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Abstract and Figures

Der Onlinehandel mit Drogen ist so alt wie das Internet selbst. Technologische Innnovationen wie neue Verschlüsselungsmethoden haben jedoch zu einem systematischen und weltweiten Vertrieb von verbotenen Substanzen und anderen Produkten im Web beigetragen.
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Darknet APuZ
41
DROGENHANDEL IM DARKNET
Gesellschaftliche Auswirkungen von Kryptomärkten
Meropi Tzanetakis
Die ersten Medienberichte über Drogenmärk-
te im Darknet gehen auf das Jahr 2011 zurück.
Auf dem digitalen Schwarzmarkt „Silk Road“
könne jede nur erdenkliche Droge gekauft wer-
den – ähnlich einfach und vermeintlich sicher
wie Elektronikprodukte auf Amazon, hieß es
etwa in einem Beitrag des US-amerikanischen
Blogs „Gawker“.
01 Um anonyme Bestellun-
gen von Drogen per Mausklick zu ermöglichen,
werde allerdings spezielle Software benötigt, die
IP-Adres sen oder Domainnamen verberge und
dadurch herkömmliche Ermittlungsansätze er-
schwere, erläutert die „Süddeutsche Zeitung“.
02
Während der Begriff „Darknet“ zum dama-
ligen Zeitpunkt nicht Teil der öffentlichen De-
batte war, erlangte dieser im Sommer 2016 trau-
rige Berühmtheit, weil der Amokläufer von
München den Kauf der Tatwaffe über das Dark-
net anbahnte.
03 Bezahlt und übergeben wur-
de die Waffe jedoch nicht anonym über eine
Onlinebestellung, sondern durch ein persönli-
ches Treffen im Mai 2016. Im Zusammenhang
mit dem Amoklauf von München, der zehn
Menschenleben forderte, entbrannte eine Si-
cherheitsdebatte. Forderungen nach strenge-
ren Waffengesetzen und einem Verbot von ge-
waltverherrlichenden Computerspielen wurden
laut, aber auch nach einer besseren personellen
und finanziellen Ausstattung der Sicherheitsbe-
hörden sowie nach mehr Ermittlungsbefugnis-
sen.
04 Gleichsam verfestigte sich in der Öffent-
lichkeit das Bild vom Darknet als die dunkle
Seite des Internets – als Ort, der vorrangig dem
Vertrieb von Drogen, Waffen und Kinder-
porno grafie diene.
Im Folgenden wird zunächst erläutert, was
unter Kryptomärkten für Drogen verstanden
werden kann und wie verbreitet sie im Vergleich
zu anderen Darknet-Inhalten sind. Anschlie-
ßend werden die von ihnen ausgehenden Risi-
ken und Gefahren analysiert sowie die Chancen
und Potenziale erörtert, die mit der Verlage-
rung des Drogenkaufs ins Darknet einhergehen.
„Chance“ wird im Sinne des Schadens mini mie-
rungsansatzes verstanden, der darauf abzielt, ge-
sundheitliche und soziale Folgeschäden des Dro-
genkonsums zu minimieren.
WAS SIND
KRYPTOMÄRKTE?
Obwohl der Onlinehandel mit Drogen so alt ist
wie das Internet selbst, hat eine Reihe von tech-
nologischen Entwicklungen zu einem systemati-
schen Vertrieb von legalen wie illegalen Drogen
und weiteren Produkten im Web beigetragen.
Dazu zählen etwa verschreibungspflichtige Me-
dikamente, Falschgeld, gestohlene Kreditkarten-
daten, gehackte Bankkontodaten, Schusswaffen,
aber auch Anleitungen zur Herstellung psycho-
aktiver Substanzen. Durch die Kombination aus
Anonymisierungssoftware, wie dem Tor-Brow-
ser, und virtuellen Währungen, wie Bitcoin, sind
digitale Plattformen entstanden, die sich nicht
grundlegend von anderen Online-Marktplätzen
unterscheiden.
Der Begriff „Kryptomarkt“ hat sich in der
Forschungsgemeinschaft zur Bezeichnung die-
ser technologischen Neuerung durchgesetzt.
05
Zum Kryptomarkt gehören zwei wesentliche
Merkmale: Drogenbestellungen werden ers-
tens nicht mit Kreditkarten bezahlt, sondern
mit Kryptowährungen wie Bitcoin, die Nutzern
und Nutzerinnen dezentrale Transaktionen er-
möglichen.
06 Zweitens erlaubt die Verschlüs-
selungssoftware Tor das Aufrufen der hidden
services und damit den Zugang zum Darknet.
