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Narrative der ‚guten Ernährung‘: Ernährungsidentitäten und die Aneignung öffentlicher Nachhaltigkeitsdiskurse durch Konsument*innen

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Abstract

Zusammenfassung Im Bereich der Ernährung sind es ganz alltägliche und allgemein akzeptierte Produktions- und Konsumpraktiken, die zu Nachhaltigkeitsproblemen führen. Als Lösung gilt in öffentlichen Nachhaltigkeitsdiskursen die Kombination aus ‚grünem Wachstum‘ und verantwortungsbewussten Konsument*innen. Die individuelle Aneignung dieser Diskurse steht im Zentrum dieses Aufsatzes. Auf Basis welcher Deutungsmuster, Werte und räumlichen Beziehungen werden Ernährungsidentitäten, Verantwortungszuweisungen und alltägliche Ernährungspraktiken naturalisiert und aufrecht erhalten bzw. kritisiert und verändert? Zur Beantwortung dieser Frage wird auf qualitative Interviews mit Konsument*innen zurückgegriffen, in denen sich eine komplexe und ambivalente Form der Aneignung öffentlicher Nachhaltigkeitsdiskurse zeigt. Einerseits werden dominante Muster der öffentlichen Nachhaltigkeitsdiskurse (re-)produziert. Andererseits wird dem Optimismus bezüglich des Gestaltungspotenzials von verantwortungsbewussten Konsument*innen eine Absage erteilt. Weiterhin werden Widrigkeiten beklagt, die einer als gelungen empfundenen Ernährungspraxis entgegenstehen. Die Umgangsweisen mit dem alltäglichen Scheitern bei der Umsetzung eigener Ansprüche sind sehr divers und reichen von Versuchen des ‚Wachrüttelns‘ anderer Konsument*innen über die Kompensation durch außeralltägliche Events, in denen die Idealvorstellungen einer guten Ernährung gelebt werden können, bis hin zum fatalistischen Einfügen in den Zwang der Verhältnisse. Darüber hinaus wird in gegenhegemonialen Narrativen die Kontingenz machtvoller Strukturen in Erinnerung gerufen, die immer auch auf Widerstand stoßen und somit stets verhandel- und veränderbar bleiben.
Timmo Krüger* und Anke Strüver*
Narrative der ‚guten Ernährung‘: Ernährungs-
identitäten und die Aneignung öffentlicher
Nachhaltigkeitsdiskurse durch Konsument*innen
Narratives of “good food”: consumer identities
and the appropriation of sustainability discourses
https://doi.org/10.1515/zfw-2017-0006
Eingereicht: 17. Februar 2017; akzeptiert: 12. November 2017;
online first publiziert: 15. Dezember 2017
Zusammenfassung: Im Bereich der Ernährung sind es
ganz alltägliche und allgemein akzeptierte Produktions-
und Konsumpraktiken, die zu Nachhaltigkeitsproblemen
führen. Als Lösung gilt in öffentlichen Nachhaltigkeits-
diskursen die Kombination aus ‚grünem Wachstum‘ und
verantwortungsbewussten Konsument*innen. Die indivi-
duelle Aneignung dieser Diskurse steht im Zentrum dieses
Aufsatzes. Auf Basis welcher Deutungsmuster, Werte und
räumlichen Beziehungen werden Ernährungsidentitäten,
Verantwortungszuweisungen und alltägliche Ernährungs-
praktiken naturalisiert und aufrecht erhalten bzw. kriti-
siert und verändert? Zur Beantwortung dieser Frage wird
auf qualitative Interviews mit Konsument*innen zurück-
gegriffen, in denen sich eine komplexe und ambivalente
Form der Aneignung öffentlicher Nachhaltigkeitsdiskurse
zeigt. Einerseits werden dominante Muster der öffentli-
chen Nachhaltigkeitsdiskurse (re-)produziert. Anderer-
seits wird dem Optimismus bezüglich des Gestaltungspo-
tenzials von verantwortungsbewussten Konsument*innen
eine Absage erteilt. Weiterhin werden Widrigkeiten be-
klagt, die einer als gelungen empfundenen Ernährungs-
praxis entgegenstehen. Die Umgangsweisen mit dem all-
täglichen Scheitern bei der Umsetzung eigener Ansprüche
sind sehr divers und reichen von Versuchen des ‚Wachrüt-
telns‘ anderer Konsument*innen über die Kompensation
durch außeralltägliche Events, in denen die Idealvorstel-
lungen einer guten Ernährung gelebt werden können, bis
hin zum fatalistischen Einfügen in den Zwang der Verhält-
nisse. Darüber hinaus wird in gegenhegemonialen Nar-
rativen die Kontingenz machtvoller Strukturen in Erinne-
rung gerufen, die immer auch auf Widerstand stoßen und
somit stets verhandel- und veränderbar bleiben.
Schlüsselwörter: Ernährung; Green Economy; Konsum;
Nachhaltigkeit; Produktivismus.
Abstract: Everyday food consumption practices and the
complementing forms of food production cause major
sustainability problems, but are nevertheless widely ac-
cepted. According to public sustainability discourses a
combination of “green growth” and responsible consum-
ers is supposed to be the best solution. This article focuses
on the individual appropriation of these discourses. Based
on which interpretive patterns, values and spatial relation-
ships do food identities, attributions of responsibilities
and daily practices get normalized and hence stabilized
or, on the contrary, politicized and challenged? Our analy-
sis of qualitative interviews with consumers reveals a com-
plex and ambivalent appropriation of public sustainabil-
ity discourses. On the one hand dominant patterns of the
public sustainability discourses are (re-)produced. On the
other hand the optimism regarding the transformative po-
tential of responsible consumers is rejected. Furthermore,
the interviewees complain about adverse circumstances
that are opposed to felicitous consumption practices. The
handling of daily shortcomings in meeting one’s own de-
mands is quite diverse. It ranges from attempts to stimu-
late other consumers to compensations by extraordinary
events (in which an ideal concept of “good food” can be im-
plemented) and fatalistic concessions to the constraining
dominant conditions. Moreover, counter-hegemonic nar-
ratives recall the contingency of powerful structures that
constantly encounter resistance and therefore always re-
main open for negotiations, transformations and change.
Keywords: consumption; food; green economy; productiv-
ity; sustainability.
*Korrespondierende Autoren: Timmo Krüger, Leibniz-Institut für
Raumbezogene Sozialforschung, Flakenstraße 29–31, 15537 Erkner,
Germany, e-mail: timmo.krueger@leibniz-irs.de
Anke Strüver, Institut für Geographie, Universität Hamburg,
Bundesstraße 55, 20146 Hamburg, Germany, e-mail:
anke.struever@uni-hamburg.de
Z. Wirtsch. 2018; 62(3–4): 217–232
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218 T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘
1  Einleitung
Nachhaltigkeit ist zu einem omnipräsenten Schlagwort
geworden. Alles und jede*r reklamiert für sich, nachhal-
tig zu sein. Gleichzeitig ist die Endlichkeit von Naturres-
sourcen bekannt, steigen die globalen Treibhausgasemis-
sionen, schreitet der Verlust der Biodiversität ungebremst
voran, nimmt die ökologische Krise ihren Lauf. Dennoch
bleiben die zentralen wirtschaftlichen, politischen und
sozialen Institutionen unserer Gesellschaft unangetastet.
Einer umfassenden Transformation stehen vermeintliche
Sachzwänge entgegen: erstens der Imperativ des Wirt-
schaftswachstums und zweitens die Normalisierung einer
imperialen Lebensweise. Der Begriff der imperialen Le-
bensweise bezieht sich auf den sogenannten westlichen
Lebensstil, der sich durch Wohlstand und ein hohes Kon-
sumniveau auszeichnet. Brand und Wissen (2017) charak-
terisieren den Lebensstil als imperial, weil er „über die
Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der
Naturverhältnisse andernorts ermöglicht wird: über den
im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsvermö-
gen, die natürlichen Ressourcen und die Senken […] im
globalen Maßstab“ (ebd., 43). Eine solche Lebensweise ist
nicht verallgemeinerbar, sondern beruht auf Exklusivität.
Auch wenn die Ober- und Mittelschichten in den Schwel-
lenländern diesen Lebensstil tendenziell übernehmen (so-
weit sie es sich finanziell leisten können) gilt weiterhin,
dass der Zugriff auf Arbeitskraft und Ressourcen entlang
unterschiedlicher Ungleichheitslinien geschieht: Klasse,
Geschlecht, rassierter Zuschreibungen, insbesondere ent-
lang neokolonialer Nord-Süd-Verhältnisse (vgl. ebd., 51;
Harvey 2006).
Das Konzept der imperialen Lebensweise eignet sich
für die Erforschung der individuellen Aneignung öffent-
licher Nachhaltigkeitsdiskurse, weil es weder allein auf
der Mikroebene der Alltagspraktiken noch allein auf der
Makroebene gesellschaftlicher Strukturen angesiedelt ist.
Es umfasst drei Dimensionen, die für eine Analyse (nicht-)
nachhaltiger Ernährungspraktiken im Globalen Norden
relevant sind (vgl. Brand/Wissen 2017, 44ff):
1) Für die Aufrechterhaltung der imperialen Lebenswei-
se werden insbesondere Natur- und Arbeitsressourcen
des Globalen Südens angeeignet. Auch die überpro-
portional beanspruchten Senken befinden sich über-
wiegend im Globalen Süden.
2) Sowohl die ökologischen und sozialen Voraussetzun-
gen der imperialen Lebensweise als auch ihre zerstö-
rerischen Konsequenzen andernorts bleiben beim
alltäglichen Konsum verborgen. Die Unbestimmtheit
des Ausdrucks ‚andernorts‘ spiegelt die Unsichtbar-
keit von Produktionsketten wider. Erst diese Unsicht-
barkeit ermöglicht die Selbstverständlichkeit der im-
perialen Lebensweise, die über alltägliche Routinen
reproduziert wird.
3) Die imperiale Lebensweise ist breit akzeptiert; sie ver-
spricht Wohlstand durch Fortschritt und Wirtschafts-
wachstum. Insofern korrespondieren in der imperia-
len Lebensweise bestimmte Wachstumsstrategien aus
Wirtschaft und Politik mit den Orientierungen und
Alltagspraktiken vieler Menschen.
Diese drei Dimensionen verweisen auf entscheidende Be-
harrungstendenzen, die einer grundlegenden Transforma-
tion entgegenstehen. Denn Transformationsbereitschaft
endet meist dort, wo auf der Angebotsseite die Profite lob-
bystarker Wirtschaftszweige zur Debatte stehen und auf
der Nachfrageseite die Änderung des Konsumverhaltens
über die Substitution von Produkten und Dienstleistun-
gen hinausgeht. Der implizite Konsens einer Green Eco-
nomy lautet: Die Maxime des Wirtschaftswachstums, die
sich durch ein hohes Konsumniveau auszeichnet, steht
nicht zur Disposition. Dabei sind Wirtschaftswachstum
und hoher Konsum systematisch an Ressourcenverbrauch
und Naturzerstörung gekoppelt. So kam es bislang nur
zu einer relativen Entkopplung des globalen Wirtschafts-
wachstums vom Ressourcenverbrauch und von Treibhaus-
gasemissionen (vgl. IPCC 2014, 6; Lorek 2016). Um nen-
nenswerte Erfolge im Sinne der Nachhaltigkeit erzielen zu
können, wäre allerdings eine sofortige und signifikante
absolute Entkopplung nötig.
Ausgehend von dieser Problemstellung sowie der Fest-
stellung einer „Ressourcenvergessenheit“ der deutsch-
sprachigen Wirtschafts- und Humangeographie (Schmitt/
Schulz 2016) nimmt unser Beitrag die Beziehungen zwi-
schen öffentlichen Nachhaltigkeitsdiskursen sowie indi-
viduellen Ernährungsidentitäten und -praktiken in den
Blick. Wir betonen damit die unlängst– bewusst– ausge-
lassene Perspektive auf Konsumpraktiken in Deutschland
als komplementäres Element zum Ressourcenverbrauch
im Globalen Süden (vgl. Schneider/Thomi 2016). Unsere
Leitfrage lautet, inwiefern dominante Nachhaltigkeitsdis-
kurse von Konsument*innen (re-)produziert oder verwor-
fen werden. Konkreter noch: vor dem Hintergrund welcher
Deutungsmuster, Werte und räumlichen Beziehungen
werden Ernährungsidentitäten, Verantwortungszuwei-
sungen und alltägliche Ernährungspraktiken naturalisiert
und aufrecht erhalten bzw. kritisiert und verändert?
Zur Beantwortung dieser Frage wird auf narrative In-
terviews zurückgegriffen, die aufgrund ihrer qualitativen
Ausrichtung auf Tiefgründigkeit, Vollständigkeit und Of-
fenheit für die Relevanzsetzungen der Interviewten präde-
stiniert sind für die Erfassung des impliziten und explizi-
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T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘ 219
ten Gebrauchs von Diskursen. Der Fokus auf die Prozesse
der individuellen Aneignung gesellschaftlicher Diskurse
ist sinnvoll, um sowohl die Normalisierung und Persistenz
der imperialen Lebensweise als auch ihre Politisierung
und die Entstehung neuer Praktiken adäquat beschreiben
zu können. Um die Bedeutung der empirischen Ergebnis-
se tatsächlich erfassen zu können, ist jedoch eine Einbet-
tung in den breiteren gesellschaftlichen Kontext wichtig.
