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der Freitag | Nr. 17 | 26. April 2018der Freitag | Nr. 17 | 26. April 2018
16 WirtschaWirtscha
Paul Mason
W
er weiß, was Marx in je-
ner Nacht im Winter
1857/58 geraucht hat, als
er das sogenannte Ma-
schinenfragment ver-
fasste. Vielleicht verirrte sich ja ein Blatt
aus dem fernen Marrakesch in eine der bil-
ligen Zigarren, die er genoss, während er
bis um vier Uhr morgens schrieb.
Im Maschinenfragment – gemeint ist da-
mit der Abschnitt „Fixes Kapital und Ent-
wicklung der Produktivkräe der Gesell-
scha“ in den Grundrissen zur Kritik der
politischen Ökonomie – spekuliert Marx
darüber, wie die kapitalistische Produkti-
onsweise an ihr Ende gelangen könnte. Es
ist eine der äußerst wenigen Stellen in sei-
nem Werk, wo er dies tut. Marx stellt sich
eine Zeit vor, in der Maschinen die meiste
Arbeit erledigen und der Arbeiter „neben
den Produktionsprozess tritt, statt sein
Hauptagent zu sein“; eine Zeit, in der die
Werkzeuge, die wir verwenden, nicht mehr
länger „Dinge“ sind, sondern physische
Prozesse; und eine Zeit, in der die Land-
wirtscha aus einer Reihe wissenschali-
cher Ideen besteht, die auf die Natur ange-
wendet werden.
Wenn die Wirtscha nicht mehr länger
auf messbarer menschlicher Arbeitszeit
und körperlicher Betätigung beruht, sagt
Marx, hören wir auf, mit dem Kapital als
einzelne Arbeiter zu interagieren, die indi-
viduelle Werkzeuge und ihre individuelle
Sachkenntnis anwenden: Stattdessen wen-
den wir „allgemeines gesellschaftliches
Wissen“ an. In diesem Fall gerate die Ge-
sellscha unter die Kontrolle eines „gene-
ral intellect“ und untergrabe damit die ei-
gentliche Grundlage des Privatbesitzes.
Muße und Materialismus
Der Widerspruch zwischen Privatbesitz
und gesellschalich geteiltem Wissen, so
Marx, würde die „bornierte Grundlage“ des
Kapitals „in die Lu sprengen“. Die Arbeit
würde von Maschinen erledigt und damit
abgescha werden, sodass Muße und Kul-
tur zu den Kernaktivitäten des Menschen-
geschlechts werden könnten.
Als das Fragment im Westen in den
1960ern zum ersten Mal veröentlicht
wurde, stieß es bei orthodoxen Marxisten
zunächst auf Ablehnung – und dies aus
gutem Grund. Ein Jahr nachdem er den
technologischen Untergang des Kapitalis-
mus skizziert hatte, verfasste Marx die
wohl berühmteste Zusammenfassung sei-
ner Methode: das Vorwort seiner Schri
Zur Kritik der Politischen Ökonomie von
1859. Hier formulierte er die Kernthese
des historischen Materialismus: dass sich
soziale Revolutionen ereignen, weil die
Technologien in Widerspruch mit den
ökonomischen Formen (Produktionsver-
hältnissen) geraten, in denen sie entwi-
ckelt wurden; dass die Kultur, Ideologie,
Gesetze und Politik einer jeden Zeit einen
„Überbau“ über einer sich verändernden
Basis darstellen.
Da sie sich dieses Erklärungsmodell zu
eigen machten, entwickelten die Marxis-
ten, die die sozialdemokratischen Parteien
der ersten Stunde gründeten, verständli-
cherweise eine regelrechte Obsession für
Wirtschaskrisen. In Phasen des technolo-
gischen Fortschritts und Wachstums des
Bruttoinlandsprodukts beriefen sie sich
auf Marx, um friedliche parlamentarische
Reformen zu rechtfertigen. In Zeiten von
Krieg, nanziellem Zusammenbruch und
wirtschalichem Stillstand hingegen gin-
gen sie auf die Barrikaden.
