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Entwerfen lernen. Die Integration von Lehre, Forschung und Berufspraxis in entwerfenden Disziplinen

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Universitäten sind mit der Aufgabe konfrontiert, im Kontext von ganz unterschiedlichen Disziplinen Entwurfspraktiken zu lehren und diese Lehre mit Forschung zu verbinden. Wir wollen mit unserem Beitrag zur Aufklärung der Varianz von Entwurfsprozessen beitragen, indem wir die Frage beantworten, in welchen Dimensionen sich Entwurfsprozesse unterscheiden und welche Folgen diese Unterschiede für Lehre, professionelle Praxis und Forschung sowie deren Integration haben. Wir benutzen Daten aus einem Projekt, das die Integration von Lehre, Forschung und Berufspraxis in 11 Disziplinen vergleichend untersucht. Wir schränken unseren Vergleich auf die Entwurfslehre der Architektur und die Nachrichtentechnik in den Ingenieurwissenschaften ein. Beide bilden für eine berufliche Praxis aus, die durch das Entwerfen von durch Dritte zu nutzenden Lösungen bestimmt wird. Unterschiede zwischen den Fächern ergeben sich aus der zu erbringenden Funktionalität der Lösungen. Entwerfen in der Nachrichtentechnik zielt ausschließlich auf technische Funktionalität, die in andere, komplexere Lösungen mit vielfältigerer Funktionalität eingebettet werden. Entwürfe der Architektur haben dagegen immer technische, soziale und psychische Funktionalität zugleich, da sie Wahrnehmungen und Verhalten beeinflussen (sollen). Dieser Unterschied ist damit verbunden, dass Nachrichtentechnik als Wissenschaftsdisziplin mit eindeutig beurteilbaren Lösungen, hohem Kodifizierungsgrad und in einzelne Teilaufgaben zerlegbaren Forschungsprozessen existiert, während Entwurfslehre in der Architektur mit perspektivenabhängigen Lösungen, ganzheitlichen Entwurfsprozessen und ohne kodifiziertes Wissen erscheint. In der Nachrichtentechnik ist Entwerfen von Systemen eine Fähigkeit, die aufbauend auf einem umfangreichen Grundlagenstudium bei fortgeschrittenen Studierenden entwickelt wird, während die Entwurfslehre der Architektur für ihre Studierenden beginnend mit dem ersten Semester eine Kaskade von Entwurfsübungen wachsender Komplexität konstruiert. Die in naturwissenschaftlichen Disziplinen gefundenen Formen der Integration von Forschung und Lehre treten in der Nachrichtentechnik auf, während die Entwurfslehre der Architektur keine mit Lehre integrierbare Forschung im traditionellen Sinne aufweist, die Lehre aber mit der Berufspraxis der Architekten integriert.
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Entwerfen lernen
Die Integration von Lehre, Forschung und Berufspraxis in
entwerfenden Disziplinen
Susanne Wollin-Giering und Jochen Gläser
Beitrag zur Ad-hoc-Gruppe »Zur Praxis des Entwerfens. Offene Zukunft und
geschlossene Gegenwart im Zeitalter des Designs«
Einleitung: Die Vielfalt von Entwurfsprozessen
Die Praxis des Entwerfens scheint uns aus drei Gründen soziologisch interessant. Erstens legen der
Titel der Ad-hoc-Gruppe und viele Beiträge zum Thema nahe, dass Entwerfen eine spezifische Praxis
ist, die zwar begrifflich schwer fassbar ist, aber auf eine über alle gesellschaftlichen Bereiche weit
verbreitete Aktivität hinweist, die über alle gesellschaftlichen Bereiche hinweg weit verbreitet ist.
Unsere eigene vorläufige Begriffsbestimmung ist die von Entwerfen als die Ausarbeitung und
Realisierung von Plänen für Handlungen, Strukturen oder Artefakten. Diese minimalistische Definition
schließt an Definitionen wie die des Royal College of Art an, die Entwerfen als „conception and
realization of new things versteht (Cross 1982: 221). Solche Definitionen machen deutlich, dass
Entwerfen eine ubiquitäre menschliche Praxis ist.
Zweitens betonen viele Definitionen die Einheitlichkeit des Entwerfens. Die oben eingeführte basa-
le Definition wie auch spezifischere Bestimmungen, die versuchen, das Entwerfen für die Künste, das
Design und die Architektur zu reservieren, fokussieren jeweils auf das allen Entwurfsprozessen Ge-
meinsame. Gerade die Beanspruchung des Entwerfens durch die Ingenieurwissenschaften macht aber
die unterliegende Varianz von Entwurfsprozessen sichtbar, wie zum Beispiel das Buch Entwerfen und
Gestalten im Maschinenbau: Bauteile Baugruppen Maschinen, in dem Entwerfen fachbezogen wie folgt
definiert wird: „Das Entwerfen wird als Ermittlung der ungefähren Konturen der Einzelteile einer Bau-
gruppe betrachtet, die durch das Gestalten schrittweise zur Grobgeometrie überführt werden kann.
[…] Die Gestaltungsarbeit endet mit dem Festlegen der Feingeometrie“ (Hoenow, Meißner 2016: 10).
Aus einer vergleichenden Perspektive auf Entwurfsprozesse ließe sich deshalb viel lernen.
Drittens schließlich und das ist unser spezifisches soziologisches Interesse hat die Unterschied-
lichkeit von Entwurfsprozessen Folgen, zum Beispiel dafür, wie Entwerfen an Universitäten gelehrt
werden kann. Das Entwerfen ist eine Praxis, die in ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Diszipli-
nen eine Rolle spielt. Die Lehre an Universitäten steht deshalb jeweils vor der Aufgabe, spezifische
Entwurfspraktiken zu lehren und diese Lehre mit Forschung zu verbinden.
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Wir wollen mit unserem Beitrag zur Aufklärung der Varianz von Entwurfsprozessen beitragen, in-
dem wir relevante Dimensionen herausarbeiten, in denen sich Entwurfsprozesse unterscheiden, und
die Folgen dieser Unterschiede für Lehre, professionelle Praxis und Forschung sowie deren Integration
aufklären. Angesichts der Vielfalt an Entwurfspraktiken und Wissensformen in den Naturwissenschaf-
ten, Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften ist eine vergleichbare Vielfalt an Integrations-
formen zu erwarten.
