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8. Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen innerhalb und außerhalb Europas

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Abstract

Aufgrund ihrer plurizentrischen Struktur weist die deutsche Sprache Standardvariation auf. Dies gilt insbesondere für die Lexik in den europaischen Staaten und Regionen, in denen Deutsch Amtssprache ist. Der vorliegende Beitrag zeigt, dass auch auserhalb der Amtssprachregion standardsprachliche Wortschatzvarianten existieren. Am Beispiel der deutschsprachigen Minderheiten in Rumanien, Namibia und Mennonitensiedlungen des amerikanischen Kontinents werden Grunde für den Erhalt der deutschen Sprache und fur die Entwicklung und Pflege spezifischer standardsprachlicher Lexeme dargestellt
Birte Kellermeier-Rehbein
8 Plurizentrische Wortschatzvariation
des Deutschen innerhalb und außerhalb
Europas
Abstract: Aufgrund ihrer plurizentrischen Struktur weist die deutsche Sprache
Standardvariation auf. Dies gilt insbesondere für die Lexik in den europäischen
Staaten und Regionen, in denen Deutsch Amtssprache ist. Der vorliegende Bei-
trag zeigt, dass auch außerhalb der Amtssprachregion standardsprachliche
Wortschatzvarianten existieren. Am Beispiel der deutschsprachigen Minderhei-
ten in Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen des amerikanischen
Kontinents werden Gründe für den Erhalt der deutschen Sprache und für die
Entwicklung und Pflege spezifischer standardsprachlicher Lexeme dargestellt.
Keywords: Amtssprache, Identität, Mennonitendeutsch, namibisches Deutsch,
nationale Varianten, Rumäniendeutsch, Standardvarietäten, Spracherhalt,
Sprachzentrum
 Einleitung
Die Standardvarietäten nehmen innerhalb der zahlreichen Varietäten der deut-
schen Sprache eine zentrale Stellung ein, weil sie überregionale Kommunika-
tion ermöglichen und adäquate Ausdrucksweisen für die öffentliche und for-
melle Kommunikation sind. Im Volksmund werden sie in der Regel (korrektes)
Hochdeutsch oder Schriftsprache genannt. Herkömmliche Bezeichnungen wie
Gemein- oder Einheitssprache suggerieren ein einziges homogenes Sprachsys-
tem mit einheitlichem Wortschatz und Grammatik, was aber de facto nicht ge-
geben ist.
In der Fachwelt herrscht heute die Auffassung vor, dass Deutsch zu den
sogenannten plurizentrischen Sprachen gehört. Diese fungieren in mehreren
Staaten oder Regionen als Amtssprache und verfügen über mehrere Standard-
Birte Kellermeier-Rehbein, Dr., Bergische Universität Wuppertal, Fakultät für
Geistes- und Kulturwissenschaften, Gaußstraße 20, D-42113 Wuppertal,
E-Mail: kellermeier-rehbein@uni-wuppertal.de
Open Access. © 2018 Birte Kellermeier-Rehbein, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk
ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110538588-009 Unauthenticated
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varietäten, die zwar einander sehr ähnlich sind, sich aber dennoch durch ge-
wisse Besonderheiten (Varianten) in Aussprache, Wortschatz, Grammatik und
Pragmatik unterscheiden. Gebiete mit eigenen sprachlichen Normen werden
als Sprachzentren bezeichnet. Die Standardvarietäten Deutschlands, Öster-
reichs und der Schweiz, wie auch anderer, kleinerer Staatsgebiete und Regio-
nen sind linguistisch gleichwertig, insofern sie sich gleichermaßen für präzise
und stilistisch angemessene Formulierungen in sämtlichen Themenbereichen
eignen. Ihre Varianten sind keinesfalls als Normabweichungen aufzufassen,
sondern entsprechen zentrumseigenen Regeln.
Der vorliegende Beitrag erläutert die Standardvariation des Deutschen be-
züglich der Lexik und zeigt, dass sich die Plurizentrik innerhalb und außerhalb
Europas jenseits der Gebiete fortsetzt, in denen Deutsch Amtssprache ist
(Amtssprachregion).
Sprachlicher Standard und Probleme
der Abgrenzung
Für den Begriff Standardvarietät liegt noch keine allgemein anerkannte Defini-
tion vor (vgl. Kellermeier-Rehbein 2013: 4–7). Ein Problem ist, dass er sich nur
schwer aus sich selbst heraus definieren lässt, ohne Zuhilfenahme von Begrif-
fen wie Dialekt oder Umgangsvarietät, die ihrerseits wenig scharf umrissen
sind. Erschwerend kommt hinzu, dass Dialekte, Umgangsvarietäten und der
sprachliche Standard ein Kontinuum mit fließenden Übergängen bilden, wo-
durch eine exakte Abgrenzung der Sprachschichten nur durch bewusste Ent-
scheidung möglich ist, die sich nicht in jedem Fall zwingend begründen lässt.
Immerhin lassen sich Eigenschaften von Standardvarietäten spezifizieren,
die in Richtung einer möglichen allgemein akzeptablen Definition weisen. Nach
Ammon (1995: 73 ff.) sind sie die sprachliche Norm für öffentliche und formelle
Kommunikationssituationen, wie z. B. das Verlesen der Nachrichten in Rund-
funk oder Fernsehen oder öffentliche Ansprachen von hohen Amtsträgern. Ihr
Gebrauch in mündlicher und schriftlicher Form ist ferner für die amtliche Kom-
munikation verpflichtend. Es wird erwartet, dass Behördenmitarbeiter
1
im
dienstlichen Verkehr innerhalb der eigenen, aber auch mit fremden Behörden
sowie mit den Bürgern die Standardvarietät verwenden. Schulen und Universitä-
ten sollen sich ebenfalls der sprachlichen Norm bedienen. Dies setzt eine prä-
1Zur besseren Lesbarkeit verwende ich das generische Maskulinum stellvertretend für beide
Geschlechter.
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skriptive Kodifizierung voraus, also die Darstellung der standardsprachlichen
Einheiten in Wörterbüchern und Grammatiken in einer Art und Weise, die vor-
gibt, was als korrekt gilt und was nicht. Solche Kodifizierungen sind in der Regel
Grundlage des muttersprachlichen Unterrichts in der Schule, wo die Standard-
varietät Unterrichtsmedium und Lehrgegenstand ist. Personen, die ihrer nicht
mächtig sind, werden daher oft als ungebildet eingeschätzt.
Die Abgrenzung des sprachlichen Standards sollte in zweierlei Hinsicht
vorgenommen werden (vgl. Ammon 1995: 89). Auf einer vertikalen Ebene er-
folgt eine sozial-normative Unterscheidung zwischen sprachlichem Standard
und Nonstandard (z. B. Umgangsvarietäten, Soziolekte und anderen). Dabei
geht es um die Frage, was zur sprachlichen Norm gehört und Erwartungen an
die sprachliche Richtigkeit erfüllt bzw. was von der Norm abweicht und folg-
lich nicht als Standard bezeichnet werden kann. Für manche Sprachen gibt es
regulierende staatliche Einrichtungen (z. B. Académie Française, Real Acade-
mia de la Lengua Española), die solche Abgrenzungsprobleme autoritär regeln.
Da es für die deutsche Sprache keine derartige Instanz gibt, übernehmen vier
gesellschaftliche Gruppen diese Aufgabe, die von Ammon (1995: 73 ff.) als das
„soziale Kräftefeld einer Standardvarietät“ bezeichnet wurden. Dazu gehören
Modellschreiber und -sprecher (z. B. Schriftsteller, Journalisten, Nachrichten-
sprecher und andere), die die standardsprachlichen Einheiten in ihren Modell-
texten verwenden. Diese Modelltexte dienen nicht selten als Datenmaterial für
empirische Untersuchungen von Sprachexperten (Linguisten), die den Aufbau
und die Funktionsweise des Sprachsystems untersuchen. Ihre Forschungser-
gebnisse fließen in die Arbeit der Kodifizierer (Lexikographen und Autoren von
Grammatiken) ein, die allerdings auch selbst Untersuchungen durchführen
und ihre Ergebnisse häufig durch Belege aus Modelltexten stützen. Schließlich
nutzt die Gruppe der Sprachnormautoritäten (z. B. Lehrer, Hochschuldozenten)
den Kodex und die Forschungsergebnisse der Sprachexperten als Grundlage
des Unterrichts und zur Rechtfertigung ihrer Korrekturen. Im Idealfall sind sich
alle Gruppen bezüglich der Normebene (Standard oder Nonstandard) einer
sprachlichen Einheit einig. Wenn aber keine Einigkeit erzielt wird, ist der be-
treffende sprachliche Ausdruck nicht völlig uneingeschränkt in öffentlichen
und formellen Kontexten verwendbar und wird in einem Wörterbuch mit einer
entsprechenden Markierung versehen. Natürlich spielt auch die Bevölkerungs-
mehrheit eine Rolle bei der Festlegung der sprachlichen Norm, denn ohne ihre
Akzeptanz werden die Vorschläge des Kräftefeldes nicht zum Sprach-Usus.