Schließlich formieren sich Identitäten, Lebensstile und
Ernährungsgewohnheiten nicht im gesellschaftsfreien
Raum, sondern stellen soziale Aushandlungen innerhalb
bestimmter sozioökonomischer Strukturen dar. Zur Analy-
se und Einbettung dieser komplexen Aneignungsprozesse
stellen wir zunächst die zentralen Eckpfeiler der öffent-
lichen Nachhaltigkeitsdiskurse dar und beleuchten am
Beispiel des Klimaschutzplans 2050 aktuelle Herausforde-
rungen in den Auseinandersetzungen um eine nachhalti-
ge Ernährung (2). Um die in dem Zusammenhang wirken-
den Beharrungstendenzen besser einordnen zu können,
rekonstruieren wir in einem weiteren Abschnitt den Status
quo des produktivistischen Ernährungsregimes und dis-
kutieren aktuelle Debatten um dessen Neuausrichtung
im Sinne der Nachhaltigkeitsstrategien einer Green Eco-
nomy (3). In diesen Strategien liegen große Hoffnungen
auf den ‚verantwortungsbewussten‘ bzw. ‚kritischen‘
Konsument*innen. Diese Anrufung der Konsument*innen
spielt somit für unsere Frage nach der individuellen An-
eignung öffentlicher Diskurse eine zentrale Rolle. Des-
halb dekonstruieren wir in einem separaten Abschnitt
die Annahmen, die dieser Figur der Ernährer ihrer Selbst
zugrunde liegen (4). Dabei erarbeiten wir ein diskursthe-
oretisches Verständnis von relationaler Identität, das uns
die begrifflichen Werkzeuge an die Hand gibt, um das Ver-
hältnis von Diskurs und Subjekt differenziert erforschen
zu können. Der darauf aufbauende Schritt der Analyse un-
seres empirischen Materials zielt auf die Rekonstruktion
der Ernährungsidentitäten von Konsument*innen, ihrer
verinnerlichten Konzepte von guter bzw. nachhaltiger Er-
nährung sowie ihrer Naturalisierung oder Infragestellung
alltäglicher Ernährungspraktiken (5). In einem abschlie-
ßenden Fazit reflektieren wir die empirischen Einsichten
zur ambivalenten Form der Aneignung öffentlicher Nach-
haltigkeitsdiskurse.
2  Öffentliche Nachhaltigkeitsdis-
kurse und nachhaltige Ernährung
In den Debatten um nachhaltige Entwicklung, nachhalti-
ges Wachstum und Green Economy stellt der Brundtland-
Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung
(1987) bis heute einen wichtigen Referenzpunkt dar. Im
Zentrum des Berichts steht die Idee eines dauerhaften
menschlichen Fortschritts, der durch die ökologische
Krise in Gefahr gerate, aber durch Sustainable Develop-
ment bzw. durch eine nachhaltige Entwicklung aufrecht
erhalten werden könne (vgl. Dingler 2003). Nachhaltige
Entwicklung wird somit als rationale Intervention zur Sta-
bilisierung des Fortschritts gefasst, um die Befriedigung
menschlicher Bedürfnisse, sowohl der jetzigen als auch
der zukünftigen Generationen, zu sichern. Sustainable
Development steht in der Tradition der Entwicklungsthe-
orien der ersten Nachkriegsjahrzehnte, die auf die Uni-
versalisierung des ‚westlichen‘ Zivilisationsmodells der
Moderne zielen. Die Idee der Nachhaltigkeit basiert somit
auf dem klassischen Entwicklungsbegriff, der um eine
Nachhaltigkeitskomponente ergänzt wird. Diese Vorstel-
lung von nachhaltiger Entwicklung soll durch das konzep-
tionelle Dreieck, bestehend aus ökologischen, ökonomi-
schen und sozialen Kriterien, realisiert werden.
Das Kernanliegen des Nachhaltigkeitsdiskurses ist
dabei die Versöhnung von Umweltschutz und Wirtschafts-
wachstum. Der von den Umweltbewegungen artikulierte
Gegensatz zwischen Umweltschutz und Wirtschafts-
wachstum wird in sein Gegenteil verkehrt und Wirtschafts-
wachstum als Bedingung für effizienten Umweltschutz
sowie umgekehrt Umweltschutz als Wachstumsmotor be-
griffen. Diese Idee eines nachhaltigen Wachstums fungiert
seit den 1990er Jahren als Leitprinzip für innovative Poli-
tikformulierung im Umweltbereich– sowohl international
als auch auf der nationalstaatlichen bzw. regionalen Ebe-
ne vieler Länder des Globalen Nordens (vgl. Krüger 2015).
Die Klimapolitik spielt dabei eine hervorgehobene
Rolle und der anthropogene Klimawandel erfährt inner-
halb der aktuell drängenden sozial-ökologischen Heraus-
forderungen eine besonders große Aufmerksamkeit– so-
wohl in den verschiedenen Spezialdiskursen der Politik,
Wirtschaft und Wissenschaft als auch in der öffentlichen
Debatte insgesamt. Dementsprechend wird auch der Be-
reich der nachhaltigen Ernährung oftmals primär im Hin-
blick auf seine klimarelevanten Effekte diskutiert – in
Deutschland aktuell vor dem Hintergrund der Entwick-
lung eines Klimaschutzplans 2050, den die Bundesregie-
rung zur Erreichung der bei den UN-Klimaverhandlungen
2015 in Paris zugesagten Klimaschutzziele im November
2016 verabschiedete. Im Zuge dessen erarbeiteten die
wissenschaftlichen Beiräte des Bundesministeriums für
1Vgl. im Internet: www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/
Download_PDF/Klimaschutz/klimaschutzplan_2050_bf.pdf, letzter
Zugriff am 01.08.2017.
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220 T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘
Ernährung und Landwirtschaft ein Gutachten, in dem sie
zum einen die Dringlichkeit einer ambitionierten Klima-
politik deutlich machen, zum anderen aber auch das hohe
Einsparpotenzial im Bereich der Ernährung betonen (vgl.
Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik, Ernährung und
gesundheitlicher Verbraucherschutz und Wissenschaft-
licher Beirat Waldpolitik beim BMEL 2016). Dabei legen
sie Berechnungen aus dem Jahr 2006 zugrunde, denen
zufolge die Treibhausgasemissionen, die bei der Herstel-
lung, Vermarktung und Zubereitung der in Deutschland
verzehrten sowie weggeworfenen Lebensmittel anfallen,
etwa einem Viertel der gesamten Emissionen Deutsch-
lands entsprechen. Diese Emissionen ergeben sich in
erster Linie durch den hohen Stickstoffeinsatz bei der
Düngung sowie durch die Produktion und Konsumtion
tierischer Produkte. Angesichts der sich bereits jetzt ab-
zeichnenden verheerenden Auswirkungen des Klimawan-
dels– v.a. in den Ländern des Globalen Südens– ist eine
drastische Reduktion dieser Emissionen, insbesondere
aus einer globalen Gerechtigkeitsperspektive, dringend
geboten. Im Sinne einer umfassenden Transformation der
Ernährung gilt es darüber hinaus, den Ressourcenschutz
sowie die ebenfalls akuten weiteren sozial-ökologischen
Probleme (Schadstoffeinträge in Böden und Gewässern
durch den Einsatz von Pestiziden, Düngemitteln und Me-
dikamenten, hoher Wasserverbrauch, Zerstörung der Ar-
tenvielfalt, Bodendegradation, land grabbing usw.) in den
Blick zu nehmen.
Die Verhandlungen innerhalb der deutschen Bundes-
regierung haben allerdings dazu geführt, dass im Rah-
men des Klimaschutzplans für den Bereich der Ernährung
kaum verbindliche und nur wenig ambitionierte Ziele und
Maßnahmen formuliert werden. So wurde beispielsweise
die in einem Entwurf des Umweltministeriums noch ent-
haltene Zielsetzung einer mittel- bis langfristigen Senkung
der Nachfrage nach tierischen Produkten im Rahmen der
Ressortabstimmungen ersatzlos gestrichen (vgl. Fußnote
1). Die von den wissenschaftlichen Beiräten empfohlene
Abschaffung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für tie-
rische Produkte (vgl. Wissenschaftlicher Beirat Agrarpo-
litik, Ernährung und gesundheitlicher Verbraucherschutz
und Wissenschaftlicher Beirat Waldpolitik beim BMEL
2016, 99ff) wurde gar nicht erst in den Entwurf des Um-
weltministeriums aufgenommen (vgl. Fußnote 2). Dieser
Verlauf ist symptomatisch für den Bereich der Ernährung,
der besonders starke Beharrungstendenzen aufweist. Un-
ter anderem ist dies darauf zurückzuführen, dass es im
2Vgl. im Internet: images.klimaretter.info/filestore/1/7/7/2/0
_05a64be919580a6/17720_c8de73a39d29dbf.pdf?v=2016-06-
29+10%3A10%3A09, letzter Zugriff am 01.08.2017.
Kontext von Ernährung ganz alltägliche und allgemein ak-
zeptierte Produktions- und Konsumpraktiken sind, die zu
Nachhaltigkeitsproblemen führen. Dies betrifft sowohl die
ressourcenintensive ‚westliche‘ Ernährungsweise als auch
das produktivistische Paradigma in der Agrarwirtschaft.
3  Produktivistisches Paradigma in
der Kritik und Green Economy als
Alternative?
Der Siegeszug des landwirtschaftlichen Produktivismus
geht auf die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten
Weltkrieg zurück– und auch zu Beginn des 21.Jahrhun-
derts beziehen sich multinationale Agrar- und Chemie-
konzerne auf Produktivitätssteigerungen als Maxime,
um die konventionelle Landwirtschaft sowie Grüne Gen-
technik bzw. Climate Smart Agriculture zu legitimieren.
Gerade bei der Frage der Welternährung liegt der Fokus
nach wie vor auf Produktivitätsmaximierung (vgl. Tom-
linson 2013). Tendenziell wird die Sorge um soziale und
ökologische Nachhaltigkeit privatisiert, während die Po-
litik sich ihrer regulatorischen Funktion entzieht (vgl.
Guthman 2007) und die Verantwortungsübernahme von
Unternehmen auf Freiwilligkeit beruht (z.B. durch cor-
porate social responsibility). Implizit sind es somit primär
die Konsument*innen, denen es obliegt, durch verant-
wortliche Konsumentscheidungen zu sozial und ökolo-
gisch gerechter Nachhaltigkeit beizutragen. Kernanliegen
dieses neoliberalen Ernährungsregimes, das sich auf der
Ebene der Regierungspolitik durchgesetzt hat, ist die po-
litische Tabuisierung von regulatorischen Eingriffen in
Produktionsprozesse, Märkte und die Lebensweise priva-
ter Subjekte. Gleichwohl wurde seit den 1990er Jahren von
Wissenschaftler*innen, NGOs und zivilgesellschaftlichen
Initiativen verstärkt auf die ressourcenvernichtenden und
umweltzerstörenden Konsequenzen des produktivisti-
schen Paradigmas hingewiesen, die u.a. aus dem massi-
ven Einsatz von synthetischen Düngemitteln, Pestiziden
und Herbiziden, den Monokulturen und der stetig steigen-
den Produktion tierischer Produkte resultieren (vgl. Ilbe-
ry/Bowler 1998; Wilson 2002).
Die Auseinandersetzungen um die zukünftige Aus-
richtung des Ernährungsregimes stehen zunehmend im
Zeichen einer Hinterfragung des business-as-usual, in
dem die – wissenschaftlichen wie wirtschaftlichen und
politischen – Diskurse um eine sogenannte Green Eco-
nomy besonders wirkmächtig sind. Seit der globalen Fi-
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T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘ 221
nanz- und Nahrungsmittelkrise 2007/08, spätestens aber
mit der Rio+20-Konferenz der UN zur Nachhaltigen Ent-
wicklung (2012), wird das Konzept der Grünen Ökonomie
prominent eingefordert, in dem die Ökonomisierung des
Ökologischen bzw. die Quantifizierung und Monetarisie-
rung von natürlichen Ressourcen ein zentrales Element
darstellt (vgl. Fatheuer/Fuhr/Unmüßig 2015). Die ‚Grüne
Transition‘ soll weniger über veränderte Produktions- und
Konsummuster als über eine Steigerung der Ressourcenef-
fizienz und mit technologischen (nicht soziökonomischen)
Innovationen erreicht werden. Die derzeitigen Maßnah-
men zur Umsetzung grüner Wirtschaftsformen „disclose a
discursive strategy which strongly conjoins what is green
with strategies amenable to business, products and servi-
ces, and that aims to foster transitional strategies predica-
ted largely on growth and the incorporation of the green
economy into a further evolution of neoliberal capitalism
(Caprotti/Bailey 2014, 197). Fragen von Ressourcenschutz,
Verantwortung, Verteilungsgerechtigkeit und des Potenzi-
als von Postwachstums- bzw. Suffizienzstrategien bleiben
unberücksichtigt. So hat bspw. Tienhaara (2014) in ihrer
Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen von grü-
nem Kapitalismus kritisiert, dass die zentralen Ursachen
der Umwelt- wie auch der Finanzkrise ignoriert werden.
