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Angela Moré: Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen. Journal für Psychologie 21/2, 2013, 1-34. http://www.journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/268

Authors:
Die unbewusste Weitergabe von Traumata und
Schuldverstrickungen an nachfolgende
Generationen1
ANGELA MORÉ
Zusammenfassung
Der psychoanalytische Begriff der Übertragung bezeichnet nicht nur ein unbe-
wusstes Geschehen zwischen Therapeut/in und Klient/in im therapeutischen
Prozess, sondern ein die menschlichen Beziehungen generell begleitendes und
prägendes Phänomen, das sich auch in den Beziehungen zwischen den Genera-
tionen findet und diese im positiven wie negativen Sinn entscheidend beeinflusst.
Freud bezeichnete diesen Vorgang als »Gefühlserbschaft«. Damit stellt sich die
Frage, was Generationen voneinander unterscheidet und was sie verbindet und
welche Rolle dabei die bewusste wie unbewusste Tradierung spielt. Es werden
zunächst die Mechanismen der unbewussten Übermittlung von Erfahrungen
zwischen Eltern und Kindern beschrieben sowie ferner die Auswirkungen, die
die ungewollte Weitergabe von (extremen) Traumatisierungen auf die Nachkom-
men von Opfern oder aber von Schuldverstrickungen auf die Nachkommen von
Täter/innen haben.
Schüsselwörter: Gefühlserbschaft, Transgenerationalität, Generationenbeziehungen,
Holocaust-Überlebende, Täter
Summary
The psychoanalytic term of transference not only describes an ongoing event
between analyst and client in therapeutic processes but points to a formative
1Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
phenomenon in all human relationships. Those transmissions have great influence
on intergenerational relations in a good or bad sense. Freud called this kind of
transmission an emotional heritage. The questions which are raised concern the
differences between generations and what connects them together as well as the
role of conscious and unconscious transmissions in this process. First the mecha-
nisms of unconscious transmissions of experiences from the parents to their
children are described. Afterwards the effects of the unwilling transmission of
(extreme) traumata or involvements into guilt to victimsor perpetratorsoffspring
are discussed.
Keywords: emotional heritage, transgenerationality, intergenerational relationships,
Holocaust-survivors, perpetrators
1. Zugänge zum Phänomen der Transgenerationalität
Traumatische Erfahrungen, die von Betroffenen nicht verarbeitet und integriert
werden können, bleiben nicht nur für diese selbst eine lebenslange Belastung.
Sie zeigen sich auch in den Träumen, Phantasien, im Selbstbild, emotionalen
Erleben und unbewussten Agieren ihrer Nachkommen. Sowohl bei psychischer
Krankheit der Eltern, bei Erfahrungen von Misshandlung und Missbrauch wie
auch bei Kriegs- oder Foltererfahrung treten transgenerationale Übertragungsphä-
nomene in den nachfolgenden Generationen auf. Besonders bei Kindern und
Enkeln von Überlebenden des Holocaust wurde dieser Zusammenhang seit
Mitte der sechziger Jahre offensichtlich, als die nun jungen Erwachsenen der
zweiten und dritten Generation vermehrt therapeutische Hilfe suchten (Grubrich-
Simitis 1979; Rosenthal 1997). Dies zeigte sich als Nachwirkung der Extremtrau-
matisierung der Überlebenden mit daraus folgenden schweren Veränderungen
der psychischen Struktur, des (Selbst-) Erlebens wie der Persönlichkeit und
wurde zugleich erkennbar durch die Regelmäßigkeit, in der die als Überlebenden-
Syndrom (Niederland 1980) bezeichneten Auswirkungen der Verfolgungs- und
Vernichtungserfahrungen sich bei den Betroffenen und später bei ihren Nach-
kommen manifestierten. Neben psychoanalytischen Fallgeschichten sind diese
Folgen vor allem in autobiografischen Berichten (Eisenstadt 2007), Romanen
(Roggenkamp 2007) und aufgezeichneten Gesprächen (Epstein 1990) dokumen-
tiert. Aber auch bei den Kindern der Täter/innen offenbarte sich in zunehmendem
2Angela Moré
Maße eine Belastung durch unbewusste Identifikationen mit den zerstörerischen
elterlichen Introjekten (vgl. Bar-On 1993; Rosenthal 1997, 2002).
Inzwischen gibt es mehrere sich teilweise integrierende und ergänzende
Ansätze zur Erklärung der Mechanismen der unbewussten Weitergabe und der
Dynamik ihrer Wirkungsweise. Diese Konzeptionen basieren vor allem auf dem
psychoanalytischen Konzept der Übertragung und Gegenübertragung. Sie sind
aber auch verwurzelt in einem Generationenbegriff, der auf einem Paradigmen-
wechsel des Vererbungsbegriffs des 19. Jahrhunderts basiert (Parnes 2005).
Primäre Erkenntnisquellen sind die psychotherapeutische Arbeit mit
Überlebenden der Shoah sowie ihren Kindern und Enkeln, andererseits die später
einsetzenden Therapien und Untersuchungen von Kindern und Enkeln der Täter.
Im Gegensatz zu den Überlebenden fanden die Täter/innen und Mitläufer/innen
des NS-Regimes sowie die Kriegsteilnehmenden und die vom Krieg betroffene
Zivilbevölkerung über lange Zeit kaum Zugang zu therapeutischen Angeboten
oder anderen Möglichkeiten der Aufarbeitung. Dies war auch die Folge der in
ihnen fortwirkenden nationalsozialistischen Ideologie vom Lebensunwert des
Schwachen, der bis hin zur heimlichen systematischen Tötung geistig behinderter
Menschen führt und mit dem euphemistischen Begriff der »Euthanasie« verbun-
den wurde. Daraus leiteten sich auch nach dem Krieg noch tief sitzende Ängste
und Vorbehalte gegenüber jeder Form von Psychotherapie ab.
Sowohl Rutter (1989) wie Grünberg (2000) betonen, dass es beim Phäno-
men der transgenerationalen Übertragung nicht um einen Determinismus geht.
Zum einen können die Reaktionen auf ähnliche Erlebnisse individuell sehr un-
terschiedlich sein, zum anderen gibt es Kinder mit traumatischen Erfahrungen,
die nicht psychisch erkranken. Die Antwort Rutters auf die Frage nach der unter-
schiedlichen Vulnerabilität und den verschiedenen Reaktionen verweist auf die
individuellen Unterschiede der Personen, ihres Umfeldes und der dort möglichen
kompensatorischen Erfahrungen und ihrer subjektiven Gestaltungsmöglichkeiten
für das eigene Leben. Auch wenn seelische Gesundheit trotz einer traumatischen
Kindheit in mancher Hinsicht ein »Rätsel« bleibt, wie es der Titel der Studie von
Wolfgang Tress (1986) nahe legt, so zeigen seine empirischen Untersuchungen
doch, dass die Entwicklung früher Schutzfaktoren gegen psychogene Störungen
möglich ist (vgl. Moré 2011). Als beste Voraussetzung hierfür erweist sich in der
Untersuchung von Tress die Verfügbarkeit einer stabilen positiven Bezugs- bzw.
3Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Bindungsperson. Mit Hilfe des Adult Attachment Interviews (AAI) ließ sich
nachweisen, dass traumatische Erfahrungen nur dann an die nächste Generation
übermittelt werden, wenn sie von den Betroffenen nicht verarbeitet und folglich
auch nicht in die Konstruktion eines lebensgeschichtlichen Sinnzusammenhangs
eingebettet werden können.
