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Fragen der Ethik in der Psychotherapie

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Abstract

"Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht" (Karl Kraus). Die Offenheit sich selbst gegenüber ist in der Psychotherapie ein Wert, der zur grundlegenden Basis der Berufsausübung zählt. In diesem Sinne beschäftigt sich dieses Buch mit kritischen Stellen in der Ausübung der Psychotherapie. Ethisch verantwortliches Handeln läßt sich letztlich nicht durch Gesetze und Richtlinien erzwingen. Sie können die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten nicht entbinden, selbstverantwortlich ihre therapeutische Grundhaltung und ihr Handeln ständig unter dem Gesichtspunkt der ethischen Verpflichtungen zu reflektieren, die sich aus ihrer Aufgabe ergeben. Die Autoren dieses Bandes setzen sich sehr praxisbezogen mit der selbstverantwortlichen psychotherapeutischen Berufsausübung auseinander.

Chapters (47)

Obwohl die Worte Ethik und Moral im täglichen Sprachgebrauch oft gleichbedeutend verwendet werden, hat es sich innerhalb des ethischen Diskurses als sinnvoll erwiesen, zwischen diesen beiden Begriffen zu unterscheiden. Ethik ist die Bezeichnung für ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit Fragen der Moral beschäftigt. Da der Begriff Moral bei vielen oft negative Assoziationen zu dem auslöst, was sie einst zuhause oder in der Schule über Gut und Böse oder über Begriffe wie Sünde und Hölle gelernt haben, werde ich zunächst auf die Bedeutung des Begriffes Moral aus der Sicht des Ethikers eingehen, um anschließend die Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen der Ethik als einer philosophischen Reflexion über Moral zu erörtern.
Der Begriff „Ethik“ wird in unserem Alltag kaum verwendet. Er hat dennoch einen hohen Bekanntheitsgrad. Mit Ethik wird im Alltagsverständnis häufig etwas Einengendes, Abschneidendes, Unangenehmes, Rigides, Zwängliches, insgesamt Negatives verknüpft, das man nicht allzu nah an sich heranlassen will. Ethik wirkt für viele wie ein antiquiertes Wort; ebenso denken sie, Moral wäre unzeitgemäß. Viele betrachten „Moral als ein System widerwärtiger puritanischer Verbote, das hauptsächlich dazu bestimmt ist, zu unterbinden, daß Menschen Vergnügen haben.“ (Singer, 1984, S. 9).
Schon am Beginn jeder Psychotherapie steht eine Bewertung: Es ist etwas nicht so, „wie es sein sollte“. So verschieden im einzelnen die Sichtweise zwischen Psychotherapeut und Klient auch sein mag, in diesem einen Punkt stimmen sie überein. Der jetzige Zustand ist „nicht gut“, „krankhaft“ oder wie immer „nicht in Ordnung“. Und: Es gibt demgegenüber einen anderen Zustand, der mit Hilfe der Psychotherapie erreicht werden soll, der „besser“, „gesünder“, „in Ordnung“ ist.
Im folgenden sollen einige Beiträge verschiedener psychotherapeutischer Methoden zu ethischen Fragen dargestellt werden. Dazu ist es hilfreich, vorerst zu definieren, was ein Menschenbild ist, die Funktion von Menschenbildern zu erörtern und zur Bedeutung der Explikation von Modellannahmen als notwendige Bedingung wissenschaftlichen Handelns Stellung zu nehmen. In diesem Artikel kann keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden; er dient lediglich dazu, zu illustrieren, bzw. einige Beispiele dafür zu geben, wie Psychotherapiemethoden welche Werte implizit oder explizit setzen. Völker (1980) setzt sich mit dem Thema „Wissenschaft als Wertsystem“ auseinander und betont in Anlehnung an Rogers (1965), daß das Bild von einer Wissenschaft, die ausschließlich verläßliche und gültige Aussagen zusammenträgt, eines der grüßten Hindernisse für den Erkenntnisfortschritt darstellt. Dieses Wissenschaftsbild verdeckt nämlich die Tatsache, daß wissenschaftliche Arbeit das Werk von Menschen mit all ihren Wünschen, Hoffnungen und Befürchtungen ist und daher der gesamte Prozeß wissenschaftlichen Arbeitens mit subjektiven Urteilen und Irrtümern behaftet sein kann. „Aufgabe der wissenschaftstheoretischen Diskussion ist es, diese impliziten Annahmen explizit offenzulegen, um sie so der Reflexion und der Kritik zugänglich zu machen, so daß eine Korrektur dieser Ausgangshypothesen möglich ist.“ (Völker, 1980, S. 24).
Stellen Sie sich vor, daß Sie zu Fuß oder mit Ihrem Auto unterwegs sind. Es ist zwei Uhr in der Nacht. Sie kommen an eine Kreuzung. Die Ampel dort zeigt lange „Rot“. Weit und breit ist kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen. Bleiben Sie vor der Ampel stehen? oder fahren Sie trotz „Rot“ weiter? Warten Sie, bis es „grün“ wird? Ich mache diese Imaginationsübung gerne mit den Teilnehmern von Ethikseminaren im Rahmen des Psychotherapeutischen Propädeutikums. Die Antworten auf die Frage: „Bleiben Sie vor der Ampel stehen oder fahren Sie weiter?“ — lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:
Der folgende Beitrag wurde in der Absicht geschrieben, Propädeutikumsteilnehmer1 und angehende Psychotherapeuten aller fachspezifischen psychotherapeutischen Ausrichtungen zur Diskussion über ethische Fragen des Erstgesprächs anzuregen und dazu Anhaltspunkte zu liefern.
Ein in der einschlägigen Fachliteratur zum Teil immer noch vernachlässigtes Thema ist das des Umgangs mit Fehlern in der Psychotherapie. Dabei mag es unterschiedlich sein, was in welcher Psychotherapiemethode ein Fehler oder durch die Methode bzw. durch den Umgang mit der jeweiligen Methode „bevorzugte“ bzw. eher „häufigere“ Fehler sind. Weiters mag es Fehler geben, die vielleicht eher ein Anfänger macht, und auch Fehler, die unabhängig von der Dauer der Berufserfahrung sein mögen und auch oder vielleicht gerade erfahreneren Psychotherapeuten* machen. So zum Beispiel schreibt Eckstein: „Der beginnende Analytiker mag sich als jemand sehen, der Patienten rettet, der überaus machtvoll sein muß, um Kranke aus ihrer Krankheit herauszuheben. Er ist versucht, direkte Methoden manipulativer Art anzuwenden, bis er lernt, die Psychoanalyse als einen kollaborativen Prozeß zu sehen, und nicht als autoritäre Manipulation des Patienten.“ (Eckstein, 1962, S. 160). Im folgenden sollen einige Beispiele der einschlägigen Fachliteratur angeführt werden, wo Hinweise auf mögliche Fehlerquellen in der Ausübung des psychotherapeutischen Berufs gegeben werden bzw. wo auch zum Teil geeignete Lösungen für den konstruktiven Umgang mit Fehlern auf Seiten des Psychotherapeuten vorgeschlagen werden. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Arbeit von Greenson im Bereich der Psychoanalyse, die ich im folgenden wegen ihres beispielhaften Charakters kurz zusammenfassen möchte.
