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Referenz im Diskurs - Theoretische und methodische Ansätze

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Referenz im Diskurs - Theoretische und methodische Ansätze

Abstract and Figures

Die Grundbegriffe der Referenz, ihre fundamentalen Operationen und Bedingungen werden anhand zahlreicher Beispiele erläutert. Die Analyse wird durch ein Verkaufsgespräch illustriert. Es wird ein Diskursmodell entwickelt, das die referentielle Struktur eines Textes oder Dialogs repräsentiert, und die Struktur der Dateien, in denen es implementiert wird, wird spezifiziert.
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CLIPP
Christiani Lehmanni inedita, publicanda, publicata
titulus
Referenz im Diskurs – Theoretische und
methodische Ansätze
huius textus situs retis mundialis
http://www.christianlehmann.eu/publ/lehmann_referenz.pdf
dies manuscripti postremum modificati
18.02.2015
occasio orationis habitae
26. Konferenz Elektronische Sprachsignalverarbeitung 2015,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, 25. bis 27.
März 2015
volumen publicationem continens
Wirsching, Günther (ed.), Elektronische Sprachsignal-
verarbeitung 2015. Tagungsband der 26. Konferenz
Eichstätt, 25.-27. März 2015. Dresden: TUDpress
(Studientexte zur Sprachkommunikation, 78)
annus publicationis
2015
paginae
31-49
R
EFERENZ
[CL1]
IM
D
ISKURS
T
HEORETISCHE UND METHODISCHE
A
NSÄTZE
Christian Lehmann
Universität Erfurt
christian.lehmann@uni-erfurt.de
Abstract: Die Grundbegriffe der Referenz, ihre fundamentalen Operationen und
Bedingungen werden anhand zahlreicher Beispiele erläutert. Die Analyse wird durch ein
Verkaufsgespräch illustriert. Es wird ein Diskursmodell entwickelt, das die referentielle
Struktur eines Textes oder Dialogs repräsentiert, und die Struktur der Dateien, in denen
es implementiert wird, wird spezifiziert.
1
Vorbemerkung
Der Zweck dieses Beitrags ist es, eine Theorie der Referenz zu skizzieren, die in der Entwicklung
eines Systems zur Verarbeitung natürlicher Sprache anwendbar ist. Es wird zunächst ein
umfassender begrifflicher Rahmen zur linguistischen Erfassung der Referenz in Texten inkl.
Dialogen entworfen; sodann wird der Fokus auf solche Diskurse eingeengt, wo überwiegend auf
in der Sprechsituation vorhandene Gegenstände referiert wird. Die Frage der Anaphernauflösung
wird nur gestreift.
2
Theoretische Basis
2.1
Wesen der Referenz
Eine Theorie der Referenz setzt eine Antwort auf der Frage der Beziehung zwischen Sprache und
Wirklichkeit bzw. genauer, zwischen Rede und Wirklichkeit voraus. Sie haben keine unmittelbare
Beziehung zueinander. Ein sprachlicher Ausdruck referiert nicht auf einen Gegenstand in der
„realen Welt“. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, sich ein paar Beispiele natürlichen
Sprachgebrauchs anzusehen:
B1. Suche ein japanisches Restaurant im Zentrum.
B2. Wenn es ein japanisches Restaurant im Zentrum gäbe, würde ich es wissen.
B3. A: Wenn ich in Düsseldorf bin, gehe ich in ein japanisches Restaurant.
B: a) Kannst Du es empfehlen?
b) Kannst Du eines empfehlen?
Der Sprecher, der (vielleicht zu seinem Smartphone) B1 sagt, hat eine Vorstellung eines
Gegenstandes, auf den die Beschreibung „japanisches Restaurant im Zentrum“ passt. Er hofft,
dass es ein Objekt der realen Welt gibt, das dieser Vorstellung entspricht. Diese Erwartung kann
zutreffen oder falsch sein. Der Sinn von B1 ist in beiden Fällen derselbe. Noch deutlicher ist das
in B2: demselben Ausdruck ein japanisches Restaurant im Zentrum entspricht in dem hier
relevanten Redeuniversum kein Objekt in der Wirklichkeit. In B3 ist es noch anders: Sprecher A
kann meinen, dass es ein japanisches Restaurant gibt, in das er immer geht; und in dem Falle wäre
die Reaktion #a von Sprecher B angebracht. A kann aber auch auf verschiedene Etablissements
referieren, auf die seine Beschreibung zutrifft; und in dem Falle wäre Reaktion #b angebracht. Im
Falle #a würde B inferieren, dass es in Düsseldorf ein gewisses reales Objekt gibt, auf das A sich
bezieht. Im Falle #b gibt es eine nicht abgegrenzte Menge von Gegenständen, die der
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
2
Beschreibung genügen. In keinem Falle hängt der Sinn von der tatsächlichen Existenz solcher
Gegenstände ab.
Hieraus wird klar, dass Referenz in erster Linie auf mentale Objekte geht. Einige mentale Objekte
sind Repräsentationen physikalischer Objekte, andere nicht. Der zweite Typ kommt vor in Plänen,
Wünschen, Gedankenexperimenten, Romanen, Träumen, Lügen, irrigen Erinnerungen,
wissenschaftlichen Theorien und dergleichen. Zwischen Sprache und Wirklichkeit besteht also
eine zweifache oder vermittelte Beziehung, wie in Abbildung 1 dargestellt.
Sprache
Denken
Wirklichkeit
Äußerung Bewusstsein Welt
referierender
Ausdruck Referent Denotatum
sprachlicher Ausdruck
repräsentiert
Vorstellung
repräsentiert
manchmal physikalisches
Objekt
Abbildung 1
Sprache – Denken - Wirklichkeit
Kurzum, was manche Leute einschließlich der meisten Philosophen einen Referenten nennen,
nennen Linguisten ein Denotat. Referenten befinden sich nicht in der physikalischen Welt,
sondern im Redeuniversum – einem mentalen Raum, der während einer Sprechsituation erzeugt
und entwickelt wird und auf den wir in §2.3.1.2.3.1 zurückkommen.
Ob einer gewissen von uns unterhaltenen Vorstellung ein raumzeitliches Objekt entspricht,
können wir in gewissem Maße kontrollieren. Es ist gelegentlich überlebenswichtig; aber für die
Struktur und Bedeutung sprachlicher Äußerungen und Systeme ist es irrelevant. Ob im Einzelfall
die Gesprächspartner annehmen, dass die Referenten, mit denen sie ihr Redeuniversum bevölkern,
realexistente Objekte repräsentieren, hängt von einer Reihe von Faktoren ab, die m.W. noch nie
systematisch untersucht worden sind. Solche Faktoren sind in erster Linie Aspekte der
Sprechsituation, also der Sprecher und der Hörer, Art und Zweck ihrer Interaktion, ob sie ernst
oder humorig sind, usw. Ich komme in §3 auf Sprechsituationen zurück, die typischerweise realen
Gegenständen gewidmet sind. Nebenbei bemerkt: die augenblickliche Sprechsituation gehört
nicht dazu.
Es könnte scheinen, dass ich den Referenten eines Ausdrucks mit der lexikalischen Bedeutung der
Zeichen verwechsle, aus denen er sich zusammensetzt. Die letztere ist jedoch ein Gegenstand
noch anderer Art.
B4. Erinnerst Du Dich an ihren früheren Präsidenten? Der Kerl hat sich doch schon wieder der
Strafverfolgung entzogen.
