ChapterPDF Available

13. Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900

Authors:
Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
13 Gesprochenes Alltagsdeutsch
im Bismarck-Archipel um 1900
Das Zeugnis regional markierter Superstrateinflüsse
in Unserdeutsch
Abstract: Unserdeutsch (Rabaul Creole German) entstand um 1900 an einer
katholischen Missionsstation in Vunapope auf der Insel New Britain im
Bismarck-Archipel. Seine dominante Substratsprache ist Tok Pisin, das mela-
nesische Pidgin-Englisch, seine Superstratsprache Deutsch. Der Aufsatz ver-
sucht das sprachliche Superstrat von Unserdeutsch näher zu bestimmen, d.h.
die Frage zu beantworten, welches Deutsch von den Missionaren in Vunapope
um 1900, am Ort und zum Zeitpunkt der Entstehung von Unserdeutsch, gespro-
chen wurde. Zu diesem Zweck werden die als Superstrattransfer aus dem Deut-
schen erklärbaren, regional markierten linguistischen Strukturmerkmale in Un-
serdeutsch untersucht und im geschlossenen Sprachgebiet sprachgeografisch
lokalisiert. Ergänzt wird diese linguistische Evidenz durch extra- und meta-
linguistische Evidenz aus einschlägigen, zeitgenössischen Quellen. Die Ergeb-
nisse deuten auf ein vorwiegend nordwestdeutsch-westfälisch geprägtes, ins-
gesamt jedoch heterogenes, standardnahes sprachliches Superstrat hin und
widerlegen somit frühere diesbezügliche Aussagen in der einschlägigen Fach-
literatur. Und sie zeigen zugleich auch, dass die Analyse von kolonialen und
sonstigen Auswanderervarietäten, besonders von solchen, die – wie Unser-
deutsch – im Laufe ihrer späteren Geschichte den Kontakt zum sprachlichen
Anmerkung: Die Forschungen, die dem Aufsatz zugrunde liegen, werden von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (MA 6769/1–1) gefördert. Wir danken Werner König und Lena
Schmidtkunz (beide Augsburg) für ihre wertvollen Hinweise sowie Rebecca Karrer und Marc-
Oliver Ubl (beide Augsburg) für ihre Hilfe bei den Literatur- und Datenrecherchen. Unser auf-
richtiger Dank gebührt außerdem den Missionaren und Missionsschwestern vom Hlst. Herzen
Jesu in Hiltrup (Münster) und Vunapope (East New Britain, Papua-Neuguinea) sowie dem Erz-
bistum Rabaul (East New Britain, Papua-Neuguinea), die uns Zugang zu ihren Archiven gewährt
haben, sowie den zuständigen Archivaren für ihre Hilfe bei den Recherchen.
Péter Maitz, Universität Augsburg, Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft,
Universitätsstraße 10, D-86159 Augsburg, E-Mail: peter.maitz@philhist.uni-augsburg.de
Siegwalt Lindenfelser, Universität Augsburg, Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft,
Universitätsstraße 10, D-86159 Augsburg, E-Mail: siegwalt.lindenfelser@philhist.uni-augsburg.de
Open Access. © 2018 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110538625-014 Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
306 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
Mutterland vollständig verloren haben, zur Rekonstruktion historischer Münd-
lichkeit wertvolle Daten liefern kann.
Keywords: Alltagssprache, Kreolsprache, Papua-Neuguinea, Sprachgeschichte,
Sprachkontakt, Sprachvariation, Superstratsprache, Unserdeutsch
Was wir herausfinden wollen
Die meisten der als Pidgins und Kreols klassifizierten Sprachen sind Ergebnis
der Expansion europäischer Mächte in kolonialen Kontexten (vgl. Velupillai
2015: 99–103). Deshalb basiert die Mehrzahl dieser Sprachen zumindest partiell
auf den Sprachen der einstigen europäischen Kolonialmächte, besonders auf
dem Englischen, Französischen, Niederländischen, Portugiesischen und Spa-
nischen.
1
Vereinzelt sind aber auch koloniale Kontaktvarietäten dokumen-
tiert, die aus dem Deutschen hervorgegangen sind. Zu diesen gehört neben
dem inzwischen ausgestorbenen Ali-Pidgin in Papua-Neuguinea (vgl. Mühl-
häusler 2012) oder dem Küchendeutsch in Namibia (vgl. Deumert 2009) auch
das einst im Bismarck-Archipel entstandene und heute mehrheitlich in Austra-
lien gesprochene Unserdeutsch (vgl. Maitz 2016, 2017; Volker 1982), von dem
im Folgenden die Rede sein wird.
Die am Entstehungsort einer Pidgin- oder Kreolsprache geläufige koloniale
Varietät der dominanten europäischen Sprache, die als Kontaktsprache maß-
geblich an der Entstehung des Pidgins/Kreols beteiligt ist, wird in der Literatur
meist als Superstratsprache (superstrate), Lexifikatorsprache (lexifier,lexical
source language) oder auch Zielsprache (target language) bezeichnet. Da ihre
Denotate auf der einen Seite weitgehend identisch sind, werden diese Bezeich-
nungen häufig synonym gebraucht. Auf der anderen Seite gehen aber ihre
Fokusse und Implikationen teilweise erheblich auseinander, auch enthalten
sie problematische Übergeneralisierungen, sodass all diesen Termini gegen-
über vielfach auch berechtigte Kritik hervorgebracht wird. Der Terminus Super-
stratsprache reflektiert in erster Linie den sozialen und politischen Status der
in Kontakt stehenden Gruppen (vgl. Thomason & Kaufmann 1988: 116). Die
Superstratsprache ist die Varietät der siegreichen (Kolonial-)Macht und damit
der macht- und prestigevollen Gruppe (vgl. Arends, Kouwenberg & Smith
1995: 99), die die lokale(n) Sprache(n) der Region, die Substratsprache(n) näm-
1Die Vermutung liegt nahe, dass im Laufe der Geschichte weltweit zahlreiche Kontaktspra-
chen dieser Art entstanden sind, nur mögen viele von ihnen einer vom Westen ausgehenden
Beschreibungsperspektive entgangen sein (vgl. Thomason 2001: 163).
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 307
lich, „überlagert“. Die Bezeichnung Lexifikatorsprache trägt der Tatsache Rech-
nung, dass die Sprache der jeweiligen Kolonialmacht in aller Regel den Groß-
teil des Lexikons einer Pidgin- oder Kreolsprache stellt. Und schließlich lenkt
die Bezeichnung Zielsprache den Fokus auf den Erwerbsaspekt und damit auch
in die Nähe der sog. Interlanguage-Hypothese (vgl. Plag 2008). Demnach sei
die Sprache der Kolonialherren das Lernziel in einer Erwerbssituation gewe-
sen, von dem jedoch das Erwerbsergebnis, die neue, koloniale Kontaktvarietät
nämlich, aus welchen Gründen auch immer abweicht.
Ohne die einzelnen Termini kritisch reflektieren und die einschlägigen ter-
minologischen Debatten
2
innerhalb der Kreolistik ausführlich und systema-
tisch referieren zu wollen, möchten wir an dieser Stelle nur festhalten, dass wir
uns im vorliegenden Aufsatz für den Terminus Superstrat entscheiden werden.
Gleichwohl gilt auch in unseren Augen, dass die Superstratsprache eines Pidgins
oder Kreols nicht zwangsläufig zugleich auch deren Lexifikatorsprache sein
muss (vgl. Selbach 2008 am Beispiel von Lingua Franca), während sie außer-
dem womöglich nie Zielsprache im eigentlichen Sinn war (vgl. Baker 1990;
Jansson, Parkvall & Strimling 2015).
Die Rolle bzw. der Einfluss des Superstrats auf die Struktur einer Kreol-
sprache wird, abseits der Lexik, unter Kreolisten
3
sehr unterschiedlich ge-
sehen. M.a. W. besteht kein Konsens, inwieweit normalerweise struktureller
Transfer aus dem Superstrat stattfindet. „Substratisten“, etwa Vertreter der
Relexifizierungs-Hypothese (Lefebvre 1998), achten den strukturellen Einfluss
des Superstrats gering:
[F]rom a typological point of view, PCs [pidgins and creoles, P. M. & S. L.] resemble their
substratum languages in spite of the fact that the phonological representation of their
lexicons are derived from their respective superstratum languages. (Lefebvre 2004: 18)
„Superstratisten“ hingegen – wie etwa Chaudenson (2003) oder Mufwene
(2015b)
4
– schätzen den strukturellen Einfluss des Superstrats als sehr hoch
ein:
2Zur kritischen Auseinandersetzung mit den einzelnen Termini siehe z.B. Baker (1990), Bakker
(1995: 39) und (2002: 71), Goodman (1993: 64–65), Jansson, Parkvall & Strimling (2015), Mufwene
(2015a: 348–349), Selbach (2008).
3Aus platzökonomischen Gründen und verwenden wir bei Personenbezeichnungen das gene-
rische Maskulinum und meinen dabei stets gleichermaßen Personen weiblichen und männ-
lichen Geschlechts.
4In einigen anderen Publikationen, etwa Mufwene (2001), vertritt Mufwene allerdings im
Zuge seiner complementary hypothesis einen Mittelweg: den Wettbewerb zwischen Substrat-
und Superstratstrukturen.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
308 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
The claim that a creole has typically inherited its grammar from sources other than its
lexifier (Holm, 1988; Thomason and Kaufman, 1988; Thomason, 2001) is not backed by
the diachronic evidence. Although a creole or a pidgin, often (mis)identified with the
basilect, has a grammar very different from the standard variety of its lexifier (called
acrolect), it has often been shown that much of its grammar can be traced, at least partly,
to some of the nonstandard varieties to which its “creators” were exposed. (Mufwene
2015b: 133, Hervorhebung im Original)
Fest steht, dass der Einfluss des Superstrats sicher nicht auf die Bereitstellung
des Lexikons beschränkt ist (vgl. Holm 2000: 172). Zugleich ist es aufgrund von
strukturellen Konvergenzen und Ähnlichkeiten häufig schwer bis unmöglich
zu entscheiden, aus welcher der beteiligten Kontaktsprachen eine Struktur
transferiert wurde – und ob überhaupt Transfer vorliegt, da auch Reanalysen
und Erwerbsuniversalien eine Rolle spielen können (vgl. etwa Frowein 2006).
Im Fall der deutsch-lexifizierten Kreolsprache Unserdeutsch ist die Bedeu-
tung strukturellen Substrattransfers nicht zu bestreiten: Große Teile der Gram-
matik von Unserdeutsch konvergieren in auffallender Weise mit korrespondie-
renden Strukturen in seiner Substratsprache Tok Pisin (vgl. Volker 1989;
Lindenfelser & Maitz 2017; Maitz, Lindenfelser & Volker i. E.). Gleichwohl können
zahlreiche Strukturen und Regeln auch plausibel über Superstrattransfer, d. h.
als Übernahme aus dem Deutschen, mit motiviert werden. In diesem Aufsatz
wollen wir jedoch nicht der klassischen – und gewichtigen – Frage nach der
historisch-genetischen Erklärung von einzelnen Kreolmerkmalen nachgehen.
Uns geht es vielmehr darum, in umgekehrter Herangehensweise die Superstrat-
varietät von Unserdeutsch, die den sprachlichen Input bei der Genese der Spra-
che darstellte, möglichst exakt zu bestimmen. M. a. W. wollen wir die Varie-
tät(en) des Deutschen rekonstruieren, die von den Missionaren
5
in Vunapope
im Bismarck-Archipel um 1900, am Ort und zum Zeitpunkt der Entstehung von
Unserdeutsch, gesprochen wurde(n).
6
Dazu werden im Folgenden (a) als Super-
strattransfer erklärbare linguistische Strukturmerkmale in Unserdeutsch sowie
(b) zur Verfügung stehende, einschlägige historische Quellen näher untersucht.
Diese Richtung der Fragestellung wurde allem Anschein nach bislang sys-
tematisch (und dort sehr detailliert) vor allem bei der Bestimmung von Subs-
tratvarietäten verfolgt. Die genaue Bestimmung der Superstratvarietät scheint
in der Kreolistik – abseits der World Englishes (etwa Hickey 2005) – vor allem
nur dann relevant zu werden, wenn mehrere distinkte Sprachen als Superstrat
5Die Bezeichnung Missionar referiert im Text sowohl auf weibliche als auch auf männliche
Ordensangehörige, d. h. auf Missionsschwestern, Patres und auch auf nicht geweihte Ordens-
brüder, die in Vunapope tätig waren.
6Zur Entstehung von Unserdeutsch s. Maitz (2017).
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 309
in Frage kommen (etwa im Fall des spanisch-/portugiesisch-lexifizierten Papia-
mentu, vgl. bspw. Jacobs 2009). InFällen eindeutig englisch-, französisch- oder
anderweitig lexifizierter Kreols wurde und wird eine genauere Bestimmung des
Superstrats hingegen selten versucht.