Die zweite Ebene der Standard-Abgrenzung ist horizontal. Dabei werden
Standardvarietäten verschiedener Nationen oder Regionen voneinander abge-
grenzt (z. B. deutscher vs. österreichischer Standard). Mit diesen Problemen
befasst sich die variationslinguistische Plurizentrik-Forschung, die im Folgen-
den dargestellt wird.
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Deutsch als plurizentrische Sprache
Von einer plurizentrischen Sprache spricht man dann, wenn diese in mehr als einem Land
als nationale oder regionale Amtssprache in Gebrauch ist und wenn sich dadurch stan-
dardsprachliche Unterschiede herausgebildet haben. (VWD 2016: XXXIX)
So lautet die einschlägige Definition im Variantenwörterbuch des Deutschen
(= VWD).
Dass die deutsche Sprache diese Bedingungen erfüllt, lässt sich leicht nachwei-
sen. Sie ist in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg,
Ostbelgien und Bozen-Südtirol (Italien) nationale oder regionale Amtssprache.
Ferner gibt es in diesen Staaten und Regionen eigene standardsprachliche Be-
sonderheiten, die als nationale Varianten bezeichnet werden. Darunter versteht
man
[...] diejenigen Sprachformen, die Bestandteil der Standardvarietät mindestens einer Nati-
on, aber nicht der Standardvarietäten aller Nationen der betreffenden Sprachgemein-
schaft sind. Sie müssen zudem [um als Varianten zu gelten (B.K.-R.)] Entsprechungen
in den übrigen Standardvarietäten der betreffenden Sprachgemeinschaft haben. (Ammon
1995: 70)
Der Austriazismus Karfiol ist beispielsweise nur in Österreich (A) standard-
sprachlich, während in Deutschland (D) und der Schweiz (CH) der Ausdruck
Blumenkohl gilt. Dem Helvetismus Berufsdiplom entspricht in Österreich und
Deutschland die Variante Gesellenbrief.Bundestag ist ein Teutonismus und
synonym mit dem österreichischen und schweizerischen Wort Nationalrat.
Sprachliche Einheiten, die in allen Zentren zum sprachlichen standardsprach-
lich gehören (z. B. Mensch,grün,trinken), sind gemeindeutsch und gehören
selbstredend nicht zu den nationalen Varianten.
Die geographische Verbreitung von nationalen Varianten kongruiert je-
doch nicht immer exakt mit den Staatsgrenzen. Wie oben schon deutlich wur-
de, gibt es unspezifische Varianten, die in zwei Zentren standardsprachlich
sind (z. B. Quark CH D) oder in einem Zentrum und einem Teilgebiet eines
weiteren Zentrums (z. B. Kren A D-südost ‚Meerrettich‘). Wieder andere gelten
nur in einem Teilgebiet eines einzigen Zentrums (z.B. Feudel D-nord ‚Boden-
Putzlappen‘).
Nationale Standardvarianten können auf allen Ebenen der Sprache vor-
kommen. Aussprache- und Wortschatzvarianten sind besonders auffällig, wäh-
rend morphologische, syntaktische und semantische Varianten eher unschein-
bar und häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Der vorliegende
Beitrag behandelt ausschließlich die lexikalische Standardvariation des Deut-
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 193
schen. Sie ist besonders gut erforscht und seit der Erstauflage des VWD (2004)
gründlich dokumentiert. Es ist das einzige Wörterbuch, das die Wortschatzvari-
ation einer plurizentrischen Sprache umfassend, d. h. unter Berücksichtigung
aller (bisher als solche identifizierten) Sprachzentren, darstellt und die na-
tionalen Standardvarianten des Deutschen als hinsichtlich ihrer Geltung im
jeweiligen Zentrum gleichwertig präsentiert. Seit 2016 liegt die völlig neu bear-
beitete, aktualisierte und erweiterte Zweitauflage des gleichnamigen Wörter-
buchs vor.
Die folgenden Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt aus den ca.
12.000 Einträgen des VWD (2016). Varianten sind kursiv gedruckt, gemeindeut-
sche Bedeutungserläuterungen stehen zwischen einfachen Anführungszeichen:
Deutschland: Abitur (in A CH: Matura), Bürgersteig (‚eine Straße entlang
führender [erhöhter] Weg für Fußgänger(innen)‘), Möhre
(‚Karotte‘), Tüte (‚Plastiktragetasche‘)
Österreich: Beistrich (‚Komma‘), Jänner (in CH D: Januar), Landeshaupt-
mann (Ministerpräsident D), Marille (Aprikose CH D)
Schweiz: Autocar (in A D: Reisebus), Morgenessen (‚Frühstück‘), Pana-
ché (‚helles Bier mit Limonade‘), Velo (‚Fahrrad‘)
Ostbelgien: Animation (‚Veranstaltung‘), Bürgermeisterkollegium (‚Gemein-
derat‘), Heiratsbuch (‚Familienbuch‘)
Luxemburg: Erkennungstafel (‚Nummernschild‘), es ist gewusst (‚es ist
bekannt‘), Stagiar (‚Anwärter, Praktikant‘)
Liechtenstein: eine Behandlung ziehen (‚(eine Gesetzesvorlage) im Parlament
behandeln‘), Landesphysikus (Amtsarzt A D), Neni (‚Groß-
vater‘)
Südtirol: Basisarzt (‚Hausarzt‘), Befähigungsdiplom (Gesellenbrief A D),
Hydrauliker (‚Installateur‘)
Varianten wie diese sind Erkennungsmerkmale der nationalen Varietäten des
Deutschen. Nach Ammon (1995: 7172) gilt eine Standardvarietät dann als nati-
onale Varietät, wenn sie mindestens eine spezifische nationale Variante ent-
hält oder eine spezifische Kombination von Varianten, die in mehr als einem
Zentrum gelten. Dies ist allerdings eine Minimalbedingung, die alle nationalen
Varietäten vielfach erfüllen.
Vielfältige Einflüsse trugen zur Entstehung von nationalen Varietäten bei,
vor allem historische Gegebenheiten (z. B. Reformation und Gegenreformation,
die Zugehörigkeit Österreichs zur Donaumonarchie, die Folgen der Weltkriege
und des Dritten Reichs), sprachgeschichtliche Entwicklungen (z. B. der Einfluss
des Ostmitteldeutschen, die Herausbildung frühneuzeitlicher regionaler Schreib-
bzw. Kanzleisprachen), dialektale Grundlagen, Sprachpurismus und andere.
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Es kann zusammengefasst werden, dass die deutsche Sprache beide Bedin-
gungen für plurizentrische Sprachen erfüllt: Sie ist Amtssprache in sieben
Staaten und hat standardsprachliche Varianten herausgebildet. Andere euro-
päische Sprachen gehören ebenfalls in die Kategorie der plurizentrischen Spra-
chen, vor allem solche, die durch Kolonialismus auch auf anderen Kontinenten
verbreitet wurden, z. B. Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch oder
Niederländisch.
Der Terminus Plurizentrik leitet sich von Zentrum, genauer Sprachzentrum,
ab. Damit wird ein Staat, eine Nation oder eine Sprechergemeinschaft als Teil
einer Nation (z. B. deutschsprachige Schweizer) mit einer eigenen Standardva-
rietät einer Sprache bezeichnet (vgl. Ammon 1995: 95). Im Falle der deutschen
Sprache sind es die oben genannten Staaten und Regionen. Allerdings handelt
es sich dabei um unterschiedliche Arten von Sprachzentren, nämlich Voll- und
Halbzentren. In beiden Fällen ist Deutsch staatliche Amtssprache. Der Unter-
schied liegt in der Kodifizierung, denn in den Vollzentren (Deutschland, Öster-
reich, Schweiz) gibt es einen sogenannten Binnenkodex. Dabei handelt es sich
um Nachschlagewerke, die im jeweiligen Sprachzentrum verfasst wurden und
die eigene Standardvarietät (präskriptiv) darstellen. In Deutschland sind dies
vor allem die Dudenbände, in Österreich das Österreichische Wörterbuch und
in der Schweiz Werke wie Schweizer Schülerduden oder Schweizer Wahrig.Da
es in den Halbzentren keine Binnenkodizes gibt, müssen die Sprecher bei
sprachlichen Unsicherheiten auf die Nachschlagewerke der (benachbarten)
Vollzentren zurückgreifen. Darüber hinaus beschränkt sich die Standardvaria-
tion in den Halbzentren auf den Wortschatz.