Der erste Satz in B4 führt mit dem Nominalsyntagma ihren früheren Präsidenten einen Refe-
renten in das Redeuniversum ein. Derselbe Referent ist mit dem Nominalsyntagma der Kerl im
folgenden Satz gemeint. Die sprachliche Bedeutung der beiden Ausdrücke ist völlig verschieden,
aber ihr Referent ist derselbe. Da er Teil eines Redeuniversums ist, ist ein Referent aktuell und
flüchtig, im Gegensatz zu einer lexikalischen Bedeutung, die virtuell und stabil ist. Ein Referent
ist also Teil des Sinns einer kontextualisierten Äußerung; nur in loser Redeweise ist er Teil der
Bedeutung eines (isolierten) Satzes.
Referenz ist die Operation, die eine Entität, Referent genannt, im Redeuniversum durch einen
Ausdruck in einem Text evoziert. In abgeleitetem Sinne ist es auch die Relation des Ausdrucks zu
der Entität. Ein Referent kann ein Individuum sein, wie Erna, oder eine Menge, wie drei weiße
Pferde. Man kann auf beliebige Arten von Entitäten referieren. Allerdings sind nicht alle Arten
sprachlicher Ausdrücke referentielle Ausdrücke, will sagen, Ausdrücke mit dem Potential zu
referieren. Eine Teilmenge von Ausdrücken ist referentiell; sie schließt Nominalsyntagmen und
die weiteren in §2.2 behandelten Kategorien ein. Eine weitere Menge ist prädikativ anstatt
referentiell, d.h. sie schreibt Referenten Eigenschaften und Relationen zu. Diese Menge schließt
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
3
verbale, nominale und adjektivische Syntagmen in attributiver oder prädikativer Funktion ein. Die
dritte Menge hat keine dieser kommunikativen Funktionen und schafft stattdessen sprachliche
Struktur. Das sind grammatische Formative wie wenn, oder, sein, von usw.
2.2
Referentielle Ausdrücke
Es ist zunächst zu unterscheiden zwischen referentiellen Ausdrücken und solchen sprachlichen
Kategorien und Prozessen, die Referentialität mitkodieren, ohne selbst einen Referenten zu
repräsentieren. Die letztere Menge umfasst solche Strukturmittel wie Konstituentenstellung und
Prosodie, in anderen Sprachen aber auch bestimmte grammatische Formative.
Die Menge der referentiellen Ausdrücke selbst ist zunächst zu unterteilen in solche von nominaler
oder pronominaler Natur und solche anderer Kategorien. Die ersteren sind auf einer Skala
abnehmender Komplexität oder Explizitheit angeordnet, die in Tabelle 1 wiedergegeben ist.
1
a) Nominalsyntagma mit Kopf und (satzartigem oder adjektivischem) Attribut
b) Nominalsyntagma mit Kopf und lexikalischem possessiven Attribut
c) Nominalsyntagma mit Kopf und Determinator
d) Eigenname
e) bloßes Appellativum
f) emphatisches Pronomen
g) neutrales Pronomen
h) klitisches personales Formativ
i) gebundenes personales Formativ (Affix)
j) leeres personalpronominales Formativ (ZERO)
Tabelle 1
Explizitheitsskala (pro-)nominaler Ausdrücke
Die auf Position #c der Skala figurierenden Determinantien bilden ihrerseits eine Skala, die der
Tabelle 1 parallel läuft, indem sie von Demonstrativ- und Possessivpronomina über affixale bis zu
Null-Determinantien hinunterreicht und insbesondere auch alle Arten von Artikeln umfasst.
Die nicht-(pro-)nominalen Kategorien referentieller Ausdrücke sind Sätze einerseits und
adverbiale Syntagmen einschließlich Adpositionalsyntagmen andererseits. Ein Satz kann einen
Referenten im Redeuniversum etablieren, der dann anaphorisch aufgenommen werden kann, wie
in B5.
B5. Erna behauptet, dass sie auf den Händen gehen kann. Ich glaube das nicht.
Sätze können nominalisiert werden, wie B5 zeigt. Komplementsätze haben syntaktische Eigen-
schaften mit Nominalsyntagmen der Positionen #a – #c auf der Explizitheitsskala gemeinsam und
könnten auch die oberste Position auf ihr besetzen. Adverbialien können analysiert werden als
zusammengesetzt aus einem nominalen Ausdruck und einem Kasusrelator, der dessen adverbiale
Rolle kodiert. Z.B. ist hier dem Ausdruck an diesem Ort gleichwertig, der einen referentiellen
Ausdruck der Kategorie #c enthält.
2.3
Referentielle Operationen
Referenz ist ein komplexer, aus elementaren Operationen zusammengesetzter Akt, welche
ihrerseits gemäß den Zielen und Bedingungen der Sprechsituation gewählt werden. Jeder Referent
1
In der Literatur kursieren verschiedene Versionen dieser Skala. Eine ziemlich vollständige erscheint in Ariel
1990:73; eine für das Englische vereinfachte Version steht in Van Valin & LaPolla 1997:201.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
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muss irgendwo verankert und zu einem gewissen Grade individuiert sein. Diese beiden Aufgaben
werden von den beiden fundamentalen Referenzoperationen, Verankerung und Individuation,
erfüllt, wie in Abbildung 2 dargestellt.
Verankerung
Verankerung in mentalen Räumen
Verankerung in der Sprechsituation
Individuation
spezifische Referenz
unspezifische Referenz
Abbildung 2
- Referenzoperationen
2.3.1
Verankerung
Ein Referent ist Teil der Schnittmenge des Bewusstseins der Gesprächspartner. Schafft man einen
Referenten, veranlasst man folglich seinen Gesprächspartner, eine Vorstellung in seinem
Bewusstsein zu schaffen. Um das zu erreichen, rekurriert der Sprecher auf etwas, was er bereits
mit dem Hörer gemeinsam hat, nämlich den Anker des Referenten. Abbildung 3 veranschaulicht
die Räume und Operationen, durch die Referenten verankert werden.
Abbildung 3
Verankerung von Referenten
Das schwarze R repräsentiert den Referenten. Er steht im Redeuniversum an dem Punkte der
Zeitleiste, der mit ‚jetzt’ bezeichnet ist. Die Pfeile stehen für die Weisen, in denen der Referent
verankert sein kann, und die entsprechenden Referenzoperationen. Ein Referent kann entweder
mental oder physikalisch verankert sein. Drei mentale Räume kommen in Betracht:
enzyklopädisches Wissen, gemeinsame Erfahrung und das Redeuniversum. Der einzige phy-
sikalische Raum, in dem Referenten verankert sein können, ist die Sprechsituation.
Da die drei Räume des enzyklopädischen Wissens, der gemeinsamen Erfahrung und des
Redeuniversums mentale Räume sind, haben sie teilweise die gleiche Struktur und können
überlappen. Die vier Anker schließen einander nicht aus; ein Referent kann in mehr als einem
dieser Räume verankert sein, z.B. gleichzeitig im enzyklopädischen Wissen und im Rede-
universum.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
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2.3.1.1 Verankerung in der Sprechsituation: Deixis
Die Sprechsituation ist die Situation, in der der Sprechakt abläuft. Sie ist also eine Situation in
der physikalischen Welt und folglich eine komplexe raumzeitliche Entität zweiter Ordnung im
Sinne von Lyons’ (1977, Kap. 11.3) Ontologie des naiven Realismus. Ihre Komponenten sind die
folgenden:
Sie ist im dreidimensionalen Raum lokalisiert.
Sie hat zeitliche Ausdehnung.
Sie umfasst eine Menge physikalischer Objekte, insbesondere:
Sprecher/Sender
Hörer/Empfänger
Nachricht.