07
Die Tor-Technologie wurde Mitte der 1990er
Jahre in einer der US-Marine zugehörigen For-
schungsabteilung entwickelt und 2002 mit der
Veröffentlichung der Alpha-Version der Tor-
Software öffentlich zugänglich gemacht. Tor ba-
siert auf einem weltweiten Netzwerk von etwa
7000 unentgeltlich betriebenen Servern, die Ver-
Tzanetakis, M. (2017). Drogenhandel im Darknet. Gesellschaftliche Auswirkungen
von Kryptomärkten. Aus Politik und Zeitgeschichte, 67(46-47), 41-46. DOI:
10.25365/phaidra.53
© 2017 Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Lizenz vom
Typ Namensnennung-Nicht Kommerziell-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland.
http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de
APuZ 46–47/2017
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Abbildung: Kryptomarktplatz „AlphaBay“
Quelle: Screenshot aus eigenem Bestand
bindungen verschlüsseln. Die Verschlüsselung
verhindert, dass der Datenverkehr der zwei Milli-
onen Nutzer auf sie zurückgeführt werden kann.
Das Darknet kann als ein Bereich des Internets
verstanden werden, der mittels technologischer
Lösungen die Identität und den Standort der Be-
nutzer und Benutzerinnen verschleiert. Zwar ist
das Tor-Netzwerk nicht das einzige Darknet, es
ist aber das weitverbreitetste und bietet die größ-
te Auswahl an Kryptomärkten.
01 Vgl. Adrian Chen, The Underground Website Where You
Can Buy Any Drug Imaginable, 1. 6. 2011, http://gawker.com/
the-underground-website-where-you-can-buy-any-drug-imag-
30818160.
02 Vgl. Moritz Koch, Internet-Portal Silk Road – Drogen per
Mausklick, 6. 7. 2011, www.sueddeutsche.de/digital/-1.1116625.
03 Vgl. Tom Sundermann, Amoklauf von München: Der rech-
teWaendealer, 27. 8. 2017, www.zeit.de/gesellschaft/zeitgesche-
hen/ 2017-08/amoklauf-muenchen-prozess-pistole-haendler.
04 Vgl. Stephan Haselberger et al., Nach dem Amoklauf in
München: Politische Forderungen und soziale Hintergründe,
24. 7. 2016, www.tages spiegel.de/ 13920780.html.
05 Vgl. James Martin, Drugs on the Dark Net. How Cryptomar-
kets Are Transforming the Global Trade in Illicit Drugs, New York
2014, S.3.
06 Siehe hierzu auch den Beitrag von Friedemann Brenneis in
dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
07 Siehe hierzu auch den Beitrag von Stefan Mey in dieser
Ausgabe (Anm. d. Red.).
Es gibt zwei empirische Studien, die Auf-
schluss über den Umfang und die Zusammen-
setzung des Netzwerks geben: Die von der bri-
tischen Sicherheitsfirma Intelliagg an rund 13 000
Websites im Tor-Netzwerk vorgenommene Un-
tersuchung zeigt, dass etwa die Hälfte von ihnen
nach britischem oder US-Recht einen legalen In-
halt haben.
08 Die Wissenschaftler kategorisierten
die Websites zudem: 29 Prozent fielen unter die
Kategorie „Filesharing-Dienste“, 28 Prozent un-
ter „geleakte Daten“ – worunter man nicht au-
torisierte Veröffentlichungen von Informationen
versteht – und 12 Prozent unter „Finanzbetrug“.
Auf 4 Prozent der untersuchten Websites wird
mit Drogen gehandelt und 0,3 Prozent haben Be-
zug zu Waffen. Die Ergebnisse decken sich größ-
tenteils mit einer Studie des Londoner King’s
College: Von den 2723 untersuchten Websites im
Tor-Netzwerk, sind 57 Prozent strafrechtlich re-
levant: 15 Prozent stehen im Zusammenhang mit
Drogen, 12 Prozent mit Finanzgeschäften, 7 Pro-
zent mit anderen illegalen Inhalten und 1,5 Pro-
zent mit Waffen.
09
08 Vgl. Intelliagg, Deeplight: Shining a Light on the Dark
Web,Report 2016, http://deeplight.intelliagg.com/deeplight.pdf.
09 Vgl. Daniel Moore/Thomas Rid, Cryptopolitik and the Darknet,
in: Survival 1/2016, S.7–38.
Darknet APuZ
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„Silk Road“ war der erste Kryptomarkt und
ab Februar 2011 online. Er wurde im Oktober
2013 vom FBI geschlossen. Heute sind etwa zwei
Dutzend Kryptomärkte online.
