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Kein Ende in Sicht. Rezension zu Wolf-Dieter Narr: Niemandsherrschaft.

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Kein Ende in Sicht. Rezension zu Wolf-Dieter Narr: Niemandsherrschaft.

Abstract

Wie etwas loswerden, in das man heillos verstrickt ist? Herrschaftskritik ist ein mühsames Geschäft – und trotzdem bitter nötig. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1442
Kein Ende in Sicht
Wolf-Dieter Narr
Niemands-Herrschaft
Eine Einführung in Schwierigkeiten, Herrschaft zu begreifen
Wie etwas loswerden, in das man heillos verstrickt ist?
Herrschaftskritik ist ein mühsames Geschäft – und trotzdem bitter
nötig.
Rezensiert von Simon Schaupp
Geschrieben in den 1980er Jahren, hat Wolf-Dieter Narrs Buch
„Niemandsherrschaft. Eine Einführung in Schwierigkeiten Herrschaft zu begreifen“
nun seinen Weg in die Druckereien gefunden. Das ist erfreulich, denn es liefert
einen wichtigen Beitrag zur kritischen Herrschaftstheorie, wenn auch mit einigen
Problemen. Gleich zu Beginn wird auch die editorische Leistung der Herausgeberin
Uta von Winterfeld deutlich. Ganz offensichtlich handelte es sich bei dem an sie
übergebenen Manuskript keineswegs um ein fertiges Buch. Gemeinsam mit Narr hat
sie den Text erheblich überarbeitet und teilweise auch immer wieder eigene
Einschübe formuliert. So erhält der Text eine erfrischend dialogische Form, die
teilweise beinahe einem Interview ähnelt.
Herrschaft wird von Narr zunächst provisorisch als „institutionelle Verfestigung von
Machtverhältnissen“ (S. 89) definiert. Es lohnt sich, dies im Hinterkopf zu behalten,
da sich ein wesentlicher Teil des Buches später um Überlegungen dreht, ob es
überhaupt die Möglichkeit eines klaren Herrschaftsbegriffs gibt. Zunächst jedoch
stellt Narr angenehm deutlich seinen eigenen Standpunkt dar. Für ihn kann gute
Herrschaftstheorie nur in Form einer Herrschaftskritik geschrieben werden, denn
„Herrschaft von Menschen über Menschen und deren natürlichen wie sozialen
Bedingungen ist und bleibt in allen Formen, Institutionen und Personen ein
Ärgernis“ (S. 10). Aus diesem Blickwinkel erklärt Narr den Großteil der
entsprechenden Theoriebildung als unzureichend. Zum einen, weil in der
politischen Theorie Herrschaft zu großen Teilen schlicht ausgeblendet wird. Zum
anderen, weil ein ebenso großer Teil davon ausgehe, Herrschaft sei
naturgewachsen und der Begriff damit der Kritik entzogen werde. „Selbst, wenn
‚Herrschaft‘ unvermeidlich sein sollte“, hält Narr dieser Position entgegen,
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Herrschaft ist also keine universelle Konstante. Stattdessen lässt sich in allen
Gesellschaften immer auch nicht-herrschaftlich motiviertes Verhalten nachweisen,
das auf Solidarität, gegenseitiger Hilfe und verlässlichen Umgangsformen beruht.
„Zwischen verherrschaftlichter und nicht verherrschaftlichter, in diesem Sinne
anarchischer Gesellschaft gibt es eine Fülle höchst lebensträchtiger Varianten.
Kompositionen aus beidem, mehr oder minder. Das Minder aber zählt“ (S. 95).
Diesen graduellen Unterschieden nachzuspüren und „Herrschaft ihrerseits in ihren
historischen Formen und Funktionen in skalarer Weise zu ‚identifizieren‘“ (S. 97)
macht Narr zur zentralen Aufgabe der Herrschaftstheorie.
Grundprinzipien der Herrschaft
Aus diesem Ansatz resultiert auch sein Anspruch, einerseits die Vielfalt
verschiedener Herrschaftsformen abzubilden und andererseits das Gemeinsame
letzterer nicht aus den Augen zu verlieren. So changiert das Buch dann tatsächlich
zwischen (meta)-theoretischen Überlegungen von erstaunlicher Bandbreite und
einer Unzahl anekdotischer politischer Beispiele aus Narrs eigenem Bürgerrechts-
Engagement. An einigen Stellen führt dies leider dazu, dass die theoretische Ebene
bei reinen Verweisen stehenbleibt und die Bedeutung der jeweiligen Ansätze für
eine Herrschaftstheorie kaum sichtbar wird. Die schiere Breite dieses Vorgehens
wird unter anderem an dem umfangreichen Kapitel zu den „Instrumenten der
Herrschaft“ deutlich, das so heterogene Unterkapitel umfasst wie: Gewaltmonopol,
symbolische Gewalt, Grenzen, Sprache, Steuern, Gesetze, Rekrutierung und
Partizipation, Parteien, Bürokratie und Technologie. Die letzten beiden werden bei
Narr stets in eins gesetzt. Eine Erklärung dafür, bleibt Narr allerdings schuldig. Auch
insgesamt gilt: Etwas mehr Tiefe statt Breite hätte insbesondere diesem Kapitel gut
getan.
