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Social Media als Werkzeug für den Deutschunterricht

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Abstract

Pokémon Go hat im Sommer 2016 Jugendliche und Schulen einige Wochen lang bewegt. Wurden die Ansammlungen junger Menschen mit Smartphones und Zusatzakkus rund um die Sehenswürdigkeiten einer Stadt mit Befremden und Belustigung wahrgenommen, beschäftigten sich Lehrkräfte mit zwei Fragen: Mit welchen Maßnahmen können Probleme an Schulen verhindert werden, wenn das Sammeln der Pokémons eine derart starke Faszination auf Jugendliche ausübt? Wie können die Lerneffekte, die das Spiel auslöst, in der Schule genutzt werden? Diese beiden Perspektiven sind geeignet, die Diskussion über Social Media im (Deutsch-)Unterricht zusammenzufassen.
P
PhilippeWampfler
SocialMediaalsWerkzeugfür
denDeutschunterricht
okémonGohatimSommer2016JugendlicheundSchuleneinigeWochen
lang bewegt. Wurden die Ansammlungen junger Menschen mit
SmartphonesundZusatzakkusrundumdieSehenswürdigkeiteneinerStadtmit
BefremdenundBelustigungwahrgenommen,beschäftigtensichLehrkräftemit
zwei Fragen: Mit welchen Maßnahmen können Probleme an Schulen
verhindert werden, wenn das Sammeln der Pokémons eine derart starke
FaszinationaufJugendlicheausübt?WiekönnendieLerneffekte,diedasSpiel
auslöst, in der Schule genutzt werden? Diese beiden Perspektiven sind
geeignet, die Diskussion über Social Media im (Deutsch-)Unterricht
zusammenzufassen.
1. DerPokémon-Go-HypeimUnterricht
Die oberflächliche Frage nach dem »Fluch oder Segen«
neuer Apps1, Aktivitäten und Plattformen zielt in einem
tiefgründigen Sinn auf ein umfassendes Verständnis der
Auswirkungen medialer Praktiken auf die Sozialisierung,
Subjekt-Werdung und Werteerziehung. »›Pokémon Go‹ ist
Ideologie!«,wardieÜberschriftdesEssaysvonSlavojŽižek
(2016), der als Kulminationspunkt dieser Sichtweise
verstandenwerdenkann.ŽižekverweistaufdieNeuartigkeit
derVermischungdervirtuellenmitderrealenWeltundführt
siemitdernationalsozialistischenIdeologieeng.
erschienen in:
ide. informationen zur deutschdidaktik 4/16
»New Literacies«, S. 57-65.
ImDiskursüberGesundheitsprävention,Datenschutzund
Risikoverhalten sind neue Entwicklungen
Anschauungsbeispiele. Sie können im Unterricht zwar
theoretischbehandelt, aber kaumje direkt erfahrenwerden.
So werden sie kaum umfassend analysiert, sondern als
BestätigungmedialerVorurteileinterpretiert.ImNamender
Sensibilisierung erfolgt häufig eine Abwertung digitaler
Kommunikation, die sich in der Bildungspolitik, den
Lehrplänen,derLehrerbildungundauchindenKöpfenvon
Lehrpersonen als Ausgrenzung eines ganzen kulturellen
Spektrumsniederschlägt.
Dieser Haltung steht das Bemühen gegenüber, mit der
Einbindung von Trend-Apps neue Impulse für die
Ausrichtung des Unterrichts zu erhalten. Die Faszination,
welche Medienangebote auf Jugendliche ausüben, wird als
Aufhänger für motivierende Unterrichtsaktivitäten
verstanden,mehrnoch:Die Aktivitäten der Jugendlichenin
denSocial-Media-ApplikationenerscheinenalsIdealbilddes
Lernens. Die individualisierten, konstruktivistischen,
kollaborativen und kreativen Tätigkeiten entsprechen dem
Ideal der 4K-Kompetenzen2, denen für die Gestaltung des
Lebensraumes und das berufliche Engagement im 21.
Jahrhundert besondere Bedeutung zugewiesen wird (vgl.