Zudem kann es in der Sprechsituation weitere Gegenstände und von den Sprechaktteilnehmern
ausgeführte Handlungen geben. Die Komponenten der Sprechsituation sind in Abbildung 4
dargestellt:
Abbildung 4
Komponenten der Sprechsituation
Deixis ist die Referenzoperation, die einen Referenten in (einer Komponente) der Sprechsituation
verankert. Während der Anker in der Sprechsituation ist, braucht der Referent nicht in der
Sprechsituation zu sein. Wenn er es ist und den Gesprächspartnern das bewusst ist, muss die
Referenz nicht einmal eigene sprachliche Mittel verwenden.
B6. Legen Sie sie auf den Tisch!
Wenn der Sprecher B6 sagt, weist er mit dem definiten Artikel darauf hin, dass er annimmt, dass
der Hörer weiß, welchen Tisch er meint; aber kein sprachliches Mittel in der Äußerung bedeutet
ihm, dass es der Tisch vor ihnen ist. Wenn die Gesprächspartner einen Wein verkosten, kann sich
der Sprecher sogar auf B7 beschränken.
B7. Schmeckt ganz gut.
Die Ellipse des Subjekts ist hier gleichzeitig ein Fall von Nulldeixis. Natürlich können sowohl
Nulldeixis als auch overte Deixis von entsprechenden Gesten begleitet sein.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
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Die Komponenten der Sprechsituation begründen die Arten von Deixis, die in Tabelle 2 auf-
geführt sind.
Anker in der Sprechsituation deiktische Kategorie
Sprecher ‘ich’ Personendeixis
Ort des Sprechers ‘hier’ Raumdeixis
Zeitpunkt der Äußerung ‘jetzt’ Zeitdeixis
Aktivität in der Sprechsituation ‘so’ modale Deixis
Nachricht [was der Sprecher sagt] Textdeixis
Tabelle 2
Deiktische Kategorien
Personendeixis ist am Sender verankerte Deixis. Sie umfasst den Sender, Empfänger und
einen eventuellen Nebensteher sowie diese einschließende Mengen von Personen.
Raumdeixis ist am Ort der Sprechsituation verankerte Deixis. Sie lokalisiert Gegenstände und
Orte mit Bezug auf den Anker.
Zeitdeixis ist am Zeitpunkt des Sprechakts verankerte Deixis. Sie bezieht sich auf Zeitpunkte
und -perioden.
Modale Deixis ist Deixis, die an einer in der Sprechsituation vorgehenden Aktivität verankert
ist. Sie referiert auf die Art und Weise einer Aktivität.
Textdeixis ist in dem, was gerade gesagt wird, und folglich in der Nachricht als einer Kom-
ponente der Sprechsituation verankert. Das Zentrum der Textdeixis ist der gerade geäußerte
Abschnitt. Unterscheidungen beziehen sich üblicherweise
auf den vorangehenden vs. folgenden Text, z.B. mit der obige vs. der folgende
beim vorangehenden Text auf dessen weitere vs. kürzere Entfernung, z.B. mit der erstere
vs. der letztere.
Wie man sieht, ist Textdeixis i.w. auf die Nachricht angewandte Raum- bzw. Zeitdeixis.
2.3.1.2 Verankerung in mentalen Räumen
2.3.1.2.1 Verankerung im enzyklopädischen Wissen: Beschreibung
Für die Zwecke einer Referenztheorie ist enzyklopädisches Wissen jegliches den Mitgliedern
einer Sprachgemeinschaft gemeinsame und in ihrem Lexikon gespeicherte Wissen. Es umfasst
Entitäten verschiedener Art. Einige sind Mengen, die von einem Appellativum oder einem
beschreibenden nominalen Ausdruck bezeichnet werden, wie Einhörner, Franzosen oder federlose
Zweibeiner. Andere sind von einem Eigennamen oder einer definiten Beschreibung bezeichnete
Individuen, wie der Mount Everest oder der höchste Berg der Welt. Darüber hinaus umfasst das
enzyklopädische Wissen die Eigenschaften und Beziehungen zwischen solchen Entitäten. Im
enzyklopädischen Wissen verankerte Referenz soll deskriptive Referenz heißen.
Da die Referenzanker einander nicht ausschließen, kann das Lexikon in alle Arten referentieller
Operationen involviert sein. Das enzyklopädische Wissen muss dennoch als ein eigener
Verankerungsraum behandelt werden, weil es die einzige Basis für die Einführung eines Refe-
renten darstellen kann (§2.3.1.3), wie z.B. in beiden Versionen von B8
B8. Führen Sie Bildschirmreiniger / die Flüssigkeit zum Reinigen von Computerbild-
schirmen?
Hier hat der Hörer ausschließlich das enzyklopädische Wissen zur Verfügung, um sich eine
Vorstellung vom Gemeinten zu bilden.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
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2.3.1.2.2 Verankerung in gemeinsamer Erfahrung: anamnestische Referenz
Gemeinsame Erfahrung der Sprechaktteilnehmer ist solches Wissen, das sie gemeinsam haben,
weil sie bestimmte Erfahrungen gemeinsam oder in analoger Weise gemacht haben, das aber nicht
notwendigerweise enzyklopädisches Wissen der Sprachgemeinschaft ist. Es ist vielmehr Teil der
Biographie der Gesprächspartner, so dass sie sich daran erinnern können. Es umfasst
typischerweise bestimmte einzelne Gegenstände und diese betreffende Fakten. Referenz auf
solche Gegenstände ist anamnestische Referenz (Himmelmann 1997), so genannt, weil der
Sprecher die gemeinte Entität aus dem Gedächtnis abruft und oftmals dem Adressaten insinuiert,
dass auch er sich daran erinnern kann.
B9. Können wir nochmal in dieses Restaurant gehen, wo es Hühnchen in Schokoladensoße
gibt?
In B9 appelliert der Sprecher durch das Demonstrativum an die Erinnerung des Hörers an eine
gemeinsam gemachte Erfahrung.
2.3.1.2.3
Verankerung im Redeuniversum: Endophora
2.3.1.2.3.1
Grundbegriffe
Rede ist gemeinsame Erzeugung von Sinn. Dabei schaffen die Gesprächspartner ein Rede-
universum. Dies ist eine intensionale Welt, die die Gesprächspartner in einer bestimmten
Sprechsituation schaffen und entwickeln. Es ist folglich ein komplexes mentales Objekt; und zwar
ist es, mit einiger Vereinfachung, die Schnittmenge des Bewusstseinsinhalts der
Gesprächspartner. Als mentales Objekt ist es nicht Teil der Sprechsituation, die ja ein physi-
kalisches Objekt ist. Es hängt aber von der Sprechsituation ab und ist mit ihr synchron.
2
Endophora ist Bezug auf einen Referenten, der schon im Redeuniversum ist. Sie identifiziert ihn
durch einen Ausdruck, der mit einem anderen Ausdruck im Text koreferentiell ist. Das graue R
in Abbildung 3 bezeichnet dieses Vorbestehen des Referenten. Wenn die Ausdrücke X und Y in
dieser Reihenfolge im Text auftreten und koreferentiell sind, dann lassen sich Anapher und
Katapher wie folgt unterscheiden: Enthält X ein auf Y hinweisendes Pronomen, so ist X
kataphorisch zu Y. Enthält X dagegen kein solches Pronomen, so ist X der Antezedent für Y
und Y ist anaphorisch zu X.
Es gibt zwei semantische Subtypen von Anapher. In B10.a ist das anaphorische Pronomen es mit
dem Nominalsyntagma ein paar Schuhe des Vorgängersatzes koreferentiell.
