ArticlePDF Available

About the Ability to Be in Two Places at Once --- Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Ein Mehr-Felder-Ansatz zum Verständnis menschlichen Erlebens

Authors:
  • Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie

Abstract and Figures

In 1915 the Danish psychologist Edgar Rubin describes in his famous work on figure-ground perception, the phenomenon that when you look attentively at a picture, a second, virtual ego arises, breaking away from the viewer-ego to wander around in the picture along the contours of the depicted. In 1982, German Gestalt psychologist Edwin Rausch expanded this observation of the emergence of a second phenomenal ego to the conclusion that not only does a second phenomenal ego emerge, but with it a second phenomenal total field, ie a second phenomenal world with its own phenomenal ego and an own phenomenal environment of this ego. Several years ago, I proposed a multi-field-approach in psychotherapy building on this research. This approach involves three levels: First, the level of phenomenological observation and psychological analysis of the conditions that determine the formation of such a second total field (and even further total fields), regardless of whether this occurs spontaneously or intentionally or as a result of external influences. Second, the level of explanation of various psychic processes, which in the field of psychotherapy have been explained so far mainly on the basis of depth psychology, and the conceptualization of the therapeutic situation and therapeutic processes from a Gestalt psychological perspective. Third, finally, the level of practical application of such insights on the development of appropriate procedures and interventions that can promote or defer the emergence of such second or multiple fields in psychotherapy. The present article introduces the multi-field approach, especially at the first level, and refers to research and discussion on mind wandering, imagining, daydreaming and dissociation.
Content may be subject to copyright.
Originalbeitrag mit Diskussion
Original Contribution with Discussion
Gerhard Stemberger
Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
Ein Mehr-Felder-Ansatz zum Verständnis menschlichen Erlebens
Bilokation – die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, konnte in
verschiedenen historischen Epochen zur Heiligsprechung führen, oder aber auch
zur Hexenverbrennung. Diese Fähigkeit ist jedoch keineswegs Heiligen und
Hexen vorbehalten, sondern wir alle verfügen darüber und sie scheint wichtige
Funktionen in unserem Leben zu erfüllen.
In der Psychologie sprach vom Auftreten eines zweiten Ich an einem anderen Ort
1915 schon der dänische Wahrnehmungsforscher Edgar Rubin, bekannt geworden
vor allem mit seinen Forschungen zum Figur-Grund-Phänomen. Er berichtet von
einer Beobachtung, die sich in der eigenen Erfahrung leicht nachprüfen lässt: Dass
nämlich bei eingehender Betrachtung eines Bildes ein zweites Ich – Rubin nennt
es „reines Ich“ – entsteht, das sich gewissermaßen vom Körper des Betrachters
löst, um an anderer Stelle, nämlich am Bild selbst, den verschiedenen Konturen
des Abgebildeten entlang zu wandern (während sich das Bildbetrachter-Ich mit
seinem Körper weiterhin im Raum vor dem Bild bendet; Abb. 1):
GESTALT THEORY, DOI 10.2478/gth-2018-0012
© 2018 (ISSN 2519-5808); Vol. 40, No.2, 207–234
Abb. 1 Verdoppelung des Ich in ein körperliches Beobachter-Ich und ein körperloses „reines Ich“,
das die Bildkonturen entlang wandert.
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
208 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
„Natürlich bendet man sich nicht buchstäblich mit beiden Beinen auf
der Figur spazierend. Das Zugegensein, um welches es sich handelt, hat
unmittelbar mit dem Körper oder mit dem äußeren, physischen Ich nichts
zu tun. Es scheint am treendsten, obwohl es ein wenig metaphysisch
klingt, zu sagen, dass es ‚das reine Ich‘ sei, das sich auf der Kontur herum-
bewege.“ (Rubin, 1921, S. 153)
Etwa 70 Jahre später erweitert der deutsche Gestaltpsychologe Edwin Rausch
diesen Befund im Rahmen seiner Studien über die Graphiken des Künstlers Vol-
ker Bußmann – als Beispiel führe ich daraus die Grak IV (Abb. 2) an. Rausch
stellt aufgrund seiner Untersuchungen fest, dass bei eingehender Bildbetrachtung
nicht nur ein zweites Ich entsteht, wie schon Rubin berichtet hatte, sondern mit
diesem zweiten Ich auch eine zweite Welt, in der sich dieses Ich bendet und auf
die sich dieses Ich bezieht. Er spricht dabei von einem zweiten Gesamtfeld.
Bevor ich auf verschiedene Varianten eingehe, wie man die Grak Bußmanns
sehen kann, erscheint eine kurze Erläuterung des hier von Rausch verwendeten
Begris Gesamtfeld angebracht:
Bei der Erforschung elementarer Wahrnehmungsgegebenheiten war und ist es
gebräuchlich, den Wahrnehmungsgegenstand so auszuwählen, dass man davon
ausgehen kann, dass die gerade gegebene persönliche Verfassung des Betrachters für
den Wahrnehmungsvorgang keine maßgebliche Rolle spielt. Das Subjekt wird also
gewissermaßen ausgeblendet, das Wahrnehmungsfeld auf die Objektseite reduziert.
Man untersucht dann die verschiedenen Phänomene auf dieser Objektseite, wie
zum Beispiel in Max Wertheimers Punkte-Bildern zur Demonstration elementarer
Gestaltfaktoren, etwa wie hier in Abb. 3 zur Gruppenbildung aufgrund des Faktors
der Gleichheit.
Abb. 2 Grak IV von Volker Bußmann, Beilage zu Rausch, 1982.
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
209
Tatsächlich umfasst jede Wahrnehmungssituation aber stets beide Seiten, den
Wahrnehmenden wie auch das Wahrgenommene, den Subjektpol genauso
wie den Objektpol. Daher ist es in allen lebensnäheren Situationen unzuläs-
sig und unmöglich, den Subjektpol des Feldes auszuklammern.1 Für solche
Wahrnehmungs- und Erlebnissituationen hat Wolfgang Metzger den Begri
des anschaulichen Gesamtfeldes geprägt: Es schließt neben dem Objektbereich
der Wahrnehmung auch das wahrnehmende und handelnde Subjekt in ihrer
Wechselbeziehung mit ein (Metzger, 2001, S. 194).
Zurück zur Grak von Bußmann. Sie wird von Betrachtern sehr unterschiedlich
gesehen, manchmal auch im Wechsel. Ich zeige hier zwei Varianten, in die
ich zur Verdeutlichung den Blickstrahl des Bildbetrachters mit eingezeichnet
habe (Abb. 4a und 4b):
Was uns hier interessiert, ist allerdings weniger die Verschiedenheit der Möglich-
keiten, wie man diese Grak sehen kann, sondern was diesen verschiedenen
Möglichkeiten gemeinsam ist, nämlich die Herausbildung eines zweiten erlebten
Ichs mit einer zweiten erlebten Welt.
Die Abbildung 5 soll der Verdeutlichung dienen, wie das gemeint ist. Sie vervoll-
ständigt die in Abbildung 4a gezeichnete Variante:
In den Bildbetrachter-Kopf ist hier die phänomenale Welt des Bildbetrachters
eingezeichnet. In ihr sieht man an der linken Seite den phänomenalen Bildbe-
trachter, wir nennen ihn der Nomenklatur Rauschs entsprechend Ich1, der sich
in einer phänomenalen Umgebung1 ndet, in der er auf seinem Stuhl sitzt und
die an die Wand projizierte Grak IV von Bußmann betrachtet, auf die sein Blick
gerichtet ist. Anschaulich erlebtes Ich und anschaulich erlebte Umwelt bilden ein
Gesamtfeld, wir nennen es im Sinne von Rausch das primäre Gesamtfeld oder Gf1.
1 Auf diese Notwendigkeit hartnäckig hinzuweisen und sie in verschiedensten Anwendungsbereichen auch
tatsächlich umzusetzen, ist das bleibende Verdienst des italienischen Gestaltpsychologen Giuseppe Galli (siehe
dazu Galli, 2017).
Abb. 3 Gruppierung nach dem Faktor der Gleichheit: Wertheimer, 1923, S. 309 (Abb. b).
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
210 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Abb. 4a und 4b Die einen Bildbetrachter (4a) sehen am Boden Kiste an Kiste gereiht, in die sie
von oben hineinschauen können. Die anderen (4b) sehen in einiger Entfernung ein Hochhaus vor
sich, dessen Front aus Loggien besteht. (Man steht rechts unten und folgt dem Blickstrahl bis zur
Loggia, deren Boden dunkel ist mit einer hellen Wand an der rechten Seite.)
Zugleich hat sich aus seiner phänomenalen Welt aber eine weitere Welt
ausgegliedert, ein ganz anders geartetes sekundäres Gesamtfeld, ein zweites Ich
mit einer zweiten erlebten Umgebung – Ich2 und U2, gemeinsam das Gf2. Die
Andersartigkeit dieser zweiten Welt mit ihrem zweiten Ich zeigt sich schon darin,
dass in dieser Welt das Ich räumlich anders ausgerichtet ist, sein Blickstrahl nach
unten geht, es auch kein Bild vor sich hat, sondern eine Ansammlung von Kisten
usw. usf.
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
211
Nun weist schon Edwin Rausch darauf hin, dass dieses Phänomen der Ausglie-
derung eines zweiten Gesamtfeldes mit einem zweiten phänomenalen Ich in
einer zweiten phänomenalen Umgebung keineswegs auf die Bildbetrachtung
beschränkt ist. Er erwähnt beispielsweise das Erleben des eaterbesuchers,
der sich ganz auf die Vorgänge auf der Bühne einlässt (Rausch, 1982, S. 32).
Es handelt sich bei den hier diskutierten Phänomenen also um ein psychisches
Geschehen, das viel allgemeinerer Natur ist als die Bildbetrachtung: Rausch
zufolge ist
„gleichzeitiges Bestehen zweier Gesamtfelder nicht beschränkt auf die
Fälle, in denen beide der Wahrnehmung angehören. Dem primären
Wahrnehmungsfeld kann sich ein (räumlich-zeitliches) Vorstellungsfeld
hinzugesellen. Beispiele hierfür sind beim Lesen und in beliebig
vielen anderen Situationen anzutreen. Diese Fälle … lassen sich
natürlich auch … als Ausgangserfahrungen auassen, derart, dass reine
Wahrnehmungsduplizität … als bemerkenswerter Sonderfall anzusprechen
wäre. Eine solche Richtung der Problemherleitung entspricht sogar besser
den genetischen Prioritätsverhältnissen“ (Rausch, 1982, S. 33).
Wenden wir uns also einigen anderen Situationen zu, in denen wir mit solchen
Vorgängen zu tun haben:
Unser erstes Beispiel führt uns ins Kino. Wir sehen den Film Bullitt mit seiner
berühmten Verfolgungsjagd durch San Francisco.
Hier zeige ich in Abb. 6 das Geschehen beim Betrachten dieser Filmszene in der
Form, die wir nun schon kennen: Das Zuschauer-Ich1 ndet sich im Kinosaal
Abb. 5 Gf1=primäres Gesamtfeld mit Ich1 und Umfeld1; Gf2= sekundäres Gesamtfeld mit
Ich2 und U2.
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
212 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
mit Blickrichtung auf die Leinwand. Zusammen mit dieser Umgebung U1
bildet er das Gesamtfeld1. Das Filmgeschehen hat ihn aber inzwischen bereits
so in den Bann gezogen, dass sich inzwischen ein zweites Ich gebildet hat, das
selbst am Steuer des dahinrasenden Wagens sitzt - ein zweites Gesamtfeld hat
sich herausgebildet, mit einem zweiten Ich in einer ganz anderen Umgebung
als das Ich1 auf seinem Kinositz, mit einer ganz anderen Ausrichtung und
Bewegung im Raum und auch in anderer Hinsicht mit wesentlich anderen
Eigenschaften.
Ähnlich die Situation beim Lesen einer Geschichte oder eines Romans.
Auch hier kann man wieder die Herausbildung eines zweiten Gesamtfeldes
verfolgen. Erst wird man in die Geschichte hineingezogen, das Gf2 wird
„thematisch“, das Gf1 tritt in den Hintergrund – bis einen vielleicht der
Druck auf die Blase daran erinnert, dass es auch ein Ich1 und dessen Körper
und Welt gibt.
Abb. 6 Ausgliederung eines zweiten Gesamtfeldes mit einem zweiten phänomenalen Ich in einer
zweiten phänomenalen Umgebung.2
2 Der psychophysische Gesamtzusammenhang ist hier nur unvollständig angedeutet: Das im Kopfbereich
eingezeichnete Bild stellt die phänomenale Welt der Person dar. Nach gestalttheoretischer Auassung entsteht
das Prozessgeschehen der phänomenalen Welt in einem im Großhirn angenommenen Bereich, dem Psycho-
physischen Niveau (PPN). Die von außen auf den Kopf gerichteten Pfeile symbolisieren die physiologischen
Reize, die über die Nervenbahnen zum PPN geleitet werden. Die im Inneren des Organismus nach oben
gerichteten Pfeile symbolisieren die Einwirkungen auf das PPN über die Propriorezeptoren sowie über die dem
Gedächtnis entsprechenden Spurenfelder im Gehirn. Hier ist also nur die „Input-Seite“ des psychophysischen
Gesamtzusammenhanges angedeutet. Eine vollständige Darstellung dieser Auassung, der wir uns anschließen,
ndet sich bei Bischof, 1966, S. 28f.