Architektur und Nachrichtentechnik als entwerfende Disziplinen
Zur Beantwortung der Frage nutzen wir empirische Befunde aus einem Forschungsprojekt, das sich
disziplinvergleichend mit der Beeinflussung der Integration von Lehre und Forschung durch organ-
isationale sowie professionelle Leistungskriterien beschäftigt
1
. Deutschlandweit wurden dazu insge-
samt 69 einstündige, semi-strukturierte Interviews vornehmlich mit Hochschullehrer/-innen in elf Dis-
ziplinen durchgeführt und per qualitativer Inhaltsanalyse analysiert (Gläser, Laudel 2010). Die Befrag-
ten äußerten sich in den Interviews zu ihrer eigenen Forschung (unter anderem zu Zielen, Methoden,
Kooperationstätigkeiten und zur Ideenfindung), gegebenenfalls zu ihrer außerhalb der Universität an-
gesiedelten professionellen Praxis, zu ihrer Lehre (unter anderem zum Grad der Freiheit in der Gestal-
tung von Lehrveranstaltungen und zu Formen der Interaktion mit Studierenden) sowie zur inhaltlichen
Integration von Forschung, Berufspraxis und Lehre. Um diese Integration detailliert beurteilen zu n-
nen, fragten wir nach der Nutzung von aktuellen Forschungsergebnissen in der Lehre, nach den im
Kontext der Lehre entwickelten Beiträgen für Forschung und nach einer direkten Einbeziehung von
Studierenden in den Forschungsprozess.
Die in unsere Studie einbezogenen elf Fächer sind die Entwurfslehre der Architektur, Astronomie,
Kardiologie, Zellbiologie, Nachrichtentechnik, Vergleichende Regierungslehre, Experimentelle Festkör-
perphysik, Neuere deutsche Literatur, Theoretische Informatik und Theoretische Philosophie. Die Pra-
xis aller dieser Disziplinen enthält Elemente des Entwerfens. Wir schränken unseren folgenden Ver-
gleich jedoch auf zwei Disziplinen ein, für die Entwerfen zentral ist, und zwar die Entwurfslehre der
Architektur und die Nachrichtentechnik in den Ingenieurwissenschaften. Anders als etwa die Zellbiolo-
gie, die die für ihre Arbeit notwenige Evidenz durch (zu entwerfende) Experimente gewinnt, oder die
vergleichende Regierungslehre, die zur Evidenzbeschaffung (zu entwerfende) Beobachtungsverfahren
einsetzt, zeichnen sich die Architektur und Nachrichtentechnik dadurch aus, dass für sie die Gestal-
tung die zentrale Praxis der Erkenntnisgewinnung ist. Diese Fächer gestalten Bauwerke und nachrich-
tentechnische Anlagen, die anschließend beobachtet bzw. experimentell geprüft werden. Die Ergeb-
nisse der Beobachtungen und Prüfung fließen in nachfolgende Entwurfsprozesse ein, die auch den
Kern der beruflichen Praxis beider Fächer bilden. Insofern dient die Wissensproduktion in den beiden
Disziplinen dem Entwurf. Wir bezeichnen sie deshalb als entwerfende Disziplinen und unterscheiden
sie von forschenden Disziplinen, in denen das Entwerfen (von Experimenten oder Beobachtungsver-
fahren) Bestandteil und Mittel der anschließenden Wissensproduktion wird. In den entwerfenden Dis-
1
Es handelt sich um das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von 2013 bis 2017
geförderte Projekt POLGU Professionelle und organisationale Leistungskriterien für Forschung und
Lehre in der Governance der Universitäten“ (Förderkennzeichen 01PY13015).
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ziplinen ist also die Zweck-Mittel-Relation von Entwerfen und Erforschen umgekehrt. Der Fokus der
Lehre liegt ebenfalls auf dem Entwerfen.
Sowohl die Nachrichtentechnik als auch die Architektur bilden für eine berufliche Praxis aus, die im
Entwerfen von durch Dritte zu nutzenden Lösungen besteht. Unterschiede zwischen den Fächern er-
geben sich aus der zu erbringenden Funktionalität der Lösungen. Entwerfen in der Nachrichtentechnik
zielt ausschließlich auf technische Funktionalität, die in andere, komplexere Lösungen mit vielfältigerer
Funktionalität eingebettet werden. Es geht um die Gestaltung von Nachrichtenübertragungssystemen
unter funktionalen Gesichtspunkten (beispielsweise Sicherheit, Geschwindigkeit, Effizienz): „Weil letzt-
endlich ist es ja Nachrichtentechnik, also etwas praktisch Relevantes zu erfinden ist für viele von uns
schon was sehr Befriedigendes.“ (NT05).
Entwürfe der Architektur haben dagegen immer technische, soziale und psychische Funktionalität
zugleich, da sie Wahrnehmungen und Verhalten beeinflussen (sollen). Die Entwurfslehre der Architek-
tur befasst sich mit der baulichen Gestaltung sozialer Räume unter zugleich funktionalen und ästheti-
schen Gesichtspunkten, wobei laut der Befragten „[…] die Funktion und Ästhetik […] Hand in Hand
[gehen]. Das ist ja so ein bisschen die Kunst an der Geschichte. Dass man das nicht trennt, sondern
dass das eigentlich zusammen passiert.“ (AR03).
Mit anderen Worten:
„Also, dass man bestimmte Funktionen bedienen muss, dass es, also dass es eine
funktionale Anforderung gibt, die erfüllt werden muss. Dass man vor einer Tür noch
Platz braucht und wie groß ein Bett ist, dass es und, dass man neben dem Bett auch
noch stehen können soll und solche Dinge. Ist erst mal ganz was Einfaches und das
muss man dann in Zusammenhang bringen mit einer Konstruktion für das Gebäude,
verschiedene Spannweiten und Konstruktionsmethoden usw. und dann soll es natür-
lich auch noch schön sein und Proportionen haben, interessante, eine interessante
Gestaltung oder eine stimmige Gestaltung“ (AR02)
Im Folgenden werden wir die für die Lehre und Integration von Entwurfspraktiken relevanten Unter-
schiede der Entwurfsprozesse erläutern, eine vergleichende Darstellung entwerfender Disziplinen in
Bezug zur Durchführung ihrer Entwurfslehre anbieten und die Art und Weise aufzeigen, wie Entwerfen
mit der Lehre integriert wird. Abschließend stellen wir die zentralen Ergebnisse gegenüber.
