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Worin besteht Kreativität?
Von Maximilian Tarrach
Es ist ein abenteuerliches Unterfangen, sich in nur einem Aufsatz dem so vielschichtigen
Begriff der Kreativität nähern zu wollen. Aber es schien mir, als gäbe es eine entscheidende
Lücke in den Analysen der Kreativität zu füllen. Versucht man sich in das Thema der
Kreativität einzulesen, wird hauptsächlich in vier Weisen über Kreativität gesprochen: Aus
einer biologischen, neurologischen, psychologischen oder betriebswirtschaftlichen
Perspektive heraus. Und das ist natürlich nicht uninteressant: Die Biologen versuchen die
evolutionären Ursprünge kreativer Tätigkeiten abzuleiten und die Prädispositionen zu
benennen, die uns auch heute noch in Bewegung versetzen.1 Die Neurologen sagen uns, was
sich im Gehirn abspielt, wenn wir kreativ tätig sind, welche Gehirnareale sich beteiligen und
welche Synapsen sich wie verschalten.2 Die Psychologen sprechen wiederum von den
Hemmnissen, die unsere Psyche dem kreativen Denken in den Weg stellt und von den
irrationalen Denkfallen, die in der Lage sind uns adäquate Lösungswege zu versperren.3 Und
die Betriebswirtschaftler sprechen hauptsächlich von gesteigerten Umsatzzahlen und
Optimierungsstrategien, welche durch Innovationsmanagement erreicht werden können.4
All diese Untersuchungen haben ihre Berechtigung und sind lesenswert. Aber eine
wichtige Frage ließ mich nicht los: Wird hier nicht schon vorausgesetzt, worüber eigentlich
gesprochen werden soll? Keine der obigen Studien definierte kreatives Arbeiten. Was
bedeutet es aber in einem umfassenden Sinne kreativ zu sein? Welchen Bezug hat diese
Fähigkeit zum menschlichen Sein insgesamt? Kann man diese seltsame Tätigkeit überhaupt
begrifflich zu fassen bekommen? Ist sie definierbar? Gibt es ein Leitprinzip der Kreativität,
dass sich ableiten lässt und in allen seinen Bezügen unverändert bleibt? Kann man eine Idee
der Kreativität entfalten, die all die biologischen, psychologischen, neurologischen und
betriebswirtschaftlichen Aspekte aufnimmt, indem sie das Wesentliche abstrahiert? Kann man
die Idee der Kreativität derart grundlegend ausleuchten, dass man im Stande ist, ganz neue
Verknüpfungen zwischen diesen Überlegungen zu sehen? Was geschieht, wenn man einen
Schritt zurücktritt und versucht, das größere Bild zu erkennen?
Ich versuche in diesem Aufsatz über Kreativität in dieser allgemeinsten und abstraktesten
Weise zu sprechen. Das Wunderbare ist: Man kann auf diese Art eine Menge über sie sagen!
Ich verwende in meinem Text strenge Analytik ebenso wie poetische Verdichtung. Hohe
Abstraktion versuche ich mit ständigem Realitätsbezug zu paaren. Dabei half mir eine
!
2!
Methode, die einige Philosophen Rollenprosa nennen.5 Immer wieder werde ich Ihnen
Figuren vorstellen, an denen meine Ideen in Echtzeit getestet werden, so dass man sich sofort
ein Bild ihrer Stimmigkeit machen kann. Es soll damit verhindert werden, dass etwas
Inhaltliches durch zu schnelles Fortschreiten verlorenginge oder dass man das Gefühl hätte,
nicht mehr zu wissen, was der Autor einem eigentlich mitteilen möchte. An welcher Stelle im
Gedankengang er sich gerade befindet, welche Abzweigungen er nimmt – auch welche
Abkürzungen oder Umwege – um zu seinem Ergebnis zu kommen. Es soll möglich sein,
sofort mitzudenken und eigene Anschauungen zu entwickeln. Wenn ein Leser sagen würde:
»Diese Worte halfen mir nachzuvollziehen, wie auch ich diese Idee verstehe, obwohl ich es
mir nie in dieser Weise bewusstgemacht habe. Dies war möglich, weil die Bilder und
Geschichten, die mir erzählt wurden, sofort Assoziationen in mir hervorriefen und die
Analyse plastisch machten«, so wäre das methodische Ziel erreicht.
Neben dem methodischen Vorgehen sollte ich auch ein Wort zum Inhalt verlieren. Warum
ist Kreativität so wichtig? Kreativität ist das Schmieröl flexiblen Denkens. Sie ist die größte
Kraft des Menschen. Sie bringt allen Fortschritt und alle Veränderung ist unabänderlich mit
ihr verknüpft. Sie ist eine hohe Kunst und ein schweres Gewerbe. Sie ist aber auch ein
Gegengift zur Macht. Kreativität entwaffnet durch ihr zerstörerisches Wesen dem Alten
gegenüber. Sie deckt seinen Mangel auf und erkennt daher keine Autorität außer die der Zeit
an. Sie verbreitet Angst und Schrecken bei jenen, die sich im Gewohnten gemütlich
eingerichtet haben. Durch ihr antiautoritäres Wesen hat sie etwas Aufbrechendes,
Nivellierendes. Wer eine kreative Leistung erbringt, entscheidet sich nicht durch Status oder
Geburt. Nur das Können zählt und nur die Besten können sich an der Spitze kreativer
Wettbewerbe behaupten. Das Gegenteil von Kreativität ist die Erstarrung, der Tod des
Denkens. Eine Kultur der Kreativlosigkeit wäre eine Kultur der Totenstille und der
erdrückenden Schönheit des Vergangenen.
Neben diesen sozialen Aspekten ist sie die anspruchsvollste geistige Tätigkeit, zu der der
Mensch fähig ist. Daher wirkt sie auch in die verschiedensten Bereiche hinein. Sie spielt in
allen Künsten, Wissenschaften und Unternehmungen eine entscheidende Rolle. Sie kann vom
menschlichen Sein ebenso wenig getrennt werden wie das Trinken von Wasser oder das
Atmen von Luft. Man muss sich wehren gegen das Vorurteil, Kreativität sei nur eine
Spinnerei von Außenseitern oder das Privileg einer erleuchteten Elite. Sie durchdringt unser
Leben weit stärker als es den meisten bewusst ist. Sie ist eine Fähigkeit, die von der
Veranlagung her in jedem Menschen ihren Platz hat.
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3!
Es gibt viele Facetten, Seiten und Dimensionen der Kreativität, auf die es Licht zu werfen
gilt. Ich habe auf den nächsten Seiten versucht, den Wichtigsten von ihnen Rechnung zu
tragen.
I. Die konsumierte Kreativität
„Lassen Sie sich entführen auf eine Reise in die hintersten Winkel des Universums!
Immer, wenn ein Showmaster solche Eingangssätze ausspricht, während wir uns auf unsere
vorbestellten Sitzplätze begeben, wir voller Erwartung unsere Getränke bereits ausgetrunken
haben, und wir es vor Anspannung nicht mehr aushalten, bis die Vorstellung endlich beginnt,
passiert etwas mit uns. Genauer gesagt, lassen wir etwas mit uns geschehen. Aber was ist das,
auf das wir uns hier einlassen? Wir liefern uns schließlich einer fremden Macht aus. Wir
geben die Autonomie über unser inneres Erleben ein Stück weit auf und überlassen uns den
Gedanken eines anderen. Wofür? Ist es das wert? Wir wechseln in die Rolle des Zuschauers.
Nun können wir hinter unsere eigenen Wünsche und Gedanken zurücktreten und Platz
schaffen, für die Wünsche und Gedanken von anderen Menschen. Wir wollen uns von ihnen
überraschen lassen, sie voll und ganz in uns aufnehmen. Wir genießen und streben jetzt in
jeder Pore unseres Körpers danach, diese fremden Einfälle zu bewundern und zu
verinnerlichen. Sie ganz in uns aufzunehmen bis wir fast platzen vor Wucht.
Wonach wir hier gieren, ist die Kraft der Kreativität. Denn was ich eben beschrieb, ist
eine von vielen Dimensionen, in der sie uns begegnen kann. An was ich soeben zu erinnern
versuchte, nenne ich die passive, die konsumierte Kreativität. Wir erleben sie immer dann,
wenn wir in ein gelungenes Theaterstück gehen, wenn wir einem Großmeister beim
Porträtieren zusehen oder wenn wir den grandiosen Entwurf eines Schriftstellers lesen. Wir
spüren dann: hier sprudelt Etwas. Hier kommt etwas Neues zum Vorschein. Etwas
Bewegendes, Aufregendes oder Rührendes. Hervorgebracht von einer ganz bestimmten Art
zu denken, von einer Art in der Welt zu sein. Konsumierte Kreativität besteht also zentral in
einer Überraschung. In einer Überraschung über andere, über die Welt und über unsere
Reaktionen auf diese beiden Überraschungen. Das Erstaunen ist ein Motiv, dass wir als
Bedingung der Kreativität immer wieder aufspüren werden. Nur wer noch über etwas staunen
kann, erlebt Kreativität.
Konsumierte Kreativität hat darüber hinaus beinahe etwas Stoffliches. Wir können sie
spüren: Sie kann in der Luft liegen, wenn wir die schneidende Stille eines gespannten
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Theaters erleben, sie kann sich schwer auf unsere Schultern legen und uns erdrücken in ihrer
Vielfalt, wenn wir beim Lesen eines Romans mit den vielen Handlungssträngen und Figuren
nicht hinterherkommen oder sie kann uns herausfordern in ihrer gedanklichen Tiefe, wenn wir
denkend Inne halten müssen, weil eine Theorie zwar neu und anregend, aber von ungeahntem
Verlauf ist. Wenn die präsentierte Kreativität gelingt, ist sie darüber hinaus regelrecht
ansteckend. Nach dem Einatmen fremder Kreativität werden wir selbst eine Zeit lang
euphorisch und kreativ. Wir spinnen dann fort, was andere begannen. Wir durchleben oder
erweitern ihre Vorstellungen auch dann noch, wenn wir bereits aus dem Theater heraus und
schon lange wieder auf dem Heimweg sind. Dann befinden wir uns in einer Art
Rauschzustand. Wir könnten dann zu uns selbst sagen: Alle Gedanken, die uns gerade
einfallen, müssen artikuliert werden, wir müssen sie mitteilen, aufschreiben und in die Welt
hinausschreien. Man läuft von innen heiß und kann sich kaum bremsen. Es ist dann kein Platz
für andere Gedanken. Sie nehmen den ganzen Raum unseres Bewusstseins ein. Wir können
erleben, wie sich in unserem Kopf neue Verknüpfungen bilden, ohne dass wir ihren Inhalt
schon vollständig überblicken könnten. Wir können unserem Gehirn sozusagen bei der Arbeit
zusehen. Alle vorherigen Gedanken, samt unseren Alltagsproblemen und den uns belastenden
Gefühlen, sind in solch einem Moment wie weggeblasen.
