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Einsatzmöglichkeiten von verhaltensbasierten Maßnahmen („Nudges“) zur Förderung nachhaltigen Verhaltens im kommunalen Kontext

Authors:

Abstract

Part of KERNiG project („Kommunale Ernährungssysteme als Schlüssel zu einer umfassend-integrativen Nachhaltigkeits-Governance“), supported by the German Federal Ministry of Education and Research (BMBF). https://www.envgov.uni-freiburg.de/de/prof-envgov/forschung/kernig-projekt/bilderkernig/ergebnisse/1-zu-booklet-einsatz-von-verhaltensbasierten.pdf
Einsatzmöglichkeiten von
verhaltensbasierten
Maßnahmen („Nudges“)
zur Förderung nachhaltigen
Verhaltens im kommunalen
Kontext
- 2 - - 3 -
Inhaltsverzeichnis
Über KERNiG 4
Was sind verhaltensbasierte
Maßnahmen („Nudges“)? Was nicht? 5
Tabelle 1: 6
Die zehn wirksamsten Arten von Nudges
Einordnung der Nudges in den 8
kommunalen Kontext – Wie das Booklet
zu nutzen ist
20 Nudges zur Förderung nachhaltigen
Verhaltens im kommunalen Kontext 9
Nudge 1: 10
Einleger in Einkaufswagen
Nudge 2: 12
Platzieren einer eischlosen Alternative
Nudge 3: 14
Auslage spezischer Rezepte mit nachhaltigen
Produkten am Verkaufsort
Nudge 4: 16
Bevorzugte Positionierung von Marktständen
mit nachhaltigen und regionalen Produkten auf
Wochenmärkten
Nudge 5: 18
Prominente Positionierung regionaler Gerichte
auf Speisekarten oder Aushängen in öentli-
chen Kantinen
Nudge 6: 20
Vegetarische Gerichte als Standard bei Mittag-
sangeboten in Restaurants oder öentlichen
Kantinen
Nudge 7: 22
Verbale Unterstützung des Konsums nachhal-
tiger Speisen durch Mitarbeiter in öentlichen
Kantinen
Nudge 8: 24
Einführung einer Wochen-Challenge zu nachhal-
tigem Verhalten
Nudge 9: 26
Implementierung und Bewerbung einer
kommunalen oder regionalen
„Nachhaltigkeits“-App
Nudge 10: 28
Vergleich der Nachhaltigkeit durch eine CO2-
Ampel auf Lebensmitteln
Nudge 11: 30
Interaktive Displays in Supermärkten zur ver-
gleichenden Anzeige des CO2-Fußabdrucks
Nudge 12: 32
Namensndungs-Wettbewerb für Kinder zum
„nachhaltigen Gemüse des Monats“
Nudge 13: 34
Unterstützung eines Lebensmittelverteilers
durch aufgeklebte Fußspuren
Nudge 14: 36
Reduzierung der Portions- oder Tellergröße
Nudge 15: 38
Bereitstellung von „Doggy Bags“ zur Mitnahme
von Essensresten
Nudge 16: 40
Einführung einer größeren Biomülltonne und
einer kleineren Restmülltonne
Nudge 17: 42
Zusendung von personalisierten Informationen
über Mülltrennungsverhalten durch die Müllent-
sorger
Nudge 18: 44
Verkauf von Lebensmitteln mit äußerlichen
Makeln mit verschiedenen Slogans gegen Nah-
rungsmittelverschwendung
Nudge 19: 46
Aufstellen einer Säule mit dem aufgesammelten
Müll an einer prominenten Stelle der Stadt zur
Visualisierung des Problems
Nudge 20: 48
Aufstellen von Trinkspendern in Schulen um
den Wasserkonsum von Kindern zu fördern und
Übergewicht vorzubeugen
Literatur und Erläuterungen 50
Über dieses Booklet
Dieses Booklet zeigt verschiedene ver-
haltensbasierte Anreize, sogenannte
Nudges, die Kommunen einsetzen kön-
nen, um eine nachhaltigere Ernährung
ihrer Bürgerinnen und Bürger1 zu för-
dern, d.h. ein nachhaltigeres Verhalten
wird den Menschen durch kleine Ver-
änderungen erleichtert.
Nudges sind beispielsweise die Ände-
rung einer Voreinstellung (z.B. Umstel-
lung von konventionellen Gerichten
auf Bioessen) oder die vereinfachte
Darstellung von Informationen (z.B.
eine Lebensmittelampel zur verein-
fachten Angabe von Nährwerten). Auch
wenn es nur kleine Anreize sind, so
wurde doch in der Forschung wieder-
holt gezeigt, dass sie einen maßgebli-
chen Einuss auf das Alltagsverhalten
haben. Zusätzlich zu den bekannten
Politikinstrumenten wie Verboten und
Geboten, Subventionen und Gebüh-
ren, Beratung und Information sowie
Partizipation und Bildung stellen sol-
che Nudges eine wichtige Ergänzung
der kommunalpolitischen Gestaltungs-
möglichkeiten dar.
Ziel dieses Booklets ist es, Entschei-
dungsträgern in Kommunen und Städ-
ten eine Auswahl an verhaltensbasier-
ten Maßnahmen an die Hand zu geben,
die einen Beitrag zu einer nachhalti-
geren Ernährung liefern können. Dazu
werden 20 Beispiele aus der Praxis
zusammengetragen, im Überblick dar-
gestellt und auf ihre Praxistauglichkeit
hin bewertet.
Das Booklet ist folgendermaßen auf-
gebaut: Zunächst wird das Projekt
KERNiG, in dessen Rahmen das Book-
let entstand, vorgestellt. Danach wird
erläutert was genau Nudges sind, wo-
durch sie sich von anderen Maßnah-
men abgrenzen und welche Nudges
am wirksamsten sind. Anschließend
wird erklärt, wie Entscheidungsträger
in Kommunen das Booklet nutzen kön-
nen. Im Hauptteil werden dann die ein-
zelnen Nudges vorgestellt.
Das Booklet wurde im Rahmen des
KERNiG-Projekts des BMBF erstellt. Es
ist bewusst als Online-Material konzi-
piert: Das spart zum einen Ressourcen,
zum anderen kann es einfach aktuali-
siert und erweitert werden.
- 4 - - 5 -
Über KERNiG
KERNiG steht für „Kommunale Ernäh-
rungssysteme als Schlüssel zu einer
umfassend-integrativen Nachhaltig-
keits-Governance“. Im Rahmen des
Forschungsprojekts KERNiG, das vom
BMBF nanziert wird, werden kommu-
nale Ernährungssysteme am Beispiel
der Städte Leutkirch im Allgäu und
Waldkirch im Breisgau untersucht und
auf ihrem Weg in Richtung nachhalti-
gere Ernährungssysteme begleitet.
„Kommunales Ernährungssystem
meint dabei viel mehr als nur „was auf
den Teller kommt“: nämlich die Vielfalt
an ernährungsbezogenen Aktivitäten
und Beziehungen zwischen allen Men-
schen und Gruppen einer Stadt – von
der Stadtverwaltung über Unterneh-
men, Vereine und Initiativen bis zu den
Bürgern – und zwar in allen Bereichen
des Ernährungskreislaufs, d.h. von der
Produktion über die Verarbeitung, Ver-
sorgung, Zubereitung bis hin zum Kon-
sum und zur Entsorgung.
Nachhaltigkeit spielt heute bereits eine
wichtige Rolle in den Leitbildern vie-
ler deutscher Städte und Gemeinden.
Konkrete Maßnahmen konzentrieren
sich bislang jedoch hauptsächlich auf
die Bereiche Energie und Verkehr. Der
so wichtige Bereich Ernährung bleibt
bisher weitestgehend außen vor. KER-
NiG adressiert deshalb dieses Thema.
Der Ansatz des Nudging kann einen
wichtigen Beitrag leisten, um Ernäh-
rung in Städten nachhaltiger zu gestal-
ten. Im Rahmen von KERNiG wurden
ausgewählte Nudges in einer Kantine
in der Stadt Waldkirch getestet. Das
Booklet stellt weitere Nudges für den
Einsatz in Kommunen vor.
Die Autoren möchten den Mitarbeitern
der Stadt Leutkirch für ihre Hilfe bei
der Erstellung dieses Booklets danken.
Was sind verhaltensbasierte
Maßnahmen („Nudges“)?
Was nicht?
Das Wort „Nudging“ beschreibt ein
Konzept von verschiedenen Maßnah-
men aus der Verhaltenswissenschaft,
die bestimmte, freiwillige Handlungs-
weisen fördern. So kann es beispiels-
weise in bestimmten Situationen für
das Verhalten von Menschen ent-
scheidend sein, wie verschiedene Aus-
wahlmöglichkeiten angeordnet sind.
Gesellschaftlich präferierte Möglich-
keiten sollten leichter und bequemer
nutzbar gemacht werden. Auch die
Vereinfachung von Informationen oder
deren graphische Aufarbeitung (z.B.
Schockbilder auf Zigarettenschach-
teln) sowie Selbstbindungsmaßnah-
men (z.B. eine Mitgliedschaft bei den
Weight Watchers) zählen zu solchen
Maßnahmen. Wirksam sind auch Vor-
einstellungen (z.B. gesunde Kantinen
in der Schule) und Erinnerungen an be-
stimmte Vorhaben.
Vorteilhaft an solchen Maßnahmen ist,
dass keine Wahl von vorne herein aus-
geschlossen wird, keine Verbote erlas-
sen werden und kein Zwang ausgeübt
wird. Die Menschen können sich wei-
terhin frei für oder gegen eine Alterna-
tive entscheiden, sie werden lediglich
sanft in eine bestimmte (hier: nach-
haltigere) Richtung gestupst. Nudges
wirken im Allgemeinen vor allem bei
Personen, die in einer bestimmten Ent-
scheidungssituation keine starken Prä-
ferenzen haben oder aber wenig Zeit
oder Interesse sich zu informieren.
Verbote und Gesetze sowie nanziel-
le Anreize wie Subventionen und Ge-
bühren gehören nicht zur Gruppe der
Nudges.
Die Tabelle auf der folgenden Seite
stellt die zehn wichtigsten Nudges und
ihre Wirkungsweise vor.
- 6 - - 7 -
Nudge Beispiel Wirkung
Default Regeln Zertiziertes Bioessen als Standard in Kantinen und
Mensen. Auch könnte man in der Kantine statt
Pommes immer Salat als Standard zu den Haupt-
speisen anbieten.
Defaults („Voreinstellungen“) sind oft aus Zeitgründen bei Entscheidungen
notwendig oder zumindest sehr hilfreich. Da Menschen in der Regel bei der
Voreinstellung verbleiben und nur bei starker Präferenz für die Alternative
abweichen, hat eine Änderung der Voreinstellung starken Einuss auf das
Verhalten der Menschen.
Vereinfachungen Darstellung eines Nährwert-Tellers
statt einer Nährwert-Pyramide.
Häug sind Sachverhalte komplex dargestellt und erschweren Menschen
das Verständnis von Informationen. Durch eine vereinfachte Darstellung von
Informationen und Prozessen können mögliche Verzerrungen in der Entschei-
dungsndung behoben werden.
Soziale Normen Im Supermarkt könnte vor dem Eierregal ein Aufsteller
mit dem Hinweis „44% der Deutschen kaufen ihre Eier
bei regionalen Händlern“ stehen.
Menschen orientieren sich häug am Verhalten ihrer Mitmenschen. Soziale Nor-
men unterstreichen, dass ein bestimmtes Verhalten von der Mehrheit angewen-
det wird. Um die Wirksamkeit zu erhöhen, ist ein lokaler Bezug wichtig.
Erhöhung der
Einfachheit oder
Bequemlichkeit
Durchdachte Anordnung von Speisen an einem Buet,
so dass gesunde oder nachhaltige Speisen auälliger
präsentiert werden.
Menschen wählen oft intuitiv die vermeintlich einfachsten Alternativen. Deshalb
kann die Wahl einer gewünschten Option durch den Abbau von Hindernissen
bzw. die Erhöhung der Bequemlichkeit oder Sichtbarkeit gefördert werden.
Erhöhung der Trans-
parenz bzw. Salienz
(d.h. Auälligkeit)
Oenlegung der Umweltkosten von regionalen Pro-
dukten im Vergleich zu nicht-regionalen Produkten.
Dient Konsumenten dazu, sachkundige Entscheidungen zu treen. Verständ-
liche und leicht zugängliche Informationen erleichtern dies.
Warnhinweise Grasche Warnhinweise auf gesundheitsgefährdenden
Produkten wie z.B. auf Zigarettenschachteln.
Die Aufmerksamkeit von Menschen ist begrenzt. Durch deutliche und
graphisch auällig aufbereitete Warnhinweise kann die Aufmerksamkeit
für gewünschte Objekte erregt bzw. erhöht werden.