Nur dadurch kann Wachstum als Leitprinzip der Green
Economy unhinterfragt bleiben.
Aus kritischer Perspektive werden deshalb Bedenken
an der Green Economy artikuliert, inklusive (1) der Frage
nach den Wechselbeziehungen zwischen lokaler und glo-
baler Ebene sowie (2) der Kritik an der im Konzept ent-
haltenen Wachstumsfixierung. Letztere bezieht sich v.a.
auf die Fortsetzung neoliberaler Wachstumslogiken, bei
gleichzeitigem Anspruch auf eine ökologisch-nachhaltige
Entwicklung. D.h. Grüne Ökonomie dient als kapitalisti-
scher Investitionsanreiz, nicht als Postwachstumsstra-
tegie (vgl. Bina 2013; Kallis 2011). Dazu passt auch die
Beobachtung von Schulz (2012, 265), dass „es besonders
auffällig [ist], dass die meisten der zeitgenössischen
Konzepte und Modelle der Wirtschaftsgeographie dem
traditionellen Wachstumsparadigma verhaftet bleiben“.
Gleichwohl wird auch die Notwendigkeit zu Systemver-
änderungen diskutiert bzw. eine grundsätzliche, da para-
digmatische Debatte zu Postwachstums-Konzepten ange-
mahnt, die bislang aber auf wenig Resonanz gestoßen ist
(vgl. Schulz/Bailey 2014; Schmitt/Schulz 2016).
Mit Bezug auf die ökologischen wie sozialen Gren-
zen von Wachstum verweist Muraca (2015) auf eine Post-
3Drastische Preissteigerungen von Nahrungsmitteln führten in vie-
len Ländern– insbesondere in Asien und im subsaharischen Afrika
zu Hunger und Konflikten.
wachstumsstrategie, die auf eine radikale Transformation
gesellschaftlicher Institutionen und einen Wandel alltäg-
licher Praktiken abzielt. Sie bezieht sich dabei u.a. auf
den Degrowth-Theoretiker Latouche (2015), der auf die
mit Wachstum einhergehenden Verteilungsungerechtig-
keiten hingewiesen und erläutert hat, inwiefern steigen-
der Konsum ab einem bestimmten Niveau weniger zu stei-
gender Lebensqualität der Einzelnen als zu wachsenden
Kompensationskosten führt. Eine Alternative sieht er im
Aufbau solidarischer Postwachstumsgesellschaften, die
auf den Prinzipien des Konvivialismus basieren. Zudem
plädiert er für Re-Lokalisierungs- und Kosteninternali-
sierungsstrategien. Insbesondere erstere zielen auf eine
Verringerung des ökologischen Fußabdrucks sowie eine
faire Umsetzung dieser Verringerung– im Globalen Nor-
den z.B. durch den Konsum regional produzierter Lebens-
mittel. Dafür lassen sich inzwischen zahlreiche Praxis-
beispiele finden– wie z.B. Allmendegärten, Solidarische
Landwirtschaft oder Foodsharing-Kooperationen –, die
nicht nur ganz konkret qualitativ hochwertige, biologisch-
organische, lokal und gerecht produzierte Nahrungsmittel
bereitstellen, sondern gleichermaßen intervenierende so-
ziökonomische und politische Ziele verfolgen (vgl. die Bei-
träge von Kropp/Müller und Rosol in dieser Ausgabe). Die-
se Initiativen fordern sozioökonomische und ökologische
Gerechtigkeit ein, zeigen prinzipielle Alternativen zum
produktivistischen Paradigma der Nahrungsmittelindus-
trie auf und stellen die strikte Trennung von Produktion
und Konsum in Frage. Damit entwerfen sie theoretische
wie auch praktische Ansätze für verantwortungsvolle Er-
nährung.
4  Subjekte als Ernährer ihrer Selbst
Aufgrund der weltweiten Wirtschaftsverflechtungen stel-
len „jedes Lebensmittel und jeder Essakt komplexe Bezie-
hungen unter unzähligen Menschen und nicht-menschli-
chen Lebewesen und Realitäten her“ (Lemke 2012, 18), so
dass selbst „die unpolitischste Person“ (ebd.) beim Essen
politisch und räumlich agiert. Gemeint sind damit die re-
ziproken Beeinflussungen zwischen vermeintlich lokalen
und privaten Konsumakten auf der einen Seite sowie wirt-
schaftlichen und politischen Globalisierungsprozessen
auf der anderen (vgl. Massey 2004). In diesem co-kons-
4Kallis (2011) und Martinez-Alier et al. (2010) verstehen Sustainable
Degrowth als radikales gesellschaftspolitisches Projekt mit dem Ziel
einer sozial gerechten Nachhaltigkeit bei gleichzeitig sinkendem Res-
sourcenverbrauch. Als Beispiel dafür nennen beide, wie auch Schulz
(2012), regional und nachhaltig produzierte Nahrungsmittel.
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222 T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘
titutiven Verhältnis sind lokale Orte und Akteur*innen
Voraussetzung wie Effekt von Globalisierung. Ernährung
beinhaltet zwangsläufig vielfältige Verflechtungen, die
von der lokalsten Ebene des eigenen Körpers über die na-
tionale bis hin zur globalen reichen. Zu diesen Verflech-
tungen gehört auch der eingangs angesprochene räumlich
ungleich verteilte Ressourcenverbrauch der imperialen
Lebensweise. In Anlehnung an Masseys ‚Geographien
der Verantwortung‘, die auf einem Global Sense of Place
basieren und damit Nord-Süd-Ungleichheiten kritisieren,
gilt es, beim Essen Verantwortung nicht nur für die lokale
Ebene (den eigenen Körper, die regionalen Natur- und Ar-
beitsressourcen) zu übernehmen, sondern weit über den
Tellerrand hinaus zu schauen.
Wenn wir darüber hinaus mit Foucault das Subjekt
als eine Instanz begreifen, dessen Selbstverstehen weder
allein im privaten Inneren angelegt noch ausschließlich
Produkt gesellschaftlicher Diskurse ist, gilt es die in do-
minanten Diskursen (re-)produzierten Identitätsangebo-
te (Subjektpositionen) zu analysieren, die von Subjekten
verworfen oder aktiv eingenommen und damit (re-)pro-
duziert werden. Diese Subjektpositionen sind– wie auch
Diskurse– weder total noch vollkommen stabil, sondern
prozessual, vieldeutig, fragmentiert und widersprüchlich.
Jenseits der Annahmen eines souveränen oder Struktur-
bzw. Diskurs-determinierten Subjekts ergibt sich gerade
aus dieser Unentschiedenheit sozialer Identitäten eine
spezifische „Form der Handlungs- und Widerstandsfähig-
keit“ (Strüver/Wucherpfennig 2009, 118), die als Ergebnis
des Zusammenwirkens von Disziplinar- und Selbsttech-
nologien verstanden werden muss (vgl. Foucault 1977).
Während erstere das verkörperte Subjekt entlang gesell-
schaftlicher Normen disziplinieren, verweisen letztere auf
Praktiken „mit denen Menschen nicht nur die Regeln ihres
Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformie-
ren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und
aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen“ (Foucault
1986, 18). Diese Praktiken sind nicht unabhängig von ge-
sellschaftlichen Machtverhältnissen, setzen jedoch der
Fremdbeherrschung die Selbstermächtigung entgegen.
Diesbezüglich spricht Foucault (2014) auch von „Regie-
rung“ im Sinne von Führung (conduite) auf der einen
Seite und von Gegen-Verhalten (contre-conduite) auf der
anderen Seite (vgl. den Beitrag von Linnemann in dieser
Ausgabe sowie Rosol 2014).
Im diesem Spannungsfeld beobachtet Foucault
(2004), ausgehend von der Krise des Wohlfahrtsstaa-
tes, eine Verschiebung der Regierungstechnologien von
staatlicher Regulierung zum Selbstmanagement. Durch
eine zunehmende Internalisierung der Kontrolle wird
das Subjekt zum zentralen Scharnier gouvernementalen
Regierens, das sich durch Technologien des Regiertwer-
dens und des Selbst-Regierens auszeichnet. Die darauf
abzielenden Überlegungen zum Subjekt im Neoliberalis-
mus als „Unternehmer seiner selbst“ (ebd., 288) können
auf die aktuellen Debatten um die verantwortungsbe-
wussten Konsument*innen übertragen werden, die als Er-
nährer ihrer Selbst ein nachhaltigeres Ernährungsregime
einfordern und ermöglichen sollen. So dominiert in den
öffentlichen Nachhaltigkeitsdiskursen unter dem Schlag-
wort der ‚verantwortungsbewussten‘ bzw. ‚kritischen‘
Konsument*innen eine Subjektposition, die bewusst und
autonom entscheidet. Diese Annahme basiert auf weit
verbreiteten Vorstellungen über Gesellschaft und sozialen
Wandel.
„The idea that new social arrangements result from an accumu-
lation of millions of individual decisions about how best to act is
enormously influential in everyday discourse, in contemporary
policy-making and in certain areas of social science.“ (Shove
etal. 2012, 2)
Im Zentrum der von Shove et al. kritisierten Alltags- und
Wissenschaftstheorien, denen ein methodologischer In-
dividualismus zugrunde liegt, steht ein Subjekt, das auf
Basis von bestimmten Einstellungen und Überzeugun-
gen individuelle Entscheidungen fällt, aus denen sich
das konkrete Handeln ergibt. Die Struktur der sozialen
Ordnung wiederum wird mit dem Zusammenspiel dieser
Einzelhandlungen erklärt. Daraus werden in den öffent-
lichen Nachhaltigkeitsdiskursen zwei umweltpolitische
Strategien abgeleitet, die sich auch in den von uns ge-
führten Interviews wiederfinden: Erstens der Versuch,
mit Hilfe von Aufklärung auf die Überzeugungen der han-
delnden Akteur*innen einzuwirken. Zweitens sollen im
Hinblick auf die unterstellte Kosten-Nutzen-Abwägung
der Konsument*innen positive Anreize gestärkt und nega-
tive Anreize geschwächt werden. Diese Strategien und die
dahinter stehenden Theorien gehen zwar durchaus davon
aus, dass das Individuum durch gesellschaftliche Diskur-
se geprägt ist. Der Fokus der Analyse und der Ansatzpunkt
für Veränderungen bleibt aber die Beeinflussung der be-
wussten Entscheidung des Individuums. Erst vor dem
Hintergrund dieser Annahme ist die vielfach geäußerte
‚Kluft‘ zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln
(auch als attitude-behaviour gap bezeichnet) ein überra-
schendes Ergebnis. Im weiteren Verlauf des Artikels zei-
gen wir am empirischen Material, inwiefern diese ‚Kluft‘
alles andere als überraschend ist (vgl. auch Brunner et
al. 2007). Bereits auf theoretischer Ebene gibt es viele
Gründe, warum die Erfolgsaussichten einer Anrufung der
Konsument*innen als Ernährer ihrer Selbst eher gering
einzuschätzen sind. Wie wir in der Einleitung konstatiert
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T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘ 223
haben, sind Ernährungspraktiken „eng mit der Identität
von Menschen verbunden und in soziale Zusammenhänge
eingebettet, weshalb eine Änderung sehr voraussetzungs-
voll ist“ (ebd., 215). Brunner et al. beziehen sich in dem
Zusammenhang– wie Shove et al.– auf einen Kontextua-
lisierungs- und Praxisansatz, um zu argumentieren, dass
die alltäglichen Praktiken als Teil eines Ernährungssys-
tems und dessen gesellschaftlicher Eingebettetheit be-
trachtet werden müssen (siehe auch Carolan 2011; Warde
2014; Evans et al. 2017).
Für unsere empirische Arbeit folgt daraus die Notwen-
digkeit, in den Interviews längere selbstläufige Passagen
zu evozieren, in denen Raum ist für Beschreibungen von
Tagesabläufen, Erzählungen über bestimmte Erlebnisse
und Lebensphasen sowie Reflexionen über die Möglich-
keiten und Grenzen der Umsetzung eigener Vorstellungen
über gute Ernährung. Erst mit einem solch reichen Inter-
viewmaterial können wir der Frage nachgehen, welche
Relevanz die Subjektposition der Ernährer ihrer Selbst für
die Praktiken von Konsument*innen tatsächlich spielt.
