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Psychopathie aus bio-psycho-sozialer Sicht

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Psychopathie sagt kriminelles Verhalten vorher und ist ein verlässlicher Prädiktor für Legalprognosen. Es bestehen Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zu verwandten Diagnosen der gängigen Klassifikationssysteme (Antisoziale Persönlichkeitsstörung: DSM-V, Dissoziale Persönlichkeitsstörung: ICD-10). Ähnlich wie diese Störungen, ist Psychopathie eine lebenslange Beeinträchtigung mit frühem Beginn. Dies impliziert einen bio-psycho-sozialen Erklärungsansatz, der bisher jedoch oft vernachlässigt wird. Oftmals steht die ad-hoc Diagnose im Vordergrund und entwicklungspsychologische Einflussfaktoren werden meist isoliert betrachtet. Wir wissen einerseits, dass Psychopathie eine genetische Komponente hat (Viding & McCrory, 2012). Andererseits gibt es soziale Entwicklungsrisiken, die bereits frühkindliche Probleme bedingen und Psychopathie im Erwachsenenalter begünstigen (Sevecke, Krischer, Schönberg & Lehmkuhl, 2005). Wir untersuchten den Einfluss von sozialen Risikofaktoren, frühen Verhaltensauffälligkeiten und früh festgelegten Persönlichkeitseigenschaften (Mentalisierungsfähigkeit, Sensation Seeking) auf Psychopathie. Dazu analysierten wir die Daten von 56 Gewaltstraftätern aus Justiz- und Maßregelvollzugsanstalten sowie ambulanter Bewährungshilfe anhand eines Strukturgleichungsmodells. Das kausal modellierte Modell klärt substantielle Varianz für das Vorliegen von Psychopathie auf und bestätigt eine 2-Faktoren-Struktur. Mentalisierungsfähigkeit zeigt sich als stärkster Prädiktor für das Ausmaß der Psychopathie. Auch Sensation Seeking und soziale Risikofaktoren zeigen die vorhergesagten Effekte, bestätigen im Kausalmodell allerdings keine signifikanten Zusammenhänge. Auch eine Mediation über frühe Verhaltensauffälligkeiten liegt nicht vor. Wir diskutieren Einschränkungen und aktuelle Entwicklungen in der Psychopathieforschung.
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www.allpsy2.de1André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
17. Fachgruppentagung
Rechtspsychologie der DGPs
Jena, 21.-23.9.2017
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Sicht
André Körner, Susann Bennewitz & Michaela Gwenner
1TU Chemnitz, Allgemeine und Biopsychologie
2Justizvollzugsanstalt Zwickau, Sachsen
3Sächsisches Krankenhaus Arnsdorf, Akademisches Lehrkrankenhaus der TU Dresden
www.allpsy2.de2André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Agenda
Historische Gedanken
für eine bio-psycho-soziale Sichtweise
Marker für bio / psycho / soziale Faktoren
Studie mit deutschen Straftätern
Implikationen, Ausblick und Aufruf
Psychopathie Bedeutung und Auswirkungen
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Perspektive
www.allpsy2.de3André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Warum ist Psychopathie so interessant?
[Psychopathie]… ist das wichtigste und praktikabelste Konstrukt,
das wir bislang haben (Harris, Skilling, & Rice, 2001)
Psychopathie als fundamentaler Prädiktor für zukünftiges deviantes
Verhalten (Hart & Hare, 1997; Blair, Mitchel, & Blair, 2005)
Rückfallraten bis zu 3-fach erhöht, wenn Psychopathie präsent ist
(Blair et al., 2005)
Psychopathie àunterschiedlichste Delikteàhohe Kosten für die
Gesellschaft (Kiehl & Hoffmann, 2011)
Nur mäßiger Erfolg bei der Kriminaltherapie
(Harris & Rice, 2006; Kröber & Lau, 2000)
Trend der “erfolgreichen" Psychopathen
(Dutton, 2013; Babiak & Hare, 2006)
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Perspektive
www.allpsy2.de4André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Historie / Begriffe im Zeitenwandel
Manie sans delire
Delinquente nato
Desequilibration mentale
Moral alienation of the mind
Moral insanity
Sociopathy
Psychopathic states
Anethopathy
Mask of Sanity I Semantic dementia
Psychopathy
Psychopathic inferiority
Born criminal
Constitutional degeneration
Psychopathic personalities
Constitution and temper
Psychopathic personalities
Psychopathic criminals
(Pinel, 1809)
(Lombroso, 1876)
(Dupre, 1925)
(Rush, 1812)
(Prichard, 1835)
(Partridge, 1930)
(Henderson, 1939)
(Karpman, 1941)
(Cleckley, 1941) (Hare, 1970)
(Koch, 1891, 1893)
(E. Bleuler, 1896)
(Ziehen, 1905)
(Kraepelin, 1909, 1915)
(Kretschmer, 1921)
(K. Schneider, 1923)
(Birnbaum, 1926)
Saß, H. (2006). Biographie, Persönlichkeit und Verantwortung. In: Schneider F. (Ed.), Entwicklungen der
Psychiatrie (pp. 395-404). Berlin: Springer.