Selbstbindung Selbstbindungsprogramme für gesundheitsförderndes
Verhalten wie z.B. Teilnahme an Weight Watchers
Menschen haben oft Schwierigkeiten, selbst gesetzte Ziele auch zu erreichen.
Durch ein öentliches Bekenntnis zu bestimmten Zielen innerhalb einer Grup-
pe erhöhen sie für sich selbst den Druck; die Zielerreichung gelingt besser.
Erinnerungen Erinnerung an routinemäßigen Gesundheitscheck-
Termin per SMS oder E-Mail.
Menschen verlieren oft bestimmte Ziele aus den Augen, z.B. aufgrund von
Zeitmangel oder Vergesslichkeit. Schon kleine Erinnerungen an ihre Pläne
oder Aufgaben können deren Durchführung fördern.
Abfrage von Hand-
lungsintentionen
„Haben Sie heute noch vor,
etwas Gemüse oder Obst zu essen?“
Eine direkte Abfrage von Handlungsvorhaben erhöht bei Menschen die
Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Handlung auch tatsächlich vollziehen.
Feedback zu den
Ergebnissen des
eigenen Verhaltens
Feedback zu den Wirkungen einer Ernährungsumstel-
lung, z.B. was bringt es abends keine Kohlenhydrate
mehr zu essen.
Menschen erinnern sich oft nicht sofort an Auswirkungen ihrer früheren
Handlungen. Durch das Bereitstellen dieser Informationen, also von Feed-
back, können sie ihr zukünftiges Handeln optimieren.
Tabelle 1: Die zehn wirksamsten Arten von Nudges2
- 8 - - 9 -
Einordnung der Nudges in
den kommunalen Kontext –
Wie das Booklet zu nutzen ist
Hauptziel des Booklets ist die Vorstel-
lung ausgewählter Nudges, die in Kom-
munen genutzt werden können. Durch
diese sollen Bürger im täglichen Leben
bei der Umsetzung eines nachhaltige-
ren und gesünderen Ernährungsver-
haltens unterstützt werden.
Jeder Nudge wird der entsprechen-
den „Nudgeart“ in Tabelle 1 zugeord-
net, die Wirkungsweise des Nudges
erläutert und potentielle Zielgruppen
angegeben. Zudem werden die Grund-
züge einer Umsetzung im kommunalen
Kontext skizziert, Kooperationspartner
identiziert und mögliche Probleme
aufgezeigt. Da die Nudges unter Berück-
sichtigung der vom Leutkircher Gemein-
derat beschlossenen Umsetzungsbau-
steine3 ausgewählt wurden, wird bei den
Hinweisen zur Umsetzung speziell hier-
auf eingegangen.
Um eine Einordnung für kommunale
Entscheider zu vereinfachen, werden
die Nudges zudem in folgendes Sche-
ma4 eingeordnet:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Tabelle 2: Dimensionen zur Einordnung der
Nudges
Durch die Zuordnung zu den vier Di-
mensionen Produktion, Verarbeitung,
Versorgung und Entsorgung soll es den
kommunalen Entscheidungsträgern er-
leichtert werden, die Nudges verschie-
denen Stufen im Ernährungskreislauf
zuzuordnen, in denen diese einge-
setzt werden können. Des Weiteren
wird der Nudge horizontal bestimmten
Themenfeldern zugeordnet, in denen
er seine Wirkung entfaltet: Umwelt,
Gesundheit der Bürger, Qualität von
Waren bzw. Dienstleistungen und För-
derung der Regionalität. Zudem wer-
den für jeden Nudge eine grobe Ab-
schätzung der zeitlichen Umsetzung,
der Kosten5 sowie ein Beispiel aus der
Literatur oder der Praxis gegeben.
20 Nudges zur Förderung
nachhaltigen Verhaltens im
kommunalen Kontext
- 10 - - 11 -
Nudge 1:
Einleger in Einkaufswagen
Ziel:
Einleger in Einkaufswagen mit entspre-
chenden Aufdrucken (Bilder oder Text)
sollen die Käufer daran erinnern, Obst
und Gemüse einzukaufen. Der Einleger
deutet einen bestimmten Platz für fri-
sches Obst und Gemüse an, der hierfür
genutzt werden sollte, aber nicht muss.
Verbraucher werden dadurch animiert,
den vorgesehen Platz zu füllen, mehr
Obst und Gemüse zu kaufen und damit
gesünder zu essen.
Adressiertes Verhalten:
Menschen reagieren stark auf sozia-
le Normen, vor allem, wenn sie diese
befürworten. Viele Personen haben
den Vorsatz, gesunde und nachhaltige
Lebensmittel einzukaufen. Die Umset-
zung dieses Vorsatzes fällt ihnen in der
realen Situation im Supermarkt jedoch
oft schwer, da verschiedene Einüsse
vom geplanten Einkauf ablenken.
Veränderung:
Der Einleger im Einkaufswagen signal-
isiert, welcher Anteil an Gemüse und
Obst optimalerweise eingekauft wer-
den sollte (soziale Norm). Abweichun-
gen sind möglich, es besteht kein
Zwang.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
In Supermärkten in Kanada wurden
Einkaufswagen mit zwei unterschiedli-
chen Einlegern ausgestattet: Einleger 1
unterteilte den Wagen in die zwei Ab-
schnitte „Obst & Gemüse“ und „Fleisch
& Genuss“, wobei 35% der Wagenä-
che für ersteres und 65% für letzteres
vorgesehen waren. Bei Einleger 2 war
das Verhältnis 50:50. Einleger 3 diente
als Kontrollkondition und nahm keine
Unterteilung des Wagens vor. Das Er-
gebnis: Durch die transparente Dar-
stellung einer sozialen Norm hinsicht-
lich des zu kaufenden Verhältnisses
von „Obst & Gemüse“ zu „Fleisch &
Genuss“ konnte der relative Kaufanteil
von „Obst & Gemüse“ signikant ge-
steigert werden.
Potentielle Adressaten:
Zielgruppe sind hier alle (selbst) im
Supermarkt einkaufenden Personen.
Personen, die im Internet bestellen
oder ihre Einkäufe von Dritten tätigen
lassen, werden durch die Maßnahme
nicht adressiert.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Betreiber von Supermärkten müssen
von den Vorteilen einer solchen Maß-
nahme überzeugt werden. Verbraucher
dürfen sich von den Einlegern nicht
gestört fühlen. Die Einleger sollten
also einerseits gut sichtbar und intui-
tiv verständlich sein, andererseits aber
auch nicht zu auällig oder störend
sein. Auch das Reinigen der Wagen
darf dadurch nicht erschwert werden.
In Leutkirch bietet sich hier insbesondere
die Zusammenarbeit mit einem großen,
regionalen Supermarktbetreiber an.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Kontaktaufnahme mit Super-
märkten und Anbahnung der Umset-
zung
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Test der Verständlichkeit der Ein-
leger; Planung der Menge und Anbah-
nung der Produktion
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Obst- und Gemüse-
verkauf im Supermarkt); Pre-Test im
Supermarkt
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Dieser Nudge wurde von der Forschergruppe
um Brian Wansink 2014 in Kanada getestet
und die Ergebnisse veröentlicht.6
- 12 - - 13 -
Nudge 2:
Platzieren einer fleischlosen
Alternative
Ziel:
Der Konsum von vegetarischen Gerich-
ten ist zumeist nachhaltiger als der von
Fleischgerichten. Die Platzierung von
eischlosen Alternativen zu bestimm-
ten eischhaltigen Angeboten soll Ver-
braucher zur Änderung ihres Einkaufs-
verhaltens bewegen.
Adressiertes Verhalten:
An der Fleisch- und Wursttheke kom-
men Verbrauchern meist nicht nach-
haltige oder gesündere Angebote in
den Sinn. Durch eine ansprechende
Präsentation von vegetarischen Al-
ternativen neben den Fleischgerich-
ten wird auch Verbrauchern, die nicht
explizit auf der Suche nach vegetari-
schen Gerichten sind, der Zugang zu
diesen vereinfacht und nahegelegt.
Veränderung:
Die vegetarische, und somit zumeist
nachhaltigere, Alternative wird neben
den Fleischprodukten im Supermarkt
platziert. Hierdurch sollen Verbraucher
angeregt werden, die vegetarische Al-
ternative zu wählen.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Für ein Experiment in einem belgi-
schen Supermarkt wurden vegetari-
sche Aufstriche neben vergleichbaren
Wurstaufstrichen platziert. Zuvor wa-
ren alle vegetarischen Aufstriche aus-
schließlich in einem separaten Regal
untergebracht und somit vor allem für
Personen präsent, die explizit vegetari-
sche Produkte suchten. Nun waren sie
an beiden Orten verfügbar und konn-
ten probiert werden. Die Intervention
führte dazu, dass insgesamt sowohl die
Menge an verkauften vegetarischen
Produkten als auch die Menge an ver-
kauften Fleischprodukten anstieg. Im
Verhältnis stieg jedoch der Anteil an
verkauften vegetarischen Produkten
von 13% auf fast 25% an, während
der Anteil an verkauften Fleischpro-
dukten sank.
Potentielle Adressaten:
Dieser Nudge adressiert vor allem Per-
sonen, die sich gerne, aber nicht aus-
schließlich, vegetarisch ernähren.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Von besonderer Bedeutung ist, Betrei-
ber von Supermärkten, Metzgereien
oder Bäckereien von der Maßnahme zu
überzeugen und als Kooperationspart-
ner zu gewinnen. Der im wissenschaft-
lichen Experiment gezeigte absolute
Anstieg an verkauften Produkten durch
die Intervention kann hier als gutes
Argument dienen. In Leutkirch könnten
regional verwurzelte Lebensmittelhänd-
ler als Partner gesucht werden. Zudem
könnte der Umsetzungsbaustein zum
„eischfreien Freitag“ als Anknüpfungs-
punkt dienen.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Kontaktaufnahme mit Super-
märkten oder anderen Händlern. Aus-
loten von Kooperationsmöglichkeiten
und Anbahnung der Umsetzung
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Auswahl der zu kombinierenden
Lebensmittel. Überlegung, wie die Pro-
dukte präsentiert und platziert werden
sollen
3. Schritt: Festlegung der Erfolgs-
messung (Indikator: Verkaufszahlen
des eischhaltigen Produkts und der
vegetarischen Alternative); Pre-Test im
Supermarkt bzw. bei den Händlern
Kostenabschätzung:
Niedrige Kosten
Beispiel/Literatur:
Dieser Nudge wurde 2016 unter Leitung von
Kristof Rubens von der Flämischen Regierung
und Jolien Vandenbroele von der Universität
Gent in einem belgischen Supermarkt getes-
tet.7
- 14 - - 15 -
Nudge 3:
Auslage spezifischer Rezepte
mit nachhaltigen Produkten
am Verkaufsort
Ziel:
Regionale Produkte sind oft nachhalti-
ger als Importierte. Verbrauchern soll
mittels spezieller Rezeptkarten eine
Hilfestellung gegeben werden, welche
Gerichte sie mit bestimmten regiona-
len Produkten zubereiten oder kombi-
nieren können. Dadurch soll ein nach-
haltigeres Konsumverhalten gefördert
werden.
Adressiertes Verhalten:
Ca. 70% der Verbraucher entschei-
den über ihre Lebensmittel-Einkäufe
spontan während des Einkaufens.8
Gut platzierte Informationen können
am Verkaufsort einen Einuss auf das
Einkaufsverhalten haben, da sie die
Entscheidung erleichtern und eine Art
Erinnerungsstütze bietet, welche Ge-
richte mit bestimmten Produkten zu-
bereitet werden können.
Veränderung:
Es werden Rezepte bei den Auslagen
von regionalen Produkten platziert.
Diese sollen Verbrauchern erklären,
wie man bestimmte Gerichte zube-
reiten kann oder mit was man be-
stimmte Lebensmittel kombinieren
kann. So könnte z.B. ein Rezept für
eine schmackhafte Kürbissuppe am
Marktstand mit regional gezüchteten
Kürbissen ausgelegt werden oder ein
Rezept für Kartoelsalat mit einem
Hinweis auf regionale Kartoeln bei
den Grillauslagen im Supermarkt. Da-
durch könnte zudem der Austausch
von Pommes Frites durch gesünderen
Kartoelsalat gefördert werden.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Die Wirkung von Zubereitungshilfen
wurde in einem belgischen Supermarkt
getestet. Dabei platzierten die Wissen-
schaftler lediglich Zubereitungshinwei-
se wie „schmeckt gut mit Kartoelbrei“
neben Produkten wie beispielsweise
regionalen Sellerie. Allein dieser Hin-
weis sorgte für einen signikanten An-
stieg des Sellerieverkaufs. Ein leckeres
Rezept ergänzend zu einem Slogan
könnte eine noch stärkere Wirkung
haben und müsste in weiteren Experi-
menten getestet werden.