Doch ab einem gewissen Punkt verblasst diese Kraft wieder, die Farben um uns herum
werden eintönig und die Luft wirkt abgestanden und stickig. So ansteckend passive
Kreativität für die eigene auch sein mag, sie vergeht ebenso spontan wie sie sich einstellt. Sie
entschwindet uns einfach, gleitet durch unsere ausgetreckten Finger und das innere Erleben
sowie die eigene Persönlichkeit fordern wieder ihr Recht ein. Wie ein Hauch von Wasser in
einer trockenen Gegend versickern dann die gerade noch so klaren und sprudelnden
Gedanken im Sand.
Dieses Gefühl der inneren Aufregung können wir nicht beliebig oder willentlich
hervorrufen. Sicher, man kann sich von ein und demselben Kunstwerk, Theorem, oder Stück
auch mehrmals verzaubern lassen. Aber sind es dann nicht eben jene Aspekte, die uns neu
erscheinen, - die wieder Überraschung in uns hervorrufen - denen wir den erneuten Schub der
Kreativität verdanken? Inspiration entsteht deshalb nur durch das authentische Erleben des
Erstaunens über fremde Kreativität. Wir können sie uns nicht befehlen. Wir können sie nicht
durch Techniken in uns kultivieren, wie eine bessere Memorierung von Vergangenem.
Jedenfalls dann nicht, wenn ihr Auslöser in der konsumierten Kreativität besteht. Aber die
konsumierte, passive Kreativität ist ja nur eine abgeleitete, derivative Kreativität. Damit der
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eine Mensch konsumieren kann, muss der andere produzieren. Wie entsteht nun aber die
aktive, die gestaltende Kreativität?
II. Probleme lösen
Meiner Hypothese nach entsteht kreatives Denken im Umfeld des Problemlösens. Wie wir
sehen werden, kann man kreatives Denken sogar als Untergattung des Problemlösens
verstehen. Aber was ist das eigentlich genau, ein Problem lösen? Probleme sind
Unordnungen, die uns affizieren und uns anregen, wieder eine Ordnung in die Lage zu
bringen. Es sind Unordnungen, die uns stören. Wäre dem nicht so, könnte man nicht erleben,
dass eine quietschende Tür, die man monatelang ignorierte, plötzlich zum Gegenstand einer
Problemlage wird. Probleme sind mithin niemals objektiv vorhanden. Sie haben mit unserem
subjektiven Bild der Wirklichkeit zu tun. Nehmen wir einen Mann, Niklas Hartmann, der
jeden Morgen und jeden Abend durch seine quietschende Eingangstür geht. Das Quietschen
löst zwar einen kurzen Moment der Nervenreizung aus, doch es reicht nicht, um ihn dazu zu
bewegen, sich dem Problem endlich anzunehmen. Es übersteigt seine Reizschwelle nicht.
Probleme können die Gestalt einer Rangliste annehmen, die wir nach Wichtigkeit geordnet
haben und Stück für Stück abzuarbeiten wünschen. Niklas kann sich deshalb gegen das Ölen
der Tür entscheiden, weil er erst noch einkaufen, aufräumen und ein Bild aufhängen möchte.
Er hat eine eigene Reihenfolge seiner zu lösenden Probleme im Kopf, die sein Bild der
Wirklichkeit bestimmt. Bei der Wahl dieser Reihenfolge, dem Erkennen eines Problems als
störendes, als dringliches Problem, steht uns unsere Einbildungskraft zur Seite.
Niklas sitzt an seinem Arbeitsplatz in seinem Büro und sinniert darüber, wie es nun wäre,
zuhause sein zu können. Auf einmal ärgert ihn der Gedanke, dass ihn als erstes eine
nerventötende quietschende Tür in Empfang nehmen würde. Der Ärger und der Stress auf der
Arbeit fände so eine Verlängerung im eigenen Heim, wo ihn doch Harmonie und Ordnung
sowie Ruhe und Frieden willkommen heißen sollten. Wie schön wäre es, in eine stille
Wohnung einzutreten, sauber und gemütlich, denkt sich Niklas, die es ihm erlauben würde,
einen glücklichen Feierabend zu erleben und die kein Hindernis bereithielte, das aus dem
Weg zu räumen wäre.
Die Phantasie steht uns hier bei, weil sie uns hypothetische Welten vor Augen führt. Weil
sie uns Gedankenexperimente erlaubt, in denen wir die Überwindung der störenden Probleme
simulieren können, so dass wir fähig sind darüber zu urteilen, ob sich die nötigen
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Anstrengungen auch wirklich lohnten. Ob es unserem Wollen tatsächlich entspräche, dieses
und kein anderes Problem anzugehen.
Niklas hat sich nun entschlossen, das Quietschen der Tür zu beheben. Nach der Auswahl
des Problems folgt nun die Auswahl der Mittel. Auch hier, bei diesem feinsinnigen
strategischen Vorgehen, ist Vorstellungskraft gefragt. Denn ein und dasselbe Ziel lässt sich
auf mannigfaltige Weise erreichen.
Niklas entscheidet sich für das Einölen der Scharniere. Doch welches Öl soll er hier
verwenden? Wie genau wird es aufgetragen? In welchem Geschäft soll er sich beraten lassen
und eines erwerben? Oder sollte er lieber vorher im Netz recherchieren, eine Videoanleitung
ansehen und erst dann einkaufen gehen? Sollte er einen guten Freund zu Rate ziehen? All
diese Fragen und Folgerungen muss Niklas nun bedenken. Zum einen will er sich nicht nur
auf die Meinung eines Verkäufers verlassen, der ihm lieber zu viel als zu wenig verkauft, aber
einem fremden Menschen im Internet vertraut er noch viel weniger. Zum anderen will er auch
nicht wie ein Versager vor seinen Freunden dastehen, der wegen jeder Kleinigkeit Hilfe
benötigt. Dann die Frage nach dem Heimwerkergeschäft. Soll er länger fahren, um in einen
Laden mit mehr Auswahl und günstigeren Preisen gehen zu können, in dem er aber eine
stundenlange Suchdauer in Kauf nehmen müsste? Oder möchte er lieber im Laden um die
Ecke und dafür etwas teurer einkaufen gehen? Mit dem Auto oder doch lieber mit dem
Fahrrad fahren? All diese Fragen lösen nun strategische Pfade in Niklas Kopf aus. Er geht von
seiner ersten Abzweigung, der Lösung des Türproblems, jede weitere Verzweigung durch, bis
er jenen Weg, jene Strategie gefunden hat, die ihn nicht nur an sein Ziel bringt, sondern
zugleich allen Nebenbedingungen genügt.
Das Vorgehen von Niklas Hartmann, das strategische Lösen von Problemen, kann
kompliziert und anstrengend sein, aber es kommt dem Kochen nach Rezept gleich. Niklas
muss zwar über die Reihenfolge und die Kombination seiner Handlungen nachdenken, die vor
ihm liegen, doch es handelt sich um Altbekanntes, dass er abwägt. Es ist kein neues
Gewässer, in das er sich begibt. Es ist keine kreative Tätigkeit, die er damit ausübt. Aber wie
kommt es dann, dass wir von Phantasie sprachen, als von seinem Vorgehen die Rede war?
Wir sagten, dass die Vorstellungskraft sich beteiligte, aber sie war nicht das leitende
Organ in seinem Denkvorgang. Das strategische Denken bedient sich nur der
Vorstellungskraft, um einen bereits bekannten Pfad nachzuzeichnen. Es sucht aus dem
Sammelsurium des zur Verfügung stehenden Wissens dasjenige heraus, welches für die
vorliegende Situation als relevant erscheint. An diesem Tatbestand ändert sich auch dann
nichts, wenn Niklas andere Menschen für sein Repertoire an Lösungswissen anzapft. Dann
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handelt es sich nur für ihn um unbekanntes Wissen, dass er aber nicht selbst schöpft, sondern
sich nur aneignet. Für die Frage der Kreativität scheint also im Streitfall das Wissen der
gesamten Menschheit ins Gewicht zu fallen und nicht nur solches, welches einem Individuum
bekannt ist. Auch scheint der Aspekt der Verfügbarkeit wichtig: Wenn das Wissen um eine
Lösung bereits potenziell verfügbar ist, verliert die Lösungsfindung den Aspekt des
Kreativen. Jemand, der von einer Lösung, einem Rezept weiß, sagen wir dem geheimen
Coca-Cola-Rezept, und sich entschließt, es zu stehlen, verhält sich nicht kreativ, obwohl er
zielstrebig auf eine Lösung seines Problems hinarbeitet. Es kommt bei der Kreativität also auf
die Art und Weise an, wie jemand zu seinem Ergebnis gelangt. Andersherum könnten wir uns
ein Kind vorstellen, dass selbstständig auf einen mathematischen Beweis stößt, obwohl dieser
bereits vor Jahrhunderten gefunden wurde. Wir könnten dann von einer kreativen Arbeit
sprechen, obwohl das Kind kein neues Wissen erzeugt hat. Das ist deshalb so, weil der
Lösungsweg, den das Kind einschlug, nicht in der Beschaffung bereits verfügbaren Wissens
bestand.
Was somit Niklas tut, wenn er bekannte Lösungen strategisch anordnet, sie sich vor
seinem inneren Auge vorstellt und in ihrer Güte vergleicht, besteht in einem rein
reflektierenden Denken. Als würde der Verstand der Vorstellungskraft eine Zeichnung
reichen, welche die Phantasie nur farbenfroh ausmalte.
