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Abstract

Klimaerwärmung, ein gigantischer Plastikteppich im Meer, Atomtests – das Wirken des Menschen geht nicht spurlos an unserem Planeten vorbei. Der Ausdruck „Anthropozän“ (von anthropos, der Mensch) ist ein Vorschlag, das gegenwärtige Erdzeitalter nach dem Menschen, dem wichtigsten Einflussfaktor, zu benennen. Das Anthropozän-Konzept sieht einen verantwortungsbewussten Umgang mit den verschiedenen Ebenen und Prozessen des Erdsystems vor und bietet auch Ansätze für eine hochwertige Bildung. (in: Gemeinsam Lernen. Zeitschrift für Schule, Pädagogik und Gesellschaft, 3/2018, 8-14, Debius)
8GEMEINSAM LERNEN GLOBAL GOALS
© stock.adobe.co m, Dublin (Gianluca D.Muscelli)
DAS ANTHROPOZÄN
Ein integratives Wissenschafts-
und Bildungskonzept
Von Reinhold Leinfelder
Der Mensch als wichtigster Einfl ussfaktor für
biologische, geologische und atmosphärische
Prozesse auf der Erde. Hier eine Satelittenauf-
nahme europäischer Städte bei Nacht.
© Wochenschau Verlag
Preview, for personal use only; published 2 July 2018 as:
Leinfelder, R. (2018): Das Anthropozän. Ein integratives Wissenschafts- und Bildungskonzept.- Gemeinsam lernen. Zeitschrift für Schule,
Pädagogik und Gesellschaft. 3/2018 (Themenheft Global Goals), S. 8-14, Schwalbach/Ts (Debus/Wochenschau).
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GLOBAL GOALS GEMEINSAM LERNEN
Die von der „Working Group“ vorgeschlagene
geochronologische Neugliederung des Quartärs.
Die Anthropozän-Epoche beginnt danach in der Mitte
des 20. Jahrhunderts (nach Zalasiewicz et al. 2017b).
Klimaerwärmung, ein gigantischer Plastikteppich im Meer, Atomtests – das Wirken
des Menschen geht nicht spurlos an unserem Planeten vorbei. Der Ausdruck
„Anthropozän“ (von anthropos, der Mensch) ist ein Vorschlag, das gegenwärtige
Erdzeitalter nach dem Menschen, dem wichtigsten Ein ussfaktor, zu benennen.
Das Anthropozän-Konzept sieht einen verantwortungsbewussten Umgang mit den
verschiedenen Ebenen und Prozessen des Erdsystems vor und bietet auch Ansätze
für eine hochwertige Bildung.
Der Eingri des Menschen in die Umwelt hat Ausmaße
erreicht, die schwer vorstellbar sind – quantitative
Abschätzungen dazu erö nen die Dimension: So hat
der Mensch bislang mehr als drei Viertel der eisfreien
festen Erde umgestaltet – eine „Urnatur“ ist hier nicht
mehr vorhanden (vgl. Waters et al. 2016; Williams et
al. 2016; Leinfelder 2017). Die Unterscheidungen zwi-
schen Natur und Kultur funktioniert damit nicht mehr.
Heutige Naturlandschaften sind überwiegend auch
Kulturlandschaften. Ähnlich sieht es in den Meeren
aus, in denen die Über schung gewaltige Ausmaße
erreicht. Korallenri e und andere marine Ökosysteme
sind zusätzlich durch Meereserwärmung, Versauerung,
Überdüngung sowie andere Schadsto e gefährdet.
Eine ganz besondere Rolle spielt auch das Ausmaß
der Nutzung nicht nachwachsender Ressourcen – so
verwendet der Mensch nicht nur fossile Energieträger,
deren Verbrennung den anthropogenen Klimawandel
bedingen, sondern auch Unmengen anderer Rohsto e,
wie Sand, Kalk, Eisenerze oder seltene Erden, um daraus
Gebäude, Infrastrukturen, Geräte und Maschinen zu
produzieren, deren Erstellung und Betrieb dann wiede-
rum gigantische Mengen von Energie benötigen. Eine
aktuelle wissenschaftliche Abschätzung besagt, dass
die Menschheit bislang die unvorstellbare Menge von
30 Billionen Tonnen an Technosphäre hergestellt hat.
40 % dieser Technosphäre be nden sich in und unter
den Städten dieser Welt. Andere technische Produkte,
wie insbesondere Kunststo e, verteilen sich über die
ganze Erde. So hat der Mensch insgesamt etwa 8,3
Milliarden Tonnen Kunststo e erstellt. Während die
Vorkriegsproduktion minimal war und 1950 erst etwa
1,5 Millionen Tonnen produziert wurden, stieg die
jährliche Produktion auf nunmehr über 320 Millionen
Tonnen, was schon fast der Biomasse aller lebenden
Menschen entspricht. 2,5 Milliarden Tonnen des insge-
samt produzierten Plastiks sind immerhin derzeit noch
in Gebrauch, weltweit betrachtet wird allerdings nur
ein sehr kleiner Teil recycelt oder verbrannt, während
etwa 4,9 Milliarden Tonnen, also ca. 60 % allen bislang
produzierten Plastiks in die Umwelt gelangt sind, sei es
in geologisch nicht dauerhaften Deponien oder direkt
in die Umwelt auf Land und im Meer (siehe Zalasiewicz
et al. 2016; Geyer et al. 2017).