Simon Schaupp
K
arl Marx war wohl der arbeit-
samste Arbeitslose der Ge-
schichte. Dass der Mann
nicht viele seiner 65 Lebens-
jahre mit Lohnarbeit ver-
schwendet haben kann, wird schnell klar,
wenn man vor dem Ergebnis seiner wirkli-
chen Arbeit in Form von 46 blauen Bü-
chern steht. Tatsächlich hat Marx seinen
Lebensunterhalt bekanntlich mit Schnor-
ren bestritten. „Ich habe einen sicheren
Plan entworfen, Deinem Alten Geld auszu-
pressen“, schreibt er 1848 an seinen Freund
und Mäzen Friedrich Engels. Gut so, kön-
nen wir heute dazu sagen, sonst wäre es
bedeutend schwieriger, die ökonomischen
Vorgänge zu verstehen, mit denen wir es in
unserem digitalen Zeitalter zu tun haben.
Das soll nicht heißen, dass es seit 200 Jah-
ren nichts Neues unter der Sonne des Kapi-
talismus gäbe. Aber Marx hat uns ein paar
nützliche Werkzeuge hinterlassen, um hin-
ter die Fassade der digitalen Glitzerwelt zu
schauen.
Als Aulärer sah sich Marx der Kritik an
Gespenstergeschichten aller Art verpich-
tet. Dazu zählte er nicht nur die Religion,
sondern vor allem den von ihm so bezeich-
neten „Warenfetisch“. Der Begri des Feti-
sches bezeichnet ursprünglich – in den Na-
turreligionen – den Glauben an die Besee-
lung unbeseelter Gegenstände. In den
modernen Gesellschaen, so Marx, glauben
wir, es läge in der Natur der Dinge, dass von
der Karotte bis zum Lamborghini jedes Ding
einen Geldwert hat. Ein eigentlich men-
schengemachtes Verhältnis tritt uns entge-
gen als eine Art autonomes Subjekt, das wie
Frankenstein außer Kontrolle geraten ist.
Digitalisierung als Fetisch
Den Status eines solchen Subjekts hat heu-
te nicht nur das Warenverhältnis, sondern
zunehmend auch die Informationstechno
-
logie. Wir glauben nicht nur, dass unsere
Computer „intelligent“ seien, wir glauben,
sie seien Revolutionäre. „Die Digitalisie-
rung macht die vierte industrielle Revolu-
tion“, sagt die „Plattform Industrie 4.0“ und
ho auf eine Produktivitätssteigerung um
30 Prozent. Mit Marx können wir fragen,
woher die Digitalisierung ihren revolutio-
nären Willen hat. Die Antwort lautet dann
ebenso wie beim Warenfetisch: vom Men-
schen, der sie gemacht hat.
Dem Technikfetisch liegt eine falsche
Vorstellung des Verhältnisses von Technik
und Gesellscha zugrunde. Erstere wird
zu einem der Gesellscha gegenüber au-
tonomen Subjekt stilisiert. Hier soll nun
keineswegs in Abrede gestellt werden,
dass die Digitalisierung gegenwärtig zu
drastischen gesellschalichen Verände-
rungen führt. Im Gegenteil: Gerade weil
sie unsere Zeit so stark prägt, ist es von
zentraler Bedeutung, sie nicht als Natur-
gewalt, sondern als politischen Gestal-
tungsprozess zu verstehen. Es handelt
sich beim gegenwärtigen Digitalisierungs-
schub nämlich keineswegs um eine aus
dem Nichts erscheinende „vierte industri-
elle Revolution, wie uns die Politiker und
Wirtschasvertreter der „Plattform Indus-
trie 4.0“ weismachen wollen. Stattdessen
liegen ihre Wurzeln in einer mittlerweile
über 70 Jahre alten Theorie: in der Kyber-
netik, die bereits während des Zweiten
Weltkrieges von Norbert Wiener als „Wis-
senscha von Kommunikation und Kont-
rolle“ begründet wurde.
