Book

Grenzen und Grenzüberschreitungen der Liebe: Studien zur Soziologie intimer Beziehungen II

Authors:

Abstract

Die Thematik dieses Bandes greift den Sachverhalt auf, daß die Konstitution des Beziehungstyps "Liebesbeziehung" ein (Interaktions-) Spiel mit normativen Grenzen und deren Überschreitung voraussetzt. Hierdurch entstehen Ambivalenzen: Der Vorgang des Sichverliebens geht einerseits mit einer Transzendenz des Alltags und der Alltagserfahrung einher, die als Übergang, Konversion oder auch Statuspassage aufgefaßt werden kann. Andererseits ist zu konstatieren, daß trotz aller gegenwärtigen Wandlungs- und Auflösungstendenzen dennoch sozialstrukturelle und kulturelle Grenzen innerhalb von Paarbeziehungen bestehen. Schließlich stellt sich auch die Frage, wie neue gesellschaftliche "Entgrenzungen" den Bestand intimer Beziehungen bedrohen.

Chapters (10)

Ich habe mich immer jedem Versuch widersetzt, das Verliebtsein als eine „Regression“ zu erklären, zurück in eine der ersten Phasen der Kindheit, irgendwo zwischen vorgeburtlichem Leben in utero und den ersten Lebensmonaten, in welchen sich das Kind noch nicht von seiner Mutter und seiner Umwelt differenziert hat. Dafür habe ich aber selbst immer auf der Behauptung bestanden, daß das Verliebtsein (wie auch andere Kollektivprozesse) ein „Status nascendi“ ist, also eine Geburt. Ich denke, daß der Zeitpunkt gekommen ist, einmal sowohl den Grund für diese Unterscheidung als auch die jeweils zugrundeliegenden Implikationen zu klären.
Love transcends all, and books that deal with Love and Passion are „above“ such differences as those usually identified with bicultural love. Authors writing about love and transfiguration deal only with the broadest categories, and in the most general terms: they write about Man, Woman, Couples, Love.
Romantische Liebe ist auf das Individuum gerichtet und erfaßt es ganz und unheilbar. Sie ist somit ein Gefühl, das in dieser Universalität und enormen Erwartungshaltung nur in Gesellschaften entstehen konnte, die in ihrer Entwicklung strukturelle Vereinsamung und wachsende Bedeutung des Individuums erfahren haben. Die solchermaßen vereinnahmende Liebe ist also sicherlich ein Phänomen der okzidentalen Moderne (Luhmann 1982: 13ff., 27). Einer nicht-okzidentalen Gesellschaft sind zwischenmenschliche Regungen sicherlich nicht unbekannt. Das Abendland aber hat gänzlich eigene Entwicklungssphären1 erlebt, nicht nur im Bereich des Rechts und der Wirtschaft, sondern auch in der Codierung von Zuneigung. Wenn also die romantische Liebe als ein Produkt der Moderne gesehen werden kann, das mit gesellschaftlicher Stratifizierung, Individualisierung und Demokratisierung Hand in Hand geht, dann muß — um einer umfassenden Beschreibung des Phänomens der Liebe willen — einem weiteren Aspekt der Moderne ebenso Rechnung getragen werden: der Entwicklung nationaler Kulturen.
Thema des vorliegenden Beitrags ist die soziologisch bislang weitgehend vernachlässigte Frage nach dem Verhältnis zweier Formen persönlicher Beziehungen: Liebes- und Freundschaftsbeziehungen. Theoretischer Kontext der Überlegungen ist die gesellschaftliche Differenzierungstheorie: Ausgegangen wird im folgenden von der These, daß die moderne Gesellschaft durch eine Differenzierung von persönlichen und unpersönlichen Kommunikationen gekennzeichnet und damit der Möglichkeitsraum für die Ausbildung persönlicher Beziehungen bezeichnet ist. Auf dieser zunächst eher formellen Grundlage können dann Liebe und Freundschaft als die beiden dominierenden Semantiken persönlicher Beziehungen näher bestimmt werden. Hintergrund der Untersuchung ist die Frage, ob sich mit dem heute zu beobachtenden Wandel des Leitbilds der Intimbeziehung von der romantischen Liebe hin zu dem der Partnerschaft Annäherungen an Vorstellungen von Freundschaftsbeziehungen ergeben, sich im Bereich persönlicher Beziehungen also ein Entdifferenzierungs- bzw. Reintergrationsprozeß beobachten läßt.
Before examining the phenomenon of love in children and adolescents, it is essential to make some reflections on the term love, since it is used to cover a very wide range of different feelings, relationships and situations.