Dehnt man das Konzept der Sprachzentren noch weiter aus, kann man
auch noch sogenannte Viertelzentren ansetzen. In diesen Gebieten hat die
entsprechende Sprache keinen amtlichen Status, sondern ist Sprache einer
Minderheit. Dennoch verfügt sie über standardsprachliche Varianten, die in
öffentlichen und formellen Kontexten sowie in Modelltexten unbeanstandet
verwendet werden können und von Sprachnormautoritäten als korrekt akzep-
tiert werden (vgl. VWD 2016: XII). Als Viertelzentren des Deutschen gelten
bisher Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen auf dem amerika-
nischen Kontinent. Ob es weitere Viertelzentren gibt, muss durch zukünftige
Forschungen gezeigt werden.
Obwohl die Standardvarietäten des Deutschen (zumindest die der Vollzent-
ren) aus linguistischer Sicht gleichwertig sind, ist in der Sprachwirklichkeit den-
noch eine gewisse Dominanz der bundesdeutschen Norm zu beobachten. Dies
ist vor allem den demographischen Verhältnissen geschuldet. Während nach An-
gaben des VWD (2016: XLIII, XLIX, LII) in der BRD ca. 81 Mio. Menschen leben,
sind es in Österreich ca. 8,7 Mio. und in der Schweiz nur 4,5 Mio. Deutschspra-
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 195
chige. Österreicher und Schweizer konsumieren häufig Medien des nördlichen
Nachbarn, während Deutsche nur verhältnismäßig selten mit denjenigen der an-
deren Zentren in Berührung kommen. Auch renommierte Wörterbücher und
Grammatiken (z. B. Adelung, Grimm, Duden, Siebs) wurden in den Gebieten ver-
fasst, die heute zur BRD gehören, wodurch sich deutsche Normen stärker ver-
breiten konnten. Diese und weitere Gründe führten zu der vor allem in der Bun-
desrepublik weit verbreiteten Ansicht, dass es nur ein „korrektes Hochdeutsch“
gebe, und zwar die deutsche Standardvarietät (vgl. Hägi 2014: 71).
In der Fachwelt ist die Standardvariation der deutschen Sprache zwar
ziemlich allgemein anerkannt, doch wird die Art der sprachgeographischen
Gliederung und ihre Interpretation diskutiert. Es stehen sich dabei im Wesentli-
chen zwei Positionen gegenüber: einerseits die plurizentrische bzw. plurinatio-
nale Deutung, vertreten durch Clyne (1992), Ammon (1995), VWD (2004, 2016)
und andere, andererseits das pluriareale Modell, vertreten durch Scheuringer
(1996), Pohl (1997) und andere. Erstere fassen Sprachzentren vor allem als
Staaten bzw. Nationen auf und verwenden folglich Termini wie nationale Vari-
ante und Nationalvarietät. Die Standardvariation sei Folge und Ausdruck der
staatlichen Eigenständigkeit und werde durch zentrumseigene Kodifizierung
gepflegt und geschützt. Etliche Besonderheiten entstammten zudem der Domä-
ne der staatlichen Verwaltung. Trotzdem müsse das Verbreitungsgebiet der na-
tionalen Varianten nicht immer exakt mit den Staatsgrenzen kongruieren, wor-
auf oben bereits hingewiesen wurde. Die Über- oder Unterschreitung der
staatlichen Grenzen durch die Standardvarianten ließ vor allem in Österreich
Kritik am plurinationalen Modell entstehen. Der Terminus Plurizentrik sei in-
adäquat und irreführend, weil er die Bedeutung der staatlichen Zentren für die
Variation überbewerte und die Existenz staatlich bzw. national einheitlicher
Varietäten suggeriere, die es so nicht gebe (vgl. Schrodt 1997: 16; Scheuringer
1996: 151–152). Der deutsche und österreichische Standard sei weder homogen
(Pohl 1997: 68), noch geographisch eindeutig an diese Staaten gekoppelt, wes-
halb der Terminus pluriareale Variation zu bevorzugen sei.
Nicht jeder folgt dieser angenommenen Dichotomie von Plurinationalität
vs. Pluriarealität und fasst die Konzeptionen als Widersprüche auf. Alternativ
können beide Auffassungen als sich ergänzende Beschreibungsmodelle der
Standardvariation betrachtet werden, die beide gleichermaßen ihre Daseinsbe-
rechtigung haben (z. B. in Kellermeier-Rehbein 2014). Im Hinblick auf die
schwindende Bedeutung der Nationalstaaten zugunsten von supranationalen
Organisationsformen (z. B. Europäische Union) und angesichts der allgemei-
nen Globalisierung fordert Glauninger (2013: 464–465), die Heterogenität der
deutschen Sprache mithilfe einer „»supra-« bzw. »postnational« orientierten
Theorie“ zu untersuchen und darzustellen; jedoch bedarf dieser Vorschlag
noch der Konkretisierung.
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Zusammenfassend ist festzuhalten, dass aufgrund der Plurizentrik ein nati-
onal und regional heterogener Standardwortschatz im deutschsprachigen
Raum existiert. Die variierende Lexik macht allerdings nur einen geringen pro-
zentualen Anteil der Gesamtlexik aus. Schmidlin (2013: 23) schätzt alle Arten
von Standardvarianten (inklusive morphologischer und grammatischer Varian-
ten) auf etwa fünf Prozent, sodass die nationalen Varietäten des Deutschen
eine große linguistische Ähnlichkeit aufweisen (vgl. Ammon 1995: 5). Die ge-
genseitige Verständigung der Sprecher aus unterschiedlichen Zentren ist da-
durch gesichert.
Nationale Varietäten und Identität
Sprache hat neben ihrer Kommunikationsfunktion auch eine Identifikations-
funktion. Durch eine gemeinsame Sprache oder Varietät wird die Zugehörigkeit
zu einer Sprachgemeinschaft und die Abgrenzung von anderen Sprechergrup-
pen zum Ausdruck gebracht. Die nationale Identität spiegelt sich in der Regel
in sogenannten ganzen Sprachen (z. B. Deutsch, Polnisch etc.). Dies hat seinen
Ursprung in der in Europa traditionell engen Verknüpfung von Sprache und
Nation. Besonders zur Zeit der Nationenbildung galt als Idealvorstellung, dass
alle Mitglieder einer Nation dieselbe Muttersprache („Nationalsprache“) hätten
und alle Muttersprachler einer Sprache eine Nation („Sprachnation“) bildeten.
Diese enge Verbindung zeigt sich bis heute in gleichen oder ähnlichen Bezeich-
nungen für Nation und Sprache: Dänemark – Dänisch,Italien – Italienisch,
Polen – Polnisch etc.
Nach Clyne stellen die plurizentrischen Sprachen in diesem Zusammenhang
einen Sonderfall dar. Ihre Sprecher zeigen durch den Gebrauch einer National-
varietät – willkürlich oder unwillkürlich – die Zugehörig zur betreffenden
Sprachgemeinschaft und grenzen sich gleichzeitig von Mitgliedern anderer Na-
tionen mit der gleichen Sprache ab, ohne sich dabei sprachlich-kommunikativ
zu isolieren:
Plurizentrische Sprachen vereinen und grenzen zugleich ab. In dieser Beziehung spiegeln
sie eine mehrfache Identität wider […]. Wer sich einer bestimmten Nationalvarietät des
Dt. [Deutschen – B. K.-R.] bedient, verbindet sich dadurch mit allen Mitgliedern der inter-
nationalen dt. [deutschen (– B. K.-R.)] Sprachgemeinschaft, drückt aber zugleich seine
nationale Identität aus. (Clyne 2000: 2008)
Nationale Varietäten sind aber nicht nur wichtig für die Identität ihrer Sprecher,
sondern fungieren auch als Symbole der staatlichen Eigenständigkeit, denn nur
eine Nation mit weitgehender Autonomie kann eigene sprachliche Standards als
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 197
verbindlich erklären, schützen und pflegen (vgl. Kellermeier-Rehbein 2014: 178).
In Österreich zeigt sich die Bedeutung der nationalen Varietät und der dazuge-
hörigen Varianten für die nationale Identität besonders deutlich. Seit 1951 wird
die eigene Varietät im Österreichischen Wörterbuch dokumentiert und geschützt.