2. Vererbung und Übertragung zwischen den Generationen
Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich parallel zur biologischen Vererbungslehre
die massenpsychologisch begründete Auffassung durch, dass Generationen nicht
nur in der vertikalen Abstammungslinie aufeinander folgen, sondern sich in einem
Parallelprozess als horizontale Alterskohorte gruppieren, die durch die gemeinsame
Teilung spezifischer Erfahrungen gekennzeichnet ist. Zugleich werden nun indi-
viduelle physische Merkmale auf den Mechanismus der genetischen Vererbung
zurückgeführt, bei dem es sich nach Parnes (2005) »im wesentlichen [um] einen
Mechanismus der intergenerationalen Übertragung« handelt (ebd., S. 236). Damit
verschränken sich, wie Parnes weiter ausführt, der Generationen- und der Verer-
bungsbegriff zu einer neuen Einheit, die sich schnell auch jenseits der Biologie
in den frühen Sozial- und Gesellschaftswissenschaften durchsetzte. Auch hier galt
die Generationenfolge nun nicht mehr als bloße Abfolge von Dynastien, reprä-
sentiert durch die (meist männlichen) Vertreter einer Familie oder Sippe. Vielmehr
teilen nach dem neueren Verständnis die Angehörigen einer Generation als Entität
spezifisch ihnen zugeschriebene Erfahrungen, Einstellungen und Aufgaben. Der
Wechsel der Generationen wird zu einem bedeutsamen Aspekt politischer
Machtübernahme. Dabei wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr
die Unabhängigkeit der folgenden Generation von den vorhergehenden betont
im Sinne einer Eigenverantwortung, Verfügungsgewalt über das Ererbte und des
Auftrags der Veränderung, ein Gedanke, der sich von John Stuart Mill über Marx
bis zu Compte verfolgen lässt. Dabei geht es nun vor allem um die Vererbung
von Wissen, Fähigkeiten und Kapital. Bereits 1813 hatte Thomas Jefferson gefor-
dert, die Generationen wie Korporationen oder gar wie souveräne Nationen zu
behandeln (Parnes 2005, S. 240). Dieser soziologische Generationendiskurs
hatte wiederum Rückwirkungen auf die Konzepte der Biologie und floss auch in
die Vererbungs- und Rassenlehren am Ende des 19. Jahrhunderts ein. Während
aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine Veränderlichkeit und
4Angela Moré
Gestaltbarkeit des zu Vererbenden vorgestellt wurde im Sinne des bürgerlichen
Selbstverständnisses der Gestaltbarkeit von Wirklichkeit verliert sich diese Idee
einer aktiv-kreativen Transformierbarkeit des Ererbten in der rassistisch-determi-
nistischen Vererbungsauffassung des Nationalsozialismus. Die horizontale Ebene
des Generationsbegriffs, der die vertikale soziale Struktur der Gesellschaft
durchbricht und den Generationenbegriff darum im 19. Jahrhundert auch für
demokratische Bestrebungen attraktiv machte, wird in der NS-Ideologie zu einer
Grundlage des Gleichschaltungspostulats. Noch für den Soziologen Karl Mann-
heim war dagegen, als er 1928 die Vielschichtigkeit und Bedeutung des Genera-
tionenphänomens und die Beziehung zwischen soziologischem und biologischem
Verständnis diskutierte, klar, dass »das Generationenphänomen [] eines der
grundlegenden Faktoren beim Zustandekommen der historischen Dynamik« ist
(Mannheim 1928, S. 565). Aus seiner Sicht umfasste die Tradierung und Über-
tragung des ererbten Kulturgutes nicht nur bewusste und lehrbare Inhalte, sondern
ebenso »Lebenshaltungen, Gefühlsgehalte, Einstellungen«, die »unbewußt, unge-
wollt vererbt, übertragen« werden (ebd., S. 538).2
Auch Freud greift diese zeitspezifischen Vererbungsvorstellungen auf, insbe-
sondere in seinem Konzept des Ödipuskomplexes. Dieser ist für ihn Zeugnis und
Wiederholung einer unbewussten phylogenetischen Erbschaft: der Einschreibung
des von ihm angenommenen Vatermords in die psychische Struktur der Söhne,
die nach dem Mord am Vater mit Schuldgefühlen reagieren und darum nachträg-
lich die Gebote des Vaters in ihrem moralischen Gewissen etablieren. Dem Ein-
dringen dieser Tragödie der menschlichen Urhorde in die tiefsten (psycho)gene-
tischen Strukturen verdankt sich nach Freud auch die individuelle Ausbildung
des menschlichen Gewissens. Strukturell ordnet er dieses dem sich aus kulturellen
Normen aufbauenden Überich zu, das somit das Produkt bzw. Resultat dieser
archaischen Gefühlserbschaft ist. Auf kollektiver Ebene sieht er in diesem psycho-
genetischen Verarbeitungsmuster, das sich individuell immer neu wiederhole,
den Bodensatz der menschlichen Kulturen. Diese verdanken ihr Entstehen dem
durch die Schuldgefühle und das moralische Gewissen erzwungenen Triebverzicht,
der im besten Falle in eine Art Kompensation durch kreative Schöpfung mündet,
die Freud Sublimierung nennt. Erst dadurch werde die Generationenfolge auch
zu einem Fort-Schritt der Generationen, woran Freud mit dem Zitat aus Goethes
Faust erinnert: »Was Du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu be-
5Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
sitzen«. Kultureller Fortschritt basiert für Freud somit auf der Transformation
der Mordtat am Urvater in eine Wiedergutmachungsleistung durch die nachträg-
liche Verinnerlichung und Achtung seiner Gebote. Deren Missachtung führt zu
der Strafandrohung des mosaischen Gottes, die Nachkommen zu strafen »bis ins
dritte und vierte Glied« (2. Buch Mose: Exodus 20/5).
Im Singular fasst der Begriff der Generation eine Altersgruppe, die spezifische
Erfahrungen teilt, zu einer Kohorte zusammen. Insofern handelt es sich hierbei
um ein gesellschaftliches Konstrukt, denn es ist die Frage einer wissenschaftlichen
und Common-sense-Interpretation, welche Erfahrungen als generationsprägend
betrachtet werden und welche Jahrgänge diesen Erfahrungen schon oder noch
zugeordnet werden. Werden Generationen in diesem historisch-soziokulturell
konstruierten Erfahrungsbezug im Plural gedacht, geht es um die Erfassung dessen,
was die Erfahrungen einer (als Einheit konstruierten) Generation an Bedeutung
haben für die Interaktion derselben mit der nächsten (ebenfalls als Einheit kon-
struierten) Generation. Wenn wir z.B. von der Bedeutung der Erfahrungen der
Kriegkinder für das Selbsterleben der Kriegsenkel sprechen, werden spezifische
gemeinsame Kernerfahrungen für jede Generation herausdestilliert und ein ge-
meinsames Movens der Geschichte unterstellt, das sich aus dem Bezug der beiden
Generationen zueinander ergibt.
Zu den besonderen Schwierigkeiten des Begriffs Generation als einer durch
gemeinsame Erfahrungen geprägten Kohorte in etwa Gleichaltriger zählt die
Frage, welche Ereignisse als bestimmend für eine Generation definiert werden
können oder durch welches spezifische Erleben universeller Ereignisse zur mar-
kanten Trennung zwischen verschiedenen Generationen werden. Und ferner,
wie Geburtsjährgänge angesichts des kontinuierlichen Geborenwerdens und
Sterbens zu erfahrungsbestimmten Einheiten zusammengefasst werden können.
Hier verweist Elema (1978) auf eine deutliche Differenz zwischen der biologischen
und der soziologischen Generationenfolge: Während der biologische Altersabstand
zwischen zwei Generationen zwischen zwanzig und vierzig Jahren schwankt, im
Mittel also bei dreißig Jahren liegt, orientiert sich die jüngere Generation in ihren
Leitbildern und Interpretationen ihrer eigenen Erfahrungen überwiegend an der
Gruppe der circa zehn Jahre Älteren. Bollas (2000) nennt diese Orientierungs-
gruppe darum die Zwischengeneration, die Teil einer zeitlich versetzten zweiten
Generationslinie ist. Entscheidendes Konstitutionskriterium einer jeden Genera-
6Angela Moré
tion sei ihr gesondertes Generationsbewusstsein und ihre Identität, die sie sich
insbesondere über generationsspezifische Objekte wie Musikidole, Moden, poli-
tische Ideale etc. verschaffe.
Auf den ersten Blick erscheinen Generationenzuordnungen für Ereignisse
wie die beiden Weltkriege relativ plausibel. So wird grob zwischen Kriegs- und
Nachkriegsgeneration unterschieden. Jedoch ergeben sich für die Täter/innen
im Nationalsozialismus und ihre Nachkommen andere Kriterien der Generatio-
neneinteilung als bei den Holocaust-Überlebenden und ihren Nachkommen.
Für letztere gilt, dass alle Überlebenden der Shoah unabhängig vom Alter zum
Zeitpunkt ihrer Befreiung als erste Generation gelten. Alle danach in neu gegrün-
deten Familien geborenen Kinder der Überlebenden bilden die zweite Generation
(Grünberg 1997, 2000). Grünbergs Anmerkung, dass die fast vollständige syste-
matische Vernichtung der europäischen Juden es notwendig machte, »die Gene-
rationen-Zählung nach dem Genozid neu [zu] beginnen« (1997, S. 20, Anm. 1),
verweist zudem auf die jüdische Tradition, die Generationenfolge rückzuverfolgen
bis zu den israelitischen Stammvätern. Auch für andere im Nationalsozialismus
systematisch verfolgte und ermordete ethnische Minderheiten, insbesondere
Sinti und Roma, gilt, dass mit »zweite Generation« die nach 1945 geborenen
Kinder der Überlebenden gemeint sind.
Auf Seiten der nationalsozialistischen Täter-Gesellschaft wie auch bei den
anderen in den Krieg involvierten Nationen wäre im Unterschied zur jüdischen
Generationenzählung eine andere Einteilung vorzunehmen. Die »erste« Genera-
tion umfasst diejenigen, die mit Beginn des NS-Staates bzw. des Krieges Erwach-
sene und damit aktiv und verantwortlich Handelnde waren. Ihr folgen an zweiter
Stelle diejenigen, die den NS-Staat und den Krieg sowie die unmittelbare Nach-
kriegszeit als Säuglinge, Kinder und Jugendliche erlebt haben: die sogenannten
Kriegskinder.3Als eine Art Zwischengeneration treten die in der Nachkriegszeit
Geborenen auf, die nicht mehr Kriegskinder waren, aber überwiegend noch
Kinder der Täter(-generation) sind. Erst die Kinder der Kriegs- und Nachkriegs-
kinder sind die Enkel der Täter/innen.
Thiel (2004) zufolge sind es jedoch ausschließlich die im soziokulturellen
Sinne umfassenden Krisen- und Umbruchszeiten, die generationsspezifische
Konflikte erzeugen und daher die Verwendung des horizontalen Generationen-
begriffs im Sinne der Gleichaltrigenkohorte sinnvoll erscheinen lassen. Hier
7Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
kommt die Bedeutung der Kategorie »Generation« als funktionales Ordnungs-
prinzip wie auch als »relationaler Begriff, der die Verbindung getrennt erscheinen-
der Phänomene und Ebenen in historischen Wandlungsprozessen herstellen
kann« (ebd., S. 112), zum Tragen. Als universale Deutungskonzepte seien Gene-
rationenmodelle jedoch unbrauchbar (ebd., S. 112f.), da sie oft willkürliche Zu-
sammenfassungen von Altersgruppen unter einem marginalen Phänomen darstell-
ten.
3. Die transgenerationale Übertragung4
3.1. bei Holocaust-Überlebenden
Seit Mitte der sechziger Jahre wurden neben den Erkenntnissen über die schweren
und lebenslangen Auswirkungen, die die systematische Verfolgung und Vernich-
tung für die wenigen Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager
hatten, auch die Spuren dieser Erfahrungen in deren Nachkommen thematisiert
(s. z.B. Levine 1982; Bergman/Jukovy/Kestenberg 1995; Rosenthal 1997; Opher-
Cohn et al. 2000; Konrad 2007). Aufgrund der im analytischen Prozess aufge-
deckten Beziehungen zwischen den Generationen wurden Begriffe wie »Zeittun-
nel« (Kestenberg 1995), »Telescoping« (Faimberg 1985) oder »vermitteltes
Trauma« (Kogan 1990) geprägt (vgl. Koch-Wagner 2001, S. 24ff.). Zum Teil
wurden diese Benennungen als kausal umfassende Erklärungen missverstanden,
wodurch ihnen die metaphorische Qualität verloren ging, jeweils ein zentrales
Element des Erlebens in dem komplexen Übertragungsgeschehen zu veranschau-
lichen. Zudem drohen durch eine Überinterpretation dieser Begriffe die spezifi-
schen Unterschiede zwischen den Folgen der Extremtraumatisierung in der ersten
Generation und ihren Auswirkungen auf die zweite Generation verloren zu gehen.