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
213
Noch ein drittes Beispiel:
Wir sehen hier in Abbildung 7 eine Rennläuferin beim Studium des ausgesteckten
Kurses. Während die Rennläuferin am oberen Ende der Piste steht und auf den
Kurs hinunterschaut, ist ihr zweites Ich schon unterwegs zwischen den Stangen,
sucht die beste Linie und durchläuft alle Bewegungen, die es dafür braucht.
Ich habe diese alltäglichen Beispiele bewusst deshalb ausgewählt, weil vor allem
im psychologischen und pädagogischen Bereich oft eine einseitig pathologisie-
rende Betrachtung solcher Phänomene vorherrscht - ich erwähne nur ADHS,
Asperger-Syndrom, die berühmte „gespaltene Persönlichkeit“, Dissoziation und
dergleichen - und dann nach Krankheitsursachen und Behandlungstechniken
gesucht wird, noch bevor gut verstanden wurde, was hier überhaupt vor sich
geht und womit wir es zu tun haben. Ähnliches können wir heute in Bereichen
erleben, in denen aus verschiedenen Perspektiven verwandte Phänomene
erforscht werden – hier führe ich die Forschungen zur „wandernden Aufmerk-
samkeit“ (mind-wandering), zum Imaginieren und zum Tagträumen an.3 In dem
von mir vorgeschlagenen Mehr-Felder-Ansatz4 stehen demgegenüber andere,
unserer Auassung nach grundlegendere Fragen im Mittelpunkt:
3 Siehe Tart, 1975, Singer, 1974, Pope & Singer, 1978, Smallwood & Schooler, 2006; zum Mind-Wandering:
Ergas, 2017, Mooneyham & Schooler, 2013; Daydreaming: Hopkins, 2013; Imaginieren zur Förderung von
Lernprozessen: Ludwig, 1999.
4 Zum Mehr-Felder-Ansatz siehe Stemberger, 2009, 2009b, 2014, 2015; zu verschiedenen Anwendungsberei-
chen des Mehr-Felder-Ansatzes siehe u.a. Fuchs, 2010 (Ess-Störungen), Agstner, 2012 (Veränderte Bewusst-
seinszustände), Sternek, 2014 (Bildschirmtechniken), Zabransky, 2014 (Dialogisches Arbeiten), Turi-Ostheim,
2014 (Schauspiel-Unterricht), Trombini, 2014 (Übertragungsbeziehung).
Abb. 7 Ausbildung eines zweiten Gesamtfeldes bei einer Ski-Rennläuferin beim Studieren des
ausgesteckten Kurses.
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
214 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Wir wollen verstehen, wie es dazu kommt, dass sich ein zweites Gesamtfeld
herausbildet, wovon dieser Ausgliederungsvorgang abhängt, wie er im konkreten
Einzelfall zustande kommt, welche Vorstufen oder Übergangsstadien es dabei
geben kann5, welche Regelhaftigkeit oder Gesetzmäßigkeiten sich dafür vielleicht
feststellen lassen, welche Funktion dieses Geschehen in der konkreten Situation
eines Menschen hat, wie sich dieses Geschehen vielleicht auch beeinussen lässt,
wenn die Situation es erfordert.
Wir wollen auch verstehen, wie es dazu kommt, dass ein solches zweites Gesamt-
feld sich wieder auöst, zurückbildet, zerfällt, und damit der Zusammenschluss
der Wahrnehmungen und des Erlebens in einem Gesamtfeld erfolgt. Wovon hän-
gen wiederum diese Vorgänge ab, gibt es auch dafür eine Regelhaftigkeit, kann
dieses Geschehen gefördert werden, wenn das für den Betroenen notwendig
wird, und damit eine Integration im primären Gesamtfeld?
Wir wollen schließlich auch gut verstehen, wie in jedem konkreten Fall, in
dem sich ein zweites Gesamtfeld herausgebildet hat, die Wechselbeziehung
zwischen diesen beiden Gesamtfeldern aussieht und was diese Wechselbeziehung
im Ganzen bewirkt. Wir gehen davon aus, dass dieses Geschehen nicht eine
beliebige Laune der Natur ist, sondern eine Funktion erfüllt. Aber welche? Wir
denken, dass es diese grundlegenden und zugleich sehr konkreten praktischen
Fragen sind, aus denen sich eine Erweiterung unserer Handlungsmöglichkeiten
im psychotherapeutischen wie auch im pädagogischen Bereich und in anderen
Feldern ergeben kann.
Wenden wir uns nun kurz der ersten Frage zu: Wovon hängt es ab, dass es zur Aus-
gliederung eines zweiten Gesamtfeldes kommt? Das ist natürlich nur Teil einer
grundsätzlicheren Frage: Wie kommt es in unserer Wahrnehmung, in unserem
Erleben zur Bildung zusammenhängender Einheiten? Wie entscheidet sich, was
in unserem Erleben zusammen gehört und was nicht dazu gehört?
In Wahrnehmungsdingen ist das gewissermaßen ein Stammthema gestaltpsy-
chologischer Forschung. Von daher kennen die meisten auch das, was oft als
„Gestaltgesetze“ bezeichnet wird, z.B. die Faktoren der Nähe, der Ähnlichkeit,
der Geschlossenheit, des gemeinsamen Schicksals usw. usf. Auf der Objektseite
5 Als Vorstufe kann die von Kurt Lewin beschriebene „überlappende Situation“ wirksam werden; siehe dazu
Stemberger, 2014: Überlappende Situationen „sind dadurch gekennzeichnet, dass sich innerhalb ein und
desselben anschaulichen Gesamfeldes ein Ich gleichzeitig in zwei (psychologisch oft recht unterschiedlichen)
Situationen bendet. Im Unterschied dazu verfügt bei einer Mehr-Felder-Gliederung jedes Gesamtfeld über
ein eigenes anschauliches Ich. Für die Ausgliederung eines zweiten anschaulichen Ichs mit einer zweiten
anschaulichen Umwelt können überlappende Situationen insofern eine Vorstufe bilden, als diese Überlappung
bei entsprechend starker Ausprägung nach einiger Zeit der Prägnanztendenz im Wahrnehmen und Erleben
eines Menschen widersprechen kann.“ (Stemberger, 2014, S. 33)
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
215
sind diese Gesetzmäßigkeiten schon recht gut erforscht, weniger gut allerdings im
Gesamtfeld, also auch unter Einbeziehung der Subjektseite.
Edwin Rausch hat allerdings einen allgemeinen – also nicht auf die Wahrneh-
mung beschränkten – Grundsatz formuliert, der wie folgt lautet: Treten in einem
Ganzen Sachverhalte auf, die in einem Ganzen nicht vereinbar sind, dann führt
das damit verbundene Imprägnanz-Erleben zur Ausgliederung eines weiteren
Ganzen (Rausch, 1982).6
Wie kann nun ein solches Imprägnanz-Erleben im konkreten Fall aussehen?
Kehren wir noch einmal zu einer der bereits angeführten Szenen zurück, nämlich
zu derjenigen im Kino (Abb. 6):
In diesem Fall gibt es eine Reihe von Sachverhalten, die für den Menschen im
Normalfall nicht in einer Welt zusammengehen. Ich hebe davon einen hervor,
der schon bei der Grak Bußmanns eine große Rolle gespielt hat: Wenn sich das
Ich gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Raumlagen und Raumausrichtungen
erlebt, kommt es fast immer zur Ausgliederung einer zweiten phänomenalen
Welt. Wir bringen es in aller Regel nicht in einer Welt unter, dass unser Ich
gleichzeitig nach oben und nach unten schaut, dass es sich in die eine Richtung
bewegt und gleichzeitig in eine ganz andere usw. Wo solche als unvereinbar
erlebte Sachverhalte auftreten oder z.B. auch absichtlich in unsere Welt einge-
bracht werden, kommt es zur Ausgliederung eines zweiten erlebten Ich mit einer
ihm zugehörigen eigenen zweiten erlebten Welt.
Das als Abb. 8 gezeigte Gemälde von Picasso ermahnt uns allerdings zur Vorsicht:
Mehrperspektivität führt keineswegs immer zur Ausgliederung einer zweiten
Welt. Solange es wie auf diesem Bild nur Dora Maar ist, die gleichzeitig in
unterschiedliche Richtungen schauen kann, löst das bei uns keine Ausgliederung
eines weiteren Gesamtfeldes aus. Erst wenn wir uns selbst in verschiedene
Richtungen gleichzeitig blickend erleben, tritt das in der Regel ein.
Und selbst das muss nicht zwingend so sein. Worauf es ankommt, ist, ob ein sol-
cher multidirektionaler Blick uns „unmöglich“ erscheint. Paul oley berichtet
beispielsweise davon, dass Klarträumer ihr Ich im Traum in zwei Hälften schneiden
und beide Ichhälften sich dann gegenseitig anblicken konnten (siehe dazu oley,
2018, S. 214). Was wir daraus lernen sollten ist: Was für uns persönlich in einer
Welt nicht zusammengeht oder eben doch, muss nicht für alle Menschen gelten.
6 „Ein Bereich wird zur Grundlage der Abspaltung eines p1-haften virtuellen Feldes aus dem reellen, wenn
andernfalls das ungespalten bleibende reelle Feld sich aus zwei inhaltlich einander fremden p1-Bestandteilen
aufbauen müßte. Zwei p1-hafte Felder, ein reelles und ein virtuelles, sind ‚besser‘ als ein reelles, in welchem die
Bestände der beiden, obwohl einander völlig fremd, vereinigt wären.“ (Rausch, 1982, S. 301).
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
216 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Abb. 9 Gelangweilt/verliebt.
Abb. 8 Picasso 1941: Femme au chapeau assise dans un fauteuil (Dora Maar).
Sehen wir etwa als Beispiel in Abb. 9 einen zugleich gelangweilten und
verliebten Schüler. Was hier nicht zusammengeht und auch gar nicht
zusammengehen soll, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Die
unterschiedlichen Blickrichtungen und Ausrichtungen im Raum sehen wir
zwar auch hier, doch ist wohl oensichtlich, dass diese im Fall eines solchen
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
217
Erlebens nicht die verursachenden Faktoren für die Ausgliederung eines
zweiten Gesamtfeldes sind, sondern wesentlich weiter greifende Faktoren im
Spiel sind als Raumausrichtungen, nämlich solche, die mit dem Gesamtzustand
der beteiligten Person zu tun haben, mit ihren Strebungen und Wünschen, mit
dem, was sie wo für sinnvoll und vereinbar hält usw.
Damit das Imprägnanzerleben als Voraussetzung für die Ausgliederung eines
zweien Gesamtfeldes zustande und zum Tragen kommt, müssen je nach kon-
kreter Situation bestimmte Bedingungen erfüllt sein. In den meisten von uns
in Betracht gezogenen Fällen war eine maßgebliche Bedingung dafür eine
gewisse zeitliche Dauer, Qualität und Intensität des Verweilens in einer
Situation des Betrachtens, Lesens, Vorstellens, Sich-Konzentrierens oder allge-
mein ausgedrückt: des Sich-Einlassens. Es muss sich dabei jedoch nicht immer
um ein willentlich veranlasstes oder gesteuertes Geschehen handeln. Die von
Kurt Lewin beschriebene „überlappende Situation“ (siehe Fußnote 5) spielt in
diesen Vorgängen oft die Rolle einer Vorstufe oder Übergangssituation, die erst
an einem bestimmten Punkt in die Ausgliederung des zweiten Gesamtfeldes
„kippt“ (wenn es nicht zuvor zu einer Störung des Vorganges kommt). Solchen
Fällen, die auch den von Edwin Rausch untersuchten Fällen der Bildbetrach-
tung entsprechen, stehen allerdings andere gegenüber, in denen es zu einem
„blitzartigen“, übergangslosen Sprung in die Ausgliederung eines zweiten
Gesamtfeldes kommen kann.