10 Allen Plattfor-
men ist der Vertrieb von psychoaktiven Substan-
zen aller Art gemein, doch sie unterscheiden sich
in puncto Marktgröße, Sprache, Bezahlsystem,
Lebensdauer und der Frage, ob mit Waffen ge-
handelt wird oder nicht. Auf den meisten Platt-
formen hat sich die Norm etabliert, dass kein
kinderpornografisches Material weitergegeben
werden darf.
11 In einer Erhebung von 2012 wurde
der monatliche Umsatz des damaligen Monopo-
listen „Silk Road“ auf 1,22 Millionen US-Dollar
geschätzt.
12 Die Schätzung umfasst alle angebote-
nen Güter und Dienstleistungen. Dieses Volumen
ist laut einer weiteren Studie 2013 auf 100 Mil-
lionen US-Dollar gestiegen.
13 Nachdem „Silk
Road“ vom FBI geschlossen wurde, stieg die im
Dezember 2013 gegründete Plattform „Alpha-
Bay“ zum Marktführer auf. Laut einer jüngeren
Studie konnte sie den Umsatz halten: Allein aus
dem Drogenhandel betrug er zwischen Septem-
ber 2015 und August 2016 94 Millionen US-Dol-
lar.
14 Zusammenfassend kann festgehalten wer-
den: Nach einem deutlichen Zuwachs während
der Anfangsphase des Phänomens erreichten die
Umsätze von Kryptomärkten ab 2013 ein rela-
tiv stabiles Niveau. Im Vergleich zum materiel-
len Drogenmarkt ist das Handelsvolumen jedoch
sehr klein. Laut Schätzungen der Europäischen
Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht
und Europol werden in der EU jährlich insge-
samt 28 Milliarden US-Dollar mit dem Verkauf
von Drogen erzielt – Kryptomärkte machen hier-
von nur einen Bruchteil aus.
15
10 Siehe DarkNet Stats, https://dnstats.net.
11 Vgl. Martin (Anm.5), S.6.
12 Vgl. Nicholas Christin, Traveling the Silk Road: A measurement
Analysis of a Large Anonymous Online Marketplace, Proceedings
of the 22nd International Conference on World Wide Web,
International World Wide Web Conferences Steering Committee
2013.
13
Vgl. Kyle Soska/Nicholas Christin, Measuring the Longi-
tu dinal Evolution of the Online Anonymous Marketplace Eco-
system,in: The USENIX Association (Hrsg.), Proceedings ofthe
24thUSENIX Security Symposium, Washington D. C. 2015,
S.33–48.
14 Vgl. Meropi Tzanetakis/Heino Stöver (Hrsg.), Drogen, Darknet
und Organisierte Kriminalität, Baden-Baden 2017.
15 Vgl. European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addic-
tion/Europol, EU Drug Markets Report. In-depth Analysis 2016,
Luxemburg 2016, S.27.
RISIKEN ANONYMER
DROGENMÄRKTE
Mit den oben skizzierten technologischen Inno-
vationen, die den systematischen anonymen Ver-
kauf und Kauf von Drogen aller Art möglich
machten, traten Risiken in Erscheinung – allen
voran das Risiko, das mit Verfügbarkeit und Zu-
gänglichkeit einhergeht.
16 Auf anonymen Dro-
genmärkten im Darknet können sämtliche psy-
choaktive Substanzen mit einigen Mausklicks
bestellt und bezahlt werden. Der Bestellvorgang
unterscheidet sich kaum von dem anderer On-
line-Marktplätze. Ebenso niederschwellig ist die
Aneignung des technisch erforderlichen Wis-
sens, um Drogen zu bestellen. Das gilt vor allem
für Digital Natives. Die Affinität lässt sich ent-
sprechend auf einen neuen Typ technikaffiner
Drogenhändler übertragen sowie auf einen neu-
en Typ Drogenkonsument. Durch die Nutzung
von Verschlüsselungssoftware und Kryptowäh-
rungen wird der globale Verkauf und Kauf von
Drogen rund um die Uhr, sieben Tage die Wo-
che möglich. Zudem sind sämtliche Drogenarten
in unterschiedlichen Mengen auf Kryptomärkten
zugänglich, ohne regionale Einschränkung und
Altersbeschränkung.
Ein Nebeneffekt des neuartigen Phänomens,
der ebenfalls die Zugänglichkeit erleichtert, be-
trifft die Art der Lieferung. Die Übergabe der
über das Darknet bestellten Drogen findet nicht
bei persönlichen Treffen der beteiligten Akteure
statt, wie auf materiellen Drogenmärkten üblich.
