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Swissuniversities - Bedeutung der Medienkompetenz für die Fachdidaktik Deutsch

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Abstract

Die Reaktion auf die von der Digitalisierung ausgelösten Prozesse in der Informationsverarbeitung und in der Berufswelt besteht in der Forderung nach einer Stärkung der Medienkompetenz. Ist die Forderung nach neuen Fächern oder einer gestärkten Informatik ein zentrales Element dieser Diskussion, so nimmt sich aber auch die Fachdidaktik Deutsch der Frage an, wie Reflexionskompetenzen oder sprachliche Prozesse in Neuen Medien vermittelt werden können. (Das ist eine gekürzte Version des Vortrags: fd.phwa.ch/?page_id=646)
Die Fachdidaktiken und
ihre disziplinären Bezüge
Dokumentation der Tagung
Fachdidaktiken
vom 19. Januar 2017
Les didactiques et
leurs références
disciplinaires
Documentation du colloque
des didactiques disciplinaires
du 19 janvier 2017
swissuniversities, Juni 2017
swissuniversities
Effingerstrasse 15
, Postfach
3001 Bern
www.swissuniversities.ch
2
Impressum
Auftraggeber
swissuniversities
Berichtversion
01
.06.2017
Berichtverfasser
Nadja Lindauer
PH FHNW, Martina Schläpfer swissuniversities
Patricia Schmidiger swissuniversities
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Die Bedeutung der Medienkompetenz für die Fachdidaktik Deutsch
Die Reaktion auf die von der Digitalisierung ausgelösten Prozesse in der
Informationsverarbeitung und in der Berufswelt besteht in der Forderung nach einer
Stärkung der Medienkompetenz. Ist die Forderung nach neuen Fächern oder einer
gestärkten Informatik ein zentrales Element dieser Diskussion, so nimmt sich aber auch die
Fachdidaktik Deutsch der Frage an, wie Reflexionskompetenzen oder sprachliche Prozesse
in Neuen Medien vermittelt werden können. (Das ist eine gekürzte Version des Vortrags:
fd.phwa.ch/?page_id=646)
Lehrplan 21
Liest man den Schlussbericht der Arbeitsgruppe zu Medien und Informatik“ zum Lehrplan
21 (LP21), wird deutlich, dass der Fachbereich Deutsch Aufgaben zugewiesen erhält,
welche die Fachgruppe vorzugsweise im GefässMedien und Informatik untergebracht
hätte zum Beispiel Arbeit in der Bibliothek und Tastaturschreiben. Hier zeigt sich, dass
Medienkompetenz in einem umfassenden Sinne, also zusammengesetzt aus Medienwissen,
Medienhandeln und Medienreflexion, weder dem Fach Deutsch noch einem zu schaffenden
Spezialgefäss wirklich zugewiesen wird. Verbindlich sind allenfalls Bruchstücke einer
Medienkompetenz was sich am Beispiel des Tastaturschreibens zeigen lässt. Obwohl die
Schreibforschung hat klar herausgearbeitet hat, dass nur schnelles Schreiben mit der
Tastatur eine kognitiv wirksame Schreibtechnik ist, wird diese Kompetenz im LP21 explizit
nicht ausgebildet. Das lässt darauf schliessen, dass Medienkompetenz auch im Lehrplan 21
die Priorität nice to haveerhalten hat. Weiteres Indiz dafür ist das eingeschränkte
Zeitbudget, welches von den Kantonen dafür gesprochen wurde.
Betrachtet man die sich rapide wandelnde Medienwelt und die Bedeutung der Orientierung
in der Infosphäre digitaler Plattformen, dann entsteht der Eindruck, selbst der Lehrplan 21
sei dafür nicht zeitgemäss und erlaube es dem Fachbereich Deutsch und dem Gefäss
Medien und Informatik, sich den Schwarzen Peter der Medienkompetenz gegenseitig
zuzuschieben bzw. jeweils andere Prioritäten zu setzen: Medien und Informatik kann
Anwendungs- und Informatikkompetenzen priorisieren, während das Fach Deutsch Sprache
als Lerngegenstand gleichsam entmedialisieren kann.