B10. a. Der Verkäufer brachte mir ein Paar Schuhe, und ich zog es an.
b. Der Verkäufer brachte mir ein Paar Schuhe und der anderen Kundin auch eines.
In B10.b nimmt das Pronomen eines dasselbe Nominalsyntagma auf, hat aber einen anderen
Referenten. Diese beiden Arten von Anapher heißen referenzidentische Anapher (identity-of-
reference anaphora) bzw. bedeutungsidentische Anapher (identity-of-sense anaphora). Da
bedeutungsidentische Anapher in Wahrheit nicht einen bereits im Redeuniversum befindlichen
Referenten aufnimmt, fällt sie nicht unter die Definition von Endophora.
Anapher hat zwei wesentliche Komponenten:
Der Referent wird aus dem Bewusstsein oder Gedächtnis abgerufen. Diese Operation ist der
Zugriff (access) auf den Referenten.
Der Referent wird von anderen, im Redeuniversum kopräsenten Referenten unterschieden.
Diese Operation ist Referenzverfolgung (reference tracking).
2
“the universe of discourse is created by the text and has a temporal structure imposed upon it by the text”
(Lyons 1977:670).
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
8
2.3.1.2.3.2
Zugriff auf Referenten
Die Benutzung eines im Redeuniversum etablieren Referenten involviert den Zugriff auf ihn. In
Abhängigkeit von solchen Faktoren wie Diskursprominenz und Entfernung von der letzten
Erwähnung unterscheiden sich die das Redeuniversum bevölkernden Referenten in ihrer Präsenz
im Bewusstsein der Gesprächspartner: einige sind im Moment gerade im Fokus ihrer
Aufmerksamkeit, während andere an den Rand des Bewusstseins gerückt sind. Die Referenten
unterscheiden sich folglich in ihrer Zugänglichkeit für die Referenz (Ariel 1990). Die Skala der
Abbildung 5 stellt von oben nach unten zunehmende Zugänglichkeit dar. Soweit diese durch den
Abstand zur vorigen Erwähnung bedingt ist, ist die in Abbildung 5 von oben nach unten gerichtete
Dimension identisch mit der Zeitachse von Abbildung 3.
Diskursstatus Zugänglichkeit
bezugslos nagelneu unzugänglich
bezogen nagelneu
unbenutzt
parat
aktiv zugänglich
Abbildung 5
Diskursstatus und Zugänglichkeit
von Referenten
Repräsentation Explizitheit
lexikalisches NS explizit
emphatisches Pronomen
neutrales Pronomen
klitisches Pronomen
pronominales Affix
Null implizit
Abbildung 6
Explizitheit referentieller
Ausdrücke
Die Stufen dieser Skala bilden Diskursstatus von Referenten.
3
Sie lassen sich wie folgt erklären:
Dass ein Referent aktiv ist, besagt, dass er im Fokus der Aufmerksamkeit der Gesprächs-
partner ist; d.h. er ist das, worauf sie im Moment der Äußerung konzentriert sind.
Ein Referent ist parat, wenn er eben noch aktiv war; er ist nur relativ zu den gerade aktiven
Referenten im Hintergrund.
Ein Referent ist unbenutzt, wenn er für einige Zeit nicht aktiv gewesen ist.
Ein Referent ist nagelneu, wenn er bisher nicht im Redeuniversum war.
Dass ein Referent bezogen ist, besagt, dass er eine Kontiguitätsrelation zu einem anderen
Referenten hat, der seinerseits nicht nagelneu, sondern vorzugsweise gerade aktiv ist. Solche
Referenz ist indirekte Anapher; s. §2.3.1.3.1.
Der Diskursstatus eines Referenten wird lokal mit lexikalischen und grammatischen Mitteln
kodiert. Der referentielle Ausdruck selbst wird mehr oder weniger explizit sein, wie schon in
Tabelle 1 von §2.2 dargestellt. Eine kondensierte Version davon ist Abbildung 6. Die Skalen von
Abbildung 5 und Abbildung 6 können nebeneinander gestellt werden und korrelieren dann
signifikant (Givón (ed.) 1983).
Außer der Explizitheit benutzen viele Sprachen Determinantien, um den Diskursstatus refe-
rentieller Ausdrücke zu bezeichnen. Das Kontinuum von Abbildung 5 wird dann typischerweise
durch eine binäre Opposition unterteilt, so dass ein indefiniter Determinator für den oberen und
ein definiter für den unteren Abschnitt der Skala benutzt wird.
An dieser Stelle ist auf die Textdeixis zurückzukommen. Der Unterschied zwischen Textdeixis
und Endophora besteht darin, dass der Anker für Textdeixis in der Sprechsituation, nämlich in der
Nachricht ist, während der Anker für Endophora im Redeuniversum ist. Nun läuft aber die in der
Senkrechten der Abbildung 5 implizite Zeitachse der für Textdeixis relevanten Zeitachse parallel.
Daher ist die theoretisch klare Unterscheidung in der Praxis nicht immer leicht anzuwenden.
3
In Lambrecht 1994:165 misst die Skala die von oben nach unten zunehmende Akzeptabilität von Referenten für
die Rolle als Topic. Sie wird aufgenommen in Van Valin & LaPolla 1997:200f.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
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B11. a. Dieser Satz enthält fünf Wörter.
b. Ich meine dies: wir sollten uns nicht übernehmen.
In B11.a liegt Textdeixis vor, in #b jedoch Endophora (Katapher). Es ist leicht zu sehen, wie
Sprecher Textdeixis als Endophora uminterpretieren und, durch Grammatikalisierung, Aus-
drucksmittel der ersteren auf die letztere übertragen können.
2.3.1.2.3.3
Referenzverfolgung
In einem Diskurs wechseln normalerweise verschiedene Referenten einander ab. Die
endophorische Identifikation eines Referenten reduziert sich daher nicht darauf, auf ihn zu-
zugreifen; er muss gleichzeitig von anderen Referenten unterschieden werden. Referenz-
verfolgung ist die (Re-)Identifikation eines bestimmten Referenten durch Unterscheidung von
anderen, im Redeuniversum kopräsenten Referenten.
Die Strategien, die in Sprachen diese Funktion erfüllen, sind i.w. von zweierlei Art: Textdeixis
und Kategorisierung von Referenten bzw. referentiellen Ausdrücken. Bei ersterer wird der
Antezedent durch seine relative Position im Diskurs identifiziert. Dies geschieht auf die in
§2.3.1.1 besprochene Weise, ist also eigentlich keine Strategie der Endophora und bleibt daher im
folgenden außer Betracht.
In der letzteren Strategie werden referentielle Ausdrücke anhand semantischer und grammatischer
Merkmale kategorisiert. Der – lexikalisch oder grammatisch besetzte – anaphorische Ausdruck ist
dann ein Hyperonym des Antezedenten, das gerade spezifisch genug ist, um ihn von Referenten
anderer Kategorien zu unterscheiden. Im äußersten Falle wird ein deskriptiver referentieller
Ausdruck oder Eigenname nochmals benutzt. Sonst sind auch generische Hyperonyme wie
‚Person’, ‚Ding’, ‚Ort’ usw. üblich. Die grammatischen Mittel in Sprachen wie Deutsch sind
Genus und Numerus, wie in B12f.
B12. Die Statue ist so an dem Obelisken aufgestellt, so dass er sie / sie ihn fast verdeckt.
B13. Erwin und seine Freunde diskutierten lange; aber sie konnten ihn / er konnte sie nicht
überzeugen.
2.3.1.3 Einführung eines Referenten
2.3.1.3.1 Verankerungsstrategien
Wie gesagt, muss jeder Referent irgendwo verankert sein. Ist der gerade gemeinte Referent schon
im Redeuniversum, dann ist dies der primäre Anker für weitere Erwähnungen.