Potentielle Adressaten:
Angesprochen werden hierbei vor al-
lem Personen, die selbst kochen und
auch einkaufen.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Als Kooperationspartner würden hier
kleinere und lokale Supermärkte oder
Händler wie Metzgereien oder Bä-
ckereien in Frage kommen. Auf Wo-
chenmärkten könnten zudem Rezepte
bei Ständen ausgelegt werden, die
nachhaltige Produkte anbieten. Eine
Kooperation mit Ernährungsexper-
ten könnte sich für die Erstellung und
Überprüfung der Rezepte anbieten.
In Leutkirch könnten die Rezepte aus der
Serie „KERNiG kocht“ an Ständen auf
dem Wochenmarkt ausgelegt werden.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identizierung der Koope-
rationspartner, Kontaktaufnahme und
Festlegung des Fokus der Maßnahme
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Einigung über die Finanzierung
des Drucks der Rezepte; Auswahl der
Rezepte und Festlegung der Orte für
deren Platzierung
3. Schritt: Test der Rezepte auf Ver-
ständlichkeit; Festlegung der Erfolgs-
messung (Indikator: Verkauf nach-
haltiger Produkte)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Dieser Nudge wurde in ähnlicher Form 2016
unter Leitung von Kristof Rubens von der Flä-
mischen Regierung und Jolien Vandenbroele
von der Universität Gent in einem belgischen
Supermarkt getestet.9
- 16 - - 17 -
Nudge 4:
Bevorzugte Positionierung
von Marktständen mit nach-
haltigen und regionalen Pro-
dukten auf Wochenmärkten
Ziel:
Mit dieser Maßnahme sollen verschie-
dene Ziele erreicht werden: Einerseits
unterstützt sie Anbieter nachhaltiger
und regionaler Lebensmittel, anderer-
seits sollen Verbraucher zu einem nach-
haltigeren Ernährungsverhalten moti-
viert werden.
Adressiertes Verhalten:
Die Maßnahme zielt auf die begrenzte
Aufmerksamkeit von Personen wäh-
rend des Einkaufs ab und versucht
durch eine Umstellung in der Anord-
nung der Alternativen die Kaufent-
scheidung zu beeinussen. Nachhalti-
ge Produkte sind einfacher erreichbar
als weniger nachhaltige.
Veränderung:
Die Struktur eines Wochenmarktes
ist zumeist von bestimmten örtlichen
Gegebenheiten abhängig. Es gibt zu-
meist Stände an besseren, d.h. auäl-
ligeren Plätzen und solche, die nicht
so gut platziert sind. Die besten Plät-
ze sollten bei dieser Maßnahme an
Stände von Verkäufern gehen, die
ausschließlich nachhaltige und regio-
nale Produkte anbieten. Anhand eines
Bewertungsverfahrens zur Regionalität
und Nachhaltigkeit von Anbietern soll-
te eine Reihenfolge für die Platzierung
der Stände festgelegt werden.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Ein Test zu dieser spezischen Maßnah-
me existiert bisher noch nicht. Jedoch
gibt es verschiedene wissenschaftliche
Untersuchungen, die sich mit der An-
ordnung von Lebensmitteln an Buets
oder in Kantinen beschäftigen. Diese
nden signikante Zusammenhänge
zwischen Positionierung und Auswahl-
häugkeit der Produkte. Die Erkennt-
nis, dass eine auällige Platzierung von
gewünschten Alternativen einen posi-
tiven Einuss auf deren Auswahlwahr-
scheinlichkeit hat, dürfte vermutlich
auf die Positionierung von Wochen-
marktständen übertragbar sein.
Potentielle Adressaten:
Die Zielgruppe sind Wochenmarkt-
besucher, die den Wochenmarkt eher
unregelmäßig und spontan besuchen.
Personen, die durch regelmäßige Be-
suche eine starke Bindung zu be-
stimmten Anbietern aufgebaut haben,
dürften ihr Verhalten durch diese Maß-
nahmen wohl nicht ändern.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Als Kooperationspartner wird das Ord-
nungsamt als Entscheidungsträger
über die Anordnung der Stände auf
dem Markt gebraucht. Zudem sollten
die Marktbeschicker von Anfang an in
die Planung einbezogen oder zumin-
dest informiert werden, um Unmut
über die mögliche Änderung schnell
begegnen zu können. Der Umsetzungs-
baustein „Streichung der Gebühren für
Stände auf dem Bauernmarkt“ könnte in
Leutkirch mit diesem Nudge ergänzend
ankiert werden.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Gespräche mit zuständigen
Personen in der Verwaltung und den
Besitzern der Marktstände
2. Schritt: Konkretisierung der Um-
setzung: Identikation der besten
und verkaufsstärksten Plätze auf dem
Markt; Festlegung der Kriterien für för-
derungswürdige Stände; Ankündigung
der Maßnahme über verschiedene
Kanäle (z.B. Zeitung oder Aushänge auf
dem Markt)
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Umsatz bestimmter
Marktstände)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Die Forscher Hanks, Smith und Wansink zeig-
ten am Beispiel einer Schulcafeteria die Wir-
kung von Entscheidungsarchitektur auf das
Konsumverhalten.10
- 18 - - 19 -
Nudge 5:
Prominente Positionierung
regionaler Gerichte auf Spei-
sekarten oder Aushängen in
öffentlichen Kantinen
Ziel:
Regionale Gerichte sind oft nachhalti-
ger als exotische Gerichte mit impor-
tierten Zutaten. Durch diese Maßnah-
men sollen Besucher von Restaurants
oder Kantinen zu einem nachhaltigeren
Ernährungsverhalten bewegt werden.
Adressiertes Verhalten:
Die Maßnahme adressiert die begrenz-
te Aufmerksamkeitsfähigkeit von Ver-
brauchern. Bei der Essensauswahl in
einem Restaurant oder einer Kantine
wird in relativ kurzer Zeit eine Ent-
scheidung getroen. Eine auällige
Positionierung von nachhaltigen Ge-
richten auf Speisekarten oder Kanti-
nenaushängen fördert deren Wahlhäu-
gkeit.
Veränderung:
Speisekarten könnten so entworfen
werden, dass die zu bevorzugenden Al-
ternativen – also regionale Gerichte –
am Anfang oder am Ende der entspre-
chenden Kategorie der Speisekarte
zu nden sind. Dort positionierte Ge-
richte werden nachweislich häuger
gewählt als Speisen, die in der Mitte
einer Kategorie „versteckt“ sind.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
In wissenschaftlichen Untersuchungen
wurde die Bedeutung der Positionie-
rung von Gerichten auf Speisekarten
auf die Auswahlhäugkeit festgestellt.
So fand eine Studie im Jahr 2011 her-
aus, dass Gerichte, die zu Beginn oder
am Ende der jeweiligen Kategorie auf
der Karte aufgeführt waren, um 20%
häuger gewählt wurden als jene in
der Mitte. Dieser Eekt war dabei
unabhängig von der Gesamtanzahl an
Gerichten auf der Karte sowie der Art
der Speisen.
Potentielle Adressaten:
Die Änderung der Anordnung von Ge-
richten auf einer Speisekarte in Gast-
häusern zielt vor allem auf Personen ab,
die beim Besuch von Gasthäusern noch
nicht wissen, was sie essen möchten.
Bei der Änderung der Speisen-
anordnung auf Aushängen in öent-
lichen Kantinen können ebenfalls
vor allem solche Gäste beeinusst
werden, die gerne zwischen verschie-
denen Gerichten wechseln.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Als Kooperationspartner bieten sich
hier Restaurants und Kantinen an. Für
Restaurantbetreiber könnte dies at-
traktiv sein um Kunden zu akquirieren,
die bewusst nachhaltiger essen möch-
ten. In Leutkirch könnten vor allem die
Gastronomen gewonnen werden, die
bereits an Aktionen wie „Leutkirch isst
gut“ teilnehmen und die regionale Pro-
dukte wie das „Seezüngle“ fördern.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Kontaktaufnahme mit
Restaurants und Kantinen. Möglicher-
weise Identikation von Restaurants,
die gerade eine Umstellung der Speise-
karte planen. Ansonsten nanzielle
Förderung des Drucks neuer Speise-
karten erwägen.
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Festlegung der zu fördernden,
regionalen Gerichte; Analyse der Struk-
tur der Speisekarten bzw. Aushänge in
Kantinen
3. Schritt: Festlegung der Erfolgs-
messung (Indikator: Absatz regionaler
Gerichte)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Die Wirkung der Position von Speisen inner-
halb einer Kategorie auf einer Speisekarte
wurde 2011 von Dayan und Hillel untersucht.11
- 20 - - 21 -
Nudge 6:
Vegetarische Gerichte als
Standard bei Miags-
angeboten in Restaurants
oder öffentlichen Kantinen
Ziel:
Durch diese Maßnahme soll der Anteil
an verkauften vegetarischen Gerichten
erhöht und zu einer nachhaltigeren
Ernährungsweise der Restaurant- oder
Kantinenbesucher beigetragen werden.
Adressiertes Verhalten:
Menschen tendieren dazu, das zuerst
präsentierte Angebot (die Voreinstel-
lung oder auch „Default“) auszuwäh-
len, auch wenn ihnen eine Alternative
dazu angeboten wird. Diese Präferenz
für die Voreinstellung kann durch eine
Umstellung des Defaults starke Aus-
wirkungen auf die Speisenwahl haben.
Veränderung:
In vielen Restaurants oder öentli-
chen Kantinen gibt es tages- oder wo-
chenspezische Mittagsangebote, die
preislich günstiger sind als die Gerich-
te auf der regulären Speisekarte. Oft
wird hier ein Fleischgericht angeboten
und auf Nachfrage gibt es eine vege-
tarische Alternative. Zumeist gibt es
einige Personen, die ein vegetarisches
Gericht durchaus gerne essen würden,
wenn es direkt angeboten würde. Eine
Änderung der Voreinstellung – d.h. das
oensichtliche Angebot eines vegeta-
rischen Gerichts und ein Fleischgericht
auf Nachfrage – könnte somit zu einer
Erhöhung des Anteils an verkauften
vegetarischen Gerichten führen.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Gerichte werden im Vergleich zu an-
deren Gerichten nachweislich häu-
ger gewählt, wenn sie standardmäßig
– also als Default – angeboten werden.
Zu diesem Ergebnis kam eine Studie in
Schweden. Hier wurde der Default bei
einem „Mittagstisch“ in einem Restau-
rant von einer Fleischspeise zu einem
vegetarischen Gericht umgestellt. Dies
führte zu einer signikanten Erhöhung
des Anteils an verkauften vegetari-
schen Gerichten.
Potentielle Adressaten:
Die Änderung hin zu einer vegetari-
schen Voreinstellung beim Mittagsan-
geboten in Restaurants oder Kantinen
zielt vor allem auf Personen ab, die
sowohl gerne Fleisch als auch vegeta-
risch essen. Vegetarier oder überzeug-
te Fleischesser werden davon wohl
eher nicht betroen sein, da sie sehr
starke Präferenzen aufweisen.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Vor allem Restaurants und Kantinen,
die einen „Mittagstisch“ anbieten und
zur Mittagszeit hoch frequentiert sind,
eignen sich für die Umsetzung dieser
Maßnahme. Die geplante Aktion „Leut-
kirch isst regional“ könnte als Label
für die als „Mittagstisch“ angebotenen
vegetarischen Gerichte auf der Speise-
karte genutzt werden und unterstützend
wirken. Bei einer neuerönenden Kanti-
ne in Leutkirch könnte man zudem die
Anordnung der Menüs ändern und das
vegetarische Menü zuerst als „Standard“
präsentieren.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identizierung von potenti-
ellen Restaurants oder Kantinen
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Untersuchung des Aufbaus der
Tages- oder Wochenkarte; Analyse des
bisherigen Kundenverhaltens beim
Status Quo; Auswahl von vegetari-
schen Gerichten, die man auf Nachfra-
ge mit Fleisch ergänzen könnte
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Absatz vegetarischer
Gerichte)
Kostenabschätzung:
Niedrige Kosten
Beispiel/Literatur:
Gravert und Kurz führten 2016 ein Experiment
zum Eekt der Änderung der Voreinstellung
auf der Wochenkarte in einem Restaurant in
Stockholm durch.12
- 22 - - 23 -
Nudge 7:
Verbale Unterstützung des
Konsums nachhaltiger Spei-
sen durch Mitarbeiter in
öffentlichen Kantinen
Ziel:
Durch gezielte Hinweise auf bestimm-
te Speisen durch die Mitarbeiter sol-
len Gäste von öffentlichen Kantinen
zu einem nachhaltigeren Essverhal-
ten animiert werden. Hierbei könnte
je nach Zielsetzung auf vegetarische,
regionale oder biologisch angebaute
Speisen hingewiesen werden.