Das Anthropozän – Ein Mehrebenenansatz
Der Begri Anthropozän – wörtlich übersetzt das
„menschlich Neue“ oder auch „menschengemachte
Neue“ – steht begri ich in einer Linie mit der geochro-
nologischen Unterteilung der jüngeren Erdgeschichte,
reichend vom Paläozän (dem „alten Neuen“) über Eozän
(dem „aufgehenden Neuen), Oligozän (dem „etwas
Neuen“), Miozän (dem „kleineren Neuen“), Pliozän (dem
„mehr Neuen“), Pleistozän (dem „am meisten Neuen“)
bis zum Holozän (dem „völlig Neuen“). Der Begri soll
zum Ausdruck bringen, dass wir die erdgeschichtlich
relativ stabile Epoche des Holozäns hinter uns gelassen
haben und in eine neue Epoche eingetreten sind, in
welcher der Mensch zu einer dominanten Kraft des
Erdsystems geworden ist (Crutzen/ Stoermer 2000,
Crutzen 2002, Waters et al. 2016).
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Als Geburtsstunde des Anthropozän-Begri s und
darauf au auend des Anthropozän-Konzepts wird
allgemein eine Tagung der Erdsystemwissenschaft-
ler/-innen im Jahr 2000 in Mexiko angesehen. Erdsys-
temwissenschaftler/-innen versuchen, die Prozesse
des Erdsystems und damit das Zusammenspiel von
Lithosphäre, Pedosphäre, Hydrosphäre, Biosphäre und
Atmosphäre zu verstehen. Dabei wird auch der Ein uss
des Menschen (Soziosphäre bzw. Anthroposphäre)
auf diese Natursphären und damit auf die Stabilität
des Erdsystems bewertet. Die Erdsystemanalyse bildet
damit die erste konzeptionelle Ebene des Anthropo-
zän-Konzepts (Abb. 2). Die von den Erdsystemwissen-
schaftler/-innen festgestellten menschlichen Eingri e
sind inzwischen geradezu von gigantischem Ausmaß:
Der Mensch ist zu einem ganz wesentlichen Erdsys-
temfaktor geworden, indem er die feste Erdober äche,
die Ozeane und die Atmosphäre massiv verändert und
regionale wie globale Wasser-, Sediment-, Klima- und
Sto kreisläufe dominiert sowie die biologische Vielfalt
enorm dezimiert und die Organismen durch Dominanz
der von ihm gezüchteten Nutzp anzen und Nutztiere
homogenisiert (vgl. Ellis et al. 2013).
Obwohl also die Umwelteingri e durch den Men-
schen zwar grundsätzlich gut untersucht und allgemein
bekannt sind, werden deren globale Auswirkungen
und vor allem auch die Unumkehrbarkeit der meisten
dieser Prozesse jedoch immer noch weitgehend ver-
drängt. Dabei ist es schlichtweg eine Tatsache, dass
die umweltstabile Zeit des Holozäns bereits hinter uns
liegt. Das Erdsystem verändert sich rasant, die Gefahr
eines Kippens in einen völlig neuen Status ist groß,
insbesondere wenn es nicht gelingt, die anthropogene
Klimaerwärmung auf global höchstens 2°C zu begren-
zen, wobei selbst eine Erwärmung um „nur“ 2°C bereits
deutlich außerhalb der Spannbreite des Holozäns liegt.
Die Hypothese des Anthropozän-Konzeptes besagt,
dass die Menschheit das Erdsystem bereits in einer
Weise verändert hat, welche diese Veränderungen
unumkehrbar macht. Durch alle vorliegenden Daten
scheint dies inzwischen leider bestätigt. Wie weit sich
das neue Erdsystem von dem des Holozän entfernt,
wird jedoch durchaus noch von unserem zukünftigen
Handeln abhängen (vgl. Ste en et al. 2016).
Daraus ergibt sich eine zweite konzeptionelle Ebene,
die wiederum an einer Hypothese festzumachen ist.