Ziel war es, auf Grundlage massiver Da-
tenerhebung selbstregulierende Systeme
zu schaen – von einer sich selbst ausrich-
tenden Flugabwehrkanone bis zur vollau-
tomatischen Fabrik. Im Zuge der Entwick-
lung der Informationstechnologien wurde
die Kybernetik zu einem wichtigen Bezugs-
punkt für die Organisation von Produktion
und Kontrolle. Deshalb sollten wir statt des
nur auf Technik verweisenden Begris des
„digitalen Kapitalismus“ lieber den des ky-
Wenn wir aber das Vorwort zur Einlei-
tung von 1859 und das lange verschollene
Maschinenfragment als Teil derselben
Idee betrachten, sagen sie etwas Grundle-
genderes aus. Sie legen nahe – wie Marx in
einem anderen zwischenzeitlich verloren
gegangenen Dokument, den Pariser Ma-
nuskripten von 1844, schrieb –, dass es im
Kommunismus nicht so sehr um Arbeit,
sondern vielmehr um die Freiheit von der
Arbeit geht; dass die vollständige Automa-
tisierung die Voraussetzung für die
menschliche Befreiung darstellt; und dass
das Ereignis, das den Kapitalismus spren-
gen wird, nicht der Zusammenbruch der
Börse sein wird, sondern die einbrechen-
den Kosten für intelligente, selbst denken-
de Maschinen.
Die Relevanz dieses „anderen Marx“ soll-
te heute oensichtlich sein. Innerhalb ei-
ner Generation haben wir Maschinen ge-
schaen, in denen soziales Wissen enthal-
ten ist: Maschinen, die sich selbst so
schnell verbessern, dass sie einen expo-
nentiellen Anstieg der Ezienz und einen
exponentiellen Fall der Kosten verursa-
chen. Nicht nur sind die Produktionskos-
ten von Siliziumchips, Datenspeicherung
und Bandbreiten in den vergangenen 15
Jahren exponentiell gefallen; man braucht
sich nur einmal die Kosten für die Sequen-
zierung einer kompletten DNA anzusehen
– die seit dem Jahr 2000 von 100 Millionen
auf 1.000 Dollar gesunken sind. Gleichzei-
tig produzieren wir Informationsmengen
von historischen Ausmaßen: Alle zwei Tage
generieren und speichern wir mehr Infor-
mationen, als die Menschheit dies in den
ersten 40.000 Jahren ihrer Geschichte ge-
tan hat. Gewiss ist ein Teil dieser Informati-
onen nutzlos, ein anderer besteht aus Lü-
gen, doch wir stellen heute Maschinen her,
die den Unterschied erkennen können –
und das noch bevor wir ernstha damit
begonnen haben, künstliche Intelligenz
anzuwenden.
Der „general intellect“, von dem Marx im
Maschinenfragment schreibt (zu Deutsch
etwa „allgemeiner Verstand“ oder „allge-
meines Wissen“; Marx verwendet aller-
dings selbst den englischen Begri), exis-
tiert wirklich. Ich hatte gedacht, das beste
Beispiel für den „general intellect“ sei Wiki-
pedia – kostenlos hergestellt von 27.000
regelmäßig schreibenden Autorinnen und
Autoren, unmittelbar korrigierbar von der
Schwarmintelligenz und das wertvollste
Informationsmittel in der Geschichte.
Doch nun begreife ich, dass die Sache, die
dem „general intellect“ am nächsten
kommt, tatsächlich die Datenbank dar-
stellt, die die Gedanken, Liebesbeziehun-
gen, Vorurteile und Katzenbilder von zwei
Milliarden Menschen enthält und die wir
unter dem Namen Facebook kennen.