B14. Wir kamen in ein altes Dorf; es war halb verfallen.
Durch es wird in B14 kein neuer Referent eingeführt. Stattdessen ist der aktuelle referentielle
Ausdruck mit einem früheren referentiellen Ausdruck koreferentiell. Dies ist mithin ein Fall von
Endophora; s. §2.3.1.2.3.
Wir kommen zu der Bedingung, wo ein zu benutzender Referent noch nicht im Redeuniversum
und folglich erst einzuführen ist. Für diesen Fall gibt es zwei Hauptstrategien. Die erste besteht
darin, dass der Referent in einem der drei anderen Verankerungsräume identifiziert und von dort
ins Redeuniversum kopiert wird. Aus den in Abbildung 3 dargestellten Verankerungen ergeben
sich drei Weisen, einen Referenten nach dieser Strategie einzuführen:
a. Der Referent kann ausschließlich auf der Basis enzyklopädischen Wissens eingeführt werden.
Das ist der Fall von deskriptiver Referenz, der in Beispielen wie B8 vorliegt. In Sprachen wie
Deutsch wird diese Art von Einführung gewöhnlich durch den indefiniten Artikel signalisiert
(vgl. §2.3.1.2.3.2), der freilich in Kontexten wie B8 Null ist. Deskriptive Referenz liegt auch
in unikalen Referenzen vom Typ Mount Everest vor.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
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b. Der Referent kann aufgrund einer gemeinsamen Erfahrung von Sprecher und Hörer ins
Redeuniversum eingeführt werden. Das ist der Fall von anamnestischer Referenz, der in Bei-
spielen wie B9 vorliegt.
c. Der Referent kann aufgrund seiner Verankerung in der Sprechsituation eingeführt werden,
also durch deiktische Referenz. Solche Referenten können in der Sprechsituation präsent sein
und dann durch Ausdrücke wie z.B. du, dieser Finger, so bezeichnet werden. Sie können sich
auch anderswo befinden, aber doch in der Sprechsituation verankert sein, wie in den
Beispielen früher, dein Onkel, jener. Auch Referenten, die sich physikalisch in der
Sprechsituation befinden, sind dadurch nicht automatisch im Fokus der Aufmerksamkeit;
auch sie müssen erst ins Redeuniversum kopiert werden.
Die zweite Hauptstrategie rekurriert wieder auf das Redeuniversum. Zwar ist der Referent ex
hypothesi nicht selbst darin; aber dort befindet sich Information Referenten oder Propositionen
an die er sich anschließen lässt. Das graue S in Abbildung 3 repräsentiert solche im Rede-
universum bestehende Information, an der R verankert ist. Wieder sind drei Fälle zu
unterscheiden:
a. Der neue Referent kann an einem anderen Referenten verankert sein, der seinerseits im
Redeuniversum ist. Dieser und die Relation des neuen Referenten zu ihm können explizit in
dem referentiellen Ausdruck vorkommen. Dieser nimmt dann typischerweise die Gestalt einer
Referenzpunktkonstruktion (Langacker 1993) an, wie in B15.
B15. Wir kamen in ein altes Dorf. Die Kirche dieses Dorfes war halb verfallen.
Der definite Artikel besagt hier wie auch sonst, dass der Referent identifizierbar ist; er ist in
diesem Falle mit dem Referenten des Dorfes gegeben.
b. Falls der als Anker dienende Referent gerade aktiv ist, wie das eben in B15 der Fall ist,
braucht er nicht erwähnt zu werden. Das Ergebnis ist dann B16,
B16. Wir kamen in ein altes Dorf. Die Kirche war halb verfallen.
Auch hier wird der neue Referent ‚Kirche’ an den vorhandenen Referenten ‚Dorf’ ange-
schlossen. Dies bleibt aber implizit; nur der definite Artikel macht darauf aufmerksam, dass
beim gegenwärtigen Zustand des Redeuniversums der Referent des referierenden Ausdrucks
identifizierbar ist. Indirekte Anapher ist die Einführung eines Referenten ins
Redeuniversum aufgrund einer Kontiguitätsrelation mit einem im Redeuniversum bereits
vorhandenen Referenten, wobei letzterer und die Relation implizit bleiben (Schwarz 2000).
Die infrage kommenden Kontiguitätsrelationen heißen Interreferentenrelationen und
werden in §2.3.1.3.2 besprochen.
c. Schließlich kann als Anker auch eine Proposition dienen, aus der man die Existenz des
Referenten inferieren kann. Das ist z.B. in B17f der Fall.
B17. Erna ist verheiratet; aber er liebt sie nicht.
B18. Erna hat den ganzen Tag geangelt; aber sie haben nicht angebissen.
Ein implizierter Referent ist einer, der durch Inferenz aus einer im Redeuniversum vor-
handenen Proposition eingeführt wird. Da Propositionen auch Referenten sein können, kann
die Beziehung des erschlossenen Referenten zu der Proposition auch als eine Inter-
referentenbeziehung konzipiert werden (PPT in Abbildung 7).
Die Strategien der indirekten Anapher und der implizierten Referenz funktionieren auch mit
Verankerung in der Sprechsituation statt im Redeuniversum. In B19 basiert die indirekte Anapher
auf dem in der Sprechsituation befindlichen Buch, auf das der Sprecher zeigen mag. In B20
funktioniert die implizierte Anapher grundsätzlich wie in B18, nur dass die bezogene Situation
Teil der Sprechsituation ist (s. Schwarz 2000:74f).
B19. Kennst du den Autor?
B20. Beißen sie an?
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
11
Wie schon gesagt, kann ein Referent multipel verankert sein.
B21. diese flackernden Lichter
B22. jene Philosophen, die wir gestern trafen
In B21 liegt deiktische und deskriptive Referenz, in B22 deiktische und anamnestische Referenz
vor. Anscheinend ist jede Kombination von Verankerungsräumen zur Einführung eines
Referenten möglich.
Ein Referent, der einmal ins Redeuniversum eingeführt ist, ist nunmehr für die Wiederaufnahme
verfügbar. Das Redeuniversum ist daher der Default-Anker für weitere Erwähnungen; and dafür
ist es gleichgültig, aus welchem Raum der Referent eingeführt wurde. Mit anderen Worten: Wenn
der Referent erst einmal im Redeuniversum ist, kann der Sprecher diesen Umstand nicht
ignorieren. Er kann, wenn er denselben Referenten meint, das Redeuniversum nicht übergehen
und abermals bloß auf enzyklopädisches oder geteiltes Wissen rekurrieren. Deiktische Referenz
allerdings verhält sich hier anders: Wiewohl ein durch Deixis eingeführter Referent sodann
ebenso wie jeder andere für die Endophora verfügbar ist, kann man auf ihn auch abermals
deiktisch referieren, wie in dieser Schuh … dieser Schuh. Hier leistet der referierende Ausdruck
gleichzeitig deiktische und anaphorische Referenz (Levinson 1983:67).
2.3.1.3.2 Interreferentenbeziehungen
Interreferentenbeziehungen sind semantische Beziehungen zwischen Referenten. Sie spielen in
der indirekten Anapher eine bedeutende Rolle, denn da wird ein Referent aufgrund seiner
Beziehung zu einem anderen Referenten identifiziert, was sich in Sprachen wie Deutsch im
Gebrauch des definiten Artikels niederschlägt. Die wichtigsten Interreferentenrelationen sind in
Abbildung 7 systematisiert.