Für den umgekehrten Fall, nämlich die Auösung eines zweiten Gesamtfeldes und
die Rückkehr in ein ungeteiltes primäres Gesamtfeld, lassen sich ebenso kon krete
Bedingungen für die jeweilige Situation bestimmen, in denen dies eintritt. Grund-
legend ist hier naturgemäß die Aufhebung des Imprägnanz-Erlebens – sei es durch
ein Ausblenden oder Verschwinden bestimmter Sachverhalte, die miteinander in
einer Welt nicht vereinbar waren, aus dem Erleben, sei es durch eine Verschie-
bung solcher Sachverhalte auf die Irrealitätsebene, womit sie wie der in einer Welt
vereinbar sind, und dergleichen mehr. Willentlich herbeiführen lassen sich solche
Vorgänge der Auösung des zweiten Gesamtfeldes häug durch Verlegung der Auf-
merksamkeit auf den erlebten Körper (siehe dazu Näheres bei Stemberger, 2009).
In der Psychotherapie wird gerne nach der Wechselbeziehung solcher „Parallel-
welten“ gefragt und schnell taucht die Idee auf, dass hier eine Integration solcher
Welten anstünde. Aber nicht alles soll zusammengehören und nicht alles gleich
integriert werden: Denken wir etwa an die Ausgliederung traumatischer, noch
nicht bewältigter Erlebnisse, deren plötzlicher Durchbruch als „Flashback“
besonders dramatisch und für die Betroenen quälend sein kann. Aber auch in
anderen Kontexten kann Selbstschutz im Spiel sein und eine Integration von
zwei voneinander mehr oder weniger stark abgetrennten Welten hintanhalten
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
218 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Abb. 10 Unterschiede zwischen Traum und Klartraum bei oley (1993).
(für be stimmte Fälle der so genannten Magersucht hat omas Fuchs dieses Ver-
ständnis vorgeschlagen; Fuchs, 2010).
Es gibt meines Erachtens Gemeinsamkeiten zwischen den hier behandelten
Phänomenen und dem Traumgeschehen, auf die ich zumindest andeutungsweise
hinweisen möchte:
Abb. 10 zeigt die Gegenüberstellung eines Geschehens im Klartraum und im
„normalen“ Traum, wie sie Paul oley gezeichnet hat. Es wird vielleicht auf-
fallen, dass auch Paul oley in seiner unteren Zeichnung (für den Klartraum)
ein zweites Gesamtfeld eingezeichnet hat, ohne diesen Ausdruck zu verwenden
und auch in Umkehrung der Verhältnisse – in unserer Nomenklatur wäre dieses
eingeschlossene Gesamtfeld das primäre.
Ich habe diese Zeichnung oleys in der nachfolgenden Darstellung (Abb. 11)
entsprechend modiziert:
Hier ist das Traumgeschehen als Mehr-Felder-Geschehen dargestellt. Links
ist der „Normal- oder Trüb-Traum“ zu sehen, in dem es wenig oder gar keine
Kommunikation zwischen dem thematischen Traum-Gesamtfeld und dem
nicht-thematischen Schläfer-Gesamtfeld gibt. Rechts im Klartraum hingegen ist
zwar ebenfalls das Traum-Gesamtfeld thematisch, es gibt jedoch eine präsente
Beziehung zum Schläfer-Gesamtfeld, ja sogar eine Art „Auftragsbeziehung“ – das
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
219
Abb. 11 Modikation der oley-Abbildung.
Schläfer-Ich hat dem Träumer-Ich den Auftrag erteilt, dieses und jenes zu
erforschen, auszuprobieren, zu trainieren, zu erledigen, zu erleben usw. (vgl. dazu
oley, 2018).
Wenn wir uns diese vielfältigen Möglichkeiten vor Augen führen, fallen uns vielleicht
die unterschiedlichen Vorstellungen ein, die über Sinn und Funktion des Träumens
schon strittig vertreten wurden: Der Disput, ob der Traum nun ein Ort der
Erfüllung versagter Wünsche und damit verbunden der Hüter unseres Schlafes sei,
wie es Freud vertreten hat, oder als ein Ort des Probehandelns und der Entwicklung
von Lebens- und Überlebensstrategien dient, wie es C.G. Jung gesehen hat, ob der
Traum nun eine kompensatorische Funktion hat und dergleichen mehr – der Streit
darüber kann als unnötig erkannt werden. Jede dieser Varianten ist möglich, genauso
wie bei den Wechselwirkungen zwischen den Gesamtfeldern im Wachzustand.
Der hier nur in seinen Grundideen präsentierte Mehr-Felder-Ansatz (Näheres
siehe Stemberger, 2009) bietet unseres Erachtens neue Möglichkeiten eines
besser fundierten und damit weniger einseitigen Zugangs zu einer Vielzahl von
Phänomenen, die derzeit gar nicht als ein zusammengehöriges Forschungsfeld
angesehen werden, sondern unter unterschiedlichsten Aspekten und Überschriften
abgehandelt werden. Ich erwähne hier beispielsweise die Beschäftigung mit dem
„mind-wandering“ (Übersicht bei Mooneyham & Schooler, 2013, Ergas, 2017),
mit dem Imaginieren (siehe Pope & Singer, 1978, Singer & Singer, 2005) und dem
Tagträumen (etwa bei Hopkins, 2013 als Unfallursache im Straßenverkehr; oder
bei Somer, 2002 und nachfolgenden Arbeiten als „maladaptive daydreaming“).
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
220 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Es gibt auch gute Gründe für die Annahme, dass die der so genannten Ego-State-
erapie (Watkins & Watkins, 1997) zugrundeliegenden Phänomene – wie auch
die anderer Ansätze, die sich mit so genannten Dissoziationen beschäftigen – mit
dem Mehr-Felder-Ansatz sachlich angemessener verstanden werden können.
Es gibt Einschätzungen, nach denen der Mensch unserer Zeit und Kultur etwa 30
bis 50 Prozent seiner Zeit in einem derart in mehrere anschauliche Gesamtfelder
geteilten Bewusstseinszustand verbringt (Killingsworth & Gilbert, 2010; Kane et
al., 2007). Killingsworth und Gilbert sprechen in diesem Zusammenhang sogar
vom „Standard-Modus des Bewusstseins“7. Wenn solche Einschätzungen auch
nur annähernd zutreen, ist es dann nicht hoch an der Zeit, den Zustand zu hin-
terfragen, dass die meisten psychologischen eorien menschlichen Erlebens und
Verhaltens (und auch viele psychotherapeutische Ansätze) diesen Umstand völlig
ausblenden und von einem beständig ungeteilten Bewusstseinszustand des Men-
schen ausgehen, den wir bei näherer Betrachtung als Fiktion erkennen müssen?
Zusammenfassung
Der dänische Psychologe Edgar Rubin beschreibt 1915 in seinem berühmten Werk zur
Figur-Grund-Wahrnehmung das Phänomen, dass bei eingehender Betrachtung eines
Bildes ein zweites, virtuelles Ich entsteht, das sich gewissermaßen vom Betrachter löst,
um an den Konturen des Abgebildeten entlang zu wandern. Diese Beobachtung der
Entstehung eines zweiten phänomenalen Ichs erweitert der deutsche Gestaltpsychologe
Edwin Rausch 1982 zu der Feststellung, dass sich bei dieser intensiven Bildbetrachtung
nicht nur ein zweites phänomenales Ich herausbildet, sondern mit ihm auch ein zweites
phänomenales Gesamtfeld, also eine zweite phänomenale Welt mit einem eigenen Ich
und dessen eigener Umwelt.
Ich habe vor einigen Jahren vorgeschlagen, diese Forschungsergebnisse für einen
Mehr-Felder-Ansatz in der Psychotherapie zu nutzen. Dieser Ansatz umfasst drei Ebenen:
Erstens die Ebene der phänomenologischen Beobachtung und der psychologischen
Analyse der Bedingungen, die für die Herausbildung eines solchen zweiten Gesamt-
feldes (und auch weiterer Gesamtfelder) maßgeblich sind, egal ob diese spontan oder
beabsichtigt oder infolge äußerer Einwirkung erfolgt.
Zweitens die Ebene der Erklärung verschiedener psychischer Vorgänge, die im Bereich
der Psychotherapie bisher hauptsächlich auf tiefenpsychologischer Grundlage erfolgte,
und die Konzeptualisierung der therapeutischen Situation und therapeutischer Prozesse
aus gestaltpsychologischer Perspektive.
Drittens schließlich die Ebene der praktischen Umsetzung so gewonnener Erkenntnisse
für die Entwicklung angemessener Vorgangsweisen und Interventionen, die die Heraus-
bildung solcher zweiter oder mehrfacher Gesamtfelder fördern oder hintanhalten können.
7 “Indeed, ‘stimulus-independent thought’ or ‘mind wandering’ appears to be the brain’s default mode of
operation.“ Killingsworth & Gilbert, 2010, S. 932. Mit den Ausdrücken „stimulus-unabhängige Gedanken“
und „mind wandering“ werden die angesprochenen Phänomene theoretisch anders, nämlich behavioristisch,
eingeordnet, als dies im vorliegenden Beitrag geschieht.
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
221
Der vorliegende Beitrag stellt den Mehr-Felder-Ansatz vor allem auf der ersten Ebene
vor und verweist auf Bezüge zu Forschung und Diskussion über „mind wandering“,
Imaginieren, Tagträumen und Dissoziieren.
Schlüsselworte: Psychologische Feldtheorie, Mehr-Felder-Ansatz, Gestalttheoretische
Psychotherapie, Dissoziation, Tagtraum, Mind-Wandering, Imagination.
About the Ability to Be in Two Places at Once
A Multiple-Field-Approach to the Understanding of Human Experience
Summary
In 1915 the Danish psychologist Edgar Rubin describes in his famous work on
gure-ground perception, the phenomenon that when you look attentively at a picture,
a second, virtual ego arises, breaking away from the viewer-ego to wander around in the
picture along the contours of the depicted. In 1982, German Gestalt psychologist Edwin
Rausch expanded this observation of the emergence of a second phenomenal ego to the
conclusion that not only does a second phenomenal ego emerge, but with it a second
phenomenal total eld, ie a second phenomenal world with its own phenomenal ego and
an own phenomenal environment of this ego.
Several years ago, I proposed a multi-eld-approach in psychotherapy building on this
research. is approach involves three levels:
First, the level of phenomenological observation and psychological analysis of the
conditions that determine the formation of such a second total eld (and even further
total elds), regardless of whether this occurs spontaneously or intentionally or as a result
of external inuences.
Second, the level of explanation of various psychic processes, which in the eld of
psychotherapy have been explained so far mainly on the basis of depth psychology,
and the conceptualization of the therapeutic situation and therapeutic processes from a
Gestalt psychological perspective.
ird, nally, the level of practical application of such insights on the development of
appropriate procedures and interventions that can promote or defer the emergence of
such second or multiple elds in psychotherapy.
e present article introduces the multi-eld approach, especially at the rst level, and
refers to research and discussion on mind wandering, imagining, daydreaming and
dissociation.
Keywords: Psychological Field eory, Multiple-Field-Approach, Gestalt eoretical
Psychotherapy, Dissociation, Daydreaming, Mind-Wandering, Imagination.
Literatur:
Agstner, I. (2012). Veränderte Bewusstseinszustände – ihre Nutzung in der Psychotherapie. Phänomenal -
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie, 4(1-2), 56-62.
Andersch, N. (2014). Symbolische Form und psychische Erkrankung. Würzburg: Königshausen & Neumann.
Bischof, N. (1966). Erkenntnistheoretische Grundlagenprobleme der Wahrnehmungspsychologie. In: Metzger,
W. (Hrsg.): Handbuch der Psychologie, Bd. I, Hbd. 1. (S. 21-78). Göttingen: Hogrefe.
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
222 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Bräuer, K. & Metz-Göckel, H. (1989). Gestalttheorie – Didaktik – Organisationspsychologie. Ein Bericht.
Fachgruppe Psychologie, FB 14 Universität Dortmund.
Ergas, O. (2017). Schooled in our own Minds: Mind-wandering and Mindfulness in the Curriculum. Journal
of Curriculum Studies.
Fuchs, . (2010). „Ich weiß, wie dünn ich bin, aber ich fühle mich dick“. Gestalttheoretisches Modell der
wahrgenommenen Welt einer magersüchtigen Person. Phänomenal - Zeitschrift für Gestalttheoretische
Psychotherapie, 2(2), 3-9.
Galli, G. (2017). Der Mensch als Mit-Mensch - Aufsätze zur Gestalttheorie in Forschung, Anwendung und Dialog.
Herausgegeben und eingeleitet von Gerhard Stemberger. Wien: Verlag Wolfgang Krammer.
Hopkins, K. (2013). Statistics Show “Day Dreaming” Maybe e New Distracted Driving. http://distracted-
driveraccidents.com/
Kane, M.J., Brown, L.H., McVay, J.C., Silvia, P.J., Myin-Germeys, I. & Kwapil, .R. (2007). For Whom the
Mind Wanders, and When. An Experience-Sampling Study of Working Memory and Executive Control in
Daily Life. Psychological Science, 18(7), 614-621.
Kaufmann, S.B. (2013). Conversation on Daydreaming with Jerome L. Singer. blogs.scienticamerican.com/
beautiful-minds/
Killingsworth, M.A. & Gilbert, D.T. (2010). A Wandering Mind Is an Unhappy Mind. Science, 330(6006),
932.