Diese Differenzen berücksichtigend spricht Grubrich-Simitis (1979) von einer
Transformation der Extremtraumatisierung der ersten Generation in ein »kumu-
latives Trauma« (Khan 1963) der zweiten Generation. Denn viele Angehörige
der ersten Generation blieben innerlich den Konzentrationslagern verhaftet,
konnten sich aus dem dortigen Erleben psychisch nicht mehr befreien. Bei vielen
Überlebenden zeige sich eine »weitgehende Amnesie gegenüber der Lebenszeit
vor der Verfolgung und eine Hypermnesie bezüglich bestimmter Lagererlebnisse«
(Grubrich-Simitis 1979, S. 999).
8Angela Moré
Der von Kestenberg (1995) gebrauchte Begriff des »Zeittunnels« vermittelt
das Bild von einer Untergrabung des normalerweise als linear progredient erlebten
Zeitablaufs. Eine Dimension dieser Untergrabung zeigt sich nach Hadar (1991)
in der Verschiebung der chronologischen Zeitkurve bei der zweiten Generation.
Zwar seien alle dieser Angehörenden nach 1945 geboren, doch knüpften sie
psychisch genau an dem Punkt an, an dem die Zeitkurve ihrer in einer normalen
Zeit vor der Verfolgung geborenen Eltern gewaltsam unterbrochen wurde. Darum
liege der gefühlsmäßige Geburtszeitpunkt der zweiten Generation in den Kon-
zentrationslagern (Grünberg 2000, S. 35f.). Für das Es bzw. Unbewusste gibt es,
wie schon Freud (1933, S. 80f.) deutlich machte, keine rationale Zeitordnung
und Kausalität. Dadurch wird es der zweiten Generation möglich, an die zerbro-
chene Zeitlinie der Eltern anzuknüpfen. Durch Identifikationen, die Übernahmen
von elterlichen Rollen für die eigenen Eltern (Parentifizierung) und durch Versu-
che, die personalen und emotionalen Lücken in der Familie zu füllen, versuchen
sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, die lebensgeschichtliche Kontinuität der
eigenen Eltern und Großeltern wieder herzustellen. Damit ist auch die in gewisser
Weise omnipotente (Wunsch-) Phantasie verbunden, nachträglich in den Ablauf
der vergangenen Geschichte eingreifen und diese ungeschehen oder wiedergut-
machen zu können. Dabei übernimmt die zweite Generation Verantwortungs-
und Überlebensschuldgefühle von den Eltern, um diese zu entlasten und zu heilen.
Das Bild des Zeittunnels veranschaulicht diese subversive Wirkung der Trauma-
tisierung. Diese zerstört das für die Sinnkonstruktion von Lebensgeschichte erfor-
derliche subjektive Gefühl eines linearen Fortschritts der Zeit und somit einen
Teil des Realitätsprinzips und untergräbt somit auch die psychischen Generatio-
nengrenzen.
Mit dem Begriff »Telescoping« veranschaulicht Faimberg (1985) die innerpsy-
chischen Verflechtungen und verschobenen Zeitkurven zwischen den Generatio-
nen. Wie ein Teleskop würden diese aufgrund der sie aneinander bindenden, die
Ablösung verhindernden Gefühlserbschaften ineinander geschoben. Zieht man
das Teleskop auseinander, dann ergibt sich keine wirkliche Unterscheidung,
sondern eher eine dieser Metapher entsprechende Verlängerung der Vergan-
genheit in die Zukunft, die beide ineinander verschiebt und eine Differenzierung
der Generationen verhindert.
9Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Troje (2000) verwendet das Bild einer »Verzahnung des Unbewussten«
zwischen Personen verschiedener Generationen. Diese könne auf Grund des
Verlustes von Abgrenzungsmöglichkeiten von Kindern gegenüber ihren Eltern
zeitweise auch zu psychoseähnlichen Zuständen führen.
Neben den zutreffenden Aspekten weisen diese Metaphern jedoch auch
Begrenzungen in ihrem Beschreibungswert auf. Denn sie legen nahe, dass das
unverarbeitete Trauma oder die nicht anerkannte Schuld einer früheren Genera-
tion in den späteren Generationen in eben derselben Weise wieder auftauche, so
wie die Teilstücke des Teleskops einander (zumindest äußerlich) gleichen und
die verjüngten Teile als Verlängerung aus dem ersten Hauptstück hervorgehen.
Ebenso hebt auch das Bild des Zeittunnels die Differenzen zwischen den
Generationen auf. Tatsächlich gilt dies jedoch nur bezüglich einiger unbewusster,
traumatischer Inhalte und der mit ihnen verbundenen Phantasien und Affekte.
Denn zweifellos leben die Generationen der Kinder und die der Enkel in einer
anderen Zeit mit anderen Verhältnissen und Lebensbedingungen. Adäquat be-
schreibt das Bild des Zeittunnels aber die Untergrabung des Zeitgefühls sowohl
bei den Angehörigen der ersten Generation, die die in der Vergangenheit erlebten
Traumata immer wieder wie unmittelbare Realität erleben, als auch bei den spä-
teren Generationen, die sich erfahren wie in zwei parallelen Zeiten lebend, von
welchen sie die eine als gegenwärtig empfinden, die andere dagegen oft nicht
wirklich konkret fassen können, sondern als einen dunklen Sog in etwas unbe-
kanntes Vergangenes empfinden. Was von den Erfahrungen der Überlebenden
in der zweiten Generation in Träumen, Affekten, Stimmungen und bewussten
wie unbewussten Vorstellungen ankommt, sind rätselhafte, unintegrierbare Bilder
und Impulse, Irritationen, Verunsicherungen der eigenen Identität, Schuldgefühle,
unerklärliche Ängste oder Zwänge, Gefühle von (Selbst-) Fremdheit und Rätsel-
haftigkeit oder Zwangshandlungen. Grubrich-Simitis (1979) nennt als Auswir-
kungen dieser innerpsychischen Fremdkörper Apathie, Depression, Gefühle von
innerer Leere, fehlendes emotionales Engagement, aber auch eine »agitierte Hy-
peraktivität« (ebd., S. 1003).
Können in der zweiten Generation die ihr aufgegebenen Rätsel nicht gelöst,
die unverarbeiteten traumatischen Eindrücke nicht integriert und durch Trauer-
arbeit bewältigt werden, kommt es auch in der dritten Generation zu Gefühlen
von etwas Dunklem, Rätselhaftem, Unverständlichem, das in seiner affektiven
10 Angela Moré
Qualität bedrückend, irritierend und wie ein Fremdkörper wirkt und zugleich
ein unauflösbares Band zu den Eltern oder/und Großeltern und deren Geheim-
nissen knüpft. So berichtet Fonagy (2003) von der Behandlung eines präpsycho-
tisch erscheinenden Jugendlichen, dessen Großeltern mütterlicherseits beide
Überlebende der Shoah waren. In den sadistischen Phantasien und Sexualängsten
des 15-Jährigen verdichteten sich die in der Familie verschwiegenen Phantasien
über die sexuelle Ausbeutung der Großmutter in den KZ-Lagern, mit der sich
die Familie das Überleben der Großmutter erklärte, sowie eine mörderische Wut
über die erlittenen entmenschlichenden Demütigungen. Dies verband sich mit
einer tiefen Abscheu dieses Jugendlichen vor sich selbst und Zweifeln an der ei-
genen Existenzberechtigung (ebd., S. 168ff.).
Zugleich aber durfte er seine Aggressionen nicht nach außen hin zeigen, da
für die von Gewalt traumatisierte erste Generation jede Äußerung von Aggressi-
vität unerträglich war. Weil die in den Konzentrationslagern erlebten Grausam-
keiten die Grenzen zwischen Phantasie und Realität auf traumatische Weise zer-
stört hatten, wurden nun die aggressiven Äußerungen des Kindes in der Vorstel-
lung der Eltern gleichgesetzt mit den destruktiven Angriffen der Peiniger in den
Lagern. Das Kind mit seinen normalen aggressiven Impulsen wurde für sie zum
real zerstörenden Angreifer (Grubrich-Simitis 1979). Die zweite Generation
konnte darum nicht lernen, Aggression als Teil von sich selbst zu integrieren,
sondern erlebte diese als dämonisch-zerstörerische Kraft, deren Sichtbar- und
Spürbarwerden verhindert werden musste. Entsprechend häufig wird Destrukti-
vität in der dritten Generation agiert und zugleich weiterhin als absolutes Tabu
bekämpft, wodurch sie autoaggressive Formen annimmt.
3.2 bei nationalsozialistischen Täter/innen und Mitläufer/innen
Für die Beziehung zwischen der Tätergeneration und ihren Kindern haben sich
keine entsprechenden Metaphern oder Erklärungsmodelle etabliert. Dabei bildete
sich auch hier ein interpsychischer Raum, in dem die Kinder der Täter/innen zu
unbewussten und ungewollten Erben der Schatten der elterlichen Vergangenheit
wurden. Jedoch war bei ihnen die affektive Beziehung häufig deutlich ambivalenter
und von Angst geprägt nicht um die Eltern, sondern vor ihnen. Denn diese
schuldverstrickten Eltern verfolgten alle abgewehrten eigenen Anteile in den
Kindern hartnäckig und mehr oder weniger auch sadistisch. So kam bei der ersten
11Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Generation der NS-Täter/innen und -Mitläufer/innen oft eine aggressiv-feindse-
lige, Leistung und Gehorsam fordernde Einstellung den eigenen Kindern gegen-
über zum Tragen. Wie sich diese Ängste und normativen Gebote, die die Eltern-
Kind-Beziehungen prägten, in der zweiten Generation niederschlugen, kommt
exemplarisch in der Aussage von Monika Göth zum Ausdruck, die auch Titel
des Buches ihrer Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Eltern ge-
worden ist: »Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?« (Kessler 2002). Obwohl
sie den eigenen Vater, Amon Göth, nicht kannte und obgleich sie inzwischen
herausgefunden hat, dass er als Kommandant des Lagers Plaszow bestialisch
grausam mit den dort Gefangenen umging, ist ihr Verhältnis zu ihm (als imagi-
närer Person) von der Norm bestimmt, dass sie als Töchter ihn doch lieben
müsse. Schließlich ist er ja der Vater.