Der schlichte Umstand, daß es Männer gibt, die Männer lieben,1 stellt die Soziologie der Liebe vor eine Herausforderung. Der Versuch eines Vergleiches zwischen homosexueller und heterosexueller Intimität ist nicht nur mit der Schwierigkeit konfrontiert, daß beide bislang nur unvollständig in ihrer inneren Strukturiertheit untersucht wurden, sondern gerät außerdem nur zu leicht in der Verdacht, einer mangelnden „political correctness“. Dennoch — dies sollte kein Grund sein, es nicht zu tun. Dabei muß aber — gerade aufgrund der vielen unzureichend erforschten Gebiete auf der Landkarte menschlicher Intimität — ein zusätzlicher Fokus gesetzt werden, um der Gefahr zu entgehen, einen Vergleich ohne hinreichende Basis zu versuchen.
Für einen Vortrag zum Verhältnis von Arbeit und Liebe überlegte sich der Veranstalter mehrere Titelversionen. Im Gespräch waren zunächst „Erfolgreich sein und trotzdem leben“ sowie „Karriere machen und trotzdem glücklich sein“. Vordergründig heißt das offenbar: Wer erfolgreich im Beruf ist, muß im Privatleben Probleme haben — normalerweise. Nur ausnahmsweise („trotzdem glücklich“) kommen Glück und Karriere, gutes Leben und Berufserfolg zusammen, und das verweist darauf, daß es sich bei Arbeit und Liebe eigentlich um Unvereinbares, um Gegensätzliches handelt: Das Glück in der Liebe, die Geborgenheit in einer der letzten „Gemeinschaftsformen“ und der Erfolg im Beruf scheinen sich schlecht zu vertragen. Schließlich stand im Tagungsprogramm: „Im Beruf ein Profi, privat ein Amateur“.
Die Verknüpfung von Gewalt in Sexual- und Liebesbeziehungen mit der spezifischen sozialen Verfaßtheit von Sexualität und Liebe ist nicht immer leicht herzustellen. Der ausformulierteste Ansatz wurde wohl von der feministischen Kriminologie vorgelegt (vgl. Smaus 1994). Sie bezog sich dabei auf die offensichtliche, aber trotzdem häufig übersehene Tatsache, daß diese Form der Gewalt überwiegend „männlich“ ist. Entsprechend rückt das Geschlechterverhältnis in das Zentrum der Analyse. Sinnvollerweise geschieht dies vor allem unter dem Blickwinkel von Macht und Herrschaft. Sexualität und Liebe werden nicht als das genommen, was sie zu sein „vorgeben“, sondern als Ausdruck männlichen Strebens nach Macht und Kontrolle. Auf diese Weise lassen sich Mikro- und Makroebene der patriarchalischen bzw. andrarchischen (Elias 1986b) Herrschaft miteinander verbinden.
In The Normal Chaos of Love (1995), the Becks advance the thesis that in an era of pervasive, generalized individualization,1 men and women no longer meet one another as status incumbents and role-players, each with a set of culturally handed-down scripts to play — he as man she as woman, he as a member of one social class or ethnic group she of another, he of this age she of that, etc. Instead, they now seek out and meet one another as sheer individuals, that is, as more or less thoroughly individualized individuals, each engaged in and committed to a life-long project of self-discovery and self-actualization. This project does not cease when two such individuals fall in love and decide to become a couple. On the contrary, a ménage à deux presents them with yet another opportunity, indeed a most significant opportunity, to further discover and realize themselves, whether through each other, or together with one another, or separately but with the wholehearted support of the other. This being the case, the Becks claim, it is understandable why the overall societal picture of contemporary couples and families has become so very variegated, and why in the foreseeable future it is likely to become even more variegated. Thus, just as individualization has been producing a practically infinite variety of individuals, so it is now producing a correspondingly infinite variety of arrangements among such individuals. Whence the wholly normal chaos of love.
Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg lobt Günther Anders als ein Positivum der Zeit die neue, unprätentiöse Umgangsweise mit der Liebe als die Überwindung einer gesellschaftlichen Pathologie: „Ist die Verkümmerung des Privaten wirklich nur Verlust? Hatten nicht die letzten hundertundfünfzig oder zweihundert Jahre ihre Subtilität in privaten Beziehungen furchtbar teuer bezahlt? Mit einer, das Blamable streifenden Wichtignahme und Patheti-sierung der Liebe und mit einem Aufwand an Indiskretion, der uns heute schon geradezu exotisch anmutet? Sind wir nicht die ersten Urenkel, die frei sind von den Resten dieser Rousseauschen Konfessionsmanie?... Ich frage mich: Wer von uns, den Vertretern der um Neunzehnhundert Geborenen, wäre heute noch im Sinne des neunzehnten Jahrhunderts konfessionsgierig, zeigewütig oder klatschsüchtig?“ (1986: 14). Verlängert man den Zeitraum der Beobachtung und würde so die Anders’schen „Notizen zur Geschichte des Fühlens“ fortschreiben, zeigt sich jedoch, daß kein linearer Trend, sondern eher Wellen die kollektiven Gefühlsinszenierungen kennzeichnen. Die Zurückhaltung im öffentlichen Diskurs um den Stellenwert von „Liebe“ läßt sich noch über die „aufklärenden“ 1960er und 70er Jahre verfolgen und ebenfalls noch in den 80er Jahren, als etwa die coolen Yuppies eine beneidete Gruppe waren, die es sich in jeder Hinsicht leisten konnten und wollten, ihren Lebensstil unabhängig von andauernden Bindungen zu entfalten.
