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Kommunitarismus und Zionismus

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Abstract

Die zionistische Theoriebildung ist geprägt von Überlegungen, die man der republikanischen Kritik am Liberalismus zuordnen kann und dabei getragen von einer integralen Vergesellschaftungsvorstellung, in der rückblickend kommunitarische Elemente kenntlich werden. In dem Beitrag wird gezeigt, dass kommunitarische Theorien vom zionistischen Denken Inspirationen für eine republikanische und zugleich nicht antiliberale Staatskonzeption entlehnen könnten, die überdies die identitäre Regression, die manche kommunitarische Überlegungen kennzeichnet, vermeidet.
Kommunitarismus und Zionismus
Samuel Salzborn
Inhalt
1 Einleitung ....................................................................................... 2
2 Die republikanische Dimension der Zionismus . .. ... . .. .. .. .. .. .. .. ... .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. . 2
3 Kommunitarische Elemente im Denken von Theodor Herzl . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . 4
4 Fazit .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. ... .. .. .. .. .. .. .. .. .. ... .. .. .. .. .. .. .. .. .. ... .. .. .. .. .. .. .. .. .. ... .. .. .. 6
Literatur .. . .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. . 7
Zusammenfassung
Die zionistische Theoriebildung ist geprägt von Überlegungen, die man der
republikanischen Kritik am Liberalismus zuordnen kann und dabei getragen
von einer integralen Vergesellschaftungsvorstellung, in der rückblickend kom-
munitarische Elemente kenntlich werden. In dem Beitrag wird gezeigt, dass
kommunitarische Theorien vom zionistischen Denken Inspirationen für eine
republikanische und zugleich nicht antiliberale Staatskonzeption entlehnen könn-
ten, die überdies die identitäre Regression, die manche kommunitarische Über-
legungen kennzeichnet, vermeidet.
Schlüsselwörter
Zionismus · Staatstheorie · Kommunitarismus · Republikanismus · Theodor
Herzl · Israel
S. Salzborn (*)
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin, Berlin, Deutschland
E-Mail: salzborn@tu-berlin.de
#Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018
W. Reese-Schäfer (Hrsg.), Handbuch Kommunitarismus, Springer Reference
Geisteswissenschaften, https://doi.org/10.1007/978-3-658-16864-3_6-1
1
1 Einleitung
Gerade mit Blick auf die Frage nach kommunitarischen Elementen und Momenten
in der zionistischen Theoriebildung ist evident, was letztlich für alle etikettierenden
Generalisierungen in der Politischen Theorie gilt: da es den Kommunitarismus nicht
gibt, liegt schon in der Frage nach kommunitarischen Dimensionen im Zionismus
die eigentliche Herausforderung. Denn letztlich kann ja nur alles, was man retro-
spektiv als solches identizieren würde, eine kommunitarische Perspektive avant la
lettre sein, da die zentralen zionistischen Debatten selbst historisch in eine Zeit
datieren, als noch niemand vom Kommunitarismus als generalisierungsfähiger theo-
retischer Strömung gesprochen hat. Gleichwohl ist der Zionismus insgesamt eine
theoretische und politische Bewegung trotz aller Heterogenität (vgl. Brenner 2002;
Reinharz 1981; Rubinstein 2001; Salzborn 2015a; Schoeps 1983)die in ihrer
grundsätzlichen Orientierung aufgrund der nachhaltigen Diskriminierungs- und
Verfolgungserfahrungen, die Jüdinnen und Juden gerade schon im Europa des 18.
und 19. Jahrhunderts erlitten haben, die in liberalen Staatstheorien nicht umfangreich
integrierte Dimension der sozialen Gleichheit zum Gegenstand ihrer stark republi-
kanischen Ausrichtung genommen hat, die ihrerseits mit Blick auf ihr Verhältnis
zum Kommunitarismus reektiert werden kann.
2 Die republikanische Dimension der Zionismus
Die Idee des Zionismus ist zunächst einmal, wenn man ihre staatstheoretische
Implikation ernst nimmt, eine republikanische Idee, geboren aus der Desintegrations-
erfahrung,die Juden weltweit,aber besonders in Europa aufgrundvon Antisemitismus
gemacht haben. Dies ist insofern betonenswert, weil die jüdischen Integrationsbemü-
hungen nicht an den Juden scheiterten, sondern an den Antisemiten die Bemühungen
um rechtliche und soziale Gleichstellung, die im europäischen Kontext als jüdische
Emanzipation gefasst wird, scheiterten nicht am mangelnden Wille der Juden, sondern
an der vorsätzlichen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung durch die Anti-
semiten.