Wampfler u. a. 2016). Heusinger (2016) hält etwa fest,
PokémonGoerlaubees,eine»Stadtnäher,individuellerund
authentischer«zuerkunden,währendMcLeodundCarabott
(2016)dieinterdisziplinäreundpraxisnaheAnlagedesSpiels
alswertvollbezeichnen.
Wird die Reflexion von Trends häufig auf zu einfache
Kategorien wie Normen und Wertungen reduziert, genügt
auch die Orientierung am didaktischen Potential beliebter
PlattformendeneigenenAnsprüchenoftnicht:DerTransfer
vom informellen Spiel oder der intrinsisch motivierten
KommunikationineinUnterrichtssettinggelingtselten.Die
Verschulung von Freizeitaktivitäten geht von
Voraussetzungen wie Selbststeuerung und
Kompetenzorientierung aus, die etablierte Formen von
Unterrichtnichteinlösenkönnen.
SpitztmandiebeidenProblembereichezu,kannPokémon
Go im Deutschunterricht zwei Funktionen einnehmen: Die
App kann als aktuelles Beispiel fungieren, mit dem
Lehrkräfte Jugendlichen mangelnden Datenschutz und
Oberflächlichkeit vorwerfen können, oder als Beleg dafür
herangezogen werden, dass moderner Unterricht auf
didaktischeReflexionverzichten kann,wennesgelingt,aus
medialen Massenphänomenen Unterrichtsaktivitäten
abzuleiten.
GehtesindenfolgendenAbschnittenumSocialMediaim
Deutschunterricht, dann zeigt das Pokémon-Go-Beispiel,
woransichdiedidaktischeDiskussionzuorientierenhat:An
Modellen,mitdenenJugendkulturundTrendsuntersuchtund
eingeordnet werden können, ohne vorschnell und
unreflektiertinMusterzuverfallen,diesichprimärübereine
Tradition der bildungsbürgerlichen Kultur legitimieren.
Gleich wichtig sind Vorschläge für die Praxis, die
Bedingungen für den nachhaltigen und wirksamen Aufbau
vonKompetenzeneinbeziehen.
2.SocialMediaalsGegenstanddesDeutschunterrichts
Social Media bezeichnen in einer weiten Definition die
PlattformenundWerkzeuge,aufdenenUserProfilegestalten
und damit durch die Verarbeitung und Herstellung von
Inhalten Beziehungen aufbauen und pflegen können (vgl.
Boyd/Ellison,2013). Sowohlbei der Gestaltung der Profile
wieauchbeimAufbauvonBeziehungenspielensprachliche
Kompetenzen eine entscheidende Rolle. Social Media sind
damit für Schülerinnen und Schüler ein wichtiger
Anwendungsbereich für die Lernergebnisse aus dem
Deutschunterricht.DasbetrifftdenKonsumvonsprachlichen
Produkten und ihre Erstellung gleichermaßen: Leitmedien
wie Zeitung und Fernsehen wurden in der Medienwelt
Jugendlicher durch Social Media abgelöst. Der Modus des
Prosumierens ist zum Standard geworden: Die Online-
Leserinwirdgebeten,sichanUmfragenzubeteiligen,Texte
zu teilen und Feedback zu hinterlassen, der YouTube-
Zuschauer reagiert mit eigenen Videos und Kommentaren
auf das Gesehene. Diese geraffte Darstellung einer
Entwicklung in den letzten 15 Jahren zeigt: Zielen die
Lernziele des Deutschunterrichts darauf ab, sich sprachlich
kompetent verhalten und die Funktionsweise der
maßgeblichen Leitmedien verstehen zu können, dann
gehörenSocialMediaselbstverständlichzumGegenstanddes
Deutschunterrichts.