Relation (
REL
)
Inklusion Affiliation
Identität
Individuum
Menge unbelebt <--------------------> belebt
Partizipation
CONTROL
IDENT
PART
ELEM
SUBSET PROD POSS
LOC
SOC
PPT
Abbildung 7
Hierarchie der Interreferentenrelationen
Dies sind alles binäre Relationen. Ihre Argumente sind Referenten, die notationell durch ihren
Referenzindex (s. §3.2.1) repräsentiert sind. Von oben nach unten gelesen, ist Abbildung 7 eine
Taxonomie. Der Oberbegriff REL wird in der Analyse dann verwendet, wenn keine der
spezifischeren Relationen vorliegt.
Die Identitätsrelation (IDENT) besteht zwischen zwei Referenten, die unabhängig voneinander ins
Redeuniversum eingeführt wurden, die sich aber als identisch herausstellen. Angenommen z.B.,
Erna befindet sich bereits im Redeuniversum und trägt den Referenzindex 008. An einem späteren
Punkt des Diskurses (wo der Referent schon unbenutzt i.S.v. Abbildung 5 sein mag) könnte B23
geäußert werden.
B23. Es klopfte an der Tür. Ein Mädchen trat ein. Es war Erna.
Der Ausdruck ein Mädchen bezieht sich auf einen brandneuen unverankerten Referenten, der also
einen neuen Index, z.B. 035, bekommt. Das folgende es bezieht sich immer noch auf diesen. Der
nachfolgende Ausdruck Erna hingegen verweist auf den Referenten 008. Folglich gilt an diesem
Punkt des Diskurses 008 IDENT 035.
In der Teil-von-Beziehung (PART) ist das erste Argument inhärenter Teil des zweiten, und beide
Referenten sind Individuen (im Gegensatz zu Massen oder Mengen). Der Absatz eines Schuhs ist
ein Beispiel dafür. Die Beziehungen ‚Element der Menge’ (ELEM) und ‚Teilmenge der Menge’
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
12
(SUBSET) sind im üblichen mengentheoretischen Sinne zu nehmen. So ist etwa ein Schuh Element
der Menge eines Paars Schuhe, und dieses hinwiederum ist eine Teilmenge aller Schuhe.
In den Affiliationsrelationen betrifft die Unterscheidung nach dem semantischen Merkmal der
Belebtheit das zweite Argument. Das angedeutete Kontinuum soll besagen, dass die Unter-
scheidung tendentiell, nicht absolut gilt. In der Kontrollbeziehung (CONTROL) kontrolliert das
erste Argument das zweite. Die beiden wichtigsten Arten von Kontrolle sind Produktion (PROD),
wie bei der Töpfer und der Topf, und Possession (POSS), wie bei die Familie und das Haus. Die
lokale Relation (LOC), wo das erste Argument mit Bezug auf das zweite lokalisiert ist, liegt z.B. in
B15f zwischen der Kirche und dem Dorf vor. Soziale Relationen (SOC) hingegen bestehen
zwischen belebten Referenten, z.B. zwischen Erna und ihrem Chef.
Partizipation (PPT) ist die Beziehung eines Referenten zu einem Referenten, der eine Situation ist.
Sie liegt z.B. in der Brandstifter und eine Brandstiftung vor, wo der erste Referent an dem
zweiten partizipiert.
2.3.2
Individuation
2.3.2.1 Grade der Individuation
Individuation ist eine sprachliche Operation, die von einer Einheit des Sprachsystems zu einer
Einheit des Diskurses führt; sie ist die Aktualisierung einer virtuellen Einheit. Die mentale
Repräsentation einer Entität kann in folgendem Sinne mehr oder weniger konkret sein: Die Entität
kann durch einen Begriff kategorisiert sein (der durch ein Lexem in der Sprache kodiert sein kann
oder nicht). Der Begriff selbst ist abstrakt. Seine Intension wird unten ‚Spezies’ genannt werden.
Solange es weiter keine Information über die Elemente in seiner Extension gibt, sind diese nicht
unterscheidbar. Die Operation, die die Identität der jeweils gemeinten Elemente spezifiziert, heißt
Individuation. Sie wird hier als eine Schrittfolge vorgestellt.
Zunächst kann der Begriff selbst als Prädikat dienen, wie in B24.
B24. Das ist ein schwarzer Schuh.
Ein prädikativer Ausdruck ist nicht referentiell. Auch die durch Attribution in B24 vorgenom-
mene Bildung eines spezifischeren Begriffs führt nicht per se zur Individuation.
Alternativ kann der Begriff auch als Argument einer Prädikation und also in der Referenz dienen,
wie in B25.
B25. Ein schwarzer Schuh ist wichtig fürs Image.
Auch hier ist der Begriff semantisch undeterminiert, so dass auf die von ihm umfasste Spezies
Bezug genommen wird. Dieser Referenztyp heißt generische Referenz. Im Gegensatz zu allen
folgenden Referenztypen wird hier keine Teilmenge der Menge von Elementen gebildet, die die
Extension des Begriffs ausmachen.
Das ist anders in B26.
B26. Ich verkaufe schwarze Schuhe.
Der referentielle Ausdruck bezieht sich hier auf eine echte Teilmenge der Extension des
involvierten Begriffs. Jedoch werden keine einzelnen Individuen identifiziert, die gemeint sind;
deren Identität ist vielmehr gleichgültig oder austauschbar. Dies ist unspezifische Referenz.
Der nächste Schritt in der Individuation ist spezifische Referenz. Auch hier wird eine echte
Teilmenge der Extension eines Begriffs gebildet; aber diesmal liegt die Identität der in Rede
stehenden Referenten fest. In B27 sind bestimmte, identifizierbare Schuhe gemeint.
B27. Gestern habe ich drei Paar schwarze Schuhe verkauft.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
13
Ein spezifischer Referent kann zudem derart in einem oder mehreren Räumen verankert sein, dass
nur ein einziges Individuum als Referent infrage kommt. Das ist dann unikale Referenz.
Eigennamen wie Erna und Mount Everest haben unikale Referenz; aber auch deskriptive Referenz
kann unikal sein, wenn unter allem, was theoretisch gemeint sein könnte, nach Lage der Dinge nur
ein einziges Individuum infrage kommt. Das ist der Fall bei Ausdrücken wie die Sonne oder der
König. Wie jegliche Referenz kann jedoch auch die unikale Referenz fehlgehen.
B28. Ich würde gern auf den Markt gehen.
Die Sprecherin von B28 ist zu Besuch in einer ihr unbekannten Stadt. Auf der Basis von enzy-
klopädischem Wissen bildet sie einen unikalen Referenten, nämlich den einzigen unter den
gegebenen Umständen relevanten Markt. Es kann aber natürlich sein, dass es in dieser Stadt gar
keinen Markt gibt.
Abbildung 8 fasst die Schritte der Individuation so wie dargestellt zusammen. Dunkelviolett
symbolisiert Individuation, und Individuation schreitet von oben nach unten voran.
Abbildung 8
Schrittweise Individuation
Wie man sieht, kann Individuation i.w. als Bildung von Mengen und Teilmengen beschrieben
werden. Zwei referentielle Ausdrücke, die sich bloß im Individuationsgrad unterscheiden, haben
also verschiedene Referenten; aber diese stehen in Relationen wie ‚Element – Menge’ oder
‚Teilmenge – Menge’ zueinander, die ohnehin prominente Interreferentenbeziehungen sind.
