendig dadurch erschwert, dass neues Wissen von einer zentralen Stelle
für „nötig“ befunden, bewertet und ausgewählt werden müsste, um einen Informationsgewinn der
einen oder anderen Stelle zu bewirken. Die Schwelle, die neue Umweltinterpretationen zu über-
winden haben, ist folglich niedriger als im Weberschen Bürokratiemodell der Organisation unter-
stellt. Der Entscheidungskonservatismus der einen Abteilung schließt nicht die Innovationsfähig-
keit anderer Abteilungen aus. Einigermaßen unwahrscheinlich ist allerdings eine Harmonisierung
der verschiedenen Teilansichten der Umwelt, was u. a. auch eine "Von-Kopf-bis-Fuß"-
Ökologisierung des ganzen Unternehmens erschwert.
Selbst wenn man von der Heterogenität der organisationsinternen Orientierungen absieht, bleibt das
Problem der Bewertung „unsicherer“ Informationen. Für den praktischen Umgang mit Unsicherheit
in den Unternehmensentscheidungen zählen alle möglichen Spielarten des Halbwissens über
vermutete Trends, Modeströmungen, künftige legale Rahmenbedingungen, Marktordnungen und
ähnliches. Nicht Wissen, sondern Vorstellungen von dem, was die Zukunft bestimmen mag, beein-
flussen die Richtung und Reichweite, in denen strategische Optionen der langfristigen Erfolgssiche-
rung gesucht werden. Auf die gleiche Weise wirkt die Antizipation staatlicher Regulationen und
veränderter relativer Preise, d. h. von Indikatoren der Wettbewerbsverhältnisse.
Ist die Unsicherheit über künftig geltende Handlungsbedingungen sehr hoch, so wäre es allerdings
unklug, sich auf andere als die gegenwärtig und für die nahe Zukunft erwarteten Umstände einzu-
stellen. Ist dagegen mit einer richtungsstabilen Veränderung bestimmter Randbedingungen, z. B.
bei den Legalnormen des Umweltschutzes, zu rechnen, wäre es irrational, ihr nicht antizipierend
Rechnung zu tragen. Je nach „Qualität“ der verfügbaren Informationen und den vorherrschenden
Erwartungen mag die Vorbereitung auf die Zukunft einen eher defensiven oder einen eher offensi-
ven Zug annehmen, z. B. auf Standortverlagerung oder auf die Einführung „angepasster“ (z. B.
umweltfreundlicher) Produkte und Verfahren zielen. In jedem Fall dürfte die Adaption an wahr-
scheinliche Zukünfte ohne einfühlendes "Sinnverstehen" erfolgen, d. h. ohne dass man sich die
Wertprämissen derjenigen zu eigen machte, denen die Veränderung der sozialen Umwelt zuzu-
schreiben ist.
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4 Unternehmen sind keine geschlossenen Systeme2
Unternehmen sind intern differenzierte, durch eine Menge vertikaler und horizontaler Kommunika-
tionsordnungen lose integrierte Systeme. Gleichzeitig sind sie auch formale Organisationen mit
einer scharfen Grenze zur Umwelt. Letztere ist durch eindeutige Mitgliedschaftsregeln definiert.
Wer den Pförtner oder die Empfangsdame passieren durfte, hat deswegen noch keine Garantie,
"Eindruck" auf die Organisation zu machen bzw. eine Spur zu hinterlassen. Wer oder was intern
Gehör findet, bestimmt sich allerdings nicht allein nach den Formalregeln des Dienstablaufs; aktu-
elle Informationsbedarfe und die von Organisationsabteilungen tatsächlich zu gewährleistenden
Funktionen sind für die Interaktion mit der Umwelt mindestens ebenso wichtig. Theorien des Or-
ganisationslernens betrachten darum die in der Organisation artikulierten Informations-, Anpas-
sungs- und Lernbedarfe als die entscheidenden Selektoren neuen Wissens. So schlägt sich Um-
weltwandel v. a. dann in Gestalt modifizierten Organisationswissens nieder, wenn dieses ver-
spricht, bei der Wahrnehmung von Chancen, der Bearbeitung von Problemen oder der Behebung
von Widersprüchen im Orientierungsrahmen zu helfen. Wie die Theorie selbstreferentieller sozialer
Systeme überzeugend darlegt, errichtet und kontrolliert das System Organisation nicht nur eine
Mitgliedschafts-, sondern auch eine "Sinngrenze" gegenüber der Umwelt. Was zur relevanten Um-
welt zählt und was Umweltwandel organisationsintern bedeuten mag, bestimmt sich innerhalb die-
ses internen Sinnhorizonts. Die von der Außenwelt an das Unternehmen adressierten Erwartungen
und Ansprüche haben folglich nur dann Rezeptionschancen, wenn sie Anschlussstellen im internen
Kommunikationsgeschehen der Organisation finden.
Neben den schmalen Pfaden des intern gesteuerten Organisationslernens existieren aber auch Me-
chanismen eines eher unfreiwilligen außengesteuerten Wandels, die als "unkonventionelles" Lernen
beschrieben werden (Wiesenthal 1995). Sinntransfer über die wohlbehütete Mitgliedschaftsschran-
ke hinweg und damit die Anerkennung von Entscheidungskriterien, die nicht das Ergebnis ab-
sichtsvoller Selbststeuerung sind, können auch in der Form von "Ansteckungsprozessen" stattfin-
den. Dabei ist zum einen an den Einfluss von Professionen (und professionellem Berufsethos) auf
das Handeln von Organisationsmitgliedern zu denken. Wenn Beschäftigte qua Professionszugehö-
rigkeit an einem die Organisationsgrenze überschneidenden Wissenssytem teilhaben und darüber
hinaus über alternative Beschäftigungschancen verfügen, ist der grenzüberschreitende Transfer
professioneller Orientierungen kaum zu unterbinden. Wenn das der Fall ist, vermag das Berufsver-
ständnis der Ärzteschaft den Aufgabenkatalog und die Organisationsidentität von Krankenhäusern
zu konditionieren und das Weltbild der Ingenieure deutliche Spuren im Muster der Produkte und
Verfahren eines Betriebes zu hinterlassen. Je mehr ein Unternehmen auf Professionswissen ange-
wiesen ist und je wirksamer die Profession ihren Zusammenhalt (und ihre "eigenlogische" Repro-
duktion) gewährleistet, desto durchlässiger scheint die Grenze zwischen Unternehmen und Umwelt.
Auf analoge Weise, aber mit höherem Risiko und geringeren Erfolgsaussichten wirken die sog.