Köhler, W. (1951/1993): Letter to Abraham S. Luchins, December 6, 1951. Erstveröentlichung 1993 in
Gestalt eory, 15 (3/4), 297-298.
Ludwig, P.H. (1999). Imagination. Sich selbst erfüllende Vorstellungen zur Förderung von Lernprozessen. Opladen:
Leske & Budrich.
Metzger, W. (2001). Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. 6.
unveränderte Auage (Ersterscheinen 1941 im Verlag Springer). Wien: Verlag Wolfgang Krammer.
Mooneyham, B.W. & Schooler, J.W. (2013). e Costs and Benets of Mind-Wandering: A Review. Canadian
Journal of Experimental Psychology, 67(1), 11–18.
Pope, K.S. & Singer, J.L. (Eds., 1978). e stream of consciousness: Scientic investigations into the ow of human
experience. New York: Plenum.
Rausch, E. (1982). Bild und Wahrnehmung – Psychologische Studien ausgehend von Graphiken Volker Bußmanns.
Frankfurt: Waldemar Kramer.
Rubin, E. (1915/1921). Synsoplevede Figurer (1915). Deutschsprachige Ausgabe: Visuell wahrgenommene
Figuren. Studien in psychologischer Analyse. Kopenhagen / Christiania / Berlin / London 1921: Gyldendalske
Boghandel.
Smallwood, J. & Schooler, J.W. (2006). e restless mind. Psychological Bulletin, 132, 946-958.
Singer, J.L. (1974). Imagery and Daydream Methods in Psychotherapy and Behavior Modication. New York:
Academic Press.
Singer, J.L. (1978): Phantasie und Tagtraum. Imaginative Methoden in der Psychotherapie. München:
Junfermann.
Singer, J.L. & Pope, K.S. (1978). e Power of Human Imagination. New Methods in Psychotherapy. New York
& London: Plenum Press.
Singer, D.G. & Singer, J.L. (2005). Imagination and play in the electronic age. Cambridge: Harvard University
Press.
Somer, E. (2002). Maladaptive daydreaming: A qualitative inquiry. Journal of Contemporary Psychotherapy, 32,
197–212.
Stemberger, G. (2009). Feldprozesse in der Psychotherapie. Der Mehr-Felder-Ansatz im diagnostischen und
therapeutischen Prozess. Phänomenal – Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie, 1(1), 12-19.
Stemberger, G. (2009b). La molteplicità dell’Io e del suo ambiente. Il principio della molteplicità dei campi
e le sue potenzialità nei processi diagnostici e terapeutici. In: Zuczkowski, A. & Bianchi, I. (Eds): L’analisi
qualitativa dell’esperienza diretta. Festschrift in onore di Giuseppe Galli. Roma: Aracne, 275-282.
Stemberger, G. (2015). Ich und Selbst in der Gestalttheorie. Phänomenal – Zeitschrift für Gestalttheoretische
Psychotherapie 7(1), 19-28.
Stemberger, G. (2014). Gestalttheoretische Aspekte der „Arbeit mit dem leeren Stuhl“. Phänomenal - Zeitschrift
für Gestalttheoretische Psychotherapie, 6(1), 30-38.
Sternek, K. (2014). Über den Einsatz und die Wirkungsweise von “Bildschirm-Techniken”. Phänomenal -
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie, 6(1), 20-29.
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
223
Tart, Ch.T. (1975). States of Consciousness. New York: Dutton.
oley, P. & Utecht, K. (1993). Schöpferisch Träumen. Niedernhausen: Falken-Verlag.
oley, P. (2018). Gestalttheorie von Sport, Klartraum und Bewusstsein. Ausgewählte Arbeiten, herausgegeben und
eingeleitet von Gerhard Stemberger. Wien: Verlag Wolfgang Krammer.
Trombini, G. (2014). Transferential Relationships as Field Phenomena. e Relationship Dynamics in the
Light of the Manifest Dream. Gestalt eory, 36(1), 43-68.
Turi-Ostheim, B. (2014). Wirklichkeit im Spiel. Gedanken zu Ausbildung und Arbeit von SchauspielerInnen
aus Gestalttheoretischer Perspektive. Gestalt eory, 36(3), 239-250.
Watkins, J.G. & Watkins, H.H. (1997). Ego States: eory and erapy. New York: W. W. Norton.
Wertheimer, M. (1923). Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt. II. Psychologische Forschung 4(1), 301-350.
Zabransky, D. (2014). Zur “Dialog-Arbeit” in der Gestalttheoretischen Psychotherapie. Phänomenal - Zeitschrift
für Gestalttheoretische Psychotherapie, 6(1), 10-16.
Gerhard Stemberger, geb. 1947, lebt in Wien und Berlin. Er ist Psychotherapeut und Supervisor sowie Lehr-
therapeut für Gestalttheoretische Psychotherapie. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geschichte und eorie der
klinischen Anwendung der Gestalttheorie, insbesondere die theoretische Fundierung der Gestalttheoretischen
Psychotherapie. Langjähriger Herausgeber der Zeitschrift Gestalt eory, Mit-Herausgeber von Phänomenal –
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie. Herausgeber und Mit-Autor der Bücher: Psychische Störun-
gen im Ich-Welt-Verhältnis (2002); Giuseppe Galli: Der Mensch als Mit-Mensch (2017); Paul oley: Gestalt-
theorie von Sport, Klartraum und Bewusstsein (2018).
Adresse: Wintergasse 75-77/7, 3002 Purkersdorf, Österreich.
E-mail: gst@gestalttheory.net
Prof. Dr. Michael B. Buchholz
Multiple Welten – Multiple Felder
Anmerkungen zum Beitrag von Gerhard Stemberger
Einleitung
Der phänomenologisch subtile, gestalttheoretisch aufbereitete Text von Gerhard
Stemberger regt eine Reihe von Assoziationen an, von denen ich hier einige mit-
teilen möchte.
In der Erzähltheorie ist es ein wenig gekannter Dichter, Otto Ludwig (1813-
1865), der wohl als erster die „Szene“ für eine hermeneutische Analyse fruchtbar
machte. Da die Szene sich kommunikativ in Gestalt einer Erzählung entfaltet,
unterscheidet er zwischen einer nur „referierenden“ und einer „scenischen“
Erzählung. Letztere, betont er, lässt den Leser die erlebte Geschichte des Erzählers
miterleben. Bei der gewöhnlichen referierenden Erzählung erkennen wir ein
sequenzielles Muster, ein Erzählelement folgt dem anderen in der Ordnung des
Ablaufs. Medium der Mitteilung, so Ludwig, ist das Ohr. Das ist anders bei der
scenischen Erzählung, „hier aber wird gewissermaßen durch das Ohr dem Auge
etwas mitgeteilt.“ Die Geschichte erzähle „sozusagen sich selbst“.
Durch das Ohr dem Auge - so gibt der Philosoph Wolfgang Hogrebe den wich-
tigen Fund wieder (Hogrebe, 2009). Der Mund des Erzählers stimuliert das
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
224 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
„Auge“ des Hörers auf eine Weise, dass die Szene nachvollziehend imaginiert
werden kann, mehr noch, imaginiert werden muss – weil sie sonst unverständlich
bliebe. Der sanfte Zwang der Erzählung ergreift den Hörer, der geradezu genötigt
wird, sich seiner Imagination zu überlassen, er kann kaum anders. Wenn er die
Erzählung als gelebte Szene imaginiert, kann er deren Elemente in angemessener
Weise imaginativ zusammenfügen; anders als eine textliche Hermeneutik ver-
langt das „szenische Verstehen“ (Lorenzer, 1970) eine holistische Einstellung, die
den Elementen ihre Position und Relation zueinander anweist, ja deren Durch-
gliederung nur von daher verständlich wird. Damit sind wir in einer Welt, in
der Elemente eine Gesamtgestalt ergeben bzw. nur von dieser her angemessen
aufgefasst werden können; das innere Auge vollzieht die gehörten Mitteilungen
imaginativ mit.
Szene der Narration und Szene der Konversation
Wir haben es zu tun mit einer Gesamtgestalt der Erzählung und mit einer
Gesamtgestalt des Erzählens. Das eine können wir die „Szene der Narration“,
das andere die „Szene der Konversation“ nennen. Beides verbindet sich zur
Erzählsituation, deren vollständige Analyse, so wird nun deutlich, sich nicht
aus einer reifen, adulten, des Symbolischen bereits mächtigen Perspektive des
Erwachsenen ergeben kann. Sie hat vielmehr einen sinnlichen, dem Symbolischen
vorgelagerten Unterbau, der in einer entwicklungspsychologischen Perspektive
Sinn schon im Performativen generiert, wie wir das etwa in der Proto-
Konversation zwischen Müttern und ihren Säuglingen beobachten. Symbolische
Reexivität kann nicht Ausgangspunkt sein, sie wird erst entwickelt zum „Sinn
der Sinne“ (Straus, 1956, Reprint 1978). Dazu hier einige Überlegungen,
die nur exemplarisch jeweils ein Beispiel aus einer Fülle möglicher Beispiele
herausgreifen.
Die Säuglingsforschung ndet (Emde, 1995), dass Kinder einen genoppten
Schnuller auf einem Bild länger betrachten, wenn sie ihn vorher im Mund
gehabt haben, ohne dass sie ihn betrachten konnten. Der orale Sinnesmodus
und der optische Wahrnehmungsmodus erkennen „trans-modal“ (Stern, 1985)
dieselbe Gestalt. Hier liegt der Beginn der nachvollziehenden Imagination. Wir
sehen das Eine als das gefühlte Andere. Die sich bildende transmodale Gestalt
entsteht aus der basalen kognitiven Operation des Vergleichs. Dabei werden enge
Grenzen der Bindung an Sinnlichkeit gelöst, der eine Sinn erkennt die gleiche
Gestalt (des Schnullers) im anderen und etabliert damit einen Gesichtspunkt
der Anschauung, der beides übergreift und zugleich vertieft. Untersuchungen
zum „pretend play“ (Lewis & Ramsey, 1999) führen diese Linie fort. Ein Kind
sieht eine Banane und „prätendiert“, es sei ein Telefonhörer, den es an Ohr
und Mund hält. Das ist nicht nur Imitationsverhalten, sondern weit mehr.
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
225
Auch das Selbst des Kindes erzeugt sich als ein zweites Selbst, eines, das schon
telefonieren kann. Das Kind behandelt die Banane als Metapher, aber nicht
im Register des Symbolischen, sondern des Performativen: die Metapher ist
nicht im Kopf, sondern im Vollzug körperlicher Bewegungen, die die Metapher
insgesamt inszenieren (Lako & Johnson, 1999). Hogrebe hat recht, wenn er
von der „szenischen Existenz“ des Menschen spricht und Stemberger können
wir zustimmen, dass dazu ein „zweites Ich“ (des Telefonierenden) sich bei der
Betrachtung eines Bildes bilden und mit ihm eine zweite Welt bilden kann. Ist
eine zweite Welt entstanden, kann man von dort aus einen anderen Blick auf die
erste Welt und dann auch schon auf eine nächste haben.
Zur Metapher
Damit wäre eine Chance geboten, die Metapher mit der Mehr-Felder-eorie
Stembergers zu verbinden. Eine Metapher können wir bilden, wenn wir ein Ele-
ment der einen Welt in einer anderen Welt unterbringen können und dabei den
Unterschied nicht vergessen. Die Bananen-Metapher „Banane = Telefonhörer“
wäre dabei überhaupt nur dann eine Metapher, wenn zugleich die „Bewusst-
seinslage der doppelten Bedeutung“ (Stählin, 1914) operiert, nämlich dass die
Banane natürlich kein Telefonhörer ist.
(B=T plus B≠T) wäre erst die vollständige Formel der Metapher (Buchholz,
1996/2003; Buchholz, 2015; Buchholz, 2017). Das ist in der Logik verboten,
wo der Satz vom ausgeschlossenen Dritten und vom Widerspruch gilt. In der
Psychoanalyse wurde dem sog. „Primärprozess“ ein solches a-logisches Ver halten
zugeschrieben (Freud, 1900). Wir sehen aber, etwas Vergleichbares operiert
schon im „pretend play“ des Kindes, vielleicht schon bei der Beobachtung des
genoppten Schnullers – und wir stören uns nicht daran, ganz im Gegenteil! Wir
empfänden es eher als befremdlich, wenn jemand eindeutig behaupten würde,
die Banane sei ein Telefonhörer und nichts als ein Telefonhörer. Dann würden wir
merken, wie jemand einen elementaren Unterschied zweier Welten ignoriert mit
Folgen für sein Verstehen von der Welt und von sich selbst.