Was bedeutet das? Eine handlungs- und
produktionsorientierteDeutschdidaktikgehtvonderEinsicht
aus, dass eigenes Tun die Grundlage für Lernprozesse
darstellt. Die Dynamik von Social Media, die sich durch
komplexe Netzwerkeffekte ergibt, spricht ebenfalls für
eigene Erfahrungen. Das lässt sich an einem einschlägigen
Beispiel zeigen: Lehrkräfte wollen Jugendlichen vorführen,
dassInhalteinhalb-privatenSocial-Media-Umgebungeneine
unkontrolliert große Reichweite erhalten können. Deshalb
posten sie in ihren Kanälen (Facebook, Twitter, Snapchat)
einBildmitderAufforderung,essointensivwiemöglichzu
teilen, damit Jugendliche die Dimension der Verbreitung
wahrnehmen können. Diese Lehrerhandlung erzeugt einen
paradoxen Effekt: Nur wegen des Verweises auf die
didaktischeAbsichtwerdendieBildertatsächlichgeteilt.Im
Alltag der Jugendlichen hingegen stellt breite
AufmerksamkeiteinestarkeAusnahmedar.
AussolchenGründenistdavonabzusehen,imSinneeiner
didaktischen Reduktion Erfahrungen künstlich herstellen zu
wollen.HilfreichersinddiebeidenimFolgendenskizzierten
Zugänge,diesichmitderentsprechendenAnpassungaufden
verschiedenen Stufen des Deutschunterrichts umsetzen
lassen.
2.1EigeneErfahrungenmitPortfoliosdokumentieren
SchülerinnenundSchülerbekommenodergebensichselbst
einen spezifischen Beobachtungs- oder Schreibauftrag, den
sie in einer Social-Media-Umgebung umsetzen. Während
sich dafür viele Bereiche des Deutschunterrichts eignen,
dürfte gerade der Blick hinter die Bühnen der
NachrichtenproduktionvonbesonderemInteressesein:Folgt
man den (Twitter-)Profilen von Journalistinnen und
Journalisten,solassensichvieleMechanismenderdigitalen
journalistischenArbeiterkennenunderfahren.Eineinfacher
Auftrag könnte darin bestehen, in diesem Netzwerk jeden
Tag eine Frage zu einer aktuellen Nachrichtenmeldung zu
stellen – gerichtet an eine Person, die sie journalistisch
bearbeitet. Die dabei gewonnenen Erfahrungen und
Einsichten werden in einem Portfolio gesammelt (vgl.
Wampfler 2013a). Digitale Werkzeuge wie Evernote,
OneNoteoderGoogleDocseignensichdafürbesonders.
Ähnliche Vernetzungs- und Dokumentationsaufgaben
könnenaberauchauslinguistischen,grammatikalischenund
literarischen Lernumgebungen entstehen. So finden sich in
denSocialMediaBots,diehäufigeFehlerquellenkorrigieren
und verbessern, ausführliche Diskussionen über die
FeinheitenderRechtschreibreformundhitzigeDebattenüber
dasgenerischeMaskulinum.DieTeilnahmeundTeilgabean
solchen digitalen Gesprächen ist an sich förderlich für den
Aufbau von wichtigen Schreib- und Lesekompetenzen,
darüber hinaus entsteht so die Basis für eine Reflexion des
professionellen Einsatzes von Social-Media-Tools.
SchülerinnenundSchüler könnenAufgabenbewältigen,bei
denen sie mit Profis in Kontakt kommen und die an ihre
Lebenswelt anknüpfbar sind, aber doch genügend
Irritationspotential aufweisen, um Reflexionen auslösen zu
könnenundeinenZuwachsanFertigkeitenzuermöglichen,
indemsituativeProblemegelöstwerdenkönnen.Inkleineren
SettingslassensichsolcheEffektebereitsinderGrundschule
beobachten,wennKinderetwadigitaleBuchstabenportfolios
führen(vgl.Maurer2012).DieArbeitmitPortfoliosunddie
BeobachtungundVernetzungindensozialenNetzwerkenist
als Vorbereitung auf den Aufbau einer persönlichen
Lernumgebung konzipiert, die das informelle Lernen der
Schülerinnen und Schüler mit schulischen und beruflichen
Aktivitäten verbindet und sich auf den Kompetenzaufbau
außerhalbdesDeutschunterrichtsübertragenlässt.