Hinter diesem Loyalitätszwang, den die Kinder der Täter/innen empfinden,
zeigen sich jedoch Misstrauen, der Wunsch nach Entidentifizierung und Distan-
zierung sowie reale räumliche und emotionale Entfernung. Schließlich wurden
und fühlten sich Kinder von NS-Eltern häufig belogen, getäuscht und nicht selten
auch physisch bedroht. Um dem zu entgehen, wählten einige Kinder selbst die
Strategie der Verleugnungen und Verharmlosungen, übernahmen diese von den
Eltern zur Abwehr der eigenen ambivalenten Gefühle (s. z.B. die Gesprächspro-
tokolle in Koch-Wagner 2001; Westernhagen 1987). Eine besonders extreme
Entwicklung zeichnet Schulz-Hageleit (1997) nach. Er berichtet davon, dass eine
nicht geringe Zahl von überzeugten Anhängern des Nationalsozialismus, die zum
Teil auch bei der SA oder SS aktiv waren, am Ende des Krieges oder nach dessen
Ende ihre destruktiven Impulse, mit denen sie zuvor »den Feind«, Juden, Sinti
und Roma oder andere Gruppierungen bedroht und verfolgt hatten, gegen sich
und ihre Familien richteten. Dies geschah zum einen dadurch, dass die Eltern
sich mit dem Gedanken trugen und einige dies auch wahr machten , sich und
die eigenen Kinder zu töten. Diese (fantasierte) Flucht in den Tod schreibt Schulz-
Hageleit dem Zusammenbruch ihrer narzisstisch besetzten (Ich-) Ideale und ihres
Selbstwertgefühls zu, mehr noch als dem Verlust von Vermögen und Heimat.
Für andere ging es darum, sich der befürchteten Strafverfolgung und der damit
verbundenen Beschämung und sozialen Degradierung zu entziehen (s.a. Jokl
1997, S. 29). Zum andern äußerte sich diese Wendung gegen das Selbst und die
eigene Familie in der autoritären und oft brutalen Art, in der die Männer oder
12 Angela Moré
beide Eltern die Kinder unterwarfen, drillten, demütigten und schlugen. So findet
Ingrid Müller-Münch (2012) heraus, dass nicht nur in ihrer eigenen Familie,
sondern in zahlreichen Familien der fünfziger Jahre die Prügelstrafe als angemes-
senes Erziehungsmittel der Kinder angesehen wurde.
Auch Kinder der Täter/innen hatten nicht die Möglichkeit, sich dem
Schrecklichen des Krieges, der Bombennächte, der Fluchterlebnisse der Eltern
zu entziehen, die ihnen, sofern sie diese nicht selbst miterlebt hatten, teilweise
sehr detailgetreu geschildert wurden.5Die innerpsychischen und emotionalen
Erlebensräume der Kinder wurden durchwebt von den Schilderungen verwüsteter
Schlachtfelder der Väter und von den Tagen und Nächten der Mütter in den
Bombenkellern, Trümmerstädten und Flüchtlingsströmen, wodurch auch sie
eine partielle Rückversetzung in eine nicht selbst erlebte Zeit erfahren. Eine
Ausnahme bildeten die in der Regel schamhaft verschwiegenen Vergewaltigungen,
die den Frauen zu Kriegsende und auf der Flucht widerfuhren. Gleichwohl
wurden diese als unausgesprochene Botschaften in den Ängsten und Panikattacken
sowie in den affektiven Ausdrücken und der gehemmten Körperlichkeit der
Mütter und Großmütter spürbar. Diese Kinder fühlten einen Mangel an Nähe
und Geborgenheit und die tiefe Scham und oft deutliche Ablehnung des eigenen
Körpers und jeder Art von Sinnlichkeit bei den Müttern.
Über das eigene Leid und die Leiden der mit dem Nationalsozialismus ver-
strickten Eltern erfuhren die Nachkommen derselben dennoch in der Regel eine
Menge, über deren aktive oder passive Beteiligung an den Verbrechen oder die
Duldung derselben nichts. Somit war das Ver-Schweigen der Eltern über ihr ei-
genes Mitwissen und Mittun oder Unterlassen ein beredtes Schweigen, in welchem
sie nicht stumm blieben, sondern Rechtfertigungen, Entschuldigungen und Lügen
erfanden. Ihre Begriffe benannten nicht ihre Taten, sondern versuchten diese zu
verschleiern, zu verharmlosen und die Schuld anderen zuzuschieben. Damit ver-
suchten sie zu verhindern, dass ihre Kinder die wahren Zusammenhänge und
den Schuldanteil der Eltern und anderen Verwandten begriffen. Aber dieses
Verschweigen und Verleugnen der wahren Ereignisse, der tatsächlichen Beteiligung
ist stets begleitet von Affekten der Abwehr, seien es die des Erschreckens, des
Ärgers, der Scham oder der Furcht. Entsprechend errichtete diese Generation
von Eltern zahlreiche Tabus, die Fragen nach ihren damaligen Überzeugungen
13Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
und Funktionen betrafen, gegebenenfalls auch durch die Androhung von Strafen
und Gewalt.
Es sind jedoch bei beiden Gruppen von Eltern, jenen, die Täter/innen und
Mitläufer/innen waren wie jenen, die Verfolgungen überlebten, gerade die Bemü-
hungen der Abwehr, die die Spur zu den verleugneten Ereignissen und Gefühlen
legen. Die Formen und Strategien der Abwehr selbst verweisen indirekt auf das
Verschwiegene oder Verheimlichte und legen die oft intuitiv aufgenommene
Spur zu traumatischen Ereignissen oder peinlich gehüteten Geheimnissen in der
Familie, sie sind die »Wegweiser« der unbewussten und ungewollten Übermitt-
lungen zwischen den Generationen.
Bei den Kindern der Täter/innen finden sich dementsprechend andere
Elemente unbewusster oder halbbewusster Mitteilungen durch die Eltern, die
als Ahnungen von etwas nicht Fassbarem und Dunklem auftauchen. Nachkom-
men von Täter/innen fühlen sich als aggressive Verfolger und Ankläger der Eltern,
die diesen ein Unrecht tun, wenn sie nach ihrer Geschichte fragen. Der den
Student/innen der 68er-Jahre vorgeworfene Ton der Anklage diente nicht nur
dem Versuch einer Distanzierung von den Eltern, ihrer abgestrittenen Schuld
und ihrem Selbstmitleid. Er war meines Erachtens auch eine Inszenierung eben
dieser in die Kinder projizierten Verfolgerposition, die die Eltern mit der Anklage
zugleich entlastete, weil diese sich als Opfer nun ihrer Kinder fühlen konnten.
Dies wurde nicht zuletzt provoziert durch die Verwirrung, die die ritualisierte
Selbststilisierung der Täter und Täterinnen zu Opfern in deren Nachkommen
bewirkte (Müller-Hohagen 1994). Ferner wurde die latent aggressive Haltung
der Eltern gegen ihre Kinder in dieser Umkehrung offensiv agiert in einer Mi-
schung aus Identifizierungsanteilen und deren gleichzeitiger Abwehr.
Für die Transformation nicht anerkannter realer Schuld in Schuldgefühle
bei den Kindern und Enkeln gibt es inzwischen auch zahlreiche klinische Belege
(Bar-On 1993; Bergman et al. 1995; Hirsch 1997; Jokl 1997). Neben den daraus
erwachsenden massiven Selbstwertkonflikten und Kompensationsbemühungen
durch Wiedergutmachungsversuche finden sich in den Kindern der Täter/innen
auch identifizierende Anteile mit jenen Seiten der Eltern, die von diesen bewusst
verleugnet werden, in denen die Kinder ihre Eltern jedoch als stolz erleben, ihre
Freude und Begeisterung bei bestimmten (erzählten) Erinnerungen spüren und
im Alltag mit den von diesen verinnerlichten Idealen und Normen konfrontiert
14 Angela Moré
werden. Das Anknüpfen der Eltern an die Ideale und Erlebensformen ihrer Ju-
gend, an Bilder von Stärke, Macht und Überlegenheit, oft in Momenten vermin-
derter Selbstkontrolle, dient diesen zur Reparation und Stabilisierung ihres ver-
letzten Selbstwertgefühls. Die Kinder der Täter/innen fühlen sich durch solche
doppelten Botschaften der Verleugnung von insgeheim idealisierten Werten
häufig innerlich gespalten und doppelt gefangen.
Eindrücklich belegt dies die Geschichte eines Mannes, der wegen Ehepro-
blemen in Therapie kommt (Buchholz 1990, S. 338ff.). Verheiratet mit einer
Polin, die er bei einem Aussöhnungsprogamm kennen gelernt hatte, entwickelt
er plötzlich eine Liebesbeziehung mit einer deutschen Kollegin, mit der er sich
heimlich trifft und mit der er, ihm selbst unerklärlich, begeistert deutsche Wan-
derlieder singt. Erst im Laufe der Therapie verdichtet sich der Verdacht auf eine
Verwicklung des Vaters in den Holocaust in einem polnischen Konzentrationsla-
ger, der schließlich von der Mutter des Patienten bestätigt wird.
Diese Übertragungsmuster finden sich nicht nur in Familien von NS-Tätern
und -Täterinnen, sondern auch in der Folge nicht psychisch anerkannter und
aufgearbeiteter Verbrechen in Bürgerkriegen, bei Raub, Mord, schwerem Betrug
oder in Familien mit Sexual- und Gewaltdelikten. Die Verleugnung und das
Verschweigen dieser Taten begründen jene Familiengeheimnisse, an deren Rätseln
sich die Nachkommen zum Teil ein Leben lang »die Zähne ausbeißen«.
4. Frühe Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe
4.1. Tradierung zwischen den Generationen bei Freud
Die Weitergabe von Erfahrungen bezieht sich nicht nur auf verdrängte oder dis-
soziierte Inhalte, auf Schuldkonflikte oder Scham sowie Traumata. Sie kann sich
auch auf komplexere Konglomerate von teilweise bewussten, teils unbewusst ge-
machten oder verleugneten Familiengeschichten beziehen, die sich aus wider-
sprüchlichen Anteilen von Freude, Stolz, Scham, Angst etc. zusammensetzen in
Verbindung mit familien- oder (groß-) gruppenspezifischen Narrationen über
Vergangenes, also die Interpretation von historischen Hintergründen und Ursa-
chen, die sich in Formen von tradiertem Wissen, soziokulturell positionierten
Einstellungen und Urteilen manifestieren.