Diese besagt, dass sich die Veränderungen des Erdsys-
tems auch dauerhaft niederschlagen, also geologisch
überlieferungsfähige Signaturen in den heutigen
und zukünftigen Sedimenten liefern werden. In der
von der Internationalen Kommission für Stratigra e
eingesetzten Working Group on
the ‚Anthropocene‘ untersuchen
derzeit Geologen und weitere
Erdwissenschaftler/-innen mit
Unterstützung vieler weiterer
Fach disz ipli nen, inwi ewei t die Ver-
änderungen des Erdsystems sich
auch in veränderten und damit
für das Anthropozän charakteris-
tischen sedimentären Signaturen
manifestieren. Dem Vorschlag von
Nobelpreisträger Paul Crutzen
folgend, würde dann die bislang
letzte erdgeschichtliche Epoche,
das nacheiszeitliche, global so
umweltstabile Holozän, also auch
formal von einem Anthropozän
abgelöst werden. Der aktuelle
Diskussionsvorschlag der Arbeits-
gruppe (zu der auch der Autor
gehört) zieht die Grenze zwischen
Das komplexe, viele Aspekte umfassende, integrative Anthropozän-Konzept lässt sich in
verschiedene konzeptionelle Ebenen gliedern (aus Leinfelder 2017b).
Die von den Erdsystemwissenschaftler/-innen
festgestellten menschlichen Eingri en sind
inzwischen geradezu von gigantischem Ausmaß
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beiden Erdzeitaltern in der Mitte des 20. Jahrhunderts
und charakterisiert sie durch den radioaktiven Fallout
der Atombombentests sowie der seit 1950 stark
beschleunigten Zunahme von „Technofossilien“ wie
Plastik, elementarem Aluminium (welches in der Natur
in dieser Form so gut wie nicht vorkommt), industri-
ellen Ascheteilchen, Betonfragmenten sowie vielen
weiteren geologisch überlieferungsfähigen Relikten
unserer Wachstums- und Wegwerfgesellschaften, die
dauerhaft in die Sedimente eingebettet werden. Aber
nicht nur Geowisssenschaftler/-innen, sondern auch
Ökolog/-innen, Historiker/-innen, Soziolog/-innen,
Kulturwissenschaftler/-innen und Künstler/-innen
verwenden den Begri des Anthropozäns immer u-
ger und bezeichnen damit übergreifend sämtliche
Aspekte der teils zerstörerischen Umweltveränderung
durch den Menschen.
Dies führt zur dritten konzeptionellen Ebene des
Anthropozäns, die wiederum an einer Hypothese
festgemacht werden könnte. Diese würde auf die
Hoffnung hinauslaufen, dass die zur immensen
geologischen Kraft gewordene Menschheit, die das
Erdsystem an den Rand eines möglichen Kippens ge-
bracht hat, auf der Basis ihres Wissens auch in der Lage
sein sollte, die Erde gleichsam „wissensgärtnerisch“
und das Vorsorgeprinzip beachtend so zu gestalten,
dass wir Menschen zu einem integrativen Teil eines
funktionsfähigen anthropozänen Erdsystems werden.
Im besten Falle wäre damit die Grundlage gerechter
Entwicklungschancen für gegenwärtige und künftige
Generationen gescha en. Diese Hypothese beruht auf
der Einsicht, dass die Menschheit sich zwingend als dem
Erdsystem zugehörig begreifen muss. Wir können nicht
vom Erdsystem, sondern nur mit dem Erdsystem leben.
Als Metapher ausgedrückt: Erträge einer gut geführten
Stiftung kann man dauerhaft nutzen; sobald man al-
lerdings das eingelegte Stiftungskapital angreift, wird
die Stiftung über kurz oder lang nanziell kollabieren.
Auch das Erdsystem wirft genügend an verwendbaren
Ressourcen ab, um damit auch ein gutes Leben für
die Menschheit zu ermöglichen, allerdings nur, wenn
die „Stiftung Erde“ gut geführt, nicht übernutzt wird
und ihre Funktionsprozesse verstanden werden. Aus
diesem Verständnis heraus ergibt sich ein Imperativ
zu anthropozänem (Um-)Denken und Handeln: Politik
oder Wirtschaft alleine können eine erdsystemische
Integration der Menschheit nicht gewährleisten, da
gerade auch individuelles Handeln in der Summe
globale Auswirkungen hat. Daher sind alle zu einer
verträglichen, nachhaltigen Nutzung der Erde verp ich-
tet. Der derzeitige „Parasitismus“ des Menschen an der
Natur müsste sich wandeln zu einer echten Symbiose
von Mensch und Natur, im Sinne eines gegenseitigen
Nutzens (vgl. Leinfelder 2013, 2016a).
Ressourcenschutz und Rohsto e zienz im
Anthropozän
Zur Analyse und zur Etablierung des Anthropozäns
sind aus geogra scher Sicht globale Bestandsaufnah-
men und Monitoring etwa zur Geschwindigkeit der
Ab holzung tropischer Regenwälder, zu den Ausma-
ßen von Umweltschäden aus dem Bergbau, zum
Flächen verbrauch der Landwirtschaft und der Städte
notwendig. Aus geologischer Sicht tragen wir ganze
Berge ab, schneiden neue Täler, erscha en neue
Seen, legen andere trocken, fangen das Sediment
hinter Staudämmen ab, lassen damit auch Deltas
schrump fen, ändern das Klima und heben sogar den
Meeresspiegel an. Dies alles entspricht nicht mehr den
vorhersagbaren natürlichen Erosions-, Strömungs- und
Sedimentationsprozessen, wie es Geolog/-innen in
ihrer Ausbildung gelernt haben, so dass auch Erosions-,
Sedimentations- und Gesteinsbildungsprozesse neu
de niert werden müssen. Aus biologischer Sicht sind
wir heute nicht mehr von Biomen umgeben, also von
borealen oder tropischen Wäldern, Tundren, Savannen,
Steppen, Buschland oder Wüsten, sondern wir haben
Politik oder Wirtschaft alleine können eine
erdsystemische Integration der Menschheit
nicht gewährleisten
Klimawandel betri t alle.