Quasi als Urgrund der Herrschaft identifiziert Narr die gesellschaftliche
Arbeitsteilung, mit der historisch immer verschiedene Wertigkeiten und Hierarchien
einhergegangen seien. „Differenzierung“ bedeutet für Narr „häufig nichts anderes
als eine herrschaftszugewandte Entdifferenzierung und vereinzelnde Fixierung von
Unterschieden, die der Assoziation, der sozialen Vereinigung schaden“ (S. 100). So
bedingen sich für ihn politische und soziale Einschließung und Ausschließung
gegenseitig. Konkret gewendet: Die Schaffung eines National-Kollektivs mit seinen
verschiedenen Untereinheiten hat zwangsläufig den Ausschluss der
Nichtdazugehörigen und die Auflösung unkontrollierbarer (etwa: aktivistischer und
politischer) Gruppen zur Folge.
„selbst dann bestünden Differenzen ‚ums Ganze‘ zwischen einzelnen
Herrschaftsformen: in den Ausmaßen ihrer Repression, ihrer internen und
externen humanen Kosten. In ihren Prozessuren, Interessen und Inhalten, in
ihrer immer erforderlichen, wenigstens rudimentären Legitimation“ (S. 95).
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Auch die Gewaltausübung, die sich durch nahezu alle menschlichen Zeugnisse
ziehe, ist für Narr untrennbar mit Herrschaft verbunden. Hier stellt er insbesondere
das staatliche Gewaltmonopol ins Zentrum seiner Überlegungen. Gerade dadurch,
dass der Staat die Gesellschaft von ihrer Gewalt befreie, sorge er dafür, dass Gewalt
überall dort präsent sei, wo er interveniert. Gewaltsamkeit werde damit zu einer
notwendigen Bedingung (staatlicher) Herrschaft. Gleichwohl kommt Herrschaft
freilich nie ohne Legitimation aus. Diese wiederum gründe sich auf eine allgemeine
„Angst vor dem Chaos“, auf deren Grundlage dem „verunsicherten,
sicherheitserpichten Bürger glauben gemacht wird, seine ‚Sicherheit‘ sei in der
Sicherheit der aktuellen Herrschaft ‚aufgehoben‘“ (S. 100).
Zur zentralen Technik der Herrschaft erklärt Narr die Identifikation, die quasi das
Prinzip von Herrschaft schlechthin sei. Durch sie sollen Dinge und Menschen
verfügbar gemacht werden, um sie für die Unternehmen der Herrschaft einsetzen zu
können, möglichst jederzeit und unbeschränkt. Der spiegelbildliche
„Zwillingspartner“ der Identifikation sei dabei die Dissoziation. Nach dem alten
„teile und herrsche“-Prinzip geht es dabei darum, widerständige Zusammenschlüsse
(von Politgruppen bis Nachbarschaftshilfen) aufzulösen und sicherzustellen, dass
nur die bestehenden Institutionen und Prozesse benutzt werden. Das Mittel der
Wahl seien dabei Bürokratie und (Informations)-Technologie als zentrale
Werkzeuge der Identifikation und Verwaltung der Bürgerinnen und Bürger. Beide –
Identifikation und Dissoziation – verkörpern für Narr das Prinzip der
Niemandsherrschaft, das von den Personen in den einzelnen „Büros“ völlig
unabhängig ist. Immer wieder betont er dabei, wie sehr die bürokratische Art,
Probleme zu behandeln, mit derjenigen der Informationstechnologien
übereinstimme. Dabei geht er sogar so weit, das Internet als „eine Art
‚bürokratischen Extremismus‘“ zu bezeichnen (S. 184), womit er wohl über das Ziel
hinausschießt.
Die Fallstricke der Herrschaftskritik
Nachdem Narr auf diese Weise den Großteil seines Buches mit der Identifikation
verschiedenster Herrschaftsmechanismen verbringt, kommen im letzten Kapitel die
titelgebenden „Probleme“ zur Sprache. Diese sind allerdings allein darin begründet,
dass Narr postuliert, es könne gar keinen Begriff für Herrschaft geben. Dafür führt
er im Wesentlichen zwei Gründe an. Erstens müsse eine solche Definition
zwangsweise zur Komplizin der Herrschaft werden, da jede Definition
„identifikatorisch“ sei und die Identifikation gleichzeitig das zentrale Prinzip der
Herrschaft darstelle. Zweitens sei eine solche Definition gewissermaßen
überheblich:
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Diese Argumente weisen aus herrschaftskritischer Sicht zwei schwerwiegende
Probleme auf, die sich – wenig überraschend – dann auch in Narrs eigenem Text
wiederfinden. Erstens stellt das Überheblichkeits-Argument eine fast schon religiöse
Sakralisierung von Herrschaft dar. Herrschaft wird nun plötzlich zum obersten
Prinzip erklärt, das „Leben und Tod bereitet“ und „unsere Wirklichkeit prägt“.