Inzwischen liegt es in der 43. Auflage (2016, Schulausgabe) vor und ist für den
Sprachgebrauch in Schulen und Behörden maßgeblich. Nicht selten verwenden
Österreicher ganz bewusst sogenannte Demonstrationsaustriazismen, um sich
von Deutschen (seltener auch von Schweizern) abzugrenzen. Der wohl ein-
drucksvollste Beweis für die Wichtigkeit der Austriazismen für die nationale
Identität der Österreicher ist die Festlegung von 23 EU-Austriazismen für die Ver-
wendung in amtlichen Schriftstücken der Europäischen Union. Sie müssen per
Schrägstrich den bundesdeutschen Ausdrücken an die Seite gestellt werden
(z. B. Quark/Topfen) (vgl. Kellermeier-Rehbein 2014: 180).
Auch in der Schweiz ist die Nationalvarietät nicht unerheblich für die Identi-
tät der Deutschschweizer. Allerdings ist das Schweizerhochdeutsche den ale-
mannischen Dialekten als Nationalsymbol nachgeordnet (vgl. Ammon 1995:
301 ff.), d. h. die Mundarten sind in noch stärkerem Maße identitätsstiftend. Le-
diglich in der BRD herrscht kaum ein Bewusstsein von den nationalen Varietä-
ten, weshalb man sich dort nicht über die deutsche Standardvarietät identifi-
ziert.
Dass die im Mutter- und Amtssprachgebiet des Deutschen gelegenen Sprach-
zentren eigene Standardvarianten und -varietäten entwickelt haben, pflegen
und schützen, ist aus den oben genannten Gründen verständlich und gut nach-
vollziehbar.
In den nächsten Kapiteln geht es um die außerhalb der Amtssprachregion,
ja sogar außerhalb Europas gelegenen Viertelzentren, ihre spezifischen Stan-
dardvarianten und deren Bedeutung für die Identität der Minderheiten.
Lexikalische Standardvariation des Deutschen
außerhalb der Amtssprachregion
Wenn die Amtssprachregion einer Sprache mehrere Staaten oder Regionen um-
fasst, wird die Entwicklung von spezifischen nationalen Standardvarianten
und -varietäten erleichtert, denn autonome Staaten können dafür Sorge tragen,
dass die von Haugen (1997: 350) genannten vier Schritte zur Standardisierung
von Varietäten effizient und nachhaltig durchgeführt werden: Auswahl einer
Sprachnorm („selection of norm“), Kodifizierung der Sprachformen („codifi-
cation of form“), Ausweitung der Funktion („elaboration of function“) und
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Akzeptanz in der Bevölkerung („acceptance by the community“). Fehlt der
Amtssprachenstatus, wird die Standardvariation zwar erschwert, aber nicht
unmöglich gemacht. Im Folgenden wird dies anhand von deutschsprachigen
Minderheiten gezeigt, die außerhalb des Amtssprachengebietes leben. Dazu
werden die Viertelzentren vorgestellt, deren lexikalische Variation im VWD
(2016) dokumentiert ist: Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Die
Aufnahme dieser Varianten ins VWD ist ein gewichtiger Indikator für ihre Stan-
dardsprachlichkeit, da die Autoren keine dialektale oder umgangssprachliche
Lexik lemmatisierten, wie sie schon im Vorwort der Erstauflage deutlich mach-
ten (vgl. VWD 2004: XII). Das VWD verzeichnet 79 Rumänismen, 37 Namibis-
men und 46 Varianten der mexikanischen Mennonitensiedlungen (vgl.
VWD 2016: XIII).
. Rumänien
Die beiden wichtigsten deutschsprachigen Gruppen in Rumänien sind die Sie-
benbürger Sachsen und die Banater Schwaben. Die Bezeichnungen Sachsen
und Schwaben dürfen nicht wörtlich genommen werden, denn ihre Vorfahren
stammten aus verschiedenen deutschen und österreichischen Regionen. Die
ersten Deutschsprachigen kamen schon im 12. Jahrhundert auf Geheiß des
Königs Géza II. nach Siebenbürgen, um dort das Gebiet „jenseits der Wälder“
(Transsilvanien) militärisch zu sichern und wirtschaftlich zu entwickeln (vgl.
Lǎzǎrescu 2013: 372). Im Zuge weiterer Einwanderungswellen wurden auch an-
dere Gebiete besiedelt, darunter das Banat. Die Siebenbürger Sachsen wandten
sich im Zuge der Reformation dem Protestantismus zu, während die Banater
Schwaben in der Regel katholisch sind.
Die Anzahl der Deutschstämmigen ist in den letzten Jahrzehnten, beson-
ders aufgrund massenhafter Auswanderungen während der Ceauşescu-
Diktatur und seit 1989, deutlich zurückgegangen (vgl. Lǎzǎrescu 2013: 374). In
der Zwischenkriegszeit waren es ca. 850.000, bei der Volkszählung von 1992
noch rund 120.000 und inzwischen bewegen sich die Schätzungen zwischen
ca. 30.000 (Lǎzǎrescu 2013: 374) und 50.000 (VWD 2016: LXI). Als Folge davon
sind die ursprünglichen Siedlungsgebiete zu Sprachinseln geschrumpft, sofern
man aufgrund der Mischsiedlung mit Rumänen überhaupt noch von Sprachin-
seln im klassischen Sinn sprechen kann, denn sie leben gemeinsam mit der
Mehrheitsbevölkerung und 18 weiteren Minderheiten im multilingualen und
multiethnischen Rumänien (vgl. Lǎzǎrescu 2013: 373).
Lǎzǎrescu (2013: 375 und 377) beschreibt das Rumäniendeutsche als ein Dia-
system mit diversen dialektalen Varietäten, betont aber auch die Existenz einer
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 199
überregionalen Standardvarietät, die durch den Kontakt zu deutschsprachigen
Staaten und anderen in Rumänien gebräuchlichen Sprachen geprägt ist.
Zum einen führte das enge historisch-politische Verhältnis zu Österreich
dazu, dass sich etliche Übereinstimmungen mit dem österreichischen Deutsch
entwickelten: sogenannte Rumäno-Austriazismen wie beispielsweise Topfen
(‚Quark‘), Kren (‚Meerrettich‘), Staubzucker (‚Puderzucker‘) und andere (Lǎzǎ-
rescu 2007: 678). Das Rumäniendeutsche war aufgrund der Herkunft der Sied-
ler auch westmitteldeutsch geprägt. Die Siebenbürger Kanzleisprache erfuhr
darüber hinaus ostmitteldeutsche Einflüsse durch die Luthersprache und stand
unter der Einwirkung der österreichischen kaiserlichen Kanzlei, insbesondere
nach der Theresianischen Reform (vgl. Lǎzǎrescu & Scheuringer 2013: 421, 427).
Später kamen Entlehnungen aus dem Wortschatz der BRD sowie DDR-Einflüsse
auf den politischen Wortschatz hinzu, weshalb das Rumäniendeutsche als
„Ausgleichsvariante“ bezeichnet wird (vgl. Lǎzǎrescu & Scheuringer 2013:
424); in der Terminologie des vorliegenden Aufsatzes müsste es Ausgleichsva-
rietät heißen).
Zum anderen erfolgten zahlreiche Entlehnungen aus Kontaktsprachen
(Kontakt-Zentrismen; vgl. Lǎzǎrescu 2013: 375), die zur Erweiterung des rumäni-
endeutschen Wortschatzes beitrugen. Dies erklärt sich durch den oben genann-
ten Multilingualismus, durch den das Deutsche über Jahrhunderte mit Rumä-
nisch und anderen Minderheitensprachen in Berührung war. Entlehnungen
aus diesen Spendersprachen wurden durch die zwei- oder mehrsprachigen
Kompetenzen der Rumäniendeutschen erleichtert, die neben ihrer Mutterspra-
che auch die Mehrheitssprache Rumänisch und zum Teil Ungarisch oder ande-
re Minderheitensprachen beherrschen (vgl. Lǎzǎrescu 2013: 378–379).