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die Welt ganz überwiegend in Anthrome, also men-
schengemachte, von uns genutzte Kulturlandschaften
umgewandelt. Aus philosophischer Sicht ändert dies
alles nicht nur unsere geogra schen Landkarten, in
denen klassischerweise natürliche Vegetationszonen
eingezeichnet waren, sondern auch unser Denken.
Der Dualismus zwischen Natur und Kultur hat sich
aufgelöst, es macht nicht mehr Sinn, von einer unsere
kulturell veränderten Regionen umgebenden Umwelt
(„environment“) zu sprechen, wir könnten stattdessen
den BegriUnswelt“ (Leinfelder 2011) verwenden,
in die wir uns im besten Fall symbiotisch integrieren
könnten. Dazu müssten wir allerdings viel besser ver-
stehen lernen, dass nicht nur der dieser Menschheit zur
Verfügung stehende Platz begrenzt ist, sondern dass
wir eben auch ausschließlich von den Ressourcen dieser
Welt abhängen. Diese sind nur zum Teil nachwachsend
(biologische Ressourcen für Kleidung, Nahrungsmittel,
Holz, etc.), sofern wir die Bedingungen für das Nach-
wachsen, also Bodenqualität, Wasserverfügbarkeit,
Nährsto verfügbarkeit, Klima nicht aushebeln, oder,
wie eben bei der Wasser- und Nährsto verfügbarkeit,
durch Bewässern und Düngen nachhelfen. In sehr wei-
ten Teilen bestehen die von uns verwendeten Sto e
aber aus einmaligen (nicht bzw. nur innerhalb langer
erdgeschichtlicher Skalen erneuerbarer) Ressourcen.
Ausblick: Das integrative Anthropozän – auch ein
neuer Bildungsansatz?
Insgesamt hebt das Anthropozän die Notwendigkeit
und Möglichkeit einer Zukunftsgestaltung entlang ver-
handelbarer gesellschaftlich wünschbarer Wege hervor,
deren Begehung allerdings hinsichtlich potenzieller
Nebenwirkungen durchdacht sein und regional wie
global durch Monitoringsysteme überwacht werden
muss. Nicht wünschbar ist in den meisten Fällen der
Weg eines „weiter so wie bisher“. Möglich sind aber
auch reaktive, su ziente, bioadaptive oder High-
Tech-Wege. Ein reaktiver Weg versucht, bestehende
Probleme mit eher klassischen Mitteln zu beseitigen,
und dabei keine neuen zu scha en. Ein su zienter
Weg sieht neue Möglichkeiten in einem „weniger ist
Zukunftsfünfeck: verschiedene Zukunftsszenarien zum Thema Ernährung.
© nach Leinfelder 2016b, Illustrationen: Humboldt-Universität und Riikka Laakso, Faezeh Shakoori Dizaji, Emil Sommerfeldt,
Jay Daniel Wright (aus Hamann et al. 2017)
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Die Gerechtigkeit zwischen den heutigen
und zukünftigen Generationen hängt vom
wissensbasierten gärtnerischen Umgang mit
der Erde ab.
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mehr“. Ein bio adaptiver Weg nimmt die Naturprozesse
als Vorbild und betont die Kreislaufwirtschaft. Auch
ein High-Tech-Weg kann uns – unter Bedacht der Res-
sourcenverwendung – helfen, deutlich nachhaltiger
zu leben, etwa indem beim Themenkreis Ernährung
eine High-Tech-Landwirtschaft auch Heckensysteme,
Feuchtgebiete und Lerchenfenster aufgrund intelli-
genter Technologien nicht als Betriebshindernisse,
sondern als Produktionsunterstützung begreift, bei
der Bestäuberinsekten gefördert oder Nistplätze für
zur Verfügung gestellt werden, damit Vögel ihrerseits
Schädlinge in Schach halten (Leinfelder 2017c).