Damit wir aber von kreativem Denken sprechen können, scheinen wir intuitiv eine
Eigenleistung des Handelnden vorauszusetzen. Wir nennen niemanden kreativ, der nach
Vorschrift sein Werk verrichtet, der nur eine Einkaufsliste abarbeitet, der nach bewährter
Formel vorgeht. Wenn jemand eine kreative Lösung eines anderen Menschen bloß kopiert,
sprechen wir sogar von einem Plagiat, von einer Verletzung seiner Urheberschaft, einer
Straftat. Was kreative Handlungen auszeichnet, fällt demnach mit der Selbstständigkeit des
Lösungssuchenden zusammen, ohne vorgegebene Hilfe, eine Lösung gefunden zu haben.
Diese Selbstständigkeit im Denken, so scheint es, könnte daher zu einem ersten Kriterium
jenes Konzepts der Kreativität werden, das wir hier entwickeln wollen. Mithilfe dieses ersten
Kriteriums können wir auch sofort erkennen, wie sich kreatives Arbeiten mit dem Lösen von
Problemen verbinden lässt. Kreatives Arbeiten ist selbstständiges Problemlösen. Aber was
genau bedeutet das?
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III. Selbstständiges Problemlösen
Ganz offensichtlich ist nicht jedes Problemlösen Ausdruck kreativer Tätigkeit, wie wir an
Niklas Hartmann studieren konnten. Was Niklas fehlte, sagten wir, sei die Selbstständigkeit in
seinem Vorgehen. Wann aber ist eine Problemlösung selbstständig?
Selbstständiges Problemlösen darf keine Kopie anderer oder früherer Menschen sein. Die
Lösung muss also aus uns selbst heraus erwachsen. Sie muss in einer Unabhängigkeit
entstehen, die bedeutet, dass wir nicht abhängig von den Gedanken und Überlegungen anderer
sind, außer in dem Sinne, dass unsere eigenen Gedanken auf denen der anderen aufbauen. Als
Kreativer darf ich sehr wohl bisherige Lösungskonzepte verwenden, um zu neuen Lösungen
zu gelangen. Ansonsten müsste wortwörtlich jeder kreative Mensch das Rad neu erfinden.
Unsere Gedanken dürfen sich aber nicht auf die der anderen reduzieren lassen. Nach allem
Abzug des Fremden müsste eine Eigenleistung stehenbleiben.
Was nun unseren Gedankengang verkompliziert, folgt aus der Tatsache, dass wiederum
nicht jede Selbständigkeit kreativ ist. Würden wir diese Gleichsetzung vornehmen, verlören
wir die begriffliche Scharfstellung von Erfahrungen selbstständiger Arbeit, die gerade
dadurch Selbstständigkeit ausstrahlen, dass sie berechenbar und vorhersehbar sind, nach
altbekannten Formeln funktionieren. Mein Handwerker repariert mein Auto nach bekannten
Lösungswegen, aber er tut es selbstständig, weil er keiner Hilfe bedarf. Vielmehr in der
Umkehrung wird unser Zusammenhang deutlich: Jede kreative Leistung kommt nicht ohne
Selbstständigkeit aus. Aber es scheint eine spezielle Form der Selbstständigkeit, der
Eigenmächtigkeit zu sein, die wir mit kreativen Handlungen verbinden. Die der bloßen
Abwesenheit von Hilfebedürftigkeit kann es nicht sein. Es hat etwas mit der Schaffung aus
dem Nichts zu tun. Was zusätzlich zur Selbstständigkeit vorliegen muss, damit wir von
kreativen Akten sprechen können, kann man die Neuheit der Lösung nennen, auf die der
Kreative stößt.
Wir könnten daher Kreativität so definieren, dass es entweder im erstmaligen Lösen eines
Problems oder in dem neuartigen Lösen eines alten Problems besteht. Nehmen wir den ersten
Fall. Wir würden sicher jenen Menschen kreativ nennen, der entdeckte, dass man nur mithilfe
von Steinen und Stroh durch eine ausgewiefte Technik ein Feuer entzünden kann. Dieser
Mensch löste für die gesamte Menschheit ein entscheidendes Problem. Und er löste dieses
Problem erstmals. Der zweite Fall wäre gegeben, wenn jemand eine neue
Behandlungsmethode für die Krebserkrankung entdeckte. Man könnte diese Definition
kreativer Tätigkeit eine Definition über die zeitliche Struktur des Problemlösens nennen.
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Denn die Zeit spielt hier eine entscheidende Rolle. Die spezielle Form der Urheberschaft und
der Selbstständigkeit, die kreativen Handlungen zugrunde liegt, wird hier an dem Zeitpunkt
des Erreichens der Lösung festgemacht, weil durch das erste Lösen impliziert wird, dass es
eine neuartige und damit eigenständige Leistung des Urhebers ist. Wo sollte er die Lösung
hernehmen, wenn er der erste ist? Auch das neuartige Lösen eines alten Problems lässt sich
durch diese zeitliche Dimension verstehen, denn eine neue Lösung auf ein altes Problem zu
finden, leitet eine neue Zeitrechnung ein. Die Zeit t1, in der nur die alte Lösung bekannt war,
wird abgelöst durch die Zeit t2, von der an die neue Lösung existiert, und für die ebenso gilt,
dass sie nur aus einer eigenständigen Denktätigkeit hervorgehen konnte. Unwiderruflich hat
das kreative Ereignis den Zeitstrahl unserer Erfahrungen geprägt und nie wieder wird jemand
nach dem Zeitpunkt t2 die neue Lösung als erster aufdecken können.6
Kreativität besteht also in dem erstmaligen Lösen eines Problems oder in dem neuartigen
Lösen eines alten Problems. Aber wie löst man auf diese Weise ein Problem? Nehmen wir
dazu ein Beispiel zu Hilfe. Arthus ist Schriftsteller. Er sitzt an seinem neuen Roman. Er ist
nicht der erste Autor, der sich an einem Roman versucht. Er ist nicht der Erste, der eine
Kriminalgeschichte erzählen möchte. Aber vielleicht ist er der Erste, denkt er sich und muss
dabei grinsen, dessen Hauptfigur an Amnesie leidet, mit Namen Mark heißt und den
Kriminalfall durch die Hilfe einer heiligen Fee löst, die ihm deshalb helfen kann, weil sie sich
gerade in den Schulferien befindet. Arthus’ Problem der Erzählung, des Spannungsbogens,
der charakterstarken Figuren wird von ihm auf eine völlig eigene und daher kreative Weise
beantwortet. Kreatives Denken bedeutet deshalb nicht, dass man in einem gänzlich luftleeren
Raum agiert, nur noch verträumten Ideen nachhängt, sich einem geistigen Rausch hingibt.
Kreatives Problemlösen findet immer in einem gewissen Rahmen und Kontext statt. Es folgt
einer gewissen Logik. Auf den ersten Blick erscheinen diese Feststellungen paradox. Entzieht
sich kreatives Denken nicht aller Rationalität und Regelhaftigkeit? Was ist wahr an dem alten
Spruch, dass Kreativität erst dann beginnt, sobald man alles vergisst, was man je gelernt hat?
IV. Binnenrationalität
Die Intention, dass neuartiges Problemlösen etwas ist, dass sich von Regeln löst, dass aus
alten Mustern expandiert und sich aus Gewohntem befreit, wird entschärft durch die
Erfahrung, dass kreatives Denken ständig rationale Entscheidungen treffen muss. Ich nenne
diese Entscheidungen binnen-rational. Kehren wir wieder zu Arthus, dem Autor zurück.
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Obwohl er eine Geschichte aus dem Nichts erfindet, steht er einer riesigen Menge an
binnenrationalen Entscheidungen gegenüber. Er muss sich fragen: Welche Worte muss ich
wählen, damit meine Hauptfigur eben jene Eigenschaften erhält, jene Assoziationen und
Gefühle auslöst, die ich mit meiner Erzählung bewirken möchte? An welcher Stelle passt die
Einführung der weisen Fee in den sonstigen Spannungsbogen hinein? Welche Indizien lege
ich an welcher Stelle für die Lösung meines Kriminalfalles? All diese Entscheidungen sind,
auf das Ziel hin eine gelungene Erzählung schreiben zu wollen, vollkommen rational. Aus
einem übergeordneten Standpunkt heraus könnte dies einen gänzlich anderen Eindruck
hinterlassen. Ein erwachsener Mann, der sich Gedanken über kleine weise Feen macht, die
Schulferien genießen, könnte als vollkommen irrational erscheinen. Man könnte ihn sogar für
verrückt erklären. Seine Gedanken entbehren auch dann jeder Logik, wenn das Ziel seines
Schreibens eine philosophische Abhandlung, eine Horrorgeschichte oder ein historisches
Epos sein sollte. Binnenrationalität ist daher immer eine Mittel-Zweck-Rationalität.7
Aber vielleicht beschränkt sich die eben beschriebene Rationalität allein auf das Feld
des kreativen Schreibens? Wie sieht es bei den bildenden Künstlern, den kreativen
Wissenschaftlern oder Unternehmern aus?
Auch ein Maler muss sich innerhalb seiner kreativen Arbeit ständig binnenrationalen
Überlegungen stellen. Welche Farbe trage ich wie auf? Welches Papier verwende ich oder
welche Leinwand soll es sein? Wie fange ich genau die Stimmung ein, die mir durch den
Kopf geht? Auch hier verzweigen sich die Entscheidungspfade, wie bei Niklas Hartmann mit
seinem Schmieröl, und führen zu einem aufgefächerten Reigen an Möglichkeiten.
Oder nehmen wir einen Wissenschaftler. Karl, ein Mathematiker, muss nämlich ebenfalls an
die vielen Konsequenzen denken, die er sich einhandelt, sobald er sich für und damit gegen
gewisse Prämissen entscheidet. Er möchte einen neuen Beweis vorlegen. Jeder Teil seiner
Formel muss hier mit den anderen Teilen harmonisch zusammenstehen, darf keinen
Widerspruch zulassen und sollte dennoch an das gewünschte Ziel führen. Einmal befinden
sich seine Überlegungen kurz vor der Zielgraden, nur um durch einen Einwand seines
Kollegen wieder vernichtet zu werden. Hier besteht Karls kreatives Denken in den immer
neuen Anläufen binnenrationaler Überlegungen, die er seinem Verstand abtrotzt, bis er
schlussendlich auf die richtige Formel kommt und sie mit großem Genuss niederschreibt. Es
handelt sich nicht nur um einen Beleg für einen längst genutzten mathematischen
Zusammenhang, den Karl hier postuliert, es ist eine neue Art, das Problem zu sehen. Doch die
kreative Lösung Karls wäre ohne seine Konzentration und Sorgfalt bei der Behandlung der
Problemlage niemals zustande gekommen.