Von den insgesamt 79 im VWD (2016) verzeichneten Rumänismen sind
knapp 50 aus dem Rumänischen entlehnt oder in Analogie zum Rumänischen
gebildet worden. Im Folgenden werden einige exemplarisch vorgestellt:
Rumänismus Bedeutung oder rumänischer
deutsche Entsprechung Ursprung
Ägrisch,der ‚Stachelbeere‘ agrişǎ
Amphitheater ‚Hörsaal‘ amfiteatru
Autobahnhof ‚Busbahnhof‘ autogarǎ
Bierfabrik ‚Bierbrauerei‘ fabricǎ de bere
Bizikel,das ‚Fahrrad‘ bicicletǎ
Bokantsch,der ‚Bergschuh, grober Schnürschuh‘ bocanci
Chemiekombinat ‚Großbetrieb zur Herstellung combinat chimic
von Chemikalien‘
Hydrozentrale Wasserkraftwerk‘ hidrocentralǎ
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200 Birte Kellermeier-Rehbein
Rumänismus Bedeutung oder rumänischer
deutsche Entsprechung Ursprung
Komponenz,die ‚Zusammensetzung‘ componentǎ
konsekriert ‚berühmt, anerkannt‘ consacrat
Milchfabrik ‚Molkerei‘ fabricǎ de lapte
Muskelfieber ‚Muskelkater‘ febrǎ muscularǎ
Planifizierung ‚Planung‘ planificare
Sarmale,die = Kohlroulade D sarmale
Turmblock ‚Hochhaus‘ bloc turn
und andere
Die folgenden Rumänismen sind keine Entlehnungen (vgl. VWD 2016):
Rumänismus Bedeutung
assistieren ‚hospitieren‘
Aufboden ‚Dachboden‘
diskriminatorisch ‚diskriminierend‘
Eingruß ‚Einstand‘
Konsolidierung ‚Sanierung, Renovierung‘
Mistkorb ‚Mülleimer‘
Theaterchronik ‚Theaterkritik‘
u. a.
Ursprünglich dialektal sind die Lexeme Hanklich,die (eine Kuchenart) und
Palukes,der/die (‚Polenta‘).
Die deutschsprachige Minderheit in Rumänien kann zu Recht als Viertel-
zentrum der deutschen Sprache aufgefasst werden, denn sie erfüllt die oben
genannten Bedingungen. Sie verfügt über eine eigene Standardvarietät, da es
spezifische Rumänismen gibt, die in Modelltexten verwendet werden und
durch Sprachnormautoritäten als zur sprachlichen Norm gehörend akzeptiert
werden (VWD 2016: LX). Zu den Modelltexten gehören in erster Linie deutsch-
sprachige rumänische Zeitungen, wie z. B. die Allgemeine Deutsche Zeitung für
Rumänien oder die Hermannstädter Zeitung. Lǎzǎrescu (2013: 385) verweist
auch auf den Gebrauch der deutschen Sprache durch rumäniendeutsche
Schriftsteller wie Hans Bergel oder die Literaturnobelpreisträgerin Herta Mül-
ler. Ob sie in ihren Texten Rumänismen verwenden, wird allerdings nicht er-
wähnt und müsste eigens überprüft werden. Das Rumäniendeutsche dient fer-
ner als Kirchen- und Schulsprache (Lǎzǎrescu 2013: 381–382). Leider nimmt
Lǎzǎrescu keinen Bezug auf das Korrekturverhalten der Lehrer und ihre Bewer-
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 201
tung der Rumänismen. Die Kodifizierung der Rumänismen durch das VWD
(2016) ist eine Außenkodifizierung durch Lexikographen aus den Vollzentren,
indirekt aber auch eine Binnenkodifizierung, denn die Lemmata wurden den
Mitarbeitern des VWD durch Lǎzǎrescu gemeldet.
. Namibia
Deutsch kam im Zuge des Kolonialismus nach Namibia, das von 1884 bis 1919
unter der Bezeichnung Deutsch-Südwestafrika einzige Siedlungskolonie des
Kaiserreichs war. Im Jahr 1913 befanden sich über 12.000 Deutschsprachige im
sogenannten Schutzgebiet (vgl. Gretschel 1993: 44). Deutsch wurde offizielle
Amtssprache und Unterrichtssprache in Schulen für weiße Kinder. Nach dem
Ersten Weltkrieg verlor es diesen Status. Heute bilden die Nachfahren der da-
maligen Siedler und andere Deutschstämmige die ca. 20.000 bis 25.000 Perso-
nen umfassende deutschsprachige Minderheit. Sie macht zwar nur rund 1 %
der Gesamtbevölkerung aus, ist aber wirtschaftlich sehr einflussreich.
Namibia ist ein multilingualer Staat mit ca. 30 Sprachen, die zu drei
Sprachfamilien gehören: Bantu- und Khoisan-Sprachen sowie die germani-
schen Sprachen Afrikaans, Deutsch und Englisch. Letztere ist seit der Unab-
hängigkeit (1990) die einzige Amtssprache. Deutsch und Afrikaans sind soge-
nannte Nationalsprachen Namibias, was in etwa der Stellung einer geschützten
Minderheitensprache gleichkommt (vgl. Kellermeier-Rehbein 2016; Ammon
2015: 359–369).
Das namibische Deutsch zeichnet sich – ebenso wie das Rumäniendeut-
sche – durch viele Entlehnungen aus. Seit den 1960er Jahren beschäftigen sich
Sprachwissenschaftler (vereinzelt) mit diesem Thema und führen viele lexikali-
sche Varianten vor allem auf den Sprachkontakt mit Afrikaans, Englisch und –
deutlich weniger ausgeprägt – mit autochthonen afrikanischen Sprachen zu-
rück. Nöckler (1963: 36 ff.) untersuchte das damals so genannte Südwester-
deutsch und fand über 300 lexikalische Besonderheiten, darunter 197 Entleh-
nungen aus dem Afrikaans und 77 aus dem Englischen. Beide Sprachen waren
bis zur Unabhängigkeit Namibias offizielle Amtssprachen und Afrikaans war
die numerisch stärkste germanische Sprache im Land. Nach Gretschel (1993:
45) kamen die Deutschen erst nach den Afrikaanssprachigen in das Gebiet,
lernten von ihnen und übernahmen Teile ihres Wortschatzes, um lexikalische
Lücken zu füllen, die sich in der neuen Umgebung auftaten. Nöckler (1963: 115)
zufolge stammen viele Lehnwörter aus den Domänen Tier- und Pflanzenwelt,
Geographie, Wirtschaft und anderen. Gretschel (1995: 306) erwähnt darüber
hinaus auch solche, die keine Wortschatzlücken füllen, sondern deutsche Wör-
ter ersetzen, was er als Gefahr für die Sprache einstuft. Ursprünglich war Afri-
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202 Birte Kellermeier-Rehbein
kaans die wichtigste Spendersprache, doch seit der Unabhängigkeit und Fest-
legung des Englischen als solo-offizielle Amtssprache, wird es als Quelle für
sprachliche Neuerungen immer wichtiger (vgl. Pütz 1991: 464).
Die zahlreichen Entlehnungen sind zum einen auf die Kompetenzen der in
der Regel dreisprachigen Deutschnamibier zurückzuführen (vgl. Pütz 1991: 470),
die aufgrund ihrer Sprachkenntnisse die Möglichkeit haben, Lexeme aus diesen
Sprachen zu übernehmen. Zum anderen erleichtert die strukturelle Ähnlichkeit
der Sprachen die Übernahme und Integration der Lehnwörter ins Deutsche.
Im Folgenden werden nur solche Namibismen exemplarisch präsentiert,
die in der aktuellen Forschung als standardsprachlich und spezifisch für das
namibische Deutsch anerkannt sowie im VWD (2016) verzeichnet sind. Leider
gibt das Wörterbuch keine Informationen über die Spendersprachen der ent-
lehnten Lexeme. Stichproben in einem Afrikaans-Wörterbuch (Trümpelmann &
Erbe 2015) zeigen eine Reihe von Übereinstimmungen, die als Indizien für die
Übernahme aus dieser Sprache gedeutet werden können.
Namibismus Bedeutung Afrikaans-Ursprung
Bokkie,das ‚Ziege‘ bok (‚Ziegenbock‘)
Braai,der ‚Grillparty‘ braai (‚braten‘)
auf Pad gehen ,unterwegs sein‘ pad (‚Weg‘)
Ram,der Widder‘ ram (‚Widder‘)
Rivier,das Trockenfluss[bett]‘ rivier (‚Fluss‘)
Vley,das ‚Senke, die sich in der Regenzeit vallei (‚Tal‘) bzw.
mit Wasser füllt‘ vlei (‚Sumpfland, Moor‘)
und andere
Aus dem Englischen, und zwar teilweise aus dem südafrikanischen Englisch
(SAE), sind Namibismen wie die folgenden entlehnt.