Essenziell gerade auch für die soziale und kulturelle
Legitimierung von sozialen und technischen erdsys-
temverträglichen Zukunftslösungen ist dabei eine
umfassende Kommunikation mit der Ö entlichkeit,
bei der Umweltproblematiken sowie kulturelle, soziale,
politische und technische Herausforderungen disku-
tiert werden, aber auch Beteiligungs-, Ausprobier- und
Mitgestaltungsmöglichkeiten gescha en werden und
damit auch Selbstwirksamkeitserfahrungen unter-
stützt werden. So hat beispielsweise jeder einzelne
im Anthro pozän in der Küche nicht nur den Kochlö el,
sondern auch den Schalthebel der Globalisierung mit
in der Hand und entscheidet damit auch über den
Energie- und Ressourcenverbrauch sowie die Gestal-
tung der Biosphäre mit. Nur durch eine Diskussion
nicht nur der Wahrscheinlichkeiten, sondern auch der
Möglichkeiten und darauf basierend der Wünschbar-
keiten (vgl. Leinfelder 2016b) kann es gelingen, dass
die neue Zeit des Anthropozäns tatsächlich zu einer
langen erdgeschichtlichen Epoche wird, in der sich
menschliche Gesellschaften in ein funktionsfähiges
Erdsystem integriert haben.
Psychologischen Herausforderungen, etwa der
„beliebten“ Externalisierung von Schuldzuweisungen,
aber auch von fehlender Selbst wirksamkeitserfahrung
bis hin zu fehlender Sinn gebung kann hierbei mit
Konzepten aus der positiven Psychologie zumindest
teilweise begegnet werden. So können sich aus einer
Vernetzung von Genussfähigkeit, Selbstakzeptanz und
Selbstwirksamkeit mit Achtsamkeit, Sinnkonstruktion
und Solidarität die wesentlichen Grundlagen zur per-
sönlichen Verortung und zur individuellen Ausrichtung
einer nachhaltigen, nicht von Verzicht und Geboten
dominierten Lebensführung ergeben.
Gerade beim gemeinsamen schulischen Lernen
können hier insbesondere Selbstwirksamkeit, Solida-
rität und Sinnkonstruktion entwickelt und gestärkt
werden. Im Kontext des Anthropozäns sollte also eine
Verknüpfung narrativer und partizipativer Ansätze
sicherlich dazu beitragen können, auch der eigenen,
selbst mitgestaltbaren zukünftigen persönlichen
Lebensgeschichte eine Sinnhaftigkeit zu geben, sie
dazu in einen solidarischen Nachhaltigkeitsbezug zu
stellen und anhand geeigneter Projekte gestärkter
Selbstwirksamkeitserfahrungen auch entsprechen-
des kooperatives Verhalten und Handeln zu initiieren
und durchzuhalten. Dazu benötigen wir jedoch einen
deutlich systemischeren Ansatz zum Verständnis der
Zusammenhänge des Erdsystems, wie ihn insbesondere
die schulische Bildung mit neuen Narrativen, neuen
Beteiligungsformaten und fächerübergreifendem
Unterricht vermitteln kann. Alles hängt mit allem
zusammen, wie könnte dies besser veranschaulicht
und begri en werden, als durch die Erkenntnis, wie
stark unser gesamtes Leben und Handeln mit dem
Erdsystem verknüpft ist und wie sehr die Gerechtigkeit
zwischen den heutigen und zukünftigen Generationen
vom wissensbasierten gärtnerischen Umgang mit der
Erde abhängt?
Selbst beim Kochen das große Ganze im Blick behalten und
Energie- und Ressourcenverbrauch
bedenken.
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Der Beitrag basiert in Teilen auf einem Tagungsmanu-
skript, siehe Leinfelder 2017b
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Ste en, W./Leinfelder, R. et al. (2016): Stratigraphic and
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nic changes in production and consumption across the
biosphere. Earth’s Future. DOI: 10.1002/2015EF000339
Prof. Dr. Reinhold Lein felder
_ist Leiter der Arbeitsgruppe
Geobiologie und Anthropozän-For-
schung am Institut für Geologische
Wissenschaften der Freien Univer-
sität Berlin.
_reinhold.leinfelder@fu-berlin.de
Reinhold Leinfelder
et al. (Hrsg):
Die Anthropozänküche
Ein Wissenscomic
Springer Verlag
Berlin/Heidelberg 2016
248 S., 27,99
ISBN 978-3-662-49871-21
Für die schulische Verwen-
dung gibt es kostenlose
Lehrerhandreichungen
Tipp
Der Autor führt einen Blog zum Thema „Der
Anthropozäniker – von der Umwelt zur Uns-
welt“
https://scilogs.spektrum.de/der-anthropo-
zaeniker/
Der Comic entstand im inter- und transdisziplinären
Projekt ‚Die Anthropozän-Küche‘ am Exzellenzcluster
‚Bild Wissen Gestaltung‘ an der Humboldt-Univer-
sität zu Berlin, mit dem Ziel, komplexe Wechselwir-
kungen und Verknüpfungen von Natur-, Kultur- und
Gesellschaftsaspekten beim Thema Ernährung in
multimodaler Weise zu vermitteln.
Eine vollständige Literaturliste zum Artikel kann über die
E-Mail-Adresse des Autors abgerufen werden.
(www.anthropocene-kitchen.com).