Freud (191213a) betont die Notwendigkeit oder das Verlangen nach einer
»psychischen Kontinuität innerhalb der Generationenreihen«, einer »verlangte[n]
15Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen« (ebd.,
S. 190f.). Dies zeige sich auch darin, dass es keiner Generation gelinge, unliebsame
seelische Regungen vor der nächsten zu verbergen.
»Die Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, dass jeder Mensch in seiner
unbewussten Geistestätigkeit einen Apparat besitzt, der ihm gestattet, die
Reaktionen anderer Menschen zu deuten, das heißt, die Entstellungen
wieder rückgängig zu machen, welche der andere an dem Ausdruck seiner
Gefühlsregungen vorgenommen hat.« (ebd., S. 191).
Freuds Ausführungen legen nahe, dass es sich bei den abgewehrten Seelenregungen
um solche handelt, wie sie auch in der Urgeschichte von ihm hypothetisch als
existent angenommen werden: Regungen, die Inzest- und Mordwünsche enthalten
und die aufgrund von Scham- und Schuldgefühlen verborgen bleiben sollen. Für
ihn war noch nicht erkennbar, dass auch traumatische Erfahrungen der willkür-
lichen Bedrohung und Zerstörung auf Seiten der Opfer ein solches unbewusstes
Potenzial bilden, das sich trotz versuchter Abwehr den nächsten Generationen
mehr oder weniger deutlich offenbaren wird.
Über die Funktionsweise dieses »psychischen Apparats« bzw. der unbewuss-
ten Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe gibt es heute verschiedene,
sich zum Teil ergänzende, Theorien.
4.2. Die phantasmatische/imaginäre Interaktion
Insbesondere in der französischen Psychoanalyse gilt die Weitergabe unbewusster
Phantasien, Impulse und Affekte als ein ubiquitäres Element der Beziehung
zwischen Eltern und Kind, das dessen Entwicklung erst ermöglicht. Sie bereitet
sich bereits vor der Zeugung und Geburt des Kindes in den elterlichen Phantasien
vor. Vorstellungen über seine Bedeutung bestimmen schon vor und unabweislich
nach der Geburt den Umgang mit dem Kind, die Interpretation seiner Äußerun-
gen und die affektiven Reaktionen der Eltern und damit deren Beziehung zum
Kind und seinem Erleben. Lebovici (1983) bezeichnet dies als phantasmatische
Interaktion, Brazelton und Cramer (1991) sprechen von imaginären Interaktionen.
Beiden Auffassungen liegt ein Konzept früher nonverbaler Übertragungsbezie-
hungen zugrunde. Laplanche (1988) geht zudem davon aus, dass die Eltern auf-
16 Angela Moré
grund ihrer unbewussten Triebphantasien und der für das Kind noch nicht ver-
stehbaren Sexualität des Erwachsenen im Kind ein Rätsel implantieren, das den
Ursprung seiner Phantasien bildet. Der Wunsch dieses zu enträtseln gebe einen
entscheidenden Impuls zur psychischen Entwicklung. Laplanche zufolge liegt
darin eine (Ur-) Verführung begründet. Generell sei es der Andere, der im Subjekt
den psychischen Prozess in Gang bringt, der mittels Introjektion, Identifikation,
Verdrängung, Verleugnung, Verwerfung, Projektion etc. das Unbewusste
konstituiert. Insofern ist Übertragung von der Elterngeneration auf die Kinder
notwendig für den Prozess der Selbst- und Subjektwerdung. Von der normalen
Implantation unterscheidet Laplanche allerdings die gewalttätige Variante der
»Intromission«, die eine Differenzierung und Metabolisierung im psychischen
Innenraum verhindere und die im Entstehen begriffenen psychischen Instanzen
kurzschließe. Mit der Einsicht in die durch den Anderen erzeugte psychische
Dynamik, die von Anfang an eine interaktive ist, wird nach Laplanche auch der
psychoanalytische Mythos eines in sich abgeschlossenen, quasi-monadischen
psychischen Innenraums aufgelöst, aus dem das Subjekt sich scheinbar selbst er-
schaffe. Auch Winnicotts Bonmot, so etwas wie einen Säugling gebe es nicht6,
impliziert die Vorstellung, sich die Entstehung des Psychischen als einen interak-
tiven Prozess zu denken.7
Jedoch wird nach Auffassung von Grubrich-Simitis (1979) bei Überlebenden
der Konzentrationslager die Symbolisierungsfähigkeit in Bezug auf die traumati-
schen Eindrücke infolge der Extremtraumatisierung zerstört. Es finde eine
»Machtergreifung des Primärvorganges« statt, der auch die elterlichen Funktionen
beschädige. Dies zeige sich in den Übertragungen auf die zweite Generation in
Form einer Erstarrung der Phantasien, eines zeitlosen Konkretismus der Vorstel-
lungen, eines fehlenden Zukunftsraums für Veränderungen. An ihrer Stelle findet
sich die Verhaftetheit mit den traumatisierenden Eindrücken, den Bildern der
Toten, den die affektive Differenzierung zerstörenden übermäßigen Scham- und
Schuldgefühlen und in Form der mehr oder weniger massiven narzisstischen
Entleerung. Diese Auswirkungen der Extremtraumatisierung behindern die elter-
liche Wahrnehmung des Kindes in seiner Eigenheit und Bedürftigkeit, die
Möglichkeiten, es zu spiegeln, sich in dieses einzufühlen und affektiv angemessen
mit ihm zu interagieren und auf seine Äußerungen zu reagieren. Anstelle des die
Psyche des Kindes interaktiv kreierenden elterlichen Begehrens treten die elterliche
17Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Bedürftigkeit und Gefühle von ohnmächtiger Wut und Verzweiflung sowie
Entsetzen, Angst und Leere, symbolisiert z.B. durch die in Daniel Liebeskinds
Architektur zu findenden »voids«, die nicht nur die kulturell, sondern auch psy-
chisch durch den Holocaust entstandenen Risse und Leerräume in der jüdischen
Tradition veranschaulichen. An diesen Folgen der Entmenschlichung und per-
manenten Lebensbedrohung zerbrechen bei vielen Überlebenden die auf die
Zukunft gerichteten Imaginationen vom Werden und Leben ihrer Kinder. Diese
werden stattdessen an die Erinnerungsbilder der verlorenen toten Objekte gebun-
den und in deren Vergangenheit fixiert, übernehmen die Funktion von »Gedenk-
kerzen« (vgl. Wardi 1997, S. 57ff).
4.3. Transgenerationalität in der Bindungstheorie
An der Konstanz, mit der sich Bindungsstile und -schwierigkeiten in den Familien
über mehrere Generationen wiederholen, erkannten die Bindungsforscher/innen
die transgenerationale Weitergabe von elterlichen Bindungsmustern an Kinder
(vgl. Moré 2006). Dabei zeigte sich, dass die Stabilität von Bindungsmustern
nicht allein aus der Imitation oder einem Lernvorgang des Kindes erklärt werden
kann, sondern dass das Bindungsverhalten der frühen (und späteren) Mutter-
Kind-Beziehung in tiefgreifender Weise die Wahrnehmung von Beziehungsmög-
lichkeiten und die Einstellung zur belebten und unbelebten Umwelt präformiert.
Die Erforschung des Bindungsverhaltens Erwachsener bestätigt, dass sich die
Grundmuster der Bindung (sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent
oder desorganisiert/desorientiert8) in den Bindungsstilen zu den eigenen Kindern
häufig reproduzieren. Die intergenerationale Weitergabe von Bindungsmustern
stellt nach Bretherton (1985) ein sowohl intra- wie interkulturell bedeutsames
Phänomen dar. In besonderem Maße trifft dies für das desorganisierte/desorien-
tierte Bindungsverhalten zu. Wurde dieses ursprünglich generell auf Misshand-
lungen, Missbrauch oder extreme Vernachlässigung der beobachteten Kinder
zurückgeführt, zeigte sich mit wachsender Erfahrung, dass die Traumatisierung
einer zentralen Bezugsperson des Kindes ausreichend für das desorganisierte und
desorientierte Bindungsverhalten des Kindes sein kann (Main/Hesse 1990). Die
Traumatisierung der Bezugsperson führt bei dieser zeitweise zu einem verängstig-
ten und für das Kind zugleich beängstigenden Verhalten, da sie in plötzlich auf-
tretenden Zuständen von Verwirrtheit, Panikattacken, innerer Absorbiertheit
18 Angela Moré
und affektiven Durchbrüchen für das Kind nicht mehr emotional erreichbar ist.
In ihrem akuten emotionalen Zustand signalisiert diese Bezugsperson eine Gefahr,
vor der sie das Kind nicht zu schützen vermag. Das Kind erlebt dadurch eine
paradoxe Situation: die Person, die normalerweise für die Lösung von beängsti-
genden Situationen aufgesucht wird, wird selbst zur Quelle der Angst. Dies gilt
auch bei tatsächlichem sexuellem Missbrauch oder bei Misshandlung durch einen
Elternteil. Aber ebenso trifft dies mit signifikanter Häufigkeit für Kinder mit ei-
nem psychisch kranken Elternteil zu (Golse 1998; Meyer/Mattejat/König/Weh-
meier/Remschmidt 2001; Ramsauer 2011). Main und Hesse (1990) vertreten
daher die
»Hypothese, dass der kontinuierliche Angstzustand des traumatisierten Erwach-
senen zusammen mit dessen interaktionellen/verhaltensbezogenen Begleiterschei-
nungen (verstörtes bzw. verstörendes Verhalten) der Verbindungsmechanismus
zwischen dem ungelösten Trauma und dem vom Kind gezeigten desorganisier-
ten/desorientierten Verhalten ist« (ebd., S. 163; Übers. A.M.; Hervorh. i.Orig.).
Die dadurch im Kind erzeugte Ambiguität führt zum zeitweisen Zusammenbruch
seiner Koordinations-, Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit (vgl. div.
Beitr. in Brisch/Hellbrügge 2003).