Extremere Ausprägungen dessen, was Narr selbst zu Beginn des Buches als
„Herrschaftsontologie“, also Festschreibung von Herrschaft als Naturprodukt,
kritisiert, sind wohl kaum vorstellbar. Zweitens steht Narrs Kapitulation vor der
Komplexität der Herrschaft in diametralem Gegensatz zu seinem aufklärerischen
Selbstanspruch. Während Narr am Anfang des Buches noch argumentiert, dass
Identifikation das zentrale Prinzip der Herrschaft sei und deshalb die eigenen
Verstrickungen in Herrschaftsmechanismen stets mitgedacht werden müssten, dreht
er diesen Anspruch am Ende geradezu um. Anstatt die Mechanismen der Herrschaft
im Einzelnen offenzulegen – und so den Kaiser sprichwörtlich nackt dastehen zu
lassen –, bleibt es bei einer unnötig weitläufigen Argumentation. Im Endeffekt wird
an Narrs eigenen Worten am deutlichsten, dass Kritik bei aller Dekonstruktion nicht
ohne begriffliches Denken auskommen kann. So erklärt er, dass „der Ausdruck
‚Niemandsherrschaft‘ uns und die Lesenden unsere Ohnmacht im Nichtwissen
wahrnehmen lassen“ soll (S. 290). Was von der Begriffslosigkeit bleibt ist also vor
allem die Ohnmacht der Kritik.
Nichtsdestotrotz lässt Narr es dabei nicht bewenden, sondern liefert am Ende noch
einmal einen Ausblick, in dem wieder zur Emanzipation übergegangen wird.
Zusammenfassend erklärt er, dass aufgrund seiner vorhergegangenen
Überlegungen alle bestehenden Demokratien nur nominell demokratisch seien.
„Sie sind keine selbstbestimmten Herrschaften der Bevölkerung eines Landes als
politische Subjekte“ (S. 281). Strukturierende Grundlage dieser „Als-Ob-
Demokratien“ (S. 281) sei vielmehr die kapitalistische Vergesellschaftung. Als
positiver Bezugspunkt der Emanzipation könnten deshalb Parteien, die Produkt
dieser „Als-Ob-Demokratie“ seien, nicht dienen. Einen solchen sieht Narr vielmehr
in selbstorganisierten Bürgerinitiativen und „Neuen Sozialen Bewegungen“ sowie
deren Praxen des zivilen Ungehorsams. Als langfristiges Mittel zur Reduktion von
Herrschaft empfiehlt Narr dann, „gigantomane Größen dezentral aufzugliedern und
konsequent […] mehr Demokratie in längst bürokratisierten Bereichen à la
Gesundheit, Bildung, Energie u.ä.m. institutionell en detail zu wagen“ (S. 286). Nur
„als könnten wir das, was uns ausmacht, begrenzt, Leben und Tod bereitet, als
vermöchten wir das, was unsere ‚Wirklichkeit‘ prägt, auf durchsichtige Begriffe
[...] bringen. Diese erschlössen sich uns. Sie machten uns fähig, sie zu gestalten.
Solche Begriffssuche, mehr noch ihr verräterischer Erfolg, verriete unsere eigene,
mit einer ‚wissenschaftlichen‘ Tarnkappe versehene maßstabslose Anmaßung
(S. 290).
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so lasse sich die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Gleichheit erreichen, die für Narr
Voraussetzung der Emanzipation ist.
Insgesamt ist Narrs Buch, gerade als Einführung in die Thematik, äußerst
lesenswert. Das ist insbesondere deshalb der Fall, weil es – wie Narr richtig feststellt
– einen beklagenswerten Mangel an vergleichbaren Texten gibt, und weil das Buch,
entgegen dem wissenschaftlichen Mainstream, von den lebenslangen Erfahrungen
des Autors in praktisch-politischen Einmischungen profitiert. Nur bei seinen
Ausflügen in metatheoretische Gefilde gerät Narr manchmal ins Schlingern.
Insgesamt jedoch steht seine Kritik auf festen Beinen.
Wolf-Dieter Narr 2015:
Niemands-Herrschaft. Eine Einführung in Schwierigkeiten, Herrschaft zu begreifen.
VSA Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-89965-600-8.
320 Seiten. 26,80 Euro.
Zitathinweis: Simon Schaupp: Kein Ende in Sicht. Erschienen in: ...können wir nur
selber tun!. 45/ 2017. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1442. Abgerufen am:
10. 10. 2017 12:55.
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