Vielmehr übernehmen Zustelldienste unwissent-
lich die Rolle des Drogenkuriers. Händlerinnen
und Konsumenten nehmen die Drogentrans-
aktionen im Internet als Vorteil wahr. So gaben
etwa bei einer anonymen Onlinebefragung 9470
Teilnehmer und Teilnehmerinnen an, der höhe-
re Komfort bei der Bestellung sowie die einfa-
che Lieferung der Drogensendungen seien unter
anderem Hauptmotive dafür gewesen, auf Kryp-
tomärkten Drogen zu kaufen.
17
Die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit stellen
besonders für zwei Konsumtypen ein besonderes
Risiko dar: zum einen für Konsumenten, die über
keine hohe Impulskontrolle verfügen und zum
16 Vgl. Tzanetakis/Stöver (Anm.14).
17 Vgl. Monica J. Barratt/Adam R. Winstock, Use of Silk Road,
the Online Drug Marketplace, in the United Kingdom,Australia
and the USA, in: Addiction 109/2014, S.774–783.
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unkontrollierten Konsum neigen. Zum anderen
sind durch Kryptomärkte besonders Konsumen-
ten gefährdet, die sozial isoliert Drogen konsu-
mieren und sich dabei nicht Freunden und Be-
kannten anvertrauen.
18
Auf Gelegenheitskonsumenten hat die hohe
Verfügbarkeit sämtlicher Drogen im Inter-
net hingegen eine andere Wirkung: User und
Userinnen von „Silk Road“ berichteten, dass
es zunächst zum Konsumanstieg und Konsum
verschiedener Drogen gekommen sei. Dieser
Anstieg sei bei den Befragten allerdings früher
oder später der Selbstregulierung des Konsums
gewichen, eine Sättigung sei eingetreten. Die
Befragten teilten weiter mit, dass die ständige
Verfügbarkeit mittelfristig dazu geführt habe,
dass das vorhergehende Konsumniveau wieder
erreicht worden sei.
19
Trotz der angesprochenen Gefahren bieten
die Kryptomärkte paradoxerweise auch Potenzi-
ale – allen voran für den in der Drogenhilfe disku-
tierten Ansatz der Schadensminimierung.
POTENZIALE ANONYMER
DROGENMÄRKTE
Der Schadensminimierungsansatz zielt darauf ab,
den körperlichen, psychischen und sozialen Zu-
stand von Drogenkonsumenten zu verbessern,
ohne dabei unmittelbar den Zugang zu den Sub-
stanzen zu unterbinden.
20 Für materielle Dro-
genmärkte gilt, dass die Herstellung, der Anbau,
Handel, Besitz und Konsum von Drogen verbo-
ten sind und Zuwiderhandlungen strafrechtlich
verfolgt werden. Dies hat zur Folge, dass erstens
die Qualität der im Einzelhandel vertriebenen
Drogen relativ niedrig ist, auch weil staatlich kon-
trollierte Qualitätsstandards für Drogen fehlen.
21
Zweitens bedingt die internationale Drogenkont-
rollpolitik auf Basis der UN-Konventionen, dass
18
Vgl. Monica J. Barratt etal., ‚What if you live on top of aba-
kery and you likecakes?‘ – Drug Use and Harm Trajectories Before,
During and After the Emergence of Silk Road, in: International
Journal of Drug Policy 35/2016, S.50–57.
19 Vgl. ebd., S.53.
20 Vgl. Meropi Tzanetakis/Roger von Laufenberg, Harm
Reduction durch anonyme Drogenmärkte und Diskussionsforen
im Internet?, in: akzept e. V. Bundesverband für akzeptierende
Drogenarbeit und humane Drogenpolitik (Hrsg.), 3. Alternativer
Drogen- und Suchtbericht 2016, S.189–194.
21 Vgl. Peter Reuter, Disorganized Crime: The Economics of the
Visible Hand, Cambridge 1983.
sämtliche Akteure des Anbaus, der Produktion,
des Erwerbs, Besitzes und Konsums von illegalen
Substanzen der Gefahr der Strafverfolgung aus-
gesetzt sind.
Paradoxerweise kommt es bei Kryptomärkten
für Drogen zu einer Umkehrung: Die technisch
ermöglichte Verschleierung des Standorts und der
personenbezogenen Daten hat für die Beteiligten
einerseits ein reduziertes Risiko von Interventi-
onen durch Strafermittlungsbehörden zur Folge,
wenngleich weltweit zahlreiche Plattformen ge-
schlossen und Händler sowie Kunden verhaftet
und verurteilt worden sind. Andererseits bedin-
gen Kryptomärkte auch den Vertrieb von qualita-
tiv hochwertigen illegalen Drogen, zumindest im
Vergleich zu den Substanzen, die auf der „Straße“
gehandelt werden.