Facebooks Krise ist auf ihre ganz eigene
Art ein lebendiges Geburtstagsgeschenk zu
Marx’ 200. Hier kommen alle Aspekte sei-
ner Kritik an Unternehmenseigentum, Pri-
vatbesitz und Staat zum Tragen. Facebooks
bernetischen Kapitalismus verwenden.
Auf der ideologischen Ebene verweist
dieser Begri auf eine Verschmelzung von
Kybernetik und Neoliberalismus zur zen-
tralen Ideologie des Informationszeitalters.
So prophezeite Bill Gates, dass im Zuge der
allgemeinen Verfügbarkeit von Internetzu-
gängen endlich Adam Smiths These der
vollständig informierten Marktteilnehmer
Realität werden würde. Dadurch entstehe
ein weltweites, auf der Basis von Preisinfor-
mationen selbstreguliertes Marktsystem,
das er als „reibungslosen Kapitalismus“ be-
zeichnet. Mit der Entwicklung der Big-Da-
ta-Analyseverfahren verschär sich diese
Ideologie zu einem Glauben an algorith-
menbasierte Selbstregulierung, die im-
stande ist, Entscheidungen zu fällen, die
sich dem menschlichen Verständnis ent-
ziehen, weil sie sich auf eine riesige Daten-
basis stützen.
„Also, ich tracke ja alles“, erklärt mir der
Manager eines mittelständischen Indus-
triebetriebs, der sich als Teil der viel gelob-
ten „Industrie 4.0“ versteht. „Wann fährt
der Arbeiter den Tisch hoch, wie hält er den
Lötkolben, alles.“ Die Arbeiter bräuchten
aber keine Angst zu haben, denn sein Ziel
sei nicht die Überwachung, schon allein,
weil kein Mensch mehr imstande sei, die
riesigen Datenberge auszuwerten, die im
Endlich Mensch
Digitalisierung Im „Maschinenfragment“ skizziert Karl Marx das Potenzial
von Automatisierung, den Kapitalismus abzuschaen. Ist es bald so weit?
Reibung Der kybernetische
Kapitalismus erhöht den
allgegenwärtigen Terror der
Selbstoptimierung.
Widerstand ist möglich
Ich tricks dich aus, du System
Blamage – die daraus resultiert, dass alle
internen und regulatorischen Mechanis-
men, die uns vor Monopolen schützen sol-
len, versagt haben – ist das zum Drama ge-
wordene Maschinenfragment.
Wir haben das „vergesellschaete Wis-
sen“ geschaen, das auf den Servern von
Facebook existiert, aber Facebook hatte
nichts Besseres zu tun, als es in die Form
von Privateigentum zu pferchen und es an
die Höchstbietenden zu verkaufen, zu de-
nen oenbar Wladimir Putin und Donald
Trump gehören. Wenn Mark Zuckerberg
wirklich Pech hat, wird das erste Beispiel
für Marx’ Vorhersage darin bestehen, dass
Facebook selbst „in die Luft gesprengt“
wird, da das Vertrauen der User zusam-
menbricht und so dem Geschäsmodell
die Grundlage entzogen wird.
Halbsklaven und Maschinen
Die Sache ist die: Wir haben noch nicht ein-
mal damit begonnen, das Potenzial von
Informationsmaschinen zu nutzen. Statt-
dessen haben wir es Reichen gestattet, pri-
vatwirtschaliche Abwehrmechanismen
gegen ihre Auswirkungen zu entwickeln.
Seit die Informationstechnologie den
Preismechanismus zerstört hat, haben es
große Monopole gescha, Preise festzule-
gen – wie bei dem „99 Cent pro Song“-Mo-
dell, das iTunes einst hohe Gewinne be-
scherte, oder den Einkaufstouren, bei de-
nen Amazon, Google und Facebook ihre
potenziellen Konkurrenten einfach auf-
kauen.