5  Empirische Ergebnisse: Ernäh-
rungsidentitäten und alltägliche
Ernährungspraktiken
Im Folgenden präsentieren wir Ergebnisse aus dem lau-
fenden Forschungsprojekt „Relationale Geographien
der Ernährung im Spannungsfeld zwischen Privatsache
und Politikum“. Im Mittelpunkt des Projekts stehen der
moralische Imperativ des gerechten Lebens und gesun-
der Ernährung einerseits und die neoliberalisierte Wirt-
schaftspolitik eines globalen Nachhaltigkeitsdiskurses
andererseits. Gefragt wird dabei nach der Bedeutung und
Wirkung von (impliziten) sozialen und ökologischen Wer-
ten und Normen der Nachhaltigkeitspolitik für individua-
lisierte Ernährungspraktiken sowie nach den Selbstsorge-
praktiken des Essens und daran gebundener räumlicher
Beziehungen und Verantwortungsdiskurse. Die empi-
rische Basis für die hier aus dem Projekt entnommenen
Teilfragestellungen bilden offene Leitfadeninterviews mit
Konsument*innen, die vor verschiedenen Geschäften des
Lebensmittel-Einzelhandels (Bio- und reguläre Super-
märkte, Discounter) sowie Fast Food-Filialen in Hamburg
5Das Projekt wird in der Arbeitsgruppe „Sozialgeographie“ am Ins-
titut für Geographie der Universität Hamburg bearbeitet und von der
Fritz Thyssen Stiftung finanziell gefördert.
und Berlin angesprochen wurden. In den Interviews
wurden mithilfe narrativer Erzählstimuli sowie daran
anschließende immanente und exmanente Nachfragen
selbstläufige Erzählpassagen generiert (vgl. Przyborski/
Wohlrab-Sahr 2014, 126ff). Zwei der exmanenten Fragen
an unsere Interviewpartner*innen lauteten beispielswei-
se, was sie unter ‚guter‘ und unter ‚nachhaltiger‘ Ernäh-
rung verstehen. Weiterhin fragten wir, was es bedeuten
könnte, im Bereich der Ernährung ‚Verantwortung zu
übernehmen‘ und wie der Weg zu einer ‚guten‘ bzw. ‚nach-
haltigen‘ Ernährung aussehen könnte.
Bei der Interviewauswertung orientierten wir uns an
Schäfer und Völter (2005), die das Verhältnis von Diskurs-
forschung und Biographieforschung ausloten. In ihrem
Ansatz arbeiten sie die Aneignung und (Re-)Produktion
von Diskursen– die auch in unserer Analyse im Zentrum
steht – als essenziellen Untersuchungsgegenstand her-
aus:
„In dem Maße, wie in die Konzeption der rekonstruktiven Bio-
graphieanalyse Elemente der Diskursanalyse eingebaut werden,
lässt sich aufweisen, welche Bedeutung Diskurse sowohl für
die Handlungsorientierung innerhalb von Lebensgeschichten
als auch bei der Produktion biographischer Selbstpräsentatio-
nen besitzen. Und umgekehrt könnte man an vielen konkreten
Beispielen zeigen, welche Bedeutung sozialen Akteuren bei der
Produktion, Reproduktion und Neuproduktion von (herrschen-
den) Diskursen zukommen kann.“ (ebd., 181)
In die Analyse gehen 13 der bislang geführten Interviews
ein. Dabei fokussieren wir auf sieben Fälle, um einerseits
der explorativen Komplexität der Empirie gerecht werden
6Die Interviewpartner*innen wurden an sehr diversen Orten rek-
rutiert. Die Supermärkte bzw. Fast Food-Filialen (von Alnatura und
Bio-Company über Edeka und REWE bis hin zu McDonalds), deren
Konsument*innen angesprochen wurden, befinden sich sowohl in
ärmeren als auch in gehobeneren Wohnvierteln sowie in Szenestadt-
teilen. Bei der konkreten Ansprache von Personen wurde auf ein
ausgewogenes Geschlechterverhältnis sowie auf eine große Band-
breite bzgl. des Alters geachtet. Die Interviews wurden direkt vor Ort
geführt (in der zum Supermarkt gehörenden Bäckerei bzw. in der
McDonalds-Filiale oder einem nahe gelegenen Café) und mit einem
Diktiergerät aufgezeichnet. Anschließend wurden die Interviews
transkribiert und ausgewertet. Annika Hein hat uns bei der Durch-
führung und Aufbereitung der Interviews unterstützt.
7Wir legen keine eigene Definition von ‚gut‘ oder ‚nachhaltig‘ zu-
grunde, sondern rekonstruieren, auf welche Art und Weise in den In-
terviews Diskurse um eine ‚gute‘ bzw. ‚nachhaltige‘ Ernährung (re-)
produziert werden. Manchen Interviewpartner*innen war der Begriff
der ‚nachhaltigen Ernährung‘ fremd, so dass sie sich nur zu Vorstel-
lungen ‚guter‘ Ernährung äußerten. Andere Interviewpartner*innen
wiederum griffen den Terminus bereitwillig auf oder hatten ihn be-
reits zu einem früheren Zeitpunkt des Interviews von sich aus ins
Spiel gebracht.
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224 T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘
und andererseits die Ergebnisse in einer nachvollzieh-
baren Form präsentieren zu können. Tabelle 1 gibt einen
Überblick über diejenigen Interviews, auf deren Analyse
wir uns in diesem Aufsatz primär beziehen.
Unser Sample weist hinsichtlich der sozialstrukturel-
len Kriterien Alter, Bildung, Einkommen, Geschlecht und
Haushaltstyp eine hohe Varianz auf. In Bezug auf andere
Aspekte, die ebenfalls einen großen Einfluss auf die all-
täglichen Ernährungspraktiken haben können, ist unser
Sample dagegen eingeschränkter. Bislang wurden nur
Menschen interviewt, die in Großstädten wohnen. Unser
Sample umfasst bislang keine Menschen mit Migrations-
hintergrund. Außerdem leben– bis auf eine Ausnahme
(Af) – unsere Interviewpartner*innen nicht mit Kindern
zusammen. Diese ‚Lücken‘ im Sample wurden im weite-
ren Verlauf des Projekts noch gefüllt, da sich innerhalb
des zunächst bewusst eingeschränkten Untersuchungs-
feldes eine gewisse Sättigung eingestellt hatte– d.h. da
die innerhalb des bisherigen Samples herausgearbeiteten
Muster des Gebrauchs von Diskursen erschöpfend erfasst
wurden. Unsere intensive qualitative Auswertung der In-
terviews zielt demnach nicht auf Repräsentativität. Statt-
dessen gilt es, aus den Fallstudien komplexe Zusammen-
hänge – zwischen bestimmten Ernährungsidentitäten,
Tabelle 1: Die Interviewpartner*innen.
Kürzel1Alter Beruf Ort der Rekrutie-
rung
Kernaussage
Af  Gärtnerin und
Heilerin
Alnatura (Hamburg,
Sternschanze,
Szenestadtteil)
Af fordert ein stärkeres Bewusstsein für unsere Verbundenheit mit
der Natur: „Ich glaube schon es gibt einen Zusammenhang, die
kaputte Erde und unsere Körper, wie kaputt sie sind.“
Bf  Studentin Rewe (Hamburg,
Eimsbüttel,
Szenestadtteil)
Ernährung spielt für Bf zwar theoretisch eine große Rolle, wird
im Alltag aber den Anforderungen von Job, Studium und Freizeit
untergeordnet. Deshalb versucht Bf in außeralltäglichen Events
ihre Ideale umzusetzen: „Ich hätte Lust auf einen Wellness-Fitness-
Urlaub wo man dann nur darauf achtet, dass man sich gesund
ernährt und Sport macht.“
Cm  Informatiker Bio-Company
(Hamburg, Sankt
Georg, Szenestadt-
teil)
Cm fordert seine Mitmenschen auf, über die Produktionsbedingun-
gen von Ernährung nachzudenken, um verantwortungsbewusst zu
konsumieren: „Ich will so ein bisschen wachrütteln. Also ich will
eigentlich, dass die Leute selber denken und nicht so unbewusst
leben.“
Em  Rentner, ehemaliger
Schiffsmakler
Rewe (Hamburg,
Hohenfelde,
Wohngebiet)
Em beklagt, dass die Qualität der angebotenen Produkte immer
schlechter, die Werbung aber gleichzeitig immer gewitzter werde:
„Man ist völlig überfordert und alle wollen irgendwas verkaufen was
da gar nicht drin ist und einen für dumm verkaufen.“
Fm  Lehrer Alnatura (Hamburg,
Ottensen, Szene-
stadtteil)
Fm wünscht sich positive Konsum-Erlebnisse, ist aber von den
aktuellen Rahmenbedingungen frustriert: „Ich find Einkaufen total
schwer, wenn man sich damit beschäftigt. Man kriegt nicht die
Informationen, die man haben will und dann führt das dazu, dass
ich gar nichts kaufe.“
Im  Taxifahrer
(Gelegenheits arbeit)
McDonalds (Berlin,
Reinickendorf,
Wohngebiet)
Für Im steht außer Frage, dass die Profitorientierung die dominante
Logik unserer Gesellschaft darstelle. Auch das Angebot vermeintlich
nachhaltigerer Produkte sei nur eine Konzernstrategie zur Profitstei-
gerung: „Es geht nur ums Geld. Es geht nicht um Nachhaltigkeit, das
ist nur eine Verkaufsmasche.“
Jf  Vorruheständlerin
(ehemals Techni-
sche Zeichnerin)
REWE (Hamburg,
Barmbek-Süd,
Wohngebiet)
Jf ist der Meinung, dass die Massentierhaltung aus dem Ruder
gelaufen sei. Nun gelte es, zu „geordneten Verhältnissen“ zurück-
zukehren: „Früher ging das ja auch auf ganz normalem Wege, dass
man Milch den Kühen abgenommen hat. Der Bauer hat sich drum
gekümmert. Und die Eier hat man dann beim Schlachter mit geholt.“
1 Um die Anonymität unserer Interviewpartner*innen zu wahren, verwenden wir Kürzel statt Namen. Der erste Buchstabe wird alphabetisch
zugewiesen (in der Reihenfolge, in der die Interviews geführt wurden). Der zweite Buchstabe zeigt das Geschlecht an, „f“ steht für „feminin“
und „m“ für „maskulin“.
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T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘ 225
Ernährungspraktiken und der (Re-)Produktion bestimm-
ter Nachhaltigkeitsdiskurse– abzuleiten. Im Sinne eines
theoretischen Samplings (vgl. Strübing 2002) sollen inner-
halb eines begrenzten Untersuchungsfeldes die relevan-
ten Muster des impliziten und expliziten Gebrauchs von
Diskursen herausgearbeitet werden.
Dazu analysieren wir die Interviews in Anlehnung
an Jackson, Ward und Russell (2009), die in ihrer Studie
die analytischen Kategorien Visibility-Invisibility sowie
Connecting-Disconnecting entwickeln, um moralische
Ökonomien und Geographien der Verantwortung im Be-
reich der Ernährung erfassen zu können. Anhand der
beiden Begriffspaare arbeiten wir in Abschnitt 5.1 heraus,
welche relationalen Bezüge sichtbar bzw. unsichtbar ge-
macht werden und für welche Phänomene auf welchen
sozialräumlichen Ebenen einer ‚guten‘ Ernährung Verant-
wortung selbst übernommen oder anderen Akteur*innen
zugewiesen wird. Darüber hinaus diskutieren wir, inwie-
weit die in öffentlichen Diskursen dominante Subjektpo-
sition der Ernährer ihrer Selbst in unseren Interviews (re-)
produziert (5.2), in seiner Geltung implizit eingeschränkt
(5.3) oder explizit verworfen (5.4) wird. Abschließend re-
konstruieren wir die Elemente einer gegenhegemonialen
Subjektposition, die in einem unserer Interviews (re-)pro-
duziert wird (5.5).
5.1  (Re-)Konstruktion einer ‚guten‘ bzw.
‚nachhaltigen‘ Ernährung und die
Zuweisung von Verantwortung
Die (Un-)Sichtbarkeit bestimmter Rahmenbedingungen,
Handlungen und Konsequenzen (Visibility-Invisibility)
wird in alltäglichen Praktiken hergestellt – unabhän-
gig davon, ob die agierenden Akteur*innen dabei eine
bewusste Intention verfolgen oder nicht. Im Folgenden
rekonstruieren wir, wie umfassend und mit welcher
Schwerpunktsetzung in den Interviews bestimmte P-
nomene als Elemente einer guten bzw. nachhaltigen
Ernährung sichtbar oder unsichtbar gemacht werden
sowie welche Verantwortungsbeziehungen hergestellt
werden bzw. umgekehrt von welchen Phänomenen sich
die Interviewpartner*innen abkoppeln. Auch in Bezug auf
diese zweite Dimension (Connecting-Disconnecting) muss
es sich nicht um intentionale und explizit artikulierte Akte
der Verbindung bzw. Abkopplung handeln. Tatsächlich
liegt ein Mehrwert der qualitativen Analyse selbstläufiger
Interviewpassagen gerade in der Möglichkeit, implizite
Annahmen herauszuarbeiten.