Die (lange) zionistische Diskussion, die der Staatsgründung des Staates Israel
vorausgegangen war, machte dabei das republikanische Element deutlich. In den
republikanischen Vorstellungen ging es generell darum, den Ausschluss von Parti-
zipation, den der Liberalismus generiert, zu kritisieren und damit eine systematische
Erweiterung des demos einzufordern eine Erweiterung, die nun die Ausgeschlos-
senen einschließen, also Partizipationsmöglichkeit für vor allem Frauen, Koloni-
sierte oder Sklaven schaffen sollte und in zionistischer Perspektive eben besonders
für Jüdinnen und Juden (vgl. Salzborn 2015b). Das partizipationserweiternde
Moment des Republikanismus kritisierte insofern den Mangel an Repräsentation
und die soziale Ungleichheit und forderte neben der formalen Rechtsgleichheit des
Liberalismus die republikanische Aktivbürgerschaft: nicht bourgeois, sondern cito-
yen, lautete die Parole.
2 S. Salzborn
Die Staatsgründung Israels selbst wurde, was vor diesem theoretischen Hinter-
grund bemerkenswert ist, im Gegensatz zu anderen modernen Staatsschöpfungen
nicht durch Sezession eines Volksteiles oder Verselbstständigung einer bisher unter-
drückten Bevölkerung, sondern durch die nach einem festen Plan in ein Land
getragene Masseneinwanderung verwirklicht(Weiß 1950/51, S. 146; siehe hierzu
auch Wolffsohn 2007). Damit unterlag die Errichtung des Judenstaates(Theodor
Herzl) einer rationalen Motivation und stellte eine bewusste Entscheidung dar, wie
dies in gewisser Weise auch für die republikanisch konstituierten Nationen in Europa
zutrifft. Jedoch spielte neben dem rationalen, durch Zuwanderung bewusst materiali-
sierten Moment bei der israelischen Staatsgründung eben auch eine negative Kate-
gorie eine Rolle, die das Selbstverständnis Israels bis heute prägt: die Shoah.
Niemand wird Israel verstehen, schrieb Tom Segev (1998) zutreffend, der nicht
willens ist, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen.Obgleich Israel zweifels-
frei nicht allein wegen der deutschen Massenvernichtung der europäischen Juden
entstanden ist, war der eliminatorische Antisemitismus der deutlichste Ausdruck
einer vom christlichen Antijudaismus in einen rassistischen Antisemitismus modi-
zierten antijüdischen und antisemitischen Politik (vgl. Salzborn 2010,2014), die ein
zentrales Motiv bei der Herausbildung des politischen Zionismus gebildet hatte:
Die neue Qualität des Antisemitismus, der den klassischen Antijudaismus mit den in Mode
kommenden rassebiologischen Konzepten vereinte und radikalisierte, bewog Herzl dazu,
Assimilation und Emanzipation als gescheitert zu betrachten und einen nationalstaatlichen
Lösungsansatz zu entwickeln.(Balke 2000, S. 39)
Dies bildet keinen Widerspruch dazu, dass es das vorrangige Ziel des Zionismus
seit seiner Entstehung im ausgehenden 19. Jahrhundert gewesen ist, einen eigen-
ständigen jüdischen Staat im damaligen Palästina zu errichten, der sich auf die
Grundlage einer normativen politischen Geograe stützte, die das im Alten Testa-
ment von Gott verheißene (nicht eindeutig begrenzte) Land der Väter umfaßt.