Eine solche Superstratbestimmung soll im Folgenden für Unserdeutsch ge-
leistet werden. Die Rekonstruktion des sprachlichen Superstrats ist in diesem
Fall nicht nur deswegen von Interesse, weil diese Frage bis heute nie systema-
tisch untersucht wurde, sondern vor allem auch deswegen, weil in der Fach-
literatur faktisch inkorrekte Annahmen diesbezüglich kursieren. Nachdem diese
problematischen Annahmen teils sogar der Erklärung struktureller Merkmale
von Unserdeutsch zugrunde gelegt wurden (bspw. Frowein 2006: 28–29), ist
die Klärung der Superstratfrage umso dringender. Nicht zuletzt ist die systema-
tische Analyse der Superstrateinflüsse in Unserdeutsch auch für die deutsche
Sprachgeschichte und die historische Variationslinguistik von besonderem
Interesse. Die als Superstrattransfer erklärbaren Strukturmerkmale in Unser-
deutsch liefern nämlich wertvolle und einzigartige empirische Evidenz zur
Rekonstruktion von gesprochener deutscher Alltagssprache um 1900, wie sie
zuletzt auch von Ganswindt (2017) versucht wurde. Als wichtigste Superstrat-
schicht von Unserdeutsch kann nämlich, so unsere Ausgangshypothese, das
naturgemäß regional gefärbte gesprochene Alltagsdeutsch angenommen wer-
den, das von den deutschen Missionaren in Vunapope gesprochen wurde und
das somit (neben dem schulischen Schriftstandard) den Großteil des sprach-
lichen Inputs für die mixed-race Kinder an der Missionsstation ausmachte. Ein
bedeutender Teil der Regeln und Strukturen dieser Alltagssprache ist – wie
eine Art sprachlicher Einschluss – in Unserdeutsch konserviert worden und
bietet heute Einblicke in die regionalen Gebrauchsstandards, die die deutschen
Missionare aus ihrer Heimat in den Bismarck-Archipel gebracht haben.
Im Sinne des Gesagten behandelt dieser Aufsatz zwei Forschungsfragen:
(F1) Wo lässt sich das rekonstruierbare Unserdeutsch-Superstrat im geschlos-
senen deutschen Sprachraum verorten?
(F2) In welchem Segment der Dialekt-Standard-Achse lässt sich das rekon-
struierbare Unserdeutsch-Superstrat lokalisieren?
Als empirische Grundlage zur Beantwortung dieser Fragen dienen primär lin-
guistische Daten. Erstens die diatopisch markierten linguistischen Merkmale
in den soziolinguistischen Interviews und Fragebuch-Übersetzungen mit
Unserdeutsch-Sprechern der letzten, dritten Sprechergeneration (rund 70 Std.,
erhoben 2014–2017 von Péter Maitz und Craig A. Volker) sowie in den erhalten
gebliebenen Interviewresten mit der zweiten und dritten Sprechergeneration
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
310 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
(ca. 1 Std., erhoben 1979 von Craig A. Volker).
7
Zweitens wurden auch relevante
Schriftzeugnisse auf diatopisch markierte Strukturen hin untersucht und ausge-
wertet. Hierbei handelt es sich einerseits um in deutscher Sprache, in neuguinei-
schem Standarddeutsch (sic!) also, verfasste Schriftstücke von Unserdeutsch-
Sprechern der ersten und zweiten Sprechergeneration, die – im Gegensatz zur
heute lebenden, letzten – auch noch eine schriftliche und mündliche Standard-
deutschkompetenz hatten (vgl. Maitz 2017; Volker 1982). Andererseits sind auch
die wenigen überlieferten Briefe der Herz-Jesu-Missionare selbst ausgewertet
worden, die während der deutschen Kolonialzeit in Vunapope im Einsatz waren
und somit als die Sprecher des hier zu bestimmenden Unserdeutsch-Superstrats
gelten dürfen.
Ergänzend bzw. stützend werden historische Quellen herangezogen, um die
regionale Herkunft der Patres, Brüder und Schwestern, die um die Jahrhundert-
wende in Vunapope tätig waren, im deutschen Sprachraum über deren Geburts-
ort zu ermitteln. Einerseits handelt es sich dabei um Handbücher mit biographi-
schen Informationen über die Südsee-Missionare (Jassmeier 1971; Mückler 2010,
2014), um historische Studien (v.a. Waldersee 1995; Steffen 2012; Loosen 2014)
sowie relevante Hinweise in Publikationen von Herz-Jesu-Missionaren (v. a.
Hiltruper Monatshefte; Rascher 1909; Hüskes 1932). Andererseits sind es Archi-
valien des Generalarchivs der Missionsschwestern vom Hlst. Herzen Jesu in
Hiltrup-Münster (GAMS), des Provinzarchivs der Hiltruper Missionare (PAHM)
und des Archivs der Erzdiözese Rabaul in Vunapope (AEDR).
Zur arealen Verortung der einzelnen Merkmale werden in erster Linie, soweit
vorhanden, einschlägige Sprachatlanten – wie der Atlas der deutschen Alltags-
sprache [AdA], der Wortatlas der deutschen Umgangssprachen [WdU], der dtv-
Atlas Deutsche Sprache und der Norddeutsche Sprachatlas [NOSA] – herange-
zogen. Darüber hinaus und im Fall, dass zum jeweiligen Merkmal keine
sprachgeografischen Aussagen zur Verfügung stehen, wird weitere einschlä-
gige Forschungsliteratur miteinbezogen.
Im Aufbau der Studie folgt nun eine knappe Darstellung zum Kontext der
Fragestellung: zum soziokommunikativen Kontext der Entstehung von Unser-
deutsch sowie zu bisherigen Hypothesen zu seinem sprachlichen Superstrat
(Abschnitt 2). Darauf folgt nach einer kurzen methodologischen Reflexion die
Analyse und Interpretation linguistischer Evidenz zur Rekonstruktion des
sprachlichen Superstrats bei der Genese von Unserdeutsch (Abschnitt 3). In
Abschnitt 4 wird anschließend die stützende extralinguistische Evidenz vorge-
stellt und ausgewertet, während im abschließenden Abschnitt 5 die Ergebnisse
7Zur Methodologie der Datenerhebung und zu den Daten s. Maitz, König & Volker (2016) und
Götze et al. (2017).
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 311
zusammengefasst und im breiteren kreolistischen und variationslinguistischen
Kontext interpretiert werden.
Was man schon weiß oder zu wissen glaubt
Über die soziokommunikativen Hintergründe und Prozesse der Entstehung von
Unserdeutsch ist an anderer Stelle bereits ausführlich geschrieben worden
(vgl. Maitz 2017; Volker 1982). Daher seien an dieser Stelle nur diejenigen wich-
tigsten Momente aus dieser Sprachentstehungsgeschichte kurz zusammen-
gefasst, die zur Beantwortung der hier behandelten Forschungsfragen (F1) und
(F2) unerlässlich sind und bei unserer Argumentation im Folgenden voraus-
gesetzt werden.
Unserdeutsch, die einzige deutsch-lexifizierte Kreolsprache weltweit, ent-
stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Missionsstation der katholischen
Herz-Jesu-Missionare in Vunapope in der damaligen deutschen Südpazifik-
kolonie Deutsch-Neuguinea. Kinder vorwiegend gemischter (europäisch-
melanesischer bzw. asiatisch-melanesischer) Herkunft wurden hier in einer
Internatsschule gesammelt, erzogen und unterrichtet (vgl. Janssen 1932). Der
größte gemeinsame sprachliche Nenner war für diese Kinder bei ihrer Ankunft
eine mehr oder minder ausgeprägte Kompetenz in einer frühen Form des Tok
Pisin, der Hauptverkehrssprache der damaligen Kolonie und noch heute in
Papua-Neuguinea. Tok Pisin diente dann weiterhin der Kommunikation mit
Indigenen und Migranten, war den Kindern jedoch im Umgang untereinander
untersagt (vgl. Volker 1991: 46). Stattdessen war die Sprache sowohl des Unter-
richts als auch des täglichen Umgangs an der Mission das Deutsche, in dem
die Kinder eine solide schriftliche und mündliche Kompetenz erworben hatten.
Dieser gesteuert wie ungesteuert verlaufende, immersive Erwerbsprozess
des Deutschen hatte eigenartigerweise
8
zwei Endpunkte (vgl. Maitz 2017). Der
übliche Weg über individuelle, instabile Lernervarietäten führte auf der einen
Seite zum tatsächlichen Erwerb des Standarddeutschen, auf der anderen Seite
aber parallel dazu auch zur Stabilisierung und gruppeninternen Etablierung
dieser von umfangreichem L1-Transfer geprägten Lernervarietäten in der pri-
mären Funktion als „medium for community solidarity“ (Baker 2000). Die Sta-
bilisierung und Konventionalisierung dieser Lernervarietäten erfolgte offen-
sichtlich relativ früh und zumindest zum Teil auch bewusst und führte zur
8Für eine Übersicht der typischen und weniger typischen soziohistorischen Umstände der
Unserdeutsch-Genese vgl. Lindenfelser & Maitz (2017).
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
312 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
Herauskristallisierung einer vereinfachten und restrukturierten Kontaktvarie-
tät, die sich als Pidginoid fassen lässt (vgl. Maitz 2017): ihrer Struktur nach
weitgehend anderen Pidgins ähnlich, funktional aber insofern nicht, als sie
ausschließlich innerhalb der in-group Kommunikation im Gebrauch war. Infolge
der Endogamie der aufwachsenden Missionskinder wurde dieses Pidginoid als
Erstsprache an die Folgegeneration weitergegeben, und Unserdeutsch war
somit bereits in der Zwischenkriegszeit kreolisiert.
Mit der australischen Okkupation des Kolonialgebiets bei Ausbruch des
Ersten Weltkriegs und ganz besonders mit der japanischen Übernahme zu Be-
ginn des Zweiten Weltkriegs nahm die Rolle des Englischen an der Mission
stark zu. Im Leben der heutigen, dritten und aller Wahrscheinlichkeit nach
letzten Sprechergeneration,
9
die zum größten Teil mit der Unabhängigkeit
Papua-Neuguineas 1975 nach (Ost-)Australien auswanderte und bis heute dort
lebt, hat die australisch-englische Sprachdominanz noch weiter zugenommen.
Das linguistische Ergebnis ist eine Reihe von englischen Kontakteinflüssen in
Unserdeutsch. Davon unabhängig gilt allerdings weiterhin und uneinge-
schränkt, dass die Lexik von Unserdeutsch zum weit überwiegenden Teil
seiner Superstratsprache – dem Deutschen – entstammt, während das
strukturelle Profil der Sprache von der Phonologie bis hin zur Syntax in
weiten Teilen als Substrattransfer aus Tok Pisin erklärt werden kann (vgl.
Lindenfelser & Maitz 2017; Maitz, Lindenfelser & Volker i. E.).
Doch welches Deutsch hat nun als Superstrat seine Spuren in der Lexik
und zu einem geringeren Teil auch in der Struktur von Unserdeutsch hinterlas-
sen? Die einzigen bislang – wenn auch eher impressionistisch – ausformulier-
ten diesbezüglichen Hypothesen gehen auf Volker (1982) zurück. Er geht zu-
nächst davon aus, dass wahrscheinlich ein Bündel von (kolonial-)deutschen
Nonstandardvarietäten als das Superstrat von Unserdeutsch fungierte:
[T]his does not imply that Rabaul Creole German was derived from Standard German.
More probably its parents were the various German dialects spoken in the Gazelle Penin-
sula during the German colonial period. (Volker 1982: 18)
Diese Annahme impliziert, dass für die sprachliche Sozialisation der mixed-
race Kinder in Vunapope nicht allein das Deutsch der Schwestern, Brüder und
Patres an der Missionsstation eine prägende Rolle spielte, sondern potenziell
alle Varietäten, die auf der Gazelle-Halbinsel, im Umfeld der Missionsstation
also, gesprochen wurden. Volker muss auf diese Annahme zurückgreifen, um
einen scheinbaren Widerspruch auflösen zu können. Dieser ergibt sich aus
9Zu Unserdeutsch als stark gefährdeter Sprache vgl. Maitz & Volker (2017).