Eine dieser grundlegenden Annahmen betrifft die
individuelle Verantwortung jedes Einzelnen, durch be-
wussten Konsum von bspw. Regionalprodukten zu ei-
ner nachhaltigen Ernährung beizutragen. In allen Inter-
views werden mehr oder weniger große Spielräume der
Konsument*innen postuliert, die über konkrete Kaufent-
scheidungen wahrgenommen werden sollen. Diese Sicht-
barmachung individuell zurechenbarer Konsumpraktiken
fällt umso stärker ins Gewicht, als andere Verantwor-
tungszuschreibungen nahezu ausbleiben. So werden
bestimmte Unternehmenspraktiken zwar durchaus kriti-
siert, allerdings werden diesbezüglich keine Verantwort-
lichkeiten in Richtung einer nachhaltigeren Ernährung
abgeleitet (mit der Ausnahme von Jf, die auf Nachfrage
ein „Umdenken von den Herstellern“ fordert). Unerwähnt
bleibt auch die Strategie, Unternehmen auf strengere
Standards zu verpflichten. Überhaupt ist der institutio-
nalisierte Politikbetrieb das Abwesende, das Unsichtbare
des Diskurses. Staatliche Kontrolle oder gesetzliche Vor-
gaben werden in den Interviews weder eingefordert noch
verworfen. Nur auf explizite Nachfragen äußern sich un-
sere Interviewpartner*innen überhaupt zu dem Thema–
und äußern dann prinzipielle Skepsis gegenüber stärke-
ren staatlichen Eingriffen.
Auch wenn es eine weitgehende Übereinstimmung
hinsichtlich der großen Relevanz der individuellen Ver-
antwortung der Konsument*innen gibt, lassen sich zwi-
schen den Interviews große Unterschiede feststellen, wor-
auf diese Verantwortung konkret bezogen wird. Für einige
Interviewpartner*innen (Bf, Em, in abgeschwächter Form
auch Fm, Im, Jf) ist es naheliegend, unter Verantwortung
primär die Verantwortung für den eigenen Körper zu ver-
stehen. In diesen Artikulationen wird eine ‚gute‘ Ernäh-
rung mit ‚gesunder‘ Ernährung gleichgesetzt – und ‚ge-
sund‘ ist eine, die hilft, schlank zu bleiben oder zu werden.
Die Priorisierung der Sorge um den eigenen Körper
geht in der Regel mit einer impliziten– nicht unbedingt
reflektierten oder gar intendierten– Abkopplung von Ver-
antwortlichkeiten für entferntere Regionen einher. Hier
zeigt sich die Selbstverständlichkeit der imperialen Le-
bensweise. Allerdings lassen sich auch Unterschiede fest-
stellen, was unsere Interviewpartner*innen als sie direkt
betreffende– und damit ihre Sorge um sich selbst beinhal-
tende– Phänomene auffassen. So betont beispielsweise
Fm, dass es seinen Einkaufsgenuss schmälert, wenn die
ihn bedienenden Angestellten gestresst sind und/oder
schlecht bezahlt werden. Für Cm dagegen stellt die Orien-
tierung am gleichen Kaufkriterium eine moralische Ver-
pflichtung dar. Als Ergänzung der Sorge um den eigenen
Körper postuliert Cm die Verantwortung jedes Einzelnen,
beim Konsum auf faire Produktionsbedingungen und Ver-
kaufsstrukturen zu achten.
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226 T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘
„Als Konsument hat man auch Verantwortung gegenüber der
Umwelt und den Verkäufern oder Verkaufsstrukturen. […] Ich
glaube auch, dass Bio-Lebensmittel größtenteils vielleicht gar
nicht so viel besser für mich sind, aber unter vernünftigeren Pro-
duktionsbedingungen entstanden sind.“ (Cm)
Cm gehört damit neben Af zu den Interviewpartner*innen,
die den Konsument*innen sehr explizit eine Verantwor-
tung über den sozialen Nahraum hinaus zuschreiben. In
beiden Interviews werden die Produktionsbedingungen
als Entscheidungskriterien für oder gegen den Kauf von
Lebensmitteln in den Mittelpunkt gerückt.
5.2  Alltagspraktiken und die (Re-)Produk-
tion der Subjektposition der Ernährer
ihrer Selbst
Wie bereits im letzten Abschnitt angedeutet, sprechen die
meisten unserer Interviewpartner*innen den Menschen
prinzipiell die Fähigkeit und die Pflicht zu, ihr Bewusstsein
bilden und nachhaltigere Konsum-Entscheidungen fällen
zu können. In den Interviews wird ein Bewusstwerdungs-
prozess beschrieben, der zwar durch eine aktivierende
Unterstützung (z.B. durch die Bereitstellung von Informa-
tionen auf Produkten) gefördert werden könne, letztlich
aber von den Subjekten selbst ausgehe, die sich nur ernst-
haft für eine nachhaltige Ernährungspraxis entscheiden
müssten. In den Interviews wird also das Ideal der Ernäh-
rer ihrer Selbst, d.h. der kritischen Konsument*innen (re-)
produziert, die auf Basis rationaler Erwägungen mit ihrem
verantwortungsbewussten Konsum ein nachhaltigeres Er-
nährungsregime einfordern und ermöglichen.
Allerdings konstatieren unsere Interviewpartner*
innen, dass ihre eigenen Konsumpraktiken immer wieder
mit ihren Prinzipien und Idealvorstellungen kollidieren.
Dass die Umsetzung eigener Ansprüche in adäquate All-
tagspraktiken nicht immer gelingt, führen sie auf externe
Rahmenbedingungen zurück, denen sie sich ausgeliefert
fühlen. Sie verweisen unter anderem auf das schlech-
te oder manipulative Produktangebot der Supermärkte
(Em, Fm, Im, Jf), das eingeschränkte Restaurantangebot
zu bestimmten Uhrzeiten (Bf), die Komplexität der zu
beachtenden Einkaufskriterien (Fm) und den Mangel an
Alternativen (Fm, Im). In dem Zusammenhang geht Fm
sehr ausführlich auf bestimmte Nischenlösungen ein (Ge-
nossenschaftsläden, Gemüsekisten vom lokalen Bauern
8Dabei implizieren sie Kosten-Nutzen-Abwägungen, auf die sich
auch die in Abschnitt 4 als zweite angeführte umweltpolitische Stra-
tegie bezieht.
usw.), die er zwar grundsätzlich als positive Alternativen
zur profitorientierten, globalisierten Lebensmittelindust-
rie verstehe, aber nicht regelmäßig nutze. Er habe viel aus-
probiert, aber letztlich hätten alle Alternativen ähnliche
Schwachpunkte: sie seien nicht kundenfreundlich, könn-
ten nicht flexibel genug auf die individuellen Bedürfnisse
angepasst werden, seien insgesamt zu aufwändig und zu
teuer.
Ungeachtet der genannten Widrigkeiten bei der alltägli-
chen Umsetzung, nehmen unsere Interviewpartner*innen
prinzipiell für sich in Anspruch, dem Ideal der bewusst
entscheidenden Ernährer ihrer Selbst zu entsprechen (mit
der Ausnahme von Im, der allerdings auch nicht die An-
nahme von der Gestaltungsmacht der Konsument*innen
teilt). Welche konkreten Handlungen dabei als Elemente
des eigenen bewussten Konsums artikuliert werden ist
teilweise sehr unterschiedlich und steht im engen Zusam-
menhang mit den jeweiligen Vorstellungen einer ‚guten
bzw. ‚nachhaltigen‘ Ernährung.
Auf einer sehr basalen Ebene haben allerdings alle In-
terviews gemein, dass in ihnen die Vermeidung bestimm-
ter Zutaten oder Gerichte (z.B. Zucker, Fett, Fertigproduk-
te) bzw. umgekehrt die Bevorzugung bestimmter Zutaten
oder Gerichte (z.B. Gemüse und Obst, selbst zubereitetes
Essen) als zentrales Element einer als gelungen empfun-
denen Ernährungspraxis gilt. Dabei herrscht relativ große
Einigkeit über die zu bevorzugenden und die zu vermei-
denden Produkte. Zudem wird gesund in der Regel mit
schlank und sportlich gleichgesetzt.
Die bisher genannten Praktiken zielen auf die Er-
haltung der eigenen Gesundheit bzw. eines bestimm-
ten Körperideals. Tatsächlich wird von einem Teil der
Interviewpartner*innen (Bf, Em, in abgeschwächter Form
auch Fm, Jf) der Anspruch einer bewussten Ernährungs-
weise primär mit der Sorge um den eigenen Körper in
Verbindung gebracht. Relativ häufig wird darüber hinaus
noch die Vermeidung von Müll als selbstverständliche
Verantwortung jedes einzelnen artikuliert (Af, Bf, Cm, Im,
Jf). Die Müllvermeidung scheint ein Anliegen zu sein, das
quer durch verschiedene Ernährungsidentitäten eine Rol-
le spielt.
Davon lässt sich eine Kritik an bestimmten Produk-
tionsbedingungen und/oder Verkaufsstrukturen unter-
scheiden, die nur von den Interviewpartner*innen (Af, Cm,
mit geringerer Konsequenz auch Fm, Jf) geäußert wird, für
die das Ideal des bewussten Konsums ganz explizit eine
Verantwortung über den sozialen Nahraum hinaus bein-
haltet. Aus dieser Kritik werden Kaufkriterien abgeleitet,
die neben dem Gesundheitsaspekt die Produktauswahl
bestimmen. Einige Kriterien– z.B. organisch-biologische
Anbaubedingungen– werden stets in sehr ähnlicher Wei-
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T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘ 227
se angeführt. Andere Aspekte– z.B. vegetarische Ernäh-
rungsweise, faire oder regionale Produktion – werden
ganz unterschiedlich konsequent vertreten.
Die Interviewpartner*innen verknüpfen also mit dem
Ideal des bewussten Konsums teilweise unterschiedliche
Kaufkriterien, die auf die in Abschnitt 5.1 diskutierte Ver-
bindung oder Abkopplung von Verantwortlichkeiten auf
verschiedenen räumlichen Ebenen verweist. In Bezug
auf eine andere Dimension eignen sich allerdings alle
Interviewpartner*innen die Subjektposition der Ernährer
ihrer Selbst auf identische Weise an: sie lehnen– oftmals
als „dogmatisch“ bezeichnete – absolute Prinzipien ab.
Stattdessen sollen im Einzelfall Entscheidungen gefällt
werden und dabei auch ganz bewusst Kompromisse ein-
gegangen werden.
5.3  Implizite Einschränkung der Subjekt-
position der Ernährer ihrer Selbst
Ernährung hat für unsere Interviewpartner*innen (mit
Ausnahme von Im) immer auch eine starke soziale Kom-
ponente. Sie beschreiben, dass innerhalb enger Beziehun-
gen (Partnerschaft, Familie, Freund*innen) Wissen und
Produkte, wie beispielsweise die selbstgemachte Marme-
lade, geteilt werde und dass man hin und wieder gemein-
sam koche, essen gehe oder Sport treibe. Insgesamt wird in
den Interviews deutlich, dass die Ernährungsweise stark
von anderen Menschen beeinflusst wird, nicht nur, aber
insbesondere von Mitbewohner*innen– seien es Eltern,
Partner*innen oder WG-Mitglieder (Af, Bf, Cm, Fm). Anre-
gungen aus dem persönlichen Umfeld werden besonders
bereitwillig aufgenommen und münden durchaus auch in
dauerhaften Verhaltensänderungen. Dabei handelt es sich
oftmals gerade nicht um rational gefällte Entscheidungen,
sondern um soziale Aushandlungsprozesse, in denen
Emotionen, Normen des sozialen Miteinanders und auch
Abhängigkeitsverhältnisse eine große Rolle spielen.
Insofern zeigt unser Interviewmaterial eine komplexe
und ambivalente Form der Aneignung von Diskursen. So
fokussieren die Interviewpartner*innen bei der Antwort
auf die explizite Interviewfrage, wie ein Wandel hin zu
einer nachhaltigeren Ernährung angeregt werden könnte,
stets auf ein autonomes Individuum, das– beispielsweise
durch externe Aufklärung oder eigenes Nachdenken– ein
stärkeres Bewusstsein ausbilden könne und müsse, um
nachhaltigere Konsumentscheidungen zu treffen. In den
Erzählungen über den eigenen Alltag spielen allerdings
das soziale Umfeld und die darin stattfindenden Interak-
tionen eine weitaus größere Rolle. Es sind dann gerade
nicht bewusst gefällte Entscheidungen, die den Ausschlag
für eine bestimmte Ernährungspraxis geben, sondern so-
zial ausgehandelte Routinen, Normen, Nachahmungsef-
fekte und Kompromisse. Somit kann festgehalten werden,
dass die meisten Interviewpartner*innen zwar das Ideal
der Ernährer ihrer Selbst (re-)produzieren, gleichzeitig
aber implizit dessen Geltung einschränken.
Ein ähnliches Phänomen lässt sich in Bezug auf die
Kollision der eigenen Wünsche und Überzeugungen mit
Anforderungen aus anderen Lebensbereichen beobachten.
Es ist auffällig, dass gerade auch Interviewpartner*innen
(v.a. Bf, Fm), die laut ihrer Selbstbeschreibung dem Be-
reich der Ernährung eine große Bedeutung beimessen, im
Alltag oftmals ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht
werden können. In den Beschreibungen des Alltags wird
deutlich, dass die Ernährungspraktiken de facto den An-
forderungen von Beruf, Ausbildung, Partnerschaft und
Freizeit untergeordnet werden – insbesondere was den
zeitlichen Aufwand betrifft. In diesen Fällen sind die ar-
tikulierten Idealvorstellungen– regelmäßige Mahlzeiten
einzunehmen, selbst zu kochen, nur die für gut befunde-
nen Produkte zu konsumieren– nicht kompatibel mit den
Alltagsroutinen, denen internalisierte Normalitätsvorstel-
lungen zugrunde liegen.