Organisationsdissidenten.3 Da Individuen in der Rolle des Organisationsmitglieds ihr Denken und
Wissen nicht streng getrennt von ihren privaten Erfahrungen und Ansichten zu halten vermögen
(und oft auch gar nicht halten wollen), werden formelle Entscheidungsprozesse nicht selten zum
informellen Wirkungsraum für "externe" Gesichtspunkte. In anderen Fällen mögen Organisationen
dadurch zur Anpassung ihres Orientierungssystems an externe Deutungsmuster genötigt sein, dass
es einzelne Mitglieder unter Inkaufnahme persönlicher Risiken wagen, einem gesellschaftlichen
Rationalitätskalkül Vorrang vor den dezidierten Organisationszwecken zu geben auch wenn sie
damit gegen ihre Loyalitätspflicht verstoßen. Das ist umso leichter möglich, je weniger strikt die
formalen Kompetenzen gehandhabt werden und je größer die funktionale Bedeutung von fluktuie-
renden und immer wieder neu auszuhandelnden Kommunikationsordnungen für die Organisation
2 Zur Vertiefung der angeführten Argumente vgl. Luhmann (1971, 1988) und Wiesenthal (1995).
3 Organisationssoziologisch werden sie unter den Stichworten Faktionalismus und (interne) soziale Bewegung
gehandelt, phänomenologisch als "insurgency" (Zald/Berger 1978), "principled organizational dissent" (Graham 1986)
oder "whistle-blowing" (Miceli/Near 1991) kategorisiert.
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ist.
Eine weiteres Einfallstor "externer" Wirklichkeitsdeutungen bildet die unentbehrliche, wenngleich
allemal begrenzte und darum gelegentlich überbeanspruchte Ambiguitätstoleranz der Entschei-
dungsbeteiligten. Das Bemühen um persönliche Identität kollidiert u. U. mit der Verpflichtung auf
enge organisationsbezogene Entscheidungskalküle. So haben Manager nach eigenem Bekunden
gelegentlich versagt, strikt "umweltignorante" Entscheidungen zu treffen, wenn sie befürchteten,
diese nicht nur als Repräsentant ihres Unternehmens, sondern auch im Freundes- oder Familien-
kreis vertreten zu müssen. Ein Gutteil der frühen, über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus
gezeigten Umweltaktivitäten von Unternehmen ist in diesem Sinne als "außenbedingt" zu charakte-
risieren (Birke/Schwarz 1996). Ambiguitätstoleranz bedarf allerdings eines gewissen Entschei-
dungsfreiraums. Dass dieser häufiger anzutreffen ist, als manche Entscheider einzuräumen bereit
sind, möge der folgende Exkurs deutlich machen.
5 Exkurs: Entscheidungen unter Unsicherheit und die Funktionen von „Slack“
Das rationale Entscheidungsmodell liefert mit dem Begriffsdual constraint und choice ein einfa-
ches, aber nützliches Werkzeug zur Grobanalyse von Entscheidungssituationen. Danach werden die
exogenen, vom Akteur nicht gestaltbaren Randbedingungen der Situation als constraints betrachtet;
die Menge der zur Wahl stehenden Alternativen bildet den choice set. Constraints und choices sind
Resultat der Bemühungen des Akteurs, sich ein möglichst genaues Bild der Wirklichkeit, d. h. ihren
Gegebenheiten und Gelegenheiten, zu verschaffen. Die "Entscheidung" besteht dann in dem Akt,
die beste aller Optionen des choice set zu identifizieren bzw. eine von mehreren gleichwertigen
Alternativen auszuwählen. Diese Beschreibung ist nicht gerade falsch, aber ziemlich irreführend.
Das constrained choice-Modell (vgl. Franz 1986) lenkt die Aufmerksamkeit vor allem auf den As-
pekt der ”Wahl“ innerhalb gegebener Randbedingungen. Deren Zustandekommen und was sie be-
deuten mögen, bleibt dagegen unterbelichtet. So wird leicht übersehen, dass auch die constraints
ein Gegenstand von Wahlentscheidungen sind. Es handelt sich um jene Daten, die im Unterschied
zu den (noch unrealisierten) choices als "sicher" gelten. Sie umfassen einerseits Annahmen über die
Situation und insbesondere deren (zumindest beim nächsten Schritt) als unabänderlich zu akzeptie-
rende Merkmale, also Indizien für alles, "was ist". Hierzu mag die Berücksichtigung der Konkur-
renzsituation zählen wie auch eine Annahme über die künftige technologische Entwicklung. Ande-
rerseits gehen in die constraints auch feste Vorstellungen von dem ein, "was sein soll", d. h. was
selbstverständlich akzeptierte Bedingungen und (Neben-)Zwecke des Handelns sind (vgl. Simon
1964). Dabei handelt es sich insbesondere um die Identitätsprämissen des Akteurs. Beiden, den
"harten" Umweltbedingungen und den selbstverständlichen Handlungszielen, ist ihre ”Nichtdispo-
nibilität" gemeinsam. Da diese constraints zentrale Bestandteile des Selbstverständnisses jeder
Organisation sind, wird ihre Verletzung durch Organisationsmitglieder regelmäßig als Austrittser-
klärung interpretiert (Luhmann 1981).4
Was die Wahl unter den choices von der Wahl der constraints unterscheidet, ist allein die Bewusst-
heit des Wählens. Dass unter Bedingungen von Willensfreiheit auch die constraints wählbar
und de facto kontingent sind, muss dem Akteur nicht notwendig bewusst sein. Die bewusste Wahl
im choice set ist dagegen eine conditio sine qua non. Es wäre keine Entscheidung im Spiel, würde
der Akteur sein Handeln als prädeterminiert empfinden, z. B. durch ein System mathematischer
Gleichungen mit einer eindeutigen Lösung. Reale Entscheidungssituationen sind dagegen durch die
Präsenz mehrerer „Unbekannter“ (im mathematischen Sinne) und die Abwesenheit einer einzigen
4 Selbst bei inkonsistenten Organisationszielen und der Notwendigkeit von "politischen" Kompromissen in Fragen der
Organisationssteuerung (March 1962; Cyert/March 1963) ist mit Konsens über jene Entscheidungsprämissen
(constraints) zu rechnen, deren Missachtung den Bestand der Organisation gefährden würde. Nur in Non-Profit-
Organisationen wird man Toleranz für Kostenindifferenz und Gewinnverzicht erwarten dürfen.
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Lösung charakterisiert. Die Akteure müssen wählen, weil nicht alle relevanten Werte spezifiziert,
nicht alle benötigten Informationen bekannt und folglich die Folgen alternativer Optionen nicht
vollständig berechenbar sind. Alle Vorstellungen von Handlungsalternativen, zukunftsgerechten
Strategiekonzepten und erfolgsichernden Unternehmensphilosophien sind mit Unsicherheit über die
künftigen Realisierungsbedingungen infiziert. Lediglich im Modellfall des vollständigen Wettbe-
werbs könnten sich Marktakteure als bloße Informations- und „Preisnehmer" in Sicherheit wiegen.