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 313
dem Umstand, dass er auf der einen Seite die Missionare ihrer Herkunft nach
mehrheitlich dem süddeutsch-österreichischen Raum als Hochburg des Katho-
lizismus zuordnet:
This usage undoubtedly reflects the fact the vast majority of the teachers of the first
Vunapope Germans would have come from the Catholic areas of southern Germany and
Austria. (Volker 1982: 43)
Dem steht allerdings auf der anderen Seite die Feststellung gegenüber, dass
zumindest in der Phonologie die Mehrzahl der Abweichungen vom Standard-
deutschen als norddeutsches Merkmal identifiziert werden kann (vgl. Volker
1982: 18) und nur wenige als süddeutsch. Während sich die süddeutschen Va-
rianten nach Volkers Meinung aus der postulierten Herkunft der Missionare
aus dem katholischen Süden erklären, werden die norddeutschen Varianten
auf zweifache Weise motiviert. Erstens durch die norddeutsche Dominanz in
der kolonialen Verwaltung und der Seefahrt, und zweitens dadurch, dass das
Deutsch der nicht wenigen niederländischen Missionare an der Missionsstation
in Vunapope dem Norddeutschen nähergestanden haben dürfte als dem Süd-
deutschen (vgl. Volker 1982: 18). Eine auch nur einigermaßen systematische,
philologisch gestützte, sprachgeografische Spurensuche wird jedoch von
Volker nicht unternommen. Über die oben genannten allgemeinen Behauptun-
gen hinaus finden sich in seiner Arbeit nur sehr vereinzelt Aussagen zu konkre-
ten sprachlichen Merkmalen. Während seine Behauptung zur norddeutschen
Dominanz in der unserdeutschen Phonologie nicht belegt und weiter differen-
ziert wird, weist er – und im Anschluss an ihn auch Mühlhäusler (1997: 200) –
immerhin in Bezug auf das einzige analytische Vergangenheitstempus in Unser-
deutsch auf die diesbezügliche Parallelität zu den süddeutschen Dialekten hin
(vgl. Volker 1982: 43; s. dazu Abschnitt 3.2). Zusammenfassen lässt sich Volkers
Position damit, dass er das sprachliche Superstrat von Unserdeutsch in einem
Nebeneinander nord- und süddeutscher Dialekte zu erkennen glaubt, wobei
aufgrund der von ihm postulierten Herkunft der Missionare eigentlich eine
Dominanz als süddeutsch identifizierbarer Varianten zu erwarten wäre – was
sich allerdings so in seinen Daten und Beschreibungen nicht unbedingt zeigt.
Deutlich stärker formuliert wird die These zum Unserdeutsch-Superstrat
von Frowein (2006), wenngleich ohne jegliche explizite Beweisführung bzw.
Begründung. Er geht klar und eindeutig von einem – nicht weiter spezifizier-
ten – süddeutschen dialektalen Superstrat aus, indem er im Zusammenhang
mit einer nicht unproblematischen Argumentation zu unserdeutschen Posses-
sivkonstruktionen feststellt, „[t]he superstrate variants which are assumed to
have participated in the Unserdeutsch creolization process […] were dialects of
southern areas“ (Frowein 2006: 29).
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
314 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
Vor dem Hintergrund dieser – zugegebenermaßen eher vereinzelten und
wenig belastbaren – Aussagen soll nun im Folgenden auf solider empirischer
Basis das sprachliche Superstrat von Unserdeutsch möglichst genau bestimmt
werden. Gleichzeitig sei jedoch betont, dass es uns dabei allein schon aus
Umfangsgründen nicht um die exhaustive Inventarisierung und Interpretation
aller diatopisch markierten deutschen Elemente in Unserdeutsch geht. Wir
wollen und dürfen es nicht riskieren, vor lauter Bäumen den Wald aus den
Augen zu verlieren. Daher wird unser Fokus auf diejenigen fundamentalsten
und salientesten Strukturmerkmale in Unserdeutsch gerichtet sein, die in ihrer
Kookkurrenz im Idealfall die Konturen derjenigen binnendeutsche(n) Varie-
tät(en) erkennen lassen, die als wichtigste Superstratvarietät(en) an der Ent-
stehung von Unserdeutsch beteiligt war(en).
Was die empirischen Daten zeigen
Zu Beginn unserer Analysen sei festgehalten, dass wir die Superstratsprache
von Unserdeutsch im Gegensatz zu Volkers Meinung (1982: 18) ausschließlich
innerhalb der Grenzen der Missionsstation von Vunapope suchen. Aufgrund
der zur Verfügung stehenden Informationen erscheint es nämlich zumindest
fragwürdig, in welchen Kontexten und auf welche Art und Weise die Sprache
der deutschen Verwaltungsbeamten und Seeleute den Sprachgebrauch der an
der Mission in sozialer Isolation lebenden Kinder hätte beeinflussen und prä-
gen können. Wir gehen also davon aus, dass das sprachliche Superstrat von
Unserdeutsch mit dem sprachlichen Input identifiziert werden kann, den die
mixed-race Kinder von Vunapope in den ersten Jahren bzw. Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts von den deutschen Missionaren in Schule und Alltag bekom-
men haben.
Die Erziehungs- und Bildungsstandards in Vunapope waren – bis hin zur
Anstandslehre als Schulfach (vgl. Hiery 2001: 209) – weitgehend von den
zeitgenössischen deutschen Bildungs- und Erziehungsnormen geprägt (vgl.
Janssen 1932: 151 f.). In diesem Sinne können wir hinsichtlich des Grades der
diatopischen Markiertheit davon ausgehen, dass das Superstrat von Unser-
deutsch im Gegensatz zu Volkers oben zitierter Annahme auf jeden Fall stan-
dardnah gewesen sein muss. Die Schriftstandardkompetenz der ersten und
zweiten Sprechergeneration von Unserdeutsch ist tatsächlich auch überliefert
(vgl. Maitz 2017). Über den schulischen, formellen Schriftstandard hinaus wird
jedoch vor allem auch das gesprochene Alltagsdeutsch der Missionare eine
dominante Superstratrolle gespielt haben, da ja der Großteil der Alltagskommu-
nikation an der Mission offensichtlich in dieser Sprachlage stattfand. Aufgrund
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 315
der bildungs- und schriftorientierten Lebenswelt der Missionsstation, die mit
ihren Internaten und Schulen als das geistige Zentrum der Insel galt (vgl.
Gründer 2004: 115), kann davon ausgegangen werden, dass auch dieses ge-
sprochene Alltagsdeutsch standardnah gewesen sein muss.
Es besteht in der Forschung Einigkeit darüber, dass das gesprochene
Standarddeutsch vor der Durchsetzung der präskriptiven Standardnormen –
noch viel mehr als heute – landschaftlich gefärbt war (vgl. Schmidt 2010;
Ganswindt 2017). Es stellt sich daher die Frage, welcher regionale Gebrauchs-
standard von den Missionaren gesprochen wurde. Bevor wir dieser Frage im
Folgenden mit Hilfe linguistischer Evidenz nachgehen werden, können wir
aufgrund ordensgeschichtlicher Gegebenheiten bereits erste Hypothesen for-
mulieren. Die Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Missionare (Missionarii
Sacratissimi Cordis, kurz: MSC), die erst 1854 in Frankreich gegründet wurde,
hatte das Stammhaus ihrer deutschen Ordensprovinz in Hiltrup bei Münster
eingerichtet. Da der Orden bis zum Ausbau der Südseemission zahlenmäßig
sehr klein und auch weltkirchlich unbedeutend war (vgl. Steffen 2001: 343f.),
können wir davon ausgehen, dass sein Einzugsgebiet damals regional be-
schränkt war. In diesem Sinne lässt sich, anders als von Volker (1982: 18) be-
hauptet, ein vorwiegend westfälisch geprägter mündlicher Sprachgebrauch
unter den deutschen Missionaren in Vunapope vermuten.
Die Anfänge des Sprachkontakts zwischen den deutschen Missionaren
und den mixed-race Kindern von Vunapope gehen auf das letzte Jahrzehnt
des 19. Jahrhunderts zurück. Eine systematische sprachgeografische Doku-
mentation zum landschaftlichen Hochdeutsch der Jahrhundertwende gibt es
jedoch – im Gegensatz zu den deutschen Dialekten – leider nicht. Daher wer-
den wir uns bei unserem sprachgeografischen Puzzlespiel zwangsläufig auf
spätere bzw. aktuelle linguistische Darstellungen – wie zum Beispiel den AdA
(2003 ff.) – beziehen müssen. Ein solches Verfahren setzt natürlich die still-
schweigende Annahme einer grundsätzlichen Konstanz der sprachgeogra-
fischen Verhältnisse voraus, was zu methodologischer Sorgfalt auffordert. So-
fern jedoch zeitgenössische linguistische Evidenz zur Verfügung steht und
uns bekannt ist, werden wir selbstverständlich diese bevorzugen.
. Lautliches
Vertieft man sich in die Interviewdaten, die zwischen 2014 und 2017 im Rah-
men des Augsburger Dokumentationsprojekts erhoben worden sind, so fällt
einem die schwache regionale Markiertheit der linguistischen Strukturmerk-
male auf, die aus dem Deutschen, d. h. als Superstrateinfluss, erklärt werden
können. Diese Standardnähe charakterisiert das gesamte Spektrum des Kreol-
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
316 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
Kontinuums (vgl. Maitz 2017) und lässt sich im Einklang mit unserer oben for-
mulierten Hypothese als linguistische Evidenz dafür deuten, dass das sprach-
liche Superstrat von Unserdeutsch im Gegensatz zu früheren Annahmen stan-
dardnah gewesen sein muss.
In Bezug auf die segmentale Phonologie muss – in striktem Gegensatz
zu Volkers (1982: 18) diesbezüglicher Meinung – grundsätzlich festgehalten
werden, dass das Phonemsystem von basilektalem Unserdeutsch weitgehend
mit dem von Tok Pisin identisch ist (vgl. Maitz, Lindenfelser & Volker i. E.).
Auf den ersten Blick könnte man bestimmte kookkurrente lautliche Merkmale
zweifelsfrei als süddeutsch einordnen. So etwa die Absenz von stimmhaftem
[z] (vgl. [si] – ‚sie‘, [dis] – ‚diese‘), die apikale Realisierung des konsonanti-
schen r(vgl. [kakaruk] – ‚Huhn‘, [fritik] – ‚Frühstück‘), oder auch die Formen
des Personalpronomens der 1. P. Sg. Nom. und Akk. i– [i] und mi – [mi], um
nur einige Beispiele zu nennen. Dennoch handelt es sich bei diesen Beispielen,
so unsere These, nicht um die Reflexe von süddeutschen lautlichen Regionalis-
men. Vielmehr sind diese Lautungen im Zusammenhang der Gesamttendenz
in basilektalem Unserdeutsch – und in Kreolsprachen allgemein – zu sehen,
typologisch unübliche, markierte Vokale und Konsonanten ihrer Lexifikator-
sprache abzubauen bzw. zu ersetzen. Die Absenz des stimmhaften [z] oder
auch des velaren/uvularen rfügen sich in eine ganze Reihe von am Tok Pisin
ausgerichteten Adaptationen standarddeutscher Phoneme (vgl. Maitz, Linden-
felser & Volker i.E.). Zu diesen Adaptationsphänomenen gehört nicht zuletzt
auch der Abbau der standarddeutschen komplementären Allophone [ç] und
[χ], die in Tok Pisin ebenfalls grundsätzlich nicht vorhanden sind. Dement-
sprechend werden sie in Unserdeutsch in wortmedialer Onset-Position in der
Regel durch [h] substituiert (vgl. [lahn] – ‚lachen‘, [mthn] – ‚Mädchen‘), in
Koda-Position hingegen tendenziell entweder geschwächt oder ersatzlos ge-
tilgt: [ni] – ‚nicht‘, [ta] – ‚Tag‘, [fila ] – ‚vielleicht‘ etc. In diesem Sinne sind
also auch die Formen des Personalpronomens der 1. P. Sg. i– [i] und mi – [mi]
weniger mit einem süddeutschen Superstrat zu erklären, vielmehr werden sie –
wie zahlreiche andere, einschlägige Wortformen in basilektalem Unserdeutsch
auch – durch folgende Adaptationsregeln erzeugt:
STD[ç]→UDØ/_$
STD[χ]→UDØ/_$
Es gibt im Wesentlichen nur ein einziges, eindeutig als Superstrattransfer erklär-
bares, segmentalphonologisches Merkmal in Unserdeutsch, das zwar durchaus
(bis heute noch) zum gesprochenen Gebrauchsstandard des Deutschen gehört,
dennoch aber eine einigermaßen klare regionale Zuordnung ermöglicht. Ge-
meint ist das im Deutschen als g-Spirantisierung bekannte Phänomen bzw. des-
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 317
Abb. 13.1: Ausschnitt aus einem handschriftlichen Rezeptbuch eines Unserdeutschsprechers,
geschrieben in neuguineischem Standarddeutsch.
sen Reflexe. Die Spuren der g-Spirantisierung lassen sich in Unserdeutsch in
systematischer Weise erkennen, und zwar in unterschiedlichen Formen, mit
unterschiedlichen Reduktionsgraden. Vor allem in meso- und akrolektalen
Varietäten, seltener aber auch im Basilekt, bleibt der stimmlose Frikativ am
Wortende erhalten, vgl. [kriç] – ‚Krieg‘, [taχ] – ‚Tag‘ etc. Im Basilekt kann er
bisweilen artikulatorisch geschwächt erscheinen, in der Regel wird er jedoch
vollständig getilgt; vgl. [ta] – ‚Tag‘, [gsa] – ‚gesagt‘, [tswantsi] – ‚zwanzig‘ etc.