(Röhrich 1999, S. 106) Obgleich in ersten Debatten über ein Territorium für einen
Judenstaat neben Palästina auch beispielsweise Argentinien oder Ostafrika im
Gespräch waren, sah die große Mehrheit der Zionisten alle Alternativen zur Ver-
wirklichung jüdischer Staatlichkeit nur als Übergangslösungen an:
Die Bindung an den Boden Palästinas war auch unter den nichtreligiösen Zionisten so stark,
daß jede andere geographische Option letztlich zum Scheitern verurteilt war. Die über
Gebete und Gedichte, über die Sprache und die Vorstellungskraft über Jahrhunderte hinweg
aufrechterhaltene Beziehung zu ihrem Ursprungsland ließ Zionisten aller Schattierungen an
dem territorialen Anspruch der Juden an Palästina festhalten.(Brenner 2002, S. 85)
Gerade die Kombination aus politischen und religiösen Motiven zeigt, dass Israel
zu Recht als Staat sui generis gilt, also als einziger und besonderer Staat, der durch
sich selbst eine eigenständige Klassizierung bildet. Israel ist ein nach westlichem
Nationsverständnis konstituierter Staat, der zugleich aufgrund des Scheiterns der
jüdischen Integrationsbemühungen in anderen Staaten und seiner durch die Shoah
begründeten Genese singulär geprägt ist.
Kommunitarismus und Zionismus 3
3 Kommunitarische Elemente im Denken von Theodor Herzl
Der wichtigste Denker des Zionismus ist fraglos Theodor Herzl, dessen Zionismus
entscheidend republikanisch motiviert war, wobei Herzl (1896) einen aristokrati-
schen, also präsidentiell geprägten Republikanismus befürwortete. Zugleich war der
zionistische Republikanismus von Herzl aber auch die enttäuschte Antwort auf den
antisemitischen Ausschluss der Juden aus vielen der europäischen Gesellschaften, so
dass der zionistische Republikanismus also auch aus einer tiefen Ablehnung, die
Jüdinnen und Juden im liberalen Europa schon im 19. Jahrhundert entgegenschlug,
begründet wurde (siehe zur Vorgeschichte und zum Kontext Salzborn 2015a; Sut-
cliffe 2011).
Herzls Schriften zeigen diese Zerrissenheit aber auch zahlreiche Elemente, die
man aus heutiger Perspektive dem republikanischen bzw. kommunitarischen Theo-
riespektrum zuordnen würde. Zentral hierfür sind Herzls Überlegungen im Juden-
staat über die Konstituierung des staatlichen Gemeinwesens, da die legitimatorische
Formulierung des Input- und Output-Verhältnisses in seiner Konstituierung eine
ausdrückliche sozialkontextuelle Verantwortlichkeit inkorporiert, die, was theorien-
geschichtlich bemerkenswert ist, von Herzl in dezidierter Abgrenzung von Rousseau
und mit Referenz auf die römische Rechtsphilosophie vorgenommen wird:
Tatsächlich liegt im Staat eine Mischung von Menschlichem und Uebermenschlichem vor.
Für das zuweilen drückende Verhältnis, in welchem die Regierten zu den Regierenden
stehen, ist ein Rechtsgrund unerlässlich. Ich glaube, er kann in der negotiorum gestio
gefunden werden. Wobei man sich die Gesamtheit der Bürger als Dominus negotiorum und
die Regierung als den Gestor zu denken hat.(Herzl 1896, S. 68)
Herzl bezieht sich hier systematisch und ideengeschichtlich auf die römische Idee
der Republik, übernimmt das ökonomische Motiv des negotiorum gestio und setzt
damit ein letztlich implizites, aber eben gerade dadurch gemeinwohlverpichtetes
Prinzip in das Zentrum seiner Staatstheorie. Der Staat wird in gewisser Weise zwar
auch noch als Anstaltsstaat gedacht, jedoch liegt in der Idee des negotiorum gestio
gerade durch das Moment der Uneigennützigkeit eine Vorstellung von echter All-
gemeinheit, die nicht an die konkrete Konstituierung des Staates gebunden wird,
sondern diese andersherum als Ausdruck wie Gegenstand eines gemeinschaftlichen
Gemeinwohls begreift was bei Herzl in der Überlegung über das Verhältnis von
Regierung und Bürgern seinen Niederschlag ndet:
Der wunderbare Rechtssinn der Römer hat in der negotiorum gestio ein edles Meisterwerk
geschaffen. Wenn das Gut eines Behinderten in Gefahr ist, darf Jeder hinzutreten und es
retten. Das ist der Gestor, der Führer fremder Geschäfte. Er hat keinen Auftrag, das heisst
keinen menschlichen Auftrag. Sein Auftrag ist ihm von einer höheren Notwendigkeit erteilt.