Adressiertes Verhalten:
Menschen neigen eher zur Ausführung
von Handlungen, wenn Sie gefragt
werden, ob Sie diese ausführen möch-
ten. Diese Abfrage von Handlungsop-
tionen (sogenanntes „Priming“) kann
verbal oder schriftlich erfolgen, wobei
eine verbale Frage einen stärkeren
Eekt haben dürfte.
Veränderung:
Die Mitarbeiter in Kantinen werden
darauf trainiert, Gäste bei der Aus-
gabe von Speisen gezielt verbal auf
bestimmte Speisen hinzuweisen bzw.
nachzufragen, ob diese gewünscht
werden. Alternativ kann dieses Kon-
zept auch auf Restaurants übertragen
werden, hier würden Kellner geschult.
Diese müssten bei der Begrüßung der
Gäste auf bestimmte Gerichte hinwei-
sen und fragen, ob diese gewünscht
werden.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Ein Experiment in Schulen kam zu dem
Ergebnis, dass das Stellen der Frage
„Möchtest Du Obst oder Saft zum Mit-
tagessen dazu haben?“ zu einer signi-
kanten Erhöhung des Obst- und Saft-
konsums geführt hat. Wenn die Frage
nicht gestellt wurde, aßen nur 40%
der Schüler Obst bzw. tranken Saft. Bei
Schülern, die gezielt nach ihrer Absicht
gefragt wurden Obst oder Saft zu kon-
sumieren, lag dieser Anteil hingegen
bei 70%. Diese Maßnahme könnte
in angepasster Form auf öffentliche
Kantinen übertragbar sein.
Potentielle Adressaten:
Besucher von Restaurants oder Kanti-
nen. Insbesondere auf unentschlosse-
ne und neugierige Personen dürfte die
Ansprache und Nachfrage eine Auswir-
kung haben.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Hier sollten Restaurants und Kantinen
zur Mitarbeit bewogen werden. Zudem
ist es wichtig, dass die Kantinenmitar-
beiter und Kellner entsprechend in-
formiert, geschult und in den Prozess
miteinbezogen werden. Die Kommuni-
kation sollte nicht als lästig oder auf-
dringlich empfunden werden. Hier bie-
tet sich bei der Schulung des Personals
in Leutkirch eine Integration des Nudges
im Rahmen des Ziels „Jeder Leutkircher
weiß, wie lokale und regionale Lebens-
mittel verarbeitet werden“ an, damit das
Personal über gesunde und nachhaltige
Ernährung noch besser geschult ist.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identizierung von poten-
tiellen Restaurants oder Kantinen;
Festlegung des Fokus der verbal unter-
stützenden Aussagen auf bestimmte
Themen wie Nachhaltigkeit oder Regi-
onalität von Gerichten
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Auswahl von bestimmten Fragen;
Festlegung der Situation, in der die
Frage gestellt wird; Schulung der Mit-
arbeiter
3. Schritt: Test der Fragen auf Verständ-
lichkeit; Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator hängt vom Fokus der
Maßnahme ab)
Kostenabschätzung: €
Niedrige Kosten
Beispiel/Literatur:
In der Studie von Marlene Schwartz aus dem
Jahr 2007 nden sich weitere Erläuterungen
zu dem Experiment in den Schulen.13
- 24 - - 25 -
Nudge 8:
Einführung einer Wochen-
Challenge zu nachhaltigem
Verhalten
Ziel:
Durch die Einführung einer wöchentli-
chen Aufgabe sollen Bürger zu einem
nachhaltigeren Lebensstil animiert
werden. Dies kann verschiedene Berei-
che wie z.B. Ernährung, Müllentsorgung
oder Mobilitätsverhalten betreen.
Adressiertes Verhalten:
Individuen verschieben gerne schwie-
rige Verhaltensänderungen in die Zu-
kunft oder schaen es häug nicht,
ein selbst gewünschtes Verhalten
konsequent umzusetzen. Eine expli-
zite, gerne auch öentliche (z.B. über
das Internet) Zielsetzung und entspre-
chender Selbstbindung kann bei der
Umsetzung helfen.
Veränderung:
Es könnte eine öentliche Kampagne
entworfen werden, die für festgeleg-
te Zeiträumen bestimmte nachhaltige
Verhaltensweisen (z.B. „Ich esse eine
Woche lang jeden Tag Obst“, „Ich fahre
eine Woche kein Auto“) fördert. Bürger
können sich öentlich zu diesem Ziel
bekennen, indem Sie sich z.B. auf der
Homepage der Kommune registrieren.
Durch diese Selbstbindung fällt es den
Bürgern schwerer, von den Zielen ab-
zuweichen, auch wenn kein Zwang zur
Zielerreichung besteht bzw. es keine
Belohnung gibt. Zur Bewerbung ei-
ner solchen Maßnahme sollten wich-
tige Persönlichkeiten der Kommune
teilnehmen. Als gutes Beispiel für
eine Selbstverpichtung im Bereich
nachhaltiges Verhalten kann die Wo-
chen-Challenge des Rats für nachhalti-
ge Entwicklung dienen. Hier wird jede
Woche eine neue Selbstverpichtung
zu einem Nachhaltigkeitsthema veröf-
fentlicht.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Ein bekanntes Beispiel für eine Selbst-
bindungsmaßnahme sind die Weight
Watchers. Wissenschaftliche Studien
haben ergeben, dass das Programm ei-
nen positiven Eekt auf die Gewichts-
reduktion gegenüber einer reinen
Wissensvermittlung, z.B. durch den
Hausarzt, hat.
Potentielle Adressaten:
Die Zielgruppe der Selbstverpich-
tung hängt hier vor allem von den ge-
wünschten Zielen der Selbstverpich-
tung und der Art der Bewerbung ab.
Eine Selbstverpichtungs-Challenge
für ein nachhaltigeres Ernährungsver-
halten, die durch die Gemeinde online
und oine beworben wird, könnte
eine große Zielgruppe erreichen.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Medienpartner für die Bewerbung der
Challenge wie z.B. Zeitungen und Wo-
chenblätter, sollten gewonnen werden.
In Leutkirch könnten kommunale Per-
sönlichkeiten wie der Oberbürgermeis-
ter oder andere gut vernetzte Bürger und
zentrale Akteure für die Teilnahme an
der Selbstverpichtungsmaßnahme ge-
wonnen werden.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Auswahl von Nachhaltig-
keitsthemen, die sich für die Challenge
eignen; Auswahl von Medien für die
Verbreitung der Challenge; Anfrage bei
wichtigen Persönlichkeiten für eine
Teilnahme
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Auswahl eines Namens für die
Challenge; Festlegung des Ablaufpro-
zesses
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Verschiedene Indikatoren mög-
lich)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Die Wochen-Challenge im „Nachhaltigen Wa-
renkorb“ des Rats für Nachhaltige Entwicklung
ist ein gutes Beispiel für einen Selbstbin-
dungs-Nudge.14
- 26 - - 27 -
Nudge 9:
Implementierung und
Bewerbung einer
kommunalen oder regionalen
„Nachhaltigkeits“-App
Ziel:
Durch die App sollen sich Verbrau-
cher bei der Identikation regionaler
Produkte leichter orientieren können.
Dies soll sowohl für den Einkauf von
regionalen Produkten als auch ent-
sprechende regionale Angebote in der
Gastronomie gelten.
Adressiertes Verhalten:
Die Vielzahl an verfügbaren Möglich-
keiten und den dazugehörigen Infor-
mationen überfordern viele Verbrau-
cher. Die Transparenz für Verbraucher
bezüglich Regionalität von Lebensmit-
teln soll deshalb durch die Sammlung
aller regionalen Restaurants und Le-
bensmittelhändler in einer App erhöht
werden. Dadurch soll Verbrauchern die
Identizierung der gewünschten Ange-
bote erleichtert werden.
Veränderung:
Die Umsetzung des Nudges kann auf
zwei Arten geschehen: Einerseits kann
eine Kommune selbst oder in Koope-
ration mit umliegenden Kommunen
die Entwicklung einer solchen App för-
dern. Alternativ könnte aber auch auf
bestehende Apps zurückgegrien wer-
den. Die App hilft Händler regionaler
Produkte oder Gastronomen mit
regionalen Speisen in der gewünsch-
ten Region zu nden.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Zur Wirkung von „regionalen“ Apps
gibt es wenig wissenschaftliche Er-
kenntnisse. Jedoch können Apps in
vielen Bereichen transparenzfördernd
wirken. So gibt es beispielweise die
App „too good to go, durch welche re-
duzierte Angebote von Lebensmittel-
händlern (z.B. restliche Brötchen beim
Bäcker) gefunden werden können. Die
positiven Auswirkungen von Maßnah-
men zur Transparenzerhöhung sind
mehrfach untersucht und bestätigt
worden.
Potentielle Adressaten:
Eine solche App ist vor allem für Ver-
braucher interessant, die sich für eine
nachhaltige Ernährungsweise durch
den Konsum regionaler Produkte inte-
ressieren. Zudem kann die App eine re-
gionale Identität der Menschen stärken.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Falls man die App selbst entwickelt, so
muss man das notwendige Know-How
akquirieren. Einfacher wäre wohl die
Nutzung einer bestehenden App wie
der „RegioApp“ (siehe Beispiel). Regio-
nale Händler sollten zur Registrierung
in der App bewogen werden. Dadurch
könnte man einen Standortvorteil als
„Stadt mit hoher Regionalität“ schaen.
In Leutkirch könnte hier das Bewusstsein
für lokale und regionale Lebensmittel
gesteigert werden, indem die Registrie-
rung regionaler Anbieter in der App von
der Stadt unterstützt wird.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identizierung für die App
relevanter Händler und Restaurants;
Entscheidung, ob auf eine bestehende
App zurückgegrien wird oder selbst
eine App entwickelt werden soll
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Gegebenenfalls Beauftragung
eines Entwicklers für die App; Festle-
gung der Qualikationskriterien von
Unternehmen und Restaurants für die
Aufnahme in die App; Wege für die Be-
werbung der App nden
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: die Anzahl an Down-
load der App)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
bei bestehender App
Hohe Kosten
bei Neuentwicklung
Beispiel/Literatur:
Die „RegioApp“ des Bundesverbands der Re-
gionalbewegung e.V. könnte hier als Anknüp-
fungspunkt dienen.15
- 28 - - 29 -
Nudge 10:
Vergleich der Nachhaltigkeit
durch eine CO2-Ampel auf
Lebensmieln
Ziel:
Die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln
ist eng verbunden mit dem Ausstoß
an CO2 während der Produktion, des
Transports und der Entsorgung. Ziel
einer CO2-Ampel ist es, Lebensmittel
mit geringem CO2-Fußabdruck am Ver-
kaufsort schnell identizierbar zu ma-
chen.
Adressiertes Verhalten:
Viele Verbraucher sind nicht in der
Lage, die ökologische Nachhaltigkeit
von Lebensmitteln während des Ein-
kaufvorgangs in der Kürze der Zeit
einzuordnen. Dies gilt oftmals selbst
dann, wenn hierzu Angaben auf dem
Produkt gemacht werden. Durch eine
vereinfachte und vergleichende Dar-
stellung des CO2-Fußabdrucks können
sich Verbraucher schneller und besser
orientieren. Dadurch wird es ihnen
ermöglicht, eine informierte und be-
wusste Entscheidung bezüglich Nach-
haltigkeitsaspekten beim Kauf zu tref-
fen.
Veränderung:
Ähnlich wie bei einer
Lebensmittelampel, die „gesunde“
und „ungesunde“ Produkte nach den
Farben einer Ampel kategorisiert,
könnte eine CO2-Ampel eingeführt
werden. Dadurch würde man es Ver-
brauchern erleichtern, Produkte mit
verhältnismäßig geringem CO2-Aus-
stoß (z.B. grüner Punkt) von solchen
mit hohem Ausstoß (z.B. roter Punkt) zu
unterscheiden.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Wissenschaftliche Studien zeigen,
dass die vereinfachte Darstellung
von bestimmten Produktinformatio-
nen bei Lebensmitteln in Form eines
Ampelsystems eine signikante Wir-
kung auf das Konsumverhalten von
Verbrauchern haben kann: Bei einem
experimentellen Einsatz eines Ampel-
systems in einer Krankenhauskantine
wurden gesunde Lebensmittel häu-
ger gewählt, ungesunde Lebensmittel
hingegen seltener. Zudem konnte ge-
zeigt werden, dass der Eekt über län-
gere Zeit bestehen bleibt. Ein solches
Ampelsystem könnte abgewandelt
auch für die Darstellung von CO2-Kate-
gorien angewendet werden.
Potentielle Adressaten:
Eine solche Ampelkennzeichnung er-
leichtert vor allem weniger gebildeten
oder auch zeitknappen Verbraucher-
gruppen den informierten Einkauf, ist
aber für alle Verbrauchergruppen von
Vorteil.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Die Kennzeichnung der Produkte
müsste durch die regionalen Händler
durch eine Art „Aufkleber“ geschehen.