22 Der Erwerb von Substanzen,
deren Konsum aufgrund ihrer Qualität mit gerin-
geren gesundheitlichen Folgeschäden einhergeht,
wird hier als Chance im Sinne des Schadensmini-
mierungsansatzes begriffen.
Warum aber werden über Kryptomärkte ten-
denziell hochwertigere illegale Drogen gehan-
delt? Ein Erklärungsansatz liegt im Wettbewerb.
Eine Studie zu Drogenangeboten, Umsätzen,
Preisen sowie Herkunfts- und Zustellländern
verdeutlicht den Grad der Wettbewerbsinten-
sität im Darknet: Zwischen September 2015
und August 2016 haben allein auf der Plattform
„AlphaBay“ rund 2200 Händler etwa 12 000 ver-
schiedene Drogenartikel angeboten.
23
Für die Qualitätssteigerung ist ein weiterer
Aspekt verantwortlich: das Bewertungssystem.
24
Der Ausgangspunkt für das Bewertungssystem
war die Frage, warum Kunden ein illegales Pro-
dukt im Internet erwerben, wenn sie nicht wissen,
von wem sie es kaufen, und wo doch das Risiko
besteht, dafür strafrechtlich belangt zu werden.
Anonyme Drogenplattformen haben hierbei auf
einen Mechanismus zurückgegriffen, der bei kon-
ventionellen Online-Marktplätzen wie Amazon
seit Längerem erfolgreich praktiziert wird. Auf
Kryptomärkten bewerten Kunden die Qualität
der Drogen, die Korrektheit der bestellten Men-
ge, den Kundenservice, die verwendete Verschlei-
22 Vgl. Barratt/Winstock (Anm.17), S.780.
23 Vgl. Tzanetakis/Stöver (Anm.14).
24 Vgl. Meropi Tzanetakis etal., The Transparency Paradox.
Building Trust, Resolving Disputes and Optimising Logistics on
Conventional and Online Drugs Markets, in: International Journal
of Drug Policy 35/2016, S.58–68.
Darknet APuZ
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erungstechnik für die Sendung sowie die Kom-
munikation des Verkäufers oder der Verkäuferin.
Dies geschieht sowohl über ein Punktesystem
als auch über ausführliche Rezensionen. Diese
Bewertungen und die detaillierten Angaben der
Händler sind die Entscheidungsgrundlage für an-
dere Kunden.
Wenn sich wie auf „AlphaBay“ rund 2200
Händler um das Interesse der Kunden bemü-
hen, ist zu vermuten, dass diejenigen Anbieter
und Anbieterinnen, die qualitativ schlechte Dro-
gen verkaufen und einen schlechten Kundenser-
vice haben, ein entsprechend negatives Feedback
erhalten. Folglich können nur diejenigen Händ-
ler ihre Waren absetzen, die hochwertige Dro-
gen zum Verkauf bereitstellen. Es ist nicht aus-
zuschließen, dass in näherer Zukunft nur noch
einige wenige Händler den Markt beherrschen,
ähnlich wie es bei den Internetunternehmen
Amazon, Ebay, Facebook und Google auf ihren
jeweiligen Märkten der Fall ist.
25
Im Vergleich zum materiellen Einzelhan-
del sind Kryptomärkte für die Kunden zudem
wesentlich transparenter. Drogenkonsumenten
können nunmehr auf der Basis vergleichbarer
Informationen über eine breite Palette an psy-
choaktiven Substanzen, Preisen und Qualitäten
entscheiden, auf welchem Kryptomarkt sie bei
welchem Händler welche Droge bestellen wol-
len. Damit ermöglicht der Drogenvertrieb über
anonyme Plattformen im Darknet, soziale und
gesundheitliche Risiken zu minimieren, die mit
dem Erwerb und Konsum von illegalen Substan-
zen auftreten.
Selbstverständlich gibt es aber auch im
Darknet Streitfälle: etwa wenn eine Drogenbe-
stellung nicht beim Kunden eintrifft oder die-
ser fälschlicherweise behauptet, keine Lieferung
erhalten zu haben. Auch das Darknet ist nicht
gefeit vor größeren Konflikten wie Erpressung
und Betrug – etwa wenn ein Teilnehmer droht,
persönliche Informationen eines anderen zu
veröffentlichen.
Institutionalisierte Mechanismen wie das
Treuhandverfahren sollen auf Kryptomärkten
diese Konflikte lösen:
26 Die Mechanismen un-
terscheiden sich je nach Bezahlsystem. Bislang
25 Vgl. Ulrich Dolata/Jan-Felix Schrape (Hrsg.), Kollektivität und
Macht im Internet. Soziale Bewegungen – Open Source Communi-
ties – Internetkonzerne, Wiesbaden 2018 (i. E.).