© Wochenschau Verlag
... Als Denkrahmen für entsprechende transformative Bildungsprozesse birgt das Anthropozän-Konzept ein großes Potenzial (Sippl & Scheuch, 2019). Ausgehend von dem Bewusstsein um die geologisch nachweisbaren, massiven Eingriffe des Menschen in das Erdsystem fordert die Ausrufung eines neuen Erdzeitalters, des Anthropozäns, dazu auf, Kompetenzen für eine wissensbasierte, nachhaltige Gestaltung der Zukunft zu vermitteln (Leinfelder, 2018(Leinfelder, , 2018a. ...
Preprint
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Das Anthropozän-Konzept, das die komplexe Mensch-Natur-Beziehung in Zeit und Raum reflektiert, fordert auch die Literaturvermittlung heraus, ausgehend von der Prämisse, „dass Literatur mitverantwortlich ist für unser kulturell geprägtes Verständnis von Natur und den Umgang mit ihr“ (Wanning, 2016, 115). Wie lassen sich literarisches und transformatives Lernen in der Primarstufe verbinden? Dieser Beitrag fokussiert das Potenzial aktueller Bilderbücher, auch im Kontext von Mehrsprachigkeit, und zeigt mögliche Forschungszugänge im Bereich der kulturökologischen Literaturdidaktik auf, theoretisch fundiert durch das dynamische Konzept des Ecocriticism.
Chapter
Full-text available
Der vorliegende Beitrag erarbeitet ein Verständnis von Werte- und Sinnsystemen für das Mentoring und konnektiviert dabei unterschiedliche theoretische und empirische Ansätze, um ein tieferes Verständnis von einem wertorientierten Mentoring zu generieren. Im Besonderen greift der Beitrag auf die Wertekategorien von Frankl (1946) sowie auf die Wertetheorie von Spranger (1955) und Schwartz (1992) zurück. Die vielfältigen Perspektiven auf ein wertorientiertes Mentoring ermöglichen ein „Sowohl-als-auch“ in der theoretischen Fundierung und in der Praxis des Mentorings. Im Beitrag wird ein integratives, strukturdynamisches Wertemodell vorgestellt, um die Ausrichtung vielfältiger Werte und Wertekategorien aus unterschiedlichen theoretischen Herangehensweisen aufzeigen zu können. Ohne Orientierung, „ohne Richtung, ohne Sinn ist keine Handlung möglich“ schreibt Adler (1937, S. 182), denn das Denken und Handeln stehen im Einklang mit der „grundlegenden persönlichen Ausrichtung“ (Nicolay, 2005, S. 526). Auch nach Spranger (1922, S. 114) formen sich immer „bestimmte Sinn- und Werterichtungen in [… einer] Struktur“ heraus, wodurch Wertorientierungen und Lebenswerte entstehen, die unser Handeln und Verhalten leiten. Werte und Sinn verweisen dabei meist wie ein „Pfeil auf Entwicklung und Werden“ (Längle, 2005), dabei nehmen Werte und Sinn „Bezug auf eine Grundstruktur von Sein“ (ebd.), wodurch immer „eine Richtung ein[ge]schlagen“ (ebd.) wird (Wiesner, 2019). In jeder Struktur gibt es vielfältige Ausrichtungen an unterschiedlichen Werten und Sinnorientierungen, diese verlangen im Grunde eine „Elastizität“ (Frankl, 1946, S. 91), um auch elastische Adaptionen von Werten durch transformatives (Um-)Lernen zu ermöglichen (Mezirow, 1981, 1991).
Article
Full-text available
Das Thema Anthropozän als geologisches und kulturelles Konzept bietet einen Denkrahmen insbesondere für Bildungsprozesse, die sich mit der Mensch-Natur-Beziehung auseinandersetzen. Es fordert eine interdisziplinäre Zugangsweise, die naturwissenschaftliche Methoden und kulturwissenschaftliche Konzepte verbindet. Dieser Beitrag zeigt am Beispiel des Themenbereichs Wasser, welche didaktischen Möglichkeiten sich im Sachunterricht der Volksschule fächerverbindend eröffnen, wenn die im Lehrplan verankerte direkte Begegnung mit der Natur mit lokalen Narrativen verbunden wird. Learning with Water in the Anthropocene - Interdisciplinary Learning in Grade Primary Abstract The topic anthropocene is a geological and a cultural concept at the same time. Therefore it is an interesting framework for education, for learning about and reflecting the human-nature relationship. It demands an interdisciplinary approach to link science and humanities. This contribution takes water as an example for learning with an overarching phenomenon in primary school connecting all subjects. The isolated topics of the curriculum are linked with concrete experience outdoors and interwoven by an overarching anthropocene narrative.