Reflexe der g-Spirantisierung finden sich sogar im Schriftstandard der auch
noch im Standarddeutschen kompetenten, zweiten, heute nicht mehr lebenden
Sprechergeneration, etwa in Form von Schreibungen wie <Mürbeteich>, <Hefe-
teich>, <Zwiebackteich> etc. (vgl. Abb. 13.1).
Von der g-Spirantisierung wissen wir, dass sie in der gesprochenen Alltags-
sprache vor allem in Mittel- und Norddeutschland großräumig verbreitet ist
(vgl. Kleiner 2011 ff.; AdA 2003 ff.: Tag,Zeug,König,wenig,zwanzig). Und da
dieses Phänomen in Unserdeutsch, wie gesagt, in systematischer Weise nach-
gewiesen werden kann, spricht dieser Befund insgesamt dafür, das dominante
sprachliche Superstrat von Unserdeutsch in Mittel- und Norddeutschland, auf
jeden Fall aber nicht in Süddeutschland zu suchen. Die Daten des NOSA (2015:
261) zeigen für Westfalen selbst in den standardnächsten Sprachlagen eine
auch innerhalb Norddeutschlands überdurchschnittlich starke Verbreitung der
g-Spirantisierung. Diese Daten wiederum unterstützen unsere vorhin formu-
lierte Vermutung, wonach das Alltagsdeutsch der Missionare in Vunapope vor-
wiegend westfälisch geprägt gewesen sein könnte.
10
10 Ebenfalls in diese Richtung könnte die tendenzielle Deaffrizierung von anlautendem [pf]
in Unserdeutsch gedeutet werden, da dieses Phänomen wiederum gerade in Westfalen auffal-
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
318 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
. Grammatisches
Wie schon im Bereich der Phonologie, so lässt sich auf der Ebene der Grammatik
eindeutig feststellen, dass Unserdeutsch keine als Superstrattransfer interpre-
tierbaren Strukturmerkmale aufweist, die man nur bzw. eindeutig aus kleinräu-
migen, dialektalen Varietäten des Deutschen erklären müsste bzw. überhaupt
könnte. Jeder grammatische Transfer aus dem Deutschen kann im Bereich des
Gebrauchsstandards lokalisiert werden.
Wie oben bereits erwähnt, weist Volker in seiner Arbeit (1982: 43) auf die
Parallele im Tempusgebrauch zwischen Unserdeutsch und den süddeutschen
Dialekten hin. Seiner Meinung nach sei das – jenseits von Hochfrequenz-
verben – einzige, analytische Vergangenheitstempus in Unserdeutsch, das
dem deutschen Perfekt entsprechend gebildet werde, mit einem süddeutsch-
österreichischen Superstrat erklärbar (Volker 1982: 43). Demgegenüber liegt
in unseren Augen auch hier – ähnlich zu den lautlichen Parallelen (s. Ab-
schnitt 3.1) – lediglich eine Scheinkorrelation vor. Vor dem Hintergrund jüngst
erhobener Daten ist Volker zuzustimmen, dass Unserdeutsch nur bei der Kopula
sein sowie bei den Modalverben synthetische Präteritalformen kennt. Im Sys-
tem der Sprache ist tatsächlich nur ein aus dem deutschen Perfekt ableitbares,
in seiner Bildungsweise aber teilweise reanalysiertes, analytisches Vergangen-
heitstempus verankert, dessen Gebrauch jedoch – wie die grammatische Tem-
pusmarkierung in Unserdeutsch überhaupt – hochgradig fakultativ ist (vgl.
Lindenfelser & Maitz 2017). Dieses Tempussystem weist zwar in der Tat Ähn-
lichkeiten zu süddeutschen gesprochenen Varietäten auf, die Ähnlichkeit
scheint aber lediglich eine akzidenzielle zu sein.
Der Abbau von morphologischen Kategorien – wie zum Beispiel auch des
Präteritums – gehört zu den wichtigsten Formen zweitspracherwerbsbedingter
Simplifizierungen. Dementsprechend ist der Verlust synthetisch markierter,
morphologischer Kategorien in den unterschiedlichsten high-contact Varietä-
ten der Welt (Pidgins, Kreols, mixed languages, Lernervarietäten etc.) zu be-
obachten (vgl. Mühlhäusler 2001; Trudgill 2010: 307f.; Harnisch 2004: 527).
Auch der Abbau bzw. die Meidung des Präteritums ist – neben einer ganzen
Reihe von weiteren Kategorienverlusten – keineswegs nur in Unserdeutsch,
sondern ebenso auch in anderen high-contact Varietäten bzw. Sprachen anzu-
treffen, so etwa in Namibian Black German (vgl. Deumert 2003: 578), im Jiddi-
lend stark verbreitet ist (vgl. König 1989: 259). Da jedoch von dieser Deaffrizierungstendenz in
Unserdeutsch auch die dentale Affrikate betroffen ist (vgl. etwa [flansuŋ] – ‚Pflanzung‘,
[susamn] – ‚zusammen‘; s. dazu Maitz, Lindenfelser & Volker i.E.), dürfte es sich hierbei
durchaus auch um eine am Tok Pisin ausgerichtete Phonemadaptation, d. h. um eine kon-
taktinduzierte Simplifizierung handeln.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 319
Abb. 13.2: Tagebucheintrag eines Unserdeutschsprechers in neuguineischem Standarddeutsch
aus der Nachkriegszeit.
schen (vgl. Timm 1986), im sog. Gastarbeiterdeutsch (vgl. Keim 1978: 156 ff.)
oder in Lernervarietäten des Deutschen. Der Erhalt von Präteritalformen bei
Auxiliar-, Kopula- und/oder Modalverben, wie wir ihn in allen betroffenen
Varietäten vorfinden können, ist unzweifelhaft als sprachunabhängiger Fre-
quenzeffekt zu werten. Vor diesem Hintergrund scheint Volkers Interpretation
zum Vergangenheitstempus in Unserdeutsch etwas voreilig und nicht ganz
plausibel. Der Verlust des Präteritums bzw. der Erhalt eines einzigen analy-
tischen Vergangenheitstempus in Unserdeutsch fügt sich, wie gesagt, in eine
grundlegende, kontaktinduzierte, typologische Simplifizierungstendenz und
muss folglich auch im Kontext dieser gesehen und erklärt werden. Dass der
Abbau des Präteritums in Unserdeutsch tatsächlich nicht auf die strukturelle
Beschaffenheit des sprachlichen Superstrats an der Missionsstation in Vunapope
zurückgeführt werden kann, belegt nicht zuletzt auch empirische Evidenz. Im
geschriebenen Standarddeutsch von Unserdeutschsprechern der zweiten Gene-
ration sind Präteritalformen systematisch belegt (s. Abb. 13.2).
Ein fundamentales Systemmerkmal von Unserdeutsch, das eindeutig auf
Superstrattransfer zurückgeführt werden kann und auch eine räumliche Zuord-
nung im geschlossenen Sprachgebiet ermöglicht, ist die Konstruktion (sein)+
am/(an) + VERB, die formal im Wesentlichen dem deutschen sog. am-Progressiv
entspricht (vgl. Lindenfelser & Maitz 2017). Diese als Aspektmarker fungierende,
stark grammatikalisierte Konstruktion kann (auch) in Unserdeutsch entweder
Progressivität – wie in (1) – oder Habitualität – wie in (2) – ausdrücken:
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
320 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
(1) er is am predig-en zu mich
3. .3  preach- to 1.
‚Er hat auf mich eingeredet (mir eine Predigt gehalten).‘
(2) jeden tach fi drei wohe i war am spreh-en mit sie
every day for three week 1 .  talk- with 3.
‚Drei Wochen lang habe ich jeden Tag mit ihr gesprochen.‘
Die Konstruktion taucht aber auch im geschriebenen deutschen Gebrauchs-
standard der Vunapope mixed-race Gemeinschaft, etwa in Privatbriefen, auf:
(3) mama ist immer noch ganz fleißig am einrichten. [Karl Hoerler, 6. 8. 1939]
Vor allem hinsichtlich ihres Grammatikalisierungsgrades und ihrer Syntax (bei
Objekterweiterung) mag diese Konstruktion nicht unerhebliche, zum Teil offen-
bar kontaktinduzierte Unterschiede zu ihrem deutschen Äquivalent zeigen
(vgl. Gárgyán 2014; Volker 1982; Lindenfelser & Maitz 2017). Ihre Form ist aber
eindeutig und monokausal als Superstrattransfer motivierbar. Jüngere Erhe-
bungen zeigen, dass diese Konstruktion in der gesprochenen Alltagssprache
heute in fast ganz Deutschland, besonders aber im Westen, verbreitet ist (vgl.
AdA 2003 ff.: Verlaufsformen). Dies scheint jedoch während der deutschen
Kolonialzeit in der Südsee (1884–1914) noch ganz anders gewesen zu sein.
Elspaß (2005: 268–275) konnte die am-Konstruktion in der geschriebenen All-
tagssprache des (späteren) 19. Jahrhunderts ausschließlich bei Schreibern aus
Westfalen und dem Rheinland belegen. Diese historische Evidenz steht sowohl
mit unseren Hypothesen in Abschnitt 3 als auch mit unserem lautlichen Be-
fund in Abschnitt 3.1 im Einklang und unterstützt die Annahme, dass das do-
minante sprachliche Superstrat von Unserdeutsch, d. h. die Alltagssprache in
Vunapope um 1900, höchstwahrscheinlich westfälisch, auf jeden Fall aber
nordwestdeutsch geprägt gewesen sein muss.
Dafür sprechen nicht zuletzt auch Daten zur Syntax des am-Progressivs in
Unserdeutsch. Im Falle einer Objekterweiterung folgt das Objekt in basilek-
talem Unserdeutsch, wie schon bei Volker (1982: 46) ausgeführt, in aller Regel
dem Verb – vgl. (4). Dies entspricht syntaktisch der englischen Progressiv-
Konstruktion und kann somit als syntaktischer Adstrattransfer erklärt werden.
Es muss allerdings auch ein möglicher Substrateinfluss von Tok Pisin in Be-
tracht gezogen werden, da Tok Pisin – noch mehr als Englisch – eine strikte
SVO-Sprache ist.
(4) wi war imma am stehl-en alle pomelo
1 . always  steal-  pomelo
Wir haben ständig Pomelos geklaut.‘
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 321
Daten aus Sprachlagen in der Nähe des akrolektalen Pols im Kreol-Kontinuum –
wie in (5) – zeigen jedoch auch das syntaktische Muster des deutschen am-
Progressivs mit präverbaler Stellung des Objekts:
(5) er is de kartoffel an schäl-en
3. .3 . potato  peel-
‚Er schält die Kartoffeln.‘
Diese syntaktische Konstruktion scheint eindeutig als Superstrattransfer aus
dem Deutschen erklärbar zu sein. Objekterweiterte am-Progressive dieses Typs
sind im Deutschen bis heute noch regional eingeschränkt verbreitet, wiederum
vor allem auch im Nordwesten (AdA 2003 ff.: Verlaufsformen). Vor dem Hinter-
grund der sprachhistorischen Evidenz von Elspaß (2005) liegt hier somit ein
weiterer Hinweis auf ein nordwestdeutsches Superstrat vor. Andererseits zeigt
das Vorhandensein dieser Konstruktion in Unserdeutsch zugleich auch, dass
der erweiterte am-Progressiv im regionalen Gebrauchsstandard schon um 1900
etabliert war.
Ein weiteres grammatisches Merkmal, das eine sprachgeografische Lokali-
sierung des sprachlichen Superstrats ermöglichen könnte, stellen die diskonti-
nuierlichen Pronominaladverbien dar. Diese sog. Spaltungskonstruktionen
(vgl. Negele 2012: 73) kommen auch in Unserdeutsch vor, sind im Korpus aller-
dings ausschließlich mit dem Pro-Adverb wo belegt:
(6) a. ein leben wo i war richti froh mit
. life that 1 . really happy with
‚Ein Leben, mit dem (womit) ich richtig zufrieden war.‘
b. ni weiß wo die komm von
not know where 3 come from
Weiß nicht, woher (wovon) sie kommen.‘
Von diesen Spaltungskonstruktionen wissen wir, dass sie sich im 20. Jahrhun-
dert zwar nach Süden ausgebreitet haben (vgl. AdA 2003 ff.: damit,davon,daran
(Präpositionaladv.)), ihr Hauptverbreitungsgebiet im 19. Jahrhundert jedoch
eindeutig auf den Norden des deutschen Sprachraums beschränkt war (vgl.