In allen anderen Fällen bleiben sie mit Unsicherheit über die künftige Entwicklung der Nachfrage-
größen, die Marketing- und Innovationsstrategien von Wettbewerbern, die Entwicklung wichtiger
Faktorpreise und damit über die "richtige" Richtung von Investitionen in künftige Erfolgsbedin-
gungen konfrontiert. Wenn Automobilkonzerne gar nicht wissen können, ob die Akzeptanz von
Verbrennungsmotoren über die nächsten zwanzig Jahre anhält, ob die Wettbewerber einen Markt
für Elektromobile kreieren werden oder ob womöglich die nächste Energiepreiskrise mit einem
Aufschwung des Umweltbewusstseins zusammenfallen wird (was zur Aufwertung öffentlicher
Verkehrsmittel führen könnte), wenn also genuine Unsicherheit herrscht, ist auch eine voraus-
schauende Maximierung der Erfolgsparameter (etwa des Gewinns, der Liquidität, des Umsatzes,
der Marktanteile usw.) unmöglich.
Im Rückblick mag zwar jeder Unternehmenserfolg als das Maximum des Möglichen ausgegeben
werden, aber mit Blick auf die offene Zukunft lassen sich die wahrgenommenen Handlungsalterna-
tiven (choices) nur spekulativ begründen. Auch aus scheinbar eindeutigen Randbedingungen
(constraints) wie "möglichst viel Gewinn", "ein größerer Marktanteil" oder "eine verbesserte Li-
quidität" ergeben sich noch keine wohldefinierten Maßnahmen. Die constraints sind, für sich ge-
nommen, nicht instruktiv. Es fehlen nicht nur verlässliche Informationen über die Zukunft, sondern
es müsste auch über das "richtige" Verhältnis der zu berücksichtigenden Nebenziele befunden wer-
den. Wenn kurzfristige Rentabilitätsgewinne nur auf Kosten der Investitionen und langfristigen
Chancen möglich sind, in welchem Zeithorizont (in ein, fünf oder 20 Jahren?) soll dann Profitabili-
tät "maximiert" werden? Und für wie lange? Geht es um hohen Profit "um jeden Preis", auch auf
Kosten der Umsatzrendite, der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen, des Verzichts auf
Firmenkäufe usw.? Der Refrain zu dieser Melodie ist bekannt: Wo Unsicherheit herrscht, haben
Maximalziele keinen Platz. Darum können Entscheidungen nur "beschränkt" rational sein (March
1978). Bounded rationality ist aber nicht ergebnis-, sondern verfahrensbezogen, rational nicht im
Hinblick auf Konsequenzen, sondern auf Prozeduren (Simon 1976b). Sie ist die Rationalität der
Situationsbewältigung, nicht der Weltgestaltung.
Angesichts der Diskrepanz zwischen dem rationalistischen Entscheidungsmodell und den tatsächli-
chen Entscheidungsbedingungen wird die Kluft erklärlich, die formale Problemlösungsmodelle von
den Befunden der empirischen Entscheidungs- und Organisationsforschung trennt. Hier geraten die
auf gemeinsame Basisprämissen der Rational choice-Theorie zurückführbaren Forschungsansätze
unvermeidlich in Konflikt. Die formalen Konstruktionen der Mikroökonomik mögen zwar logische
Schlüsse gestatten. Aber diese erlauben keine normativen Schlussfolgerungen, denn sie haben den
Makel, dass es eine ihnen gemäße Wirklichkeit der vollständigen Informiertheit und strikt exoge-
nen Präferenzen nicht gibt. Die empirische Forschung beobachtet dagegen eine Palette pragmati-
scher Reaktionen auf Unsicherheit: den Verzicht auf Maximierungs- und Optimierungskalküle zu-
gunsten von Verfahrensregeln, die Suche nach befriedigenden Maßnahmen und schließlich den
Rekurs auf subjektive Anspruchsniveaus, d. h. auf endogen variable Präferenzen. Was bedeutet das
konkret?
Weil alle Annahmen über die Wirklichkeit kontextspezifisch gewonnen und durch interessierte
Interpretationen „eingefärbt“ werden, bleiben auch alle Realitätsdefinitionen des Akteurs partikular
und ”subjektiv“ (Boudon 1989). Das schließt kollektive Gemeinsamkeiten bei der Interpretation
von Alternativen nicht aus, aber die Beteiligten stehen stets in der Gefahr, einem a-rationalen
Gruppenkonsens zum Opfer zu fallen, d. h. "victims of group think" (Janis 1972) zu werden. Wo
dagegen Gemeinsamkeit fehlt, greift auch kein formal rationales Verfahren der Entscheidungsfin-
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dung, kein Syllogismus des Schließens von vielfältigen Zielen auf die „richtigen“ Mittel. Klug an-
gelegte Entscheidungsprozesse sind folglich deliberativ, nicht synthetisch. Sie führen zur Überprü-
fung und ggf. Änderung der Ansichten, nicht aber zur Aggregation heterogener Präferenzen (vgl.
Argyris 1988; Arrow 1988). Für kollektive Entscheidungen scheint es dann unter Umständen meh-
rere gleichwertige Lösungen zu geben, aber kein konsensfähiges Kriterium, um eine Wahl zu tref-
fen.
Die konkreten Erscheinungsweisen dieses Sachverhalts sind der Alltagserfahrung durchaus ver-
traut: Die choices sind der Ort im Entscheidungsprozess, an dem alle Unsicherheit zum Tragen
kommt. Folglich sind Entscheidungen weitaus seltener als mikroökonomisch unterstellt das Ergeb-
nis rationaler Kalkulation, sondern ein Nebenprodukt diffuser Interaktionen. Nicht selten kommen
sie „implizit“ zustande, d. h. sie ergeben sich in einer Kette von intuitiven Akten, Richtungsbestäti-
gungen, Ergänzungen und Korrekturen. Gelegentlich findet man Anzeichen für eine unauflösliche
Einheit von Denken und Handeln ("think while doing"; Isenberg 1988) und für "actions without
decisions" (Brunsson 1985). Wo aber explizit entschieden wird, zählen nicht bloß themenbezogene
Erwägungen, sondern ebenso "sachfremde" situations-, kommunikations- oder karrierebezogene
Gesichtspunkte (March/Olsen 1976). So sind die Resultate des Entscheidens nicht mehr in dem
Sinne dekomponierbar, dass man sie bestimmten Urhebern als gewollt zuschreiben kann. Und ver-
meintliche Organisationsstrategien mögen sich als Resultante impliziter Quasi-Entscheidungen
entpuppen (Whipp et al. 1988; Mintzberg/Waters 1990).5
Stellt man diese Befunde in Rechnung, so erscheinen auch die Bestands- und Wachstumserfolge
von Unternehmen nicht wie es das Topmanagement gerne glauben machen möchte als allein
durch "richtige" Entscheidungen bewirkt. Marktabhängige Unternehmen bedürfen zwar laufender
unsicherheitsbedachter Strategiewahlen, aber was danach tatsächlich eintritt, ist gleichermaßen
Resultat "blinder" Evolution, als welche der schumpeterianische Wettbewerb an dynamischen
Märkten beschrieben wird (Nelson/Winter 1982; Elster 1983). Dynamische Märkte prämieren die
strategische Intuition höchst selektiv und vor allem dadurch, dass die mit inadäquaten Intuitionen
betriebenen Unternehmen verschwinden, weshalb sich die Überlebenden als "richtig" gesteuert
hnen können.