„Ich arbeite halt in einer Bar und dadurch kommt dieser Rhyth-
mus, weil ich fange immer um Zeiten an, wo man eigentlich zu
Abend isst. […] Deswegen esse ich meistens so um zwölf Uhr,
ein Uhr nachts und dann hat nur Burger King auf oder so. Ich
hasse das zwar, aber ja, ist halt so. Also klar, man könnt sich
vorher was kochen, aber da habe ich keine Zeit zu. Also das geht
einfach nicht.“ (Bf)
Bestimmte Lebensbereiche strukturieren den Alltag und
geben vor was „geht“ und was „einfach nicht geht“. Da-
rauf reagieren unsere Interviewpartner*innen (Bf, Fm)
teilweise mit einer Kompensation durch außeralltägliche
Events wie dem aufwendigen Kochen mit Freund*innen
am Wochenende, dem sorgfältig arrangierten Buffet auf
Festen oder der eigenen Herstellung von Gourmet-Pro-
dukten. In solchen besonderen Ereignissen kann dann
sporadisch, als bewusste temporäre Priorisierung, die als
gelungen empfundene Ernährungspraxis gelebt werden.
Neben dem sozialen Umfeld und der Alltagsstruktu-
rierung durch andere Lebensbereiche zeichnen sich fast
alle Interviews durch eine dritte relevante Dimension der
impliziten Einschränkung der Geltung von bewussten–
auf Basis von Wissen und Überzeugungen gefällten
Konsumentscheidungen aus: der gute Geschmack und ein
Gespür für die Bedürfnisse des Körpers, dessen Gültigkeit
nicht kognitiv überprüft werden müsse.
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228 T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘
„Ich esse eigentlich immer so nach Gefühl. Ich glaube, ich weiß
relativ gut, was ich brauche an Essen. Ich habe da ein relativ
gutes Gespür für.“ (Cm)
Dieser und anderer Interviewpassagen liegt die Annahme
zugrunde, dass es möglich und sinnvoll sei, auf das eigene
Körpergefühl zu hören. In welchem Verhältnis diese Erklä-
rung des eigenen Verhaltens zu den ebenfalls berichteten
abwägenden und rational getroffenen Entscheidungen
stehen, wird von unseren Interviewpartner*innen nicht
von sich aus reflektiert. In den Beschreibungen von All-
tagspraktiken tritt mal der kognitive Aspekt etwas stärker
in den Vordergrund und mal der Verweis auf das Gespür
für die Bedürfnisse des Körpers. Oftmals stehen beide Er-
klärungsmuster auch neben- oder hintereinander. Impli-
zit wird stets davon ausgegangen, dass sich die bewussten
Entscheidungen mit dem Körpergefühl decken, wie auf
Nachfrage auch deutlich artikuliert wird:
„Gute Frage wo drauf ich denn jetzt verzichte. Also das ist sehr
schwierig zu sagen, was jetzt Verzicht ist oder was Vernunft ist.
Dass ich jetzt sage, ich esse das nicht, weil ich da ein schlechtes
Gewissen habe, tritt eigentlich relativ selten ein.“ (Cm)
In anderen Interviewpassagen werden implizit zwei Fak-
toren beschrieben, die als Bedingungen für diese Deckung
gelten: die Disziplinierung des Körpers und die Sublimie-
rung des Geschmacks. Zum einen werden Ausnahmen
definiert (Süßigkeiten, Industrieprodukte), bei denen dem
körperlichen Verlangen nicht nachgegeben werden dürfe,
weil bei diesen Produkten das Körpergefühl „verfälscht“
(Bf) werde. Diese Disziplinierung sei nötig, um nicht „aus
der Balance“ (Cm) geworfen zu werden, um also nicht den
Bezug zum vertrauenswürdigen, unverfälschten Körper-
gefühl zu verlieren. Zum anderen sei es notwendig, mög-
lichst schon in der Kindheit den richtigen Geschmack zu
entwickeln.
Tatsächlich wird der Sozialisation in vielen Inter-
views (Af, Bf, Cm, Em, Fm) eine große Bedeutung für
die Ausprägung bestimmter Ernährungsgewohnheiten
beigemessen. In den entsprechenden Interviewpassa-
gen gehen unsere Interviewpartner*innen stets davon
aus, dass sie in ihrer Kindheit die Fähigkeit zum Genuss
gesunder Ernährung erlernt haben. Umgekehrt erklären
sie den schlechten Geschmack anderer Personen mit ei-
ner fehlenden Gewöhnung. In dem Zusammenhang un-
terstellen unsere Interviewpartner*innen, dass sie selbst
ein authentisches Körpergefühl entwickelt haben. Die
Positionalität des Körpergefühls – d.h. der Zusammen-
hang zwischen bestimmten Emotionen, Prinzipien, äs-
thetischen Vorstellungen und einer bestimmten sozialen
Verortung– bleibt dabei unreflektiert. Den gesellschaft-
lichen Diskursen, in denen bestimmte Werte, Normen,
Körperideale und Normalitätsvorstellungen sowie ein be-
stimmtes Wissen über Gesundheit verhandelt wird, wird
von unseren Interviewpartner*innen keine Bedeutung
beigemessen (mit der Ausnahme von Af). Die Subjektpo-
sition der Ernährer ihrer Selbst wird somit grundsätzlich
(re-) produziert, gleichzeitig aber leicht modifiziert: Unse-
re Interviewpartner*innen stellen der bewussten Einzel-
fallentscheidung eine ergänzende Erklärung des eigenen
Konsumverhaltens an die Seite: die Prägungen aus der
Kindheit und das sich dabei entwickelte Körpergefühl.
5.4  Absage an die Subjektposition der
Ernährer ihrer Selbst
In den vorherigen Abschnitten haben wir gezeigt, wie
in unseren Interviews die Subjektposition der bewusst
entscheidenden Ernährer ihrer Selbst grundsätzlich (re-)
produziert, aber in seiner Geltung implizit eingeschränkt
wird. Die Ambivalenz, die sich aus der (Re-)Produktion
dieser Subjektposition und ihrer gleichzeitigen impliziten
Einschränkung ergibt, wird in den Interviews selbst nicht
thematisiert. Allerdings gibt es in den gleichen Interviews
auch Passagen, in denen genau dieser Subjektposition
und dem damit verbundenen optimistischen Diskurs über
kritischen Konsum und möglichen Wandel hin zu einem
nachhaltigeren Ernährungsregime auf drei Ebenen expli-
zit eine Absage erteilt wird:
Erstens gilt für eine Interviewpartnerin (Jf) die Mög-
lichkeit zum bewussten Konsum als ein Privileg der fi-
nanziell besser Situierten. In dem Zusammenhang for-
muliert Jf die These, dass ein Wandel nicht allein von den
Konsument*innen ausgehen könne, weil den Menschen,
die von Sozialleistungen leben, schlicht das Geld dazu
fehle. Deshalb seien auch die Lebensmittelunternehmen
gefragt.
Neben diesem Argument, das speziell für einkom-
mensschwächere Konsument*innen gilt, wird auf einer
zweiten Ebene die Macht der Konsument*innen gegenüber
den Unternehmen ganz allgemein angezweifelt. In ver-
schiedenen Interviews (Em, Fm, Jf) sind Erzählungen sehr
präsent, in denen sich unsere Interviewpartner*innen ei-
nem schlechter werdenden Produktangebot ausgeliefert
sehen. Sie monieren mangelnde Qualität, Überforderung
(durch große Vielfalt, englische Produktbezeichnungen,
fehlende Ansprechpartner*innen usw.) und vor allem als
„heuchlerisch“ empfundene Angebote, deren schlechte
Qualität durch verschleiernde Werbung kaschiert werde.
Daraus wird in den Interviews geschlussfolgert, dass die
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T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘ 229
profitorientierte, auf Massenkonsum zielende Wirtschafts-
weise grundsätzlich der eigenen Ausübung wirklich guter
Ernährungspraktiken entgegen stehe. Kritisiert wird in
erster Linie der systemimmanente Fokus auf Profite, der
ein ehrliches Produktangebot verunmögliche und statt-
dessen die Konsument*innen „für dumm“ verkaufe.
„Das Schlimmste für mich ist, wenn ich das Gefühl bekomme,
das stimmt nicht, also ich werde verarscht. So, dass nicht mehr
die Maxime ist, sie möchten einen guten Käse verkaufen und
dafür brauchen wir den Preis, sondern wir möchten hier soviel
verkaufen wie möglich mit einer größtmöglichen Gewinn-
spanne. […] Das ist irgendwie schwierig, diese Vermischung,
weil ich habe das Gefühl, vielleicht passen gute Lebensmittel
und eine zu sehr gewinnmaximierte und effizienzoptimierte
Produktionsweise nicht zusammen.“ (Fm)
In unseren Interviews wird also beschrieben, inwiefern
dem Einfluss der Konsument*innen äußere Grenzen ge-
setzt sind. Die radikalste Variante dieser pessimistischen
Perspektive auf die individuelle Gestaltungsmacht findet
sich im Interview mit Im. Auch Im ist mit der Produkti-
on und dem Verkauf von Nahrungsmitteln durch Groß-
konzerne alles andere als zufrieden. Da er es allerdings
für illusorisch hält, dass Alternativen zur bestehenden
wachstumsorientierten, industriellen Landwirtschaft die
Weltbevölkerung ernähren könnten, sieht er keinerlei Ge-
staltungsspielräume.
„Der Planet ist überbevölkert. Außer industriellen Krams,
Landwirtschaft geht es gar nicht anders. Es gibt keine Kuh auf
der grünen Wiese für alle, aus die Maus. Und schon gar nicht,
wenn jeder hier 1,5 Liter Milch am Tag trinkt. Das geht gar nicht.
Unmöglich. Die Kuh muss so einen Euter haben, die darf sich
nicht bewegen, ansonsten fällt es ab oder läuft aus. […] Es geht
hier nicht um Nachhaltigkeit, es geht um Mathematik. Und die
heißt zum Schluss, wie habe ich in der kürzesten Zeit das meiste
verdient.“ (Im)
Im Gegensatz zu allen anderen unserer Interviewpartner*
innen, beharrt Im auf einer letztlich fatalistischen Posi-
tion, innerhalb der die Frage nach Verantwortung und
Nachhaltigkeitspotenzialen keinen Sinn ergibt– weil es
realistischerweise keine Alternativen zum Status quo ge-
ben könne.
Der von Im beschriebene instrumentelle und anony-
misierte Zugriff auf die Natur taucht auch in anderen In-
terviews auf, wird dort aber anders eingeschätzt. Verschie-
dene Interviewpartner*innen (Af, Cm, Em, Jf) entwickeln
somit auf einer dritten Ebene eine pessimistische Perspek-
tive. Sie diagnostizieren eine grundsätzliche Entfremdung
der Menschen von der Natur und der Nahrungsmittelpro-
duktion, die der Fähigkeit zum bewussten, nachhaltigen
Konsum entgegenstehe. Anders als Im sehen sie dies al-
lerdings als eine zu überwindende Fehlentwicklung. Die
Entfremdung wird in der Regel auf fehlendes Wissen,
vor allem aber auf einen Mangel an direkten, sinnlichen
Erfahrungen zurückgeführt. Die fehlenden Erfahrungen
wiederum werden in Beziehung gesetzt zur Kritik an un-
einsehbaren und anonym agierenden „Lebensmittelfabri-
ken“.
5.5  (Re-)Produktion einer gegen-
hegemonialen Subjektposition
Noch einen Schritt weiter geht die interviewte Af, die über
den Bereich der Ernährung und der Landwirtschaft hin-
aus, sehr umfassende Krisentendenzen unserer Gesell-
schaft ausmacht, die ihrer Meinung nach auch auf die
Ernährungspraktiken der Menschen wirken.
„Das ist gesellschaftlich. Angst und Gier und Geiz, das wider-
spricht einer guten Ernährung, aber das ist das, was wir in der
Gesellschaft laut machen. […] Wenn du ständig genießen musst,
habe ich das Gefühl, du kannst gar nicht genießen. Wenn du
ständig sagst, das bin ich mir wert, dann willst du dich wahr-
scheinlich überzeugen und bist es dir wahrscheinlich nie wert.“
(Af)
Af diagnostiziert einen Genusszwang von Personen, de-
nen ein authentisches Selbstwertgefühl fehle. Ihr perma-
nenter Konsum sei laut Af ein Versuch der Kompensation,
der aber langfristig zum Scheitern verurteilt sei. Ein posi-
tiver Wandel, wie ihn sich Af vorstellt, schließt stets die
Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
mit ein.
Af (re-)produziert in ihren Aussagen eine Subjektposi-
tion, die eine Zurückweisung hegemonialer Diskurse und
damit verbundener Identitätsangebote beinhaltet. Mit
Foucault (2014, 292) kann man dies als „Gegen-Verhalten
fassen. Es sind im Wesentlichen drei Dimensionen, auf
denen Af einen Gegenentwurf zur Subjektposition der Er-
nährer ihrer Selbst artikuliert: erstens das Postulat einer
Verbundenheit von Körper und Seele sowie von Menschen
zu ihren Mitmenschen und zur Natur, zweitens die starke
Prägung der Menschen durch gesellschaftliche Verhält-
nisse und drittens die Forderung nach politischer Einmi-
schung.