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Perspektive
www.allpsy2.de5André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Historie / Frühe Konzeptualisierung
Primäre Psychopathen Sekundäre Psychopathie
genetisch prädisponiert erworben durch „Erfahrung“
ohne Angst / Furcht neurotisch / ängstlich
ohne Gewissen Emotionen unterdrückt
schichtunabhängig Vermehrt in Schichten mit niedrigem
sozioökonomischen Status
problematische Sozialisation
(z. Bsp. Trauma)
geringere Hemmungsfähigkeit belohnungsgesteuert
Synonym: passiv vs. aggressiv Synonym: Pseudo-Psychopath, Soziopath,
anti-sozial
Konzepte sensu Arieti (1963), Karpmann (1948), Mealey (1995), Lykken (1995), Porter (1996)
Mokros, A., Hare, R. D., Neumann, C. S., & Nitschke, J. (2015). Variants of psychopathy in adult male offenders: A latent profile
analysis. Journal of Abnormal Psychology, 124(2), 372–386. https://doi.org/10.1037/abn0000042
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Perspektive
www.allpsy2.de6André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Theorie Teil I
Diskussion einer Reihe von Einflussfaktoren,
die untereinander hoch vernetzt sind
àmulti-kausale Wurzeln der Psychopathie (Stompe, 2009)
Doch: Studien, die mehrere solcher Faktoren (prospektiv)
nachhalten sind meist dünn gesät
Oft fehlt der Blick für Moderatoren, Mediatoren und eine
genaue Klassifikation in Schutz- und Risikofaktoren
Das Ausmaß und das Zustandekommen von Psychopathie ist
das Ergebnis eines bio-psycho-sozialen Prozesses
(Hinshaw, 2015; Moffitt, 2005)
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Perspektive
www.allpsy2.de7André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Theorie Teil II Neuro-BIO-logie
PREFRONTALER BEREICH
Strukturelle Änderungen
ca. 11% Reduktion grauer Substanz
bei Patienten mit APD
ca. 22% Reduktion grauer Substanz
bei „nicht-erfolgreichen“ Psychopathen
Funktionale Veränderung
reduzierte Impulskontrolle
Störungen im emotionalen Lernen
Störungen in der Planung-und
Handlungskontrolle
Koenigs (2012); Yang et al. (2005); Raine et al. (2004); Weber, Habel, Amunts, & Schneider (2008)
Psychopathie
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www.allpsy2.de8André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Theorie Teil III PSYCHOLOGISCHES LEVEL
Sensation Seeking (Zuckerman, 1978):
… the need for changing, novel, and changing stimuli and
arousal.