Conference Paper
Full-text available
Einleitung: Der Eingriff des Menschen in die Umwelt hat Ausmaße erreicht, die schwer vorstellbar sind – Quantitative Abschätzungen dazu eröffnen die Dimension: so hat der Mensch bislang mehr als drei Viertel der eisfreien festen Erde umgestaltet – eine "Urnatur" ist hier nicht mehr vorhanden [Ellis & Ramankutty 2008, Ellis et al. 2010, Ellis 2011]. Die Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur funktioniert nicht mehr. Heutige Naturlandschaften sind überwiegend auch Kulturlandschaften. Ähnlich sieht es in den Meeren aus, in denen die Überfischung gewaltige Ausmaße erreicht und auch Meeres-erwärmung, Versauerung, Überdüngung sowie andere Schadstoffe Korallenriffe und Plankton gefährden. Eine ganz besondere Rolle spielt auch das Ausmaß der Nutzung nicht nachwachsender Ressourcen – so verwendet der Mensch nicht nur fossile Energieträger, deren Verbrennung den anthro¬pogenen Klimawandel bedingen, sondern auch Unmengen anderer Rohstoffe, wie Sand, Kalk, Eisenerze oder seltene Erden, um daraus Gebäude, Infrastrukturen, Geräte und Maschinen zu produzieren, deren Erstellung und Betrieb dann wiederum Energie benötigt. Eine aktuelle wissen-schaftliche Abschätzung besagt, dass die Menschheit bislang die unvorstellbare Menge von 30 Billionen Tonnen an Technosphäre hergestellt hat, 40% dieser Technosphäre befinden sich in und unter den Städten dieser Welt [Zalasiewicz et al. 2017a]. Andere technische Produkte, wie insbesondere Kunststoffe verteilen sich über die ganze Erde. So hat der Mensch insgesamt etwa 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoffe erstellt [Geyer et al. 2017]. Während die Vorkriegsproduktion minimal war und 1950 erst etwa 1,5 Millionen Tonnen produziert wurden, stieg die jährliche Produktion auf nunmehr über 320 Millionen Tonnen, was schon fast der Biomasse aller lebenden Menschen entspricht [Zalasiewicz et al. 2016, Leinfelder & Ivar do Sul, im Druck ]. 2,5 Milliarden Tonnen des insgesamt produzierten Plastiks sind immerhin derzeit noch in Gebrauch, weltweit betrachtet wird allerdings nur ein sehr kleiner Teil recycelt oder verbrannt, während etwa 4,9 Milliarden Tonnen, also ca. 60% allen bislang produzierten Plastiks in die Umwelt gelangt sind, sei es in geologisch nicht dauerhaften Deponien oder direkt in die Umwelt auf Land und im Meer [Geyer et al. 2017]. Bau und Betrieb technischer Maschinen aus Naturressourcen ermöglicht wiederum, andere Ressourcen, darunter Phosphate abzubauen und in Form von Kunstdüngern auf landwirtschaftliche Flächen zu bringen oder für die Nahrungsmittelproduktion in anderer Weise zu verwenden. Eine aktuelle Studie trug die verfügbaren Daten zusammen [Williams et al. 2016, auch für weitere Literatur]: Zwischen 1910 und 2005 verdoppelte sich hiernach der menschengemachte Anteil an der pflanzlichen Nettoprimärproduktion (NPP) von 13 auf 25% der globalen Vegetation, was auch eine Verdoppelung des Eintrags an reaktivem Stickstoff und Phosphor in die Umwelt bewirkte sowie gewaltige Anteile an fossiler Energie für die landwirtschaftliche Produktion erfordert. 2014 wurden 225 Millionen Tonnen fossiler Phosphate abgebaut, für 2018 werden 258 Millionen Tonnen prognostiziert. Die Szenarien für den Anteil des Menschen an der gesamten pflanzlichen Primär¬produktion bis zum Jahr 2050 belaufen sich auf 27 bis 44% NPP. In einer gewissen Geschwindigkeit in Form von Guano grundsätzlich nachwachsendes Phosphat ist längst abgebaut. Ganze Inseln wurden dazu umgestaltet und teilweise entvölkert [zur tragischen Geschichte des Phosphatabbaus auf den Pazifikinseln Banaba und Nauru siehe z.B. Ellis 1936, Folliet 2011, Jaramillo 2016, Teaiwa, 2015, 2017]. Insbesondere die Landwirtschaft benötigt heute enorme Mengen an Phosphaten, welche fast ausschließlich aus wenigen fossilen und endlichen Vorkommen der Kreide und Alttertiärzeit abgebaut werden, mit einer gewaltigen geopolitisch bedeutsamen Monopol¬stellung in der heute an Marokko angegliederten Westsahara [USGS 2016]. Der Abbau dieser Vorkommen ist technisch aufwendig und wegen der vielen assoziierten Schwermetalle enorm umweltkritisch [e.g. BGR 2013, PotashCorp 2014, Benjelloun 2016]. Obwohl also Phosphat eine sehr endliche geologische Ressource darstellt, bringt der Mensch zwischenzeitlich mehr in den Phosphatkreislauf ein, als die Natur an Phosphat aus Verwitterung und natürlichen Recycling-prozessen zur Verfügung stellt. Somit gelangt nun also mehr als das Doppelte des vorindustriellen Werts an reaktivem Phosphor in die Umwelt, womit die planetarische Grenze für den Phosphor-kreislauf [sensu Rockström et al. 2009 und Steffen et al. 2015] bereits überschritten sind. In Deutsch-land gingen zwar die Phosphatkonzentrationen in Fließgewässern durch den Stopp der Verwendung von Phosphaten für im Privathaushalt verwendete Waschmittel sowie verbesserte Kläranlagen deutlich zurück, allerdings nahmen die Ausflüsse aus der Landwirtschaft weiter zu. Insgesamt haben aber landwirtschaftliche Prozesse den größten Anteil an den Phosphateinträgen in die Umwelt [Meier 2017]. Da Phosphate, wie auch viele andere, bislang vor allem aus fossilen Ressourcen hergestellte technische Produkte für unsere heutigen Gesellschaften essenziell sind, erscheint ein näherer Blick auf die Gesamtproblematik der Eingriffe des Menschen in die Umwelt angebracht. Das Anthropozän-Konzept bietet hier eine neue Sicht sowohl auf die Vernetztheit und das Ausmaß von Umweltproblematiken, als auch auf mögliche Lösungsansätze an.