Wie der Körper mitspielt
Vergleichbare Befunde ergeben sich nicht nur aus der Entwicklungspsychologie,
sondern auch zur „Szene der Narration“. Die Literaturwissenschaftlerin Natalie
Phillipps (Phillips, 2014) lässt Probanden Texte von Jane Austen im fMRT-Scan-
ner lesen. Die einen sollen lesen, als ob sie zuhause auf der Couch sich in ein
Buch vertiefen, die anderen sollen ein „closed reading“ praktizieren, als wären
sie auf eine literaturwissenschaftliche Analyse des Textes aus. Beide Einstellungen
aktivieren unterschiedliche Hirnareale. Die „Vergnügungslektüre“ beschränkt
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
226 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
sich auf jene, die für Sprache und Leseaktivität bekannt sind. Das „close rea-
ding“ hingegen aktiviert weit mehr, z.B. auch jene Areale, die für „movement and
touch“ zuständig sind, was so interpretiert wird als versetzten sich Leser in die
Geschichte selbst. Sie „gehen mit“, sie dringen in die Geschichte vor. Hier wäre
es das äußere Auge der Lektüre, welches das von Otto Ludwig gemeinte „innere
Auge“ stimuliert. Das Verhältnis von Selbst und Welt ändert sich. Einfach durch
intensives Lesen, wenn man sich in die narrativen Szenarien „vertieft“. Man be-
ginnt zu verstehen, warum Psychoanalyse kaum Anwendung einer eorie als
vielmehr eine Wahrnehmungskunst ist (Buchholz, 2016).
Auch zur „Szene der Konversation“ haben wir mittlerweile Befunde. Erzählt man
eine Geschichte, lässt sich beobachten, dass die Erzählung selbst in einzelne Formate
gegliedert werden kann. Ein „pre-announcement“ („Weißt Du, was mir gestern
passiert ist?“) sichert die Aufmerksamkeit des Hörers und baut erwartungsvolle
Spannung auf; der Aufbau der Erzählung selbst steigert sich zu einer Klimax, nach
der die Spannung abfällt und in eine „Coda“ einmündet. Konversationsanalytische
Beobachtungen (Rühlemann, 2013) haben gezeigt, wie aktiv der Hörer beteiligt
ist. Hörer zeigen mit kleinen „hm“-Äußerungen in vielfachen Varianten die
beibehaltene Aufmerksamkeit an, aber an manchen Stellen müssen sie auch eine
Stellungnahme abgeben, etwa wenn auf dem Höhepunkt der Erzählung das
„unmögliche Verhalten“ eines Protagonisten gegenüber dem Erzähler dargestellt
wird. Das ist für den Erzähler riskant, weil er nicht sicher sein kann, ob der Hörer
nicht sein Betragen (heimlich) genauso „unmöglich“ ndet wie der Protagonist.
Deshalb muss der Hörer an dieser Stelle eine Äußerung (etwa ein entrüstetes
„Nein!“) von sich geben, das dem Erzähler das genannte Risiko abnimmt. Kommt
diese minimale Äußerung nicht, so bricht die Erzählung zusammen.
Diese Beobachtung hat konversationsanalytische Forscher (Peräkylä, Henttonen,
Voutilainen, Kahri, Stevanovic, Sams & Ravaja, 2015) dazu gebracht, sich dafür
zu interessieren, was dabei körperlich geschieht. Es gibt Möglichkeiten, Herz-
rate und psychogalvanische Hautreaktion als Begleitumstände von „arousal“ zu
messen. Wenn man nun beide, Erzähler und Zuhörer verkabelt, zeigt sich, wie
der Körper mitreagiert. Das „arousal“ nimmt beim Erzähler kontinuierlich zu,
bis zur Klimax der Erzählung. Wenn der Hörer dann die entsprechende, den
Hörer bestätigende, sympathisierend-aliative Äußerung tut, fällt die Erregungs-
kurve rapide ab, während die des Zuhörers ansteigt. Er übernimmt für einen
kurzen Zeitraum die emotionale Last des Anderen. Hier versteht man, warum
Psychotherapeuten davon sprechen, dass sie die Last eines Anderen „mittragen“.
Ob aber die Physiologie als „Ursache“ einer solchen metaphorischen Sprechweise
angesehen werden kann, sollte man oenlassen; ich glaube, sie ist ein anderes von
mehreren Feldern, in das die Betrachtung wechselt. Der Körper ist mitbeteiligt
an den Szenen der Narration wie der Konversation.
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
227
Multiple Welten
Shaun Gallagher, als Philosoph ausgebildet, arbeitet mit phänomenologischen
Methoden (wie auch Stemberger) an emen der „embodied“ und der „social
cognition“ (Gallagher, 2015). Stemberger bietet in gestalttheoretischer Phäno-
menologie eine „Mehr-Felder-eorie“ an, die er am Beispiel von Lektüre oder
eaterbesuch exempliziert; zeitweilig lassen wir uns in eine andere Welt ein.
Diese Beispiele nden sich auch bei Gallagher, der von einer „multiple reality“
spricht. Wie Stemberger will auch Gallagher solche Vorgänge entpathologisie-
ren. Beide tun das, indem sie, wie es Freud so oft vormachte, Phänomene des
Nicht-Normalen mit normalen Beobachtungen vergleichen, etwa indem Freud
zeigt, dass in Fehlleistung oder Traum die gleichen seelischen Mechanismen am
Werke sind wie in der Ausbildung einer Neurose. In der Tat, sich in eine andere
Welt zu begeben, ist nicht pathologisch. eaterbesuch, Lektüre oder Kino sind
nur die sinnfälligsten Beispiele. Sie dienen Gallagher wie Stemberger als Vergleich
für die Aufklärung des Pathologischen.
Dabei wird klar: nicht aus der Erzeugung und dem Eintritt in eine andere Welt
entsteht ein Problem, sondern wenn wir nicht mehr zurücknden. Wer im e-
ater bei der Ermordung des Polonius warnend „Achtung“ riefe und anschließend
nach der Polizei, der er einen Mord melden möchte, würde zeigen, dass er den
Unterschied zwischen den Welten nicht kennt und aus der betretenen anderen
Welt nicht zurückndet. „If I believe that Hamlet killed Polonius, this is clearly
not a false belief about the objective world but a true belief about the ctional
world“ (Galllagher, 2015, S. 137). Wer den Unterschied dieser beiden Welten
ignorierte oder nicht wahrnehmen könnte, wäre in einer One-World gefangen –
und gerade das wäre wahnhaft, nicht aber die Verfügung über mehrere Welten.
Conclusio – Inkompatible Elemente verbinden Welten
Stemberger und seiner Mehr-Felder-eorie verdanken wir die Einsicht, dass es
inkompatible Elemente sind, die zur ersten Welt nicht passen und den Aufbau
eines anderen Feldes evozieren; Gallagher mit seiner eorie der multiplen
Realitäten verdanken wir die Einsicht, dass der Verlust des Unterschiedes
zwischen den Welten und damit der nichtgelingende Wieder-Austritt erst
Probleme von pathologischen Format ausbildet. Beide Einsichten sind nah
beieinander angesiedelt und deshalb ist die dritte Einsicht vielleicht die, wie
sehr phänomenologisch-gestalttheoretische Genauigkeit und philosophisch
kompetente Einbettung von empirischen Befunden zu konvergierenden Sichten
(entlang nahezu gleicher Narrative der Alltagserfahrung) führen können.
Analysen, Methoden und Befunde stammen aus verschiedenen Welten und wir
haben so eine Möglichkeit gezeigt bekommen, wie man von der einen in die
andere übergehen kann und dennoch nicht den Unterschied verliert. Wir würden
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
228 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
ihn – um ein abschließendes Beispiel zu nennen - verlieren, wenn wir etwa die
Metapher „brain = mind“ für einzig wahr erachten und nicht gleichzeitig in der
anderen Welt leben, wonach „brain ≠ mind“ ist. Der Ausbau von Stembergers
Mehr-Felder-eorie, etwa in die hier skizzierte Richtung, könnte beitragen zur
Ausbildung einer „Bewusstseinslage doppelter Bedeutung“ auch bei diesem, das
Verhältnis von Neuro- und anderen Wissenschaften so beherrschenden ema.
Michael B. Buchholz, geb 1950, Dipl.-Psych., Dr. phil., habilitierter Sozialwissenschaftler, lehrt an
der International Psychoanalytic University (IPU), Berlin das Fach „Sozialpsychologie“ und leitet das
Promotionsprogramm dort. Er ist außerdem Lehranalytiker am psychoanalytischen Institut in Göttingen.
Zahlreiche Publikationen zur Psychoanalyse, zur kognitiven Linguistik, zu qualitativen Methoden und zur
Konversationsanalyse. Mitherausgeber von „Language and Psychoanalysis“ und „Intern. Forum of Psychoanalysis“.
Jürgen Kriz
Anmerkungen zu Gerhard Stembergers Mehr-Felder-Ansatz
Gerhard Stembergers Mehr-Felder-Ansatz (Stemberger 2009, 2018) konvergiert,
nicht überraschend, mit zentralen Aspekten, die auch für die „Personzentrierte
Systemtheorie“ (Kriz, 2017) relevant sind: Die Perspektive des „Subjekts in seiner
Lebenswelt“ wäre eigentlich mindestens so bedeutsam wie die komplementäre
Perspektive des „Menschen in seiner Umgebung“. Dennoch nehmen große Teile
der Psychologie nahezu ausschließlich die letztere Perspektive ein und fokussieren
damit auf einen „View from Nowhere“ (Nagel, 1989) – auf eine intersubjektive
Beschreibung „der Welt“, die fast deckungsgleich mit einem naiven Realismus
ist. Und obwohl die Gestaltpsychologie mit ihrem kritischen Realismus explizit
eine andere erkenntnistheoretische Position als der naive Realismus einnimmt,
ist Stemberger zuzustimmen, dass auch diese mit den „Gestaltgesetzen“ die „Ob-
jektseite …schon recht gut erforscht“ hat – dabei aber weniger gut das Subjekt
mit einbezogen wurde.
In Stembergers Abhandlung sind besonders die untersuchten Fragen interessant,
wie sich einerseits ein zweites Gesamtfeld (und ggf. weitere) herausbildet, wovon
dieser Ausgliederungsvorgang abhängt, und wie es dazu kommt, dass ein solches
zweites Gesamtfeld sich wieder auöst und verschwindet.
Die Bedeutsamkeit (auch) der evolutionären Perspektive
Aus Sicht der Personzentrierte Systemtheorie erscheint es hilfreich, die von
Stemberger analysierte Funktionalität ausgegliederter Gesamtfelder nicht
nur phänomenologisch sondern auch evolutionär zu betrachten. Schon der
Organismus und erst recht der Mensch nimmt an den Prozessen „der Welt“
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
229
über „Bedeutungszuweisungen“ teil. Es geht daher nicht um Reize aus einer
Umgebung – wie Abb. 4, 5 und 8 in Stemberger (2018) missverstanden werden
könnten. Sondern es geht vielmehr um Bedeutungen, welche aufgrund der
Funktionalität der Sinnesorgane und den Möglichkeiten der „Wirkorgane“
(i.W. Gliedmaße und Werkzeuge) aus einer „objektiven“ Umgebung eine
subjektive Lebenswelt machen. Die Hirnentwicklung – als somatische Basis
für menschliches Bewusstsein – dient in dieser Evolution der notwendigen
integrierenden Koordination immer komplexer werdender Teilsysteme.
Wenn man also ein Auto durch den Verkehr lenkt, und dabei auf komplexe
situative Konstellationen der Umgebung als Organismus adäquat reagiert,
während man mit seinem Bewusstsein ggf. weitgehend im Gespräch mit dem
Beifahrer versunken ist, nden hier bereits die alltagstypischen Überlap-
pungen bzw. Ausgliederungen zweier Gesamtfelder statt: eines, das stärker
mit den Bedeutungszuweisungen des Organismus verbunden ist und eines,
das stärker mit den Bedeutungen der Symbolwelten (nach Cassirer 1960)
verbunden ist.
Dies gilt auch für das von Stemberger beschriebene Ansehen eines Filmes: So
kann man einerseits ganz in die Filmhandlung „hineinsinken“, ein „ow“ bei
dem (fast) nur noch ein einziges Gesamtfeld vorhanden ist (und wo z.B. das
Bewusstsein davon, dass man im Kinosessel sitzt, fast ganz verschwunden ist).
Man kann denselben Film aber z.B. auch als Regisseur(oder mit Regie-Interesse)
betrachten und beim Zusehen die Schnittfolgen, den Szenen-Aufbau etc. analy-
sieren. Dies entspricht übrigens der von Stemberger angeführten Unterscheidung
zwischen „normalem Träumen“ und „Klarträumen“.
Bei der Distanzierung vom lmischen Geschehen kann man ohne große
Schwierigkeiten ggf. die eigenen emotionalen Reaktionen mit wahrnehmen,
den unbequemen Kinosessel registrieren und ggf. sich sogar bewusst sein, dass
einen die Partnerin dabei beobachtet – was somit mehrere Ganzfelder betrit,
denen man sich mal mehr mal weniger intensiv „zuwendet“.