Seit Digitalisierung und Automatisie-
rung es möglich machen, den Arbeitstag,
die Arbeitswoche und die Lebensarbeits-
zeit zu verringern, schaen wir Millionen
von sinnlosen Jobs, die niemand wirklich
braucht. In Großbritannien, wo es einmal
über 4.000 Autowaschanlagen gab, sind es
heute nur noch etwas mehr als 1.000 – da-
für gibt es 20.000 Anlagen, in denen Halb-
sklaven dieselbe Arbeit von Hand erledi-
gen. In der Ära größter technologischer In-
novation werden Maschinen durch
menschliche Arbeitskräe ersetzt.
Als der Netzwerk-Eekt seine Wirkung
entfaltete und uns erlaubte, durch unsere
Interaktionen frei verfügbares Wissen von
großem sozialen Wert zu schaen, ließen
wir es – in einem nahezu lehrbuchmäßigen
Fall dessen, was der junge Marx als Ent-
fremdung beschrieben hat – zu, dass Un-
ternehmen dieses Wissen aufgrien und
gegen uns verwendeten. Marxist zu sein,
ermöglicht es mir, zu verstehen, dass ich
jedes Mal, wenn ich im Supermarkt meine
EC-Karte verwende, den jeweiligen Kon-
zern in die Lage versetze, mein küniges
Verhalten, meine Gesundheit und wahr-
scheinlich sogar das Jahr meines Todes vor-
herzusagen.
Marx war nicht der Einzige, der sich eine
automatisierte Welt vorstellte, in der die
Menschen ihre Zeit zu ihrer freien Verfü-
gung haben und sich wirklich weiterentwi-
ckeln können, doch er war der Einzige, der
verstand, dass eine solche Welt nicht mit
der kapitalistischen Produktionsweise in
Einklang zu bringen ist. Selbst heute noch
sind die Wirschasabteilungen der Buchlä-
den in den Flughäfen voll mit Prognosen
darüber, wie schön der Kapitalismus erst
sein wird, wenn er einmal voll automati-
siert ist. Marx wusste, warum diese Vorher-
sagen falsch sind.
Im Mai werde ich den oziellen Marx
hochleben lassen: den Marx der Neuen
Rheinischen Zeitung, den Autor von Der
Bürgerkrieg in Frankreich, Das Kapital und
der Kritik des Gothaer Programms. Doch
der andere Marx – ein großer Humanist
und Techno-Utopist – hat für das Jahrhun-
Zeitalter des allgegenwärtigen Trackings
anfallen.
„Gib die Daten nicht mir als Vorgesetz-
tem, gib sie dem Arbeiter selbst. Dann
kann er schauen, wo bin ich langsamer als
der andere, dann kann er sich selber tu-
nen.“ Das ist nichts anderes als die kyber-
netische Idee einer feedbackbasierten
Selbst organisation und Selbstoptimierung
der Produktion in Echtzeit. Die Daten, so
erklärt der Manager, können dann zusätz-
lich zum materiellen Produkt in aggregier-
ter Form als Produktionsoptimierungsmo-
delle verkau werden. Die Betreiberrma
der betriebseigenen Mensa habe schon In-
teresse an den Daten über die Essgewohn-
heiten seiner Angestellten angemeldet.
Für die Arbeiterinnen und Arbeiter be-
Facebooks
Krise ist ein
lebendiges
Geschenk zu
Marx’ 200.
Geburtstag
Marx gab uns
Werkzeug,
um hinter die
Fassade der
Glitzerwelt zu
schauen
deutet das neue Produktionsregime vor
allem Picht zur permanenten Selbstopti-
mierung. „Du hast das Gefühl, du wirst per-
manent überwacht“, erklärt mir einer von
ihnen. „Weil die Konkurrenz aufs Maxi-
mum gedrückt wird, entsteht dabei einfach
eine unglaubliche Belastung für den Kopf.