[...] Der Gestor, verwaltet ein Gut, dessen Miteigentümer er ist.(Herzl 1896, S. 68 f.)
Die Regierung soll also in diesem Sinne der uneigennützige Stellvertreter des
bürgerlichen Gemeinwohls sein, während die Gesamtheit der Bürger selbst in der
Figur des dominus negotiorum der eigentliche Inhaber des materiellen Gemeinwohls
4 S. Salzborn
des Staates sind, also die Idee des Staates bei Herzl damit ein republikanisches Motiv
aufgreift und für den Judenstaat implementiert, das zentrale kommunitarische Prin-
zipien beinhaltet, die allerdings nur in der staatstheoretischen Konstituierung zum
Tragen kommen nicht in Herzls konkreten Überlegungen zur Ausgestaltung der
staatlichen Praxis. Das ist insofern interessant, als eine Lücke zwischen dem staats-
theoretischen Anspruch und dessen Hoffnung auf eine gemeinschaftliche Verant-
wortung mit dem Ziel der Partizipation aller Bürger am Gemeinwesen und einer
realpolitischen Resignation mit Blick auf die realen Emanzipationsfähigkeiten des
Bürgertums klafft, die Herzl zu einem Skeptiker mit Blick auf eine drohende
Unterkomplexität der Staatsfunktionalität werden lässt. Kurz gesagt: die Idee des
Staates von Herzl folgt durchaus kommunitarischen Prinzipien, seine generelle
Staatsorientierung allerdings nicht:
Im Judenstaate soll darum doch Niemand geknechtet werden, denn jeder Jude kann
aufsteigen, jeder wird aufsteigen wollen. So muss ein gewaltiger Zug nach oben in unser
Volk kommen. Jeder Einzelne wird nur glauben, sich selbst zu heben, und dabei wird die
Gesamtheit gehoben. Das Aufsteigen ist in sittliche, dem Staate nützliche, der Volksidee
dienende Formen zu binden. Darum denke ich mir eine aristokratische Republik.(Herzl
1896, S. 74)
Das republikanische Ideal mit kommunitarischen Anleihen ist verbaut vom
pragmatischen Realismus und von den zahlreichen, vor allem antisemitischen
Widerständen im Europa zu Herzls Zeit, in der die Emanzipation der Jüdinnen und
Juden eben auch und gerade gegen die antisemitische Konstituierung zahlreicher
europäischer Nationen erstritten werden musste. Nicht zuletzt aufgrund seiner
Ablehnung von Rousseau tappt Herzl aber in seinen Überlegungen nicht in eine
legitimatorische Falle, die republikanischen und kommunitarischen Ansätzen oft
eigen sind mit Blick auf ihr bürgerschaftliches Gemeinschaftsverständnis, da die
Idee der Gemeinschaft das Moment der Identität inkorporiert und damit ein struk-
turell regressives Moment beinhaltet. Der Republikanismus hat aber von Anfang an,
also eben auch seit (und: wegen) Rousseau, eine dunkle Kehrseite, eine Ambivalenz,
die neben die Partizipationserweiterung die Gemeinschaftsbildung setzt die nur
allzu oft, bewusst oder unbewusst, als Gegenmodell zur aufgeklärten Vergesellschaf-
tung verstanden wird, auch weil Schlüsselbegriffe wie Moral oder Tugend faktisch
amorph sind und aus allen politischen Richtungen für sich reklamiert und mit Inhalt
gefüllt werden können: Während die liberale Gesellschaft die Freiheit des Individu-
ums verspricht (mit allen Risiken, die das bedeutet), initiiert der Republikanismus
nun den Zwang zur Gemeinschaft, die zwar idealiter eine politische sein soll (und
damit: reversibel), zu allermeist aber auch essenzialistisch oder mindestens homogen
verstanden wird. Diese negative Kehrseite des Republikanismus kritisiert am Libe-
ralismus seine fehlende Sozialhomogenität und unterstellt die Gemeinschaft als
Alternative, wobei sie aufgrund ihrer Moral- und Tugendorientierung nach dem
substanziellen (und eben nicht nur empirischen und damit fortwährend wandelbaren)
Volkswillen sucht und insofern eine politische Gemeinschaft herstellen will, die
faktisch oft keine Willensgemeinschaft ist, sondern eine Zwangseinrichtung.