Ab welchem CO2-Wert ein Produkt als
„nicht-nachhaltig“ gilt, müsste festge-
legt werden. Hier gilt es kommunale
und regionale Entscheider sowie die
Händler der Region zusammenzubrin-
gen um die Umsetzung dieses Vorha-
bens gemeinsam voranzubringen.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identizierung der CO2-Wer-
te von ausgewählten Lebensmitteln;
Festlegung von Grenzwerten für das
Ampelsystem; Prüfung der Einstellung
der lokalen Händler zu einer solchen
Ampel-Kennzeichnung
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Entwurf eines Designs für die
Ampel-Kennzeichnung; Beauftragung
der Herstellung der Ampel-Siegel; Prü-
fung von Kooperationsmöglichkeiten
mit anderen Gemeinden
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Befragung der Kunden
zur Wahrnehmung der Ampel)
Kostenabschätzung:
Hohe Kosten
Beispiel/Literatur:
Die Studie von Thorndike et al. untersuchte
2014 die Wirkung eines Ampelsystems als
Nudge.16
- 30 - - 31 -
Nudge 11:
Interaktive Displays in Super-
märkten zur vergleichenden
Anzeige des CO2-Fußabdrucks
Ziel:
Durch diesen Nudge sollen Verbraucher
auf den CO
2
-Ausstoß von Lebensmitteln
bei deren Produktion, Verarbeitung und
Transport hingewiesen werden. Auf den
Produkten in Supermärkten sind viele
Informationen wie Mindesthaltbarkeits-
datum oder Inhaltsstoe angegeben, die
die Aufmerksamkeit von Verbrauchern
auf sich ziehen. Durch die Anzeige des
CO
2
-Verbrauchs des eigenen Warenkorbs
auf einem interaktiven Display im Verhält-
nis zum Durchschnitt sollen Verbraucher
sensibilisiert werden.
Adressiertes Verhalten:
Kognitive Grenzen in der Wahrnehmung
von Menschen erschweren es Verbrau-
chern, viele Informationen auf einmal zu
verarbeiten. Hier soll deshalb zunächst
eine Erhöhung der Transparenz bei der
Information über den CO
2
-Fußabdruck ge-
fördert werden. Dadurch soll es Verbrau-
chern erleichtert werden, sich nachhaltig
zu verhalten, indem sie Produkte mit ge-
ringem CO
2
-Fußabdruck kaufen. Zudem
wird ihr Verhalten ins Verhältnis zu ande-
ren Personen gesetzt, was ebenfalls eine
Verhaltensänderung anregen kann.
Veränderung:
Durch die Installation von interaktiven Dis-
plays im Supermarkt können Kunden die
gewünschten Produkte selbst einscannen
und zu einem digitalen Warenkorb hin-
zufügen. Hier werden dann die CO
2
-Fuß-
abdrücke der Produkte des Warenkorbs
zusammenaddiert. Dieser könnte dann ins
Verhältnis zum durchschnittlichen aktuel-
len CO
2
-Fußabdruck in der Kommune so-
wie einem von der Kommune angestreb-
ten Wert gesetzt werden.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Oensichtlich bedarf eine solche Maß-
nahme großer nanzieller Investitionen
seitens der Supermarkt-Inhaber und wur-
de bislang noch nicht in dieser Art umge-
setzt. Deshalb gibt es bisher noch keine
wissenschaftlichen Untersuchungen dazu,
welche Auswirkungen eine solche Oen-
legung und ein Vergleich des CO
2
-Ver-
brauchs auf das Verhalten der Kunden hat.
Potentielle Adressaten:
Die Maßnahme würde vor allem bei Ver-
brauchern wirken, die sich mit dem The-
ma „Nachhaltigkeit“ beschäftigen, ge-
gebenenfalls auch bei technikanen
Verbrauchern. Solche Personen möchten
wahrscheinlich gerne nachhaltige Konsu-
mentscheidungen treen, haben aber oft
ein Problem sich während des Einkaufens
schnell und umfassend zu informieren.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Hier bedarf es viel Engagement der loka-
len Supermarktbetreiber und Einzelhänd-
ler. Interaktive Bildschirme sind kostspie-
lig in der Anschaung, könnten aber eine
Investition in die Zukunft sein. Alternativ
zu Displays könnten bestehende Apps für
Smartphones wie der Nachhaltige Waren-
korb des Rats für Nachhaltige Entwick-
lung oder codecheck.info genutzt werden.
Die Stadt Leutkirch könnte nanziell unter-
stützend wirken.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Kontaktaufnahme mit Händlern;
Auslotung technischer Möglichkeiten
2. Schritt: Konkretisierung der Umsetzung:
Planung und Anschaung der interaktiven
Displays; Festlegung des angestrebten
CO
2
-Fußabdrucks in der Kommune; Pro-
grammieren der Software;
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Senkung des kommuna-
len CO2-Fußabdruck)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
bei bestehender App
Hohe Kosten
bei Displays
Beispiel/Literatur:
Das Umweltbundesamt stellt einen CO2-Rech-
ner zur Berechnung des persönlichen CO2-Fuß-
abdruck zur Verfügung, der hier vorbildhaft
wirken könnte.17
- 32 - - 33 -
Nudge 12:
Namensfindungs-Webewerb
für Kinder zum „nachhaltigen
Gemüse des Monats
Ziel:
Kinder und Jugendliche sollen zu ei-
nem höheren Konsum von nachhalti-
gem Gemüse und Obst animiert wer-
den. Dazu wird ein Wettbewerb ins
Leben gerufen, bei dem Gemüse- oder
Obstsorten mit ausgefallenen und
„coolen“ Namen versehen werden.
Adressiertes Verhalten:
Ausgefallene Bezeichnungen für Le-
bensmittel erhöhen nicht nur die Auf-
merksamkeit bei Verbrauchern, son-
dern beeinussen auch die Erwartung
der Verbraucher an den Geschmack
eines Produkts. Dies gilt besonders für
Kinder.
Veränderung:
In festen Zeitintervallen (z.B. monat-
lich) wird unter Kindern in der Kommu-
ne ein Namensndungs-Wettbewerb
für das „nachhaltige Gemüse des Mo-
nats“ ausgerufen. Hier sollen Kinder
Vorschläge für die Bezeichnung eines
ausgewählten, besonders nachhal-
tigen Gemüses oder Obsts machen
können. Alternativ könnte auch das
regionale Gemüse oder Obst des Mo-
nats gekürt werden. Das Einbeziehen
der Kinder hat zwei positive Eekte:
Einerseits beschäftigen sich die Kin-
der bei der Suche nach einem Namen
mit der entsprechenden Gemüse- oder
Obstsorte, andererseits wird so sicher-
gestellt, dass der Name nicht an den
Erwartungen der Kinder vorbeigeht.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Wissenschaftliche Studien belegen
den positiven Eekt von auälligen/
besonderen Namen für Obst oder Ge-
müse auf deren Konsumhäugkeit.
Eine Studie von Wansink et al. zeigte,
dass bei diesem Experiment Kinder
deutlich mehr Gemüse aßen, wenn
dieses einen auälligen Namen hatte
und dass dieser Eekt eine Zeit anhielt.
Potentielle Adressaten:
Vor allem bei Kindern sind positive
Eekte einer solchen Maßnahme zu er-
warten. Für diese Gruppe sind Namens-
ndungs-Wettbewerbe besonders
spannend. Zudem haben Änderungen
des Ernährungsverhaltens im Kindes-
alter die besten Chancen, zu langfristi-
gen Verhaltensmustern zu werden.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Diese Maßnahme könnte lokal begrenzt
in Schulen umgesetzt werden. Dazu
müssten die Schulleiter und eventuell
die Leiter der Mensa zur Mitwirkung
bewegt werden. Zusätzlich könnte man
den Namensndungs-Wettbewerb auch
auf die ganze Kommune ausweiten.
In Leutkirch könnte der Wettbewerb
im Rahmen der Reihe „KERNiG kocht“
stattnden und mit dem Schulobstpro-
gramm Baden-Württemberg verbunden
werden.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Festlegung des Umfangs
des Wettbewerbs: Kindergarten,
Schule oder gesamte Kommune;
Kontaktaufnahme mit Gemüsehänd-
lern und Supermärkten wegen der
Übernahme des ausgewählten Namens
2. Schritt: Konkretisierung der
Umsetzung: Suche nach einem
Namen für den Wettbewerb;
Ausgestaltung eines schematischen
Prozesses für den Wettbewerb; Fest-
legung eines symbolischen Preises
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Umfrage zur Bekannt-
heit der neuen Bezeichnung)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Die Untersuchung von Wansink, Just, Payne
und Klinger zeigte 2012 die Wirksamkeit von
attraktiven Namen.18
- 34 - - 35 -
Nudge 13:
Unterstützung eines Lebens-
mielverteilers durch aufge-
klebte Fußspuren
Ziel:
Jeder Deutsche wirft im Durchschnitt
pro Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel
in den Müll. Durch auf den Boden auf-
geklebte Fußspuren sollen Personen
zu einem Ort geleitet werden, an dem
sie Lebensmittel abgeben können, die
sie selbst nicht mehr verbrauchen wer-
den. Dadurch soll die Lebensmittelver-
schwendung reduziert werden.
Adressiertes Verhalten:
Viele Verbraucher nden, dass übrig
gebliebene Lebensmittel zu früh weg-
geworfen werden und gespendet bzw.
anderen Menschen zur Verfügung ge-
stellt werden sollten.19 Häug fällt es
Menschen jedoch schwer, diesen Vor-
satz in die Tat umzusetzen, weil die
Umsetzung zeitaufwendig ist. Durch
Fußspuren, die zu Foodsharing-Vertei-
lerstellen für übrige Lebensmittel oder
Tafelläden führen, soll diese beste-
hende Absicht erneut abgefragt wer-
den und der Anteil an gespendeten
Lebensmitteln erhöht werden.
Veränderung:
Zunächst bedarf es einer Verteilerstel-
le für Lebensmittel im Ort, z.B. eines
öffentlich zugänglichen Kühlschranks
oder eines Tafelladens. Von einem
belebten Ort ausgehend, z.B. der Fuß-
gängerzone, werden dann gut sichtbar
Fußspuren am Boden angebracht, die
zu diesem Verteiler führen. Dadurch
wird Verbrauchern diese Möglichkeit
für den Umgang mit nicht mehr ge-
brauchten Lebensmitteln immer wie-
der vor Augen geführt.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
In einem Experiment zum Thema „Lit-
tering“ in Kopenhagen wurden 2011
Bonbons an Passanten in der Fußgän-
gerzone verteilt. Dann wurden die auf
den Boden geworfenen Verpackungen
gezählt. Im Anschluss wurden Fußspu-
ren angebracht, die zu einem Müll-
eimer in der Nähe führten und das
Experiment wiederholt. Die Anzahl
an weggeworfenen Bonbon-Verpa-
ckungen sank im Vergleich zum ersten
Versuch um 46%. Diese Erkenntnis für
das „Littering“-Verhalten sollte auch
auf das Verhalten bzgl. Lebensmittel-
verschwendung übertragbar sein.
Potentielle Adressaten:
Diese Maßnahme adressiert vor allem
Personen, die ihren Anteil an wegge-
worfenen Lebensmitteln reduzieren
möchten. Insbesondere Personen,
die viel reisen oder oft Lebensmittel
übrighaben, könnten so zu Lebensmit-
telspenden animiert werden.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Ozielle Foodsharing-Plätze bzw. Fair-
teiler oder Tafelläden eignen sich gut als
Kooperationspartner. Die Verteilerstel-
len sollten bekannt und leicht zugäng-
lich sein. Zudem sollte diese Maßnahme
durch eine Informationskampagne be-
gleitet werden um die Aufmerksamkeit
zu erhöhen. Mögliche Kooperations-
partner könnten auch lokale Geschäfte
sein, die Platz für einen solchen Ver-
teiler haben. Die Initiative Foodsharing
oder der Tafelladen in Leutkirch könnte
durch diesen Nudge unterstützt werden.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Kontaktaufnahme mit mög-
lichen Kooperationspartnern; Auswahl
eines Startpunktes für die Fußspuren;
Festlegung der Strecke für die Fußspuren
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Design und Beauftragung der
Produktion der Fußspuren; Anbringen
der Fußspuren
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Lebensmittelabgaben
bei der Verteilerstelle)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Die Wirksamkeit von Fußspuren wurde 2011
in einem Experiment von Pelle Hansen von
der Roskilde Universität in Kopenhagen unter-
sucht.20
- 36 - - 37 -
Nudge 14:
Reduzierung der Portions-
oder Tellergröße
Ziel:
In Restaurants werden oft sehr große
Portionen angeboten bzw. in Kanti-
nen werden die Teller von den Gästen
selbst übervoll geladen. Dies kann zu
zwei Verhaltensweisen führen: Entwe-
der essen Gäste das Essen auf, obwohl
sie vielleicht schon satt sind, oder es
entstehen Lebensmittelabfälle. Durch
eine Reduzierung der Portions- oder
Tellergröße sollen sowohl Überkonsum
als auch Lebensmittelverschwendung
verhindert werden.