Berufliches Handeln von Psychologen — sei es als Arbeits- und Organisationspsychologe, als Klinischer oder Gesundheitspsychologe, in der Schul- und pädagogischen Psychologie, forensischen Psychologie oder in Lehre und Forschung — ist geprägt von der Verantwortung, die der Psychologe gegenüber seinen Klienten/Patienten besitzt. Um helfen zu können, benötigt er ihr Vertrauen. Ethische und rechtliche Bestimmungen, wie sie in den verschiedenen Berufsordnungen für Psychologen dokumentiert sind, nehmen Bezug auf diese zahlreichen Tätigkeitsfelder in der Psychologie, beziehen aber auch den Stellenwert des Psychologen im öffentlichen Bewußtsein, in der Gesellschaft, ein.
Die inzwischen nahezu unübersichtlich gewordene Publikationsflut und Betriebsamkeit auf dem Gebiet der medizinischen Ethik oder auch Bioethik steht in einem seltsamen Wechselverhältnis zu ihrer Praktizierung.
Recht und Moral stehen im Sprachgebrauch des Alltags in enger Verbindung. Ganz besonders deutlich ist dies im Strafrecht, wo es um den Schutz von bestimmten Gütern geht, die in den Vorstellungen der Bürger durchwegs mit Werten verbunden sind, deren Befolgung diese als moralisch geboten erachten und deren Schutz sie, darüber hinaus, vom Staat erwarten. Man denke z.B. an den Wert des menschlichen Lebens einerseits und die rechtliche Lösung der Kollision zwischen dem Interesse der werdenden Mutter und dem heranwachsenden Leben des Embryos im Rahmen der sogenannten „Fristenlösung“1 andererseits. Moralische Vorstellungen, die als verpflichtend erlebt werden, finden sich aber genauso auch in den anderen Teilen der Rechtsordnung: Dies zeigt z.B. die enge Verbindung, in der die sogenannten „Sozialhilfegesetze“ der Bundesländer mit den verschiedenen Ausfaltungen der Idee der Gerechtigkeit2 stehen.3 Die sogenannten „Grundrechte“, die die Position der einzelnen gegenüber dem und im Staat festlegen, werden heute immer mehr auch rechtlich als Ausdruck von Werten verstanden, deren Verwirklichung moralisch gefordert sei. Die modernen Theorien der „civil society“4 legen eine ganz besonders starke Betonung auf die moralische Verpflichtung des einzelnen und des Staates zur Verwirklichung der Gemeinschaftswerte. Schließlich liegen moralische Fragen auch der Privatrechtsordnung5 zugrunde: Ist bzw. unter welchen Bedingungen ist der Markt ausreichend, um eine gerechte Verteilung von knappen Gütern zu gewährleisten? Die vielen staatlichen Eingriffe zum Schutze sonst strukturell schwächerer Positionen, etwa zum Zwecke des Konsumentenschutzes, sind allgemein bekannte Belege dafür.
Als berufliche Aufgabe der Psychotherapeuten gilt ganz allgemein, das Wohlbefinden ihrer Klienten erhöhen zu helfen. Wie aber steht es mit dem eigenen „Ist-Zustand“: der Art des gegenseitigen Umgangs und der unvoreingenommenen Wertschätzung von Therapeuten und Therapieschulen untereinander. Ist sie in „wohlem Befinden“? Ich erinnere mich, obzwar es einige Zeit her ist, noch recht gut an die diffusen, nicht greifbaren Spannungen hinter der Vereinsfassade, die uns Ausbildungskandidaten zu schaffen machte. Relevante Informationen wurden hintangehalten. Unsere Reaktion auf dieses Klima war ängstlich, ja paranoid, über alle Maßen zurückhaltend und nach außen hin zum Jasagen neigend, um keinen unserer Lehrer zu vergrämen. Alles deutet darauf hin, daß auch heute noch ähnliche Prozesse ablaufen. Zwar meint Fiedler (1994): „Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, daß die Zeit der Engstirnigkeit in den Psychotherapieschulen und auch die der Lehrmeister zu Ende geht.“ Wenn auch dieser Optimismus noch kräftiger Unterstützung bedarf, so mag es immerhin ein kleiner Fortschritt sein, daß die Thematik eher beim Namen genannt, als unter den Teppich gekehrt wird.
Die visionär angekündigte „Kommunikations-Gesellschaft“ (Habermas, 1990; Luhmann, 1968, 1984) ist natürlich noch lange nicht verwirklicht, aber sie hat im 20. Jahrhundert nahezu ihre Zivilisation gefunden: Technische Erfindungen (Telephon, Radio, Television, computervernetzte Informationssysteme) und weltumspannende Institutionalisierung (Internationale Konzerne, Börsen, Märkte und Normen) geben ein glänzendes Korsett kognitiver Bedingungen für ein sich mit sich selbst regelndes System der ewigen Wiederkehr mit abnehmender Störanfälligkeit. Was dabei aber zunehmend fühlbar wurde, ist die Abwesenheit komplex überlagerten Zufalls, was die Techniker „Rauschen“ nennen und zu unterdrücken trachten. Man fühlt sich in der Fülle des Angebots und der Wahlmöglichkeiten nicht mehr frei, sondern eingeengt, reglementiert. Es tritt eine zeittypische Neigung zu Verzicht auf die angebotene Beteiligung ein („Demokratiemüdigkeit“) und eine fast romantische Neigung zu den menschlichen Unvollkommenheiten (z.B. Verdrängungen und unscharfen Wahrnehmungen). Die Kommunikationsgesellschaft hat zwar ihre Zivilisation, nicht aber ihre Kultur gefunden. Der „Kulturkampf“ im eigentlichen Sinn, nämlich Kampf um menschliche Kultur, ist nach dem kurzen Anlauf der 68er steckengeblieben, weil er ideologisch nicht gewonnen werden kann.