Kommunitarismus und Zionismus 5
Dieses Drama von Republikanismus und Kommunitarismus ndet sich bei Herzl
aus einem Grund nicht. Denn er konzeptualisiert das liberale Beteiligungsdezit und
damit den individuellen Beteiligungsausschluss, den Jüdinnen und Juden am mas-
sivsten, radikalsten und brutalsten erlitten haben, insofern rationaler, weil einerseits
die Idee des Staates von vornherein nicht als natürlichverklärt wird, sondern als
rationales und künstliches Unterfangen genau so verstanden wird, wie sie de facto
immer Realität ist (und damit die mythologische Verklärung des Staates in essen-
zialistische Kollektivierung bei Herzl auch komplett vermieden wird, für ihn ist der
Judenstaat auch kein religiös homogener Staat was Israel ja realpolitisch auch
übernommen hat) und dabei wird Herzls bürgerschaftliches Gemeinschaftsver-
ständnis deshalb auf eine rationale Grundlage gestellt, weil es institutionalisiert ist:
die Brücke zur Idee eines freien Bürgers in einer partizipativen Gesellschaft ist damit
gebaut. Diese Idee der rationalen Organisation als Realisierung von gemeinschaft-
licher Verantwortung mit dem Ziel, eine guteGesellschaft aufzubauen und zu
verwirklichen, ndet sich bei Herzl im Konzept der Society of Jews verwirklicht, für
Herzl (1896, S. 70) die Zentralstelle der beginnenden Judenbewegungund der
neue Moses der Juden:
Das Judenvolk ist gegenwärtig durch die Diaspora verhindert, seine politischen Geschäfte
selbst zu führen. Dabei ist es auf verschiedenen Punkten in schwerer oder leichterer
Bedrängnis. Es braucht vor allem einen Gestor. Dieser Gestor darf nun freilich nicht ein
einzelnes Individuum sein. Ein solches wäre lächerlich oder weil es auf seinem eigenen
Vorteil auszugehen schiene verächtlich. Der Gestor der Juden muß in jedem Sinne des
Wortes eine moralische Person sein. Und das ist die Society of Jews.(Herzl 1896, S. 69 f.)
Dass hiermit eine republikanisch-kommunitarische Dimension in der Staatsgrün-
dungsvorstellung inkorporiert ist, die das vergemeinschaftende Moment entgegen
der gesamten europäischen Tradition seiner Zeit rational, weil institutionalisierend
denkt, ist viel zu selten reektiert worden und es ist nicht ausgeschlossen, dass ein
Teil des noch heutigen Hasses auf Israel auch hierin seinen Grund hat, da die Jewish
Agency realpolitisch große Teile der Rollen und Funktionen des Herzlschen Society
of Jews übernommen hat und gerade deshalb aus der Idee des Judenstaates der Staat
Israel entstanden ist als ein Staat, der das Partizipations- und Sinnvakum, das der
liberale Staat der Moderne hinterlassen hatte, zu kompensieren wusste, ohne dabei
auf die regressiven Formen der Vergemeinschaftung referenzieren zu müssen.
4 Fazit
Wenn man von den fünf Schlüsselelementen, die Walter Reese-Schäfer (2015) als
charakteristisch für den Kommunitarismus benennt, die methodologische Dimen-
sion ausklammert, dann zeigt sich an Herzls Konzeption des Zionismus bereits eine
bemerkenswerte Nähe zu den kommunitarischen Grundelementen einer Kritik am
(liberalen) Individualismus, der Orientierung an einer Vorstellung des Guten, der
Verfechtung des Gemeinschaftsgedankens und der bürgerlichen Tugenden. Die
6 S. Salzborn
Institutionalisierung des Gemeinschaftsgedankens bei Herzl ist ideengeschichtlich
insofern beachtlich, weil kommunitarische Theorien von dieser nicht nur Inspiratio-
nen für eine republikanische und zugleich nicht antiliberale Staatskonzeption ent-
lehnen könnten, sondern auch, weil sie das zentrale Moment der identitären Regres-
sion, der sich kommunitarische Überlegungen aufgrund ihres zumeist in eine
kulturelle Gemeinschaftsvorstellung mündenden methodologischen Antiliberalis-
mus selten entziehen können, kompensieren könnte. Den Weg, den Herzl damit
weist, ist ein Weg der ethischen, aber eben nicht moralischen Staatskonstituierung
(vgl. auch Herzl 1902), die als Idealtyp dienen kann, die die soziale Desintegration
des Liberalismus gleichermaßen vermeidet, wie die vergemeinschaftende Homo-
genisierung des Kommunitarismus der Weg für eine freie, aber auch mündige
Gesellschaft, den der Staat Israel trotz und gegen alle antisemitischen Widerstände
bis heute in Anlehnung an Herzl zu entwickeln versucht.