2.3.2.2 Individuation und andere Referenzoperationen
Individuation eines Referenten und seine Verankerung in einem der Referenzräume sind klärlich
verschiedene Operationen. Es gibt jedoch Abhängigkeiten zwischen ihnen hinsichtlich bestimmter
Parameterwerte. Der Grad, zu dem ein Referent individuiert ist, hängt teilweise von dem Raum
ab, in dem er verankert ist. Mit einigen wohldefinierten Ausnahmen sind z.B. deiktische und
anamnestische Referenz spezifisch und oft sogar unikal.
Zudem kann nur ein referentieller Ausdruck Antezedent einer Anapher sein. Folglich kann die
Möglichkeit, einen (pro-)nominalen Ausdruck anaphorisch aufzunehmen, als Test seiner
Referentialität dienen.
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
14
B29. Der Wal ist ein Säugetier; er laicht nicht.
B30. Ich suche eine Sekretärin, die Spanisch kann; aber sie sollte auch Kaffee kochen können.
B31. Was hast du da gehört? Kannst du es wiedergeben?
B32. Ich habe niemanden getroffen, obwohl ich lange nach ihm/ihnen gesucht habe.
Die Anaphern auf die Referenten in B29 B31 funktionieren; folglich sind die sie einführenden
Ausdrücke referentiell generisch referierend in B29, unspezifisch in B30 und B31. Hingegen
funktioniert die Anapher in B32 nicht: die Personalpronomina können sich nicht auf niemanden,
sondern höchstens auf einen vorerwähnten Referenten beziehen. Folglich ist das negative
Indefinitum nicht referentiell.
Der Individuationsgrad, mit dem ein Referent eingeführt wurde, ist für ihn konstitutiv. So kann
die Anapher in B33 nur spezifisch sein und sich deshalb nicht auf den generischen Referenten des
Vordersatzes beziehen. In B34 wird ein spezifischer Referent eingeführt, und die anaphorische
Referenz im Nachsatz kann nur diesen spezifischen Referenten meinen. Wäre stattdessen
unspezifische Referenz intendiert, müsste es welche statt sie heißen.
B33. Der Wal ist ein Säugetier. Wir haben ihn gestern harpuniert.
B34. Gestern habe ich ein paar schwarze Schuhe im Schaufenster gesehen; und jetzt wünsche
ich sie mir von meiner Frau.
Es kommen aber Anaphern im Diskurs vor, die eine Änderung des Individuationsgrades vor-
aussetzen.
B35. Ich habe lange nach einer Sekretärin gesucht, die Spanisch kann; und jetzt habe ich sie
gefunden.
B36. Da kommt ein Porsche. Das ist wirklich das einzige standesgemäße Auto.
In B35 liegt zuerst unspezifische, dann spezifische Referenz vor. In B36 wird ein spezifischer
Referent eingeführt, aber das Anaphorikum referiert generisch. Auch hier sind pro Beispiel zwei
verschiedene Referenten anzusetzen, die durch Relationen wie Instantiierung oder die Element-
Menge-Beziehung (§2.3.1.3.2) aufeinander bezogen sind. Diese Beziehungen würden durch
explizitere Versionen der Beispiele zum Ausdruck gebracht werden: in B35 würde es eine statt sie
heißen; in B36 hieße es ein Porsche statt das. Die linguistische Analyse solcher nicht kanonischen
Fälle von Anapher ist noch nicht wesentlich über deren Kategorisierung als ‚sloppy’ oder ‚lazy’
hinausgekommen.
Dieselben Restriktionen gelten für indirekte Anapher: Ein unspezifischer Referent kann nur an
einem unspezifischen, ein spezifischer nur an einem spezifischen verankert sein. Beispiele dafür
erscheinen in dem Text von §3.1.
3
Referenz in einem Diskursmodell
Ein Diskursmodell ist die Repräsentation des Sinns eines Diskurses. Es umfasst eine Reprä-
sentation seiner Referenten. Die folgenden Arten von Information werden für jeden Referenten
angegeben:
seine Identität
seine semantischen Eigenschaften
sein Individuationsgrad
seine Interreferentenbeziehungen.
Während referentielle Ausdrücke Teil eines Diskurses sind, befinden Referenten sich im
Redeuniversum. Entsprechend dieser Unterscheidung weist ein Diskursmodell Informationen zu
den Referenten auf zwei Ebenen aus:
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
15
Das Redeuniversum wird durch Listen repräsentiert, die die Menge von Referenten mit ihren
Eigenschaften und Relationen enthalten.
Der Text wird mit einer Annotation versehen, die für jeden referierenden Ausdruck seinen
Referenten angibt.
3.1
Annotation der Referenten im Text
Die referentielle Annotation beschränkt sich auf solche Ausdrücke, die tatsächlich referieren (s.
§2.2). Ihrem Referenten wird ein Referenzindex zugewiesen, d.h. die verschiedenen Referenten
werden fortlaufend nummeriert, und koreferentielle Ausdrücke bekommen denselben
Referenzindex. Ist ein referierender Ausdruck syntaktisch komplex, wird der Index seinem Kopf
zugewiesen. Infolge von Phänomenen wie Ellipse, kopflose Nominalsyntagmen, Nulldeixis,
Nullanapher, indirekte Anapher, implizierte Referenz u.ä. werden allerdings an bestimmten
Stellen im Diskurs Referenten verstanden, wo gar kein entsprechender referentieller Ausdruck
steht. Da werden im Text Dummies () eingesetzt, denen dann ein Referenzindex zugewiesen
wird. Die in der Annotation auftretenden Referenzindizes sind alle in der Referentenliste (§3.2.1)
aufgeführt. Tabelle 3 illustriert das Verfahren.
Satz-ID
001
Sprecher
Ich
brauche
ein
Paar
schwarze
Schuhe.
001 001
002 003
Satz-ID
002
Sprecher
Ich
zeige
Ihnen
gleich
welche.
004 004
001 005
Satz-ID
003
Sprecher
Hier
sind
zwei
Paar.
004 006 007
Satz-ID
004
Sprecher
Diese
Schuhe
sind
zu
eng.
001 008
Satz-ID
005
Sprecher
Ich
probiere
mal
das
andere
Paar.
001 001
009
Satz-ID
006
Sprecher
Die
Absätze
sind
zu
hoch.
001 010
Satz-ID
007
Sprecher
Haben
Sie
die
gleichen
mit
niedrigeren
Absätzen?
011
001 004
012
013
Satz-ID
008
Sprecher
Ich
fürchte
nein
.
004 004
011
Tabelle 3
Beispieltext
Sätze erhalten eine Satz-ID, indem sie fortlaufend nummeriert werden. Die jedem Satz bei-
gegebene zweite Zeile enthält die den referierenden Ausdrücken zugewiesenen Referenzindizes.
Wie man sieht, markiert derselbe Referenzindex in verschiedenen Sätzen Koreferentialität der
betreffenden Ausdrücke. Ich gehe nicht auf die elementare Frage ein, wie diese Referenten
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
16
identifiziert und wie Anapherbeziehungen aufgelöst werden. In §2.3.2.2 wurden jedoch einige für
Anapher gültige Restriktionen genannt, die unter Rückgriff auf die beiden Listen von §3.2
beachtet werden und die Anaphernauflösung unterstützen.
Im Prinzip kann man jedem Satz einen Referenzindex zuweisen. Relevant ist das jedoch nur für
solche Sätze, auf deren Proposition tatsächlich, wie in B11.b, endophorisch referiert wird.
Deshalb ist es in Tabelle 3 nur für Satz 7 geschehen.