Im Jahre 1966 erschien in der psychoanalytischen Zeitschrift „Psyche“ die Übersetzung eines Artikels von Berta Bornstein, in dem die psychotherapeutische Arbeit mit dem fünfeinhalbjährigen Frankie beschrieben wurde. Frankie litt seit zwei Jahren an starken Ängsten: „Er spielte gerne mit anderen Kindern und war inmitten der Spielgefährten freundlich und zugänglich, zog sich aber in Gegenwart von Fremden scheu zurück. Panik ergriff ihn, wenn seine Mutter oder Kinderschwester außer Sichtweite waren. Es kam sogar gelegentlich vor, daß Angstanfälle ihn überwältigten, wenn er zuhause mit dem Vater allein gelassen wurde“ (Bornstein, 1949, S. 722).
In mehreren psychotherapeutischen Schulen gibt es heute eine intensiver werdende Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, besonders in der Familentherapie. Die Erfahrung aus Lehrveranstaltungen mit Studenten und Familienberatern zeigt aber, daß es oft schwer fällt, Verbindungen und Zusammenhänge zwischen ethischen Prinzipien, technischen Regeln und praktischem Vorgehen in der therapeutischen Situation zu sehen.
250.000 Österreicher oder Österreicherinnen, das sind 2 bis 3% der Bevölkerung, sind alkoholkrank, 650.000 oder 13% der Erwachsenen Österreicher und Österreicherinnen gefährdet, alkoholabhängig zu werden. Sie trinken täglich mehr als 60 Gramm Alkohol, d.h. 3/4 Liter Wein oder 3 Flaschen Bier. Das sind Ergebnisse einer Umfrage des IFES Meinungsforschungsinstitutes, die gemeinsam mit dem Anton Proksch-Institut durchgeführt wurde. Jeder Österreicher oder jede Österreicherin, inkl. Kleinkinder und ältere Menschen, trinkt pro Jahr ca. 1201 Bier, 341 Wein und knapp 41 Schnaps. Da Alkohol auch ein Energieträger ist, könnte man auch so formulieren, daß der Österreicher ein Monat pro Jahr von Alkohol lebt (diese o.a. Menge entspricht dem durchschnittlichen Joule-Bedarf eines erwachsenen Mannes in einem Monat). 100.000 Österreicher oder Österreicherinnen sind medikamentenabhängig, weitere 10.000 i.v. drogenabhängig. Damit ist die Diagnose Abhängigkeit nicht nur in Österreich, sondern weltweit neben den psychosomatischen Erkrankungen jene psychiatrische Diagnosekategorie mit den höchsten Inzidenzraten. Damit sollten Abhängige neben Psychosomatikern eigentlich den größten Anteil an Hilfesuchenden auch in psychologischen und psychotherapeutischen Praxen darstellen.
Der Umgang mit Rauschdrogen ist seit Jahrtausenden ein Indikator für Gebote, Tabus und Normen unterschiedlicher Kulturen. Die Behandlung, insbesondere die psychotherapeutische Behandlung der Ursachen und der Folgen des Drogenkonsums, erfordert auch in diesem Kontext die Auseinandersetzung mit der ethischen Haltung zu diesem Phänomen und den Betroffenen.
Im vorliegenden Text soll der vielfältige Wechselbezug zwischen Psychiatrie und Ethik beschrieben werden und es sollen auf der Psychiatrie in diesem Kontext eigene Probleme genauer eingegangen werden.
Psychotherapie hat sich in Österreich nach langem, zähen Ringen im Rahmen eines Gesetzwerdungsprozesses als Behandlungsmethode auch rechtlich etabliert. Auch rechtlich zielt darauf ab, auf einen besonderen Umstand hinzuweisen, der, wie ich meine, zu wenig Beachtung findet.
Die Problematik der sogenannten sexuellen Mißhandlung von Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahren vehement ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Dies gilt sowohl für den wissenschaftlichen Diskurs1 als auch für die Populärmedien, die mit „Enthüllungen“ zum skandalträchtigen Thema für höhere Auflagen sorgen.2
Psychotherapie mit sexuell Mißbrauchten unterliegt ebenso der Machtproblematik wie jegliche beratende oder therapeutische Arbeit: es besteht einerseits die Gefahr, die Klientin, den Klienten im Parallelprozeß zu der zugrundeliegenden Problematik emotional oder sexuell zu mißbrauchen, andererseits, selbst mißbraucht zu werden. Bei der Arbeit an Erfahrungen sexualisierter Gewalt kommen aber die Überschneidungen mit dem „sozialen Ordnungssystem“ Strafrecht dazu.
Es wird immer wichtiger, über Fragen zur Ethik im Grenzbereich Krebsmedizin-psychotherapeutische Arbeit mit Tumorpatienten und deren Angehörigen nachzudenken.
Kaum jemand, der mit suizidgefährdeten Menschen zu tun hat, wird besondere Schwierigkeiten dabei haben, die Gründe und Motive, die zu Suizidgedanken und auch zu suizidalen Handlungen führen, zu verstehen, nachvollziehen zu können, gelegentlich auch zu billigen. Je mehr man sich in das Bedingungsgefüge vertieft, je besser man sich einfühlen kann, ja, je mehr dieses Gefüge auch der eigenen Persönlichkeit, Situation und Problemlage — auch der unbewußten Suizidalität — nahekommt, um so mehr werden wir geneigt sein, die Gründe für „gute Gründe“ zu halten und somit als freie Willensentscheidung — wenigstens im Rahmen jener Freiheitsgrade, die uns Menschen möglich sind. Wer würde nicht verstehen, daß Häftlingen in einem KZ der Suizid nähersteht als das Überleben, daß eine als Mutter der Nation gepriesene, plötzlich des Mißbrauchs der ihr anvertrauten behinderten Kindern Angeklagte und Inhaftierte ihrem Leben ein Ende setzt. Mancher mag dabei empfunden haben, daß diese nur konsequent den sozialen Tod durch den körperlichen nachvollzieht. Manche, daß diese Frau, da es in Osterreich keine Todesstrafe gibt, diese als für sich einzig richtige erkannte, manche, daß sie sich dadurch der „irdischen Gerechtigkeit“ entzogen hat und hoffentlich auch manche, daß sie ihre Krise bedauerlicherweise nicht anders bewältigen konnte. Was ist mit Jan Palach, der sich aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen öffentlich verbrannte, was mit einem Menschen, der sich dafür opfert, daß andere überleben können. Woher nehmen wir das Recht, jemandem, der durch seine Tat, in diesem Fall durch den Suizidversuch, deutlich machte, nicht mehr leben zu wollen, wieder ins Leben zurückzuholen und nicht einfach den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Im Kontakt mit Suizidgefährdeten kommt es immer wieder zu Interaktionsproblemen, die im folgenden kurz dargestellt werden sollen: Stellt generell der Tod des Patienten für den Behandler eine schwere (narzißtische) Kränkung dar, so trifft dies in noch weit höherem Maße bei Suizid zu. Der Suizidgefährdete stellt weiters die Kompetenz des Helfers in Frage und ist nicht selten eine Bedrohung insofern für ihn, als er dessen (oft verborgene) Suizidalität aktivieren kann. Daraus entsteht dann in der Interaktion nicht selten ein Machtkampf, der der Resignation der Betroffenen Vorschub leistet. In Tabelle 1 sind einige Gefahren aufgelistet, die es unmöglich machen, Suizidalität zu bearbeiten (1–6 und 9) und/oder die Beziehung schwer belasten bzw. unmöglich machen (insbes. 2, 7 und 8).