2.2CaseStudies
UnfälleoderProblemfällemitSocialMediasindregelmäßig
Thema in den Medien. Zur Zeit der Niederschrift dieses
AufsatzeswirdindenUSAeinFalldiskutiert,beidemeine
Studentin sogenannte »Subtweets« ihrer Mitbewohnerin
ausgedruckt hat (vgl. Kircher 2016). In diesen Nachrichten
(sieheAbb.1),diekeinenNamennennen,aberdirektaufdie
Studentin zu beziehen sind, beschwert sich die
Mitbewohnerin öffentlich über Probleme im
Zusammenleben. Der Fall ist geeignet, über Konzepte wie
»PrivacyinPublic«nachzudenken(vgl.Wampfler2013b,S.
63 f.): Gemeint sind damit öffentlich zugängliche
Kommunikationshandlungen, die durch verschiedene
Techniken so geschützt sind, dass nur Eingeweihte sie
erfassen können. Weiters sollten ethische Reflexionen im
Umgang mit der öffentlichen Einsehbarkeit von sozialen
Netzwerken angestoßen sowie mediale Normen im
zwischenmenschlichenUmgangreflektiertwerden.
Werden solche Fälle im Deutschunterricht mit der
Methode der Fallstudie behandelt, die in den
Wirtschaftswissenschaften didaktisch etabliert ist, kann
»kreative Problemlösekompetenz« entwickelt werden:
»Dabei lernen die Studierenden nicht nur den Umgang mit
Annahmen und das Ziehen von Schlussfolgerungen. Sie
lernen auch das aktive Zuhören und Verstehen anderer
Sichtweisen.«(Matzleru.a.2006,S.234)
Abb.1:SubtweetsderMitbewohnerin(Quelle:
http://pixel.nymag.com/imgs/daily/electall/2016/09/28/28-
subtweeting.w710.h473.2x.jpg)
EtablierteGesprächsmethodenaus dem Deutschunterricht
sind geeignet, die meist in Sachtexten greifbaren Fälle zu
verstehen, zu analysieren und zu diskutieren. Kinder und
Jugendliche werden mit diesen Arbeitsformen aufgefordert,
ihre Erfahrungen und Wertvorstellungen im Umgang mit
Social Media zu verbalisieren und sich gegenseitig
Rückmeldungen zu geben. Lehrkräfte nehmen an der
Diskussion teil und laufen aufgrund der Distanz ihrer
MediensozialisationvonderihrerSchülerinnenundSchüler
weniger Gefahr, dadurch den Deutungsablauf zu verzerren
oder zu stoppen (vgl. zu diesem Problem Werner 2004, S.
216 f.). Die Methode ist auch geeignet, um konkrete
ProblemeausdemSchulalltagaufzunehmenunddieHaltung
vonJugendlichensozu verstehen,dasssiederSchulleitung
oder dem Lehrerkollegium verständlich gemacht werden
kann. Ein aktuelles Beispiel dazu ist die Verwendung von
Snapchat,umHandlungenvonLehrkräftenzukommentieren
(vgl.Wampfler2016).
3.SocialMediaalsWerkzeugfürdenLiteraturunterricht
Klassischer Literaturunterricht arbeitet an verschiedenen
Schnittstellen:RezeptionundProduktionliterarischerTexte,
Zugang zu psychologisch-realistischen Lesarten und die
Analyse poetologischer Verfahren; Unterhaltung und
Wissensvermittlung, Werteerziehung und die Eröffnung
kulturwissenschaftlicher Perspektiven berühren,
überschneiden, ergänzen und widersprechen sich je nach
didaktischem Setting. Social Media wirken auf zwei Arten
auf diese Schnittstellen ein: Einerseits ergänzen sie die
Domäne der Literatur um digitale Spielarten, die sich seit
dem Paradigma des Hypertextes und der Blogs aus den
1990er-Jahrenstarkveränderthaben.Andererseitserweitern
Social Media das didaktische Repertoire des
Deutschunterrichts. Was das konkret heißt, kann an zwei
Beispielen ausgeführt werden, die stellvertretend für eine
Reihe von möglichen Aktivitäten und Lernumgebungen
stehen.