Zur Relevanz des Fokus-Wechsels
Stembergers interessante Analyse der Herausbildung und des Zerfalls von zweiten
und weiteren Gesamtfeldern ist sowohl für die Psychologie des Alltagserlebens
als auch für Psychopathologie und –therapie interessant. So ist ja gerade durch
psychotherapeutische Arbeit deutlich geworden, dass es einerseits wichtig ist, sich
von seinen Gefühlen und Wahrnehmungen distanzieren zu können, wenn man
sich von diesen überutet erlebt (d.h. wenn man von einem einzigen Ganzfeld
in destruktiver Weise in „Beschlag gelegt“ wird). Andererseits wird aber mit dem
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
230 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Hinweis auf „Achtsamkeit“, „gefühlter Sinn“ etc. auch die Wichtigkeit betont,
zu seinem organismischen Erleben und den damit verbundenen Bedeutungszu-
weisungen, (kognitiven) Kontakt aufzunehmen. Es geht hier darum, zwischen
bewussten und oft rational vorgenommenen Bedeutungen sowie den damit ggf.
getroenen Entscheidungen und den “impliziten“ Bedeutungen ein „stimmiges“
Ganzes herzustellen.
Es lohnt sich also, auf der Ebene des Mehr-Felder-Ansatzes unter Einbeziehung
oranismisch-evolutionärer Funktionalität und dem Konzept der Bedeutungszu-
weisungen aus der Biosemiotik (u.a. Uexküll, 1980) weitere Dierenzierungen
der Vielfalt menschlichen Erlebens und prototypischer Situationen vorzunehmen.
Zum Imprägnanz-Begriff in der psychotherapeutischen Arbeit
Wenn man die für die Gestalttherapie typische „Zwei-Stuhl-Technik“ anwen-
det, oder sogar im Sinne von Pesso (1999) oder des Psychodramas (Moreno,
1959) konstellierte Szenen als Akteur, als Regisseur und als Beobachter erlebt,
so wird gleichzeitig auch damit „gespielt“, den Fokus zwischen unterschiedli-
chen Ganz feldern zu verschieben. Eigentlich ist es typisch für unser Leben, dass
wir einerseits als Akteure auf der Bühne mitwirken und dabei Handlungssche-
mata situationsgemäß entfalten müssen – eingebettet in Rollengeechte, in die
Möglichkeiten und Begrenzungen der Kulissen, in vorgefertigte Erwartungen
anderer etc. Und dass wir andererseits uns als Zuschauer in den eatersaal
zurückziehen und uns selbst dabei zusehen können, wie wir auf dieser Bühne
agieren. Ja, wir können uns sogar als Zuschauer beobachten. Nachdem in der
Evolution unser Bewusstsein sich von unmittelbaren Gegebenheiten sowohl
der Umgebung als auch der Umwelt lösen konnte und mehr oder minder in
Phantasie- und Symbolwelten eintauchen kann, ist auch die „Imprägnanz“
typisch mit unserem Leben verbunden. Weder das distanzlose Überuten mit
organismischem Erleben, noch die unmenschliche Distanzierung von der sinn-
lichen Welt durch alleiniges Fokussieren auf Rationalität, Tagträume und Ide-
ologien stellen einen wünschenswerten Gebrauch menschlicher Potentiale dar.
Vielmehr geht es darum, die vielfältigen und nuancenreichen Möglichkeiten
des Menschen zu einem stimmigen Aus gleich der üblicherweise vorhandenen
vielen Felder im Erleben zu nutzen.
Jürgen Kriz, geb. 1944, ist Professor Emeritus der Psychologie (Psychotherapie und klinische Psychologie)
an der Universität Osnabrück und Gast-Professor verschiedener Universitäten in Europa (z.B. 2003 „Paul-
Lazarsfeld-Gastprofessur“ der Universität Wien) und den USA. Er ist Autor von mehr als 20 Büchern und
250 Artikeln oder Kapiteln in Sammelwerken, dazu Herausgeber von Büchern und regelmäßig erscheinenden
Publikationen sowie Mitglied/Vorsitzender vieler wissenschaftlicher Kollegien und vieler Herausgeber-boards von
wissenschaftlichen Zeitschriften wie auch der Gestalt eory. Im Rahmen der „Personzentrierten Systemtheorie“
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
231
arbeitet er an einem allgemeinen Modell klinischer und beraterischer Veränderungsprozesse, welches die
unterschiedlichen Prozessebenen und Ansätze auf der Basis des interdisziplinären Strukturansatzes der Synergetik
integriert. Neben anderen Ehrungen erhielt er 2004 den „Großer Viktor-Frankl-Preis der Stadt Wien“ für sein
Lebenswerk, das ihm internationale Anerkennung im Bereich der Humanistischen Psychologie gewonnen hat.
Adresse: Universität Osnabrück, Institut für Psychologie, FB 8, 49069 Osnabrück, Deutschland.
E-mail: kriz@uos.de
Rainer Kästl
Gedanken - angeregt durch den von Gerhard Stemberger
beschriebenen Mehr-Felder-Ansatz menschlichen Erlebens
Der von Gerhard Stemberger vorgestellte Mehr-Felder-Ansatz ist eine interes-
sante und hilfreiche theoretische Begründung, um verschiedene Phänomene, die
wir im Alltag, aber auch häug in psychotherapeutischen Situationen, erleben
können, besser zu verstehen und erklären zu können. Beim Lesen dieses Textes
und auch beim wiederholten Durcharbeiten eines früheren Artikels (Stemberger,
2009), in dem dieser Mehr-Felder-Ansatz bereits vor- und dargestellt wurde, sind
in mir unterschiedliche Situationen und Erlebnisse aufgetaucht, die sofort mit
dem Inhalt dieses Mehr-Felder-Ansatz in Verbindung stehen.
Als junge erapeuten8 beschäftigten wir uns intensiv mit dem Problem, wie es
möglich sein kann, den Kontakt mit einem Klienten, der sich gerade auf eine sehr
gefühlsintensive Auseinandersetzung mit einer Person seiner Lebensgeschichte
eingelassen hat, aufrecht zu erhalten. Derartige stark emotional geladene
Situationen können im therapeutischen Verlauf immer wieder vorkommen
und sollten vom erapeuten auch entsprechend angeleitet werden können.
Schließlich soll der Klient nach diesem Ereignis, das er völlig in einer anderen
Zeit, in anderen Räumlichkeiten und mit anderen Personen erlebt, nach dieser
intensiven Arbeit wieder in den erapieraum zurückkehren können, um
mit dem erapeuten das Erlebte zu besprechen und reektieren zu können.
Stemberger beschreibt in seinem Aufsatz sehr deutlich, was da geschieht.
erapeut und Klient benden sich gegenüber sitzend in einem erapieraum
und sprechen miteinander. erapeut und Klient werden diese Situation nicht
unbedingt identisch erleben, aber bei beiden Beteiligten gehen wir von einem
eigenen psychologischen Gesamtfeld, von einem erlebten Ich des erapeuten
und einem erlebten Ich des Klienten. Durch die weitere Bearbeitung eines
problematischen emas lässt sich der Klient auf eine Auseinandersetzung
ein, in der er sich z.B. als Kind in einer für ihn sehr schmerzhaften Situation
8 erapeut und Klient kann auch einfach durch erapeutin und Klientin ersetzt werden.
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
232 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
bendet. Dabei, vorausgesetzt er lässt sich wirklich ganz ein, erlebt er jetzt
etwas wieder, was sich im Dort-und-Damals, also in einem anderen Raum und
in einer anderen Zeit abgespielt hat. Nach dem Mehrfelder-Ansatz bildet sich
demnach ein zweites psychologisches Gesamtfeld und das erste Gesamtfeld,
die Situation mit dem sich gegenübersitzenden erapeuten und Klienten
und dem vertrauten erapiezimmer tritt in den Hintergrund. Dieses erste
Gesamtfeld kann aber wieder in den Vordergrund treten, wenn sich der Klient
darüber bewusst wird, dass seine Auseinandersetzung und Klärung mit einer
vergangenen Bezugsperson, im ihm bekannten erapieverlauf stattndet. Oft
reicht auch ein einziger Gedanke („Wo sind die Taschentücher?“), um das zweite
Gesamtfeld aufzulösen, so dass allein das erste Gesamtfeld besteht. Andererseits
besteht für den erapeuten, der vielleicht befürchtet, dass der Klient
Schwierigkeiten bekommt, wieder ins erapiezimmer „zurückzunden“, die
Möglichkeit, durch sprachliche Interventionen oder eigene Bewegungen im
Raum, das erste Gesamtfeld bei beiden Beteiligten stärker werden zu lassen und
unterstützt damit den Klienten, sich nicht in der Vergangenheit zu „verlieren“,
sondern sich wieder in der aktuellen erapiesituation zurechtzunden. Wo
wir uns als junge erapeuten mit dem Hinweis auf Intuition oder auf „Alles
ist Einfühlungsvermögen“ geholfen (gerettet) haben, bietet der Mehr-Felder-
Ansatz eine interessante theoretische Erklärung, wie diese erapieszene
verstanden und wie sie auch sinnvoll gehandhabt werden kann.
Die von Stemberger beschriebene Imprägnanz des Erlebten scheint mir daher eine
durchaus wichtige Rolle zu spielen, dass sich ein zweites Gesamtfeld bildet bzw.
dass das zweite Gesamtfeld wieder in den Hintergrund rückt. Bei mei ner oben
beschriebenen Szene lässt sich der Klient so auf die „alte“ Situation ein, dass eben
diese Situation zeitlich und räumlich wirklich erlebt wird. Alle Wahrnehmun-
gen von Gegenständen aus dem erapiezimmer werden ausgeblendet und der
Klient sieht nicht den üblichen erapiesessel, sondern das Sofa des Großvaters;
er riecht nicht meinen Tabakduft in der Praxis, sondern er riecht das Parfüm der
Großmutter. Sollte er doch den Tabakduft riechen und es sich bewusst machen,
dass das nicht mehr das Zimmer der Großeltern sein kann, den Duft also als im-
prägnant erlebt, kehrt er zum ersten Gesamtfeld zurück und das zweite Gesamt-
feld tritt in den Hintergrund bzw. löst sich auf. Auf der erapeutenseite setze
ich dieses Imprägnanz-Erleben ganz gezielt ein, um dem Klienten zu helfen, zum
richtigen Zeitpunkt wieder in die momentane erapiesituation zurückzun-
den. Durch meine Bemerkungen oder auch durch ein tröstendes Anfassen an
seinem Arm erlebt er etwas, was nicht mehr in die Situation mit den Großeltern
passt. Dadurch trage ich als erapeut mit bei, dass sich das zweite Gesamtfeld
auöst und das erste Gesamtfeld wieder in den Vordergrund tritt. Erst dann ist
Stemberger, Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein
233
es sinnvoll und möglich, das Erlebte mit dem Klienten zu besprechen und zu
reektieren und somit weitere Einsichten zu ermöglichen.
Weitere Situationen, die durch den Mehr-Felder-Ansatz plausibel erklärt
werden können, ähneln durchaus dem bisher Beschrieben. Bei szenischen
Darstellungen im Psychodrama oder bei der gestalttherapeutischen Tech-
nik „Arbeit-mit-dem-leeren Stuhl“ sind diese Vorgänge oft zu beobachten.
Der Übergang vom ersten zum zweiten Gesamtfeld wird aber nur möglich
sein, wenn sich der Klient wirklich auf diese Situation einlässt. Wenn Moreno
(vgl. Leutz, 1974) unter einer ezienten erapie jene versteht, in der „ein
wahres zweites Mal“ ermöglicht wird und damit traumatische oder verletzende
Lebenserfahrungen bearbeitet werden, dann setzt das im Verständnis des Mehr-
Felder- Ansatzes das Herausbilden eines zweiten Gesamtfeldes voraus.
Noch ein letztes Beispiel aus der Literatur: Sloterdijk (1987) beschreibt sehr nach-
drücklich in seinem Roman „Zauberbaum“ eine Situation, in der eine junge
Schauspielerin während der Proben die Rolle einer gequälten Jugendlichen spielen
soll. Während des Spielens gerät die Schauspielerin immer tiefer in eigene leid-
volle Erfahrungen und schmerzhafte Erlebnisse, so dass sie letztlich nicht mehr
unterscheiden kann zwischen Rollenvorgabe und Schauspielerin-Sein und eigenen
früheren Erlebnissen. Auch hier kann der Mehr-Felder-Ansatz eine Erklärung für
das Geschehen bieten. Und er zeigt, dass der Autor nicht nur eine gute Romanstelle
erfunden und geschrieben hat, sondern dass das Beschriebene durchaus plausibel
mit dem zweiten psychologischen Gesamtfeld erklärt werden kann.