... u.a. Luhmann 1982;Beck/Beck-Gernsheim 1990;Hahn und Burkart 2000;Lenz 3003 Gründe dafür anführen (vgl. dazu auch Burkart 2000, S. 8, 174-175). ...
Chapter
Im Verlauf der Corona-Krise kam Kinder-Figurationen eine besondere Bedeutung zu. Von tradierten Öffentlichkeits- und Intimitätsvorstellungen ausgehend diskutiert der Beitrag zirkuläre Denk- und Handlungsmuster in der Krise. Die kritische Analyseperspektive arbeitet Zusammenhänge zwischen Krise, Öffentlichkeit und Kindern heraus. Dabei verweisen dichotome Kategorisierungen wie rational – irrational, Schutz – Gefahr oder selbst – fremd auf theoretische wie empirische Bruchstellen. Mit dem Blick auf das Andere kristallisieren sich Kinder als Sphärenunterbrechung entpolitisierter gesellschaftlicher Diskurse und Realitäten heraus. Die empirischen Diagnosen liefern Impulse, die Konzentration der klassischen (politischen) Öffentlichkeitsforschung auf normative und kommunikative Momente zu diskutieren.
Chapter
„Wann kommt denn endlich der blöde Prinz auf seinem dämlichen Gaul?“ Schon dieser Titel eines aktuellen Ratgebers, wenn auch ironisch gebrochen (vgl. Reiners 2013, S. 150), legt nahe, dass auch in der Gegenwart die romantische Liebenssemantik weiterhin von hoher Relevanz ist. Das Bild des Prinzen auf seinem Pferd ist eine kulturell weit verbreitete Metapher, mit der die Suche nach dem/ der ‚richtigen‘ einzigartigen Partner/in zum Ausdruck gebracht wird: Zwei, die sich finden, um dann dauerhaft zusammen zu bleiben. Ebenso kann trotz aller entgrenzten Sexualität der mehrteilige Mega-Bestseller „Shades of Grey“ (James 2012) mit der Verklärung der Individualität der beiden Hauptfiguren, dem bedingungslosen Anspruch auf Exklusivität und einer völligen Entwertung der Umweltbezüge als ein Musterbeispiel für die Kontinuität der romantischen Liebe gelesen werden.
Chapter
„Von uns selber schweigen wir“ — dieses Wort von Bacon, das Kant seiner Kritik der reinen Vernunft voranstellte, übernahm Martin Kohli einst als Titel eines Aufsatzes, in dem er der Frage nachging, „was aus Lebensgeschichten von Sozialwissenschaftlern für eine Geschichte der Soziologie zu gewinnen ist“ (Kohli 1981: 428). Das Zitat bringt zum Ausdruck, daß für die moderne Wissenschaft, wo es um die „Sache“ und nicht um die „Person“ gehe, „strenggenommen eine Schweigepflicht“ herrsche; „zumindest ist das Reden von sich selber problematisch“ (ebd.). Das Produkt des Autors, der wissenschaftliche Text, soll ja „als Ergebnis des Waltens einer überpersönlichen Instanz“ (433) erscheinen, objektiviert, gelöst von der Subjektivität des Autors, von seinem biographischen und sozialen Kontext — und damit auch vom Kontext „soziales System Soziologie“.
Article
Full-text available
The paper deals with the question whether it is possible or not to analyze sociology as a social system with its own instruments, that is, the instruments of sociological analysis. In other words, the paper deals with the question whether a sociology of sociology is possible (and desirable). The first obstacle for a radically reflexive sociology is a certain taboo of thematizing that is central for modern science (De nobis ipsis silemus). The received idea is that scientific research should be objective, independent from social contexts of science. For this purpose some techniques of objectivation have been developed, that is, the construction of authorship in order to avoid the thematization of the social context of a sociological text. In addition, there is a discrepancy between official and social criteria of sociological success. This discrepancy should not be thematized either. Thus, a sociological analysis of sociology is not possible. But even without the silemus rule, sociological research on sociology might be impossible. URN: urn:nbn:de:0114-fqs0302181
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.