Die Frage, ob es so etwas wie eine feministische Ethik gibt und was Inhalt und Ziel einer solchen Ethik sein könnte, die vom Ort der Frau aus ethische Ansätze neu überdenkt, wird seit einigen Jahren sehr heftig diskutiert (Gilligan, 1984; Schiele, 1991; Nagl-Docekal et al., 1993). Es handelt sich um eine Ethik des anderen Blicks und der Neubesinnung auf die Macht- und Herrschaftsbeziehungen zwischen den Geschlechtern, ein Nachdenken über die Grundwerte einer Gesellschaft, die je nach Geschlecht Verschiedenes bedeuten. Sie weckt ein Bewußtsein für die sexistischen und rassistischen Strukturen in der Gesellschaft und verweist auf die vielfältigen Unterdrückungszusammenhänge, Entmündigungen und Instrumentalisierungen von Frauen. Feministische Ethik versteht sich als eine kritische Ethik mit einem emanzipatorischen Auftrag, die nicht nur bewußt machen und Mißstände aufdecken will, sondern die auch praxisorientiert ist und Handlungs- und Veränderungsperspektiven aufzeigt. Es wird eine Ethik der Solidarität gefordert, die eine Überwindung der strukturellen Ungerechtigkeiten anstrebt (Lang, 1991).
Seit sich die ersten Menschen zu sozialen Einheiten zusammengeschlossen haben, haben sie auch Reaktionsmechanismen gegen diejenigen entwickelt, die schwere gesellschaftliche Verstöße begangen haben. Von den Uranfängen religiös und metaphysisch begründeter Straftheorien haben sich bis ins 20. Jahrhundert herauf eine große Menge von Straftheorien bzw. Strafzwecktheorien entwickelt, die Antwort auf die Frage zu geben versuchen, wie die Gesellschaft auf schwere Gesellschaftsverstöße zu reagieren hat bzw. reagieren soll.
Die historische Entwicklung zum System der Zweispurigkeit von Strafen und vorbeugenden Maßnahmen stützt sich auf eine lange Reformtradition. Schritt für Schritt wurde das Rechtsfolgensystem des Strafgesetzbuches (1852), welches von Abschreckungs- und Vergeltungsgedanken geprägt war, dem modernen Strafrecht angepaßt. Sie waren 1975 mit dem Inkrafttreten des neuen Strafgesetzbuches beendet.
Im folgenden soll ein Fallbeispiel dargestellt werden, in dem ein Straftäter zu einer relativ kurzen Haftstrafe (2 Jahre) und zur Unterbringung nach § 21/2 StGB verurteilt wurde. Anhand der Schilderung des therapeutischen Prozesses soll auf vorher eingehend beschriebene Problemkonstellationen noch einmal konkret eingegangen werden.
In der monodramatischen Falldarstellung eines Langstrafigen werden im ersten Teil die biographischen Hintergründe erhoben. Im zweiten Teil wird eine Therapiestunde dargestellt, die nach der monodramatischen Methode aufgezeigt wird und wobei soziometrische Mittel eingesetzt werden.
Werte spielen als Beweggründe, Entscheidungs- (bzw. Selektions-) kriterien und als Ziele eine unersetzbare Rolle und beeinflussen permanent unser Bewußtsein, Erleben und Verhalten. Hinsichtlich des Bewußtseins stellen Werte Filter dar, die das Feld der Aufmerksamkeit bzw. Wahrnehmung bestimmen und strukturieren. Hinsichtlich des Erlebens sind Werte Konnotatoren, Bedeutungsverleiher, die das psychisch Gegebene erlebnisintensitätsmäßig strukturieren. Hinsichtlich des Verhaltens sind Werte Potentiale (d.h. Spannungsrichtungen) für den engagierten Umsetzprozeß von Bewußtsein und Erleben in Handlungen.
Unter Supervision wird die methodische Reflexion beruflichen Handelns verstanden. Sie dient vor allem der Qualitätssicherung, allgemein der Optimierung von Prozessen, aber auch der Psychohygiene. Teilweise wird sie als Fortbildung verstanden. Supervision meint in diesem Aufsatz zunächst Supervision in Ausbildungszusammenhängen, d.h. vor allem im Rahmen der Psychotherapieausbildung. Nach dem österreichischen Psychotherapiegesetz (BGBl. Nr. 361/1990) ist „Lehrsupervision“ oder „Kontrollsupervision“ Bestandteil der Ausbildung.
Mit dem Inkrafttreten des österreichischen Psychotherapiegesetzes im Jahre 1991 wurde die Psychotherapie, wie auch die Ausbildung zum Psychotherapeuten aus dem unkontrollierten „Graubereich“ und dem alleinigen Einfluß von Vereinen und Einzelpersonen herausgeführt. Mit dieser Professionalisierung wurde damit der äußerst sensible Bereich der Psychotherapieausbildung zu einer staatlich anerkannten und überprüften Berufsausbildung verändert und unter eine verbesserte öffentliche Kontrolle gestellt.
Mit wenigen Worten beauftragt das Psychotherapiegesetz (in den §§ 4 und 7) „privat- oder öffentlich-rechtliche Einrichtungen“ mit der Durchführung der Ausbildung zum Psychotherapeuten. Dort, wo Ausbildungsteile — was vor allem auf das Propädeutikum zutreffen wird — von öffentlich-rechtlichen Trägern, vor allem einer Universität, angeboten werden, wird auch das Verhältnis zwischen der Einrichtung und ihren Ausbildungskandidaten weitgehend durch Quellen des öffentlichen Rechts normiert sein. Die rechtlichen Spielräume, aber auch damit in Zusammenhang stehende Unsicherheiten der Akteure dürften relativ gering sein, der Kandidat fährt auf den eingefahrenen Geleisen des Universitätsrechts dem jeweiligen Ausbildungsziel entgegen.