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Binnenrationalität wirkt hier wie eine Kanalisierung und Verengung des Denkens auf das
Wesentliche. Die Phantasie wird auf jene Gebiete verlegt, auf denen neuartige
Zusammenstellungen erwünscht sind und von solchen Gebieten verjagt, auf denen die alten
Wege bestehen bleiben sollen.
Auch der Unternehmer Pierre zermartert sich den Kopf mit rationalen Überlegungen. Er
möchte einen neuen Softdrink auf den Markt bringen. Dieser soll günstiger als die
Konkurrenz sein, dazu den Anstrich des Gesunden tragen, mit Koffein versetzt sein und mit
einer neuen Form des Süßstoffes arbeiten. Auch hier stellen sich tausende Folgefragen für
Pierre. Welche Inhaltsstoffe kombiniere ich auf welche Weise? Wie wird das Design der
Flasche aussehen? Wie soll das Getränk beworben werden? Wie werde ich mit dem Vertrieb
fertig? Auf all diese Fragen kann es kreative Antworten geben, obwohl die Fragestellung die
Antwort auf eine ganz gewisse Problemlage einschränkt und begrenzt. Es ist die
Binnenrationalität, die hier die Kreativität leitet, lenkt und führt, sie aber zugleich auch
beschränkt und ihr die Arbeit ungemütlich, anspruchsvoll und schwermacht. Kreativität ohne
Binnenrationalität wäre leicht und fließend, aber auch ziellos und unbeholfen.
V. Die Kraft des Unbewussten
Kreativität findet also in einem rationalen Rahmen statt. Kreativität löst Probleme auf eine
neuartige Weise und um Probleme lösen zu können, muss man sich mit einer dem Problem
umgebenden Ordnung bekannt machen. Man muss sich Mittel-Zweck-Relationen ansehen,
Ursache-Wirkungsketten kennen. Doch ist das alles? Haben wir mit unserer bisherigen
Beschreibung der Kreativität ihrer Freiheit und Spontaneität genügend Platz eingeräumt?
Machen wir noch einmal jene Empfindungen stark, welche für die Idee sprachen, dass
kreatives Schaffen regellos, spontan und flüchtig ist. Scheint es nicht oft so, dass kreative
Lösungen gerade dann entstehen, wenn man nicht angestrengt und aktiv über solchen binnen-
rationalen Fragen brütet? Wenn man vielmehr seinen Geist einfach kreisen lässt? Die
Erfahrungen, die wir mit dieser Form der Kreativität machen können, wurden durch die
Erklärung der Binnenrationalität nicht eingeschlossen. Sie wurden weder als wichtig
anerkannt noch berücksichtigt. Es bleibt damit eine Lücke in unserer Analyse, die wir noch
schließen müssen, bevor wir die nächsten Schritte in Angriff nehmen können. Was genau aber
meinen wir eigentlich, wenn wir von kreativem Denken in dieser Lesart sprechen? Worin
genau besteht hier das Zügellose an der Kreativität?
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12!
Wieder muss uns Arthus, der Autor, aushelfen, um diese Idee klarer zu fassen. Arthus
steht vor einer Mammutaufgabe. Das nächste Kapitel seines Romans soll das Haus des
Übeltäters einführen. Es soll ein beeindruckendes, gruseliges, abgeschiedenes Haus sein, dass
den Leser fasziniert, ängstigt und mitreißt. Es muss der richtige Ort für einen Schurken wie
Grundibal, den säbelrasselnden Ex-Marineoffizier mit einer Vorliebe für das Ertrinken seiner
Opfer, sein. Arthus sitzt bereits Tage und Stunden an der Konzeption zu diesem Gruselschloss
der Finsternis. Doch die vielen Notizen, Ideen und Einfälle führen nicht zu einem
zusammenhängenden Bild, das es ihm erlauben würde, das Kapitel flüssig und mühelos
niederzuschreiben. Es fehlt noch etwas. Er hat das Gefühl, sich in der Welt seiner Figuren
noch nicht genug auszukennen. Dazu kommt, dass er meint, ihm fehlten die richtigen Worte,
um jene Stimmung einzufangen, in der er Mark und seine Fee auf das Haus treffen lassen
möchte. Nach vielen Anläufen für den ersten Absatz gibt Arthus vorerst auf und schiebt das
Kapitel vor sich her. Um trotzdem weiterzukommen, widmet er sich zuerst anderen
Erzählsträngen. Wochen vergehen und das Gruselschloss gerät in Vergessenheit. Und dann
geschieht es. Eines nachts wacht Arthus auf, setzt sich an seinen Schreibtisch und weiß:
»Genau jetzt muss ich es schreiben, denn es wird mir gelingen.« Sein Kugelschreiber flitzt
über das Papier. Ohne Mühe füllen sich die Seiten. Das Haus von Grundibal entsteht in
großartigen, eleganten und zugleich schlanken Worten, die einen berauscht, geängstigt und
aufgeregt auf das weitere Geschehen zurücklassen. Während des Schreibens fühlt es sich für
Arthus an, als erfüllte er die Arbeit eines anderen, als sei er nur ein Werkzeug für ein größeres
Tun. Erst als das letzte Wort des Kapitels geschrieben ist, ebbt diese Fremdheit in seinem
Handeln ab, die Manie der Sätze verlässt ihn und er findet wieder ganz zu sich selbst. Beinahe
wie ein Fremder liest er sich nun die Zeilen dieses kreativen Schubes durch. Voller
Bewunderung für den plötzlichen Ausbruch seiner Phantasie sitzt Arthus begeistert da, als
könnte er nicht glauben, was dort steht. Er muss sich den Text wieder und wieder laut
vorlesen, bis er mit ihm so vertraut ist, als sei er bei voller Wachheit entstanden. Erst als er
sich mit jedem Satz einzeln bekannt gemacht hat, findet er Ruhe. Nun kehrt auch die
Müdigkeit in ihn zurück. Er setzt sich auf das Sofa vor dem Fenster zur Straße, die ruhig und
tatenlos vor ihm liegt. Als er sein Gesicht vom Fenster abwendet, fällt sein Blick auf die Uhr
über dem Spiegel. Der Zeiger steht auf drei Uhr in der Früh und die Dunkelheit taucht Arthus’
Erleben in ein traumartiges Gefüge. Er schläft an Ort und Stelle ein mit den Seiten in der
linken Hand.
Die Erfahrung, die Arthus hier mit seiner Kreativität macht, nenne ich die Kraft des
Unbewussten. Denn was eigentlich geschieht, ist, dass die vielen rationalen Überlegungen, die
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13!
Arthus quälen, einengen und bedrängen, so dass er keine Luft mehr bekommt und keine
Möglichkeit sieht, ihnen gerecht zu werden, in sein Unterbewusstsein absinken. In seinem
direkten Erleben sind sie nun verschwunden. Wie Schmutz an den Fingern kann er sie
wegspülen, in eine Tiefe, die ihn nicht mehr erreicht. Doch dort nehmen die Ideen weiterhin
ihren Lauf. Sie werden durch die unbewussten Anteile an Arthus’ Denken weiterhin
bearbeitet, in unserem Falle sogar gelöst, und bahnen sich dann ihren Weg zurück an die
Oberfläche seines Ichs, platzen hervor, brechen aus dem Hintergrundrauschen aus und
hinterlassen deswegen den Eindruck des Spontanen, Plötzlichen und Ungeplanten. Sie stoßen
ihm zu, mehr als dass sie ihm zu entspringen scheinen. Können wir diese Erfahrungen nun
stimmig in unsere bisherigen Vorstellungen einfügen?
Machen wir uns klar: Die bisher angeführten Bedingungen für Kreativität wurden
nicht außer Kraft gesetzt. Es werden von Arthus weiterhin Probleme gelöst und dies auf eine
neue kreative Weise, indem er eine Lösung innerhalb binnenrationaler Rahmen findet, die
seine Antwort beschränken. In diesem Fall sind das die literarischen Erzählprobleme rund um
das Gruselschloss. Die neue Unterscheidung, die wir hier nun einführen sollten, geht daher an
dem bisherigen Kern unserer Definition vorbei. Sie stört ihn nicht, weil sie sich auf einer
anderen Betrachtungsebene abspielt, uns einen anderen Aspekt der Kreativität vor Augen
führt: Nämlich den, dass Anteile unseres kreativen Denkens ihre Ursprünge im Unbewussten
haben können. Nicht, dass es eine Kreativität gibt, die spontan entsteht, ist die wichtige
Schlussfolgerung, sondern, dass die Spontaneität der kreativen Schübe durch ihre Herkunft im
Denken erklärt werden kann. Statt zwischen einer geplanten und einer spontanen Kreativität
zu unterscheiden, sollten wir unsere Erfahrungen daher lieber in bewusste und unbewusste
kreative Akte einteilen. Diese Unterscheidung bringt uns voran. Sie fügt sich genauer in das
Bild unserer Empfindungen ein als es die intuitive Einteilung hätte leisten können. Hier
können wir wieder eine Brücke zu unseren anfänglichen Untersuchungen schlagen: Auch bei
der konsumierten Kreativität hatten wir bereits Bekanntschaft mit unbewussten Anteilen der
Kreativität gemacht, ohne sie genauer zu benennen. Wenn wir uns erinnern, sagten wir, dass
fremde Kreativität uns ansteckt. Der Akt der Ansteckung ist ein passiver und kann daher nur
von unserem Bewusstsein begleitet sein, findet aber eigentlich im Unbewussten statt. Wir
sagten des Weiteren, dass sich auf einmal unser Bewusstsein mit immer neuen Assoziationen
fülle. Woher sollten diese Assoziationen herstammen, wenn nicht aus dem Bereich des
Unbewussten? Wir sagten, dass sich Verbindungen in unserem Kopf bildeten, deren
Verknüpfungen und Verschränkungen wir noch nicht überblicken könnten, weil sie noch
nicht sicher verankert zu sein schienen. Wir sprachen von gedanklicher Arbeit, die wir in
!
14!
einem solchen Moment beobachten könnten. Wichtig ist hier die Wortwahl. Wir konnten
diese Arbeit beobachten, nicht lenken. Auch hier präsentiert sich uns wieder ein Hinweis auf
das unbewusste Geschehen hinter unserem Rücken.