Literatur
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Kommunitarismus und Zionismus 7
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Book
In der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung wird national wie international das Fehlen einer Studie beklagt, die theoretische und empirische Erkenntnisse miteinander verbindet. Die theoretischen Arbeiten nutzen empirische Studien oft allenfalls selektiv zur Stützung ihrer Hypothesen. Empirische Studien wiederum verzichten meist völlig auf theoretische Erkenntnisse. Samuel Salzborn liefert nun eine empirisch grundierte Theorie über die individuellen wie kollektiven Entstehungsursachen des Antisemitismus, seine argumentativen Strukturen sowie die sozialen Kontext- und Entwicklungsbedingungen. Dazu untersucht er politikwissenschaftliche, soziologische und psychologische Arbeiten über Antisemitismus und überprüft diese anhand empirischer Analysen. Er schließt damit eine wesentliche Lücke der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung.
Article
The concept of communitarianism is developed by presenting the key elements and key theoreticians. The elements are a hermeneutic methodology, criticism of individualism, a concept of the good, the idea of community, and civic virtues. Among the key theoreticians, Charles Taylor, Michael Sandel, and Alasdair MacIntyre respond critically to the liberalism in the theory of John Rawls, emphasizing that it cannot explain loyalties to communities and the motivation to act morally. Michael Walzer relates common values and a shared idea of the just to common opinions in different Spheres of Justice that is directed against Rawlsian liberalism. Philip Selznick and Amitai Etzioni overcome the liberal-communitarian debate in pointing out that the development of common values presupposes freely consenting individuals. Robert Bellah points out the importance of civic engagement and value orientation for a Good Society. Etzioni criticizes on the one hand the negligence of the social context of individual integrity in liberal theory. On the other hand, he insists on internal democracy in communities as a criterion for the evaluation of value systems in order to avoid relativism and oppressive values. The concluding prediction is drawn that communitarian ideas will play a stable role in the self-reflection of modernizing societies.
Chapter
The early seventeenth century witnessed the simultaneous rise of the economic fortunes of European Jewry and of Christian scholarly interest in Jewish texts. Increasingly valued as facilitators of international trade by states and rulers guided by mercantilist economics and raison d’Etat pragmatism, Jews extended their geographical presence and deepened their commercial importance, particularly during the turmoil of the Thirty Years’ War. Christian Hebraism, meanwhile, having emerged as a facet of Renaissance humanism, and invigorated by the theological rivalries of the post-Reformation era, reached its intellectual high-water mark in the second quarter of the seventeenth century. In Jonathan Israel’s words, “philosemitic scholarship was … born at the same moment, and in the same context, as philosemitic mercantilism.” What, though, was the relationship between these two phenomena? Or, to pose this question slightly differently, what were the politics of seventeenth-century Christian intellectual engagement with Jews and their texts, and in what sense, and to what extent, is it appropriate to consider this endeavor “philosemitic”? The expansion of Jewish settlement from the mid-sixteenth to the mid-seventeenth century – around the North Sea, in Italy and central Europe, and, slightly later, in colonial settlements around the Caribbean – was overwhelmingly driven by commercial motives. However, this expansion placed practical issues related to Jewish settlement on the intellectual agenda, and in these debates economics, politics, and theology inescapably intertwined.
Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882-1933
  • Jehuda Reinharz
Reinharz, Jehuda, Hrsg. 1981. Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882-1933. Tübingen: Mohr.
Altneuland. Leipzig: Hermann Seemann Nf
  • Theodor Herzl
  • Samuel Salzborn