Alle müssen rennen und der Beste sein.
Von einem Post-Kapitalismus ist also in
der „Industrie 4.0“ erst mal nichts zu se-
hen. Höhere Prote werden noch immer
auf Kosten der Arbeitenden realisiert. Dass
diese die Rhetorik von der digitalen Glit-
zerwelt o durchschauen und Widerstand
leisten, fällt in der Berichterstattung meis-
tens unter den Tisch. „Ich tricks dich aus,
du System, denkt sich da der ein oder ande-
re schlaue Mitarbeiter“, erzählt mir ein Be-
triebsrat. „Dann mach ich eben einen Gang
weniger. Und dann versuchen auch die Kol-
legen einen Gang weniger zu machen. Das
ist möglich. Widerstand aufzubauen und
sich zu schützen.“ Klassenkämpfe scheinen
sich also auch im kybernetischen Kapitalis-
mus nicht erledigt zu haben.
Simon Schaupp ist Soziologe an der
Universität Basel und Autor beziehungsweise
Herausgeber zweier Bücher über
den kybernetischen Kapitalismus
dert, in dem wir heute leben, eine größere
Bedeutung.
Für mich wird der Marxismus des 21.
Jahrhunderts darin bestehen, den eigentli-
chen Begri des Menschseins zu verteidi-
gen und einen Übergang in eine Welt jen-
seits des Kapitalismus zu entwerfen, in der
es keine Lohnarbeit, keine Grenzkosten
und keine CO2-Emissionen mehr gibt.
Der techno-utopische Marx lehrt uns vor
allem in Augenblicken von Rückschlägen
und Niederlagen, nicht die Honung zu ver-
lieren. Im Jahr 1850, als die Überlebenden
der Revolution von 1848 sich in den Pubs
von London zusammendrängten, erläuterte
Marx seine Lehre dem gerade angekomme-
nen Flüchtling Wilhelm Liebknecht. Er sei
„ganz Feuer und Flamme“ gewesen, als er
eine neu erfundene Elektrolokomotive be-
schrieb, die er vor Kurzem in einem Spielwa-
renladen gesehen hatte. Marx – eingehüllt
in Tabakrauch, ein Glas dunkles Bier in der
Hand – erklärte das Dampfzeitalter für be-
endet, während das Zeitalter der Elektrizität
bevorstehe: „Nun ist das Problem gelöst –
die Konsequenzen sind unbestimmbar. In-
folge der ökonomischen Revolution muss
die politische notwendig folgen, da letztere
nur der Ausdruck der ersteren ist.
Ich frage mich, was Marx wohl zum iPho-
ne gesagt hätte.
Paul Mason wurde 1960 nahe Manchester
geboren. Sein Buch Postkapitalismus.
Grundrisse einer kommenden Ökonomie ist im
Suhrkamp-Verlag erschienen
Übersetzung: Holger Hutt
Digitalisierung Als Aulärer sah sich Karl Marx
der Kritik an Gespenstergeschichten aller Art
verpichtet. Eben darum ist sein Werk eine wertvolle
Quelle für die Auseinandersetzung mit den
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Die Welt wird chinesischer
Mit dem Megaprojekt „Neue Seidenstraße“ erobert die kapitalistische
Volksrepublik neue Märkte, die Konfuzius-Institute bauen Chinas
So power aus, und in weltweit gezeigten Propagandafi lmen tritt der
autoritäre Xi Jinping als visionärer Führer auf. Welche Rolle spielen bei
diesem rasanten Aufstieg die jungen Hightech-Pendler zwischen Silicon
Valley und dem Jangtse-Delta? Was wollen Pekings Staatskonzerne in
Afrika? Und warum nimmt China neuerdings Europa den Müll nicht
mehr ab?
Mit Beiträgen von David Bandurski, Sebastian Heilmann,
Heike Holdinghausen, John Lee und einer Erzählung von Luo Lingyuan
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