Adressiertes Verhalten:
Menschen können oft nicht einschät-
zen wie viel sie essen müssen bis sie
satt sind und überschätzen ihren Hun-
ger. Basierend auf dieser Einschätzung
und Erwartung ihrer Gäste, servieren
viele Restaurants sehr große Portio-
nen. In Kantinen mit Selbstbedienung
schöpfen sich die Kunden zumeist
zu viel auf den Teller. Dieser Fehlein-
schätzung soll durch eine Reduzierung
der Portions- oder Tellergröße, also ei-
ner Änderung des Defaults, entgegen-
gewirkt werden.
Veränderung:
In Kantinen werden kleinere Teller ver-
wendet bzw. in Restaurants werden die
Gerichte in kleineren Portionen ser-
viert. Damit die Maßnahme nicht zu ei-
ner versteckten Preiserhöhung genutzt
wird, sollte die Möglichkeit eines kos-
tenlosen Nachschlags bestehen. Somit
bleibt die Menge des möglichen zu
konsumierenden Essens für den Gast
gleich, nur die Aufteilung ändert sich.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
In einer wissenschaftlichen Untersu-
chung wurde getestet, ob die Reduzie-
rung der Tellergröße einen Einuss auf
die übriggelassenen Reste der Gäste hat.
Dabei wurden an einem Buet kleinere
Teller ausgegeben und die Gäste durften
sich so oft am Buet bedienen wie sie
wollten. Durch diese Maßnahmen konn-
te die Lebensmittelverschwendung im
Vergleich zu einem Buet mit größeren
Tellern um 20% reduziert werden.
Potentielle Adressaten:
Wie beschrieben kann diese Maßnah-
me auf verschiedene Weise und für
verschiedene Zielgruppen umgesetzt
werden.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Die Betreiber der Kantinen oder die
Inhaber von Restaurants müssen für
die Maßnahme gewonnen werden. Als
positives Argument könnte hier ange-
führt werden, dass weniger Lebensmit-
telabfälle auch zu höheren Gewinnen
führen. Dieser Nudge könnte in Leut-
kirch durch eine Kooperation mit Gast-
ronomen das Ziel der Reduzierung weg-
geworfener Lebensmittel unterstützen.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Kontaktaufnahme und Ab-
sprache mit potentiellen Einrichtun-
gen für die Umsetzung; Auswahl der
Methode: kleinere Portionen oder klei-
nere Teller? Auswahl der Größe und
Ausgestaltung der neuen Teller; Klä-
rung von Finanzierung und Bezug der
Teller
2. Schritt: Konkretisierung der Um-
setzung: Ausgestaltung des Konzepts
bezüglich Nachschlagsregelung und
Preisgestaltung
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Gewicht von Mitarbei-
tern oder Menge der Lebensmittelab-
fälle)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Kleinere Portionsgrößen und daraus resultie-
rende Auswirkungen auf die Reduzierung von
Lebensmittelabfällen wurden 2013 von Stef-
fen Kallbekken und Håkon Sælen untersucht.21
- 38 - - 39 -
Nudge 15:
Bereitstellung von
„Doggy Bags“ zur Mitnahme
von Essensresten
Ziel:
Diese Maßnahme zielt darauf ab, Le-
bensmittelabfälle zu reduzieren. Gäste
von Restaurants sollen durch die au-
tomatische Bereitstellung von Behält-
nissen zur Mitnahme von Speiseresten
dazu gebracht werden, mögliche Spei-
sereste einzupacken, mitzunehmen
und später zu verzehren.
Adressiertes Verhalten:
Oft lassen sich Restaurantgäste Spei-
sereste nicht einpacken, da sie aktiv
danach fragen müssten, dies jedoch
unangenehm nden oder Sorge ha-
ben, dass sie das Essen nicht problem-
los nach Hause bringen können, weil
eine adäquate Verpackung fehlt. Diese
Hürde kann Menschen dazu bringen,
Essensreste liegen zu lassen. Durch
automatisches Bereitstellen attrakti-
ver, umweltfreundlicher Verpackungen
für Essensreste soll die Hürde abge-
baut und Lebensmittelverschwendung
reduziert werden.
Veränderung:
In Restaurants werden umweltfreundli-
che Tüten oder Behältnisse für Speise-
reste automatisch bereitgestellt. Die-
se Änderung der Voreinstellung – d.h.
man muss nicht mehr aktiv nach dem
„Doggy Bag“ fragen – kann zu einer
erhöhten Mitnahme von Speiseresten
und einer Reduzierung von Lebensmit-
telabfällen führen.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
In einem Experiment wurde auf Tischen
in einem Restaurant ein Pokerchip mit
einer grünen und einer roten Seite
ausgelegt. Dabei zeigte die grüne Sei-
te immer nach oben und deutete an,
dass im Falle von Speiseresten diese in
ein Doggy Bag eingepackt werden soll-
ten. Falls Gäste dies nicht wünschten,
so mussten sie den Chip mit der roten
Seite nach oben drehen. Durch diese
Änderung der Voreinstellung konnte
der Anteil von mitgenommenen Doggy
Bags um 44%-Punkte erhöht werden.
Potentielle Adressaten:
Diese Maßnahme zielt auf Gäste von
Restaurants ab, denen ihre Portion zu
groß ist um sie auf einmal zu essen.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Als Partner müssten für die Maßnahme
vor allem Restaurants gewonnen wer-
den, deren Speisen gut zum Mitneh-
men und später Essen geeignet sind.
Als positives Argument könnte hier an-
geführt werden, dass weniger Lebens-
mittelabfälle zu geringeren Kosten für
die beteiligten Restaurants führen.
In Leutkirch könnte ein einheitliches
Doggy Bag an die Gastronomen ver-
teilt werden und dadurch der Anteil an
weggeworfenen Lebensmitteln reduziert
werden. Es bietet sich eine Kooperati-
on mit der Nachhaltigkeitsstrategie des
Landes Baden-Württemberg an, die das
Konzept der „HeldeN-Tütle entwickelt
hat und vermarktet.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Kontaktaufnahmen und Ab-
sprache mit potentiellen Restaurants
für die Umsetzung; Festlegung der
Ausgestaltung der Doggy Bags bzw.
Behältnisse zur Mitnahme; Festlegung
der Finanzierung; Prüfung von Mög-
lichkeiten der Kooperation mit beste-
henden Maßnahmen.
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Implementierung des neuen De-
faults in einzelnen Restaurants
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Anzahl der Personen
die Speisereste in Doggy Bags mitneh-
men oder Menge der Lebensmittelab-
fälle im Restaurant)
Kostenabschätzung:
Mittlere- Hohe Kosten
je nach dem wer die Doggybags nanziert
Beispiel/Literatur:
Dieser Nudge wurde 2016 von Massimo Cesa-
reo in einem Restaurant in der Nähe von Mai-
land getestet.22
- 40 - - 41 -
Nudge 16:
Einführung einer größeren
Biomülltonne und einer klei-
neren Restmülltonne
Ziel:
Durch Recycling können bestimmte
Wertstoe und Nährstoe mehrfach
verwendet werden (z.B. indem Biogas
daraus gewonnen wird), wodurch eine
nachhaltige Lebensweise unterstützt
wird. Diese Maßnahme soll die Müll-
trennung fördern und den Anteil des
Biomülls erhöhen.
Adressiertes Verhalten:
Menschen orientieren sich oft an vor-
gegebenen Normen und gehen den
Weg des geringsten Widerstands. Da
die Restmülltonne meistens größer ist
als die Biomülltonne, landen viele Le-
bensmittelreste, die eigentlich für den
Biomüll geeignet wären, im Restmüll.
Zudem entsteht durch die Bezeich-
nung „Restmüll“ und die Größe der
Tonne der Eindruck, dass im Zweifels-
falls Dinge in den Restmüll geworfen
werden können.
Veränderung:
Es werden kleinere Restmülltonne und
größere Biomülltonne ausgegeben.
Dadurch werden Menschen dazu ani-
miert, sich mehr Gedanken über die
Mülltrennung zu machen. Organische
Abfälle, die zuvor aus Bequemlichkeit
oder wegen Platzmangel in den Rest-
müll geworfen wurden, landen nun mit
einer höheren Wahrscheinlichkeit im
Biomüll. Zudem kann es eine sinnvolle,
ankierende Maßnahme sein, den Bio-
müll häuger einzusammeln als den
Restmüll. Dies bietet einen zusätzli-
chen Anreiz, den Anteil an Biomüll am
Müllaufkommen zu erhöhen und somit
mehr Müll zu trennen.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
In Edinburgh führte eine Intervention
zu einer Erhöhung des Recycling-Auf-
kommens um 85%. In Austin können
die Menschen selbst über die Größe
der Restmülltonnen bestimmen, wo-
bei der Preis mit der Größe steigt. Bio-
mülltonnen sind hingegen umsonst.23
Somit wählen die Leute kleinere Rest-
mülltonnen und haben einen Anreiz,
mehr zu recyceln.
Potentielle Adressaten:
Diese Maßnahme richtet sich an alle
Bürger. Vermutlich ist der Eekt bei
Personen am größten, die bisher wenig
Müll getrennt haben.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Für diese Maßnahme müssen die Mül-
lentsorgungsunternehmen gewon-
nen werden. In einigen Städten gibt
es schon sehr fortschrittliche Entsor-
gungsunternehmen, die als Musterbei-
spiele für Kooperationen herangezo-
gen werden können.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identikation der Müllent-
sorger und Kooperationsanbahnung;
Analyse des bisherigen Müllentsor-
gungsschemas: Wann, wie oft und von
wem wird welcher Müll abgeholt? Ist
der Landkreis oder die Kommune zu-
ständig?
2. Schritt: Konkretisierung der Um-
setzung: Abschätzung der Kosten der
Maßnahme in Abhängigkeit der ge-
planten Ausgestaltung der Umsetzung;
Festlegung der Kostenaufteilung
3. Schritt: Festlegung der Erfolgs-
messung (Indikator: Veränderung des
Anteils an Biomüll in der Kommune,
Messung der Sortenreinheit)
Kostenabschätzung:
Hohe Kosten
Beispiel/Literatur:
In Austin wurden Veränderungen in der Bereit-
stellung der Mülltonnen durchgeführt.24
- 42 - - 43 -
Nudge 17:
Zusendung von personalisier-
ten Informationen über Müll-
trennungsverhalten durch die
Müllentsorger
Ziel:
Durch die Zusendung von Informatio-
nen über das eigene Recyclingverhal-
ten sollen die Menschen zu einer Re-
duzierung ihres Müllaufkommens und
einer Verbesserung ihres Recyclingver-
haltens animiert werden.
Adressiertes Verhalten:
Mit dieser Maßnahme werden zwei
Verhaltensweisen angesprochen: Zum
einen orientieren sich Menschen oft
an sozialen Normen. Information über
das allgemeine Mülltrennungsverhal-
ten anderer Bürger kann für sie als
Orientierungswert wichtig sein, um
sich selbst einordnen zu können. Zum
anderen kann es eine starke Wirkung
auf ihre Handlungen haben, wenn sie
eine Rückmeldung über ihr bisheriges
Verhalten bekommen.
Veränderung:
Verbraucher bekommen per E-Mail
oder Post folgende Informationen zu-
gesendet: Die Höhe ihres Müllaufkom-
mens, den Anteil recyclebaren Mülls
am Müllaufkommen und den Vergleich
zu ihren Mitbürgern in der Kommune.
Diese Information könnte man den
Verbrauchern mit der Rechnung durch
die Müllentsorger zukommen lassen.
Durch das Feedback über ihr bisheri-
ges Verhalten und dessen Vergleich
mit anderen Menschen könnten Ver-
braucher ihr Verhalten reektieren,
weniger Müll produzieren und mehr
recyceln.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Eine wissenschaftliche Untersuchung
in Dänemark kam zu der Erkenntnis,
dass die Information über das eigene
Recycling-Verhalten im Vergleich zu
anderen zu einem langfristigen An-
stieg des Anteils an recyceltem Müll
um 2%-Punkte führte. Wenn zudem
Tipps und Erklärungen zur Mülltren-
nung beigefügt wurden, so wurde die-
ser Eekt noch verstärkt.