Varianz von Entwurfsprozessen
Um zu erklären, wie Spezifika der Entwurfsprozesse die Lehre und ihre Integration mit Forschung und
beruflicher Praxis beeinflussen, benötigt man einen geeigneten Vergleichsrahmen für die Inhalte von
Entwurfsprozessen. ‚Geeignet‘ bedeutet hier, dass die Dimensionen des Vergleichsrahmens die rele-
vanten Unterschiede der Entwurfsprozesse herauszuarbeiten gestatten.
Ein solcher Vergleichsrahmen für Entwurfsprozesse wird bislang in der Literatur nicht angeboten.
Wir greifen deshalb auf Erfahrungen der Wissenschaftssoziologie mit dem Vergleich von Forschungs-
prozessen zurück. Vergleiche von Forschungsinhalten und Fachgebieten haben in der Wissenschafts-
soziologie eine lange Tradition (zum Beispiel Knorr-Cetina 1999; Whitley 2000 [1984]; Gläser et al.
2010; Laudel, Gläser 2014). Dennoch ist es immer noch erforderlich, die jeweiligen Vergleichsrahmen
ad hoc zu konstruieren. Für die Erklärung der Varianz von Entwurfsprozessen sowie ihrer Lehre und
Integration mit Forschung sowie Berufspraxis haben sich folgende Dimensionen als nützlich erwiesen:
die Rolle der persönlichen Perspektiven in der Problemdefinition, der Konstruktion von Fakten und bei
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der Beurteilung von Lösungen, die Zerlegbarkeit des Entwurfsprozesses, der Grad der Kodifizierung
des Wissens, die Anknüpfung an einen vorhandenen aktuellen Stand des Entwerfens und die Art des
Vorgehens beim Entwerfen (Tabelle 1).
Tabelle 1: Vergleich der Entwurfsprozesse in Architektur und Nachrichtentechnik
Vergleichsdimension
Architektur
Nachrichtentechnik
Rolle der persönlichen Perspektiven in der Prob-
lemdefinition/ Konstruktion von Fakten/ bei der
Beurteilung von Lösungen
Hoch
Gering
Zerlegbarkeit des Entwurfsprozesses
Nein
Ja
Grad der Kodifizierung des Wissens
Gering
Hoch
Stand der Forschung
Nein
Ja
Stand der Kunst
Ja
(Stand der Technik)
Entwurfspraxis
Intuitives Vorgehen
Sequentiell mit kreati-
ven Phasen
In der Entwurfslehre der Architektur wird der Entwurfsprozess in erheblichem Maße durch die persön-
lichen Perspektiven der Architekt/-innen gesteuert. Welcher Stil dem Entwurfsprojekt unterliegt, was
für eine zu erbringende Lösung funktional und was ästhetisch ist, entscheiden die Architekten/-innen
selbst und wie die Unterschiedlichkeit von Projekten bei Architekturwettbewerben zeigt durchaus
sehr unterschiedlich. In der Nachrichtentechnik sind Problemdefinitionen, Faktenkonstruktionen und
Beurteilungen durch den Stand des Wissens und der Technik bestimmt und nur in geringem Maße an
die Person des Entwerfenden gebunden.
Architektur und Nachrichtentechnik unterscheiden sich auch in der Zerlegbarkeit ihrer Entwurfs-
prozesse. Der architektonische Entwurfsprozess, die bauliche Aneignung sozialer Räume unter funkti-
onalen und ästhetischen Aspekten, ist kaum zerlegbar, während nachrichtentechnische Entwurfspro-
zesse in einzelne Schritte zerlegbar sind.
Der Grad der Kodifizierung des Wissens “[…] refers to the consolidation of empirical knowledge into
succinct and interdependent theoretical formulations” (Zuckerman and Merton 1973 [1972]: 507).
Diese Definition impliziert zweierlei. Erstens bezieht sich Kodifizierung auf den Grad, zu dem Wissen in
einem hierarchischen theoretischen System organisiert ist. Zweitens beschreibt diese Dimension den
Grad, in dem ein Fach formalisierte Sprachen zur Darstellung des Wissens verwendet. Die Architektur
ist in beiden Aspekten schwach, die Nachrichtentechnik dagegen stark kodifiziert. Zu erwarten ist, dass
der Grad der Kodifizierung die Geschwindigkeit beeinflusst, in der Studierende Expertise in ihrem Fach
erreichen können, die nötig wird, um Entwurfslehre zu verstehen und gegebenenfalls selbst zur Ent-
wurfspraxis beitragen zu können.
Die Entwurfspraktiken der Architektur und der Nachrichtentechnik unterscheiden sich auch dahin-
gehend, dass sie sich in unterschiedlicher Weise auf einen aktuellen Stand des Entwerfens beziehen.
Während die Nachrichtentechnik ihre Entwurfstätigkeiten an einem aktuellen Stand der Forschung
orientiert und vorantreibt, gibt es einen solchen Forschungsstand, an dessen allseits bekannten Wis-
sensbestand Architekten/-innen anschließen und diesen durch Publikationen kollektiv erweitern, in
der entwerfenden Architektur nicht. An die Stelle des Forschungsstandes tritt ein State of the Art, oder
präziser, ein Stand der Kunst, der die tatsächlich gebaute Umwelt sowie verfügbare Abbilder (Zeich-
nungen, Modelle) der gebauten oder noch zu bauenden Umwelt einschließt. Entwerfende Architek-
ten/-innen nehmen diesen Stand der Kunst in selektiver Art und Weise zum Anlass weiterer Entwurfs-
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arbeiten: „Also, ohne dass man Mies van der Rohes Nationalgalerie in Berlin kennt, kann man nicht
Architekt sein. Das funktioniert nicht, also man muss also Referenzen einfach kennen, um in Bezug zu
denen auch argumentieren zu können.“ (AR02)
Auch Nachrichtentechniker kennen den State of the Art. Es handelt sich dabei im deutschen Sprach-
gebrauch um den Stand der Technik, der neben dem Forschungsstand des Faches für die Ingenieure
ebenfalls zum Bezugspunkt weiterer Entwurfsarbeiten werden kann.