Negele 2012: 120 f.) – vor allem auch auf Westfalen, aber außerdem darüber
hinaus (vgl. Elspaß 2016: 368 f.). Speziell zur Verbreitung der Spaltungskon-
struktionen mit wo(r)- haben die Korpusuntersuchungen von Negele (2012: 87)
eine klare Ballung im westniederdeutschen Raum (inkl. des Niederfränkischen)
ergeben. Diese Befunde dürften wieder für ein westniederdeutsches Superstrat
sprechen, wenngleich angemerkt werden muss, dass es sich bei den Spaltungs-
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
322 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
konstruktionen angesichts des intensiven Kontakts von Unserdeutsch zum
Englischen nach 1914 prinzipiell ebenso auch um kontaktinduzierte Reflexe des
preposition stranding im Englischen handeln könnte.
. Lexikalisches
Im Gegensatz zur Phonologie und Grammatik, die beide von umfangreichem
Substrattransfer aus Tok Pisin geprägt sind, geht die Lexik von Unserdeutsch
zum weit überwiegenden Teil auf Superstrattransfer aus dem Deutschen zurück
(vgl. Maitz, Lindenfelser & Volker i.E.). Aus diesem Grund ist die Wahrschein-
lichkeit auf dieser Ebene der Sprache auch deutlich größer, Regionalismen auf
die Spur zu kommen, die eine genauere Bestimmung des Superstrats erlauben.
Erstens muss festgehalten werden, dass es auch auf der Ebene der Lexik
keine grundlegenden Merkmale in Unserdeutsch gibt, die man nur bzw. zwangs-
läufig aus kleinräumigen, dialektalen Varietäten des Deutschen erklären könnte
bzw. müsste. Zweitens gilt, dass die Lexik von Unserdeutsch im Hinblick auf
regional markierte Superstrateinflüsse ein deutlich differenzierteres Bild zeigt,
als wir dies im Bereich der Phonologie und der Grammatik gesehen haben.
Während die tiefsten – d. h. die phonologischen und grammatischen – Spuren
in Unserdeutsch, wie sich gezeigt hat, eindeutig in Richtung Nordwesten, nach
Westfalen, führen, so verzweigen sie auf der sprachlichen Oberfläche, in der
Lexik, bereits in unterschiedliche Richtungen.
Im Bereich der geschlossenen Wortklassen zeigt sich ein in Bezug auf
unsere Fragestellung auffallendes Merkmal bei den Konnektoren in Relativ-
und Temporalsätzen. In Unserdeutsch werden nämlich Relativsätze und Tem-
poralsätze auch – aber keineswegs immer – mit wo eingeleitet; vgl. (7) und (8).
(7) de ganz-e haus wo is auf de straße
. whole- house  .3 on . street
‚die ganzen Häuser, die auf der Straße stehen‘
(8) wo mein vater tot bishop Scharmach sa zu mein
when 1.. father dead bishop Scharmach say to 1..
mutter …
mother …
‚Als mein Vater starb, sagte Bischof Scharmach zu meiner Mutter …‘
Vom temporalen wo wissen wir im Spiegel jüngerer Erhebungen, dass es in der
gesprochenen deutschen Alltagssprache bis heute vor allem im Süden und
ganz besonders im Südwesten des deutschen Sprachgebiets verbreitet ist, wäh-
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 323
rend das relative wo in verdichteter Form ausschließlich im Südwesten vor-
kommt (vgl. AdA 2003 ff.). Somit liegt in diesem Merkmal ein erster linguis-
tischer Hinweis darauf vor, dass es unter den deutschen Stimmen in Vunapope
auch südwestdeutsche Klänge gegeben haben muss.
Hinweise hierauf finden sich auch im Bereich der Wortbildung, und zwar
beim Diminutivsuffix. In lexikalisierten Diminutiva und bei Appellativen tritt
in Unserdeutsch in der Regel das Diminutivsuffix -chen – im Basilekt in der
Regel als [hn] realisiert – auf (vgl. 9). Vor allem bei Rufnamen sind jedoch
häufiger auch -le-Varianten wie in (10) belegt, die (auch schon) in der geschrie-
benen Alltagssprache des 19. Jahrhunderts im Südwesten verbreitet waren (vgl.
Elspaß 2005: 343; s. auch König, Elspaß & Möller 2015: 157).
(9) Olga is de swester-hen, ah, hat bruder-hen
Olga .3 . sister- ah have brother-
‚Olga ist die Schwester, ah, sie hat einen Bruder.‘
(10) Marie-chen hat immer ge-wein: mama-le papa-le Hannah-le
Marie- . always -cry mum- dad- Hannah-
David-le
David-
‚Mariechen hat immer geweint: Mamale, Papale, Hannahle, Davidle!‘
Dieser Umstand deutet ebenfalls auf einen Variatätenkontakt unter den Mis-
sionaren in Vunapope und auf das Vorhandensein eines – wenn auch nicht
dominanten – südwestdeutschen Elements in der Alltagssprache an der Mis-
sionsstation um 1900 hin.
Spuren dieses Varietätenkontakts finden sich nicht zuletzt auch unter den
Inhaltswörtern, in den offenen Wortklassen. Auf der einen Seite finden sich im
Lexikon von Unserdeutsch, das im Vergleich zu seiner Lexifikatorsprache sehr
stark reduziert ist, mehrere Lexeme, die sich mehr oder weniger eindeutig im
norddeutschen Raum lokalisieren lassen. Zu diesen gehört etwa das unserdeut-
sche Wort fegen wie in (11), dessen quellsprachliches Pendant im Deutschen
ausschließlich im Norden, dort aber großräumig, verbreitet ist (vgl. AdA
2003 ff.; s. auch König, Elspaß & Möller 2015: 234).
(11) Joseph muss alle blätt-er und alles auffeg-en
Joseph must all leaf.- and everything sweep_up-
‚Joseph musste alle Blätter und alles auffegen/aufkehren.‘
Ebenso in Norddeutschland (vgl. DWDS) – und dabei auch in Westfalen bzw.
im Münsterland (vgl. Damme 2011: 349) – verbreitet ist das Wort duhn
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
324 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
‚betrunken‘, das in Unserdeutsch in der Form dun – [dun] relativ dicht belegt
ist; vgl. (12).
(12) die nu singen wenn die bis dun
3 only sing- when 3  drunk
‚Sie singen nur, wenn sie betrunken sind.‘
Ausschließlich im Nordwesten Deutschlands, darunter besonders auch in West-
falen, ist das Wort flöten – ‚pfeifen‘ verbreitet, sowohl in dialektalen als auch
in standardnahen Sprachlagen bzw. Varianten des gesprochenen Deutsch (vgl.
König, Elspaß & Möller 2015: 213; WdU 1977: 9). Das Vorhandensein dieses Le-
xems in Unserdeutsch – vgl. (13) – kann als weiterer Hinweis auf ein westfälisch-
nordwestdeutsches, rheinisch-westfälisches Superstrat bei der Entstehung von
Unserdeutsch gewertet werden.
(13) Paul is am flöt-en zu de hund
Paul .3  whistle- to . dog
‚Paul pfeift dem Hund.‘
Diese Annahme wird schließlich auch vom unserdeutschen Wort quatschen
‚sprechen, plaudern‘ – wie in (14) – gestützt, dessen quellsprachliche Form in
verdichteter Form in Mittel- und Norddeutschland, darunter ganz besonders
auch im Rheinland und Westfalen verbreitet ist (vgl. AdA 2003 ff.; über Alltäg-
liches reden).
(14) du weiß wi quatsch-en around
2 know 1 chat- around
Weißt du, wir haben herumgeplaudert.‘
Neben all diesen lexikalischen Merkmalen finden sich allerdings in Unser-
deutsch andererseits zwar vereinzelt, aber dennoch auch Lexeme, die nur oder
tendenziell eher aus dem süddeutschen Raum erklärt werden können. Bei die-
sen handelt es sich jedoch ausschließlich um anscheinend geringfügig konven-
tionalisierte Lexeme, die nur bei einzelnen Sprechern belegt sind. Zu diesen
gehört zum Beispiel das Wort Bube – ‚Junge‘ (vgl. König, Elspaß & Möller 2015:
166 f.), das im Gegensatz zur in Unserdeutsch ansonsten üblichen Variante
Knabe in den Interviewdaten nur äußerst sporadisch – wie in (15) – vorkommt.
(15) die war alle bube von Vunapope
3 . all boy from Vunapope
‚Sie waren alle Jungen von Vunapope.‘
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 325
Im Gegensatz zu Knabe, das in standardnahen Sprachlagen des 19. Jahrhun-
derts anscheinend im ganzen Sprachgebiet verwendet wurde (vgl. Elspaß 2005:
402), ist Bube klar süddeutsch markiert, wenngleich das Wort im 19. Jahrhun-
dert vereinzelt auch noch aus Westfalen belegt ist (vgl. Elspaß 2005: 400).
Und last but not least: Bei lediglich zwei Sprechern ist neben der oben
bereits erwähnten Variante quatschen bzw. sprechen auch das Verb schwätzen
belegt (vgl. 16), das laut sprachgeografischer Befunde eindeutig und aus-
schließlich im Südwesten des geschlossenen deutschen Sprachgebiets lokali-
siert werden kann (vgl. König, Elspaß & Möller 2015: 176).
(16) P1: die war immer am (–) äh ((unverständlich)) die schwätz
P2: am schwätzen schwätzen
Versucht man nun im Spiegel der oben angeführten empirischen Evidenz eine
sprachgeografische Bilanz zu ziehen, so kann folgende Schlussfolgerung ver-
sucht werden: Die allermeisten regional markierten Superstrateinflüsse in Unser-
deutsch lassen sich eindeutig aus der gesprochenen Alltagssprache im Norden
bzw. Nordwesten Deutschlands herleiten. Blendet man die Isoglossen dieser
Merkmale übereinander, so kristallisiert sich der geografische Raum von bzw.
um Westfalen, d.h. das weitere Umland von Hiltrup, als Überschneidungs-
gebiet heraus. Eine kleine Anzahl von Merkmalen, die aber eher die Oberflächen-
schichten von Unserdeutsch, das Lexikon nämlich, betreffen, deutet daneben
auf einen geringfügigen süd- bzw. südwestdeutschen Superstrateinfluss hin.
Die Tatsache, dass die meisten geografisch lokalisierbaren Superstrateinflüsse
aber eindeutig norddeutscher Herkunft sind und unter diesen es zugleich auch
mehrere aus den phonologischen und grammatischen Tiefenschichten der
Sprache gibt, unterstützt die im Abschnitt 3 formulierte Hypothese, wonach
das gesprochene Alltagsdeutsch an der Missionsstation in Vunapope um 1900
vorwiegend westfälisch-nordwestdeutsch geprägt gewesen sein muss.
Was die historischen Quellen zeigen
Zur regionalen Verortung des Unserdeutsch-Superstrats im geschlossenen
deutschen Sprachraum (F1), d. h. zur Bestimmung der sprachlichen Herkunft
der Vunapope-Missionare, werden im Folgenden drei Arten von historischer
Evidenz herangezogen: (a) die Lage der MSC-Ordenshäuser bzw. Ausbildungs-
stätten für die Südseemission mit deren Einzugsgebiet, (b) die Geburtsorte der
Missionare und schließlich (c) die einschlägigen Hinweise in Heimatbriefen der
Missionare. Die Daten können an dieser Stelle nur holzschnittartig umrissen
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
326 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
werden, eine ausführlichere Auswertung und Darstellung ist in Vorbereitung
(Lindenfelser i. V.).
Nachdem das Deutsche Reich im Jahr 1884 Deutsch-Neuguinea zum
„Schutzgebiet“ erklärt hatte, lief der dort operierende französische MSC-Orden
Gefahr, ausgewiesen zu werden, wenn nicht rasch deutsches Missionspersonal
vorgezeigt werden konnte (vgl. Gründer 1982: 49). Die Gründung einer Ordens-
niederlassung der Herz-Jesu Missionare auf deutschem Boden wurde damit zur
dringenden Notwendigkeit, war aber aufgrund des schwierigen deutsch-
französischen Verhältnisses und des antikatholischen Klimas vor Ort (Kultur-
kampf) erst lange zwölf Jahre später realisierbar. In dieser Übergangszeit wur-
den daher Deutsche für die Südseemission in den neu gegründeten Ordenshäu-
sern in Salzburg (Österreich), Tilburg (Niederlande) und Antwerpen (Belgien)
ausgebildet, insbesondere aber in Antwerpen (vgl. Bender 1932: 198). Eine
kleine Gruppe deutscher Kandidaten hatte zuvor bereits die Seminarschule in
Issoudun, dem Gründungsort des Ordens im Herzen Frankreichs, besucht. Als
1897 dann das langersehnte erste Ordenshaus auf deutschem Boden in Hiltrup
bei Münster eröffnet werden konnte, wurde die Ausbildung für die Südsee-
mission mit sofortiger Wirkung dorthin verlegt und drei Jahre später auch der
MSC-Schwesterorden dort gegründet (vgl. Steffen 2001: 453f.). Ab der Jahrhun-
dertwende wurden die deutschen Missionare für Vunapope zum allergrößten
Teil von Hiltrup aus entsandt. Interessant aus unserer Sicht ist vor allem das
Ordenshaus in Salzburg. Dass im Süden des deutschen Sprachgebiets eine Aus-
bildungsstätte für die Herz-Jesu-Missionare eröffnet wurde, und diese gerade
während der deutschen Kolonialzeit eine wichtige Rolle spielte, dürfte bereits
andeuten, womit sich die im vorangehenden Kapitel detektierten süddeut-
schen Superstrateinflüsse in Unserdeutsch erklären lassen.