3.2
Listen der Eigenschaften und Relationen von Referenten
Das mit einem Diskurs assoziierte Redeuniversum ist dynamisch: es ändert sich so, wie sich der
Diskurs entwickelt. Neue Referenten werden eingeführt, neue Relationen werden zwischen ihnen
geknüpft, und gelegentlich ändern sich auch ihre Eigenschaften. Trotz dieser Variabilität kann
man Listen der Referenten für einen Text führen, in denen für jeden Referenten seine
Eigenschaften und seine Interreferentenrelationen angegeben sind. Referentielle Information wird
den Listen hinzugefügt in dem Maße, in dem der Diskurs fortschreitet; und die Listen werden
auch von oben nach unten ausgewertet. Später hinzugefügte Information kann also frühere
überschreiben. Synchron betrachtet, kann eine Liste also Widersprüche enthalten. Es werden zwei
Listen geführt, eine von den Referenten und eine von den Interreferentenbeziehungen.
3.2.1
Referentenliste
Ein Text handelt von einer Menge von Referenten, von denen einige immer wieder vorkommen.
Die Menge der verschiedenen Referenten (sozusagen die „dramatis personae“) wird in einer
separaten Datei gehalten. Sie hat die logische Form einer Tabelle, wo jeder Referent mit einer
Menge von Informationen versehen ist:
Der Referenzindex (ID) ist eine ganze Zahl.
Der Zweck der zweiten Spalte von Tabelle 5 ist lediglich, die Tabelle für Menschen benutzbar
zu machen.
Die semantische Kategorie, in die der Referent fällt, wird gemäß Tabelle 4 angegeben.
Superkategorie Kategorie
Mensch
belebt Tier
physikalisches Objekt
Ort
unbelebt
abstrakt
Tabelle 4
Semantische Kategorien
Der mengentheoretische Status des Referenten ist entweder ‚Individuum’ oder ‚Menge’.
Beim Individuationsgrad wird nur spezifische von unspezifischer Referenz unterschieden.
Tabelle 5 ist die Referentenliste für den Dialog von Tabelle 3.
ID Name semantische
Kategorie mengentheore-
tischer Status Individua-
tionsgrad
001 Kunde menschlich Individuum spezifisch
002 Paar schwarze Schuhe physikal. Objekt Menge unspezifisch
003 schwarze Schuhe physikal. Objekt Menge unspezifisch
004 Verkäufer menschlich Individuum spezifisch
005 schwarze Schuhe physikal. Objekt Menge spezifisch
006 wo der Verkäufer ist Ort Individuum spezifisch
007 zwei Paar schwarze Schuhe physikal. Objekt Menge spezifisch
008 enges Paar physikal. Objekt Menge spezifisch
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
17
009 hochhackiges Paar physikal. Objekt Menge spezifisch
010 Absätze des hohen Paars physikal. Objekt Menge spezifisch
011 Verkäufer hat ähnliche Schuhe abstrakt Individuum unspezifisch
012 ähnliche Schuhe physikal. Objekt Menge unspezifisch
013 niedrigere Absätze physikal. Objekt Menge unspezifisch
Tabelle 5
Referentenliste
Man beachte, dass 003 und 005 distinkt sind; das Pronomen welche markiert bedeutungsiden-
tische Anapher.
3.2.2
Liste der Interreferentenrelationen
Die Interreferentenrelationen (von §2.3.1.3.2) werden in einer Liste neben der Referentenliste
gehalten. Diese hat die folgende Struktur:
Die Relation wird angegeben, indem Abbildung 7 von links nach rechts gelesen und die erste
passende Relation gewählt wird.
Ref 1 und Ref 2 sind die Argumente der Relation; die Referentenindizes werden aus Tabelle 5
entnommen.
Jede einzelne Beziehung ist spezifiziert für den Satzindex (aus Tabelle 3) der Textstelle, an
dem sie übermittelt wird.
Relation
Ref 1
Ref 2
Satz-ID
SUBSET 002 003 001
SUBSET 005 003 002
LOC 004 006 003
LOC 007 006 003
SUBSET 007 003 003
SUBSET 008 007 004
SUBSET 009 007 005
PART 010 009 006
PROD 001 011 007
SUBSET 012 003 007
PART 013 012 007
Tabelle 6
Liste der Interreferentenrelationen
Immer wenn im deutschen Text ein definiter Artikel erscheint, ohne dass der Referent unikal oder
bereits im Redeuniversum wäre, ist indirekte Anapher anzunehmen; und dann wird eine
Interreferentenrelation angesetzt. Die jeweilige Relation wird durch enzyklopädisches Wissen
erschlossen. Sie leistet, einmal identifiziert, einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau eines
kohärenten und vollständigen Diskursmodells und zum Verständnis weiterer Referenzen.
4
Schluss
Der Zweck des Vorangehenden ist es, die Grundbegriffe einer Theorie der Referenz zu definieren,
auf deren Basis die referentielle Abteilung eines Diskursmodells entwickelt werden kann. Das
Diskursmodell soll in der Lage sein, die referentiellen Bezüge und die Relationen zwischen den
Referenten in einem Text einschließlich eines Dialogs darzustellen. Seine Anwendung wurde
durch die Repräsentation eines einfachen Dialogs illustriert, der auf in der Sprechsituation vor-
handene Gegenstände konzentriert ist.
Der Schwerpunkt der Darlegungen lag allerdings auf der semantischen und pragmatischen Seite
der Referenz; die Ausdrucksmittel, die diese Funktionen kodieren, wurden nur gestreift. Sie wären
Christian Lehmann, Referenz im Diskurs
18
ihrerseits systematisch zu analysieren, bevor ein System zur Verarbeitung natürlicher Sprache
konstruiert werden kann, das Referenz herstellen und verstehen kann.
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Van Valin, Jr., Robert D. & LaPolla, Randy J. 1997, Syntax. Structure, meaning, and function. Cambridge:
Cambridge University Press.
Article
Uno de los factores que puede afectar la accesibilidad de los referentes en el discurso es la existencia de rupturas de unidades discursivas. Estas pueden motivar la elección de formas lingüísticas de alta explicitud o de recursos discursivos que colaboran en el seguimiento referencial. Este trabajo se centra en la observación de los límites entre unidades textuales en quichua santiagueño (quechua, Argentina) y las consecuencias en la expresión de referentes y su seguimiento en el discurso. Para este estudio se conformó un corpus de textos en quichua santiagueño de fuentes primarias y secundarias, que fueron segmentados y analizados en secciones, según el desarrollo del tópico narrativo. Se logró identificar así que los diferentes tipos de cláusulas dependientes (relativas y adverbiales) funcionan como guías del flujo de la información, especialmente cuando están presentes en transiciones de una porción de texto a otra.
Article
Both image-schematic abilities and conceptual archetypes are essential to the characterization of linguistic structures. Especially significant in this regard (and so ubiquitous in our everyday experience that we are largely oblivious to it) is our capacity to invoke the conception of one entity as a cognitive reference point for purposes of establishing mental contact with another. This image-schematic ability is proposed as the abstract basis for possessives and affords a revelatory account of a broad range of possessive constructions. Other manifestations of this reference-point ability include topic and topic-like constructions, pronoun-antecedent relationships, metonymy, and the discrepancy typically encountered between those entities that figure most directly in a relationship and the explicitly coded relational participants. It is suggested that a wide array of linguistic and psychological phenomena might all be interpreted as reflecting a fundamental aspect of cognitive processing.
Accessing noun-phrase antecedents. London: Routledge (Croom Helm Linguistics)
Ariel, Mira 1990, Accessing noun-phrase antecedents. London: Routledge (Croom Helm Linguistics).
Topic continuity in discourse. A quantitative cross-language study
Givón, Talmy (ed.) 1983, Topic continuity in discourse. A quantitative cross-language study. Amsterdam & Philadelphia: J. Benjamins (Typological Studies in Language, 3).
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  • John Lyons
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