Zusammen genommen, markieren die Beschreibungsdimensionen den Unterschied zwischen ei-
nem intuitiven, ganzheitlichen und einem sequentiellen, an expliziten Regeln orientierten Entwerfen.
Das Entwerfen in der Architektur ist ganzheitlich und intuitiv:
„Entwerfen ist unheimlich sprunghaft, ne? Ich bearbeite ab irgendwie, bei der Schule,
ob ich all diese Gruppenräume runtergekriegt habe und dann wechsele ich zu dem
Thema: ‚Soll die rot sein oder blau sein? Soll die sich weich anfühlen oder hart? Soll die
organisch wirken oder…?‘ Ja? […] du springst eben hin und her und so entsteht das
eben.“ (AR04)
In der Nachrichtentechnik erscheint das Entwerfen als sequentielles Vorgehen, welches durch das
Auftreten wiederkehrender kreativer Phasen geprägt ist:
„Dann, wenn Sie etwas programmieren, meistens gerade, wenn Sie etwas vollkommen
neu machen, dann müssen sie immer gucken, sind Fehler drin. Manchmal funktioniert
es irgendwo, aber an den Grenzen ihrer Parameter funktioniert es nicht richtig. Und
dann müssen sie gucken, wo haben sie Fehler gemacht. Sie lassen sich die Kurven
ausdrucken, Sie gucken, sind die Kurven plausibel anhand der Theorie, die Sie da im
Kopf haben. Und wenn das halbwegs plausibel ist und alles konsistent, dann würden
sie es in der echten Hardware implementieren.“ (NT01)
Entwerfen Lehren
Also, Entwerfen lernt man beim Entwerfen“ (AR02), so könnte man die Entwurfslehre in der Architek-
tur recht kurz und knapp zusammenfassen. Lehrformate scheinen mehr Labels denn tatsächliches
Unterscheidungskriterium für Lehrinhalte zu sein: „[…] ob da jetzt Übung steht oder Seminar oder
Projekt, geht es immer auch um das eigene Tun.“ (AR01). Dementsprechend macht das Üben des Ent-
werfens im Architekturstudium einen erheblichen Teil des Lehrstoffes aus (siehe Abbildung 1). Die
Nebenfächer im Sinne einer Vermittlung von Entwurfshilfsmitteln wie etwa Bauphysik, Statik oder
Tragwerksplanung werden in geringem Umfang parallel gelehrt. Interessant ist der Zeitpunkt, zu dem
das Entwerfen vermittelt wird. Bereits ab dem ersten Semester beginnen Studierende der Architektur
mit ersten Entwurfsübungen, deren Schwierigkeit mit fortschreitendem Studium steigt:
Deswegen starten wir auch im ersten Semester natürlich nicht mit dem Entwurf einer
Bibliothek, sondern mit dem Entwurf eines Trafogebäudes oder einer Toilettenanlage.
Ganz was Einfaches, wo man lernt, welche Dinge beim Entwerfen wichtig sind. Also,
dass man bestimmte Funktionen bedienen muss […] und dann soll es natürlich auch
noch schön sein und Proportionen haben, interessante, eine interessante Gestaltung
oder eine stimmige Gestaltung. Und die Dinge zusammenzubringen, das ist einfach
ein Prozess, den man immer wieder, den man wiederholen muss, um ihn einfach an-
wenden zu können.“ (AR02)
Neben praktischen studentischen Entwurfsübungen werden in der Entwurfslehre Beispiele aus der
gebauten Umwelt zur Analyse vorgeführt, um den Lernprozess anzuregen: „Also zeigen wir viele
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Beispiele und erläutern, was da die Entwurfsgedanken dabei waren, wie die baulich umgesetzt
wurden, was es da für Probleme gab, wie auch immer und zeigen sozusagen sehr viele Beispiele.“
(AR02)
Die Entwurfslehre und die Vermittlung der Hilfsmittel kann bereits nach acht Semestern abge-
schlossen sein, da ein achtsemestriges Bachelorstudium schon den berufsqualifizierenden Abschluss
ermöglicht. Studierende besitzen zu diesem Zeitpunkt alle benötigten Fähigkeiten, um der Architek-
tenkammer beitreten zu können, um damit die Erlaubnis zum eigenständigen Bauen zu erwerben. Ein
Masterabschluss ist für die Berufspraxis nur notwendig, wenn vorher nur ein sechssemestriger Ba-
chelor absolviert wurde.
Abbildung 1: Zeitpunkt der Einführung von Entwurfslehre
Die Nachrichtentechnik ist, ganz im Gegensatz zur Architektur, dadurch gekennzeichnet, dass die Leh-
re der Entwurfshilfsmittel die meiste Zeit einnimmt. Das gilt nicht nur für das Bachelorstudium, son-
dern auch für das Masterstudium. Nur ein geringer Teil des gesamten Lehrpensums entfällt tatsäch-
lich auf die Entwurfslehre. Abgesehen von seltenen Ausnahmen, in denen bereits die Bachelorarbeit
Elemente von Entwerfen enthält, findet im Bachelorstudium keine Entwurfslehre statt. In den meisten
Fällen erlernen Studierende der Nachrichtentechnik das Entwerfen im Rahmen der Masterarbeit oder
im Masterstudium im Rahmen einer Arbeitstätigkeit als studentische Hilfskraft in einem Forschungs-
projekt.