Die unbewussten Anteile an unseren kreativen Handlungen können regelrecht
kultiviert und zu einer Arbeitsmethode ausgeweitet werden. Viele Maler erlernen in den
ersten Jahren ihren Beruf daher wie ein Handwerk, um später den Pinsel so routiniert
verwenden zu können, dass die wahre schöpferische Kunst nun durch das unbewusste Lenken
der Hand geschehen kann. Gerade weil die vielen erlernbaren Fertigkeiten des Malens in das
Unterbewusstsein hinabgesunken sind, wird Raum geschaffen, für die viel wichtigeren
Tätigkeiten eines Malers: Dem Einfangen von Stimmungen, Lebenslagen, Gefühlen, Orten
und Taten. Dem Ausdruck eines Gedankens durch Farbe. Dieser kreative Akt kann erst
geschehen, wenn die allermeisten Problemlösungsfähigkeiten durch unbewusstes Agieren
gehandhabt werden können. Würde man noch zu viel über jeden Pinselstrich nachdenken
müssen, bliebe der Ausdruck auf der Strecke. Ebenso verhält es sich beim Pianisten, der sich
nicht von Fingerübungen aufhalten lassen kann, wenn ihm eine Melodie im Kopf vorschwebt,
die es unbedingt festzuhalten gilt. Dann ist nichts wichtiger, als dass die Finger einfach über
die Tasten fliegen können und wie ein Werkzeug, wie eine direkte Verlängerung des Wollens
funktionieren. Denn nur dann kann der kreative Schub, das fließende und rauschartige
Komponieren gelingen. Es ist dann wie ein Scharfstellen unbewusster Gedankeninhalte in
eine feste, gegossene Form, die es uns erlaubt, die vielen trüben Ideen hinter unserem
Rückenmark einzufangen und wie ein wildes stürmisches Tier zu zähmen. Auch ein
Schauspieler muss nach all den bewussten Akten: dem Textlernen, dem Ausdenken von
Eigenheiten seiner Figur, von charakteristischen Bewegungen, dem bewussten Konstruieren
einer Person; all diese Überlegungen wieder zum Fließen bringen. Sich sozusagen vor diese
Entscheidungen stellen und mit ihnen spielen, anstatt sie nur an der Oberfläche darzubieten
und sie als künstliches Arrangement vorzutragen. Er muss das Künstliche wieder in etwas
Natürliches verwandeln. Und diese Tätigkeit hat etwas von einem Spiel, das man mit dem
Unbewussten treibt.
Als Heath Ledger den Joker in der Batman-Reihe mimte, durften die Bewegungen und
Worte nicht affektiert wirken. Es musste scheinen, als würde sich Ledger jeden Tag so
bewegen, wie er es in der Rolle tat. Als sei er mit seiner Figur eins geworden. Dies ist die
Illusion, die hier erschaffen wird. Es ist klar, dass er sich im Alltag nicht wie der Joker
verhielt. Die Figur des Jokers ist deshalb eine solche Herausforderung, weil sie in sich fast
eine Karikatur ist. Es wäre nicht falsch in Zweifel zu ziehen, ob es jemals einen Menschen
!
15!
gegeben hat, der dem Verhalten des Jokers auch nur nahekam. Für die Kunst ist diese Frage
allerdings irrelevant. Auch wenn die Figur im höchsten Maße künstlich ist, wirft sie Licht auf
menschliche Eigenschaften. Sie ist die Überspitzung einer gewissen Lebensform. Und was
denkbar ist, kann in der Kunst Wirklichkeit werden. Gerade aufgrund des hohen Grades an
Künstlichkeit der Figur hätte es allerdings sofort albern, aufgesetzt und unecht gewirkt, wenn
Ledger versucht hätte, uns diese Karikatur eines Bösewichts nur an den Kopf zu werfen. Sich
nur mit einem Kostüm auszustatten, dass die Klischees des Genres und die Erwartungen der
Zuschauer bedient. Ledger musste vielmehr ein Bösewicht sein und zwar in dem Augenblick,
als die Kamera auf ihn scharf stellte. In diesem Moment musste er der gewissenslose
Verbrecher werden, der nichts und niemanden achtet, musste er jenen Menschenhass in sich
aufnehmen, den die Figur enthält, um wahrlich glaubhaft wirken zu können. Weil genau dies
gelang, war es eine grandiose Leistung aus bewusster Konzeption, Einfühlungsvermögen und
Intuition.
Menschen, die mit Kreativität arbeiten, erlernen also – zusätzlich zum geschickten und
neuartigen Problemlösen – das Ausloten des Verhältnisses zwischen dem Bewussten und dem
Unbewussten, dem direkt Präsenten und dem im Hintergrund Verborgenen. Auch dies hat
Einfluss auf das wichtige Leitmotiv des Erstaunens über eigene und fremde Kreativität. Man
staunt, weil viele Einfälle erst im Akt der Realisierung des Kreativen bewusst betrachtet
werden können. Weil sie uns erst dann klar vor Augen liegen.
Die Kultivierung der unbewussten kreativen Kräfte ist dabei nicht auf das Gebiet der
Künste beschränkt. Der indische Mathematiker Srinivasa Ramanujan brachte sich beim Beten
in einen solchen meditativen Zustand, dass ihm dort mathematische Beweise als Bilder
erschienen, die er nur noch niederzuschreiben brauchte. Er konnte Beziehungen zwischen
Zahlen und Formeln als Visionen vor sich sehen. Sie kamen ihm immer wieder einfach in den
Sinn.8 Auch zu dem Chemiker Dmitri Iwanowitsch Mendelejew gibt es die berühmte
Anekdote, er sei während eines Traumes auf die Idee für die Anordnung der Elemente in
einem Periodensystem gestoßen.9
So mythenhaft diese Erzählungen daherkommen, sie erhalten Plausibilität, wenn wir
sie als Beispiele für die Kraft des Unbewussten lesen. Es könnte das Abgesunkene der
rationalen Überlegungen ins Unterbewusste sein, das bei diesen Wissenschaftlern dann
während des Traumes oder der Meditation wieder ins Bewusstsein dringt. Es muss damit
nichts Übersinnliches vorausgesetzt werden, um die Berichte als wahr anzuerkennen.
Wir können an diesem Punkt einen Schnitt machen. Die vorgenommene Einfärbung
bisheriger Erfahrungen im Lichte der Unterscheidung in bewusste und unbewusste kreative
!
16!
Akte war fruchtbar. Sie rief keinen Widerspruch in uns hervor, sondern unterstrich vielmehr
die Richtigkeit unseres gedanklichen Vorgehens. In der Erfahrung kreativer Schübe und in
der Erfahrung der konsumierten Kreativität offenbart sich die Kraft des Unbewussten. Durch
sie kamen wir auf die Unterscheidung kreativer Akte nach ihrer Herkunft im Denken.
Nach diesem Intermezzo kann es nun guten Gewissens mit dem Ausweiten unseres
gedanklichen Kerns in Bezug auf die Kreativität weitergehen, denn die uns belastende
analytische Lücke ist nun geschlossen.
VI. Verlassene Rahmen
Wenn Arthus seinen Detektiv mit einer weisen Fee als Assistentin ausstattet, tut er etwas, das
sehr typisch für kreative Akte ist und noch nicht zum Thema unserer Betrachtung wurde: Er
sprengt geistige Fesseln. Er überrascht durch das Brechen mit gewissen Erwartungen. Er
durchbricht eine unsichtbare Schranke, die sonst um das Gebiet der Kriminalgeschichten
errichtet wird. Was Arthus gelingt, kann man mit der schwierigen Tätigkeit identifizieren,
einen gedanklichen Rahmen zu verlassen.
Warum uns Menschen diese Tätigkeit so schwerfällt und inwiefern sie mit Kreativität
und damit mit dem neuartigen Lösen von Problemen zusammenhängt, erschließt sich uns am
besten, wenn wir einen kurzen Ausflug in die Verhaltenspsychologie wagen. Dort gibt es ein
berühmtes Experiment. Es wird das »Neun-Punkte-Problem« genannt.10 Dem Probanden wird
folgende Graphik mit dem Hinweis vorgelegt, dass er die neun Punkte mit einem Stift zu
verbinden habe.
Abb. 1
!
17!
Dies solle allerdings mit nur vier Geraden geschehen, die kniffligerweise von solcher
Art gezogen werden müssen, dass der Proband nicht einmal die Hand zwischen dem Zeichnen
hebt. Die Geraden sollen also in einem Zug gezeichnet werden, ähnlich dem Kinderspiel des
Hauses vom Nikolaus. Was nun jeder tut, ist die Möglichkeiten des Verbindens dieser Punkte
durchzuspielen und nach einer Gelegenheit zu suchen, das gefragte Manöver ausführen zu
können. Um es vorwegzunehmen, auf diese Weise ist das Lösen des Problems unmöglich. Die
einzige Möglichkeit das Problem aufzuheben, besteht in der Streichung einer selbst
auferlegten, aber unausgesprochenen Nebenbedingung: dem Verlassen des Rahmens. In der
Problemdarstellung wurde nicht festgelegt, dass die Punkte an Ort und Stelle verbleiben
müssen. Man kann demnach die Punkte so anordnen, dass sie sich vielmehr den Geraden
anpassen, als dass die Geraden sich um die Punkte zu winden haben. Dieses auf den ersten
Blick überraschende Experiment enthält für mich eine allegorische Wahrheit zu dem Problem
der Kreativität insgesamt.
Kreativität hat mit einer bestimmten Sicht auf die Welt zu tun, mit der Freiheit sich
von niedergetrampelten Pfaden zu entfernen und sich nicht dem Denkdiktat der Gewohnheit
zu unterwerfen. Spüren wir dieser Tätigkeit genauer nach. Denn je länger man darüber
nachdenkt, desto klarer sieht man, dass es verschiedene Weisen gibt, mit einem gedanklichen
Rahmen zu brechen.
Die erste Art haben wir bereits kennengelernt: das Finden einer Lösung außerhalb
expliziter oder impliziter Normen. Außer an das Neun-Punkte-Problem können wir hier an
Musiker denken, die eine neue Musikrichtung etablieren, an Schriftsteller, die einen eigenen
Stil einführen, an Unternehmer, die ungewöhnliche Geschäftsmodelle umsetzen. Worauf es
hier ankommt, ist, dass die sozialen Normierungen, welche die Probleme umgeben, das
Denken derart verklebt haben, dass eine Lösung nur noch außerhalb dieser Normen gefunden
werden kann. Die bisherigen Lösungsvorschläge endeten alle vor einer Sackgasse.