Die medienpädagogische Position
Der LP21 orientiert sich gleichzeitig an einer Pädagogik gegen Medien und an einer
handlungsorientierten Medienpädagogik. So heisst es etwa darin, die Schülerinnen und
Schüler sollten sich mit den Konsequenzen sozialer Netzwerke im realen Leben
auseinandersetzen. Im Fachbereich Deutsch wird die Kompetenz beschrieben, Bücher und
andere Medienauszuwählen. Andere Formen digitaler Texte, wie Computerspiele, Blogs,
Memes oder Podcasts kommen entweder gar nicht oder nur im Modus der
Medienproduktion von Schülerinnen und Schülern vor. So bleibt die Vorstellung von
Medienkompetenz, die dem LP21 eingeschrieben ist, einem überholten Paradigma
verhaftet.
Grundsätzliche Fragen im Sinne von Schmidts integrativem Medienbegriff, mit dem das
Zusammenspiel und die Wechselwirkungen von Medien in allen Dimensionen (semiotisch,
technisch, organisatorisch und textuell)(Staiger 2007, 214) erfasst werden kann, müssen in
diesem Setting unbeantwortet bleiben, weil sie nur medien- und fächerübergreifenden
wirksam gestellt werden könnten. Das gilt auch für Einblicke in die Mediengeschichte,
welche nicht nur für die Beurteilung zeitgenössischer Phänomene hilfreich wäre, sondern
auch das Verhältnis von Technik, Gesellschaft und Geschichte zu beleuchten vermag.
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Didaktische Radikalisierung
Daraus sind drei Konsequenzen abzuleiten: Erstens kann sich Medienkompetenz nicht in
deklarativem Wissen über Medien erschöpfen, sondern muss wie im LP21 ansatzweise
umgesetzt durch Medienhandeln in unterschiedlichen Kontexten erworben werden.
Zweitens darf der Deutschunterricht nicht ein Medienunterricht bleiben, der in einem
symmedialen Kommunikationssetting spezifische Medienformen bevorzugt behandelt. Er
muss sowohl als Sprach- wie auch als Literaturunterricht zeitgemäße Formen medialer
Vermittlung anbieten, reflektieren und produktiv werden lassen. Deutschunterricht muss
Medienunterricht in einem breiten Sinne werden. Drittens können komplexe
Problembereiche wie der Wandel der Medienwelt, der unter dem Begriff der Fake News
aufgerufen wird, nicht einem einzelnen Fach anvertraut werden. Um zu verstehen, wie
Propaganda im 21. Jahrhundert funktioniert, braucht es fundierte historische Einblicke,
Sprachkenntnisse, technologisches Verständnis, psychologisches Verständnis,
Werteerziehung, politisches Wissen sowie die Fähigkeit zum eigenständigen produktiven
Umgang mit Neuen Medien.
Die Errungenschaft des Lehrplans 21, Anwendungskompetenzen, Informatik und
Medienkunde zu trennen und ihnen systematisch Beachtung zu schenken, ist unbestritten.
Sie wird jedoch durch die Geschwindigkeit des medialen und politischen Wandels in den
Hintergrund gedrängt. Sie ist eines der wesentlichsten Bildungsziele, weil sie die
persönliche Entwicklung, die Wahrnehmung der Welt, die Vorbereitung auf die Berufswelt
sowie die Funktionsweise der Gesellschaft betrifft.
Literaturverzeichnis
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Deutschdidaktik als Medienkulturdidaktik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag.
Wermke, J. (1997). Integrierte Medienerziehung im Fachunterricht. Schwerpunkt:
Deutsch. München: Kopäd.
Autor
Philippe Wampfler, Universität Zürich, philippe.wampfler@uzh.ch
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  • D Baacke
  • U Sander
  • R Vollbrecht
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Medienbegriffe, Mediendiskurse, Medienkonzepte. Bausteine einer Deutschdidaktik als Medienkulturdidaktik
  • M Staiger
• Staiger, M. (2007). Medienbegriffe, Mediendiskurse, Medienkonzepte. Bausteine einer Deutschdidaktik als Medienkulturdidaktik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag. • Wermke, J. (1997). Integrierte Medienerziehung im Fachunterricht. Schwerpunkt: Deutsch. München: Kopäd.