Potentielle Adressaten:
Alle Bürger sind Müllproduzenten und
wären somit von dieser Maßnahme be-
troen. Voraussetzung für die Wirkung
dieser Maßnahme ist, dass die Bürger
ihre Müllrechnung anschauen bzw. die
zugesendeten Informationen beach-
ten.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Für diese Intervention müssen die
Müllentsorgungsunternehmen gewon-
nen werden. In einigen Städten – wie
z.B. Stuttgart – gibt es schon sehr fort-
schrittliche Entsorgungsunternehmen,
die als Musterbeispiele für Kooperati-
onen herangezogen werden können.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identikation der Müllent-
sorger und Kooperationsanbahnung;
Analyse der bisherigen Rechnungsstel-
lung: Welche Informationen sind dar-
auf angegeben, wann und wie oft wird
die Rechnung versendet? Ist der Land-
kreis oder die Kommune zuständig?
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Inhaltliche und graphische Aus-
gestaltung der Rechnung; Festlegung
eines Zeitpunkts zur Versendung der
Rechnung
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Veränderung des An-
teils an Biomüll und anderen Wertstof-
fen in der Kommune)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Milford, Øvrum und Helgesen veröentlichten
2015 Ergebnisse zur Wirkung solcher Informa-
tionen in einer wissenschaftlichen Studie.25
- 44 - - 45 -
Nudge 18:
Verkauf von Lebensmieln mit
äußerlichen Makeln mit
verschiedenen Slogans gegen
Nahrungsmielverschwendung
Ziel:
Häug kommt genießbares Obst oder
Gemüse mit äußerlichen Makeln nicht
in den Handel und wird weggeschmis-
sen. Diese Maßnahme soll den Anteil an
Obst und Gemüse, der aus diesem Grund
nicht in den Verkauf gelangt, reduzieren.
Adressiertes Verhalten:
Der äußerliche Eindruck hat oft einen
starken Einuss auf das Verhalten. Sehen
Menschen äußerliche Makel, so assozi-
ieren sie damit eine geringere Qualität
der Ware und entscheiden sich deshalb
gegen einen Kauf. Durch eine bessere
Vermittlung von Informationen kann die
Transparenz erhöht und die Entschei-
dungsndung verbessert werden. Auch
können soziale Normen verändert wer-
den, weil die Kampagne vermittelt, es ist
gut und „cool“, solche Produkte zu kau-
fen und damit der Verschwendung sozial
sichtbar (im Einkaufskorb) entgegenzu-
treten.
Veränderung:
An Marktständen und im Einzelhandel
werden Lebensmittel mit Makeln ausge-
legt. Mit durchdachten Werbesprüchen,
die in einer transparenten und leicht ver-
ständlichen Weise informieren, soll der
Konsum dieser Lebensmittel unterstützt
werden. Hier könnte man Anti-Lebensmit-
telverschwendungs-Slogans nutzen (z.B.
„Nichts ist vollkommen: Kämpfe gegen
Nahrungsmittelverschwendung“) oder
aber das authentische Aussehen des Pro-
dukts betonen (z.B. „Natürlich nicht per-
fekt: So sehen Äpfel wirklich aus“).
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
In einer italienischen Studie wurde die
Wirkung der beiden genannten Slogans
untersucht. Wenn kein Slogan gezeigt
wurde, so entschieden sich 26% der
Probanden für Lebensmittel mit äußerli-
chen Makeln im Vergleich zur äußerlich
perfekten Alternative. Dieser Anteil stieg
auf 41% bzw. 42% an, wenn die Lebens-
mittel mit dem Slogan zur Authentizität
bzw. zur Lebensmittelverschwendung
versehen waren.
Potentielle Adressaten:
Alle Einkäufer, insbesondere Personen,
die prinzipiell am Thema Lebensmittel-
verschwendung interessiert sind, aber
denen es an Bewusstsein für oder Wis-
sen zum Thema fehlt.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Die Umsetzung in Kommunen könnte
eventuell auf Doresten möglich sein.
Hier könnte man Stände für Lebensmit-
teln mit äußerlichen Makeln einrichten
und mit einem Werbespruch versehen
um Bürger für die Problematik zu sensi-
bilisieren. Zudem könnte man sie z.B. auf
dem Wochenmarkt institutionalisieren.
In Leutkirch könnte dieser Nudge im Rah-
men der Fasnet, des Weihnachtsmarkts
oder des Kinderfests getestet werden. Al-
ternativ könnte sich eine Kombination mit
dem Schulobstprogramm Baden-Würt-
temberg anbieten. Hier könnten Kinder mit
makelhaftem Obst versorgt und vertraut
gemacht werden.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identizierung von Kooperati-
onspartnern und Anbahnung von Gesprä-
chen; Bestimmung der Ausgestaltung des
Verkaufs der Lebensmittel; Ermittlung
von passenden Veranstaltungen
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Auswahl von Slogans; Bewerbung
der Maßnahme im Vorfeld der Veranstal-
tungen
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmessung
(Indikator: Absatz des Standes oder Le-
bensmittelabfälle der Produzenten)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
2015 gab es ein Experiment im Rahmen der
Expo 2015 im Auftrag der Chafea - Consumers,
Health, Agriculture and Food Executive Agen-
cy.26
- 46 - - 47 -
Nudge 19:
Aufstellen einer Säule mit dem
aufgesammelten Müll an einer
prominenten Stelle der Stadt
zur Visualisierung des Problems
Ziel:
In einigen Kommunen gibt es ein Pro-
blem mit achtlos auf die Straße gewor-
fenem Müll (sogenanntes „Littering“).
Dieser wird von den Bewohnern als
störend empfunden und führt zudem
zu erhöhten Kosten für die Stadtrei-
nigung. Durch die Maßnahme soll das
Ausmaß des Litterings reduziert wer-
den.
Adressiertes Verhalten:
Menschen sind sich mancher drängen-
den Probleme nicht bewusst, da ihre
Aufmerksamkeit begrenzt ist. Viele
Personen fühlen sich durch vermüllte
Straßen zwar gestört, aber haben sich
damit arrangiert. Durch eine Erhöhung
der Sichtbarkeit soll die Aufmerksam-
keit auf das Problem gelenkt werden.
Veränderung:
An einem öentlichen und belebten
Ort in der Kommune, an dem viel Müll
achtlos weggeworfen wird, wird eine
Säule aufgestellt. In der gläsernen Säu-
le wird der auf die Straße geworfene
Müll über einen bestimmten Zeitraum
gesammelt, um durch diese Visualisie-
rung den Menschen das Problem vor
Augen zu führen.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Eine Littering-Säule wurde in der
Schweiz in der Stadt Thun getestet und
in Basel wiederholt eingesetzt. Es gibt
keine zuverlässigen Zahlen zur tat-
sächlichen Wirkung der Säule auf das
Littering-Verhalten in der Bevölkerung,
da die isolierte Betrachtung des Eekts
der Littering-Säule sehr schwierig ist.
Jedoch gaben bei einer Befragung in
Thun 72% der Bürger an, dass sie sich
an die Maßnahme erinnerten und 88%
befanden, dass sich das Problem des
Litterings verringert habe.
Potentielle Adressaten:
Die Maßnahme soll die ganze Bevölke-
rung ansprechen und in der Breite für
Aufmerksamkeit für das Problem sor-
gen. Jedoch zeigte sich in Thun, dass
sich vor allem Personen angesprochen
fühlten, die sich für das Thema Litte-
ring interessieren.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Die Säule sollte immer nur temporär in-
stalliert werden, damit die gewünschte
Aufmerksamkeitswirkung nicht nach-
lässt. Die Müllentsorger müssen den
aufgesammelten Müll zu bestimmten
Zeitpunkten in die Säule entsorgen. In
Leutkirch könnte man im Rahmen einer
„Dorfputzete“ den aufgesammelten
Müll für einen bestimmten Zeitraum in
einer Säule präsentieren.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Absprache mit dem zustän-
dig
en Müllentsorgungsunternehmen;
Analyse des Littering-Problems in der
Kommune und Identizierung von rele-
vanten Orten; Überprüfung einer mög-
lichen Geruchsbelästigung für die um-
liegenden Anwohner durch die Säule
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Bestimmung eines Zeitplans für
das Aufstellen der Säule: Ab wann und
für wie lange soll die Säule stehen?
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Befragung zur Einstel-
lung zum Littering vor und nach dem
Aufstellen der Säule)
Kostenabschätzung:
Mittlere Kosten
Beispiel/Literatur:
Bericht zum Thema Littering der Stadt Basel.27
- 48 - - 49 -
Nudge 20:
Aufstellen von Trinkspendern
in Schulen um den Wasserkon-
sum von Kindern zu fördern und
Übergewicht vorzubeugen
Ziel:
Diese Maßnahme soll einen ausrei-
chenden Wasserkonsum fördern und
durch eine Reduktion des Konsums
von kalorienreichen und ernährungs-
physiologisch ungeeigneten Geträn-
ken einen Beitrag im Kampf gegen
Übergewichtigkeit liefern.
Adressiertes Verhalten:
Häug trinken Menschen nicht regel-
mäßig und ausreichend Wasser. Insbe-
sondere bei Kindern und Jugendlichen
taucht dieses Problem immer wieder
auf. Zudem trinken sie vermehrt Soft-
drinks anstatt ihren Durst mit Wasser
zu löschen. Dies liegt unter anderem
an der fehlenden Verfügbarkeit von
öentlichen Trinkwasserquellen, aber
auch an der unzureichend auälligen
Präsentation von Wasserquellen, wenn
sie vorhanden sind.
Veränderung:
Durch die Bereitstellung von Wasser-
spendern an zentralen Orten in Schu-
len soll der Zugang zu Wasser verein-
facht werden und die Präsentation
auälliger gestaltet werden. Außerdem
können Trinkspender eine visuelle Er-
innerungsfunktion haben, wenn sie im
Sichtfeld von Personen sind. Ebenso
können durch gelebten Einuss der
Peergruppe28 (z.B. Mitschüler/Gleich-
altrige) - erwünschte soziale Nor-
men entstehen. Nachhaltiges Ernäh-
rungsverhalten wird gefördert, wenn
Kinder mitgebrachte, kalorienreiche
Softdrinks durch das bereitgestellte
Wasser substituieren.
Wirkung und wissenschaftliche
Validierung:
Eine wissenschaftliche Studie unter
3.000 Kindern im Raum Dortmund kam
zu dem Ergebnis, dass das Aufstellen
von Wasserspendern in Schulen zu
einem erhöhten durchschnittlichen
Konsum von Trinkwasser (+ 1,2 Gläser
täglich) und einem geringeren Konsum
von Softdrinks (- 0,2 Gläser) führt. Zu-
dem war bei den Kindern der teilneh-
menden Schulen das Risiko, überge-
wichtig zu werden um 31 % geringer
als bei Kindern von Schulen, die keine
Wasserspender hatten.
Potentielle Adressaten:
Insbesondere bei Kindern und Jugend-
lichen kann diese Maßnahme große
und vor allem langfristige Eekte ha-
ben. Hier kann das Trinkverhalten und
die Gewohnheiten für den Rest des
Lebens geprägt werden und somit zu
einem geringeren Risiko z.B. bezüglich
Diabetes-Erkrankungen führen.
Betroffene Dimensionen:
Umwelt
Gesundheit
Qualität
Region
Produktion
Verarbeitung
Versorgung
Entsorgung
Umsetzung/Kooperationspartner:
Es könnten Schulleiter oder Leiter von
Kindertagesstätten von der Maßnahme
überzeugt werden. Ein gutes Argument
ist, dass die Anschaung von Trink-
spendern langfristige positive Folgen
haben wird.
Zeitlicher Ablauf:
1. Schritt: Identizierung von geeigne-
ten Schulen und Anbahnung von Ge-
sprächen; Analyse des Trinkverhaltens
der Schüler; Festlegung der Anzahl der
benötigen Trinkspender und der bes-
ten Orte für deren Installation
2. Schritt: Konkretisierung der Umset-
zung: Festlegung der Finanzierung und
Bestellung der Trinkwasserspender
3. Schritt: Festlegung der Erfolgsmes-
sung (Indikator: Gewicht der Schüler
vor und nach der Installation der Was-
serspender oder Messung des Trink-
verhaltens)
Kostenabschätzung:
Hohe Kosten
Beispiel/Literatur:
Die „trinkt“-Studie von Muckelbauer, Libu-
da, Clausen und Kersting untersuchte 2011
verschiedene Ansätze der Übergewichtsprä-
vention durch verbessertes Trinkverhalten im
Setting Grundschule.29
- 50 - - 51 -
Literatur und Erläuterungen
1 Im Folgenden bezieht sich der Plural immer auf beide Geschlechter.
2 Die Tabelle „Die zehn wirksamsten Arten von Nudges“ gibt die Erkenntnisse des Artikels
„Nudging: A Very Short Guide“ von Cass R. Sunstein (Journal of Consumer Policy, 37 (4), 583-
588., 2014) wieder.