Menschen, die auf diese Weise kreativ sind, haben mit den meisten negativen
Gegenreaktionen zu rechnen. Denn was sie tun, ist etwas Ungehöriges. Sie setzen sich über
gesellschaftliche Bestimmungen hinweg, auf deren Missachtung seit jeher negative
Sanktionen liegen. Sie werden geächtet, verlacht, verkannt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die
Güte ihrer Lösungen überhaupt in Betracht gezogen werden. Dann kann die Ächtung
blitzartig in größte Bewunderung umschlagen. Was sich dann ändert, ist eigentlich nur der
Blick des Publikums auf das Geschehen. Die Blicke des Kreativen und des Unkreativen
gleichen sich mehr und mehr an, so dass auch der Unkreative nun die Genialität des
abweichenden Verhaltens erkennen kann. Deshalb war es zu Beginn unserer Untersuchung so
!
18!
wichtig, festzustellen, dass das Lösen von Problemen stark mit der subjektiven Sicht auf die
uns umgebende Wirklichkeit zu tun hat. Ob jemand als kreativ oder als ungehörig bezeichnet
wird, hängt einzig und allein von dem Bild der Wirklichkeit ab, das sich der Beobachter von
der Situation verschafft. So kann ein Erfinder, der an einer neuen Maschine bastelt, als
völliger Spinner gesehen werden, weil sein Tun sich dem Verstehen des Beobachters entzieht.
Nur, wenn wir die Logik wieder in sein Handeln einführen können, wir seine Ziele und
Wünsche wieder zu verstehen lernen, bekommt sein Tun nicht nur Plausibilität, sondern unter
Umständen auch unser Wohlwollen zurück. Spannend ist, dass es nicht einmal
gesellschaftlich ausformulierte Setzungen zu sein brauchen, durch deren Streichung der
Kreative das Unwohlsein seiner Mitmenschen provoziert. Es kann sich auch um
ungeschriebene Gesetze handeln. Um Normen, an die wir uns so gewöhnt haben, dass wir
ihre Macht über uns nicht einmal bemerken. Bei dem Neun-Punkte-Problem beispielsweise
handelt es sich um eine selbst auferlegte Denkverknappung, die uns das Finden der Lösung
versperrt.
Zusätzlich zu der gesellschaftlichen Engführung unseres Denkens gibt es auch eine
innere Dimension unserer Blindheit. Wir Menschen neigen nämlich dazu, schon von uns aus
in eingegrenzten Rahmen zu denken, um ein Problem überhaupt als Problem erkennen zu
können. Wir brauchen die Grenzen, um zu wissen, wo ein Problem anfängt, endet und das
nächste bereits beginnt. Das fließende Ineinandergreifen der Probleme überfordert uns. Das
zerfallende Gerüst ständig wandelnder Ordnungen, die unsere Probleme umgeben, eröffnen in
uns Panik. Wir haben dann das Gefühl, dass nichts stillsteht und unser Denken niemals Ruhe
finden kann. Entspannung im Denken hat demnach mit dem Festschnallen von Bedingungen,
Normen und Fakten zu tun, mit der Ausmerzung von Überraschungen. Kreativität wiederum
kann einen Menschen deshalb auslaugen und erschöpfen, weil es in ihr diesen Frieden nicht
gibt und nicht geben kann.
Eine weitere Art, wie gedankliche Rahmen verlassen werden können, liegt in der
Übertragung eines Sinnzusammenhangs in einen anderen dafür nicht vorgesehenen
Sinnzusammenhang. Für diesen sehr abstrakten Vorgang benötigen wir wieder einige
Anschauungen. August ist ein junger aufstrebender Apotheker am Ende des 19. Jahrhunderts.
Tagsüber arbeitet er in seiner eigenen Apotheke, abends experimentiert er dort in einem
kleinen Hinterzimmer. Er braucht diese kreative Arbeit. Er kann nicht nur das Gewohnte
verkaufen. Er möchte auf etwas stoßen, dass seinen Kunden das Leben auf eine Weise
erleichtert, auf die vorher noch niemand gekommen ist. Die aufkommende Chemie als
Wissenschaft ist ein wahres Pulverfass für solche Ideen. Alles scheint möglich zu sein. Man
!
19!
kann Cremes besser anpassen, Säfte neu anreichern, Medikamente ganz neuen Typs
erschaffen. Doch eines Abends weiß er, was zu tun ist. Von einem Verwandten hört er von
einem neuen Verfahren in den Vereinigten Staaten, das es ermöglichen soll, Brot ohne Hefe
zu backen. Hefe ist ein lästiges Biest bei der Brotherstellung und man muss ständig aufpassen,
dass es nicht vergärt. Mit dem neuen Pulver, Backpulver genannt, wäre dieses Hemmnis
gebannt und jede einfache Hausfrau könnte damit umgehen. Er beginnt, dieses simple Produkt
in kleinen 10-Gramm-Päckchen zu vertreiben, in dem Laden eines Bekannten. Doch es wird
nicht gekauft. Zu neuartig kommt es daher und ohne Kenntnis des Produkts scheuen sich die
Damen, es in ihren Korb zu legen. Wenn August nun abends nach der Arbeit in seinem Labor
steht, denkt er nicht mehr an die Chemie, sondern nur noch daran, wie er sein Produkt, von
dem er weiß, es würde einschlagen, würden die Frauen es nur bemerken, verkaufen kann. Und
dann kommt ihm eine Idee: Er verändert die Verpackungsgestaltung, so dass dort in großen
Lettern steht: „Doktor Oettker’s Backpulver ist das Beste!“ Nur das Renommee eines Arztes
könnte die Kunden dazu bewegen, sein Produkt auszuprobieren, es in das Licht des Gesunden
und Modernen zu rücken, denkt er sich. Seine geniale Übertragung des Sinnzusammenhangs
des einen Bereichs, der Medizin, in dem Ärzte ein besonderes Vertrauensverhältnis genießen,
mit dem der Lebensmittelindustrie, in dem Ärzte bloß Werbemittel unter anderen sind, macht
sich bezahlt und der berühmte Dr. Oettker wird in wenigen Jahren zu einem weltweit
erfolgreichen Unternehmer.11
Oder denken wir an Heinrich von Kleist, um ein Beispiel aus der Kunst zu wählen, der
in seinem berühmtesten Stück, dem zerbrochenen Krug, aus einer eigentlich an Tragik nicht
zu überbietenden Szenerie – ein junges Mädchen wird von einem Dorfrichter sexuell genötigt
– seine größte Komödie verdichtet. Er bedient sich also auf der Ebene des Erzählstranges, des
Plots, eines bestimmten Genres, um damit ein völlig anderes Genre auf einer übergeordneten
Ebene zu erreichen. Auch hier kann man von Kreativität in der Lesart der Übertragung von
Sinnzusammenhängen sprechen.
Noch ein Beispiel aus der Wissenschaft verdeutlicht diese Form der Kreativität und
erweist ihre interdisziplinäre Geltung. Der berühmte Biologe Charles Darwin wird häufig für
den Urheber der Evolutionstheorie gehalten. Nach heutigem Stand der Forschung waren es
allerdings Studien in der Sprachwissenschaft und der Ökonomie, unter anderem las er den
berühmten schottischen Ökonomen Adam Smith, von denen er die Idee übernahm, dass es
Ordnungen gibt, die sich spontan und ohne übergeordnetes Zutun entwickeln.12 Adam Smith
formulierte diesen Gedanken für wirtschaftlich orientierte Märkte, auf denen sich einfache
Gesetze von Angebot und Nachfrage einstellen, ohne dass den einzelnen Teilnehmern eine
!
20!
bewusste Planung dieser Prozesse unterstellt werden kann. So wie bei Darwin die Arten nicht
planen, ihre Organe ständig an ihre Umgebung anzupassen. Die Idee der Ökonomen diente
Darwin damit als Anregung, die ihn beschäftigenden biologischen Fragen zu lösen. Auch hier
besteht daher eine kreative Übertragung von Sinnzusammenhängen.
Wenn Sinnzusammenhänge übertragen werden, geht es also um Versatzstücke, die
einmal in einem Gebiet verwendet, so stark mit ihm verknüpft zu sein scheinen, dass es uns
schwerfällt, uns vorzustellen, sie könnten auch in einem gänzlich anderen Gebiet fruchtbar
sein. Kreative Menschen zeichnen sich auch hier wieder darin aus, diese Grenzen des
Denkens nicht zu akzeptieren, gar nicht zu sehen und die Ideen wie Päckchen aus dem einen
Raum einfach in einen anderen zu stellen, um herauszufinden, wie weit sie mit diesem
Experiment kommen können. Sie wollen sehen wie sich Gewohntes in einer fremden
Umgebung verhält.
Eine dritte Lesart kreativer Tätigkeit, die sich von selbstauferlegtem geistigem Ballast
löst, kann man in dem Versuch ausmachen, das eine zu lösende Problem durch ein anderes zu
ersetzen. Was kann man sich darunter vorstellen? Wo wir diese Tätigkeit sofort
wiedererkennen und verstehen, ist in dem Zusammenhang von Theaterproben. Sagen wir, es
soll ein Schultheaterstück aufgeführt werden. Nun gibt es in diesem Stück Szenen, die zwar
im Text auf eine gewisse Weise festgeschrieben sind, sich aber auf der konkreten Bühne nicht
auf diese Weise umsetzen lassen. Sagen wir, es gibt eine Szene, in der im Skript die zwei
Protagonisten Daniel und Herbert für ihren Bankraub, im Auto sitzend, an der Bank
vorbeifahren, um die Lage zu sondieren. Der Lehrer, welcher die Theater-AG leitet, sieht sich
nun mit dem Problem konfrontiert, diese Szene umzusetzen. Ein echtes Auto kann nicht auf
die Bühne gestellt werden. Darüber hinaus sähen Attrappen lächerlich aus und kosteten für
dieses erbärmliche Ergebnis zu viel Zeit und Material. Er muss sich also etwas einfallen
lassen, damit die Szene ihre Gestalt nicht verliert und trotzdem inszeniert werden kann. Die
Umsetzung ist sein Hauptproblem und dabei ist die Aufgabe, ein fahrendes Auto zu imitieren
oder zu ersetzen, seine konkrete Problemlage. Nun kann er dieses Problem, wenn er kreativ in
unserer Lesart ist, lösen, indem er sich über die festen Grenzen der Textgrundlage erhebt und
sich nur um den inhaltlichen Kern der Episode kümmert, so dass er diesen extrahiert und ihn
auf eigene Weise umsetzt. Dabei meint er, dass es vielleicht realistischer erscheint, dass die
beiden Protagonisten mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto die Bank aufsuchen, da in
ihrer Inszenierung diese ja weitaus jünger sein werden – aufgrund des Alters der Schüler.