Diese späte Einführung in das Entwerfen wird dadurch bedingt, dass Studierende einen großen
Wissensbestand aufbauen müssen, bevor sie in der Lage sind, selbst zu entwerfen: „Also wenn ich
Gedichte schreiben will, dann muss ich erstmal die Sprache lernen.“ (NT01). Anders gesagt:
Und der richtige Bezug zur, zum aktuellen Wissensstand ist der, wenn es um Ba-
chelor- oder später insbesondere um Masterarbeiten geht […]. Weil zunächst mal die
Grundlagen verstanden sein müssen, ja? Wenn, ohne die Grundlagen zu verstehen, ist
es nicht möglich, ein komplexes System dann zu analysieren, geschweige denn, zu
verbessern. (NT07)
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Die Studierenden müssen zunächst in die Lage versetzt werden, sich den Stand der Forschung anzu-
eignen und die Mittel anzuwenden, die beim Entwurf gebraucht werden. Die Existenz eines Standes
der Forschung, der in einer formalisierten Sprache kodifiziert ist, und die Anwendung formaler Mittel
in Einzelschritten des Entwerfens erzwingen eine lange vorbereitende Lehre. Entwerfen wird in der
Nachrichtentechnik durch die Analyse bestehender Lösungen, die Beobachtung des Forschungspro-
zesses sowie in der individuellen Betreuung von Masterarbeiten gelehrt.
Integration von Entwerfen und Lehre
Wir definieren die Integration von Lehre und Entwurfspraxis als einen Prozess, in dem eine der beiden
Praktiken die andere modifiziert. Zu beachten ist dabei jedoch, dass die Praxis des Entwerfens in der
Architektur eine Praxis außerhalb der Universität meint, nämlich die professionelle Praxis im Architek-
turbüro. Die Integration erfolgt durch Studierende, die Elemente der beruflichen Praxis unter Aufsicht
ihrer Hochschullehrer/-innen praktizieren. In der Nachrichtentechnik ist das Entwerfen Bestandteil der
Forschungspraktiken an Universitäten und die Berufspraxis ähnelt der Forschungspraxis.
Mit dieser Prämisse werden im Folgenden die fünf beobachteten Formen der Integration von Ent-
wurfspraxis und Lehre vorgestellt und in Zusammenhang zu den beiden hier behandelten Entwurfs-
disziplinen gebracht.
Eine erste Form der Integration von Entwurfspraxis und Lehre betrifft die Verwendung aktueller Er-
kenntnisse in der Lehre. Diese Integrationsform reichert die Lehre durch neue Erkenntnisse des Feldes
an, nicht notwendigerweise nur aus der eigenen Arbeit der Praktizierenden. Sowohl in der Architektur
als auch in der Nachrichtentechnik werden aktuelle Erkenntnisse integriert, in der Architektur in der
Form aktueller Entwurfslösungen, in der Nachrichtentechnik in Form aktueller Forschungsergebnisse.
Das Einbringen solcher aktuellen Beiträge kann entweder beiläufig als kurze Beispiele zur Motivation
und Veranschaulichung von Grundlagen oder substantiell erfolgen. Letzteres geschieht in der Nach-
richtentechnik dadurch, dass Lehrveranstaltungen thematisch an aktueller Forschung der Professorin/
des Professors ausgerichtet sind. In der Architektur äußert sich die Bezugnahme auf aktuelle Entwick-
lungen wie folgt:
Joa, ich nehme ein Foto oder einen Plan oder was veröffentlicht wurde und zeige das.
[…] oder besuchst du es, wir machen ja auch Exkursionen, in der Architektur ist es
sehr wichtig, dass du auch mal hinfährst, weil du dann vielleicht merkst: ‚Das ist alles
irgendwie gar nicht so toll, wie es auf dem Bild aussah‘, oder ‚es ist viel toller als auf
dem Bild aussah‘ usw. und so fort, ne? Es riecht ja auch irgendwie.“ (AR04)
Voraussetzungsvoll scheint die Anreicherung der Lehre durch Forschungsergebnisse in der Nachrich-
tentechnik zu sein:
„Also die aktuellen Forschungsergebnisse sind dann meistens zu schwierig oder zu
speziell, um in die Lehre direkt einfließen zu lassen. Was ich aber tue ist manchmal,
auch Grundlagenvorlesungen erwähne ich ganz allgemein: Hier ist etwas, wo es gera-
de in dem letzten Jahr etwas Interessantes gegeben hat, aber das kann ich da nicht er-
klären, weil es viel zu spezifisch ist, also es passt da nicht rein. Den Mastervorlesungen
dagegen haben wir so genannte ‚Advanced Topics‘, Themen, wo wir Lehrer einladen
von außen. Die halten dann manchmal aktuellen Forschungsergebnisvorlesungen, die
sind aber meistens viel zu schwer für die Masterstudenten.“ (NT02)
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Eine zweite Integrationsform ist die Anreicherung der Entwurfspraxis durch die Übermittlung von Ideen,
Vorschlägen oder Anregungen aus Lehrsituationen in die Praxis. Bei dieser Integrationsform fließt das
Wissen in die entgegengesetzte Richtung. Die Quelle von Anregungen der Entwurfsprozesse können
Fragen oder auch ‚naive‘ Einwände von Studierenden sein. Transmissionen von Ideen innerhalb der
Lehr- und Praxisrolle des Lehrenden können ebenfalls dieser Dimension zugeordnet werden. Damit ist
gemeint, dass Lehrende von Entwurfspraktiken Lehrveranstaltungen dazu verwenden, ihr Verständnis
der Grundlagen eines bestimmten Themengebietes zu stärken. Durch die Vorbereitung auf die Veran-
staltung erwerben die Lehrenden Kenntnisse, die für ihre eigene Praxis nützlich sind, sei es indirekt
oder direkt.
In der Nachrichtentechnik wurde eine solche Anreicherung in Form von Fragen oder Vorschläge
von Studierenden nicht beobachtet. In der Architektur hingegen beeinflussen Anregungen der Studie-
renden tatsächlich die professionelle Entwurfspraxis der Lehrenden:
„Das geht, ja, gut das geht im Prinzip genauso wie wenn ich da gegenüber [Gebäude
im Ort] anschaue, wenn da was dabei ist, was gut gemacht, gut gedacht und auch
schön ist so, dann speichern wir das einfach ab und man hat es sozusagen in seinem
Fundus und bei passender Gelegenheit wird man auch so ein Element ‚Ach das war
doch, das hat er ganz schön gemacht, sowas könnte man auch in der Form machen‘.