Demnach bietet der Mehr-Felder-Ansatz für mich eine sinnvolle theoretische
Betrachtungsweise, die bei der Analyse unterschiedlichster Situationen stets mit
berücksichtigt werden sollte.
Rainer Kästl, geb. 1949, Dipl. Psych. Aus- und Weiterbildung in Integrativer Gestalttherapie (IG Würzburg),
Psychodrama (Moreno-Institut), maßgebliche Beteiligung an der Ausarbeitung und Weiterentwicklung der
Gestalttheoretischen Psychotherapie. Er ist freiberuicher Psychotherapeut und Supervisor in eigener Praxis
sowie Lehrtherapeut und Lehrsupervisor für Gestalttheoretische Psychotherapie.
Adresse: Oberer Schrannenplatz 4, 88131 Lindau, Deutschland.
E-mail: info@praxis-kaestl.com.
Literatur
Michael B. Buchholz: Multiple Welten – Multiple Felder
Buchholz, M.B. (1996/2003). Metaphern der `Kur‘. Qualitative Studien zum therapeutischen Prozeß (2. Auage
2003), Giessen: Psychosozial-Verlag.
Buchholz, M.B. (2015). Listening to Words, Seeing Images - Metaphors of emotional involvement and the
movement of the metaphor, in: Psychoanalytic Discourse 1, S. 20–38.
Buchholz, M.B. (2016). Psychoanalyse ist eine Wahrnehmungskunst, in: Gödde, G. & Stehle, S. (Hrsg.). Die
therapeutische Beziehung in der psychodynamischen Psychotherapie. Ein Handbuch. (S. 75-96). Gießen: Psycho-
sozial-Verlag.
GESTALT THEORY, Vol. 40, No.2
234 Originalbeitrag mit Diskussion - Original Contribution with Discussion
Buchholz, M.B. (2017). Wie wir Bilder sehen, wenn wir Worte hören. Körper, mentale Kinetik und Metaphern
in therapeutischer Konversation, in: Maio, G. (Hrsg.). Auf den Menschen hören. Für eine Kultur der Aufmerk-
samkeit in der Medizin (S. 51-101). Freiburg/Basel/Wien: Herder.
Emde, R.N. (1995). Epilogue: A Beginning-Research Approaches and Expanding Horizons for Psychoanalysis,
in: Shapiro, T. & Emde, R.N. (Hrsg.). Research in Psychoanalysis: Process, Development, Outcome.
(p. 241-260). Madison: International Universities Press.
Freud, S. (1900). Die Traumdeutung. G.W., Bd. 2/3, Frankfurt: S. Fischer.
Gallagher, S. (2015). Why We Are Not All Novelists, in: Bundgaard, P.F. & Stjernfelt, F. (Hrsg.). Investigations
Into the Phenomenology and the Ontology of the Work of Art (p. 129-143). Springer International Publishing.
Hogrebe, W. (2009). Riskante Lebensnähe. Die Szenische Existenz des Menschen. Berlin: Akademie-Verlag.
Lako, G. & Johnson, M. (1999). Philosophy in the Flesh. e Embodied Mind and Its Challenge to Western
ought. New York: Basic Books.
Lewis, M. & Ramsey, D. (1999). Intentions, Consciousness, and Pretend Play, in: Zelazo, P.D., Astington, J.W.
& Olson, D.R. (Hrsg.). Developing eories of Intention. Social Understanding and Self-Control. (p. 77-94).
Mahwah, NJ/London: Lawrence Earlbaum.
Lorenzer, A. (1970). Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Peräkylä, A., Henttonen, P., Voutilainen, L., Kahri, M., Stevanovic, M., Sams, M. & Ravaja, N. (2015). Shar-
ing the Emotional Load. Recipient Aliation Calms Down the Storyteller. Social Psychology Quarterly 78,
301–323.
Phillips, N. (2014). e Art of Attention:Navigating Distraction and Rhthms of Focus in Eighteenth Century
Poetry, in: Smith, C.W. & Parker, K. (Hrsg.). Eighteenth-Century Poetry and the Rise of the Novel Reconsidered
(p. 187-206). Lewisburg, NY: Bucknell Univ. Press.
Rühlemann, Ch. (2013). Narrative in English conversation. A corpus analysis of storytelling. New York: Cambridge
University Press).
Stählin, W. (1914). Zur Psychologie und Statistik der Metaphern. Arch. Psychol. 31, 297–425.
Stern, D.N. (1985). e Interpersonal World of the Infant. A View from Psychoanalysis and Developmental Psychol-
og y. New York: Basic Books.
Straus, E. (1956, Reprint 1978). Vom Sinn der Sinne. Ein Beitrag zur Grundlegung der Psychologie. Berlin, Hei-
delberg, New York: Springer.
Jürgen Kriz: Anmerkungen zu Stembergers Mehr-Felder-Ansatz
Cassirer, E. (1960). Was ist der Mensch? Versuch einer Philosophie der menschlichen Kultur. Stuttgart: Kohl-
hammer
Kriz, J. (2017). Subjekt und Lebenswelt. Personzentrierte Systemtheorie für Psychotherapie, Beratung und
Coaching. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Moreno, J. L. (1959). Gruppenpsychotherapie und Psychodrama. Stuttgart: ieme
Nagel, T. (1989). e View From Nowhere. New York: Oxford UP.
Pesso, A. (1999). Dramaturgie des Unbewussten: Eine Einführung in die psychomotorische erapie. Stuttgart:
Klett-Cotta
Stemberger, G. (2009). Feldprozesse in der Psychotherapie. Der Mehr-Felder-Ansatz im diagnostischen und
therapeutischen Prozess. PhänomenalZeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie, 12-19
Stemberger, G. (2018). Über die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein - und über die Notwendigkeit
eines Mehr-Felder-Ansatzes menschlichen Erlebens. Gestalttheory, 40 (2), 207-234
Uexküll, T v. (1980). Die Umweltlehre als eorie der Zeichenprozesse. In T. v. Uexküll (Hrsg.), Jakob von
Uexküll. Kompositionslehre der Natur. Frankfurt a. M.: Ullstein
Rainer Kästl: Gedanken - angeregt durch den von Gerhard Stemberger
beschriebenen Mehr-Felder-Ansatz menschlichen Erlebens
Leutz, G. (1974). Psychodrama. eorie und Praxis. Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag.
Sloterdijk, P. (1987). Der Zauberbaum. Frankfurt: Suhrkamp.
Stemberger, G. (2009). Feldprozesse in der Psychotherapie. Phänomenal 01/2009, 12-19.
... On this basis, a multiple-field approach for grasping and understanding essential processes and for appropriate action in the psychotherapeutic situation can also be developed, as I have proposed (Stemberger 2009(Stemberger , 2018. In many psychotherapy methods, although without the theoretical and conceptual embedding elaborated here, techniques and forms of intervention are used that are suitable to stimulate, in one way or another, the segregation of a second total field in clients. ...
Chapter
Mind-wandering is often seen as the result of a certain attention behavior or even an attention deficit. However, Gestalt psychological research points to other explanations: The phenomena referred to as “mind-wandering” can be understood as a reorganization of the total phenomenal field of perception and experience as a result of experiencing serious discrepancies in this field (“non-Prägnanz” or “Imprägnanzen” in Gestalt psychological terminology). If the “non-Prägnanz” in the field is strong enough, the related facts and events are experienced as not being compatible in a single common field. As a consequence, the field of perception and experience is split into two or more fields, each comprising its own phenomenal ego with its own phenomenal world. This approach allows the identification of certain rules for the occurrence of these phenomena and an informed handling of them. The paper introduces this Gestalt psychological multiple-field approach and discusses its conditions, implications, and potential applications. Examples from Gestalt theoretical psychotherapy, in the context of which this approach was developed in a differentiated way, and from other areas of application, serve as illustrations.KeywordsPerceptionOrganization of the phenomenal field“Gestalt laws,” Multiple-field approachPhenomenal field segregationGestalt psychologyGestalt theoretical psychotherapy
... "Struktur und Inhalt der beiden teil-Überlappende Situationen können eine Vorstufe zur Ausbildung einer Mehrzahl von psychologischen Situationen sein, die jeweils über ein eigenes Ich und damit über eine eigene Person/Umwelt-Gliederung verfügen. Damit befasst sich der Mehr-Felder-Ansatz, den Stemberger aufbauend auf Untersuchungen von EdwinRausch (1982) vorgeschlagen hat (vgl.Stemberger 2009Stemberger , 2018). Auch hier trifft zu, dass die einzelnen Situationen jeweils zur gegebenen Zeit ein bestimmtes relatives Gewicht hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Erleben und Verhalten der Person im Ganzen besitzen. ...
Article
Full-text available
Summary (article is in German): The encyclopedia entry deals with the concept of the "psychological situation". In Kurt Lewin's field theory, this refers to the just given structural and dynamic condition of the living space, i.e. of the person and his environment, in its meaning for the person concerned. It is to be strictly distinguished from the sociological ("objective") situation of the person insofar as it only encompasses what exists for the person himself as a habitat at the moment and what meaning these conditions have for him in terms of content. Zusammenfassung: Der Lexikon-Eintrag befasst sich mit dem Begriff der "Psychologischen Situation", Dieser bezeichnet in der Feldtheorie Kurt Lewins die gerade gegebene strukturelle und dynamische Beschaffenheit des Lebensraums, also der Person und ihrer Umwelt, in ihrer inhaltlichen Bedeutung für die betroffene Person. Sie ist insofern streng zu unterscheiden von der soziologischen („objektiven“) Situation der Person, als sie nur umfasst, was für die Person selbst gerade als Lebensraum besteht und welche inhaltliche Bedeutung diese Gegebenheiten für sie haben.
... Unter entsprechenden Bedingungen können diese beiden Welten bei der Therapeutin als zwei voneinander ausgegliederte, aber in Wechselbeziehung stehende Gesamtfelder wirken, was sie auch selbst herbeiführen bzw. beeinflussen kann (Mehr-Felder-Ansatz: Stemberger 2009, 2018b. ...
Chapter
Full-text available
Summary: The paper [in German language] outlines the key concepts of Gestalt Theoretical Psychotherapy, a strictly Gestalt psychology based psychotherapy method. Preprint of the book chapter: Zabransky, Dieter; Eva Wagner-Lukesch; Gerhard Stemberger & Angelika Böhm (2018): Grundlagen der Gestalttheoretischen Psychotherapie. In: M. Hochgerner et al. (Hrsg.), Gestalttherapie. Zweite Auflage. Wien: Facultas, 132-169.
... It occurs frequently in the psychotherapeutic situation -whether noticed or unnoticed, whether deliberately induced or spontaneous -on the side of the psychotherapist as well as on the side of the client. If the phenomenon is well understood in its conditions and effects, this may contribute to a better practical and theoretical understanding of the psychotherapeutic situation and the psychotherapeutic process and may also be used deliberately to improve the procedure in diagnosis and therapy (multiple field approach, Stemberger, 2009aStemberger, , 2009bStemberger, , 2018. ...
Article
Full-text available
The present work focuses on the transformations of the psychotherapeutic field through the relationship dynamics which occur within it. The first part of this article starts with a brief outline of the Gestalt psychological understanding of the field concept, also in its application to the psychotherapeutic situation, followed by a brief review of the introduction of the field concept into the psychoanalytic theory formation. After this, the first author first presents the theoretical concept underlying a new approach he has developed for observing the relationship dynamics in psychotherapy. Mirroring a formation of both psychoanalytic and Gestalt theory of the main author, this new approach is based on the combination of psychoanalytic and Gestalt psychological concepts. According to the clinical experience and insights of the author, the phenomenological and relational approach of Gestalt theory fits well with the psychoanalytic approach; on this basis, a criterion for recording the progress of therapy can be developed. This criterion is the phenomenology of the development of the qualities of the relationships of the client, as they become visible in his dream narrations and the subsequent associations in the analysis room and continue to develop during the session and the further course of therapy. The relationship dynamics in the dream narration is thus compared with those which develop in the course of the subsequent associations. This is demonstrated and further elaborated in the second part of this article on the basis of a clinical case. The clinical example shows how the relationship dynamics develop in this sense in the individual therapy sessions and over a longer course of therapy. The associated transformations of the therapeutic field give a good indication of the progress of therapy. The main author gained such insights into the transformations of the therapeutic field and the progression of therapy, which are visible in the course of therapy, from the careful application of the criterion “MDAC of relational dynamics”. In the specific case, there was also a high degree of correspondence between the results of the application of this phenomenological criterion and the empirical evidence of the symptom questionnaire, a self-report measure requested by the patient himself during the course of the therapy.