Auch die Geburtsorte der Missionare, soweit sie uns vorliegen und ein-
deutig identifizierbar sind, bestätigen unsere bisherigen Befunde. Ein Daten-
satz mit 213 Geburtsorten umfasst den Großteil aller deutschsprachigen Mis-
sionare, die zwischen 1890 und 1975 (das Jahr der Unabhängigkeit Papua-
Neuguineas) die Gazelle-Halbinsel im Bismarck-Archipel bzw. Vunapope erreicht
haben. Legt man diesen Datensatz auf die dialektgeografische Gliederung des
deutschen Sprachraums um 1900 (vgl. z. B. König, Elspaß & Möller 2015:
230 f.), so ergibt sich ein eindeutiges Bild (vgl. Abb. 13.3).
Die überragende Mehrzahl dieser Missionare, insgesamt 135 von den 213,
entstammt gebürtig dem westniederdeutschen Sprachraum. 73 % von diesen
wiederum, insgesamt 98 Missionare, entfallen auf den westfälischen Raum,
also das weitere Umland von Hiltrup. Aus den verschiedensten Regionen des
angrenzenden westmitteldeutschen Gebiets kommen auch manche Missionare,
was aufgrund der geographischen Nähe zu Westfalen wenig überrascht. Der
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 327
0
20
40
60
80
100
120
140
160
westniederdt. westmieldt. ostoberdt. westoberdt. ostniederdt. ostmieldt.
Verteilung deutscher MSC-Missionare in Vunapope auf
binnendt. Sprachräume nach Herkun (1890–1975)
wesälisch diverse
Abb. 13.3: Verteilung der Missionare in Vunapope auf binnendeutsche Sprachräume.
zwar klar untergeordnete, aber doch in den Daten ersichtliche und historisch
durch die Salzburger Missionsniederlassung erklärbare Einfluss des oberdeut-
schen Sprachraums spiegelt sich in der Herkunft von insgesamt 41 Missionaren
aus diesem Gebiet (insgesamt knapp doppelt so viel wie aus dem westmittel-
deutschen Raum), wobei der ost- und der westoberdeutsche Raum zahlenmäßig
gleich stark vertreten sind. Aus dem ostniederdeutschen und ostmitteldeutschen
Sprachraum entstammen hingegen im gesamten Untersuchungszeitraum von
85 Jahren insgesamt nur 13 Missionare, was wiederum das beschränkte Ein-
zugsgebiet der Ordenshäuser zeigt (vgl. auch Frings 2000: 70 f.) und zugleich
auch das Fehlen der für diesen Raum charakteristischen distinktiven Merkmale
in den Sprachdaten erklärt.
Die prozentuale Verteilung ändert sich nicht wesentlich, wenn man die
Gruppe der Missionare noch einmal nach Patres und Brüdern versus Schwes-
tern oder nach Ankunftszeiträumen und damit in etwa der Schulzeit der unter-
schiedlichen Unserdeutsch-Sprechergenerationen subklassifiziert. Von zentra-
ler Bedeutung wäre in diesem Zusammenhang natürlich die Anschlussfrage,
welche der Missionare durch ihren Aufgabenbereich bedingt – etwa in Erzieher-
und Lehrfunktion – besonders engen Kontakt zu den Kindern hatten und damit
stärkeren sprachlichen Einfluss ausübten. Durch die Beantwortung dieser Fra-
ge dürfte sich auch erklären, warum in den linguistischen Daten der südwest-
deutsche sprachliche Einfluss stärker ist als der südostdeutsche, obwohl beide
Gebiete unter den Missionaren zahlenmäßig gleich vertreten sind (vgl.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
328 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
Abb. 13.3). Die Erklärung hierfür dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit darin
bestehen, dass die südwestdeutschen Missionare im Vergleich zu den südost-
deutschen einen intensiveren Kontakt zu den mixed-race Kindern hatten und
somit einen stärkeren sprachlichen Einfluss ausüben konnten. Die genaue Re-
konstruktion der sozialen Netzwerke an der Missionsstation in Vunapope, die
zur endgültigen Klärung dieser Frage nötig wäre, steht – soweit sie heute über-
haupt noch möglich ist – aus. Die linguistische Evidenz (s. Abschnitt 3) sowie
die Herkunft der Missionare deuten jedoch auf jeden Fall eindeutig darauf hin,
dass die mixed-race Kinder von Vunapope am meisten mit Missionaren aus dem
nordwestdeutsch-westfälischen Gebiet in Kontakt waren.
Die drei gemäß den Herkunftsdaten relevanten Sprachräume (Westnieder-
deutsch, Westmitteldeutsch, (Ost-)Oberdeutsch) sind auch in den metasprach-
lichen Aussagen einer Missionsschwester in ihrem Brief an das Mutterhaus in
Hiltrup aus dem Jahre 1904 benannt:
Der Frühstückstisch war selbstverständlich so festlich als möglich geschmückt. In der Mitte
stand eine hübsche Palme, in welcher die holländische Flagge, von der österreichischen,
bayrischen, preußischen und deutschen umgeben flatterte, um so endlich einmal dem lang-
wierigen Sprachenkriege ein Ende zu machen, denn derselbe war bei uns schon sehr heftig
entbrannt, weil die Westfalen nicht zugeben wollten, daß sie Skule statt Schule, die Rhein-
länder Heiten und Waißenkinder, die Bayern k statt g und so fort sagen. (Brief Sr. Angela
nach Hiltrup, Vunapope, 22. Juli 1904. GAMS, Nr. 1566; kursive Hervorhebungen durch uns,
P.M.&S.L.)
Dass unter all diesen Varietäten wiederum der westniederdeutsche bzw. west-
fälische Einfluss am höchsten einzustufen ist, legen auch weitere Briefe nahe,
in denen sich mehrfach explizite Hinweise auf den deutschsprachigen Nord-
westen bzw. konkret auf Westfalen finden. So liest man etwa im Bericht einer
anderen Schwester über die Anreise von ihr und einer Reihe von Hiltruper
Mitschwestern nach Vunapope im Jahr 1904 Folgendes:
Wir hatten uns eine kurze Zeit mit dem hohen Herrn in holländischer Sprache (mit Hilfe
unserer westfälischen Mundart) unterhalten, als es an der Tür klopfte. (Bericht Sr. Mathilde,
Vunapope, 1904, zit. nach Brief o. V. [vermutl. Sr. Clothilde] nach Hiltrup. GAMS, Nr. 1565;
kursive Hervorhebung durch uns, P. M. & S. L.)
In zwei Briefen aus derselben Zeit ist statt von der „westfälischen Mundart“
etwas breiter von Platt die Rede, was also erneut in den (west)niederdeutschen
Raum zielt:
Wollen wir uns miteinander verständigen, so spricht er holländisch und wir platt, was
jedesmal wieder zu lachen gibt. (Brief, höchstwahrscheinlich Sr. Elisabeth, an Bord des
Dampfers „Sachsen“ nach Hiltrup, 7. Oktober 1902. GAMS, Nr. 1551)
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 329
Wenn ehrw. Schw. Oberin und Schw. Klara Platt sprechen, soll ich dieses Kauderwelsch
übersetzen, wobei sie mich natürlich gründlich auslachen. (Brief Sr. Elisabeth nach
Hiltrup, Vunapope, 6. März 1904. GAMS, Nr. 1551)
Diese – und weitere – Quellen deuten darüber hinaus auch auf die Rolle nieder-
ländischer Missionare in der Südsee-Mission und speziell in Vunapope hin,
bei denen im Einklang mit Volker (1982: 18) der Gebrauch einer norddeutsch
orientierten L2-Varietät des Deutschen angenommen werden kann. Zweitens
zeigen die zitierten Stellen die Dialektkompetenz der norddeutschen Missionare
und zugleich auch die Funktionen des Platt in Vunapope. Die Verwendung des
Dialekts war anscheinend eine domänenspezifische Akkommodationsstrategie,
die die effiziente Kommunikation mit den niederländischen Missionaren er-
möglichen sollte. Plattdeutsch dürfte darüber hinaus als informelle in-group
Varietät unter den norddeutschen Missionaren verwendet worden sein, nicht
jedoch als out-group Varietät mit den mixed-race Kindern, wie dies auch an
der Absenz plattdeutscher Superstrateinflusse in Unserdeutsch erkennbar ist.
11
Und drittens reflektieren die zitierten Briefe die innere Mehrsprachigkeit bzw.
den Varietätenkontakt an der Missionsstation, was einen heterogenen sprach-
lichen Input bei der Entstehung von Unserdeutsch nahelegt und somit mit der
in Abschnitt 3 vorgestellten linguistischen Evidenz im Einklang steht.
Die Annahme, dass bei der Entstehung von Unserdeutsch tatsächlich
kaum mit dialektalem Input/Superstrat gerechnet werden kann, wird auch
von unabhängiger sprachhistorischer Evidenz unterstützt. In und um Hiltrup
bei Münster, am Ausbildungsort der Patres, Schwestern und Brüder ab der
Jahrhundertwende, machte sich bereits in der zweiten Hälfe des 19. Jahrhun-
derts eine klare Standardorientierung bemerkbar. Die Stadt nahm diesbezüg-
lich anscheinend eine gewisse Vorreiterrolle in der Region ein:
Der Stadt Münster kommt dabei wohl die wichtigste Neuerungsfunktion zu. Dort sind es
insbesondere die Zuwanderer aus nichtwestfälischen Gebieten, das Bildungsbürgertum
und soziale Aufsteiger, die ausschließlich Hochdeutsch oder wenigstens eine als solche
intendierte Umgangssprache westfälischer Prägung […] verwenden. (Kremer 2000: 320 f.)
Für die angehenden Missionare sind alle drei genannten Gruppen relevant.
Erstens waren unter den Missionaren, wie die Statistik der Herkunftsorte zeigt,
11 Einige wenige Einzelwörter wie vor allem Kopp (auch in Du Kartoffelkopp!) sind zwar auch
mit unverschobenen Plosiven in den Interviewdaten belegt, in der überwiegenden Mehrheit
der Fälle kommen aber erstens selbst diese Wörter mit verschobenen Konsonanten vor, und
zweitens können Formen wie Kopp auch und vor allem um 1900 durchaus im Bereich des
regionalen Gebrauchsstandards angesetzt werden.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
330 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
durchaus Zuwanderer aus nichtwestfälischen Gebieten vertreten. Zweitens sind
die Patres, d. h. die Ordenspriester, klar den bildungsbürgerlichen Schichten der
damaligen deutschen Gesellschaft zuzurechnen. Und drittens bedeutete (vor
allem) für die Schwestern wiederum der Eintritt in den Missionsorden einen
klaren sozialen Aufstieg, da sie meist aus einfachen Verhältnissen kamen und
die beruflichen Möglichkeiten für Frauen zu dieser Zeit ohnehin noch höchst
eingeschränkt waren.
Die sprachliche Standardorientierung der Ordensleute wird im Spiegel zeit-
genössischer Aussagen auch noch durch ihren speziellen Berufsstand erhärtet:
In Westfalen ist das Hoch- und Plattdeutsche getheilt zwischen den gebildeten und den
unteren Ständen. Jenes ist ausserdem Sprache der Kirche, der Schule und des Gerichts
[…] während sie [Anm.: Landpfarrer, P. M. & S. L.] im Süden [d.h. in Westfalen, L. K.]
auch durch den Sprachunterschied ein priesterliches Ansehen zu behaupten suchen.