Namibismus Bedeutung englischer Urspung
Bakkie,der ‚Pick-up[-truck]‘ bakkie (SAE)
Biltong,das ‚Trockenfleisch, Dörrfleisch‘ biltong (SAE)
Depositum,das ‚[Miet]kaution‘ deposit
Permit,das ‚Genehmigung einer Behörde‘ permit
und andere
Weitere Namibismen sind nicht auf Entlehnung zurückzuführen, oder ihre Her-
kunft ist unklar:
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 203
Namibismus Bedeutung oder deutsche Entsprechung
etwas befestigen ‚etw. [z.B. einen Termin] bestätigen‘
Damm ‚Speicherbecken eines Stausees‘
Einschwörung Vereidigung‘
Fellchen ‚Lammfell‘
Gämsbock ‚Oryx-Antilope‘
Kamp,der ‚eingezäunte Fläche‘
Klippe ‚Stein‘
Magistratsgericht =Amtsgericht CH D
Matrikulant/in =Abiturient D
Panga,der/die ‚Buschmesser‘
Veld,das ‚Savanne‘
und andere
Der wichtigste Modelltext der deutschen Standardvarietät in Namibia ist die
Allgemeine Zeitung (AZ, Windhoek, Namibia), die in einer Auflagenstärke von
rund 4.000 Exemplaren von montags bis freitags erscheint (vgl. AZ-Profil) und
für viele deutschsprachige Namibier eine wichtige Informationsquelle darstellt.
In ihren standardsprachlichen Texten erscheinen die oben genannten Namibis-
men, ohne in irgendeiner Form als umgangs- oder nonstandardsprachlich ge-
kennzeichnet zu sein.
Damm: Mit einem Volumen von 331,7 Millionen m³ beinhalten die südlichen
Dämme […] auf jeden Fall genügend Trinkwasser. (AZ, 23.3. 2017)
Panga: […] habe die Einheit am nächsten Tag auf der genannten Farm einen
Mann mit einem Panga gesichtet und ihn für einen mutmaßlichen
Wilderer gehalten. (AZ, 9. 1. 2017)
Rivier: Auch der Fahrer dieses Pickups hat sich offensichtlich überschätzt,
als er am vergangenen Sonntag mit seinem Auto das sandige Omaruru-
Rivier durchqueren wollte. (AZ, 3.4. 2017)
Veld: Indessen ist die junge, angeschossene Nashornkuh aus Gobabis nun
doch im Veld verendet. (AZ, 8. 2. 2017)
Die Gruppe der Sprachnormautoritäten wird durch namibische Lehrkräfte
vertreten, die nach Angaben des VWD (2016: LXII) die Namibismen in ihrem
Korrekturverhalten als korrekt anerkennen. Untersuchungen von Sprachex-
perten zum namibischen Deutsch waren bislang oft eindimensional, da we-
der der Begriff Namibismus noch die Existenz von mehreren Varietäten des
Deutschen in Namibia berücksichtigt wurden (z. B. Namslang; vgl. Kellermeier-
Rehbein 2015). Man war sich weitgehend einig, dass das dort verwendete
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204 Birte Kellermeier-Rehbein
Sprachsystem „Südwesterdeutsch“ kein Dialekt sei (vgl. Böhm 2003: 564–565;
Pütz 1991: 464). Davon abgesehen gingen die Meinungen jedoch auseinander.
Gretschel (1995: 306) bezeichnete es als „Umgangssprache“ und grenzte es ex-
plizit vom „Hochdeutschen“ ab. Shah (2007: 21) machte dagegen den zaghaften
Versuch, von einer namibischen Standardvarietät des Deutschen zu sprechen,
was sie aber sogleich wieder relativierte (vgl. Kellermeier-Rehbein 2016: 226).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Namibismen Be-
standteile einer spezifisch namibischen Standardvarietät der deutschen Spra-
che sind, die man – mit gewissen Einschränkungen – aufgrund ihrer Geschich-
te mit Clyne (1992: 3) als „(neo)koloniale Nationalvarietät“ bezeichnen könnte.
Dabei handelt es sich um eine Varietät, die durch Kolonialismus in ein anders-
sprachiges Gebiet kam und dort zur offiziellen oder inoffiziellen Landessprache
wurde, aber für die Bevölkerungsmehrheit eine Zweit- oder Fremdsprache ist
(vgl. Kellermeier-Rehbein 2016: 227). Allerdings wäre im Falle Namibias die
Bezeichnung postkoloniale Standardvarietät (statt neokoloniale Nationalvarie-
tät) angemessener, da der Kolonialismus beendet ist und es sich bei den
Deutschnamibiern nicht um eine Nation, sondern um eine Minderheit handelt.
. Mennonitensiedlungen
Die Mennoniten sind eine christliche Glaubensgemeinschaft, die im Zuge der
Reformation in den Niederlanden entstand und aufgrund ihrer religiösen An-
sichten (Erwachsenentaufe, Pazifismus und anderes) immer wieder mit der Ob-
rigkeit in Konflikt kam. Daher wanderten sie in der Mitte des 16. Jahrhunderts
zunächst nach Westpreußen, wo sie den niederdeutschen Dialekt Plautdietsch
übernahmen, und emigrierten dann im 18. Jahrhundert nach Russland. Als ih-
nen dort gegen Ende des 19. Jahrhunderts die allgemeine Wehrpflicht drohte,
ließen sich die Russlandmennoniten auf dem amerikanischen Kontinent nieder
(z. B. in Kanada, USA, Mexiko und anderen Staaten) (vgl. Ammon 2015: 382),
wo sie sich bis heute von der Mehrheitsbevölkerung fernhalten und in mehr
oder weniger isolierten Siedlungsgebieten leben.
Das VWD (2016) verzeichnet Varianten der Mennoniten, die Nachfahren
der Russlandmennoniten sind. Die Erhebungen fanden ausschließlich in Mexi-
ko statt, aber die Autoren des VWD (2016: LXII) gehen davon aus, dass diese
Ausdrücke auch bei Mennoniten in den oben genannten anderen Staaten des
amerikanischen Kontinents gebräuchlich sind. Dies ist darauf zurückzuführen,
dass die Mennonitensiedlungen ein Spracharchipel bilden, in dem Deutsch als
„muttersprachliche Brückensprache“ (Ammon 2015: 391) dient, um mit Glau-
bensbrüdern über anderssprachige Gebiete hinweg zu kommunizieren.
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 205
Die Russlandmennoniten sprechen zum Teil bis heute noch Plautdietsch
sowie ein archaisch anmutendes Hochdeutsch (vgl. Ammon 2015: 382). Letzte-
res wird vor allem im Gottesdienst, in der Schule und in anderen formellen
Situationen verwendet (vgl. VWD 2016: LXII). Als Modelltexte können die
Wochenzeitungen Kurze Nachrichten aus Mexiko,Deutsch-mexikanische Rund-
schau oder die Zeitschrift Der Leserfreund genannt werden, aus denen das VWD
seine Belege bezieht.
Die standardsprachlichen Varianten der Mennoniten beruhen, ebenso wie
in den anderen Viertelzentren, zum Teil auf Entlehnungen. Die Spenderspra-
chen sind, wie nicht anders zu erwarten, Englisch und Spanisch; vgl. dazu die
folgenden Beispiele aus dem VWD (2016):
Mennoniten- Bedeutung spanischer Ursprung
Variante
Diputado,der ‚gewähltes Mitglied diputado (‚Abgeordneter‘)
eines Parlaments‘
Graduation ‚Abschluss Graduación
der Schulausbildung‘ (‚Graduierung‘)
Munizip,das Verwaltungsbezirk, Municipio
Gemeinde‘ (‚(Stadt)Gemeinde‘)
Prepa,die ‚Gymnasium‘ Preparatoria
(‚Vorbereitungskurs‘)
Remolque,der ‚LKW-Anhänger‘ remolque (‚Anhänger‘)
Mennoniten- Bedeutung englischer Ursprung/
Variante Lehnübersetzung aus …
Grünhaus ‚Gewächshaus‘ green house
Hochweg ‚Autobahn‘ highway
Luftblase ‚Airbag‘ airbag
Seida,der ‚Limonade‘ cidre (‚Apfelwein‘)
Trubel,der ‚Unannehmlichkeiten‘ trouble
Übernahmen aus dem niederdeutschen Mennoniten-Dialekt sind die Wörter
drock (‚von Arbeitsüberlastung gekennzeichnet‘), jankern (‚bei jemandem
Verlangen auslösen‘) und Vaspa (‚Zwischenmahlzeit am frühen Nachmittag‘).
Andere Varianten sind nicht auf Entlehnung zurückzuführen: Acker
(‚4.000 Quadratmeter‘), Kornkuchen (‚Tortilla‘), Ohm (‚Prediger einer Gemein-
de‘), Weltmensch (‚nicht zur christlichen bzw. mennonitischen Gemeinde ge-
hörende Person‘) und andere.