3 Der Gemeinderat der Stadt Leutkirch hat in seiner Sitzung vom 09.10.2017 be-
schlossen, neun Ziele mit 28 Umsetzungsbausteinen im Rahmen des
KERNiG-Projekts umzusetzen. Die Nudges dieses Booklets wurden – soweit möglich – in
Übereinstimmung oder ergänzend zu den Umsetzungsbausteinen ausgewählt.
4 Die Dimensionen wurden in Anlehnung an die „Aktivitätsvisionen“ von NAHhaft im Rahmen
des KERNiG-Projekts gewählt.
5 Die geschätzten Kosten werden hier auf einer Fünfer-Skala angegeben. Es wird ausdrücklich
darauf hingewiesen, dass diese Kostenangaben keine Einschätzung der tatsächlichen abso-
luten Kosten darstellen. Sie sollen lediglich einen groben Anhaltspunkt bieten, um den po-
tentiellen nanziellen Aufwand der hier vorgestellten Nudges auf einen Blick vergleichen zu
können.
6 Wansink, B., Soman, D., Herbst, K. C., Payne, C. R. (2014). Partitioned shopping carts: Assort-
ment allocation cues that Increase fruit and vegetable purchases. Rochester, NY: Social Scien-
ce Research Network.
7 Rubens, K., Vandenbroele, J. (2016). Similar taste, dierent impact:
nudging shoppers towards vegetarian alternatives in the supermarket.
Flemish Government & Gent University. Veröentlicht auf der Seite des europäischen Nudge
Netzwerks (TEN).
8 Siehe http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/psychologie-im-supermarkt-warum-wir-kau-
fen-was-wir-kaufen-11024070.html (Der Inhalt der verlinkten Seite wurde am 19.12.2017
abgerufen.)
9 Rubens, K., Vandenbroele, J. (2016). These greens are so seasonal: nud-
ging shoppers towards seasonable fruits and vegetables in the supermarket.
Flemish Government & Gent University. Veröentlicht auf der Seite des europäischen Nudge
Netzwerks (TEN).
10 Hanks, A. S., Just, D. R., Smith, L. E., Wansink, B. (2012). Healthy convenience: nudging students
toward healthier choices in the lunchroom. Journal of Public Health, 34(3), 370–376.
11 Dayan, E., Bar-Hillel, M. (2011). Nudge to nobesit y II: Menu positions inuence food orders.
Judgment and Decision Making, 6(4), 333-342.
12 Gravert, C., Kurz, V. (2017). Nudging à la carte – A eld experiment on food choice. University
of Gothenburg, Working Paper in Economics No. 690.
13 Schwartz, M. B. (2007). The inuence of a verbal prompt on school lunch fruit consumption: A
pilot study. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 4(6).
14 Der Inhalt der verlinkten Seite wurde am 19.12.2017 abgerufen.
15 Der Inhalt der verlinkten Seite wurde am 19.12.2017 abgerufen.
16 Thorndike, A. N., Riis, J., Sonnenberg, L. M., Levy, D. E. (2014). Trac-light labels and choice
architecture promoting healthy food choices. American Journal of Preventive Medicine, 46(2),
143-149.
17 Der Inhalt der verlinkten Seite wurde am 19.12.2017 abgerufen.
18 Wansink, B., Just, D. R., Payne, C. R., Klinger, M. Z. (2012). Attractive names sustain increased
vegetable intake in schools. Preventive Medicine, 55(4), 330–332.
19 Laut der Cofresco - Save Food Studie, die von The Consumer View im Jahr 2011 mit 500 Be-
fragte durchgeführt wurde, nden 91% der Verbraucher, dass sich „durch bewussteres Ver-
halten der Verbraucher die Menge weggeworfener Lebensmittel erheblich reduzieren“ ließe.
20 Der Inhalt der verlinkten Seite wurde am 19.12.2017 abgerufen.
21 Kallbekken, S., Sælen, H. (2013). Nudging hotel guests to reduce food waste as a win–win
environmental measure. Economics Letters, 119, 325-327.
22 Cesareo, M. (2017). Using the default rule to increase the demand of doggy bags in restau-
rants. IESCUM, Istituto Europeo per lo Studio del Comportamento Umano. Veröentlicht auf
der Seite des europäischen Nudge Netzwerks (TEN).
23 Preisliche Anreize sind keine Nudges im eigentlichen Sinne. Gleichwohl können sie hier ge-
meinsam mit dem Nudge „Größe der Mülltonne“, der Salienz schat und Normen suggeriert,
eektiv eingesetzt werden.
24 Der Inhalt der verlinkten Seite wurde am 19.12.2017 abgerufen.
25 Milford, A., Øvrum, A., Helgesen, H. (2015). Nudges to increase recycling and reduce waste.
NILF Discussion Papers 2015-01.
26 Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) (2017). Behavioural in-
sights and public policy: Lessons from around the world. OECD Publishing, 144-146.
27 Kanton Basel-Stadt (2008). Littering-Bericht des Baudepartements des Kantons Basel-Stadt.
28 Als Peergruppe bezeichnet man eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Interessen.
29 Muckelbauer, R., Libuda, L., Clausen, K., Kersting, M. (2011). Ansätze der Übergewichtsprä-
vention durch verbessertes Trinkverhalten im Setting Grundschule. Bundesgesundheitsblatt
- Gesundheitsforschung - Gesundheitsschut z, 54(3), 339–348.
Impressum
1. Auage Februar 2018
Autoren:
Dr. Julius Rauber
Sabine Bietz
Prof. Dr. Lucia Reisch
Zeppelin Universität gemeinnützige GmbH
Am Seemooser Horn 20
D 88045 Friedrichshafen
Das Booklet wurde im Rahmen des Projekts KERNiG („Kommunale Ernährungssysteme als
Schlüssel zu einer umfassend-integrativen Nachhaltigkeits-Governance“, Förderkennzeichen:
01UR1614) angefertigt. Dieses Projekt wird durch das Rahmenprogramm „Forschung für Nachhal-
tige Entwicklung“ (FONA) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
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Working Paper
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We test the effect of framing of a menu on the choice of ordering climate friendly dishes in a randomized controlled experiment. Rearranging the menu in favor of vegetarian food has a large and significant effect on the willingness to order a vegetarian dish instead of meat. We show that there exists a considerable marginal group willing to change meat consumption behavior at least in the short term. Our results demonstrate both to policy makers and to actors in the food service sector that small, cheap interventions can significantly decrease carbon emissions from food consumption.
Article
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Preventing obesity requires maintenance of healthy eating behaviors over time. Food labels and strategies that increase visibility and convenience of healthy foods (choice architecture) promote healthier choices, but long-term effectiveness is unknown. Assess effectiveness of traffic-light labeling and choice architecture cafeteria intervention over 24 months. Longitudinal pre-post cohort follow-up study between December 2009 and February 2012. Data were analyzed in 2012. Large hospital cafeteria with a mean of 6511 transactions daily. Cafeteria sales were analyzed for (1) all cafeteria customers and (2) a longitudinal cohort of 2285 hospital employees who used the cafeteria regularly. After a 3-month baseline period, cafeteria items were labeled green (healthy); yellow (less healthy); or red (unhealthy) and rearranged to make healthy items more accessible. Proportion of cafeteria sales that were green or red during each 3-month period from baseline to 24 months. Changes in 12- and 24-month sales were compared to baseline for all transactions and transactions by the employee cohort. The proportion of sales of red items decreased from 24% at baseline to 20% at 24 months (p<0.001), and green sales increased from 41% to 46% (p<0.001). Red beverages decreased from 26% of beverage sales at baseline to 17% at 24 months (p<0.001); green beverages increased from 52% to 60% (p<0.001). Similar patterns were observed for the cohort of employees, with the largest change for red beverages (23%-14%, p<0.001). A traffic-light and choice architecture cafeteria intervention resulted in sustained healthier choices over 2 years, suggesting that food environment interventions can promote long-term changes in population eating behaviors.
Article
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We show that two simple and nonintrusive ‘nudges’–reducing plate size and providing social cues–reduce the amount of food waste in hotel restaurants by around 20%. The results are statistically significant. They are also environmentally substantial as food waste is a major contributor to climate change and other forms of environmental degradation. Given the magnitude of the contribution of food waste to global environmental change, it is surprising that this issue has not received greater attention. The measures reduce the amount of food the restaurants need to purchase, and there is no change in guest satisfaction, making it likely that profits will increase. The measures thus constitute potential win–win opportunities.
Article
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``Very small but cumulated decreases in food intake may be sufficient to have significant effects, even erasing obesity over a period of years'' (Rozin et al., 2011). In two studies, one a lab study and the other a real-world study, we examine the effect of manipulating the position of different foods on a restaurant menu. Items placed at the beginning or the end of the list of their category options were up to twice as popular as when they were placed in the center of the list. Given this effect, placing healthier menu items at the top or bottom of item lists and less healthy ones in their center (e.g., sugared drinks vs. calorie-free drinks) should result in some increase in favor of healthier food choices.
Article
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This study evaluated an environmental intervention intended to increase consumption of the fruit serving among elementary school children participating in the National School Lunch Program (NSLP). Children's fruit consumption was measured in two schools by observation. In the intervention school, cafeteria workers provided the verbal prompt, "Would you like fruit or juice with your lunch?" as the children stood in line in front of the fruit serving options. The control school had the same fruit and 100% juice options available, but the cafeteria workers did not provide a verbal prompt to take a fruit serving. Two variables were assessed: (1) Did children leave the lunch line with a fruit serving on their trays? and (2) Did they subsequently eat the fruit serving? The average percentage of children who took a fruit serving was 60% in the control school and 90% in the intervention school. In both schools, approximately 80% of children ate the fruit on their tray. As a result, nearly 70% of the children in the intervention school consumed a fruit serving at lunch, while fewer than 40% did so in the control school. A simple verbal prompt appears to have a significant impact on the likelihood that children will take, and subsequently consume, a fruit serving as part of their purchased school lunch. If these findings are replicated, policymakers may consider adding verbal prompts to the serving policy of the NSLP in an effort to increase fruit consumption among school children.
Article
This study will determine if the selective use of attractive names can be a sustainable, scalable means to increase the selection of vegetables in school lunchrooms. Study 1 paired an attractive name with carrots in five elementary schools (n=147) and measured selection and consumption over a week compared to controls. Study 2 tracked food sales of vegetables in two elementary schools (n=1017) that were systematically attractively named or not named over a two-month period. Both studies were conducted in New York in 2011. Study 1 found that elementary students ate twice the percentage of their carrots if attractively named as "X-ray Vision Carrots," than if un-named or generically named as the "Food of the Day." Study 2 found that elementary school students were 16% more likely to persistently choose more hot vegetable dishes (p<0.001) when they were given fun or attractive names. Attractive names effectively and persistently increased healthy food consumption in elementary schools. The scalability of this is underscored by the success of Study 2, which was implemented and executed for negligible cost by a high school student volunteer.
Article
In the context of food, convenience is generally associated with less healthy foods. Given the reality of present-biased preferences, if convenience was associated with healthier foods and less healthy foods were less convenient, people would likely consume healthier foods. This study examines the application of this principle in a school lunchroom where healthier foods were made more convenient relative to less healthy foods. One of two lunch lines in a cafeteria was arranged so as to display only healthier foods and flavored milk. Trained field researchers collected purchase and consumption data before and after the conversion. Mean comparisons were used to identify differences in selection and consumption of healthier foods, less healthy foods and chocolate milk. Sales of healthier foods increased by 18% and grams of less healthy foods consumed decreased by nearly 28%. Also, healthier foods' share of total consumption increased from 33 to 36%. Lastly, we find that students increased their consumption of flavored milk, but flavored milk's share of total consumption did not increase. In a school lunchroom, a convenience line that offered only healthier food options nudged students to consume fewer unhealthy foods. This result has key implications for encouraging healthy behavior in public schools nation wide, cafeterias and other food establishments.
These greens are so seasonal: nudging shoppers towards seasonable fruits and vegetables in the supermarket. Flemish Government & Gent University
  • K Rubens
  • J Vandenbroele
Rubens, K., Vandenbroele, J. (2016). These greens are so seasonal: nudging shoppers towards seasonable fruits and vegetables in the supermarket. Flemish Government & Gent University. Veröffentlicht auf der Seite des europäischen Nudge Netzwerks (TEN).
Using the default rule to increase the demand of doggy bags in restaurants. IESCUM, Istituto Europeo per lo Studio del Comportamento Umano
  • M Cesareo
Cesareo, M. (2017). Using the default rule to increase the demand of doggy bags in restaurants. IESCUM, Istituto Europeo per lo Studio del Comportamento Umano. Veröffentlicht auf der Seite des europäischen Nudge Netzwerks (TEN).
Nudges to increase recycling and reduce waste. NILF Discussion Papers
  • A Milford
  • A Øvrum
  • H Helgesen
Milford, A., Øvrum, A., Helgesen, H. (2015). Nudges to increase recycling and reduce waste. NILF Discussion Papers 2015-01.