Muss ja nicht mal eine 1:1-Kopie sein, was auch vorkommt, aber es kann einfach ‚Ah,
wie er daran gegangen ist‘, und das sind wirklich da und so könnte es mal probieren,
das war ein ganz guter Weg.“ (AR02)
Transmissionen zwischen Lehr- und Praxisrolle treten während der Vorbereitung auf oder der Durch-
führung von Lehrveranstaltungen in beiden Entwurfsdisziplinen auf. Beispielsweise wird aus der Archi-
tektur Folgendes berichtet:
„Ich bin mit den Studenten draußen unterwegs und habe damit die Möglichkeit, wahr-
scheinlich sehr viel mehr zu sehen als der normale Büroinhaber, der Montag bis
Samstag in sein Büro geht und abarbeitet. [Stadt], ich komme jetzt am Sonntag aus
[Stadt] zurück und habe ganz bewusst Dinge aufgenommen, die ich demnächst ir-
gendwann mal unterbringen möchte. Ich habe Dinge gesehen, die kannte ich so noch
nicht. Und das ist bei jeder Exkursion der Fall.“ (AR05)
Auch in der Nachrichtentechnik ist diese Art der Anreicherung der Entwurfspraxis durch die Lehre
nicht unüblich:
„[…] damit man Forschung gut macht, vor allen Dingen Grundlagenforschung, muss
man dafür offen werden, was Grundlagen überhaupt bedeuten. Man ist gezwungen
darüber nachzudenken, wenn man lehrt. Und ich […] habe […] durch die Lehre […]
manches wieder neu lernen müssen, was ich vor 20 Jahren oder 30 Jahren vielleicht
gelernt hatte. Und dann doch gemerkt habe, dass ich es doch nicht ganz richtig ver-
standen habe.“ (NT04)
Die Strukturübertragung ist eine Form der Integration von Entwurfspraxis und Lehre, bei der Lehrver-
anstaltungen wie in der beruflichen Praxis stattfindende Entwurfsprozesse strukturiert werden. In der
Entwurfslehre der Architektur findet eine solche Strukturübertragung in studentischen Entwurfspro-
jekten statt. Studierende spielen die architektonische Berufspraxis in ihren Methoden und Ansätzen
nach. Dadurch entsteht aber kein neues architektonisches Wissen in Form eines Beitrages zur gebau-
ten Umwelt:
„Aber die Struktur, entwerferisch, ist natürlich völlig dieselbe, also ein Architekt hat
auch vor einem genialen Baumhaus denselben Respekt als vor dem Riesenhochhaus,
ja? Es ist, es ist diese, also was du für einen genialen Entwerfer hältst, ist, wie du die
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Beziehung der Bedingungen in eine Form hineinbringst und wie überzeugend dann
diese Form ist und wie überzeugend sie zu diesen Bedingungen steht […]. Was du
steigerst ist die Größe der Aufgabe, also du erstickst jetzt nicht einen Bachelor in ei-
nem Raumprogramm mit 500.000 m², ja, […] und wenn die dann in das Hauptstudium,
den Master gehen, dann entwirfst du vielleicht mal einen Flughafen oder ein Kranken-
haus oder so Sachen, wo du schon, schon mal ein bisschen nachlesen musst, bis du
das so alles zusammen hast, wie es eigentlich funktioniert, ja? Aber die entwerferische
Logik, die ist nicht anders.“ (AR04)
Die einzige Bedingung für diese Art von Integration ist die Skalierbarkeit von Entwurfsprozessen, also
die Möglichkeit, entwurfsrepräsentierende kleine Projekte zu definieren. Das ist in der Architektur
möglich. Im Gegensatz zum nicht zerlegbaren, an die Person gebundenen und gering kodifizierten
Entwurfsprozess der Architektur bestehen in der Nachrichtentechnik strukturelle Unterschiede zwi-
schen Entwurfspraxis und Lehre, die ein ‚Nachstellen‘ von Entwurfsprozessen in der Lehre unmöglich
machen.
Über die Strukturübertragung hinaus gibt es eine Integration durch die Verschmelzung von Lehre
und Entwurfspraxis, bei der die Entwurfspraxis in Lehrsituationen auftritt und neues Entwurfswissen
hervorbringt. In der Entwurfslehre der Architektur geschieht das nur in Ausnahmefällen. Nur in einem
Beispiel wurde uns berichtet, dass der gesamte Entwurfsprozess bis hin zur tatsächlichen baulichen
Umsetzung mit anschließender Analyse der eigenständig gebauten Umwelt von Studierenden „durch-
lebt“ wurde. Die Verschmelzung stellte sich allerdings als übliche Form der Integration in der Nachrich-
tentechnik heraus. Während in der Bachelorarbeit aber noch selten eigene beitragsfähige Entwürfe
entstanden, kann man in der Masterarbeit häufiger davon ausgehen, dass tatsächlich publizierbare
Forschungsbeiträge entstehen.
„Das sind zum Teil aber auch Fragen, die die Doktoranden interessieren und für die sie
keine Zeit haben und wenn es gelingt, dann kann es durchaus auch sein, dass dann
der Doktorand sagt: Ach, das ist aber interessant, lass uns weiter arbeiten daran und
dann entsteht auch mal eine Veröffentlichung mit einem Masterstudenten. Das hatten
wir jetzt auch in der Vergangenheit, das ist also wirklich bei guten Masterstudenten,
kann es klappen.“ (NT03)
Die letzte beobachtete Form von Integration bei der Betrachtung der beiden Disziplinen Architektur
und Nachrichtentechnik ist die Service-Kooperation, bei der Studierende Teilleistungen in Entwurfspro-
zessen erbringen. In der Nachrichtentechnik werden solche Service-Kooperationen mit Studierenden
im Kontext der Bachelor- und der Masterarbeit sowie in studentischen Arbeitsverhältnissen häufig in
Anspruch genommen. Studierende erhalten bestimmte Teilaufgaben und tragen entsprechend zu
einem größeren Projekt bei:
„Und das ist dann oftmals, da wird dann ein kleines System aufgebaut und ein Student
hat die Aufgabe, an dem System diesen und diesen Teil zu machen. Oder ein Student
baut für das System eine grafische Benutzeroberfläche. Dazu muss er aber natürlich
auch wissen, was kann ich mit meiner grafischen Benutzeroberfläche alles überhaupt
ansteuern im System und wie hängt das im System zusammen, weil das hat ja auch
seinen Einfluss auf wie baue ich ein grafisches Benutzersystem auf. Solche Sachen.“
(NT01)
Alle diese Situationen basieren auf der Möglichkeit, kleine Aufgaben aus größeren Entwurfsvorhaben
oder Forschungsprojekten abzuspalten. Die Expertise, um auf diese Weise zu Forschungsprojekten
beizutragen, ist an den Studienfortschritt der Studierenden geknüpft und verlangt in der Nachrichten-
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technik mindestens das Niveau der Bachelorarbeit, bevorzugt aber das der Masterarbeit. Arbeitsteilige
Beiträge der Studierenden zur architektonischen Entwurfspraxis waren hingegen nicht zu finden.