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206 Birte Kellermeier-Rehbein
Spracherhalt und Entstehung
von Standardvarietäten außerhalb
der Amtssprachregion
Die oben erfolgte exemplarische Dokumentation der lexikalischen Standardva-
riation in Rumänien, Namibia und den Mennonitensiedlungen wirft die Frage
auf, warum die deutschstämmigen Minderheiten ihre Herkunftssprache nicht
nur bewahrten, sondern darüber hinaus sogar jeweils eigene Standardvarietä-
ten entwickelten, anstatt sich einfach der bereits existierenden Schriftsprache
Deutschlands oder Österreichs zu bedienen.
Ein wichtiger Grund für den Spracherhalt ist die Sicherung der Kommuni-
kation mit Mitgliedern der internationalen deutschsprachigen Gemeinschaft.
Damit können Kontakte zur Bevölkerung der Herkunftsländer aufrecht erhal-
ten oder neu geknüpft werden, was unter Umständen für wirtschaftliche, poli-
tische oder kulturelle Zusammenarbeit vorteilhaft ist. Im „neuen“ Lebensraum
dient das Festhalten an der Herkunftssprache auch zur Abgrenzung von der
Mehrheitsbevölkerung oder anderen Minderheiten.
Die Hauptursache für die Entstehung spezifischer Standardvarietäten ist in
der Isolierung vom zusammenhängenden deutschen Sprachgebiet anzuneh-
men. Historisch gesehen führten die zum Teil beträchtlichen Entfernungen
zwischen den alten und neuen Siedlungsgebieten zur Beeinträchtigung oder
gar Aufgabe der Kontakte zu den Herkunftsländern. Daher nahmen die Varietä-
ten der Minderheiten nicht an den gleichen Sprachwandelprozessen teil wie
diejenigen der Vollzentren, sodass sich Lexik und Grammatik unterschiedlich
entwickelten. Insbesondere die geographischen, kulturellen, politischen oder
klimatischen Bedingungen der neuen Umgebung erforderten eine Anpassung
oder Erweiterung der Lexik, die häufig durch Entlehnungen aus Kontaktspra-
chen erfolgte.
Ein weiterer wichtiger Grund für die Herausbildung von eigenen Standard-
varietäten entspringt aus dem Wunsch, die ethnische, kulturelle oder religiöse
Identität der Minderheit auch gegenüber den Bewohnern Deutschlands, Öster-
reichs und der Schweiz sprachlich zu untermauern. Oben wurde bereits deut-
lich, dass eine wichtige Funktion der nationalen Varietäten die Kenntlichma-
chung der nationalen Identität und staatlichen Eigenständigkeit ist. Dies spielt
in den Viertelzentren keine Rolle, da es sich nicht um eigenständige Nationen
handelt, sondern um Minderheiten, die Teil einer Nation sind. Stattdessen
kann eine eigene Standardvarietät die Identität einer Minderheit unterstrei-
chen, die sich durch eine bestimmte Herkunft und Geschichte auszeichnet und
gleichzeitig Teil einer neuen Gesellschaft ist.
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 207
Nicht zuletzt sind die Gründe für den Erhalt der deutschen Sprache und
die Herausbildung spezifischer Standardvarietäten in den Viertelzentren auch
in zwei diametral verschiedenen, weltweit zu beobachtenden Prozessen auszu-
machen. Die Rede ist hier von der Globalisierung und der gleichzeitig sich voll-
ziehenden Regionalisierung, wobei letztere in Form einer Zuwendung zum Re-
gionalen erfolgt. Im Zuge der weltweiten Globalisierung, bei der internationale
Zusammenarbeit in Handel, Politik, Kultur, Verkehr, Wissenschaft etc. immer
wichtiger und allgegenwärtiger wird, verliert die Nation als Identitätsstifterin
für nicht wenige Menschen an Bedeutung. Wer an der Globalisierung teilhat,
sieht sich weniger als Bürger einer bestimmten Nation, denn als Mitglied einer
transnationalen, über die Staatsgrenzen hinweg agierenden Gemeinschaft (vgl.
Ammon 2015: 83). Gleichzeitig ist bei vielen das Bedürfnis nach Einbindung in
eine Gruppe auszumachen, deren Mitglieder gleiche oder ähnliche Lebensent-
würfe und Wertvorstellungen aufweisen. Der entgrenzenden Globalisierung
und dem damit einhergehenden Verlust der nationalen Bindung wird dann
nicht selten eine identifikatorische Anbindung an die heimische Region entge-
gengesetzt. Die Verwendung von Dialekten, Regional- oder Minderheitenspra-
chen kann dabei eine kollektive sprachliche und kulturelle Identität stiften,
die dem Individuum die Orientierung an gemeinsamen Werten, Anschauungen
und Verhaltensmustern ermöglicht.
Diese allgemeinen Gründe für Spracherhalt und die Herausbildung eigener
Standardvarietäten gelten im Grunde für alle Minderheiten. Zusätzlich spielen
in jedem Viertelzentrum spezifische Faktoren eine Rolle, die im Folgenden kurz
skizziert werden.
Der Spracherhalt der Rumäniendeutschen wurde durch den Umstand er-
leichtert, dass die Gebiete Siebenbürgen und Banat vom 17. Jahrhundert bis
1918 zu Ungarn gehörten und daher Teil der Habsburgermonarchie waren.
Nach Lǎzǎrescu & Scheuringer (2013: 421–422) konnte die deutschsprachige
Bevölkerung unter dem Schutz der österreichischen Staatsmacht ihre Her-
kunftssprache bewahren und pflegen. Darüber hinaus baute sie eine solide In-
frastruktur für deutschsprachige Bildung, Kultur und Presse auf, was auch spä-
ter von rumänischer Seite nie behindert oder gar sanktioniert wurde. Dies
führte nach Ansicht der Autoren (vgl. Lǎzǎrescu & Scheuringer 2013: 422) dazu,
dass die deutschsprachige Minderheit in Rumänien heutzutage überproportio-
nal gebildet und wohlhabend ist. Ihre gute Ausbildung sei ferner mit der gro-
ßen Auswanderungswelle der Jahre 1990/91 zu begründen, die zu einer Überdi-
mensionierung des muttersprachlichen Bildungssystems geführt habe. Daher
ist der Erhalt der Sprache ein Mittel, die Zugehörigkeit zu dieser privilegierten
Gruppe zu signalisieren und von dem gut ausgebauten Bildungssystem zu pro-
fitieren. Gleichzeitig sind das Schulsystem und die rumäniendeutsche Presse
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208 Birte Kellermeier-Rehbein
ein wirksames Mittel, um die im Laufe der Zeit durch österreichische Einflüsse
und Kontakte zu anderen Sprachen entstandenen Rumänismen überregional
unter den Mitgliedern der Minderheit zu verbreiten.
Wie oben bereits erwähnt wurde, sind die Deutschstämmigen in Namibia
wirtschaftlich sehr einflussreich und stellen viele Geschäftsleute und Arbeitge-
ber. Daher berichtet Pütz (1991: 469), dass ihre Sprache mit hohem sozialem
und wirtschaftlichem Status assoziiert wird, wodurch man sich von anderen
ethnischen Gruppen des Landes abgrenzen kann. Aufgrund des wirtschaftli-
chen Einflusses der Sprecher erleichtert Deutsch auch für andere Bevölke-
rungsgruppen in Namibia den Zugang zu begehrten Arbeitsplätzen und gesell-
schaftlichen Aufstieg. Für den Spracherhalt spricht ferner die Tatsache, dass
es keine eindeutige Alternative gibt, für die man Deutsch hätte aufgeben kön-
nen. Es existiert zwar eine Mehrheitssprache (Oshiwambo), doch ist sie Mutter-
sprache von nur knapp der Hälfte der Bevölkerung und war nie staatliche
Amtssprache. Im Laufe der Geschichte übernahmen erst Deutsch, dann Afri-
kaans und Englisch, und seit der Unabhängigkeit nur letztgenannte diese
Funktion. Mit ihrer Herkunftssprache demonstrieren die Sprecher nicht zuletzt
ihre Auffassung, dass auch sie wahre Repräsentanten der deutschen Kultur
sind (vgl. Gretschel 1995: 306).