Die dem Psychotherapeuten im Rahmen einer Psychotherapie anvertrauten Geheimnisse von Minderjährigen sind prinzipiell genauso schützenswert wie die von Erwachsenen und dürfen nicht weitergegeben werden. Der Schutz des Vertrauensverhältnisses steht in jedem Fall im Vordergrund.
Wir können bestimmte Normen, denen wir einen allgemein gültigen Wert zuweisen, zur Grundlage unseres Handelns machen (Gesinnung, aus der die Handlung hervorgeht), wir können zweckgerichtet unser Handeln einsetzen (Ausrichtung auf einen bestimmten Erfolg), oder wir können als Grundlage unseres Handelns eine Vereinbarung treffen, die wir untereinander abstimmen (Vertrag). Diese drei Möglichkeiten erfassen im Hinblick auf ethische Gesichtspunkte den formalen Aspekt der Ethik, Inhalte sind dabei noch keine definiert.
Seit Juli 1993 untersuchen wir im Rahmen des Instituts für Psychotraumatologie in Freiburg im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend epidemiologische und forensisch-psychologische Aspekte sexueller Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Die Untersuchung stützt sich auf Interviews mit ehemaligen Psychotherapiepatientinnen und -patienten, die sich freiwillig gemeldet und „sexuelle Kontakte“ mit Therapeuten bzw. Therapeutinnen angegeben hatten, sowie auf Fragebögen mit geschlossenen und offenen Fragen, die den Betroffenen vorgelegt wurden.
Wir sind in Gefahr, eine Generation zu werden, die mit nichts mehr zu schockieren ist. Wir sehen Nahaufnahmen vom Töten und Sex auf unseren Fernsehschirmen, in Zeitungen und Zeitschriften. Sind wir fähig, über sexuellen Mißbrauch von Kindern und Klienten zu sprechen, weil wir aufgeklärt sind oder weil wir gegen das Leiden abgehärtet sind?
Anknüpfend an den Beitrag des britischen Psychotherapeuten Michael R. Pokorny1 soll nunmehr die Problematik aus rechtlicher Sicht beleuchtet werden.
Im Anschluß an das Scheitern des Gesamtvertrags kam es zu Forderungen von seiten der Krankenkassen nach Berichten über psychotherapeutische Behandlungen. Aus diesem aktuellen Anlaß heraus setzen wir uns mit diesem brisanten Thema auseinander, wohl wissend, daß rascher Handlungsbedarf herrscht und vielleicht die berufspolitische Lösungssuche zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels bereits einen Schritt weiter sein wird.
Mit der 50. Novelle zum ASVG (bzw. mit den Parallelnovellen zum GSVG, BSVG sowie B-KUVG) — Inkrafttreten 1. Jänner 1992 — wurde vorgesehen (§ 135 Abs. 1 Z. 3 ASVG), daß im Rahmen der Krankenbehandlung eine psychotherapeutische Behandung durch Personen, die gemäß § 11 des Psychotherapiegesetzes zur selbständigen Ausübung der Psychotherapie berechtigt sind, der ärztlichen Hilfe gleichgestellt ist. Dies allerdings nur dann, wenn nachweislich vor oder nach der ersten, jedenfalls vor der zweiten psychotherapeutischen Behandlung innerhalb desselben Abrechnungszeitraumes eine ärztliche Untersuchung (§ 1 Abs. 2 Z 1 des Ärztegesetzes 1984, BGB1. Nr. 373) stattgefunden hat. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, daß Psychotherapie schon vor der 50. ASVG-Novelle auf Kassenkosten in Anspruch genommen werden konnte; beispielsweise bei Vertragsärzten oder in eigenen Einrichtungen der Krankenversicherungsträger.
Durch die 50. Novelle zum Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz (ASVG) bzw. die entsprechenden Novellen zum Gewerblichen Sozialversicherungsgesetz, Bauern-Sozialversicherungsgesetz und Beamten-Kranken- und Unfallversicherungsgesetz wurde die psychotherapeutische Behandlung durch Personen, die gemäß § 11 des Psychotherapiegesetzes, BGB1. Nr. 361/1990, zur selbständigen Ausübung der Psychotherapie berechtigt sind, der ärztlichen Hilfe gleichgestellt, wenn nachweislich vor oder nach der ersten, jedenfalls vor der zweiten psychotherapeutischen Behandlung innerhalb desselben Abrechnungszeitraumes eine ärztliche Untersuchung (§ 1 Abs. 2 Z 1 des Ärztegesetzes 1984, BGB1. Nr. 373) stattgefunden hat (vgl. § 135 Abs. 1 Z 3 ASVG).
Was zur Mechanisierung führt, ist auch die Tatsache, daß der moderne Mensch für den Krankheitsvorgang keine Zeit mehr hat. Dieser ist ein lebendiges Geschehen, das sich entwickeln muß, wenn es wirklich aufgearbeitet werden soll. Ja er ist nicht nur das, sondern ein menschlich-personelles Geschehen, in welchem die Biographie des betreffenden Kranken steckt; so-daß die Krankheit, sobald sie irgend tiefer geht, nur von dorther wirklich überwunden werden kann. Statt dessen wird sie als ein dinglicher Zustand genommen, mechanisch-chemisch beseitigt. Die leitende Vorstellung und Form des Verhaltens sind jenen ähnlich, mit denen ein Apparat repariert wurde. Dabei muß das Ganze immer mehr zu einer Beseitigung der Symptome, statt des inneren, sie tragenden Schadens werden.
Mit dem Inkrafttreten des Psychotherapiegesetzes sind die Psychotherapeuten aus der Grauzone der „Kurpfuscher“ herausgetreten. Die Psychotherapie wurde als Wissenschaft anerkannt, und die Berufspflichten der Psychotherapeuten wurden gesetzlich verankert. Psychotherapeuten ist es seither möglich, sich und ihr Angebot offen zu deklarieren. Klienten bzw. Patienten haben dadurch die Möglichkeit, sich besser zu orientieren.
Im vergangenen Jahr war die Standeskommission des Schweizer Psychotherapeuten-Verbandes (SPV/ASP) stark mit Pressemeldungen über sexuelle Übergriffe in Psychotherapien beschäftigt. Solche Pressemeldungen sind nicht neu, jedoch erneut wellenartig aufgetreten. Unser konkreter Umgang mit dieser Situation war wie folgt: Wir haben die Medien gebeten, nicht sensationslüstern zu berichten und bei entsprechenden Berichten gleichzeitig zu erwähnen, wo sich geschädigte Opfer hinwenden können. Unsere zwei wichtigsten Botschaften waren erstens, daß sexuelle Übergriffe durch nichts zu entschuldigen sind und einen schwerwiegenden Betrug darstellen, und zweitens, daß die Standeskommission solche Therapeuten keinesfalls schützt.