In Ermangelung instruktiver Fernziele bleiben den Entscheidenden vor allem zwei "Krücken": ers-
tens die Orientierung an vergangenen Entscheidungen und bewährten Routinen (Heiner 1983) so-
wie zweitens die Wahrung und Erweiterung von Handlungsspielräumen in Gestalt von slack. Slack
erscheint als die wertvollste Währung jeder Variante von prozeduraler Rationalität und ein aus-
baufähiges Konzept der Organisationsforschung. Die organisationstheoretische Bedeutung des sa-
loppen Begriffs slack (Cyert/March 1963) umfasst Zweierlei: Das Vorhandensein von überschüssi-
gen Ressourcen, die zur Motivierung von Personen, zur Kompensation von Entscheidungsfehlern,
v. a. aber zur Entdeckung neuer Möglichkeiten verwendet werden können (Thompson 1969). Da-
neben bezeichnet slack eine nur "lose" Kopplung zwischen teilautonomen Untereinheiten der Or-
ganisation, also dezentrierte, flexible und umweltsensible Strukturen (Simon 1964; Perrow 1984).
Konkrete Erscheinungsformen sind ein zufriedenstellender Gewinn, ein hohes Forschungsbudget,
ein hoher Anteil nichthierarchisierter Kommunikation, dezentrale und teilautonome Leistungs- und
Kreativitätszentren oder schlicht eine umfängliche Personalreserve. Ein Unternehmen, das genü-
gend slack zu reproduzieren versteht, liegt auf alle Fälle richtig, unabhängig davon, ob es diesen
Umstand der richtigen oder falschen Antizipation der Wirklichkeit, der (vermeintlich) "maximalen"
Vernutzung von Arbeitskraft oder verschwenderischen (Effizienz-)Löhnen zuschreibt. Gilt Nut-
zenmaximierung als die Erfolgsprämisse der substantiellen Rationalität, so ist ein befriedigendes
Niveau von slack das Erfolgskriterium der prozeduralen Rationalität.
5 Da sich die reale Entscheidungsproduktion als deutungsabhängig und deutungssensibel erweist, ist die Auffassung in
Frage zu stellen, dass Wirtschaft und Politik Subsysteme des ausschließlich zweckrationalen Handelns seien.
9
6 Unternehmen sind Elemente der ökonomischen Evolution
Entwicklungen nach dem Muster der natürlichen Evolution sind im Bereich sozialer Phänomene
ausgesprochen rar. Allerdings besteht Einigkeit, dass sich die Vorgänge an kompetitiven Märkten
recht gut in Begriffen der Evolutionstheorie fassen lassen. Danach sind Firmengründungen das
Pendant zum Mechanismus der Variation, der für Varietät unter Unternehmenskonzepten und
-strategien sorgt. Die dank unterschiedlicher Stimuli und Opportunitäten gegründeten Unternehmen
durchlaufen sodann den fortwährenden Selektionsprozess des Marktwettbewerbs. Unternehmen,
deren Strategien und Routinen den wechselnden Umweltherausforderungen nicht gewachsen sind,
enden irgendwann durch Konkurs oder Übernahme. Solche, deren Funktionsweise (absichtlich oder
unabsichtlich) mit den Umweltbedingungen harmoniert, sind "Sieger auf Zeit". Sie pflanzen sich
per Nachahmung, Zukäufe oder Übernahme fort. Doch auch sie mögen eines Tages untergehen.
Versuchen sie, "bewährte" Strukturen und Routinen auf Dauer zu stellen, so mag ihnen das unter
stabilen Umweltbedingungen zu weiterem Wachstum verhelfen. Wenn sich jedoch die Umwelt auf
unvorhersehbare Weise wandelt, bedeutet die Kontinuität der Organisationsstruktur den sicheren
Untergang. Kluge Entscheider vermeiden es deshalb, allein auf business as usual und eine Wieder-
kehr vergangener Erfolge zu setzen.
Ein etwas anderes Bild liefert die Beobachterperspektive: Weil die vielen bereits untergegangenen
Unternehmen nicht mehr Teil der Wirklichkeit sind, lassen sich stets nur die im Selektionsprozess
erfolgreichen "Sieger auf Zeit" studieren. Da sie sich samt und sonders durch eine "erfolgreiche"
Vergangenheit auszeichnen, neigt der Beobachter zur Annahme, dass auch ihr Fortbestand gesi-
chert sei. Das wird aber paradoxerweise nur dann der Fall sein, wenn in den Unternehmen die ge-
genteilige Auffassung herrscht. Teilt die Unternehmensführung die optimistische Sicht der Außen-
welt und verlässt sich auf die Garanten vergangener Erfolge, so könnte sie für künftige Umwelttur-
bulenzen schlecht gerüstet sein. Mit anderen Worten: Risikobewusstsein und innovative Unterneh-
mensführung, nicht aber Strukturkonservatismus, sind die Voraussetzungen von Unternehmenser-
folgen in unsicherer Umwelt.
Indem es Marktunternehmen mit ihrer je besonderen Mischung aus bewährten und innovativen
Strategien gelingt, das Überleben zu sichern, gestalten sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre
Umwelt. Wer mittels innovativer Strategien im Selektionsdruck des Wettbewerbs besteht, setzt
auch seinen Konkurrenten neue Bedingungen, an denen sie sich um den Preis ihres Scheiterns zu
bewähren haben. Unternehmensstrategien werden zur Selektionsprämisse des Marktwettbewerbs;
erfolgreiche Unternehmen repräsentieren also nicht nur die Wirkung der ökonomischen Evolution,
sondern sind auch deren Ursache. Die Überlebensstrategien eines jeden strukturieren das Hand-
lungsfeld aller. Unternehmerische Flexibilität und Innovationsvermögen bestimmen das zu meis-
ternde Anpassungstempo und die zu bewältigende Sprunghöhe bzw. Falltiefe. Unter diesen Bedin-
gungen erlangt die Organisationseigenschaft slack entscheidende Bedeutung. Denn für die notwen-
digen Innovationen und umweltinduzierten Anpassungsprozesse gibt es keine Erfolgsgarantie.