26 Vgl. Tzanetakis etal. (Anm.24), S.64.
haben sich drei bargeldlose Bezahlsysteme eta-
bliert, die von fast allen Kryptomärkten un-
terstützt werden: erstens das sogenannte zen-
tralisierte Treuhandverfahren. Dabei wird der
Zahlungsbetrag in virtueller Währung wie Bit-
coin auf der Plattform zwischengelagert und
erst nach Erhalt der Sendung an den Händler
freigegeben. Im Konfliktfall besteht die Mög-
lichkeit, ein Schlichtungsverfahren einzuleiten,
das vom Betreiber beziehungsweise der Betrei-
berin des Kryptomarkts geführt wird. Bei einer
zweiten Variante, dem frühzeitigen Zahlungs-
abschluss, wird der Zahlungsbetrag direkt vom
Kunden an den Händler transferiert, noch bevor
die Bestellung beim Kunden eingetroffen ist.
Bei dieser Bezahlvariante findet im Konfliktfall
keine Vermittlung durch den Marktplatzbetrei-
ber statt. Das Mehrparteien-Treuhandverfah-
ren ist die dritte Bezahlmöglichkeit. Sie ist die
technisch anspruchsvollste. Die Zahlungsbeträ-
ge werden erst freigegeben, wenn zwei der drei
Akteure – Käufer, Verkäufer und Marktplatzbe-
treiber – die Transaktion bestätigen. Während
die letztgenannte als die sicherste gilt, bestehen
bei den ersten beiden Bezahlvarianten Betrugs-
möglichkeiten durch den Akteur, der den Zah-
lungsbetrag zwischenlagert beziehungsweise
erhält. Diese drei Mechanismen sind ein Indiz
für die Selbstregulierung von Kryptomärkten
abseits staatlicher Interventionen.
Mit Blick auf das Konfliktpotenzial besteht
der entscheidende Unterschied zwischen mate-
riellen Drogenmärkten und Kryptomärkten in
der Qualität der „Streitfälle“:
27 Auf Ersterem
gehören physische und psychische Gewalt zum
Mittel der Wahl, um Konflikte zu „lösen“, um
Transaktionen durchzusetzen oder um die Zu-
sammenarbeit mit der Polizei zu bestrafen.
28 Da
auf Kryptomärkten Transaktionen anonym und
entpersonalisiert stattfinden, ist interpersonelle
Gewalt kaum möglich. Laut einer Studie, an der
weltweit 3794 aktive Nutzer von Kryptomärk-
ten teilgenommen haben, ist auf Plattformen im
Darknet das Risiko für drogenbezogene Ge-
27 Vgl. Meropi Tzanetakis, Online Drug Distribution: Alternatives
to Physical Violence in Conict Resolution, in: Marije Wouters/
Jane Fountain (Hrsg.), Between Street and Screen. Traditions and
Innovations in the Drugs Field, Lengerich 2015, S.41–56.
28 Vgl. Peter Reuter, Systemic Violence in Drug Markets, in:
Crime, Law and Social Change: An Interdisciplinary Journal
3/2009, S.275–284.
APuZ 46–47/2017
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walt beziehungsweise für die Androhung dieser
wesentlich kleiner als auf materiellen Drogen-
märkten.
29 35 Prozent der Befragten berich-
teten von Gewalterfahrungen mit unbekann-
ten Dealern auf der Straße; 24 Prozent gaben
an, von einem ihnen bekannten Dealer bedroht
worden zu sein und 14 Prozent berichteten von
persönlichen Bedrohungen beim Handel mit
befreundeten Dealern. Im Vergleich dazu erleb-
ten lediglich 3 Prozent der Befragungsteilneh-
mer persönliche Bedrohungen beim Drogen-
kauf im Darknet.
UMGANG MIT ANONYMEN
DROGENMÄRKTEN
Der Prozess der Digitalisierung bringt weitrei-
chende Veränderungen in verschiedenen Be-
reichen der Gesellschaft mit sich. Dies hat
selbstverständlich ebenso Auswirkungen auf un-
terschiedliche Kriminalitätsformen. Beruhend auf
neuen Informations- und Kommunikationstech-
nologien konnte sich ein Phänomen etablieren,
das als kriminelle Innovation eingestuft werden
kann.
30 Dabei finden Drogenübergaben nicht in
Form persönlicher Treffen statt, sondern werden
mit virtuellen Währungen bezahlt und in äußer-
lich unauffälligen Sendungen verschickt. Die Zu-
stellung übernimmt der ahnungslose Postdienst.