In diesem Beitrag soll der Diskussionsstand in Österreich zum Thema Beilegung von Beschwerden durch Beschwerde- und Schlichtungsstellen sowie Schlichtungskommissionen, die durch die psychotherapeutischen Berufsverbände (den „Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie“ [ÖBVP] bzw. der Landesverbände) errichtet werden sollen, wiedergegeben werden. Dazu wird ein Konzept vorgestellt, das von einer vom Wiener Landesverband für Psychotherapie (WLP) mit der Erstellung beauftragten Arbeitsgruppe erarbeitet wurde; die Arbeitsgruppe bestand aus Dr. Reinhardt Lobe, Dr. Claudius Schnieder-Stein, DDr. Wolfgang Till, DSA Ingrid Farag und Dr. Adelheid Wimmer. Dieses Konzept wurde von der Bundeskonferenz des österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP) angenommen und den Landesverbänden als Grundlage für die Errichtung von Beschwerde- und Schlichtungsstellen empfohlen.
Das Konzept einer Beschwerdestelle, einer Schlichtungsstelle und einer Schlichtungskommission des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie (WLP) war von einer Arbeitsgruppe, die ich leitete, bis Ende 1994 erstellt (wie an anderer Stelle in diesem Buch durch A. Wimmer ausgeführt). Im Jahr 1994 wurden die Beschwerden vorerst von mir als Vorstandsmitglied des WLP entgegengenommen und nach Ermessen bearbeitet. Dies wurde im Rahmen meiner Vorstandstätigkeit ehrenamtlich bewältigt und ist m.E. unter dem Gesichtspunkt der Selbstausbeutung nicht länger vertretbar. Derzeit treten wir für die nötigen Ressourcen ein, damit unser 1994 erstelltes Konzept im WLP realisiert werden kann (Stand Juli 1995).
Anläßlich der 5. Jahreskonferenz der „European Association for Psychotherapy“ wurde ich gebeten, für diesen Band noch kurz vor Redaktionsschluß einen Beitrag zur gegenwärtigen Situation der Psychotherapie in Deutschland zu schreiben. Es hatte sich bis dahin kein Vertreter aus Deutschland gefunden, der diese undankbare Aufgabe übernehmen wollte, vermutlich, weil die derzeitige Situation sehr kompliziert ist. So habe ich versucht, in der Kürze der Zeit einige wichtige Aspekte zusammenzutragen, und es war auch für mich keine leichte Aufgabe, da die Situation in Deutschland äußerst unübersichtlich ist.
Vorjustiziable Hilfe bei Problemen in. der Psychotherapie durch Finn ch.tung von Schieds-, Beschwerde- und Beratungsstellen für Klientinnen.
... Als vorgelagerte Arbeiten in diesem Sinn zu thematisch einschlägigen bzw. verwandten Feldern erwähne ich hier beispielsweise die Sammelbände zum Krankheitsbegriff in der Psychotherapie (Pritz & Petzold 1992), zur Psychotherapie als Wissenschaft (Pritz 1996), zu Fragen der Ethik in der Psychotherapie (Hutterer-Krisch 1996), zur Diagnostik in der Psychotherapie (Laireiter 2000) und zum Sonderbereich des psychotherapeutischen Gutachtens (Lanske & Pritz 2002). ...
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ENGLISH: The article presents and discusses the basic assumptions and constructs for the diagnostic process in the understanding of Gestalt Theoretical Psychotherapy. DEUTSCH: In seiner 44. Vollsitzung vom 8. Juni 1999 beauftragte der Psychotherapie-Beitrat einen Forschungsausschuss mit der Erarbeitung von Leitlinien für eine eigenständige psychotherapeutische Diagnostik unter Praxisbedingungen. Diese Leitlinie liegt nun seit 15. Juni 2004 vor und wird demnächst zusammen mit verschiedenen Kommentaren in einem Sammelband veröffentlicht werden. Gerhard Stemberger hat uns seinen Beitrag schon vorab zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. In Gerhards Beitrag gibt es naturgemäß Verweise auf diese Leitlinie, die die meisten von uns noch nicht die Gelegenheit hatten, selbst zu lesen. Wir haben dennoch beschlossen, diese Kommentare nicht zu streichen. Zum einen, weil sie sehr interessante und aufschlussreiche Kritikpunkte enthalten (nicht nur zur Leitlinie), zum anderen, um vielleicht auch Interesse an der Leitlinie selbst zu wecken. Wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen (auch so ein Artikel kann Vergnügen bereiten) und danken nochmals Gerhard Stemberger. Für die Erarbeitung der vom Forschungsausschuss des Psychotherapie-Beirates vorgelegten "Diagno-stik-Leitlinie" gebührt allen Kolleginnen Dank und Anerkennung, die daran im methodenübergreifen-den Dialog mitgewirkt haben. Vor allem sind auch ihr Mut und ihre Zurückhaltung zu würdigen: Ihr Mut, sich mit einem zwangsläufig vorläufigen Arbeitsergebnis zur Formulierung methodenübergrei-fender Grundsätze für die psychotherapeutische Diagnostik zu exponieren und damit einen konkreten Vorschlag zur Diskussion und Überprüfung vorzulegen; sowie ihre Zurückhaltung gegenüber der Ver-suchung, vorschnell die Erhebung dieser Vorlage in den Rang einer verpflichtenden Richtlinie zu betreiben. Die Leitlinie steht in einer guten Tradition in Österreich: Den historisch gewachsenen Reichtum der vielfältigen methodischen Ansätze in der Psychotherapie weder einem Kahlschlag zugunsten einiger weniger vermeintlich "besonders ökonomischer" oder "einzig wirksamer" Ansätze zu opfern, noch die zunehmenden Konvergenzbewegungen dieser verschiedenen Ansätze als Beweis für die Überholtheit der psychotherapeutischen Schulen anzusehen und sie vorschnell zu einer Einheitspsychotherapie gleichschalten zu wollen. Stattdessen hat sich hierzulande der Weg des respektvollen und behutsamen Auslotens des Entwicklungspotentials durchgesetzt, das in der Weiterentwicklung der besonderen Blickwinkel und der Übereinstimmungen zwischen den verschiedenen Schulen steckt, unter Einbezie-hung der Ergebnisse und Blickwinkel angrenzender Wissenschaften. Als vorgelagerte Arbeiten in die-sem Sinn zu thematisch einschlägigen bzw. verwandten Feldern erwähne ich hier beispielsweise die Sammelbände zum Krankheitsbegriff in der Psychotherapie (Pritz & Petzold 1992), zur Psychothera-pie als Wissenschaft (Pritz 1996), zu Fragen der Ethik in der Psychotherapie (Hutterer-Krisch 1996), zur Diagnostik in der Psychotherapie (Laireiter 2000) und zum Sonderbereich des psychotherapeuti-schen Gutachtens (Lanske & Pritz 2002).