Nicht jeder Versuch einer Produktinnovation ist von Erfolg gekrönt und nicht jede technisch über-
zeugende Innovation wird zum kommerziellen Erfolg. Slack ist deshalb in zweifacher Hinsicht eine
unverzichtbare Erfolgsvoraussetzung: als Grundlage eines hinreichenden Innovationsvermögens
und als Sicherheitsnetz und Puffer bei den unvermeidlichen Misserfolgen.
Die unterschiedlichen Innen- und Außenperspektiven auf slack ergeben ein weiteres Paradox.
Weist ein Unternehmen ein hohes Maß an sichtbarem slack, z. B. in Gestalt liquider Geldmittel,
auf, so mag das Dreierlei bedeuten: (i) hohe Profitabilität in der Vergangenheit, (ii) einen großen
Sicherheitspuffer aufgrund der als unsicher eingeschätzten Erfolgschancen und/oder (iii) einen
Mangel an aussichtsreichen Verwendungsmöglichkeiten Denn wäre der verfügbare slack in explo-
rative und innovative Strategien investiert worden, wäre er für Außenstehende unsichtbar. Die Au-
ßenwelt mag demgegenüber zu anderen Schlüssen gelangen. Unternehmen, die ein Übermaß an
finanziellen Reserven zur Schau stellen, erscheinen als ungewöhnlich profitabel. Sie laden womög-
10
lich Aktionäre und Staat ein, einen höheren Gewinnanteil zu fordern. Dagegen wirken kluge
"Slack"-Investoren leicht als bestandsgefährdet und womöglich hilfebedürftig. Die Wahrnehmun-
gen in Wirtschaft und Politik hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit von Unternehmen können folglich
weit auseinanderliegen; Missverständnisse und Enttäuschungen im Umgang miteinander sind vor-
programmiert.
7 Unternehmen operieren in mehreren Zeithorizonten
Wettbewerb herrscht bekanntlich in allen Dimensionen der Umweltabhängigkeit von Unternehmen:
in verschiedenen Segmenten des Absatzmarktes, am Kapitalmarkt, an den Beschaffungsmärkten für
Vorprodukte und nicht zuletzt am Arbeitsmarkt. Letztentscheidend über den Unternehmenserfolg
sind regelmäßig die Bedingungen am Absatzmarkt. Außenstehende neigen oft dazu, die Bedeutung
des gut sichtbaren Preiswettbewerbs gegenüber dem Innovationswettbewerb zu überschätzen. Tat-
sächlich verdankt sich die Dynamik des Marktgeschehens v. a. dem u. a. von Schumpeter beschrie-
benen Modus des Wettbewerbs durch schöpferische Zerstörung, sprich Innovation (Freeman 1987).
Im Innovationswettbewerb zählen nicht Erfindungen als knappes Gut, sondern gelungene, d. h. am
Markt überlebensfähige und erfolgreich "durchgesetzte" Innovationen. Die wirtschaftliche Realisie-
rung des Erdachten und technisch Möglichen ist das kritische Glied in der Kette aus Erfindung,
Innovation und Diffusion. Während viele Unternehmen aussichtsreiche Erfindungen zu machen
fähig sind, bedarf es regelmäßig des vor allem in größeren Firmen mobilisierbaren slack, um eine
Erfindung zu einer ökonomisch erfolgreichen Innovation zu machen. Aufgrund der hohen Erfolgs-
schwellen kapitalintensiver Innovationen sind einerseits Großunternehmen, andererseits riskante
Unternehmensgründungen die Bannerträger des Innovationswettbewerbs.
In diesem Wettbewerb agieren Unternehmen als "multiple Subjekte" (Wiesenthal 1990). Sie müs-
sen gleichzeitig als Anpasser und als Strategen handeln. Als Anpasser bemühen sie sich, auf der
Grundlage der vorhandenen Produktionsanlagen, Produktpalette und Marktchancen das bestmögli-
che Ergebnis zu erzielen. Zur selben Zeit agieren sie als Strategen, indem sie Innovations- und
Entwicklungspfade für die F&E-Abteilung abstecken, neue Produktlinien kreieren und auf diese
Weise Unternehmensprofil und Angebotspotential der Zukunft gestalten.
Geht es dem Unternehmen allerdings darum, aus den in der Vergangenheit getroffenen Investiti-
onsentscheidungen Gewinn zu ziehen, ist ihr Gestaltungsspielraum vergleichsweise gering. Denn
sie unterliegen den constraints des fixen Kapitals, der aktuellen Nachfrage und des Verhaltens ihrer
Wettbewerber. Die in einem größeren Zeithorizont angesiedelten Explorations- und Innovations-
entscheidungen sind demgegenüber nur wenig restringiert. Zwar besteht ein gewisses Irrtumsrisiko,
wenn es gilt, die Verwertungsbedingungen alternativer Innovationen für eine ferne Zukunft einzu-
schätzen. Dafür sind nicht nur die künftige Nachfrage am Absatzmarkt zu antizipieren, um zielge-
rechte Investitionsentscheidungen zu treffen. Sondern es zählen auch die in der Zukunft vermuteten
Trends, d. h. Marktentwicklungen, Konsumentenpräferenzen sowie der Wandel der gesetzlichen
und institutionellen Rahmenbedingungen. Im Bestreben, sich der Chancenstruktur einer allenfalls
in groben Umrissen kalkulierbaren Zukunft anzupassen einer Zukunft, die man sich besser als
"moving target" denn als einen fixen Zustand vorstellt , agiert das Unternehmen de facto als Mit-
gestalter der künftigen Wirklichkeit. Gleichgültig, ob es sich dabei am Prinzip der Risikovermei-
dung oder der Chancen- und Gewinnmaximierung leiten lässt: Seine Entscheidungen beeinflussen
nolens volens auch die Gestalt seiner künftigen Umwelt.