(August von Eye 1855: 97, zit. nach Kremer 2000: 319)
Die Tatsache, dass das Hochdeutsche (auch) in Westfalen nicht nur als Schul-
und Kirchensprache, sondern anscheinend auch als Sozialsymbol innerhalb
des Klerus galt, dürfte ebenfalls für die Dialektferne der Intergruppenkommu-
nikation an der Missionsstation in Vunapope sprechen; schließlich waren die
Internate von Vunapope in jeder Hinsicht nach dem Vorbild bürgerlicher deut-
scher Schulen konzipiert. Diese Standardorientierung führte wiederum gewiss
zur Nivellierung salienter, regional markierter Nonstandardmerkmale, was
auch an den linguistischen Strukturmerkmalen von Unserdeutsch klar erkenn-
bar ist (s. Abschnitt 3).
Was wir herausgefunden haben:
Schlussfolgerungen
Durch unseren triangulativen Rekonstruktionsversuch verfolgten wir das Ziel,
das sprachliche Superstrat von Unserdeutsch zu bestimmen und damit die Be-
schaffenheit der gesprochenen Alltagssprache an der Missionsstation in Vuna-
pope im Bismarck-Archipel um 1900 zu rekonstruieren. Unsere Analysen ha-
ben folgende Antworten auf die in Abschnitt 1 formulierten Forschungsfragen
(F1) und (F2) ergeben:
(F1′) Der sprachliche Input, den die mixed-race Kinder in Vunapope von den
Missionaren bekommen haben, scheint im Lichte unterschiedlicher
Daten und Quellen eindeutig heterogen gewesen zu sein. Linguistische
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 331
Evidenz zeigt einhellig, dass dieser Input in weiten Teilen nord- und
vor allem nordwestdeutsch-westfälisch geprägt gewesen sein muss,
mit geringeren süd- und vor allem südwestdeutschen Einflüssen.
(F2′) Hinsichtlich des Grades der regionalen Markiertheit dieses Inputs deutet
alles auf eine klare Dialektferne hin. Neben dem formellen Schrift-
standard der Schule kristallisiert sich im Spiegel der Daten ein regiona-
ler Gebrauchsstandard – oder terminologisch anders: landschaftliches
Hochdeutsch (vgl. Ganswindt 2017) – als gesprochene Alltagsvarietät
zwischen Missionaren und Kindern an der Missionsstation in Vunapope
heraus. Die deutlich erkennbare Meidung dialektalen Sprechens in
Vunapope scheint dabei vor allem (a) auf die bildungszielbedingte Prä-
ferenz des Standards als Prestigevarietät im schulischen Kontext zu-
rückzuführen zu sein, war aber daneben anscheinend auch (b) als be-
wusste Akkommodationsstrategie unter dem sprachlich heterogenen
Missionspersonal intendiert.
Unsere Erkenntnisse lassen somit die meisten diesbezüglichen, eingangs zitier-
ten und diskutierten Aussagen in Volker (1982) und Frowein (2006) als unhalt-
bar erscheinen. Dieser Widerspruch zwischen unseren und ihren einschlägigen
Ansichten dürfte sich dabei zweifelsfrei zum Teil auch durch unsere viel breitere
und differenziertere Datenbasis erklären.
Unsere Befunde dürften (mindestens) aus zweierlei Sicht von kreolistischer
Relevanz sein. Erstens liefern sie weitere empirische Evidenz dafür, dass wir –
im Gegensatz zu manchen prominenten Forschermeinungen (vgl. etwa Mufwene
2015a: 349 und 2015b: 133) – das Superstrat von Kreolsprachen nicht immer in
kolonialen Nonstandardvarietäten suchen müssen, sondern dieses durchaus
auch standardnah bzw. gänzlich im Bereich des (Gebrauchs-)Standards ange-
siedelt sein kann. Diese Standardnähe des sprachlichen Superstrats kann in
unserem Fall eindeutig mit dem schulischen Kontext der Sprachentstehung er-
klärt werden. Solche Entstehungskontexte sind bei Kreolsprachen zwar tat-
sächlich unüblich, aber auch über den Fall von Unserdeutsch hinaus durchaus
bekannt (vgl. z. B. Ehrhart 1993). Diese Tatsache wiederum deutet auf die Ge-
fahren von – gewiss notwendigen – Verallgemeinerungen in der Kreolistik hin
und zeigt, dass (auch) die Annahme von kolonialen Nonstandardvarietäten als
Kreolsuperstrate lediglich als statistische Verallgemeinerung verstanden wer-
den darf. Die Entstehungsszenarien und -kontexte von Kreolsprachen können,
wie gerade auch das Beispiel von Unserdeutsch zeigt (vgl. Lindenfelser & Maitz
2017), trotz gewisser grundlegender Ähnlichkeiten so unterschiedlich bzw. uni-
kal sein, dass dies zu größter Vorsicht bei generellen Aussagen auffordert.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
332 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
Zweitens zeigt sich auch in unserem Zusammenhang, dass die Rolle von
Superstratsprachen, wie u. a. auch Chaudenson (2003) oder Mufwene (2015b:
133) betonen, weit über die Bereitstellung des Lexikons einer Kreolsprache hi-
nausgehen kann. Auch im Fall von Unserdeutsch ist, wie wir in Abschnitt 3
gesehen haben, sowohl Phonologisches
12
als auch Grammatisches aus dem Su-
perstrat transferiert worden (s. auch Lindenfelser & Maitz 2017). Der Umfang
dieses tiefer gehenden Superstrateinflusses ist jedoch gewiss wieder stark
abhängig vom Entstehungsszenario und dem sozialen Kontext der einzelnen
Kreolsprachen, sodass Verallgemeinerungen auch in diesem Fall zwangsläufig
nur die statistisch gesehen typischen Fälle erfassen können.
Für die Variationslinguistik bzw. die historische Sprachwissenschaft des
Deutschen wiederum dürfte unsere Darstellung gezeigt haben, dass die Analyse
von kolonialen und sonstigen Auswanderervarietäten, besonders von solchen,
die – wie Unserdeutsch – im Laufe ihrer späteren Geschichte den Kontakt zum
sprachlichen Mutterland vollständig verloren haben, zur Rekonstruktion histo-
rischer Mündlichkeit wertvolle Daten liefern kann.
Und zum Schluss muss noch einmal betont werden, dass es im Rahmen
dieses Aufsatzes aus mehreren Gründen nicht möglich war, alle regional mar-
kierten Superstrateinflüsse in Unserdeutsch aufzudecken und zu berücksich-
tigen. Wir mussten und wollten uns hier tendenziell auf die salientesten und
grundlegendsten, am meisten konventionalisierten Strukturmerkmale be-
schränken. Dies bedeutet, dass das von uns gezeichnete Bild den Grundten-
denzen eindeutig gerecht werden müsste, von der zukünftigen Forschung je-
doch überprüft und in Bezug auf weniger saliente und konventionalisierte
Merkmale weiter differenziert werden könnte – und sollte.
Abkürzungen
1 1. Person Plural  Kopula
1 1. Person Singular  definit
2 2. Person Singular  Dimuitiv
3 3. Person Plural feminin
3 3. Person Singular  habituell
 Akkusativ  indefinit
 Artikel maskulin
 attributiv  Plural
 Auxiliar  Possessivum
12 Wie zum Beispiel das Phonem /χ/, das in Wörtern mit spirantisiertem finalem /g/ realisiert
wird.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 333
 progressiv  Standarddeutsch
 Vergangenheit  Tok Pisin
 Partizip  Unserdeutsch
 Relativum Verb
Literatur
AdA (2003 ff.) = Elspaß, Stephan & Robert Möller (2003 ff.): Atlas der deutschen
Alltagssprache (AdA). www.atlas-alltagssprache.de (letzter Zugriff 27. 9. 2017).
Arends, Jacques, Silvia Kouwenberg & Norval Smith (1995): Theories focusing on the non-
European input. In: Jacques Arends, Pieter Muysken & Norval Smith (Hrsg.), Pidgins and
creoles: An introduction, 99–110. Amsterdam, Philadelphia: Benjamins.
Baker, Philip (1990): Off target? In: Journal of Pidgin and Creole Languages 5, 107–119.
Baker, Philip (2000): Theories of creolization and the degree and nature of restructuring. In:
Ingrid Neumann-Holzschuh & Edgar W. Schneider (Hrsg.), Degrees of restructuring in
creole languages, 41–63. Cambridge: Cambridge University Press.
Bakker, Peter (1995): Pidgins. In: Jacques Arends, Pieter Muysken & Norval Smith (Hrsg.),
Pidgins and creoles: An introduction, 25–40. Amsterdam, Philadelphia: Benjamins.
Bakker, Peter (2002): Some future challenges for pidgin and creole studies. In: Glenn Gilbert
(Hrsg.), Pidgin and creole linguistics in the twenty-first century, 69–92. New York u.a.:
Lang.
Bender, Josef (1932): Missionshilfe in der Heimat. In: Josef Hüskes (Hrsg.), Pioniere der
Südsee. Werden und Wachsen der Herz-Jesu-Mission von Rabaul zum Goldenen Jubiläum
1882–1932, 197–205. Hiltrup, Salzburg: Missionare vom hl. Herzen Jesu.
Chaudenson, Robert (2003): La créolisation: théorie, applications, implications. Paris u.a.:
Harmattan.
Damme, Robert (2011): Westfälisches Wörterbuch. Band 2. Neumünster: Wachholtz.
Deumert, Ana (2003): Markedness and salience in language contact and second-language
acquisition: Evidence from a non-canonical contact language. Language Sciences 25,
561–613.
Deumert, Ana (2009): Namibian Kiche Duits: The making (and decline) of a Neo-African
language. Journal of Germanic Linguistics 21, 349–417.
DWDS = Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. URL: https://www.dwds.de (letzter
Zugriff: 17.9. 2017).
Ehrhart, Sabine (1993): Le créole français de St-Louis (le tayo) en Nouvelle-Calédonie.
Hamburg: Buske.
Elspaß, Stephan (2005): Sprachgeschichte von unten. Untersuchungen zum geschriebenen
Alltagsdeutsch im 19. Jahrhundert. Tübingen: Niemeyer.
Elspaß, Stephan (2016): Typisch und nicht so typisch Westfälisches in der nicht-dialektalen
Alltagssprache. In: Helmut Spiekermann, Line-Marie Hohenstein, Stephanie
Sauermilch & Kathrin Weber (Hrsg.), Niederdeutsch: Grenzen, Strukturen, Variation,
359–382. Wien: Böhlau.
Frings, Bernhard (2000): Mit ganzem Herzen. Hundert Jahre Missionsschwestern vom
Heiligsten Herzen Jesu in Hiltrup. Dülmen: Laumann.
Frowein, Friedel M. (2006): Transfer, continuity, relexification and the bioprogram – what
the substratist/universalist debate in creolistics implies for modern theories of
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
334 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
language acquisition. Online Veröffentlichung. URL: http://bit.ly/1OWFuWG (letzter
Zugriff: 14. 7. 2017).
Ganswindt, Brigitte (2017): Landschaftliches Hochdeutsch. Rekonstruktion der oralen
Prestigevarietät im ausgehenden 19. Jahrhundert. Stuttgart: Steiner.
Gárgyán, Gabriella (2014): Der am-Progressiv im heutigen Deutsch. Neue Erkenntnisse mit
besonderer Hinsicht auf die Sprachgeschichte, die Aspektualität und den kontrastiven
Vergleich mit dem Ungarischen. Frankfurt a.M.: Peter Lang.
Goodman, Morris (1993): African substratum: Some cautionary words. In: Salikoko S.
Mufwene & Nancy Condon (Hrsg.), Africanisms in Afro-American language varieties, 64–
74. Athens, London: University of Georgia Press.
Götze, Angelika, Siegwalt Lindenfelser, Salome Lipfert, Katharina Neumeier, Werner König &
Péter Maitz (2017): Documenting Unserdeutsch: A workshop report. In: Péter Maitz &
Craig A. Volker (Hrsg.), Language contact in the German colonies: Papua New Guinea
and beyond (= Sonderheft von Language and Linguistics in Melanesia), 65–90.
Gründer, Horst (1982): Christliche Mission und deutscher Imperialismus. Eine politische
Geschichte ihrer Beziehungen während der deutschen Kolonialzeit (1884–1914) unter
besonderer Berücksichtigung Afrikas und Chinas. Paderborn: Schöningh.
Gründer, Horst (2004): Christliche Heilbotschaft und weltliche Macht. Studien zum Verhältnis
von Mission und Kolonialismus. Gesammelte Aufsätze. Hrsg. v. Franz-Joseph Post,
Thomas Küster & Clemens Sorgenfrey. Münster: LIT Verlag.
Harnisch, Rüdiger (2004): Morphologie/Morphology. In: Ulrich Ammon, Norbert Dittmar,
Klaus J. Mattheier & Peter Trudgill (Hrsg.), Soziolinguistik. Ein internationales Handbuch
zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft. 2. Auflage. Band 1, 522–530. Berlin,
New York: de Gruyter.
Hickey, Raymond (2005): English dialect input to the Caribbean. In: Raymond Hickey (Hrsg.),
Legacies of colonial English. Studies in transported dialects, 326–360. Cambridge:
Cambridge University Press.