Af konstatiert, dass die Menschen den authentischen
Bezug zu sich selbst verloren haben und damit auch den
Bezug zu den Mitmenschen und zur Natur. Deshalb gehe
es darum, diese Verbundenheit wieder herzustellen und
sich selbst lieben zu lernen, um dann auch wieder die Mit-
menschen und die Natur wertschätzen zu können.
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230 T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘
Der von Af skizzierte Weg zur Veränderung bleibt da-
bei nicht auf der individuellen Ebene. Af geht von gesell-
schaftlichen Verhältnissen, von einer bestimmten „Kultur“
aus, welche die Menschen präge. Insofern liegt für sie auf
der Hand, dass es für einen positiven Wandel im Bereich
der Ernährung einer allgemeinen Änderung gesellschaft-
licher Verhältnisse bedürfe. Die Herbeiführung eines sol-
chen sozialen Wandels kann laut Af nicht erreicht werden,
ohne in die gesellschaftliche und räumliche Organisation
des Ernährungsregimes zu intervenieren. Sie konstatiert
„Momente der Entscheidung“, in denen es einer gewissen
Entschlossenheit bedürfe, um aktiv zu werden und sich
einzumischen. Insofern ist Af der Meinung, dass ein nach-
haltiger Konsum, dass der Kauf als „bio“ oder „regional“-
zertifizierter Lebensmittel nur ein Puzzleteil sein könne
und bei weitem nicht ausreiche. Stattdessen gebe es die
Notwendigkeit, eine ganz neue Kultur zu entwickeln. Die
Verbundenheit mit der Natur müsse gespürt und gelebt
werden– als Demut gegenüber der Erde, die uns nährt.
„Das erste ist echt, dankbar und bewusst zu essen. […] Und
sich bewusst zu machen, dass das auch Platz gebraucht hat,
dass das auch Aufmerksamkeit gebraucht hat. […] Die Erde ist
reich! Und wir sind als Erdbewohner eigentlich reich. Wenn wir
uns weltweit entscheiden würden, vieles anders zu machen,
würden bestimmt viele Katastrophen auf uns zu kommen, wir
haben ganz schön viel in die Welt gesetzt. Aber hey, es wäre
auch ein reiches Leben trotzdem möglich.“ (Af)
Diese Form der universellen Anrufung („wir als Erdbe-
wohner“) stellt eine unter vielen möglichen Formen des
Gegen-Verhaltens dar. Was die von Af gewählte Form aus-
zeichnet, ist ihr politisches Moment, worauf wir im Fazit
noch einmal mit Rückgriff auf die theoretischen Überle-
gungen aus den ersten Abschnitten genauer eingehen.
6  Fazit: die gebrochene Form
der Aneignung öffentlicher
Nachhaltigkeitsdiskurse
Nachhaltige Ernährung soll in den dominanten wirtschaft-
lichen und politischen Debatten sowohl über grünes
Wachstum als auch über verantwortungsbewussten Kon-
sum erreicht werden. Wir haben in diesem Beitrag daher
kurz den weiterhin unzureichenden Ressourcenschutz
grüner Wachstumsstrategien kritisiert und auf sozioöko-
nomische und ökologische Verteilungsgerechtigkeit an-
gelegte Postwachstumskonzepte diskutiert. Vor diesem
Hintergrund standen biographische Narrationen von
Konsument*innen im Mittelpunkt, um zu analysieren, in-
wiefern sie die dominanten Nachhaltigkeitsdiskurse (re-)
produzieren, verwerfen oder Gegenentwürfe artikulieren.
Mit unseren qualitativen Interviews stoßen wir in die
von Brunner et al. (2007, 120) konstatierte Lücke der Er-
forschung von „Konsumbiographien“ bzw. „Ernährungs-
karrieren“. Zugleich wird in der Analyse der Ernährungs-
praktiken deutlich, dass poststrukturalistisch-inspirierte
Praxisansätze jenseits der Klufthypothese bzw. „Beyond
the ABC of attitudes that shape behavior and choice“
(Shove 2010) in der Lage sind, die (Nicht-)Aneignung von
Nachhaltigkeitsdiskursen in Routinepraktiken dezidierter
zu betrachten. Für die (wirtschaftsgeographische) Kon-
sumforschung bieten diese Ansätze einen Mehrwert da-
hingehend, dass sie Kaufentscheidungen nicht einseitig
auf souveräne Subjekte (Verhalten) oder gesellschaftliche
Strukturen und Diskurse (Verhältnisse) reduzieren, son-
dern sich auf das Zusammenwirken von Fremdbeherr-
schung und Selbstermächtigung in Alltagspraktiken kon-
zentrieren (siehe auch Schulz 2012; Warde 2014; Evans et
al. 2017).
In unserem empirischen Material zeigt sich einerseits
die Wirkmächtigkeit der zu Beginn dieses Aufsatzes re-
konstruierten Diskurse über Nachhaltigkeit und grünes
Wirtschaften im Bereich der Ernährung. So weisen un-
sere Interviewpartner*innen die Verantwortung und die
Gestaltungsmacht für nachhaltige Ernährungspraktiken
primär den Verbraucher*innen zu. Dabei stellen sie ein
autonomes Individuum in Rechnung, das ein größeres
Bewusstsein ausbilden könne und müsse. Weder von
den Unternehmen noch von den staatlichen Institutio-
nen werden stärkere Verantwortungsübernahmen gefor-
dert. Das Potenzial für eine ressourcenschützende soli-
darische Lebensweise, die einen Global Sense of Place
praktiziert, wird damit dem Bereich der Wahlfreiheit von
Konsument*innen zugeordnet.
Andererseits zeigen unsere Interviews aber auch
deutlich, dass es sich hierbei keineswegs um eine unge-
brochene Übernahme der neoliberal gewendeten Nach-
haltigkeitsstrategien handelt. Tatsächlich lässt sich eine
komplexe und ambivalente Form der Aneignung öffentli-
cher Nachhaltigkeitsdiskurse beobachten. Die Geltungs-
kraft der Subjektposition der Ernährer ihrer Selbst wird auf
drei Ebenen implizit eingeschränkt: So werden mit (1) den
sozialen Aushandlungsprozessen, (2) der Unterordnung
der Ernährungspraktiken unter die Alltagsroutinen von
anderen Lebensbereichen, und (3) der Entwicklung eines
Geschmacks durch Sozialisation und Disziplinierung des
Körpers wirkungsmächtige Einflussfaktoren beschrieben,
die nicht in der Subjektposition der Ernährer ihrer Selbst
aufgehen. Darüber hinaus wird dem Diskurs über die Po-
tenziale verantwortungsbewussten Konsums auf drei Ebe-
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T. Krüger und A. Strüver: Narrative der ‚guten Ernährung‘ 231
nen explizit eine Absage erteilt. Die pessimistische Pers-
pektive speist sich aus (1) der Deutung des nachhaltigen
Konsums als ein Privileg der finanziell besser situierten,
(2) dem– in einer profitorientierten, auf Massenkonsum
zielenden Wirtschaftsweise gewachsenen – Gefühl des
Ausgeliefertseins an ein als heuchlerisch empfundenes
Produktangebot und (3) der Wahrnehmung einer grund-
sätzlichen Entfremdung der Menschen von der Natur und
der Nahrungsmittelproduktion.
Angesichts der empirisch beobachtbaren gebroche-
nen Aneignung öffentlicher Nachhaltigkeitsdiskurse lässt
sich schließen, dass es sich bei der Figur der Ernährer ih-
rer Selbst um eine „Realfiktion“ (Bröckling 2007, 283; dort
im Hinblick auf das unternehmerische Selbst formuliert),
d.h. um eine „kontrafaktische Unterstellung mit norma-
tivem Anspruch“ (ebd.) handelt– insbesondere was die
tatsächlich erfahrbare Gestaltungsmacht betrifft. Inso-
fern zeigen sich hier Risse und Brüche in den hegemoni-
alen Nachhaltigkeitsdiskursen. Die Umgangsweisen mit
diesen Rissen sind sehr divers und reichen bei unseren
Interviewpartner*innen von Versuchen des „Wachrüt-
telns“ anderer Konsument*innen über die Kompensati-
on durch außeralltägliche Events, in denen die Idealvor-
stellungen einer guten Ernährung praktiziert wird, bis
hin zum fatalistischen Einfügen in die Verhältnisse des
als alternativlos geltenden Wirtschaftswachstums. Diese
Strategien verbleiben alle auf der Ebene des individuellen
Verhaltens. Dagegen verweist die in 5.5 rekonstruierte Ein-
forderung einer gegenhegemonialen Subjektposition auf
eine Strategie der auf gesellschaftlicher Ebene: Af fordert
dabei aus einer sozial-ökologischen Problemdefinition
heraus strukturverändernde Lösungen, die als marginali-
siert bezeichnet werden müssen.
Im Verlauf der Hegemonialisierung der Nachhaltig-
keitsdiskurse wurden gesellschaftskritische sozial-ökolo-
gische Perspektiven ausgeschlossen, in denen beispiels-
weise Ernährungssouveränität, Degrowth oder globale
Umwelt- und Verteilungsgerechtigkeit als Lösungsansätze
verhandelt werden (vgl. Krüger 2015). In diesen gegen-
hegemonialen Perspektiven wird die ökologische Krise
als ein Ergebnis global ungleicher Machtverhältnisse in-
terpretiert, deren Bearbeitung somit auch nur über eine
Änderung dieser Verhältnisse, insbesondere in Bezug auf
die globalen Wirtschaftsverflechtungen, erfolgen könne.
9Da Diskurse aus miteinander verwobenen partikularen Artikula-
tionen bestehen, überlagern sich in ihnen immer unterschiedliche
Begründungsmuster und Sinnkonstruktionen. Insofern beinhalten
Diskurse mehrdeutige und teilweise auch in sich widersprüchliche
Momente, die hier als Risse und Brüche bezeichnet werden (vgl.
Glasze/Mattissek 2009, 157).
Als entscheidender Ansatzpunkt gilt dabei die Verknüp-
fung der ökologischen mit der sozialen Frage. Eine sozi-
al-ökologische Perspektive ist damit automatisch auch
eine Nord-Süd-Perspektive, die regionale Unterschiede in
Bezug auf Verursachung und Betroffenheit in den Blick
nimmt. Als verkürzt erscheint aus sozial-ökologischer
Perspektive dagegen das Konzept der Grünen Ökonomie,
das auf grünes Wachstum, technologische Lösungen und
verantwortungsbewusste Konsument*innen setzt– ohne
dabei die räumlichen Disparitäten der ökonomischen,
ökologischen und sozialen Auswirkungen der imperialen
Lebensweise umfassend zu reflektieren.
Inwiefern findet sich nun diese analytische Differen-
zierung von hegemonialen und marginalisierten Diskur-
sen im empirischen Material wieder? Interessanterweise
greift Af durchaus viele der Ernährungspraktiken positiv
auf, die mit der Anrufung der hegemonialen Subjektpo-
sition der Ernährer ihrer Selbst verwoben sind. Allerdings
gibt sie ihnen eine Wendung ins Politische. Das politisie-
rende Moment besteht in dem Verweis auf die Kontingenz
der etablierten Strukturen und dem Beharren auf der Mög-
lichkeit sowie der Notwendigkeit ihrer Veränderung, z.B.
von einer imperialen zu einer solidarischen Lebensweise.
Hier zeigt sich, wie sich der vermeintliche Widerspruch
zwischen machtvollen Diskursen und „widerspenstigen
Subjekten“ (Gibson-Graham 2006, 23) auflöst. Machtvolle
Strukturen und kreative Impulse stoßen immer auf Wider-
stand und sind verhandel- und veränderbar. Mit der prin-
zipiellen Möglichkeit der Veränderbarkeit wiederum sind
Politisierungsdynamiken denkbar, in denen umfassende
Transformations- und Degrowthprozesse als möglich und
notwendig gelten und eine gesellschaftliche Verantwor-
tungsübernahme für die räumlich disparaten sozial-öko-
logischen Effekte der Wirtschaftsverflechtungen– auch
über globale Distanzen hinweg– erfolgreich eingefordert
werden kann.
Funding: Fritz Thyssen Stiftung, Funder Id:
10.13039/501100003390, Grant Number: 10.15.2.030SO.
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... The quoted interview wastogether with other narrative interviewsthe basis for an analysis of the individual appropriation of sustainability discourses. Predominant was the fractured and ambiguous appropriation of the subject position of the responsible and critical consumer (Krüger and Strüver 2018). The assumption of an autonomous person that makes informed and rational decisions wasin the presentations of the intervieweesthe most important point of reference and the main object of attributed responsibility. ...
... It is directed by Prof. Dr Anke Strüver. For the first empirical results from the project, see Krüger and Strüver (2018). ...