Fahrräder wiederum sind auf der Bühne kein Problem, ihre Inszenierung für ihn ein
Kinderspiel. Was der Lehrer hier tut, ist ganz eindeutig die Ersetzung oder Übersetzung
!
21!
seines ursprünglichen und unlösbaren Problems (des Autos auf der Bühne) in ein anderes
neues und sinnvollerweise lösbares Problem (der Ersetzung des Autos durch die Fahrräder).
Es handelt sich um das kreative Aushebeln verbauter Lösungswege.
Auf ein weiteres Beispiel stieß ich vor wenigen Monaten. Man bot mir in einer
Werbung an, mir jeden Monat ein auf mein Profil zugeschnittenes Paket an Kleidungsstücken
kostenlos zuzusenden, so dass ich von nun an die neuesten Modetrends nicht verpasste und
man versicherte mir, dass ich nur zu kaufen brauchte, was mich interessiere. Diese Firma hat
ebenfalls ein für sie existenzielles Problem umgedreht. Das Kernproblem für den Vertrieb von
Kleidung liegt bekanntlich darin, den Kunden dazu zu bewegen, in einen Laden zu gehen, die
interessierenden Exemplare anzuprobieren und diese dann zu kaufen. Ein Vorgang, der die
Kunden Zeit und Muße kostet und mit hoher Konkurrenz der Anbieter verbunden ist. Daher
überlegte sich diese Firma wohl, dass es für sie lohnender sei, nicht darauf hinzuarbeiten, die
Kunden zu ihrer Kleidung, sondern vielmehr gleich die Kleidung zu ihren Kunden zu bringen.
Hat man einmal die Aufmerksamkeit des Kunden gewonnen, sich jeden Monat sein Paket
anzusehen, kann sich der Mehraufwand der Zusendung schnell bezahlt machen. Auch hier
wird ein ursprünglich schwer zu lösendes Problem des Unternehmens in ein anderes leichter
zu lösendes Problem verwandelt. Ich habe die monatliche Wunderkiste nicht bestellt, aber
verlockend war es trotzdem.
Ein weiterer Fall dieser Form der Kreativität findet sich auch in der Geschichte. Im
Jahre 1504 steht Gilberto am Canal Grande Venedigs. Er hat einen Brief verfasst, der vom
Stadtrat abgesegnet und dann vom Dogen unterzeichnet, den Osmanen zugesendet werden
soll. Er selbst hofft auf eine positive Rückmeldung, denn für sein Geschäft bedeutet es Sieg
oder Niederlage. Er riecht das salzige Meer in seiner Nase und spürt den peitschenden Wind
an seinen Ohren. Die portugiesische Konkurrenz um die Verfrachtung von indischen
Gewürzen und indischer Seide war von Jahr zu Jahr angestiegen und es war nur eine Frage
der Zeit, bis sie die neuen Herren der Seewege wären. Die Venezianer mussten jetzt
zusammenstehen und ihre gemeinsamen Interessen wahren. So wie er, Gilberto, die Lage sah,
gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie würden versuchen, mehr Schiffe, größere
Schiffe, bessere Schiffe zu bauen und auf den Weg zu bringen, wobei die Portugiesen ihnen
immer an Mitteln überlegen sein würden oder sie machten mit den Osmanen einen Deal. Die
Osmanen sollten ihnen einen Kanal rund um Suez errichten, der das Mittelmeer mit dem
Roten Meer verbände und den nur die Venezianer entlangfahren dürften. Einen Suez-Kanal
eben. Natürlich mit großzügigen Abgaben an die arabischen Verbündeten versehen. Gilberto
!
22!
blickt hoffnungsvoll dem Schiff hinterher, das seine Nachricht in die ferne Welt bringen wird.
Ganz klein verschwindet es bald in der kalten Abendsonne.13
Wie wir heute wissen, wurden Gilbertos Pläne und die seiner Mitstreiter durchkreuzt
und der Suezkanal erst im Jahre 1869 fertiggestellt. Aber der überlieferte Brief der
Venezianer aus dem Jahre 1504 zeugt von der Denkungsart, die wir hier herausstellen
wollten. Statt sich dem engstirnigen Problem der Schifffahrtskonkurrenz auf den bisherigen
Seewegen anzunehmen, dachten die Venezianer weiter und ersetzten die sie bedrückende
Problemlage durch eine andere. Das Erreichen eines Handels mit den Arabern, der ihnen
einen exklusiven Zugang zum Roten Meer gesichert hätte, mit dem sie die anderen
Seefahrernationen hätten ausstechen können, wäre der dringend benötigte Strohhalm in einer
hoffnungslosen Lage gewesen. Es war die Ersetzung des unerreichbaren Ziels Portugal und
Großbritannien auf den Seewegen zu übertrumpfen, durch das potenziell erreichbare Ziel,
einen viel direkteren Weg des Transports zu nutzen, an den die anderen Seefahrer noch nicht
einmal zu denken wagten.
Die vierte Art kreativen Denkens, die mit dem Verlassen von Rahmen
zusammenhängt, besteht in dem Sehen von Problemen, bevor andere sie als Probleme zu
erkennen überhaupt in der Lage sind. Hier können wir an den Microsoft-Gründer Bill Gates
denken, der bereits in den 1970er Jahren zur Sprache brachte, dass eine gigantische
infrastrukturelle Herausforderung vor uns läge, weil in 20 bis 30 Jahren jeder Mensch einen
Computer zu Hause stehen haben würde. Damals wurde er ausgelacht, heute ist seine Vision
bereits Realität. Oder denken wir an Mark Zuckerberg, der bereits im Jahre 2003 erkannt
hatte, dass ein digitales soziales Netzwerk, das weltweit funktionierte, so erfolgreich sein
könnte, dass Menschen freiwillig ihr gesamtes soziales Erleben dort hochladen würden. Dass
kaum jemand mehr einen Urlaub und ein gutes Essen würde genießen können, ohne es nicht
dort zu verbreiten. Auch er wurde für verrückt erklärt, auch hier erkennen wir im Nachgang
den Denkfehler der Massen.
Eine letzte Form kreativen Denkens findet sich in der Umkehrung der Prämissen
unserer Gedankenlinien. Ein Beispiel aus der Musik: Wenden wir uns hier einer besonderen
Stilrichtung zu und zwar dem Jazz. Dieser eignet sich besonders gut zur Illustration unseres
Gedankens, weil man den Jazz als Umkehrung früherer Musikrichtungen verstehen kann. Vor
dem Jazz war das Improvisieren der Musiker eine reine Übung vor dem Spielen der Musik,
um sich besser in Stimmung zu bringen. Die wirklich zu spielende Musik lag in festen
Formen, in klaren getakteten Noten vor und das lose Spiel der Solos und der Akkorde bildete
nur ein Vorspiel für diese geschriebene Musik. Beim Jazz drehten die Musiker die Prämissen
!
23!
der früheren Musik um. Nun wurden die in eine feste Form gegossenen Noten bloß zu einer
Vorübung verdammt, zum Rahmen der viel wichtigeren improvisierten Musik. Dieses
Vorgehen kann man als Umkehrung der Prämissen begreifen, als Verdrehung eingefahrener
Denkschablonen.
Ein weiteres Beispiel wäre die berühmte Wende im Denken des Kopernikus, der
Problemen innerhalb kosmologischer Theoriebildung begegnen wollte, indem er sich
vorstellte, die Sonne drehe sich nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne: Ein
kühner Gedanke. Oder denken wir an Karl Popper, der die Fragen der Erkenntnistheorie auf
den Kopf stellte. Statt der Frage, wie man sicheres Wissen erlangen könne, fragte er sich, was
wir tun sollten, wenn es gar kein sicheres Wissen gäbe? Was, wenn es keinen letzten Zugang
zur Wahrheit gibt, die Wahrheit selbst nur eine regulative Idee als Ankerpunkt unserer
wissenschaftlichen Bemühungen ist? Auch hier eröffnete dieser mit seiner Umkehrung der
Prämissen, seinem kritischen Rationalismus, eine neue Pforte, erschuf er eine neue Sichtweise
auf die Welt, präsentierte er kreative Gedanken.
Ebenso muss ich an dieser Stelle an den Geschäftsführer von Ryain Air, Michael
O’Leary, denken, der anstatt sich zu fragen, wie er von den jetzigen Bedingungen ausgehend,
eine möglichst profitable Fluglinie zu betreiben, seine Firmenvision von dem Ziel abhängig
macht, dass ein innereuropäischer Flug gar nichts mehr kosten sollte. Ein Flugunternehmen,
so seine Meinung, solle auf lange Sicht nur noch an den Zusatzprodukten statt an den Tickets
verdienen.14 Auch hier werden die Grundprämissen des Status Quo verdreht und wird ohne
Zweifel kreativ gedacht.
!
24!