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Die Sektion Klinische Psychologie der American Psychological Association (APA) hat Mitte März 1994 einen Bericht (Hahlweg 1995) der „Arbeitsgruppe zur Förderung und Verbreitung psychologischer Verfahren“ vorgelegt, der das Problem der Qualitätssicherung wie folgt zu lösen versucht hat. Zunächst werden drei Qualitätsklassen unterschieden: (1) Therapien mit gut belegter Wirksamkeit (2) Wahrscheinlich wirksame Therapien (3) Experimentelle Therapien
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The Diagnostic Understanding of Gestalt Theoretical Psychotherapy: In accordance with the basic thoughts of the Guideline, Gestalt Theoretical Psychotherapy acts on the conviction that diagnostic revelations and therapeutic change processes are inseparable. Even if each of them is related to different functions and thus to particular demands, an efficient patient support requires the professional and proper interplay of discovery and change processes throughout her therapy. Each new discovery is per se related to a change and may set off a series of further changes, which may again trigger off new discoveries. As widely known, this may also happen when this whole process and this cause-and-effect-relation are neither intended, nor planned, nor insightfully administered or understood. The authors of the Guideline are, therefore, right to not only ascertain the fact that discovering and changing in psychotherapy are joint and intertwining processes, but also to postulate that the psychotherapist has to work on this intertwining process consciously and deliberately, guided by and in accordance with her particular scientific-methodological approach. Even in the diagnostic strand of psychotherapeutic work, Gestalt Theoretical psychotherapists let themselves be guided by the “characteristics of working at the living”, as they were elaborated by Wolfgang Metzger (1962) and transferred to psychotherapeutic applications by Hans-Jürgen P. Walter (1977). Simultaneously, essential anthropological, epistemological and ethical home positions of Gestalt theory are concisely expressed therein. I am going to mention them briefly, reformulating them in reference to the diagnostic remit. By doing so, the accordance with the major viewpoints of the Guideline in the description of diagnostic processes in psychotherapy should become apparent.
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Es ist eine Herausforderung unserer Zeit, sich mit den verãndernden und zum Teil widerspruchlichen Werte unserer pluralistischen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Unsere Zeit „schreit“ förmlich nach Werten. Die naturlichen Reserven der Erde werden durch menschliche Ausbeutung zunehmend erschöpft. Unsere Zeit ist gekennzeichnet durch uberbevölkerung, uberbebauung, Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit, Ungleichheit der Ressourcenverteilung, wachsende Kriminalit ät, Drogenkonsum, uberhöhte Wohnungspreise und Öbdachlosigkeit. Gefuhle der Verdrängung und Entfremdung, der Isolation und Nutzlosigkeit sind im Zunehmen. Es ist eine Zeit, in der viele Menschen nicht mehr wissen, wo sie hingehören, wofur sie leben, mit welchem Ziel sie leben. Neben psychischen Krankheiten sehen wir das Bild einer Zeit, die um fur die Probleme dieser Zeit geeignete Werte kämpfen muß. Die Probleme haben sich im Laufe der letzten hundert Jahre massiv verschoben. Während Sigmud Freud und andere Pioniere der Psychotherapie sich mit der puritanischen Denkweise der Jahrhundertwende beschäftigten und ihren Einfluß auf seelische Störungen erkundeten, haben in der Zwischenzeit zwei Weltkriege, industrieller Aufschwung und soziale, sexuelle und technologische Entwicklungen in ungeheurem Ausmaß grundlegend zur Veränderung der „gelebten“ Werte unserer Gesellschaft beigetragen.
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Besondere Form des emotionalen Mißbrauchs, die nicht selten und nicht leicht erkennbar sein dürfte: jede Interaktion in der Psychotherapie, die in erster Linie der narzißtischen Gratifikation des Psychotherapeuten dient und dabei die Entfaltung der Probleme des Patienten erschwert. Sichtbare Anzeichen dafür können sein: zahlreiche Höflichkeiten, lange stagnierende Phasen in der Psychotherapie, kaum oder keine realen Veränderungen. Psychodynamischer Ausdruck: z. B. häufig Idealisierungen des Psychotherapeuten, symbiotische Wünsche von beiden Seiten (vgl. Reimer, 1990). Die Lebensgeschichte des narzißtischen Menschen ist durch Benutzung und / oder Demütigung in engen persönlichen Beziehungen charakterisiert.
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Kann als ein Phänomen der Therapeut-Klient-Interaktion auftreten, wenn seitens des Therapeuten ein Umgang mit dem Patienten intendiert ist, der als unangemeßen und zwar hinsichtlich der Emotionen (a) des Patienten bzw. (b) des Therapeuten zu bewerten ist. Im Fall von (a) kommt es zu einem Ausnützen z. B. positiver übertragungsgefühle (etwa zur therapeutisch ungerechtfertigten Therapieverlängerung), im Fall von (b) zu Therapiegestaltungen, die der Bedürfnisbefriedigung des Therapeuten dienen (in diesem Sinn äußeren sich auch die ethischen Richtlinien des EAP; vgl. Hutterer-Krisch, 1996: 648). In einem weiteren Sinn liegt emotionaler Mißbrauch auch beim Instrumentalisieren von Emotionen des Patienten zum Erhalten von Informationen oder Indoktrinieren bestimmter Auffaßungen vor.
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Der Tugendbegriff stammt aus dem begrifflichen Arsenal der Ethik, die im psychotherapeutischen Bereich (in Deutschland) so gut wie gar nicht gelehrt wird und nur wenig bekannt ist. Nach aller Erfahrung muss davon ausgegangen werden, dass ein Gespräch über Tugenden weit verbreitet Gefühle der Unsicherheit und des Zweifels, ja sogar der Ablehnung auslöst und dass der Begriff Ethik höchst unterschiedlich ausgelegt wird. So einfach es erscheinen mag, nun Tugenden zu benennen und über ihre Eignung für unsere Berufspraxis zu debattieren, so problematisch erscheint es zugleich, voraussetzungslos in eine solche Auseinandersetzung einzusteigen.