Auch wenn die Bindungstheorie auf den ersten Blick nicht mit den Erfah-
rungen des Nationalsozialismus und Krieges in Verbindung zu stehen scheint,
kam es zu den ersten Beobachtungen von extremen Bindungsirritationen in einer
Zeit, in der zahlreiche Kinder auch aus Kriegsgründen evakuiert und in
Heimen untergebracht worden waren. Die in Europa kulturübergreifend genuine
Unterschätzung der Bedeutung von Bindungen hatte bis in die frühen sechziger
Jahre eine häufig langfristige Trennung von Säuglingen und kleinen Kindern
von den Müttern/Familien begünstigt und zu Fehlinterpretationen der auftreten-
den Folgeschäden geführt, z.B. bei langen Krankenhausaufenthalten oder Heim-
und Internatsunterbringungen. Aus der Perspektive einer transgenerationalen
Weitergabe von Bindungsstörungen lässt sich die Hypothese aufstellen, dass es
sich bei der verbreiteten hartnäckigen Leugnung der Relevanz von Bindungen
bereits um eine soziokulturelle Transmission verbreiteter Bindungsstörungen
handeln könnte, die ihrerseits eine mögliche langfristige Folge von Urbanisierung,
19Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Industrialisierung und Proletarisierung sowie der zunehmenden Verbreitung au-
toritärer strafender Erziehungsstile seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist.
Die Erkenntnisse der Bindungstheorie haben auch Konsequenzen für ein
weitergehendes Verständnis der psychotraumatologischen Folgen des Holocaust
bei den ihn überlebenden jüdischen Kindern hinsichtlich der Weitergabe ihrer
traumatischen Erfahrungen an ihre Nachkommen. Denn bei den meisten von
ihnen wurden die familialen Bindungen durch die Ermordung ihrer Eltern dau-
erhaft zerstört, bei den anderen, die zumindest ein Elternteil oder beide wieder-
fanden, durch Lageraufenthalte, Evakuierungen oder Unterbringung in Verstecken
langfristig unterbrochen. Die Eltern konnten für ihre Kinder nicht oder kaum
mehr die Beschützenden, Halt und Zuwendung gebenden Eltern sein, sondern
waren selbst hilflos gewalttätigen Übergriffen und einem allumfassenden Grauen
und Elend ausgesetzt.
4.4. Erkenntnisse der Säuglingsforschung und Kinderanalyse
Die Idee einer imaginären, durch bewusste und unbewusste Phantasien der Eltern
bestimmten Interaktion wurde in der neueren Säuglingsforschung aufgegriffen
(Brazelton/Cramer 1991, Teil IV). Den Vorgang der Übertragung interpretieren
Säuglingsbeobachter/innen mit Hilfe der Fähigkeiten des Säuglings, Affekte des
Gegenübers richtig zu erfassen und sich auf diese »einzuschwingen«. Durch die
Rhythmik seiner körperlichen Bewegungen passt sich der Säugling dem Sprach-
rhythmus der Mutter an und wird quasi zu einem Echo desselben. Gleichzeitig
besitzt der Säugling den angeborenen Impuls und eine elementare Fähigkeit, die
Mimik des Erwachsenen zu imitieren und diesen hierdurch wie durch verschie-
dene Signale auf sich aufmerksam zu machen. Dadurch entsteht eine Affektan-
gleichung oder -abstimmung (affect attunement), die für den Säugling Überle-
benswert hat, weil sie ein Einlassen auf seine Bedürfnisse beim Erwachsenen
verstärkt. Denn, so die Philosophie der Säuglingsforschung: da der Säugling auf
die richtige Interpretation und Bereitschaft zur Bedürfnisbefriedigung durch eine
erwachsene Bezugsperson angewiesen ist, ist er es, der aktiv zu der Aufnahme
und Stabilisierung der Beziehung mit den ihm altersgemäß zur Verfügung stehen-
den Mitteln »verführt«. Diese Fähigkeiten bringen ihn aber auch in die Lage,
Affekte und Phantasmen im Gegenüber aufzuspüren und sie zu introjizieren:
»Die Interaktionsstudien erhellen den Weg und die Art, wie solche Phantasien
20 Angela Moré
in der präverbalen Zeit kommuniziert und aufgenommen werden, die Psychoana-
lyse erhellt den Inhalt des Phantasmas und seine die Interaktion determinierende
Kraft.« (Dornes 1993, S. 211).
Da sich z.B. Babys depressiver Mütter an deren affektiven Tonus anpassen,
wirken sie selbst bereits im Alter von 12 Monaten eher ruhig, apathisch und de-
pressiv. Die scheinbar äußere Anpassung hat jedoch auch ihren Niederschlag im
Affekt- und Selbsterleben des Kindes. Diese Form des Austauschs bleibt auch
beim sprachfähigen Kind und später beim Erwachsenen unterhalb der bewussten,
gesprochenen Sprache stets wirksam. Unbewusste Gefühlserbschaften nehmen
ihren Weg in die Psyche der Kinder über diese unbewussten oder vorbewussten
affektiven Mitteilungen. Das Vokabular der unbewusst wirksamen Affektsprache
sind der traurige, leere, abwesende Blick oder ein Ausdruck von Ekel, Zorn oder
Scham in Blick, Mimik und Stimme, sind die zusammengepressten Lippen, die
stillen Seufzer, unwirsche oder müde Gesten, resignierte Körperhaltungen und
viele andere körpersprachliche Mitteilungen in der Begegnung und Berührung
mit dem Kind.
Aus der therapeutischen Erfahrung der Übertragung als einer »Verzahnung
des psychischen Raums« zieht Troje (2000) den Schluss: »Wenn wir die Verzahnung
des psychischen Raums in der Gegenübertragung am eigenen Leib spüren, müssen
wir für die Beziehung zwischen Kind und dem wichtigen Anderen, in der Regel
der Mutter, eine ähnliche Verzahnung annehmen« (ebd., S. 33f.).
Für das Verständnis von transgenerationaler Weitergabe zählt in der von
der Bindungstheorie beeinflussten Säuglingsforschung somit die Erkenntnis, dass
ein anhaltender Zustand von Hilflosigkeit und Ohnmacht, der sich durch die
Abwesenheit eines guten, beschützenden Objekts auszeichnet, traumatisierend
wirkt. Eltern, die selbst in starkem Maße traumatisiert wurden, sind häufig oder
zumindest gelegentlich nicht in der Lage, sich empathisch gegenüber den Bedürf-
nissen ihrer Säuglinge oder Kleinkinder zu verhalten und vermitteln so unbeab-
sichtigt ihren Kindern jenes Gefühl der Ausgeliefertheit und Ohnmacht, das den
Kern ihrer eigenen Traumatisierung ausmacht. Auch wenn die unzureichende
Einfühlungsfähigkeit äußerlich nicht erkennbar ist, wirkt sie in ihrer Langfristig-
keit sequenziell traumatisierend. Nach Grubrich-Simitis (1979) verwandelt sich
dadurch die Extremtraumatisierung der ersten Generation in ein kumulatives
Trauma (Khan 1963) der zweiten Generation.
21Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Dagegen bewirkt die Ignoranz und Ablehnung kindlicher Bedürfnisse durch
Eltern, die von nationalsozialistischer Erziehungs- und Herrenmenschenideologie
geprägt sind, bei den Kindern Gefühle der Wertlosigkeit. Diese Kinder bekommen
das Gefühl, nur mittels Unterwerfung und Selbstaufgabe eine Akzeptanz durch
die Eltern erreichen zu können. Die Eltern-Kind-Beziehung ist geprägt durch
eine unbewusste Übertragung der abgespaltenen narzisstischen Defekte der Eltern
auf die Kinder. Durch diese Verschiebung können sich die Eltern als moralisch,
leistungsmäßig, kulturell und in ihren Anschauungen als überlegen von den eige-
nen Kindern abgrenzen und damit ihr narzisstisch beschädigtes Selbst »reparieren«.
Entsprechend halten gerade solche Eltern oft heimlich an ihren nationalsozialis-
tischen Überzeugungen fest, die ihre Größenphantasien bestätigen und ihrem
bisherigen Ichideal entsprechen.
Auch bei den Gedemütigten und Verfolgten stellt sich ein Gefühl der
Wertlosigkeit ein, das sie sowohl in expliziten Äußerungen wie vor allem qua
Übertragungen an ihre Kinder und Enkel weiter geben. In ihnen entsteht dieses
Gefühl primär durch die Erfahrung der Ohmacht und Ausgeliefertheit, die sehr
häufig mit einem paradoxen psychischen Prozess, der Identifikation mit dem
Aggressor, einhergeht. Diese Identifikation hat zur Folge, dass auch die negativen
Zuschreibungen und Vorurteile der Verfolger übernommen und angesichts der
eigenen Situation als bestätigte Tatsache angesehen werden. Da das eigene Kol-
lektiv einschließlich der eigenen Person zu nichts anderem als der Auslöschung
und Vernichtung bestimmt zu sein scheinen und die Verfolgung zur Realität
geworden ist, wird das Selbstvertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und
Wirkmächtigkeit untergraben. Die existentielle Bedrohung verkehrt sich dann
auch für die Opfer in die Infragestellung der eigenen Existenzberechtigung. Das
Selbstwertgefühl und mit diesem die Fähigkeit zur libidinösen Besetzung des
Selbst werden ausgelöscht. In seiner autobiografischen Erzählung Ein Wiederkom-
men (2012) gelingt es Georges-Arthur Goldschmidt (2012), die Umwandlung
solcher Erfahrungen von Verlust und Ausgestoßenheit in tiefste Scham und
Selbstzweifel bzw. Selbsthass zu beschreiben. Als Zehnjähriger hatte er die Eltern
und Deutschland verlassen müssen, um in einem katholischen Kloster in Frank-
reich versteckt zu überleben. Dies hatte er als Verstoßung aus der Familie erlebt,
die ihm seine Wertlosigkeit beweist. Er glaubt angesichts seiner Verlassenheit
und dem Gefühl von Lieb- und Sinnlosigkeit daran, dass er nur dazu bestimmt
22 Angela Moré
ist, vernichtet zu werden. Die Beweise dafür verschafft er sich selbst, indem er
seine ihm Trost spendende Selbstbefriedigung als Beweis seiner Verkommenheit
und Lebensunwertheit interpretiert. Selbstentwertung, Selbstbestrafung und
Lustempfinden werden dadurch in einer masochistischen Allianz verklammert.