Der Blick auf die in unterschiedlichen Zeithorizonten angesiedelten Entscheidungsprämissen ver-
deutlicht den „multiple self-Charakter innovativer Unternehmen. Ihre Anpassungsfähigkeit gegen-
über den gegenwärtigen Umweltbedingungen ist von "vested interests", insbesondere durch das
realisierte Muster des Kapitaleinsatzes, systematisch begrenzt. Folglich zeigen sich Unternehmen
oft ausgesprochen störrisch, wenn ihnen seitens der (politischen oder sozialen) Umwelt ein Kurs-
11
wechsel in den Verwertungsbedingungen des eingesetzten Kapitals zugemutet wird. Ihr Bestreben
ist vielmehr, in Erträge umzumünzen, was sie einst als ertragsversprechend ausgewählt und durch
irreversibel gewordene Entscheidungen materialisiert haben. Ist die selbst entworfene Zukunft
erst einmal zur „harten“ Gegenwart geworden, lässt sich die Bindungswirkung früherer Entschei-
dungen nur mehr um den Preis einer mehr oder weniger kostspieligen Selbstbeschädigung aufhe-
ben. Deshalb ist es alles andere als paradox, wenn sich "die Wirtschaft" einerseits jedem Versuch
einer politischen "Verschlimmbesserung" ihrer Rahmenbedingungen entgegenstemmt, aber sich zur
selben Zeit und aus demselben Selbsterhaltungsinteresse umweltsensibel gibt, wenn es gilt, in der
Zukunft liegende Umstände einzuschätzen und dem Kranz der entscheidungsrelevanten Daten zu-
zufügen.
Das umweltpolitische Instrumentarium moderner Demokratien trägt diesem Dualismus unterneh-
merischer Zeithorizonte nur ungenügend Rechnung. So zielen Verhaltensnormen und Ökosteuern
auf die zeitnahe Beeinflussung betriebswirtschaftlicher Entscheidungen, z. B. der Umweltinan-
spruchnahme. Politisch gesetzte Rahmenbedingungen sollen die Wirtschaft veranlassen, möglichst
rasch den Übergang zu einem gesellschaftlich erwünschten Produktionsmodell zu bewerkstelligen,
das in den Augen seiner Befürworter in aller Regel auch als wirtschaftlich lohnend ausgewiesen ist.
Daraufhin würden die Unternehmen, so die "politische" Wirkungsannahme, eine andere Kombina-
tion von Produktionsfaktoren wählen und sich zu einer entsprechenden Modifikation von Produkt-
angebot und Produktionsverfahren bequemen.
Aus der Perspektive der Unternehmen stellt die (umwelt-)politische Regulation keineswegs nur
eine quasi neutrale Änderung der Rahmendaten dar. Sie haben sich vielmehr auf eine der Nachfra-
gestruktur und den Wettbewerbsbedingungen angepasste Produktpalette eingerichtet und Kapital in
Form von Sachanlagen und Organisationsstrukturen „gebunden“. Diese Bindung ist prinzipiell
veränderbar, aber jede Abweichung vom eingeschlagenen Weg ist mit Kosten und Risiken belastet.
Auch dann, wenn alle Wettbewerber gleichzeitig neuen Rahmenbedingungen unterworfen sind,
bestehen Anpassungsrisiken aufgrund unterschiedlicher Marktpositionen und Anpassungspotenzia-
le, d. h. hinsichtlich des mobilisierbaren slack.
Da kein wirksamer Eingriff vollständig wettbewerbsneutral zu bleiben verspricht, beeinträchtigen
politische Interventionen das betriebliche Anpassungsvermögen. Das wiederum dürfte der ein-
griffsbereiten Politik bereits im Vorhinein bekannt sein. Die Antizipation wirtschaftlicher Risiken
und erwartbarer Proteste der Betroffenen führt regelmäßig zu Abstrichen am ursprünglichen Steue-
rungsziel. Weil (umwelt-)politische Eingriffe in den betriebswirtschaftlichen Datenkranz folglich
nur in entschärfter Form erfolgen, und lieber Vollzugsdefizite in Kauf genommen werden als die
unliebsamen Konsequenzen einer lückenlosen Implementation, erscheint staatliche Regulation
nicht selten als reine Symbolhandlung. Ihre wichtigste Funktion ist dann, Erfolg im Parteienwett-
bewerb, aber nicht in der Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse zu suchen.6
8 Umweltsensibilität im langfristigen Orientierungshorizont
Komplexe Organisationen sind von ihrer Umwelt abhängig und nehmen an ihrer Gestaltung teil.
Einerseits müssen sie sich der Umwelt flexibel anpassen, andererseits (und zur selben Zeit) beein-
flussen sie die künftigen Umweltbedingungen. In ihren Bemühungen um Umweltgestaltung sind sie
jedoch nicht völlig frei, sondern von verschiedenen "äußeren" Bedingungen abhängig. Sie sind auf
Informationen über wichtige Parameter der künftigen Nachfrage- und Produktionsbedingungen
angewiesen. Der Vorstand eines Automobilkonzerns mag zwar der Steigerung des shareholder
values Vorrang vor Unternehmenszielen wie Gewinn, Geschäftsvolumen, Liquidität und Markt-
position geben. Aber auf welche Weise und mit welchen Mitteln ein hoher Börsenwert in, sagen
wir, 15 Jahren, zu erzielen ist, bleibt zwangsläufig im Dunkeln.
6 Als passendes Beispiel drängt sich (während der Bearbeitung dieses Beitrags in 2016) der ausgesprochen zögerliche
Umgang der Regierung mit den von KFZ-Herstellern illegal verbauten „defeat devices“ auf.
12
Gewiss fließen in die unterstellten Zukunftsszenarien viele gegenwärtige Bedingungen, z. B. fi-
nanzwirtschaftliche Parameter wie Steuern und Anreize, ein. Einfluss auf die zukunftsbezogenen
Entscheidungen wird ihnen aber nur in dem Maße eingeräumt, wie mit ihrer zukünftigen Geltung
zu rechnen ist. Erscheinen gegenwärtige Bedingungen als variabel bzw. von variablen Daten wie
Wahlergebnissen und der Zusammensetzung von Regierungskoalitionen abhängig, so werden ihnen
nur schwache Wirkungen auf die künftig wirksamen Wirtschaftsbedingungen zugeschrieben. Was
erkennbar nur als Profilierungsthema im Parteienwettbewerb oder Material für populistische Stim-
mungskampagnen dient, hat kaum Orientierungswirkungen. Folglich berühren rein programmati-
sche Aussagen und manche als „Vorsorgepolitik“ deklarierten Interventionen des Staates den Ent-
scheidungsrahmen für langfristige Innovationen nur geringfügig.