3.1DieGlavinic-Sprengnagel-Fehde
»Ich finde alle Romanautoren sollten Zweizeiler anstreben,
nicht umgekehrt.« (Weisbrod 2015) Diese Aussage der
österreichischen Autorin Stefanie Sprengnagel (Pseudonym
Sargnagel) ist Programm ihres literarischen Verfahrens: Ihr
Tagebuch-roman Fitness von 2015 besteht aus Facebook-
Einträgen. »Die Einträge wirken jedes Mal wie hingerotzt,
sindsievielleichtauch–undtrotzdemsitzendieWorteund
jedesnichtvorhandeneSatzzeichenperfekt«,heißtesineiner
Besprechung (ebd.). Sprengnagel nutzt Facebook als
WerkzeugundStilmittel,siebetreibteinProfil,beidemsie
Wirkungsweisen des »autobiografischen Paktes« (Lejeune
2010)gekonntliterarischeinsetzt.ImFrühsommer2016hat
das zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Thomas
Glavinic geführt (vgl. Kegel 2016), die ebenfalls
hauptsächlich auf den Facebook-Kanälen stattgefunden hat.
Gegenstand war einerseits das literarische Verdienst,
andererseitsaberauchdiePerson,diepersönlicheMarkeund
derEinsatzderPlattformFacebook.Schnellwurdeunklar,ob
es beim Streit um die Position im österreichischen
Literaturbetrieb,umeinepolitischeAuseinandersetzung,um
eineneskalierten Social-Media-Streitoder um feministische
Fragenging.GehörtderBeitragzurDebattebeiSprengnagel
klar auch zu ihren literarischen Strategien, war das bei
Glavinic,dersichbewusstalsSocial-Media-Laieinszenierte,
unklar: »Ich muss endlich irgendein Genie diese Dinge
abstellenlassen.«(Ebd.)
Diese Fehde, für die es in der Literaturgeschichte
Vorläufer gibt, kann als Lernumgebung aufzeigen, wie
LiteraturineinemöffentlichenMediumentstehtundwelche
Dynamiken sich entfalten. Wie Stefan Porombka in seinen
Arbeitengezeigthat,lösensichdurchSocialMediaetablierte
Muster des Literaturbetriebs auf: Alle miteinander
Interagierenden–wieSprengnagel,Glavinicunddiejenigen,
welche ihre Auseinandersetzung kommentieren – arbeiten
wie Ameisen an einem größeren Text, von dem sie wenig
wissen(vgl.Porombka2015).SieschaffenMöglichkeitenfür
etwasNeues,dasaber währendderArbeitdarannochnicht
absehbarist.Schreiben–unddamitauchLiteratur–kannzu
einem Experiment werden. Statischere Social-Media-
Beispiele wie die fachdidaktisch aufgearbeiteten TinyTales
auf Twitter (vgl. Herz 2015) oder die auf Minitexte
reduzierten großen Romane der Weltliteratur (vgl.
Twitteratur,Aciman/Rensin2009)blendendiesenEffektoft
ausundarbeitenmiteinemklassischenWerkbegriff.Siesind
dafür an etablierte Methoden des Literaturunterrichts
anknüpfbar, während sich die Bewegungen laufender
literarischerExperimentenurvonLernendennachvollziehen
lassen, die sich mit eigenen Aktivitäten und Netzwerken
darauf einlassen können. So zeigt sich, dass die unter 2.1
präsentierten Methoden die Voraussetzung sind, um
Lerngegenstände wie die Fehde zwischen Sprengnagel und
Glavinicnachvollziehenundanalysierenzukönnen.
3.2Peer-FeedbackimSchreibunterricht
Die digitale Textproduktion verändert zwei wesentliche
AspektederherkömmlichenBetrachtungvonSchreibarbeit:
Online-TextesindimGegensatzzugedrucktenstets
provisorischeEntwürfe.Siekönnenjederzeitverändert
undverbessertwerden.
DieAutorinnenoderAutorenkönnenhinterdenTexten
verschwinden.GeradeinsozialenNetzwerkenistdie
Zusammenarbeitentscheidend:Kommentar-threads
werdennichtvoneinerPersonverfasst,sondernvon
vielen:Wikipedia-Artikel,BlogeinträgeinGruppenblogs
oderTexteinEtherpadssinddasProdukteinerGruppe.