Entsprechend groß sind die Herausforderungen,
vor denen Strafermittlungsbehörden stehen.
31
Wie ist mit diesem neuen Phänomen auf
politischer Ebene umzugehen? Laut einer em-
pirischen Studie haben die Schließungen von
Kryptomärkten durch Strafverfolgungsbehör-
den kaum Einfluss auf die Resilienz des Systems
der anonymen Drogenmarktplätze.
32 Die Au-
toren der Studie untersuchten die Auswirkun-
gen der Operation Onymous – Behörden aus
den USA und Europa legten im November 2014
zahlreiche Kryptomärkte still – auf die Umsätze
im Darknet. Zwar habe die Aktion zum sofor-
29 Vgl. Monica J. Barratt/Jason A. Ferris/Adam R. Winstock,
Safer Scoring? Cryptomarkets, Social Supply and Drug Market Vi-
olence, in: International Journal of Drug Policy 35/2016, S.24–31.
30
Vgl. Judith Aldridge/David Décary-Hétu, Not an „Ebay
for Drugs“: The Cryptomarket „Silk Road“ as a Paradigm
Shifting Criminal Innovation, 13. 5. 2014, https://ssrn.com/
abstract=2436643.
31 Siehe hierzu auch den Beitrag von Otto Hostettler in dieser
Ausgabe (Anm. d. Red.).
32 Vgl. Soska/Christin (Anm.13).
tigen Rückgang der Gesamtumsätze der Kryp-
tomärkte geführt, aber schon nach einigen Wo-
chen sei die Hälfte des Umsatzniveaus wieder
erreicht worden. Nach Schließung der Markt-
plätze wichen die Kunden scheinbar nach einer
kurzen Phase der Verunsicherung auf andere
Märkte beziehungsweise Händler aus. Anhand
des Verlaufs von Umsätzen ließ sich die be-
grenzte Wirkung von Strafverfolgungsaktivitä-
ten verdeutlichen.
Unabhängig davon, ob die Operation Ony-
mous zum gewünschten Resultat geführt hat oder
nicht, müssen politische Entscheidungsträger
neue Ansätze für den Umgang mit Kryptomärk-
ten entwickeln. Neben den offensichtlichen Risi-
ken, die mit dem erleichterten Zugang zu Dro-
genmärkten einhergehen, gibt es ebenso Chancen
für eine Drogenpolitik, die sich dem Ansatz der
Schadensminimierung verschreibt: zum einen
aufgrund des geringeren Gewaltpotenzials beim
anonymen Drogenkauf, zum anderen wegen der
erhöhten Qualität der Substanzen – zumindest
im Vergleich zur Qualität der Produkte auf der
„Straße“.
MEROPI TZANETAKIS
ist Erwin-Schrödinger-Fellow des österreichischen
Wissenschaftsfonds und Gastforscherin am Institut
für Kriminologie und Rechtssoziologie der Uni-
versität Oslo. Zu ihren Forschungsschwerpunkten
gehören digitale Technologien, illegale Märkte
sowie organisierte Kriminalität.
meropi.tzanetakis@univie.ac.at
... Auf diesem Marktplatz konnten sämtliche psychoaktiven Substanzen, aber auch gefälschte Ausweise, pornographisches Material und anfänglich auch Waffen vertrieben werden. Als der Marktplatz im Jahre 2013 vom FBI geschlossen wurde, eröffneten zahlreiche neue Plattformen, wovon einige freiwillig und andere unfreiwillig durch Strafermittlungsbehörden oder durch Betrugsvorfälle seitens der Betreiber geschlossen wurden (Tzanetakis, 2017a). Aktuell sind etwa zwei Dutzend Darknet-Plattformen online, die sich in Bezug auf die Marktgröße, Sprache, Bezahlsystem, Lebensdauer oder auch Vertrieb von Waffen unterscheiden. ...
... Demgegenüber erwähnten lediglich drei Prozent der Befragungsteilnehmer_innen persönliche Bedrohungen beim Kauf über Darknet-Plattformen. Dies kann als empirischer Befund für geringere Gewalterfahrungen von Drogenkonsumierenden auf Kryptomärkten gewertet werden (zu weiteren Forschungsergebnissen bezüglich Kriminalitätserfahrungen von Darknet-Markt-User_innen siehe Kamphausen und Werse in dieser Ausgabe). Das Potenzial von Kryptomärkten, gesundheitliche Risiken zu reduzieren, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem Drogenkonsum stehen, wurde von einer Vielzahl unterschiedlicher Studien hervorgehoben (Aldridge & Décary-Hétu, 2014; Bancroft & Reid, 2016;Barrett et al., 2016a;2016b;Buxton & Bingham, 2015;Caudevilla et al., 2016;Tzanetakis, 2017a;Tzanetakis & von Laufenberg, 2016;van Buskirk et al., 2016;van Hout & Bingham, 2013a;2013b;2014). In diesem Sinne könnte sowohl die Transparenz in punkto Substanz als auch geringere Gewalterfahrungen von Kund_innen auf anonymen Drogenmärkten mit dazu beitragen, dass jene Drogenpolitik gestärkt werden kann, die sich einem Schadensminimierungs-Ansatz verschreibt und auf Entkriminalisierung von Konsumierenden setzt. ...