Diskussion
Wir haben in diesem Beitrag versucht, die Frage zu beantworten, wie Eigenschaften von Entwurfsprak-
tiken deren Vermittlung und letztlich deren Integration beeinflussen und haben dazu die Entwurfsleh-
re der Architektur und die Nachrichtentechnik vergleichend untersucht.
Wir konnten zeigen, dass die Nachrichtentechnik eine Wissenschaftsdisziplin mit eindeutig beur-
teilbaren Lösungen, hohem Kodifizierungsgrad und in einzelne Teilaufgaben zerlegbaren Forschungs-
prozessen ist, während die Entwurfslehre in der Architektur mit perspektivenabhängigen Lösungen,
ganzheitlichen Entwurfsprozessen und ohne kodifiziertes Wissen auftritt. In der Nachrichtentechnik ist
Entwerfen von Systemen eine Fähigkeit, die aufbauend auf einem umfangreichen Grundlagenstudium
bei fortgeschrittenen Studierenden entwickelt wird, während die Entwurfslehre der Architektur für ihre
Studierenden beginnend mit dem ersten Semester eine Kaskade von Entwurfsübungen wachsender
Komplexität konstruiert. Lehre und Entwurfspraxis sind an deutschen Universitäten durch verschiede-
ne Integrationsformen miteinander verknüpft, die Vorteile für die Lehre, die Praxis oder beides kreie-
ren. Die in naturwissenschaftlichen Disziplinen gefundenen Formen der Integration von Forschung
und Lehre treten in der Nachrichtentechnik auf, während die Entwurfslehre der Architektur keine mit
Lehre integrierbare Forschung im traditionellen Sinne aufweist, die Lehre aber mit der Berufspraxis
der Architekten/-innen integriert.
Dass in der Nachrichtentechnik arbeitsteilige Beiträge fortgeschrittener Studierender zu Forschung
(seltener: zur Entwurfspraxis) und in der Architektur eine wechselseitige Anregung von Lehre und Ent-
wurfspraxis vorherrschen, kann den epistemischen Eigenschaften der Disziplinen zugeschrieben wer-
den, nämlich vorrangig dem Grad der Kodifizierung des Entwurfswissens sowie dem Grad der Zerleg-
barkeit des Entwurfs- bzw. Forschungsprozesses. Der Grad der Kodifizierung, der in der Nachrichten-
technik hoch ist, beschränkt eine frühes Verständnis und noch stärker eine frühe Betragsfähigkeit der
Studierenden zur Forschung, weshalb Studierende erst in seltenen Fällen schon in der Bachelorarbeit,
häufiger in der Masterarbeit, auf die Forschung stoßen. Aufgrund der Zerlegbarkeit der Arbeitsprozes-
se in der Nachrichtentechnik können Studierende Teilprojekte bearbeiten. In seltenen Fällen und
dann vor allem in der Masterarbeit durchlaufen sie den gesamten Forschungsprozess einschließlich
des eigenständigen Entwerfens. Architekturstudierende beginnen bereits früh mit dem „Nachspielen“
von Entwurfsprozessen, da die für den Entwurfsprozess notwendige Expertise nicht kodifiziert ist und
damit nicht zuvor erlernt werden kann, sondern im Entwurfsprozess selbst erworben werden muss.
Dementsprechend können sie gleichzeitig mit ihrem Entwurfswissen in die Entwurfspraxis vermitteln.
Der nicht zerlegbare und an die Perspektive der entwerfenden Person gebundene Entwurfsprozess
verhindert andererseits die Auslagerung von Teilprojekten.
Mit unserem Beitrag konnten wir einerseits an eine vergleichende Perspektive von Entwurfsprakti-
ken anschließen, andererseits an die wenigen Studien (beispielsweise Jensen 1988; Colbeck 1998; Grif-
fiths 2004; Healy 2005; Robertson 2007; Madsen, Winsløw 2008), die den Einfluss disziplinspezifischer
epistemischer Praktiken auf die Verbindung von Forschung und Lehre und somit die Rolle von Studie-
renden in der Entstehung neuen Wissens untersuchen.
ENT W ER FE N LE RN EN . DIE IN TEGR AT ION V O N LE H R E, FO R SC HU NG U ND BE RU FS PR AX IS
IN EN TW ER FE ND EN DI S ZI P L I N E N
11
Literatur
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... Die Wissensproduktion kann dabei in Einzelarbeit erfolgen oder auf Kooperation angewiesen sein, also unterschiedlich stark zergliedert und ressourcenintensiv sein. Die bisher genannten Unterschiede haben weiterhin Auswirkungen auf die Art der Lehre in Wissenschaftsgebieten (Becher 1994;Neumann et al. 2002;Wollin-Giering und Gläser 2016). Wissenschaftsgebiete können ferner, neben innerwissenschaftlichen Relevanzen, in ihrem gesellschaftlichen Bezug mehr oder weniger anwendungs-33 Hierzu siehe auch die noch weiter differenzierenden Überlegungen von Tony Becher (1994) sowie Becher und Paul R. Trowler (2001), die in Anlehnung an Anthony Biglan (1973) zwischen "hard" und "soft disciplines" unterscheiden und diese nochmals in "pure" und "applied fields" unterteilen, womit auch stärker anwendungsorientierten Fachgebieten wie etwa pädagogischen Teildisziplinen oder den Ingenieurwissenschaften Rechnung getragen wird. ...