Überarbeitung und Zusammenarbeit werden wichtiger. So
löst digitales Schreiben ein, was eine prozessorientierte
SchreibdidaktikalsKonzeptschonlängerformulierthat:
Schreiben ist ein komplexer Prozess, in dem fortlaufend inhaltliche,
kommunikative, sprachliche Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen
werden müssen. Schreibförderung heißt demzufolge, Lernende darin zu
unterstützen, die dem Schreibprozess innewohnenden Probleme bewusst
wahrzunehmen, sie anzunehmen und produktiv zu bearbeiten.
(Kruse/Ruhmann2006,S.14)
Für die technische Umsetzung dieser Einsicht sind
Textverarbeitungswerkzeugeerforderlich,dieMöglichkeiten
zur Versionenkontrolle und zur Zusammenarbeit anbieten
(derStandarddafüristimMomentGoogleDocs,vgl.Passig
u. a. 2016). Dass es sich dabei um Social Media handelt,
entspricht nicht der gängigen Wahrnehmung, ist aber im
Sinneder obigen Definition einleuchtend (Profilevernetzen
sichüberInformationsverarbeitung).
EindirekterZugangzudiesenFormendesSchreibensist
Peer-Feedback bei der Textproduktion. Schülerinnen und
SchülerprofitierendavoninmehrfacherHinsicht:
Wenn sie mehr schreiben, als die Lehrkraft korrigieren kann, erhalten sie
Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen. In der Rolle des Feedback-
Gebendenlernensie,fremdeTextekritischzubetrachten.MitderZeitwerden
siedamit fähig,auchzu eigenenTexten einekritischeDistanz einzunehmen.
SiesetzendasimUnterrichtGelerntepermanentum.(Henning2013)
Folgt man den Einsichten von Schnetzer, eignet sich Peer-
Feedback insbesondere dafür, von einer traditionellen
Aufsatzlehre hin zu einem prozessorientierten Verständnis
von Schreiben zu gelangen (vgl. Schnetzer 2006, S. 208).
Dafür werden in der konkreten Umsetzung drei
ArbeitsschrittebeiderTextproduktiongetrennt:Entwurfdes
Textes, Feedback-Phase nach bestimmten Vorgaben (z. B.
RückmeldungzurWirkung aufdie Leserin oder den Leser,
zur Struktur des Textes, zu Änderungsvorschlägen,
auffälligen oder passenden Stellen, orthographische und
grammatikalischeKorrektur, Rückmeldung zur Analyse mit
demSchreiblabor-Tool)undzuletztdieÜberarbeitungsphase.
Durch die Arbeit mit digitalen Werkzeugen können der
Feedback-undderÜberarbeitungsprozessdokumentiertund
für andere nachvollziehbar gemacht werden. Sie erhalten
mehrGewichtundkönnenauchindieBewertungeinfließen.
SchulischesSchreibennutzt so Techniken,die auch beider
professionellen Erstellung von Texten gängig sind, und
macht für Lernende Erfahrungen in der digitalen
Zusammenarbeitzugänglich.
4.Fazit:GoodPractice
Die 1:1-Ausstattung vieler Schülerinnen und Schüler mit
digitalenGerätenschafftdieVoraussetzungendafür,dassdie
Arbeit mit Social Media im Deutschunterricht mehr Raum
einnehmen kann. Es ist 2016 noch illusorisch zu glauben,
LehrpläneoderPrüfungsreglementewürdendenveränderten
Bedingungen der sprachlichen Praktiken bald Rechnung
tragen und Kollaboration oder Prozessorientierung
berücksichtigen. Deshalb sind kleine Unterrichtsprojekte
wichtig, in denen Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen und
SchülernzusammenSocialMedianutzen,darinExperimente
durchführen und Entwicklungen reflektieren. Diese Good
Practice kann sich verbreiten, wenn sie dokumentiert und
geteilt wird. Auch die fachdidaktische Diskussion verlagert
sichlangsam,aberstetigindiesozialenNetzwerke.
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