4.5. Introjektion, Introversion oder Intrusion? Drei Erklärungsansätze
zum psychischen Stellenwert unintegrierbarer Gefühlserbschaften
Fonagy (2003) erklärt massive Traumatisierungen von Kindern und die häufig
sich einstellenden Folgestörungen aus der Unterbrechung des für die Entwicklung
der Selbstrepräsentanz zentralen Prozesses der Mentalisierung. Dabei verbinden
sich in diesem Konzept der bindungstheoretische Ansatz, die psychoanalytische
Säuglingsforschung und die Selbstpsychologie Kohuts. Denn das Kind entwickelt
seine Selbstrepräsentanz aus der Wahrnehmung, die es von seinem Wahrgenom-
mensein bei der für es zentralen Bindungsperson hat. Es ist der bei Kohut in die
bildhafte Formel gefasste »Glanz im Auge der Mutter«, der als Ausdruck der lie-
bevollen Bestätigung dem Kind das Gefühl gibt, für sie und insofern überhaupt
von Wert und liebenswert zu sein. Das Kind nimmt die mentalen Zustände seiner
Bezugsperson wahr und interpretiert sie als Reaktionen auf seine Äußerungen
von Intentionalität. Aus der internalisierten Repräsentanz der Bezugsperson bildet
es den Kern seines mentalisierenden bzw. psychischen Selbst (Fonagy 2003,
S. 179). Wenn die Mutter durch psychisch belastende Vorgänge (Traumen,
akute schwere Trauer, Depressivität) nicht in der Lage ist, das Kind wahrzuneh-
men, so erscheinen dem Säugling die mentalen Zustände der Angst, des Schre-
ckens, der Verzweiflung und Wut oder Trauer, die er bei der Mutter wahrnimmt,
als Antworten auf sein Sein und internalisiert diese. »Ins Selbst wird sowohl die
Abwesenheit einer Repräsentanz als auch der der Selbstrepräsentanz fremde aktu-
elle Andere internalisiert.« (ebd., S. 180). Damit entsteht ein fremdes Selbst, das
nicht als intentionales erlebt werden kann. Dieser für die Selbstrepräsentanz un-
erträgliche Anteil muss durch Dissoziation und Projektion wiederum externalisiert
werden, was die häufig auch subjektiv berichtete Leere bei den Patient/innen zur
Folge hat. Aufgrund der Dissoziation bleiben die ursprünglich internalisierten
Gedanken und Gefühle un(be)greifbar, sie können nicht symbolisiert oder zuge-
ordnet und nicht verstanden werden. Laut Fonagy existieren diese Erfahrungen
des Selbst im Niemandsland, getrennt von anderen Aspekten des mentalen
23Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
Funktionierens (ebd., S. 181). Dabei deuten viele Fallgeschichten darauf hin,
dass auch die übrigen mentalen Prozesse infolge dieser Lücken und der unbegreif-
baren mentalen Fremdkörper im Selbst nicht ungestört funktionieren. Entspre-
chend diesem Entstehungsprozess übertragener oder vermittelter Traumen sei es
notwendig, in der therapeutischen Arbeit eine stabile Bindungsbeziehung mit
adäquaten mentalen Reaktionen auf die Patienten herzustellen.
Hirsch (1997) hingegen spricht von »Introjekten« und bezeichnet als solche
die bei den Nachkommen von Opfern wie von Tätern zu findenden unbewusst
übertragenen Elemente, die als ich-fremd erlebt werden. Sie werden in die psy-
chische Innenwelt des Kindes hinein vermittelt, können jedoch nicht durch As-
similation angeeignet und integriert werden. Es handelt sich um psychisch Un-
verdautes und Unverdauliches im Sinne von Bions Beta-Elementen (Bion 1992,
1997), die die Eltern selbst nicht zu verarbeiten in der Lage sind und darum wie
psychische Fremdkörper behandeln. Es ist, wie Hirsch (1997) deutlich macht,
zunächst die Dissoziation des Bewusstseins auf Seiten der Eltern und deren Ex-
ternalisierung eines abgespaltenen Teils ihrer Selbstrepräsentanz in das Kind.
Dieses kann aufgrund seiner Abhängigkeit die Aufnahme dieser unverdaulichen
psychischen »Nahrung« nicht wirklich verweigern, sondern nur in sich isoliert
halten. Diese psychischen Introjekte sind und bleiben Fremdkörper im psychi-
schen Binnenraum des Kindes. Da diese Introjekte im Erleben, in Träumen,
Phantasien und Affekten wirksam sind, sich aber dem Verstehen entziehen,
werden sie regelmäßig in neurotischen, psychosomatischen oder präpsychotisch
erscheinenden Symptomen agiert und die in ihnen enthaltenen traumatischen
Situationen in unbewusst hergestellten ähnlichen Konstellationen reinszeniert
(vgl. die über mehrere Generationen interviewten Familien von Überlebenden
und Tätern in: Rosenthal 1997, 2002 sowie Fonagy 2003, S. 168ff). Dies kann
auch die Entstehung neuer realer Schuld zur Folge haben, wenn die Introjekte
erneut agiert werden (müssen). Aus der Analyse mit dem Sohn eines Nazi-Täters
berichtet Jokl (1997, S. 37ff.), wie aus diesem plötzlich und für ihn selbst uner-
wartet alle väterlichen Introjekte in Form von antisemitischen Bildern und
Hassgefühlen hervorbrachen, woraufhin er befremdet und beschämt diese als in
ihm existente Vorstellungen anerkennen musste, auch wenn er sie als ichfremd
erlebte.
24 Angela Moré
Gianna Williams (2003) unterscheidet auf der Grundlage von Bions
Theorie der psychischen Funktionen innerer Objekte zwischen hilfreichen und
behindernden Introjekten. Während die hilfreichen inneren Objekte beim
»Denken«, also dem Verstehen und Integrieren von Reizen, für das Kind unter-
stützend wirken (im Sinne von Bions Alpha-Funktion), sind die behindernden
Objekte nicht nur unzugänglich, sondern quellen zudem über von Projektionen,
die die Entwicklung des Kindes unterbrechen und häufig fragmentieren (ebd.,
S. 154).
Vom selben theoretischen Hintergrund ausgehend betont Paul Williams
(2005) stärker den invasiven Charakter solcher Introjekte, die vom Kind als un-
kontrollierbare Fremdkörper im Innern wahrgenommen würden bis hin zu kör-
perlichen Empfindungen unerträglicher innerer Zustände. Sie bewirken eine
Störung des Selbstgefühls, der Autonomieentwicklung und häufig schwere nar-
zisstische Störungen. Es handelt sich bei diesen Introjekten um die Einverleibung
von Aspekten eines Beziehungsobjekts, die als überwältigend und vereinnahmend
erlebt werden. Da sich dies zeitlich vor der Subjekt-Objekt-Differenzierung im
ersten Lebensjahr abspielt, führe diese Proto-Identifikation zu einem traumatisch
wirkenden Bruch in der Psyche-Soma-Integration, aber auch zu einem Bruch
der Kontaktschranke. Es komme zu einer Identifikation mit dem Angreifer auf
einer sehr frühen Stufe, durch die dieser Prozess selbst primitiv und fragmentiert
bleibe. Dadurch seien normale Integrations- und Identifizierungsprozesse nicht
mehr möglich, sondern müssten wegen des als invasiv erlebten Charakters der
frühen Introjekte abgewehrt werden mit Hilfe einer nun defensiv eingesetzten
Imitation. Diese Störungen bedrohen das Kernselbst und die spätere Entwicklung
einer Symbolisierungsaktivität. »Die Identifizierung mit invasiven Eigenschaften
verhindert die für das sekundärprozesshafte Denken notwendige Integration von
Erfahrungen.« (ebd., S. 308). An ihre Stelle träten nicht-identifizierbare Körper-
wahrnehmungen, die als fremd, verfolgend und kontrollierend erlebt würden bis
hin zu psychosenahen Zuständen. Eine Steigerung der Okkupation des Subjekts
sieht Paul Williams bei den intrusiven Objekten, die sich im Gegensatz zu den
invasiven nicht projektiv wieder ausstoßen lassen, sondern die okkupierende
Kontrolle im innerpsychischen Raum behalten.
25Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
5. Bindung, Trauma und transgenerationale Weitergabe
Die Erkenntnisse der Bindungstheorie, Säuglingsforschung und psychoanalyti-
schen Entwicklungspsychologie lassen erkennen, dass schon in den frühesten
Lebensphasen jene Mechanismen in rudimentärer Form existieren, die Wahrneh-
mungen eines Anderen und Interaktionen mit ihm sowie erste projektive Über-
tragungsprozesse möglich machen. In der weiteren Entwicklung werden diese
ursprünglichen Wahrnehmungs- und Interaktionsfähigkeiten differenziert und
überlagert, insbesondere durch die Entwicklung des Sekundärprozesses und seine
Symbolisierungsmöglichkeiten. Daher unterscheiden Kliniker/innen zwischen
frühen (vorsprachlichen) Traumatisierungen und jenen späterer Lebensphasen.
Frühes Erleben wird später im Sinne der Nachträglichkeit beständig unbe-
wusst »reformuliert«, um ein konsistentes Selbstbild zu erhalten. Traumatische
Eindrücke sind davon ausgenommen und bleiben isolierte Fremdkörper. Anhand
des Adult Attachment Interviews konnte Main (1995) aufzeigen, dass nicht die
Lebensgeschichte selbst, sondern die Fähigkeit bzw. Möglichkeit des Subjekts,
diese zu einer kohärenten Einheit zu gestalten und als solche mitzuteilen, darüber
entscheidet, ob es gelingt, die unbewusste Weitergabe eigener schwieriger oder
gar traumatischer Erfahrungen an die nächste Generation zu durchbrechen oder
nicht. Diese Erkenntnis wird auch durch die psychoanalytische Behandlungser-
fahrung und die Traumatherapie bestätigt. Allerdings stößt die Integrationsmög-
lichkeit in Fällen von Extremtraumatisierung an Grenzen. Selbst bei intensivster
psychischer Bearbeitung und bewusster Auseinandersetzung mit dem Erlittenen
bleibt dieses letztlich unintegrierbar, wie beispielhaft die Schicksale von Primo
Levi oder Jean Améry deutlich machen.