Damit bleibt der mittel- bis langfristige Horizont gesellschaftlich wirksamer Entscheidungen von
politischen Steuerungsabsichten unbeeinflusst, obwohl er gerade nicht ökonomisch determiniert ist,
sondern Raum für eine antizipative Konkretion zukunftsbezogener Interessen bietet (vgl. Ladeur
1987). Die für Innovationsentscheidungen maßgeblichen Orientierungs- und Prognosedaten sind
zwar vielfältig konditioniert, jedoch weitaus weniger determiniert als alle gegenwartsbezogenen
Strategien. Nur soweit ein gewisses Maß an Erwartbarkeit im mittel- bis langfristigen Entschei-
dungshorizont besteht, können die in diesem Rahmen gebildeten Absichten und Pläne als Selekto-
ren der zukunftswirksamen Innovationen fungieren. Sind sie unter diesen Voraussetzungen erst
einmal mit wieviel Erfolgsunsicherheit auch immer selektiert und in Entscheidungen transfor-
miert, so landen sie letztendlich unter den Schutzschirm des gegenwartsnahen, betriebswirtschaft-
lich definierten Bestandsinteresses, das gegenüber etwaigen Interventionen Dritter eine Abwehrpo-
sition einzunehmen pflegt.
Die grobe Skizze der ungleichen Reagibilität von Unternehmen auf die kurz- respektive langfristi-
gen Umweltbedingungen lässt sich wie folgt resümieren: Marktabhängigen Organisationen ist prin-
zipiell eine hohe Empfindlichkeit für Umweltsignale zu attestieren, die auf veränderte Bestands-
und Erfolgsbedingungen schließen lassen. Die Wahrscheinlichkeit einer konkludenten Adaption ist
umso größer, je zuverlässiger, d. h. je weniger zufällig und reversibel, die Botschaft zu sein scheint.
Die größere Sensibilität gegenüber langfristig signifikanten Daten drückt dabei weder ein genuines
Eigeninteresse an der sozialen oder natürlichen Umwelt des Unternehmens aus noch eine Befähi-
gung zur Anpassung an die künftig zu erwartenden Rahmenbedingungen. Aber ebenso wenig lässt
sich auf ein generelles Negativinteresse am „Umweltverhältnis“ des Unternehmens schließen.
Für eine gesellschaftliche Situation, in der weder die Konsumenten über starke Interessenorganisa-
tionen verfügen noch eine parlamentarische Mehrheit zur Schaffung wirkungsvoller constraints des
Wirtschaftens bereit ist, weist die empirische Organisations- und Entscheidungsforschung auf eine
dritte prüfenswerte Option hin: Angesichts der engen Grenzen der politischen Regulation sind
"umweltsensible" Lernprozesse der Unternehmen nur im mittel- bis langfristigen Entscheidungsho-
rizont, d. h. bei der Identifikation der künftig wirksamen Rahmenbedingungen (constraints) erwart-
bar. Die Chancen einer höheren "Umweltsensibilität" der Wirtschaft hängen folglich in erster Linie
von der Qualität der zukunftsbezogenen Erwartungen sowie vom Umfang des innovativ nutzbaren
slack ab.
Vor diesem Hintergrund darf ein Interesse der Gesellschaft an profitablen Unternehmen unterstellt
werden. Denn nur, wenn ausreichend slack verfügbar ist, existieren die Mittel zur Adaption an
prinzipiell variable Umweltbedingungen. Des Weiteren ist es erforderlich, dass Unternehmen hin-
reichend deutliche und kontinuierliche Signale aus der gesellschaftlichen Umwelt empfangen, um
ihr Bestandsinteresse gemäß den künftig veränderten Anforderungen konkretisieren zu können. Nur
wenn beide Bedingungen erfüllt sind, d. h. wenn die Gesellschaft wirtschaftliche Prosperität er-
glicht und weiterhin auf der "materialen Politisierung der Produktion" (Kitschelt 1985) beharrt,
ist die zur weiteren ”Ökologisierung der Produktion" erforderliche Balance aus Ressourcen und
13
Signalen gegeben.
9 Gesellschaftliche Institutionen und politischer Wettbewerb
Im Unterschied zur Gesellschaft des untergegangenen Staatssozialismus können moderne funktio-
nal differenzierte Gesellschaften durchaus von der Existenz relativ selbständiger Sphären der Poli-
tik, der Wirtschaft, des Rechts usw. profitieren. Musste sich die Führung des sozialistischen Staats
als Direktorium eines integrierten Produktions- und Personalbüros begreifen, das sie zu einer rigi-
den Beschränkung der politischen Steuerungsziele nötigte, so bietet die demokratisch verfasste
Politik des modernen Kapitalismus die prinzipielle Option des „arbeitsteiligen“ Umgangs mit meh-
reren gesellschaftlichen Rationalitätskriterien. Funktionale Systemdifferenzierung bedeutet prak-
tisch: die Möglichkeit des parallelen Prozessierens von scheinbar inkommensurablen Zielen.
Die relative Überlegenheit des demokratischen Kaptalismus zeigt sich in dem Sachverhalt, dass
Interessendifferenzen nicht nur möglich, sondern auch darstellbar, organisierbar und im Rahmen
gezielter Innovationen "hantierbar" sind. Da gewusst und akzeptiert ist, dass Unternehmen partiku-
läre Ziele verfolgen und veränderte Umweltbedingungen nur im Lichte ihres Eigeninteresses wahr-
zunehmen in der Lage sind, ist die Zuständigkeit eines anderen Teilsystems, der Politik, für die
externen Effekte des Wirtschaftssystems unterstellt. Regelungs- und Vollzugsdefizite werden folg-
lich nicht den Regelungsadressaten, sondern den Urhebern von bzw. Zuständigen für politische
Entscheidungen zugeschrieben.
Bekanntlich existieren gleichwohl gravierende Koordinationsprobleme in funktional differenzierten
Gesellschaften. Lässt sich die Ignoranz der Unternehmen gegenüber staatlichen Ad hoc-
Interventionen als Konsequenz einer "verselbständigten" Wirtschaft begreifen, so scheint die Igno-
ranz der Politik gegenüber der im langfristigen Zeithorizont liegenden Kommunikationsschnittstel-
le zwischen Gesellschaft und Wirtschaft schwieriger zu erklären. Drei komplementäre Erklärungs-
thesen bieten sich an. Zunächst ist aus individualpsychologischer Sicht eine verbreitete Neigung
zur Diskontierung der Zukunft gegenüber der Gegenwart und ein demgemäß unzureichendes Ver-
mögen für den Umgang mit komplexen "Zeitgestalten" (Dörner 1991: 158) zu konstatieren. Zwei-
tens sind institutionelle Besonderheiten der politischer Entscheidungssysteme, insbesondere des
Regierungs- und Parlamentsbetriebs, zu erwähnen, u. a. die typische Beschränkung des Zeitrah-
mens auf die Dauer einer Legislaturperiode. Drittens scheinen politische Akteure nur wenig bereit,
sich auf langwierige Konsensbildungsprozesse einzulassen, wenn sie damit nicht auch ihre Wett-
bewerbsposition zu verbessern glauben.