VII. Das Ende vom Lied?
Was ich in diesem Essay vorschlage, ist eine unsystematische Systematisierung der
Kreativität. Ich habe versucht, mithilfe von analytischen, geschichtlichen, soziologischen und
anekdotischen Befunden, ein Phänomen zu erfassen, dem man ein Wort gegeben hat:
Kreativität. Diese Vorgehensweise ist nicht ohne Fehl und Tadel. In der Philosophie ergibt
sich bei genauer Untersuchung sehr oft, dass ein Phänomen, welches man zwar für
gewöhnlich einheitlich beschreibt, in Wahrheit in viele Sub-Phänomene zerfällt, sobald man
sich ihm analytisch nähert, bis man im Wald der Phänomene nicht mehr weiß, wie man diese
Vielfalt für ein Ganzes hatte halten können? Mein Vorschlag behält damit die These von der
Einheitlichkeit der Kreativität bei, zumindest in Bezug auf ein fundamentales
Wesensmerkmal: das neuartige Problemlösen. Ich habe versucht, die Vielfältigkeit des
Phänomens und seiner Anwendungsbereiche ins Blickfeld zurückzuholen, indem ich
daranging, die Vielfalt an Problemlösungsarten vorzustellen. Durch dieses Unterfangen
wurde mehr und mehr deutlich, dass trotz aller Unterschiede, die Arbeitsweise kreativen
Denkens einheitlich vonstattengeht. Kreativität, und das wäre ein eigener Aufsatz wert, zeigt
uns, dass die wahre Schaffenskraft des Menschen in der Ausschöpfung möglicher Welten,
möglicher Interpretationen, möglicher Semantiken liegt. Der Mensch ist frei durch die
Millionen und Milliarden an Perspektiven, mit denen er das Mannigfaltige betrachten kann,
durch die vielen Brillen, mit denen er die Welt sehen kann, auch wenn jede Brille für sich
genommen, nur einen winzigen Ausschnitt jener Welt zeigt. Der Mensch ist damit das einzige
Wesen, das wahrhaft Neues erzeugen kann. In der Natur formen sich die Dinge ständig um,
gehen in einander über, in einem ewigen Aufbau- und Zerfallsprozess, in der Summe aber
geht nie etwas verloren. Der Mensch hingegen formt statt Materie Gedanken um. Gedanken
aber können im Gegensatz zur Materie auch in der Summe zu- oder abnehmen. Sie sind die
einzigen wirklich wachsenden »Dinge«, die einzigen echten Neuheiten des Universums.
!
25!
Für Detektive: Randnotizen und Literaturhinweise
!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
1!An dieser Stelle denke ich an Werke wie das von Richard Dawkins Das egoistische Gen
(Heidelberg, 1994) oder Joachim Bauers Das kooperative Gen: Evolution als kreativer
Prozess (Hamburg, 2010).
!
2!Hier sind als Beispiele zu nennen Konrad Lehmanns Das schöpferische Gehirn: Auf der
Suche nach der Kreativität (Springer, 2017) oder auch Dick Schwaabs Unser kreatives
Gehirn: Wie wir leben, lernen und arbeiten (München, 2017).
3!Bei der Abfassung dieser Zeile dachte ich an die Bücher von Paul Watzlawick, zum Beispiel
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? (München, 2005) oder auch Vom Unsinn des Sinns oder
vom Sinn des Unsinns (München 1995) oder an das Monumentalwerk von Daniel Kahnemann
Schnelles Denken, langsames Denken (Hamburg 2014), welches unzählige solcher Denkfallen
aufzudecken vermag.!!
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4!Vgl. Alexander und Stefanie Brems Buch: Kreativität und Innovation im Unternehmen:
Methoden und Workshops zur Sammlung und Generierung von Ideen (Stuttgart, 2013) oder
der meinem Ansatz nähere Band von Hasso Plattner Design Thinking (München, 2009), der
das Denken außerhalb gesetzter Grenzen, im Englischen treffend als out-of-the-box-thinking
bezeichnet, gut beschreibt, sich aber nicht dazu durchringen kann, dem allgemeinen Problem
der Kreativität gebührend nachzugehen.
!
5!Inspiriert hat mich hier vor allem Peter Bieris Essay Das Handwerk der Freiheit (Frankfurt
am Main, 2003), indem er schreibt, S. 377f: „Philosophische Einsichten, könnte man sagen,
bekommen ihre besondere Tiefe durch das Bewußtsein, daß bestimmte Dinge nicht der Fall
sind. Diesem Gedanken entspricht eine stilistische Eigentümlichkeit von Texten, die wir als
besonders hilfreich empfinden: Sie enthalten oft längere Passagen, die in Rollenprosa
geschrieben sind. [...Damit meine ich – M.T.] den Kunstgriff, den ich im sechsten Kapitel
verwende: den gedanklichen Widersacher erst einmal ausreden lassen und seine Argumente
dabei so stark machen wie möglich.“
6!Diese Passage der Zeitdimension der Kreativität kann man ebenfalls als Entlehnung eines
Gedankens aus Peter Bieris Handwerk der Freiheit (Frankfurt am Main, 2003) lesen, in dem
Erfahrungen der Unfreiheit durch unterschiedliche Zeiterfahrungen deutlich gemacht werden.
Meine Übertragung dieser Idee bestand nun darin, zu behaupten, dass auch Kreativität eine
essentielle zeitliche Struktur hat, an der ihre Eigenständigkeit und ihre besondere
Urheberschaft deutlich gemacht werden können.!
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7!Die Rationalität als Mittel-Zweck-Rationalität wird schon früh durch David Hume ins Spiel
gebracht und zwar in seinen Untersuchungen über den menschlichen Verstand (Stuttgart,
2016), mir selbst war Ludwig von Mises’ Nationalökonomie (Genf, 1940) hier eine wichtige
Orientierungshilfe. !
!
8!Siehe Robert Kanigels: Der das Unendliche kannte (Wiesbaden, 1995).!
!
9!Siehe Paul Stratherns: Mendelejews Traum (Ullstein, 2000).!
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10!Siehe auch Rainer Maderthaner: Psychologie (UTB 2008), S. 250f.!
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26!
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11!Meine Geschichte des Dr. August Oettker ist durch fiktive Elemente angereichert. Wen der
originalgetreue Hergang der Ereignisse interessiert, sei auf das Buch von Rüdiger
Jungbluth Die Oetkers, Geschäfte und Geheimnisse der bekanntesten Wirtschaftsdynastie
Deutschlands (Bergisch Gladbach, 2006) verwiesen.
!
12!Dieser Gedanke stammt aus Friedrich August von Hayeks höchst lesenswertem Buch Die
verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus (Mohr Siebeck, 2011, Gesammelte
Werke), in dem er schreibt, S. 23: „Nicht nur ist der Gedanke der Evolution in den Geistes-
und Sozialwissenschaften älter als in den Naturwissenschaften, ich würde sogar zu behaupten
wagen, daß Darwin die Grundgedanken der Evolution aus der Wirtschaftstheorie bezog. Wie
wir aus seinen Notizbüchern erfahren, las Darwin Adam Smith gerade, als er 1838 seine
eigene Theorie formulierte (siehe Anhang A). Auf jeden Fall waren dem Werk von Darwin
Jahrzehnte, ja ein Jahrhundert, der Forschungstätigkeit zum Thema der Entstehung
hochkomplexer spontaner Ordnungen in einem Evolutionsprozeß vorausgegangen. Meines
Wissens war der erste, der von genetischer Entwicklung sprach, der deutsche Philosoph [...]
Johann Gottfried Herder. Wir finden den Gedanken dann auch bei Wieland und ebenso bei
Wilhelm von Humboldt. Die moderne Biologie hat also den Begriff Evolution aus
kulturhistorischen Studien älteren Datums übernommen.“
13!!Auch an dieser Stelle vermische ich Realität mit Fiktion. Der Plan der Venezianer, die
Portugiesen mithilfe eines Suezkanals auszustechen basiert auf wahren Begebenheiten, jedoch
kamen diese Gedanken wohl nie über die Planungsphase hinaus, wie Heinrich Kretschmayr in
seinem Opus Magnum Geschichte Venedigs erzählt: Die Geschichte von Venedig, Zweiter
Band, Die Blüte (Gotha 1920), S. 430, 473, 652.
!
14!Diese Aussagen entnahm ich einem Interview mit Michael O’Leary aus der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung vom 02.04.2017 mit dem Titel: „Bald gibt es kostenlose Flugtickets“,
Link: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/ryanair-chef-michael-o-leary-im-
interview-bald-gibt-es-kostenlose-flugtickets-14942627.html, zuletzt überprüft: 13.12.2017.!
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Oettker ist durch fiktive Elemente angereichert. Wen der originalgetreue Hergang der Ereignisse interessiert, sei auf das Buch von Rüdiger Jungbluth Die Oetkers
  • Meine Geschichte Des Dr
Meine Geschichte des Dr. August Oettker ist durch fiktive Elemente angereichert. Wen der originalgetreue Hergang der Ereignisse interessiert, sei auf das Buch von Rüdiger Jungbluth Die Oetkers, Geschäfte und Geheimnisse der bekanntesten Wirtschaftsdynastie Deutschlands (Bergisch Gladbach, 2006) verwiesen.
Wir finden den Gedanken dann auch bei Wieland und ebenso bei Wilhelm von Humboldt. Die moderne Biologie hat also den Begriff Evolution aus kulturhistorischen Studien älteren Datums übernommen
  • Johann Gottfried Herder
Johann Gottfried Herder. Wir finden den Gedanken dann auch bei Wieland und ebenso bei Wilhelm von Humboldt. Die moderne Biologie hat also den Begriff Evolution aus kulturhistorischen Studien älteren Datums übernommen."
Der Plan der Venezianer, die Portugiesen mithilfe eines Suezkanals auszustechen basiert auf wahren Begebenheiten, jedoch kamen diese Gedanken wohl nie über die Planungsphase hinaus, wie Heinrich Kretschmayr in seinem Opus Magnum Geschichte Venedigs erzählt: Die Geschichte von Venedig
  • Auch An Dieser Stelle Vermische Ich Realität Mit Fiktion
Auch an dieser Stelle vermische ich Realität mit Fiktion. Der Plan der Venezianer, die Portugiesen mithilfe eines Suezkanals auszustechen basiert auf wahren Begebenheiten, jedoch kamen diese Gedanken wohl nie über die Planungsphase hinaus, wie Heinrich Kretschmayr in seinem Opus Magnum Geschichte Venedigs erzählt: Die Geschichte von Venedig, Zweiter Band, Die Blüte (Gotha 1920), S. 430, 473, 652. 14
2013) oder der meinem Ansatz nähere Band von Hasso Plattner Design Thinking (München, 2009), der das Denken außerhalb gesetzter Grenzen, im Englischen treffend als out-of-the-box-thinking bezeichnet, gut beschreibt
  • Vgl
  • Alexander Und Stefanie Brems
  • Buch
Vgl. Alexander und Stefanie Brems Buch: Kreativität und Innovation im Unternehmen: Methoden und Workshops zur Sammlung und Generierung von Ideen (Stuttgart, 2013) oder der meinem Ansatz nähere Band von Hasso Plattner Design Thinking (München, 2009), der das Denken außerhalb gesetzter Grenzen, im Englischen treffend als out-of-the-box-thinking bezeichnet, gut beschreibt, sich aber nicht dazu durchringen kann, dem allgemeinen Problem der Kreativität gebührend nachzugehen.