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Seit der Eröffnung des ersten Marktplatzes im Jahre 2011 ist der Vertrieb von legalen wie illegalen Drogen in einem anonymisierten Bereich des Internets nicht mehr wegzudenken. Unabhängig vom Ort und ohne zeitliche Beschränkung haben User_innen Zugang zu zahlreichen Marktplätzen im Darknet und können dabei aus einer breiten Palette an psychoaktiven Substanzen wählen. Dieser Beitrag widmet sich einer zentralen Widersprüchlichkeit bei der kriminellen Innovation namens Kryptomärkte. Zum einen unterstützen anonyme Drogenmärkte eine Drogenpolitik, die auf Schadensminimierung und Entkriminalisierung von Konsumierenden setzt – beispielsweise, indem auf anonymen Märken oft qualitativ hochwertige Drogen vertrieben werden und Kund_innen weniger Gewalterfahrungen ausgesetzt sind. Zum anderen ist die Distribution von Drogen auf Kryptomärkten von Selbstregulierung geprägt, über die sämtliche politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen sind. Die Regulierung des Drogenhandels über den Markt hat zur Folge, dass soziale Ungleichheiten reproduziert werden. Marginalisierte, technisch unerfahrene Konsumierende aus mittellosen Verhältnissen und mit einem problematischen Konsumverhalten können es sich schlicht nicht leisten, auf Kryptomärkten ihre Substanzen zu erwerben. Abschließend fragt der Beitrag nach möglichen Implikationen des neuen Phänomens für politische Entscheidungsträger_innen im Bereich der Drogenpolitik.
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Der Beitrag untersucht sozioökonomische Veränderungen von Drogenmärkten durch die Verbreitung digitaler Technologien. Dabei steht vor allem das neuartige Phänomen der Kryptomärkte im Fokus. Durch die Verwendung von Anonymisierungssoftware können Handelnde auf Plattformen im Internet ihre Sichtbarkeit erhöhen, ohne dass gleichzeitig das Risiko der Strafverfolgung steigt. Hinzu kommt, dass auf Kryptomärkten anstelle des interpersonellen ein institutionenbasiertes Vertrauen hergestellt wird, etwa durch Feedback- oder Bezahlsysteme. Wie in modernen kapitalistischen Ökonomien tragen diese Entwicklungen sowie die orts- und zeitunabhängige Verfügbarkeit von illegalen Waren zu einer Ausweitung von Marktbeziehungen bei und fordern gleichzeitig globale Prohibitionsregime heraus.
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In recent years, the Internet has become an important medium for promoting , distributing and retailing both 'traditional' and new drugs. This chapter discusses how the concept of using violence is transformed on darknet marketplaces that offer the technological infrastructure to buyers and sellers to process a drug transaction anonymously. By using a qualitative approach, the analysis focuses on alternative mechanisms to the use of violence as a means for settling disputes and for resolving conflicts. On cryptomarkets, the question of quality, quantity, shipping and payment of a product, which is potentially a source of conflict, needs to be addressed alternatively, because contact in person is not feasible. Instead, alternative mechanisms to the concept of violence described for conventional drug markets consist of a third party conflict resolution mechanism (centralised escrow), paying prior to delivery of the product (finalise early), and the agreement of two out of three parties on releasing the payment (multi-signature escrow). Furthermore, face-to-face interactions are substituted with the interplay of vendors, customers and market administrators, using a feedback system and information on various forums addressing a vendor's trustworthi-ness, quality of a product, shipping, communication, and stealth.
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Even without the protection of the state and courts, illegal drug markets are generally peaceable. However occasionally specific markets exhibit high levels of violence. This essay examines the sources that might generate such violence, some internal to organizations (successional and disciplinary), some between organizations (territorial or transactional) and others between drug dealers and the state or its representatives. Particular attention is given to the extremely high rates of killing in the high level Mexican drug markets in 2007–2008 and what motivates the variety of targeted victims, including innocent parties and corrupt officials. The other episode examined in detail is the US crack market in the 1980s. The emphasis here is on the youth of the participants, the value of the drug itself and the intensity of law enforcement.