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In diesem Open-Access-Buch wird ein differenziertes Bild der Folgen von „Bologna“, „Exzellenzinitiative“, Drittmittelwettbewerb und „New Public Management“ für die berufliche Identität von Professor*innen gezeichnet. Eine qualitative empirische Studie zeigt, dass die mit diesen Reformen verbundenen Leistungsbewertungen nicht nur Identitätsbedrohungen mit sich bringen müssen, sondern auch neue Möglichkeiten der Identitätsentfaltung bieten können. Der Fokus auf Reformerfahrung und -bewältigung von Professor*innen bietet eine wichtige Ergänzung anderer Analysen der Universitätsreformen. Die Autoren Melike Janßen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Abteilung Forschungssystem und Wissenschaftsdynamik. Prof. Dr. Uwe Schimank ist Professor für Soziologie an der Universität Bremen im SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik. Ariadne Sondermann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Third Mission im Transfernetzwerk Soziale Innovation – s_inn an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (EvH RWL).
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Zusammenfassung Untersuchungsgegenstand des Forschungsprojekts, dessen Ergebnisse in diesem Buch dargestellt werden, sind die Auswirkungen der Reformen des deutschen Hochschulsystems („Bologna“, „Exzellenzinitiative“ und „New Public Management“) auf die berufliche Identität von ProfessorInnen. Welche Identitätsbedrohungen, aber auch -chancen gehen von den Reformmaßnahmen, insbesondere von vielfältigen Leistungsbewertungen, aus, und mit welchen Praktiken der Identitätsbehauptung und -darstellung reagieren ProfessorInnen darauf? In diesem Kapitel werden die Relevanz der Fragestellung, ein theoretischer Bezugsrahmen zu ihrer Analyse sowie die empirische Herangehensweise geschildert. Zentrale Datengrundlage der Untersuchung sind Leitfadeninterviews mit ProfessorInnen aus fünf verschiedenen Wissenschaftsgebieten (Zellbiologie, Nachrichten- und Hochfrequenztechnik, Vergleichende Regierungslehre, Strafrecht und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft).
Book
The governance of the public sciences has profoundly changed since the Second World War, especially with regard to funding structures, the autonomy, and accountability of public research organizations and universities, and the extent to which research is steered towards societal usefulness. Going beyond previous analyses of these changes in science studies, science policy, and higher education studies, this book presents and applies a novel approach that provides an integrated assessment of changes in public science systems and their impact on scientific innovation. Its basic assumptions are (i) that all changes in public science systems (PSS) affect authority relations - the interests and action capabilities of authoritative agencies in science - and (ii) that the authority relations concerning the selection of goals and approaches in research as well as the integration of research results are the channel through which changes in PSS affect the production of scientific knowledge and particularly scientific innovation. This focus on authority relations as the key interface integrating changes in governance and translating them into changes in the production of scientific knowledge is an important innovation because the effects of governance at the performance level of the science system have been largely neglected by other approaches.
Article
Using direct observation and detailed activity accounts, this study documented how faculty in two disciplines at two universities simultaneously accomplished teaching and research. Individual faculty integrated teaching and research between 8 and 34 percent of their work time. English faculty integrated research more with classroom teaching; physicists integrated research more with training students to conduct inquiry.
Article
The relationship between research and teaching has been the focus of much scholarly debate. Recently, the very existence of such a relationship has been questioned. In addition, government policies are undermining this defining feature of the modern university, creating an ontological crisis for those working in the academy. In order to understand better how academics conceptualise the research/teaching relation and how this in turn shapes their pedagogies, we need a research approach that addresses individual academic experience as a coherent whole, as well as taking account of variation in experience across a cohort. This article outlines an empirical study in which the ‘experiential field’ of the research/teaching relation is extended to encompass the phenomena of research, teaching, learning, knowledge and their inter‐relation. The variation in experience evident in the findings suggests that academics' epistemologies are strongly influenced by the way knowledge is conceived of and structured within their discipline, and that these epistemologies play a fundamental role in shaping experiences of research, teaching and learning, and hence of the research/teaching relation. Implications for institutional development are discussed.
Article
This is the third paper in a series being published in Design Studies, which aims to establish the theoretical bases for treating design as a coherent discipline of study. The first contribution in the series was from Bruce Archer, in the very first issue of Design Studies, and the second was from Gerald Nadler, in Vol 1, No 5. Further contributions are invited.Here, Higel Cross takes up the arguments for a ‘third area’ of education—design—that were outlined by Archer. He further defines this area by contrasting it with the other two—sciences and humanities—and goes on to consider the criteria which design must satisfy to be acceptable as a part of general education. Such an acceptance must imply a reorientation from the instrumental aims of conventional design education, towards intrinsic values. These values derive from the ‘designerly ways of knowing’. Because of a common concern with these fundamental ‘ways of knowing’, both design research and design education are contributing to the development of design as a discipline.
Book
In a rapidly changing and inter-disciplinary world it is important to understand the nature and generation of knowledge, and its social organization. Increasing attention is paid in the social sciences and management studies to the constitution and claims of different theories, perspectives,and 'paradigms'. This book is one of the most respected and robust analyses of these issues. For this new paperback edition Richard Whitley - a leading figure in European business education - has written a new introduction which addresses the particular epistemological issues presented by management and business studies. He approaches the sciences as differently organized systems for theproduction and validation of knowledge - systems which become established in particular contexts and which generate different sorts of knowledge. He identifies seven major types of scientific field and discusses the establishment and growth of these sciences, including the major consequences of thenineteenth-century expansion of employment opportunities for researchers; the competitive pursuit of public reputations; and the domination of intellectual work by employees. He also examines the divergences in the way research is organized and controlled both in different fields, and in the samefield within different historical circumstances. This book will be of interest to all graduate students concerned with the social study of knowledge, science, technology, and the history and philosophy of science.