Die Nutzung der gegenwartsfernen Kommunikationsschnittstelle zwischen Gesellschaft und Unter-
nehmen setzt Fortschritte bei der Klärung gesellschaftlicher Prioritäten voraus. Wie die kontrover-
sen Diskussionen bei der Einführung der Ökosteuer und der Reform der Rentenversicherung zeig-
ten, sind jedoch gerade zukunftsbezogene Projekte anfällig für Orientierungsdifferenzen, die par-
teipolitisch instrumentalisierbar sind und damit Zweifel an der langfristigen Bindungswirkung von
Gesetzen begründen. Während der ökonomische Wettbewerb dank der Marktabhängigkeit der (Un-
ternehmens-) Akteure für ein notwendiges Minimum an Umweltsensibilität sorgt, hat der politische
Wettbewerb häufig eine Minderung der Problemsensibilität und des Handlungspotenzials zur Kon-
sequenz. Nicht das Prinzip der repräsentativen Demokratie an sich, aber die Funktionsweise einiger
institutioneller Formen erklären, warum der „langfristige“ Einflusskanal von der Gesellschaft in die
Wirtschaft so wenig Aufmerksamkeit findet.
Tatsächlich ist das Problem kooperativer Politikentscheidungen vor dem Hintergrund des Parteien-
wettbewerbs aus der Public Choice-Literatur (vgl. Mueller 1989) wohlbekannt. Die Konkurrenz um
Wählerstimmen stellt ein Nullsummenspiel par excellence dar. Akteure mögen es auch dadurch zu
gewinnen suchen, dass sie die Position der Mitbewerber verschlechtern. Denn es kommt ihnen
14
nicht auf absoluten, sondern „nur“ auf relativen (positionalen) Gewinn an. So wirkt möglicherweise
der Vorschlag, im Interesse eines effektiven „ökologischen Lernens“ der Wirtschaft nicht über die
Veränderung der Wirtschaft, sondern über die Rationalisierung der Politik nachzudenken, auf den
ersten Blick naiv. Gleichwohl ist die Politik der geeignetere Ort für institutionelle Experimente und
thematische Innovationen.
Mit der Überweisung des Themas an die Politik werden Optionen zugänglich, die dem Ursprungs-
kontext fremd sind. Während es unrealistisch ist, auf spontan konvergierende Anpassungsprozesse
der Unternehmen zu setzen, ist es immerhin vorstellbar, dass sich die Politik der Aufgabe annimmt,
eine besser geeignete Entscheidungsordnung für Themen zu schaffen, deren Bearbeitung langfristi-
ge Bindungswirkungen der politischen Entscheidungen voraussetzt. Immerhin ist die staatliche
Regulation prinzipiell im Stande, den aggregierten slack der Unternehmen als Lernpotential der
Wirtschaft zu identifizieren und sich im Lichte dieses Wissens zu größerer Zielstrebigkeit gegen-
über „lern-aversen" Unternehmen zu entschließen.
15
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Ganz überwiegend findet man organisationstheoretische Forschungen orientiert an rationalitätstheoretischen Prämissen. Entweder führt der Forscher selbst eigene (oder: vermeintlich wissenschaftliche, oder: vermeintlich allgemeingültige) Rationalitätsvorstellungen ein und prüft, wie weit Organisationen in Struktur und Operation diesen Vorstellungen genügen. Die Kritik der Organisation hat dann das Ziel, ihr Rationalitätsniveau anzuheben. Typisch legt diese Forschungsorientierung Optimierungsmodelle zugrunde. Oder der Forscher nimmt an, die Organisation selbst strebe nach Rationalität. Sie verstehe sich selbst als ein System, das sich an Zielen orientiere, dafür geeignete Mittel auswähle und ein solches Programm gegen etwaige Widerstände über einen formalen Herrschaftsapparat durchzuführen versuche. Dann mag die Forschung sich für die aus diesem Anlaß entstehende „informale Organisation“, für Widerstände, für „perverse Effekte“, für Pathologien, für Dysfunktionen oder Diskrepanzen zwischen deklarierten und wirklichen Zielen interessieren.
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Das Bürokratiemodell Max Webers ist ein vertrauter und bewährter Erkenntnisbesitz unserer Organisationsforschung. Und auch die Einsicht, daß die Rationalisierung des öffentlichen Lebens sich unaufhaltsam und auf allen Gebieten durch bürokratische Verwaltung vollzieht, hat sich durchgesetzt. Sie bedarf keiner Empfehlung mehr. Die Auseinandersetzung mit dieser Konzeption, das Hin- und Herwenden ihrer Begriffe, Versuche des Umbaus, der Ergänzung, der empirischen Kontrolle sind Gegenstand laufender wissenschaftlicher Arbeit. Dieses Jahr, in dem der Geburtstag Webers zum hundertsten Male wiederkehrt, wird daher kein Jahr des Anstoßes sein. Eher scheint es ein Jahr des Gedenkens und der feierlichen Würdigung zu werden.
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Will man ein relativ unbeschwertes Bild über Organisationen gewinnen, ist es ratsam, etwa 150–200 Jahre zurückzugreifen. Als Ausgangspunkt läßt sich dann ein Organisationsverständnis erkennen, das sich gegen Begriffe wie Ordnung oder Organismus nicht deutlich abgrenzt und das in dieser Unscharfe umstandslos modernen Entwicklungen in Staat und Wirtschaft zugeordnet werden kann. Organisation ist Ausführung von Herrschaft oder Ausführung von Produktion — in jedem Falle ein Phänomen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Heinrich Stephani etwa fordert, um ein Beispiel zu geben, in seinem Grundriß der Staatserziehungswissenschaft1, daß das Erziehungswesen „eine zweckmäßige, durch den ganzen Staat sich erstreckende Organisation erhalte“. Ohne Organisation „sei bei allem guten Willen nichts gedeihliches zu erwarten, weil nach einem ewigen Naturgesetz jede Kraft zu ihre Wirksamkeit Organe nöthig hat, durch welche sie sich zweckmäßig äußern kann“. Entsprechend wird die Organisation in ihrer Einheit durch ein Vernunftschema begriffen und in ihrem Fortschritt daran gemessen, in welchem Maße sie ein Ideal erreicht2. Modern gesprochen: Organisation wird nicht gegen Gesellschaft und gesellschaftliche Funktionsbereiche differenziert und nicht als ein System eigener Typik, nicht etwa als „Bürokratie“ begriffen.