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Stratigraphy provides insights into the evolution and dynamics of the Earth System over its long history. With recent developments in Earth System science, changes in Earth System dynamics can now be observed directly and projected into the near future. An integration of the two approaches provides powerful insights into the nature and significance of contemporary changes to Earth. From both perspectives, the Earth has been pushed out of the Holocene Epoch by human activities, with the mid-20th century a strong candidate for the start date of the Anthropocene, the proposed new epoch in Earth history. Here we explore two contrasting scenarios for the future of the Anthropocene, recognizing that the Earth System has already undergone a substantial transition away from the Holocene state. A rapid shift of societies toward the UN Sustainable Development Goals could stabilize the Earth System in a state with more intense interglacial conditions than in the late Quaternary climate regime and with little further biospheric change. In contrast, a continuation of the present Anthropocene trajectory of growing human pressures will likely lead to biotic impoverishment and a much warmer climate with a significant loss of polar ice.
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Biospheric relationships between production and consumption of biomass have been resilient to changes in the Earth system over billions of years. This relationship has increased in its complexity, from localised ecosystems predicated on anaerobic microbial production and consumption, to a global biosphere founded on primary production from oxygenic photoautotrophs, through the evolution of Eukarya, metazoans, and the complexly networked ecosystems of microbes, animals, fungi and plants that characterise the Phanerozoic Eon (the last ~541 million years of Earth history). At present, one species, Homo sapiens, is refashioning this relationship between consumption and production in the biosphere with unknown consequences. This has left a distinctive stratigraphy of the production and consumption of biomass, of natural resources, and of produced goods. This can be traced through stone tool technologies and geochemical signals, later unfolding into a diachronous signal of technofossils and human bioturbation across the planet, leading to stratigraphically almost isochronous signals developing by the mid-20th century. These latter signals may provide an invaluable resource for informing and constraining a formal Anthropocene chronostratigraphy, but are perhaps yet more important as tracers of a biosphere state that is characterised by a geologically unprecedented pattern of global energy flow that is now pervasively influenced and mediated by humans, and which is necessary for maintaining the complexity of modern human societies.
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Human activity is leaving a pervasive and persistent signature on Earth. Vigorous debate continues about whether this warrants recognition as a new geologic time unit known as the Anthropocene. We review anthropogenic markers of functional changes in the Earth system through the stratigraphic record. The appearance of manufactured materials in sediments, including aluminum, plastics, and concrete, coincides with global spikes in fallout radionuclides and particulates from fossil fuel combustion. Carbon, nitrogen, and phosphorus cycles have been substantially modified over the past century. Rates of sea-level rise and the extent of human perturbation of the climate system exceed Late Holocene changes. Biotic changes include species invasions worldwide and accelerating rates of extinction. These combined signals render the Anthropocene stratigraphically distinct from the Holocene and earlier epochs. Copyright
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For the past three centuries, the effects of humans on the global environment have escalated. Because of these anthro-pogenic emissions of carbon dioxide, global climate may depart significantly from natural behaviour for many millennia to come. It seems appropriate to assign the term ‘Anthropocene’ to the present, in many ways human-dominated, geological epoch, supplementing the Holocene—the warm period of the past 10–12 millennia.
  • R Leinfelder
Leinfelder, R. (2011): Von der Umweltforschung zur Unsweltforschung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Forschung und Lehre, S. N5, 12.10.2011 (http://bit.ly/2AGsXr9)
Früher war die Zukunft auch besser
  • R Leinfelder
Leinfelder, R. (2013): "Früher war die Zukunft auch besser" -Teil 1: Ausrede-Mechanismen. Der Anthropozäniker. https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/frueher-war-die-zukunft-auch-besser/
  • R Leinfelder
Leinfelder, R. (2016a): Vom Parasitismus zur Symbiose. Zu den drei Hauptebenen des Anthropozäns. Politik & Kultur 3, S. 20. http://bit.ly/2D8LvDg