Die namibische Standardvarietät ist ein wichtiges Symbol für die „südwes-
terdeutsche“ Identität, wie Gretschel (1995: 306) sie wenige Jahre nach der Un-
abhängigkeit nannte (heutzutage wäre Identität der Deutschnamibier eine
angemessenere Bezeichnung). Sie ergibt sich aus den von Europa stark abwei-
chenden Lebensumständen, der wechselvollen Geschichte der Minderheit, ih-
rem Prestige sowie der multilingualen Gesellschaft, in der sie lebt. Der namibi-
sche Standard unterstreicht die Gemeinschaft der Minderheit und grenzt
gleichzeitig von den übrigen Deutschsprachigen in Europa ab. Nicht umsonst
nennen sich die Mitglieder der Minderheit selbst „Deutsche“, obwohl sie natür-
lich die namibische Staatsangehörigkeit haben, während sie die Bürger der Bun-
desrepublik als „Deutschländer“ bezeichnen (vgl. Gretschel 1995: 306).
Die Mennoniten hätten Deutsch zugunsten der Amtssprachen des amerika-
nischen Kontinents aufgeben können, denn im Vergleich zu den beiden ande-
ren Minderheiten ist anzunehmen, dass die Religionsgemeinschaft keinen Wert
auf die Aufrechterhaltung der Kommunikation mit den Deutschsprachigen in
Europa legt, es sei denn mit anderen dort lebenden Mennoniten. Aufgrund der
wiederholten Wanderungen innerhalb Europas und zum amerikanischen Kon-
tinent ist die historische und identifikatorische Distanz besonders groß. Darü-
ber hinaus bestehen zwischen Mennoniten und deutschsprachigen Europäern
große sozialpsychologische Mentalitätsunterschiede, denn das religiöse Leben
ist für Mennoniten besonders wichtig und prägt ihr Alltagsleben nachhaltig.
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Plurizentrische Wortschatzvariation des Deutschen 209
Da sie in Europa aufgrund ihrer Ansichten Verfolgungen ausgesetzt waren, er-
folgte die Emigration aus dem Wunsch heraus, ihren Glauben gänzlich ausle-
ben zu können, was für sie wichtiger war als nationale, ethnische oder kultu-
relle Zugehörigkeit. Aus diesen Gründen gibt es zwischen Mennoniten und der
internationalen deutschen Sprachgemeinschaft – wenn überhaupt – nur eine
geringe Bindung, die Kontakte verzichtbar macht. Zuweilen sind Begegnungen
mit Deutschsprachigen nicht einmal gern gesehen, weil man befürchtet, dass
unerwünschte Einflüsse von außen eingeschleppt werden könnten, die wo-
möglich den Glauben unterminieren (vgl. Ammon 2015: 369).
Dennoch haben die Mennoniten die deutsche Sprache erhalten, da viele
Mitglieder der Religionsgemeinschaft isoliert in sogenannten „Kolonien“ leben
(Ammon 2015: 381, 390) und daher nicht unmittelbar auf andere Sprachen an-
gewiesen sind. In Mexiko beherrschen zwar einige, vor allem männliche Ange-
hörige der Minderheit auch die Amtssprache Spanisch (Kaufmann 1997: 144),
doch distanzieren sie sich aufgrund ihrer stark religiös geprägten Wertvorstel-
lungen in der Regel von Nicht-Mennoniten. Dadurch ergibt sich weder eine
Vermischung mit der Mehrheitsbevölkerung noch eine Assimilation an deren
Kultur und Lebensweise.
Der Erhalt des Deutschen ermöglicht der Religionsgemeinschaft darüber
hinaus die Aufrechterhaltung der Kommunikation mit anderen auf dem ameri-
kanischen Kontinent siedelnden Mennonitengruppen, mit denen sie im oben
genannten Spracharchipel über weite Distanzen hinweg auf Deutsch Kontakte
pflegen (Ammon 2015: 390). Nicht zu unterschätzen ist schließlich die Tatsa-
che, dass ihre religiösen Texte auf Deutsch vorliegen (Kaufmann 1997: 67), was
den Spracherhalt unterstützt.
Die Entwicklung einer mennonitischen Standardvarietät beruht auf den Le-
bensumständen auf dem amerikanischen Kontinent und dem, wenn auch nur
spärlichen, Kontakt zur Mehrheitsbevölkerung. Sie findet ihre mündliche und
schriftliche Anwendung vor allem im Gottesdienst und bei der Rezeption religi-
öser Texte, aber ebenso in der Schule oder in formellen Situationen (VWD 2016:
388–389) und dient darüber hinaus der Abgrenzung von deutschsprachigen
Nicht-Mennoniten.
 Fazit
Der Beitrag präsentierte die plurizentrische Standardvariation des Deutschen
innerhalb und außerhalb Europas am Beispiel der Lexik. Staaten und Regio-
nen im Amtssprachgebiet verfügen über individuelle Standardvarianten und
-varietäten, so dass diese Gebiete sogenannte Sprachzentren bilden und Deutsch
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210 Birte Kellermeier-Rehbein
zu den plurizentrischen Sprachen gehört. In der Fachwelt ist dies inzwischen
weitgehend anerkannt, auch wenn zum Teil Uneinigkeit bezüglich der Frage
besteht, ob die Standardvariation als plurizentrisch oder pluriareal zu bezeichnen
sei. Unter Laien ist das Bewusstsein von der Standardvariation am wenigsten in
Deutschland ausgeprägt, wo man in der Regel irrtümlich davon ausgeht, dass
es nur eine einheitliche Sprachnorm für alle Sprecher im gesamten deutschspra-
chigen Raum gebe. Österreicher und Schweizer sind für die Plurizentrik des
Deutschen deutlich stärker sensibilisiert und ihre eigenen Standardvarietäten
sind wichtige Symbole ihrer nationalen Identität. Im Ausdruck der Gruppeniden-
tität durch Sprache ist auch die Motivation der deutschsprachigen Minderheiten
in Rumänien, Namibia und den Mennonitensiedlungen für die Entwicklung eige-
ner Standardvarietäten des Deutschen zu sehen. Durch die Verwendung einer
eigenen Standardvarietät der plurizentrischen Sprache Deutsch drücken sie im
Sinne von Clyne (2000: 2008) ihre Identität als deutschstämmige Minderheiten
innerhalb anderssprachiger Gesellschaften aus, ohne sich dabei kommunikativ
von der internationalen deutschsprachigen Gemeinschaft abzusondern.
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This paper provides an overview of the history and sociolinguistic setting of Germans and German in Namibia, which serves as a backdrop for our discussion on selected structural features of Namibian German. German has been actively spoken and used in Namibia since the 1880s, having been brought to the country through colonisation, and it remains till today to be linguistically vital. In this paper, we investigate two grammatical innovations in Namibian German via a questionnaire study, namely the expanded use of a) linking elements and b) gehen as a future auxiliary, and explore various factors which could have contributed to their emergence to better understand the dynamics of German in multilingual Namibia.
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Chapter
The paper investigates sociolinguistic coherence and differentiation for the example of Namibian German (‘Namdeutsch’), based on corpus data and a copy-editing task. The Namdeutsch speech community draws on a local Namibian identity as well as an ethnic German identity. At the linguistic level, this leads to a tension between a tendency for Namdeutsch to develop distinctive local features on the one hand, and to remain close to standard German in Germany on the other hand, and this can interact with register distinctions. Data from the DNam corpus of German in Namibia shows that noncanonical local variants are primarily associated with informal registers, but that some are also used in formal language. We hypothesised that particularly variants with weaker overt reflexes, which we assumed to be of lower social salience, can enter formal registers. This was confirmed in a copy-editing task where Namdeutsch speakers were asked to correct a newspaper article. Taken together, our findings point to a broader Namdeutsch dialect that encompasses informal and formal settings in an orderly heterogeneity that is modulated by social meaning linked to local and ethnic identities and a hierarchy of sociolinguistic salience reflecting the overt manifestation of linguistic variables.
Chapter
The taxonomy of linguistic description — that is, the identification and enumeration of languages — is greatly hampered by the ambiguities and obscurities attaching to the terms ‘language’ and ‘dialect.’ Laymen naturally assume that these terms, which are both popular and scientific in their use, refer to actual entities that are clearly distinguishable and therefore enumerable. A typical question asked of the linguist is: ‘How many languages are there in the world?’ Or: ‘How many dialects are there in this country?’
Article
In the debate about "German as a pluricentric language," the term pluricentric refers mainly to a nation centered view regarding differentiation within Standard German. The author tries to show that this concept should be replaced by a model of real pluricentricity (Pluriarealität), which means that Standard German has many different geographical patterns, with national varieties being only one of them.
Standardvariation. Wie viel Variation verträgt die deutsche Sprache?
  • Ulrich Ammon
Ammon, Ulrich (2005): Standard und Variation: Norm, Autorität, Legitimation. In Ludwig M. Eichinger & Werner Kallmeyer (Hrsg.), Standardvariation. Wie viel Variation verträgt die deutsche Sprache?, 28-40. Berlin, New York: de Gruyter.