Hiery, Hermann Joseph (2001): Schule und Ausbildung in der deutschen Südsee. In: Hermann
Joseph Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee. Ein Handbuch, 198–238. Paderborn:
Schöningh.
Holm, John (1988): Pidgins and creoles. Band 1: Theory and structure. Cambridge: Cambridge
University Press.
Holm, John (2000): An introduction to pidgins and creoles. Cambridge: Cambridge University
Press.
Hüskes, Josef (Hrsg.) (1932): Pioniere der Südsee. Werden und Wachsen der Herz-Jesu-
Mission von Rabaul zum Goldenen Jubiläum 1882–1932. Hiltrup, Salzburg: Missionare
vom Hlst. Herzen Jesu.
Jacobs, Bart (2009): The origins of Old Portuguese features in Papiamentu. In: Nicholas
Faraclas, Ronald Severing, Christa Weijer & Liesbeth Echteld (Hrsg.), Leeward voices.
Fresh perspectives on Papiamentu and the literatures and cultures of the ABC islands.
Proceedings of the ECICC-conference. Band 1, 11–38. Curaçao: FPI/UNA.
Janssen, Arnold (1932): Die Erziehungsanstalt für halbweiße Kinder. In: Josef Hüskes (Hrsg.),
Pioniere der Südsee. Werden und Wachsen der Herz-Jesu-Mission von Rabaul zum
Goldenen Jubiläum 1882–1932, 150–155. Hiltrup, Salzburg: Missionare vom Hlst. Herzen
Jesu.
Jansson, Fredrik, Mikael Parkvall & Pontus Strimling (2015): Modeling the evolution of
creoles. Language Dynamics and Change 5 (1), 1–51.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 335
Jassmeier, Joseph (1971): Missionaries. Who serve or have served: The church and the people
of New Britain (Archdiocese of Rabaul). Vunapope: Mission Press.
Keim, Inken (1978): Gastarbeiterdeutsch. Untersuchungen zum sprachlichen Verhalten
türkischer Gastarbeiter. Tübingen: Narr.
Kleiner, Stefan (2011 ff.): Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards (AADG).
Unter Mitarbeit von Ralf Knöbl. URL: http://prowiki.ids-mannheim.de/bin/view/AADG/
(letzter Zugriff: 16. 10. 2017).
König, Werner (1989): Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik
Deutschland. Band 2: Tabellen und Karten. Ismaning: Max Hueber.
König, Werner, Stephan Elspaß & Robert Möller (2015): dtv-Atlas Deutsche Sprache.
18. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Kremer, Ludger (2000): Westfälische Sprachgeschichte von 1850 bis zur Gegenwart. In:
Jürgen Macha, Elmar Neuß & Robert Peters unter Mitarbeit von Stephan Elspaß (Hrsg.),
Rheinisch-Westfälische Sprachgeschichte, 315–335. Köln: Böhlau.
Lindenfelser, Siegwalt (i. V.): Sprachentstehung durch Sprachkontakt. Genese und Geschichte
von Unserdeutsch (Rabaul Creole German). Dissertation, Universität Augsburg.
Lindenfelser, Siegwalt & Péter Maitz (2017): The creoleness of Unserdeutsch (Rabaul Creole
German): A typological perspective. In Péter Maitz & Craig A. Volker (Hrsg.), Language
contact in the German colonies: Papua New Guinea and beyond. (= Sonderheft von
Language and Linguistics in Melanesia), 91–142.
Loosen, Livia (2014): Deutsche Frauen in den Südseekolonien des Kaiserreichs. Alltag und
Beziehungen zur indigenen Bevölkerung, 1884–1919. Bielefeld: transcript.
Maitz, Péter (2016): Unserdeutsch. Eine vergessene koloniale Varietät des Deutschen im
melanesischen Pazifik. In: Alexandra N. Lenz (Hrsg.), German abroad – Perspektiven
der Variationslinguistik, Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung, 211–240.
Göttingen:V&Runipress.
Maitz, Péter (2017): Dekreolisierung und Variation in Unserdeutsch. In: Helen Christen,
Peter Gilles & Christoph Purschke (Hrsg.), Räume – Grenzen – Übergänge. Akten
des 5. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen
(IGDD), 215–242. Stuttgart: Steiner.
Maitz, Péter, Werner König & Craig A. Volker (2016): Unserdeutsch (Rabaul Creole German):
Dokumentation einer stark gefährdeten Kreolsprache in Papua-Neuguinea. Zeitschrift für
germanistische Linguistik 44 (1), 93–96.
Maitz, Péter & Craig Alan Volker (2017): Documenting Unserdeutsch: Reversing colonial
amnesia. Journal of Pidgin and Creole Languages 32 (2), 365–397.
Maitz, Péter, Siegwalt Lindenfelser & Craig A. Volker (i.E.): Unserdeutsch (Rabaul Creole
German), Papua New Guinea. In Hans C. Boas, Ana Deumert, Mark L. Louden &
Péter Maitz (Hrsg.), Varieties of German worldwide. Oxford: Oxford University Press.
Missionare vom heiligsten Herzen Jesu (Hrsg.) (1884–2017): Monatshefte zu Ehren
U. L. Frau vom hlst. Herzen Jesu [inzwischen: Hiltruper Monatshefte], 125 Jahrgänge.
Hiltrup.
Mückler, Hermann (2010): Mission in Ozeanien (= Kulturgeschichte Ozeaniens, Band 1).
Wien: Facultas.
Mückler, Hermann (2014): Missionare in der Südsee. Pioniere, Forscher, Märtyrer. Ein
biographisches Nachschlagewerk zu den Anfängen der christlichen Mission in Ozeanien
(= Quellen und Forschungen zur Südsee, Reihe B: Forschungen, Band 6). Wiesbaden:
Harrassowitz.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
336 Péter Maitz und Siegwalt Lindenfelser
Mufwene, Salikoko S. (2015a): The emergence of creoles and language change. In:
Nancy Bonvillain (Hrsg.), The handbook of linguistic anthropology, 345–368. London:
Routledge.
Mufwene, Salikoko S. (2015b): Pidgin and creole languages. In: James Wright (Hrsg.),
International encyclopedia of behavioral and social sciences. Band 18. 2. Auflage,
133–145. Oxford: Elsevier.
Mühlhäusler, Peter (1997): Pidgin and creole linguistics. 2. Auflage. London: University of
Westminster Press.
Mühlhäusler, Peter (2001): Typology and universals of pidginization. In: Martin Haspelmath,
Ekkehard König, Wulf Oesterreicher & Wolfgang Raible (Hrsg.), Language typology and
language universals. Band 2, 1648–1655. Berlin, New York: de Gruyter.
Mühlhäusler, Peter (2012): Sprachliche Kontakte in den Missionen auf Deutsch-Neuguinea
und die Entstehung eines Pidgin-Deutsch. In: Stefan Engelberg & Doris Stolberg (Hrsg.),
Sprachwissenschaft und kolonialzeitlicher Sprachkontakt. Sprachliche Begegnungen und
Auseinandersetzungen, 71–100. Berlin: Akademie-Verlag.
Negele, Michaela (2012): Varianten der Pronominaladverbien im Neuhochdeutschen.
Grammatische und soziolinguistische Untersuchungen. Berlin, New York: de Gruyter.
NOSA (2015) = Elmentaler, Michael & Peter Rosenberg (Hrsg.) (2015): Norddeutscher
Sprachatlas. Band 1: Regiolektale Sprachlagen. Hildesheim: Olms.
Plag, Ingo (2008): Creoles as interlanguages: Inflectional morphology. Journal of Pidgin and
Creole Languages 23, 109–130.
Rascher, Matthäus (1909): M.S.C. und Baining (Neu-Pommern). Land und Leute. In:
Missionare vom heiligsten Herzen Jesu (Hrsg.), Aus der deutschen Südsee. Mitteilungen
der Missionare vom heiligsten Herzen Jesu, Band 1. Münster: Aschendorff.
Schmidt, Jürgen Erich (2010): Die modernen Regionalsprachen als Varietätenverbände. In:
Peter Gilles, Joachim Scharloth & Evelyn Ziegler (Hrsg.), Variatio delectat. Empirische
Evidenzen und theoretische Passungen sprachlicher Variation. Frankfurt am Main: Peter
Lang, 125–143.
Selbach, Rachel (2008): The superstrate is not always the lexifier: Lingua Franca in
the Barbary Coast 1530–1830. In: Susanne Maria Michaelis (Hrsg.), Roots of creole
structures: Weighing the contribution of substrates and superstrates, 29–58.
Amsterdam, Philadelphia: Benjamins.
Steffen, Paul (2001): Die katholischen Missionen in Deutsch-Neuguinea. In: Hermann Joseph
Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee. Ein Handbuch, 343–383. Paderborn: Ferdinand
Schöningh.
Steffen, Paul (2012): Die ganzheitliche Evangelisierungsmethode der katholischen Mission
und ihr Beitrag zur Landesentwicklung in Papua-Neuguinea. Annales Missiologici
Posnanienses 18, 7–56.
Thomason, Sarah G. (2001): Language contact: An introduction. Edinburgh: Edinburgh
University Press.
Thomason, Sarah G. & Terrence Kaufman (1988): Language contact, creolization, and genetic
linguistics. Berkeley: University of California Press.
Timm, Erika (1986): Das Jiddische als Kontrastsprache bei der Erforschung des
Frühneuhochdeutschen. Zeitschrift für germanistische Linguistik 14 (1), 1–22.
Trudgill, Peter (2010): Contact and sociolinguistic typology. In: Raymond Hickey (Hrsg.),
The handbook of language contact, 299–319. Oxford: Wiley-Blackwell.
Velupillai, Viveka (2015): Pidgins, creoles and mixed languages: An introduction. Amsterdam,
Philadelphia: Benjamins.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um 1900 337
Volker, Craig A. (1982): An introduction to Rabaul Creole German (Unserdeutsch).
Unveröffentlichte Masterarbeit, Universität Queensland. URL: http://bit.ly/2iJoNdX
(letzter Zugriff: 21. 7. 2017).
Volker, Craig A. (1989): Rabaul Creole German syntax. Working Papers in Linguistics 21 (1),
153–189.
Volker, Craig A. (1991): The birth and decline of Rabaul Creole German. Language and
Linguistics in Melanesia 22, 143–156.
Waldersee, James (1995): „Neither eagles nor saints“. MSC missions in Oceania 1881–1975.
With the collaboration of John F. McMahon MSC who wrote the last three chapters.
Sydney: Chevalier Press.
WdU (1977 ff.) = Eichhoff, Jürgen (1977 ff.): Wortatlas der deutschen Umgangssprachen.
Bd. I/II [1977/78] Bern: Francke; Bd. III [1993] München u. a.: Saur; Bd. IV [2000] Bern,
München: Saur.
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
Unauthenticated
Download Date | 7/26/18 2:42 AM
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
Chapter
Full-text available
The study of creoles and pidgins has been marked by controversy about how they emerged, whether they can be identified by their structural features, and how they stand genetically in relation to their lexifiers. There have also been disagreements about what contact-induced varieties count as creoles, whether expanded pidgins should be lumped together with them, otherwise what distinguishes both kinds of vernaculars from each other, and how other contact-induced language varieties can be distinguished from all the above. Another important question is what they contribute to the understanding of language from the phylogenetic, typological, and sociolinguistic perspectives.
Article
Full-text available
Unserdeutsch, also known as Rabaul Creole German, is the only known German-lexifier creole. This critically endangered language has its origins in an orphanage in German New Guinea for mixed-race children, where Standard German was taught by mission personnel. Unserdeutsch was creolised in one generation, and became the in-group language of a small mixed-race community. It is now spoken by around 100 elderly speakers, nearly all immigrants to Australia. The current project is only the second documentation based on actual fieldwork and has a specific focus on the use and vitality of the language as used by the last generation of speakers. It has the aim of producing an Unserdeutsch corpus that will facilitate both future linguistic research and contact with the language for the descendants of Unserdeutsch speakers. Preliminary findings show variation among speakers along a continuum from heavily creolised basilect to an almost European German acrolect. Most of the lexicon is derived from German, while a number of basilectal grammatical constructions are the result of the loss of marked features in German and possible imperfect second language learning as well as relexification of Tok Pisin, the presumed substrate language.
Book
This collection brings together internationally-renowned scholars to discuss the role of British dialects in the genesis and subsequent history of postcolonial Englishes. As a result of colonization, many varieties of English now exist around the world. Considering the input of Scottish, English and Irish dialects, they examine a wide range of Englishes-including those in North and South America, South Africa, Asia, Australia, and New Zealand. They also explain why many overseas Englishes still reflect non-standard British usage from the distant past. © Cambridge University Press 2004 and Cambridge University Press, 2009.