Die Hoffnung, dass sich die Übertragungen der unbewussten traumatisie-
renden Botschaften von Opfern oder Tätern in der Generationenfolge abschwä-
chen würden, werden durch die Untersuchungen von Rosenthal et al. (1997,
2002) nicht bestätigt. Im Gegenteil zeigt sich eine Verstärkung von Tendenzen
des Agierens in der dritten Generation. Über die Folgen für die vierte Generation
liegen bisher nur wenige Erkenntnisse vor, die jedoch erkennen lassen, dass auch
diese von den durch die früheren Generationen unverdaut gebliebenen unbewuss-
ten Botschaften betroffen sind, wie die systemischen Familieninterviews von
Rosenthal belegen (ebd.).9Bei Enkeln von Tätern und Täterinnen zeigen sich
häufig tiefgreifende Ängste, Unsicherheiten und ein Gefühl von innerer Zerris-
26 Angela Moré
senheit zwischen Loyalität und dem Wunsch nach Distanzierung. Sie pendeln
zwischen Aufdecken- und Verhüllenwollen. Bei einigen der interviewten Enkel/in-
nen zeigten sich deutliche Tendenzen zur Selbstbestrafung, deren Zusammenhang
mit der NS-Vergangenheit von Großeltern ihnen eher verborgen blieb. Bekannt
ist aber auch, dass bei mehreren Vertreter/innen einer Generation in einer Familie
es häufig dafür »prädestiniert« erscheinende Einzelne sind, die die Auseinander-
setzung mit der Familiengeschichte auf sich nehmen und einige fragen sich,
warum gerade sie sich dazu getrieben fühlen, diese Last auf sich zu nehmen.10
Diese Forschungsergebnisse sind übertragbar auf andere Erfahrungen mit
(Bürger-) Kriegen, Verfolgungen, Vertreibung und Genozid und machen deutlich,
dass die in ihnen gemachten Erfahrungen nicht vorübergehen, ohne bei den
Nachkommen der Täter/innen wie der Opfer neben körperlichen vor allem auch
seelische Spuren zu hinterlassen und die dabei auftretenden Traumatisierungen
schicksalhaft in der Psyche der nachfolgenden Generationen zu implantieren.
Wo die Aufarbeitung nicht oder nur unvollständig gelingt, wird die Gefühlserb-
schaft zur Last auch noch für die Enkel/innen und Urenkel/innen.
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Endnoten
1Überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Fassung eines Textes, der unter
dem Titel »Bis ins dritte und vierte Glied« 2007 veröffentlicht wurde (sowohl
in ZfPP Nr. 3+4, 12: 2004, S. 259280 [2007] als auch in gruppenanalyse
17: 2007,S. 2950).
32 Angela Moré
2Zu einer umfassenderen Diskussion des Generationenbegriffs in der politisch-
zeitgeschichtlichen Diskussion s. div. Beiträge in Reulecke 2003.
3Radebold (2003) schlägt hierfür die Geburtsjahrgänge 193048 vor.
4Da zu den Folgen des Holocaust für die erste und zweite, zum Teil auch
dritte Generation inzwischen umfangreiches Material existiert und ebenso
über die Folgen des Nationalsozialismus für die Kinder und Enkel der Täter
(vgl. z.B. Grünberg 1997, 2000; Bergmann et al. 1995; Kogan 1998; Konrad
2007; Rosenthal 1997), beschränke ich mich hier auf eine knappe Zusam-
menfassung der wichtigsten Resultate.
5So beschrieb ein Vater seinem damals etwa achtjährigen Sohn genauestens
das Aussehen der Einschuss- und Austrittstellen von Kugeln bei gefallenen
Soldaten (persönliche Mitteilung).
6»There is no such thing as a baby«. Die Bedeutung dieser auf einen Rund-
funkbeitrag zurückgehenden Aussage verdeutlicht Winnicott an anderer
Stelle: »Das Neugeborene und seine Mutter dieses saugend-säugende
Zweigespann , das ist in der Tat ein weites Feld, und doch würde ich nicht
gerne über das Neugeborene allein referieren müssen. Schließlich geht es
hier um Psychologisches, und ich möchte doch meinen, dass wir, wenn wir
ein Baby vor uns haben, immer auch seine Versorgung durch die Umwelt
und dahinter die Mutter sehen« (1964, S. 45).
7Laplanche und Winnicott gehören neben dem Gruppenanalytiker Foulkes
zu denjenigen, die der neueren Entwicklung einer interpersonalen bzw. re-
lationalen Psychoanalyse vorgriffen (vgl. Stehr 2012).
8Die ersten drei Bindungsmuster wurden von Mary Ainsworth und ihren
Mitarbeiter/innen in der sog. »fremden Situation« erkannt (vgl. Ains-
worth/Blehar/Waters/Wall 1978), die desorganisierte/desorientierte Bindung
von Main und Hesse (1990).
9Die für die Thematik ebenfalls fruchtbare Theorie des systemischen Ansatzes
sowie gruppenanalytische Erkenntnisse konnten in diesem Beitrag aus
Gründen des Umfangs nicht berücksichtigt werden. Eine kurze Übersicht
über die Beiträge der systemischen Theorie zur transgenerationalen Übertra-
gung gibt Brunschwig (1997).
10 So z.B. Claudia Brunner, die Großnichte Alois Brunners oder aber Uwe
von Seltmann, der sich bei seinen Recherchen irgendwann fragt »warum
33Journal für Psychologie, Jg. 21(2013), Ausgabe 2
tue ich mir das überhaupt an?« und auch: »Warum gerade ich?« in Brun-
ner/Seltmann 2006, S. 142ff.
Über die Autorin
Angela Moré
Angela Moré, Dr. phil. habil., ist Professorin für Sozialpsychologie an der Leibniz
Universität Hannover sowie Dozentin und Studienleiterin am Winnicott Institut
Hannover; Gruppenanalytikerin (SGAZ, D3G) und Mitbegründerin des grup-
penanalytischen Instituts GIGOS. Forschungsschwerpunkte: psychoanalytische
Sozial-, Kultur- und Entwicklungspsychologie, Transgenerationalität, Gruppen-
analyse, Gender-Forschung.
E-Mail: dr.more@winnicott-institut.de
34 Angela Moré
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Article
Full-text available
This chapter has several major aims. The first is to provide an overview of attachment theory as presented by John Bowlby in the three volumes of Attachmenat nd Loss( 1969/1982b, 1973, 1980), giving special emphasis to two major ideas: (1) attachment as grounded in a motivational-behavioral control system that is preferentially responsive to a small number of familiar caregiving figures and (2) the construction of complementary internal working models of attachment figures and of the self through which the history of specific attachment relationships is integrated into the personality structure. These two concepts, but especially the notion of internal working models, will be used in the second section of the chapter to interpret refinements and elaborations of the theory that have been primarily the result of the work and influence of Mary Ainsworth. Topics discussed are maternal and infant contributions to the quality of attachment relationships, stability and change in the quality of attachment relationships, carryover effects from earlier to later relationships, and intergenerational transmission of attachment patterns as an intracultural and cross-cultural phenomenon. An attempt is made to clarify a variety of theoretical points and to discuss others that remain to be clarified. Finally, I consider how recent insights into the development of socioemotional understanding and the development of event representation can be integrated into attachment theory to shed new light on the origins of individual differences in personality development. In doing so, I have also attempted to provide a framework for the studies presented in this volume.
Chapter
Die Antwort auf die jahrelang immer wieder gestellte Frage, ob es ein psychologisches Konzept mit der Bezeichnung “Zweite Generation der Überlebenden des Holocaust” oder, anders formuliert, ob sich ein spezifisches Syndrom “Zweite Generation” finden läßt, ist inzwischen hinlänglich klar geworden: es gibt kein spezifisches, definierbares klinisches Syndrom, durch das Angehörige dieser zweiten Generation von anderen unterschieden wären (vgl. Hazan 1987).
Article
Ethological attachment theory is a landmark of 20th century social and behavioral sciences theory and research. This new paradigm for understanding primary relationships across the lifespan evolved from John Bowlby's critique of psychoanalytic drive theory and his own clinical observations, supplemented by his knowledge of fields as diverse as primate ethology, control systems theory, and cognitive psychology. By the time he had written the first volume of his classic Attachment and Loss trilogy, Mary D. Salter Ainsworth's naturalistic observations in Uganda and Baltimore, and her theoretical and descriptive insights about maternal care and the secure base phenomenon had become integral to attachment theory. Patterns of Attachment reports the methods and key results of Ainsworth's landmark Baltimore Longitudinal Study. Following upon her naturalistic home observations in Uganda, the Baltimore project yielded a wealth of enduring, benchmark results on the nature of the child's tie to its primary caregiver and the importance of early experience. It also addressed a wide range of conceptual and methodological issues common to many developmental and longitudinal projects, especially issues of age appropriate assessment, quantifying behavior, and comprehending individual differences. In addition, Ainsworth and her students broke new ground, clarifying and defining new concepts, demonstrating the value of the ethological methods and insights about behavior. Today, as we enter the fourth generation of attachment study, we have a rich and growing catalogue of behavioral and narrative approaches to measuring attachment from infancy to adulthood. Each of them has roots in the Strange Situation and the secure base concept presented in Patterns of Attachment. It inclusion in the Psychology Press Classic Editions series reflects Patterns of Attachment's continuing significance and insures its availability to new generations of students, researchers, and clinicians.
Article
Je me suis trouvée, il y a une quinzaine d'années, en tant que psychologue, à la croisée de deux chemins: le chemin systémique et le chemin psychanalytique. C'est lors d'un séjour aux États-Unis, en 1979–80, que j'ai participé à un stage de formation systémique. On y étudiait les idées des différentes écoles de ce courant: communicationnelle, structurale, psychodynamique, etc. J'en ai rendu compte à l'époque, (cf Dialogue , repris par les Écrits d'Alfred Binet).
Article
Discusses a case of unconscious narcissistic identification complicated by the compression or "telescoping" of 3 generations (grandfather–father–son) into the S, who was psychically empty and unable to communicate with his analyst. During his psychic absence from his present surroundings (including the analyst's office) the 30-yr-old S was re-living his father's history as a Polish-Jewish immigrant to Argentina, haunted by the loss of his own father and the family he had left behind. The author sees in this patient's identification problems a key analytic concept that could help explain and overcome paradoxical and negative therapeutic reactions. (English abstract) (PsycINFO Database Record (c) 2012 APA, all rights reserved)