Chapter
Full-text available
While the initial research on the wandering mind usually saw it as a problem, recent research tends to have a more positive view of its adaptive functions. This has also influenced our understanding of meditative practice. While mindfulness techniques have often been argued to reduce mind wandering, it has been suggested that nondirective meditation facilitates mind wandering and default mode network activity. This chapter explores the implications of this for emotional processing. It is based on an fMRI study suggesting that nondirective meditation activates the default mode network and in particular brain areas associated with emotional processing.KeywordsMind-wanderingEmotional processingNondirective meditationDefault mode network
Chapter
We provide an overview of the “lines” and “circles” of knowledge that represent the key to reading this collective volume. The two sections of the book are described, introducing the content of each chapter and their connections, resonances and dialectics. The goal of the book is to present an overview of the many interesting emerging perspectives on mind wandering in human development and education. Through it we recreate a dance of interacting parts: scrolling through the different contributions, one can grasp the rhythm of convergences and interconnections that animates them. The gaze is generative-systemic because we are attentive both to the emergency processes and to the interactions between parts(zigzag).KeywordsMind-wanderingNeurosciencesCultural-historical psychologyGenerativityHigher mental functions
Preprint
Full-text available
Zusammenfassung: Psychotherapie-Klientinnen und-Klienten mit unterschiedlichen klinischen Beschwerdebildern wurde die Möglichkeit von Bildbegegnung und Bilderleben mit Gemälden des belgischen Malers Georges Meurant geboten. Diese Gemälde weisen unter anderem die besondere Qualität auf, dass sich bei eingehender Bildbetrachtung in der Regel der Eindruck eines flüssigen Gestaltwandels einstellt. Die ursprüngliche Sorge, dass diese besondere Qualität von Klientinnen und Klienten in bestimmten Problemlagen ungünstig aufgenommen werden könnte, hat sich in der Untersuchung nicht bestätigt. Die Begegnung mit den Gemälden Meurants erweist sich vielmehr als potentiell unterstützend und bereichernd für diejenigen, die sich auf diese Art des Erlebens einlassen können und wollen und eine Lebenssituation und Stabilität aufweisen, die ihnen eine konstruktive Nutzung solcher Möglichkeiten in einem dafür geeigneten therapeutischen Rahmen erlauben. Die Begegnung mit diesen Gemälden erwies sich zugleich als "ungefährlich" für diejenigen, für die ein Bilderleben überfordernd sein könnte - natürliche Selbstschutzpotentiale lassen in ihrem Fall ein solches Erleben erst gar nicht zu.
Article
Full-text available
The paper presents basic Gestalt theoretical concepts of ego and self. They differ from other concepts in the way that they do not comprehend ego and self as fixed entities or as central controlling instances of the psyche, but as one specific organized unit in a psychological field in dynamic interrelation with the other organized units—the environment units—of this field. On this theme, well-known representatives of Gestalt theory have presented some general and special theories since the early days of this approach that could partly be substantiated experimentally. They illuminate the relationship between ego and world in everyday life as well as in the case of mental disorders. Not only the spatial extension of the phenomenal ego is subject to situational changes, but also its place in the world, its functional fitting in this world, its internal differentiation, its permeability to the environment, and much more. The German Gestalt psychologist Wolfgang Metzger emphasizes the significant functional role that this dynamic plasticity of the phenomenal world and its continuously changing segregation of ego and environment have for human life by designating the phenomenal world as a “Central Steering Mechanism.” In this article, ego and self as part of this field in their interrelation with the total psychological field will be illuminated from the perspective of the thinking of the Gestalt psychologists Max Wertheimer, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Kurt Lewin, Wolfgang Metzger, Mary Henle, Edwin Rausch, and Giuseppe Galli.
Article
Full-text available
The present work focuses on the transformations of the psychotherapeutic field through the relationship dynamics that occur within it. The first part of this article starts with a brief outline of the Gestalt psychological understanding of the field concept, also in its application to the psychotherapeutic situation, followed by a brief review of the introduction of the field concept into the psychoanalytic theory formation. After this, the first author first presents the theoretical concept underlying a new approach he has developed for observing the relationship dynamics in psychotherapy. Mirroring a formation both psychoanalytic and gestaltic of the main author, this new approach is based on the combination of psychoanalytic and Gestalt psychological concepts. According to the clinical experience and insights of the author, the phenomenological and relational approach of Gestalt theory fits well with the psychoanalytic approach; on this basis, a criterion for recording the progress of therapy can be developed. This criterion is the phenomenology of the development of the qualities of the relationships of the client, as they become visible in his dream narrations and the subsequent associations in the analysis room, and continue to develop during the session and the further course of therapy. The relationship dynamics in the dream narration is thus compared with those that develop in the course of the subsequent associations. This is demonstrated and further elaborated in the second part of this paper on the basis of a clinical case. The clinical example shows how the relationship dynamics develop in this sense in the individual therapy sessions and over a longer course of therapy. The associated transformations of the therapeutic field give a good indication of the progress of therapy. The main author gained such insights into the transformations of the therapeutic field and the progression of therapy, which are visible in the course of therapy, from the careful application of the criterion “manifest dream/associations comparison of relational dynamics”. In the specific case, there was also a high degree of correspondence between the results of the application of this phenomenological criterion and the empirical evidence of the symptom questionnaire, a self-report measure requested by the patient himself during the course of the therapy.
Book
Full-text available
Inhalt: Gerhard Stemberger: Zur Einleitung Zu den Grundkonzepten der Gestalttheorie: Die Gestalttheorie als Schule des Respekts - Die Rolle der Teile im Ganzen und die Zentrierung - Die Gestalttheorie als Verfahrenslehre - Beziehungen zwischen Text und Bild - Theorie des zielgerichteten Handelns bei Metzger. Die Person im Gleichgewicht von Ich und Wir: Die Rolle des Ich bei den Begründern der Gestalt-theorie - Norbert Elias: Die Balance zwischen Ich und Wir - Tzvetan Todorov: Gleichgewicht zwischen teleologischen und intersubjektiven Aktivitäten. Gestalttheorie der sozialen Tugenden: Die Dynamik der Vergebung - Dankbarkeit und Erkenntlichkeit - Vertrauen in der Arzt-Patient-Beziehung - Zärtlichkeit und ihre Sprache. Gestaltpsychologie und Ethik: Anthropologische Modelle der Gestalttheorie - Autonomie der Person und Autorität - Struktur der Ethik von Ricoeur und von Max Wertheimer. Gestalttheorie in Klinischer Psychologie und Psychotherapie: Psychoanalyse und Gestalttheorie im Vergleich - Lewins wissenschaftstheoretische Begriffe und die Psychoanalyse - Die Theorie des Bezugssystems und ihre Anwendung in der klinischen Situation (mit Giancarlo Trombini). Gestaltpsychologie und Entwicklungspsychologie: Metzgers Verständnis der Fähigkeiten des Säuglings und die heutige Forschung (Anna Arfelli Galli) - Individuationsprozesse im Jugendalter Gestaltpsychologie u. Neurowissenschaft: Unterscheidung Organismus und Körper - Rolle der Sprache in der Beziehung zwischen Phänomenologie und Neurowissenschaften
Article
Full-text available
Der Beitrag stellt grundlegende gestalttheoretische Auffassungen von Ich und Selbst vor. Sie unterscheiden sich von anderen Konzepten darin, dass sie Ich und Selbst nicht als feststehende Gegebenheiten oder als steuernde Zentralinstanzen des Psychischen verstehen, sondern als Teil eines psychologischen Feldes in dynamischer Wechselbeziehung zu ihrer psychologischen Umwelt. Zu diesem Thema haben namhafte Vertreter der Gestalttheorie der Berliner Schule seit der Frühzeit dieses Ansatzes einige allgemeine und spezielle Thesen vorgelegt, die zum Teil auch experimentell belegt werden konnten. Sie beleuchten das Ich-Welt-Verhältnis im Alltäglichen wie auch im Fall von psychischen Störungen. Situativen Veränderungen unterworfen ist schon die Ausdehnung des phänomenalen Ich, aber auch sein Ort in der Welt, seine funktionale Einpassung, seine Binnendifferenzierung, seine Durchlässigkeit zur Umwelt und vieles mehr. Die bedeutende funktionale Rolle dieser Plastizität der phänomenalen Welt in ihrer wechselnden Ich-Umwelt-Gliederung für das Leben der Menschen hebt Wolfgang Metzger hervor, indem er die anschauliche Welt als „zentrales Steuerungsorgan“ bezeichnet. Ich und Selbst als Teile dieses Feldes in ihrer Wechselbeziehung zum psychischen Gesamtfeld werden im vorliegenden Beitrag aus der Perspektive von Max Wertheimer, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Kurt Lewin, Wolfgang Metzger, Mary Henle und Giuseppe Galli beleuchtet.
Book
Das Buch untersucht, ob und wie die Kraft des eigenen Vorstellungsvermögens für Erziehung und Bildung fruchtbar gemacht werden kann. Die teilweise erstaunlichen Wirkungen verschiedener Imaginationsverfahren, wie etwa die empirisch belegten Effekte des Mentaltrainings, der klinischen Hypnose, etlicher kognitiv-behavioraler Therapien und autosuggestiver Techniken, scheinen auf einem gemeinsamen Muster zu beruhen: Die Vorstellung trägt dazu bei, daß das Vorgestellte Realität wird. Nicht nur "Prophezeiungen", auch Erfolgs- und Mißerfolgsvorstellungen können sich also selbst erfüllen. Diese "Macht" der Imagination ist auch in pädagogischen Feldern anwendbar, um Erziehungs- und Bildungsprozesse zu unterstützen. In experimentellen Studien wird unter anderem die Placebo-Hypothese überprüft: Hängt dieser Vorstellungseffekt davon ab, ob die Lernenden von der Wirksamkeit der jeweiligen Imaginationsintervention überzeugt sind? Dieser Ansatz wird gegen populär-esoterische bzw. parawissenschaftliche Lehren abgegrenzt, die sich teils auf ähnliche Annahmen - allerdings in einer hochspekulativen Weise - berufen, wie das "positive Denken", das neuro-linguistische Programmieren und die Suggestopädie.
Preprint
Curriculum discourse focuses understandably, on the formal and enacted curriculum; however, studies demonstrate that much of individuals’ waking hours are spent in task-unrelated thinking and mind-wandering. No less, this pervasive phenomenon has been shown to affect us in many ways that can be linked to education. This paper examines this null-hidden inner curriculum that is enacted within students’ minds when they are not attentive to the formal/enacted curriculum. Drawing on a review of research in cognitive science, the paper develops a theory of ‘the mind as a curriculum deliberator’ and explains how the mind can be seen as ‘schooling itself’. Different states of mind such as mind-wandering, rumination and mindfulness are discussed in terms of their educational effects and a systematic framework that renders them in curricular terms is suggested. Based on this analysis, the paper aims to mobilize this inner curriculum from opaqueness and absence to a more explicit presence in curricular discourse, in an attempt to broaden our understanding of how the mind can both enhance and hinder education.
Book
For at least half of the twentieth century, psychology and the other mental health professions all but ignored the significant adaptive pos­ sibilities of the human gift of imagery. Our capacity seemingly to duplicate sights, sounds, and other sensory experiences through some form of central brain process continues to remain a mysterious, alma st miraculous skill. Because imagery is so much a private experience, experimental psychologists found it hard to measure and turned their attentian to observable behaviors that could easily be studied in ani­ maIs as well as in humans. Psychoanalysts and others working with the emotionally disturbed continued to take imagery informatian se­ riously in the form of dream reports, transferenee fantasies, and as indications of hallucinations or delusions. On the whole, however, they emphasized the maladaptive aspects of the phenomena, the dis­ tortions and defensiveness or the "regressive" qualities of daydreams and sequences of images. The present volume grows out of a long series of investigations by the senior author that have suggested that daydreaming and the stream of consciousness are not simply manifestations in adult life of persist­ ing phenomena of childhood. Rather, the data suggest that imagery sequences represent a major system of encoding and transforming information, a basic human capacity that is inevitably part of the brain's storage process and one that has enormous potential for adap­ tive utility. A companian volume, The Stream of Consciousness, edited by Kenneth S. Pope and Jerome L.
Article
Curriculum discourse focuses understandably, on the formal and enacted curriculum; however, studies demonstrate that much of individuals’ waking hours are spent in task-unrelated thinking and mind-wandering. No less, this pervasive phenomenon has been shown to affect us in many ways that can be linked to education. This paper examines this null-hidden inner curriculum that is enacted within students’ minds when they are not attentive to the formal/enacted curriculum. Drawing on a review of research in cognitive science, the paper develops a theory of ‘the mind as a curriculum deliberator’ and explains how the mind can be seen as ‘schooling itself’. Different states of mind such as mind-wandering, rumination and mindfulness are discussed in terms of their educational effects and a systematic framework that renders them in curricular terms is suggested. Based on this analysis, the paper aims to mobilize this inner curriculum from opaqueness and absence to a more explicit presence in curricular discourse, in an attempt to broaden our understanding of how the mind can both enhance and hinder education.