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Seit dem Erscheinen der Erstauflage dieses Buches sind fünf Jahre vergangen, und die Aufgabe, „Neue Entwicklungen und Trends der Klinischen Psychologie“ darzustellen, machte es notwendig, bis auf wenige Passagen einen mehr oder weniger völlig neuen Artikel zu schreiben. Die Klinische Psychologie hat eine Tradition von inzwischen 100 Jahren, und auch der Wechsel in ein neues Jahrtausend hat nach sich gezogen, vermehrt über die Identität dieses Faches nachzudenken. Zudem sind die Zeit schnelllebiger und der Kostendruck im Gesundheitswesen höher geworden, und dies hat auch Auswirkungen auf die psychologische Versorgung der Menschen. Kürzere, ökonomische Behandlungssettings, die einer guten Effizienzprüfung und Wirkfaktorenanalyse unterzogen wurden, finden zunehmend Beachtung. Es ist jedoch nicht nur die zeitliche Komponente zu berücksichtigen, ebenso hat sich die Art der Vermittlung verändert: Die so genannten „neuen Medien“, Internet und World Wide Web (WWW), haben auch in die Klinische Psychologie Einzug gehalten. Welche Konsequenzen dies auf längere Sicht haben wird, ist noch nicht abzuschätzen, aber der Einfluss auf Kontaktaufnahme, den Wissens- bzw. Informationserwerb sowie die Herstellung von Beziehungen über diesen Weg ist aus unserer heutigen Welt nicht mehr wegzudenken. In der Wissenschaft ganz allgemein lässt sich ein Trend hin zu biologisch orientierten Ansätzen beobachten, und dies spiegelt sich auch in der Psychologie wider. Die Silbe „Neuro“ voranzustellen ist Mode geworden, aber das alleine ändert Erklärungsmodelle, Diagnostik- und Behandlungsansätze noch nicht. Der Einsatz bildgebender Verfahren, die es ermöglichen sollen, „dem Gehirn beim Denken und Problemlösen zuzuschauen“, ist zweifelsohne faszinierend. Bis es allerdings auf diesem Weg gelingen wird, das komplexe therapeutische Geschehen fassbar und die Effizienz nachweisbar zu machen, wird es wohl noch einige Zeit dauern, und selbst dann wird damit die Frage noch nicht beantwortet sein, was tatsächlich diese Veränderungen herbeigeführt hat und wie stabil sie sind. Wir haben das ungeheure Glück und Privileg in unserem Land seit langem in Frieden zu leben, wir können ein weitgehend abgesichertes Leben führen und haben im Zuge dessen aber vielleicht verlernt mit Notfällen und Katastrophen umzugehen. Dieser Themen nimmt sich die Psychologie vermehrt an, arbeitet Modelle und Betreuungsangebote aus und findet Zugänge, die in den Konzepten, aber auch Diagnosekriterien vor wenigen Jahren noch nicht enthalten waren. Wie so häufig in der Klinischen Psychologie wirft das die Fragen auf: Hat es diese Stö
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Die Wissenschaft Psychologie hat unterschiedlichste Behandlungsmethoden entwickelt, die charakterisiert sind durch den Einsatz psychologischer Mittel, d.h. Methoden, die im Erleben und Verhalten ihren Ansatzpunkt haben. Innerhalb der Psychologie unterscheiden wir heute vielfach in Anlehnung an die drei großen Anwendungsbereiche die arbeits- und organisationspsychologischen, die pädagogisch-psychologischen und die klinisch-psychologischen Interventionsmethoden (vgl. Amelang, Zielinski 1997), die sich teilweise überlappen. Je nach Auflösungsgrad lassen sich weitere Interventionsfelder definieren mit den dazugehörigen Interventionsmethoden, so neuropsychologische Intervention, psychologische Intervention im forensischen Bereich usw. Das breiteste und nicht so leicht überschaubare Spektrum von Interventionsmethoden stellt der Bereich der klinisch-psychologischen Behandlungsmethoden dar. Im Folgenden soll dieser Bereich vertieft werden (s. Perrez, Baumann 1998a,b); in diesem Beitrag verwenden wir die Begriffe Intervention und Behandlung synonym (teilweise wird in der Literatur der Begriff Behandlung auch als Synonym für Therapie verwendet).
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Ist ein ursprünglich in der Rechtssprechung verwendeter Terminus, der eine Antwort auf eine Anklage darstellt; dabei geht es um das Rechenschaftgeben für ein bestimmtes Handeln oder für dessen Folgen. Verantwortung bezeichnet eine dreistellige Beziehung: 1. die Zuständigkeit von Personen, 2. für übernommene Aufgaben bzw. für das eigene Tun und Lassen 3. vor einer Instanz, die Rechenschaft fordert (z. B. Mitmenschen, Gericht, Gewissen, Gott). Als soziale Beziehungsstruktur beinhaltet Verantwortung daher einen Träger, einen Bezugspunkt (Verantwortung für Personen oder Sachen) und eine Legitimationsinstanz (Verantwortung vor Personen, Institutionen, Gott). Verantwortung setzt Mündigkeit voraus, d. h. die Fähigkeit, das eigene Handeln frei zu bestimmen und dessen Folgen abzusehen.
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Zusammenfassung Es wird ein Modell der Ethikkonsultation vorgestellt, das wir im Bereich der Kinderpsychiatrie und Psychotherapie entwickelt und erprobt haben. Ausgangspunkt war die Suche nach einer Arbeitsform, die den beteiligten professionellen Kreisen vertraut ist und eine Nhe zu diskursiven Verfahren der Ethik aufweist. Dafr haben wir die Vorgehensweise des reflektierenden Teams gewhlt und fr unsere Fragestellung modifiziert. Der Konsultationsproze gliedert sich in 3 Phasen: 1. Prsentation des Problems, 2. Reflexion zunchst unter therapeutischer, dann unter ethischer Perspektive und 3. Evaluation der Reflexionen durch die Fallprsentatorin/den Fallprsentator und das gesamte Konsultationsteam. Das Modell bietet damit die Mglichkeit, sowohl ethische Dilemmata zu errtern als auch zwischen behandlungstechnischen und ethischen Problemen zu unterscheiden. Gleichzeitig werden ethische Grundprinzipien auf den Konsultationsproze selbst angewandt. Summary We present a model of case-related ethical reflexions developed and evaluated in the fields of child psychiatry and psychotherapy. Basically we looked for an approach which contains two aspects: familiarity to the professionals involved and proximity to discursive forms of ethical considerations. Therefore, the reflecting team approach seemed appropriate. We divided a modified version into three phases: (1) Presentation of the problem; (2) therapeutic and ethical reflexions; (3) evaluation of the reflexions. This model offers the opportunity to discuss ethical dilemmas as well as to discriminate between therapeutic and ethical problems. At the same time, basic principles of ethics are applied to as well as considered in the consultation process itself.
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