Article
Full-text available
The research on socio-ecological transformation has thus far focused on the necessity and the possible design of a transformed society. What is missing are empirical studies on the potentials and constraints of such a far-reaching transformation. One reason for this is the necessity to develop complex research designs, particularly, the need to capture the micro-level of subjects, on the one hand, as well as the macro-level of societal structures, on the other hand. A concept that systematically links both levels is that of the 'imperial mode of living'. This paper outlines how the concept can be operationalized. First, different components of the concept are analytically distinguished. Second, how the interpretation of enthymemes can be made productive for analyzing the stability of the imperial mode of living is shown. These insights provide essential background information that can be used to identify strategic entry points for transformative politics towards a degrowth society.
... Praxeological accounts take another methodological avenue. Practice-oriented studies have begun to highlight routines of action that large numbers of individuals share, which are not subject to daily deliberation, explicit negotiation or conscious decision, but serve as the groundwork for everyday life to go on in a largely unquestioned way (e.g., [31][32][33]). For instance, [34] (p. ...
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This paper investigates food consumption in terms of socio-spatial practices as complex patterns of meanings, competencies and materialities that shape daily life. The praxeological approach that we advise might improve food sustainability policies by tackling the current sustainability paradox: persisting unsustainable food consumption despite significant media coverage of food sustainability issues and considerable political attention to this matter. Acknowledging the importance of both individual action and collective conditions in shaping food routines, we argue that the sustainability paradox might be overcome through integrating the analysis of social structures and individual behavior, and consequently addressing the determinants of sustainability in daily life. To this end, we analyze narrative interviews on "good food" regarding cultural meanings, individual competencies, and diverse materialities that govern food consumption, identify common themes and discuss their relevance for food policy. We show that food is part of complex orderings of socio-spatial practices, including embodied knowledge, patterns of commensality and constraints of orchestrating daily life, which cannot be addressed appropriately by targeting individual consumption behavior only.
... As part of the project Relational Geographies of Food, we complement the narrative consumer interviews introduced in earlier publications (Exner and Strüver 2020;Krüger and Strüver 2018) with a discourse analysis of the sustainability reports of agri-food-businesses and retailers, broadly subsumed under the term 'producers'. We shed light on how understandings of food sustainability diverge or overlap in producer discourse and consumer narratives of 'good food', but also how those discourses are inscribed in consumers' everyday food practices in Germany. ...
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It is widely accepted that overcoming the social-ecological crises we face requires major changes to the food system. However, opinions diverge on the question whether those ‘great efforts’ towards sustainability require systemic changes or merely systematic ones. Drawing upon Brand and Wissen’s concept of “imperial modes of living” (Rev Int Polit Econ 20:687–711, 2013; The imperial mode of living: everyday life and the ecological crisis of capitalism, Verso, London/New York, 2021), we ask whether the lively debates about sustainability and ‘ethical’ consumption among producers and consumers in Germany are far reaching enough to sufficiently reduce the imperial weight on the environment and other human and nonhuman animals. By combining discourse analysis of agri-food businesses’ sustainability reports with narrative consumer interviews, we examine understandings of sustainability in discourses concerning responsible food provision and shed light on how those discourses are inscribed in consumers’ everyday food practices. We adopt Ehgartner’s discursive frames of ‘consumer sovereignty’, ‘economic rationality’, and ‘stewardship’ to illustrate our findings, and add a fourth one of ‘legitimacy’. Constituting the conditions under which food-related themes become sustainability issues, these frames help businesses to (1) individualise the responsibility to enact changes, (2) tie efforts towards sustainability to financial profits, (3) subject people and nature to the combination of care and control, and (4) convey legitimacy through scientific authority. We discuss how these frames, mirrored in some consumer narratives, work to sideline deeper engagement with ecological sustainability and social justice, and how they brush aside the desires of some ostensibly ‘sovereign’ consumers to overcome imperial modes of food provision through much more far reaching, systemic changes. Finally, we reflect on possible paths towards a de-imperialised food system.
... This alternative conception not only occurs from a macroeconomic perspective ("the economy"; GM8-Noah), but also at the level of the individual microeconomic situation of students and their families ("organic products are just more expensive and when they are more expensive, then you just buy them less often"; RM1-Tobias). Similar results were obtained by Krüger and Strüver [87], who found by conducting qualitative interviews with adult consumers that a part of the sample believed that the economy is opposed to healthy and sustainable food practices and that sustainable consumption is a privilege of the affluent population. ...
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In Education for Sustainable Development, the topic of sustainable nutrition offers an excellent learning topic as it combines the five dimensions of health, environment, economy, society, and culture, unlike most topics with a regional-global scope. The identification of existing students' conceptions of this topic is important for the development of effective teaching and learning arrangements. This study aimed to understand students' conceptions of sustainable nutrition and the relevance that students attribute to the five dimensions. For this purpose, we conducted semi-structured individual interviews with 10th-grade students at secondary schools in Germany (n = 46; female = 47.8%; MAge = 15.59, SD = 0.78). We found that the health dimension prevailed in students' conceptions of sustainable nutrition; however, the more dimensions the students considered, the less importance was attached to the health dimension. The ecological dimension, in turn, became more prominent as the students' conceptions became more elaborate. Many students neglected the social, economic, and especially the cultural dimensions. Furthermore, alternative conceptions of the terminology of sustainable nutrition, which did not correspond to the scientific concept, were identified. Students had difficulties linking the ecological, social, economic, and cultural dimensions to sustainable nutrition due to a predominant egocentric perspective on nutrition, which primarily entails focusing on one's own body.
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Die linguistische Diskursanalyse will „das gesellschaftliche Gespräch“ zu einem bestimmten Thema rekonstruieren. Mit welchen sprachlichen Mitteln wird der Gegenstand „Ernährung und Nachhaltigkeit“ konstituiert? Wie wird kollektives Wissen darüber generiert und diskursiv um das richtige gesellschaftliche Handeln gerungen?
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In diesem Kapitel beleuchten wir die Kluft zwischen der Kommunikation über „gutes Essen“ im Sinne von nachhaltigen Lebensmitteln einerseits und der tatsächlichen Praxis des Essens andererseits. Unter Bezugnahme auf die Debatten der Geographien der Ernährung werfen wir die Frage auf, wie sich das Reden über „gutes Essen“ mit dem Kauf und dem Essen von Lebensmitteln sowohl überschneidet als auch davon unterscheidet. Der Beitrag fasst Überlegungen zur Nachhaltigkeit, zur Verkörperung, zur Lokalisierung der Praxis des Lebensmittelkonsums sowie die Ergebnisse zweier Forschungsprojekte zusammen, die in unterschiedlichen Kontexten durchgeführt wurden. Ausblickend schlagen wir eine Forschungsrichtung zum Konsum von Essen als „doing food consumption“ vor, die auf verkörpertem und implizitem Wissen, viszeralen Wahrnehmungen und Aktivitäten und somit verbundenen Arten von nicht-rationalen Ernährungspraktiken basiert.
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In der postmodernen digitalen Globalgesellschaft konkurrieren heterogene Auffassungen vom vermeintlich „richtigen Essen“. Dies zeugt nicht nur von einer Pluralisierung individueller Geschmackspräferenzen und von breit gefächertem Ernährungswissen. Vielmehr ist diese Entwicklung auch Ausdruck einer fundamentalen Gesellschaftstransformation, in deren Verlauf Ernährungsstilen identitätsstiftende und performative Funktionen zugewachsen sind. Der Beitrag zeichnet mithilfe einer historischen Perspektive auf das Kulturthema Essen von den frühen Hochkulturen bis in die Moderne nach, dass unterschiedlichste Wissensformationen und Gesellschaftsordnungen prägend für die Beurteilung von Nahrungsmitteln und ihren Verzehr waren.
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Meat and, less so, dairy are contested for their significant ethical and social‐ecological impacts. Abjuring animal products, veganism is conventionally treated as a dietary ideology related to consumer identities. Drawing upon practice and materialist turns, this article explores variations in the performance of veganism and how its boundaries are drawn. Yet, rather than an eating practice, I suggest to look at veganism more broadly and conceptualised as a food practice which also involves provisioning. By example of stockfree organic agriculture (SOA), a production‐based, processual understanding is outlined by which plant foods are “vegan” if animal by‐products are not used as fertilisers in crop cultivation. Thereof, a conceptual case is made to shift the focus away from veganism as a consumer identity and towards performative vegan food practices (VFP) as a global responsibility to reduce the ‘long shadow’ of livestock and maintain Earth as a relatively safe operating space.
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Ökologische Modernisierung gilt als Leitprinzip zeitgemäßer Umweltpolitik. Die ökomodernen Kernforderungen nach »Sustainable Development« und »Green Economy« zielen auf eine fortschreitende Entwicklung, die um eine Nachhaltigkeitskomponente ergänzt werden soll. Anhand von Carbon Capture and Storage (CCS) fragt Timmo Krüger nach den aktuellen Dynamiken in den Kämpfen um die Hegemonie in der internationalen Klimapolitik. Er zeigt: Da CCS-Technologien auf der fossilen und zentralisierten Energieinfrastruktur basieren, spitzt sich hier die Frage zu, inwieweit es zur adäquaten Bearbeitung der ökologischen Krise einer umfassenden Transformation gesellschaftlicher Strukturen bedarf.
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Transnational debates, for instance on the finiteness of fossil resources and their harmful effects on the climate, are often regarded as interdisciplinary challenges in the social and natural sciences. By contrast, in the past two decades, notably in the 2000s, geography appears to have been forgetful of resources. In this paper it is argued that more attention needs to be paid to resource studies in human geography. It starts by comparing existing understandings and definitions of resources in respect of their usefulness as guiding concepts for research. This is followed by an overview of resource-related debates in various subdisciplines of geography. In (environmental) economic geography, the concept of global production networks has proved helpful for the discussion of problems connected with resources. An adaptation of this concept is presented here which can be used to analyse material and energy flows with the aid of social categories (e.g. such as power relations or governance) and to evaluate them in the light of normative categories (e.g. ecological sustainability or environmental justice).
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Mit dem Übergang zu relationalen Raumbegriffen und mit dem »Spatial Turn« haben diskurstheoretische Ansätze in der Humangeographie und in der kultur- und sozialwissenschaftlichen Raumforschung an Bedeutung gewonnen. Entsprechend stellen sie einen unverzichtbaren Teil der Lehre in den Bachelor- und Master-Studiengängen der Geographie dar. Dieses Handbuch gibt erstmals einen ausführlichen Überblick über das vielfältige Spektrum diskursanalytischer Raumforschung. Es lässt sich ebenso als umfassendes Nachschlagewerk wie als Einführung in einzelne Themen und Ansätze verwenden.
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Nahrungskrisen, Hungerunruhen, ungerechter Welthandel, Lebensmittelskandale, Fastfood und Fettsucht - das Unbehagen in der globalen Esskultur wächst täglich und überall. Und immer mehr Menschen haben diese Verhältnisse offenbar satt. Harald Lemke beleuchtet zentrale Welt- und Selbstbezüge des Essens, die mit zeitgenössischen Fragen des Politischen in Verbindung stehen. Dabei zeigt er: Ob der Welthunger oder die Klimagerechtigkeit, ob der soziale Kampf um Ernährungssouveränität oder das Recht auf Städte aus Gemüsegärten - die Zukunft der Menschheit hängt ganz entscheidend vom gesellschaftlichen Umgang mit der Nahrungsfrage ab.
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Mit dem Übergang zu relationalen Raumbegriffen und mit dem »Spatial Turn« haben diskurstheoretische Ansätze in der Humangeographie und in der kultur- und sozialwissenschaftlichen Raumforschung an Bedeutung gewonnen. Entsprechend stellen sie einen unverzichtbaren Teil der Lehre in den Bachelor- und Master-Studiengängen der Geographie dar. Dieses Handbuch gibt erstmals einen ausführlichen Überblick über das vielfältige Spektrum diskursanalytischer Raumforschung. Es lässt sich ebenso als umfassendes Nachschlagewerk wie als Einführung in einzelne Themen und Ansätze verwenden.
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This paper advances critical perspectives on the governance of sustainable consumption by exploring the ways in which ‘the consumer’ is constructed and mobilized by strategic actors and organizations. Existing approaches draw on theories of practice to emphasize the limitations of governing through behaviour change. Whilst this provides a welcome corrective to the overemphasis on individual responsibility in sustainability research and policy, fundamental questions concerning changes over time, variation across substantive domains, and the mechanisms through which authorities and intermediaries responsibilize ‘the consumer’ are neglected. By way of rejoinder, we suggest that attention should be paid to the project of sustainable consumption and – following Clive Barnett, Nick Clarke and colleagues’ analysis of ethical consumption campaigning – the ways in which it engages consuming subjects and mobilizes the rhetorical figure of ‘the consumer’. To illustrate, we present the findings from an empirical study – drawing on documentary sources as well as 38 key informant interviews – of how the challenge of food waste reduction has been framed, interpreted and responded to in the UK. Our analysis suggests that initial responses to the issue made claims on the responsibilities of individuals as consumers, but that this quickly gave way to an emergent sense of shared and distributed responsibility. To conclude we argue for the importance of exploring specific instances of sustainable consumption governance and their underlying political rationalities, as well as periodizing these accounts.