Psychopathen als „chronisch unterstimulierte Individuen“
(Herpertz et al., 2003)
àDas antisoziale Verhalten von Psychopathen wird zum Teil
erklärbar durch eben diese Suche nach neuen Stimuli
(Schmidt, 2003; Krippl, Fromberger, Stolpmann, Karim, &
Müller, 2007)
Psychopathie
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www.allpsy2.de9André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Theory Teil IV BIO-PSYCHO-SOZIAL
Mentalization (e.g. Fonagy, 2009):
… the ability to understand the mental state, of oneself or others, that
underlies overt behavior
a form of imaginative mental activity that lets us perceive and interpret
human behavior in terms of intentional mental states
(e.g., needs, desires, feelings, beliefs, goals, purposes, and reasons)
Prädiktor für bessere emotionale Regulation, zumindest für “sozial
erwünschtes Verhalten (Brockmann & Kirsch, 2010)
Fehlende Kompetenz sagt zuverlässig impulsives und aggressives
Verhalten vorher (Bateman & Fonagy, 2008)
Früher onset und Manifestation; bereits im Alter von 4 Jahren
(“neuronal time slot”)
Psychopathie
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www.allpsy2.de10André Körner ∙ Allgemeine und Biopsychologie ∙ Technische Universität Chemnitz
Theorie Teil V SOZIALE BETRACHTUNG
Soziale Risikofaktoren / Maligne Bedingungen:
adulte Psychopathie wird vorhergesagt durch elterliche Vorstrafen,
Kindeswohlgefährdung und Heimunterbringung/Pflege (Sevecke,
Krischer, Schönberg, & Lehmkuhl, 2005; Habermeyer & Herpertz, 2006)
Elterliche Gewalt und Vernachlässigung fördern aggressives und
deviantes Verhalten bei Jugendlichen
(Kölch, Schmid, Rehmann, & Allroggen, 2012)
Früher onset devianten Verhaltens, frühe Verurteilungen als starker
Risikofaktor für adulte Psychopathie (Hare, Clark, Grann, & Thornton,
2000): z. Bsp. Bullying oder Gewalt gegenüber Tieren (Stache, 2013)
Wichtige Rolle der s.g. callous unemotional traits (CU) im
Jugendalter
Psychopathie
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Mögliche Kausalstruktur
Soziale
Risiko-
faktoren
Mentalizing Abilities
Sensation
Seeking
frühe Probleme
in der Kindheit
Psycho-
pathieadult
+
+
+ +
+
Psychopathie
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Inputs for multi-variate testing
Stichprobe
N = 56 Inhaftierte; alle männlich
Alter zwischen 22 und 64, Mage = 40.23 (SD = 11.68)
> 50% erfüllen cut-off for Psychopathie
Erfasste
Konstrukte
Psychopathie: PCL:SV (Hart, Cox, & Hare, 1995)
Sensation Seeking: SSS-V (Zuckerman, Eysenck, &
Eysenck, 1978)
Mentalizing: Level of Emotional Awareness-Scale
(Lane, Quinlan, Schwartz, & Walker, 1990)
Soziale
Risikofaktoren
Pflege-oder Heimunterbringung
Frühe Gewalterfahrungen (psychisch, physisch, sexuell)
Verurteilungen der Eltern
Frühkindliche
Probleme
Alkohol-/Drogenmissbrauch, Brandstiftung, Risikospiele
(Feuer) Schulschwänzen, Vandalismus, Tierquälerei,
Stehlen, Kontakt mit Polizei
Psychopathie
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Ergebnisse für ein Kausalmodell der Psychopathie
Mentalizing Abilities
Sensation
Seeking
+.15 (+.11)
.69** (-.01a)
+.40**
+.49**
.03
+.22
+.21 (+.09)
Model-Fit
χ²(23) = 21.94(ns)
χ²/df = 0.95
CFI = 1.00; GFI = .93; RMSEA = .00(ns)
Psychopathie
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Soziale
Risiko-
faktoren
frühe Probleme
in der Kindheit
Psycho-
pathieadult
aEffekte in Klammern zeigen indirekte Effekte
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Diskussion
Ergebnisse
multifaktorielle Entstehung von Psychopathie
die meisten der vorhergesagten Beziehungen in korrekter
Richtung
Limitationen
beschränkte Fallzahl, aber: starker Test (kein data fitting,
keine post-hoc-Hypothesen)
Keine tatsächliche Kausalstruktur, lediglich Modellierung
Vorhersage Psychopathie durch sich selbst?
Outlook
Replikation
Analyse für Subtypen (mangelnde Fallzahlen)
Bedarf an früher Prävention und längsschnittlicher Forschung
Psychopathie
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Subtypen für Psychopathen
besseres Verstehen; vom Status zum Prozess
Mokros, A., Hare, R. D., Neumann, C. S., & Nitschke, J. (2015). Variants of psychopathy in adult male offenders: A latent profile
analysis. Journal of Abnormal Psychology, 124(2), 372–386. https://doi.org/10.1037/abn0000042
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Perspektive
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Beispiel für Frühförderung: www.huckepack-kinderfoerderung.de
Spielbasiertes Assessment
(SAVE) für internes
Arbeitsmodell
(Bowlby, 1968)
Ausblick Suche nach Längsschnitt
Tittmann, M., & Rudolph, U. (2007).
Aggressives Verhalten und
soziometrischer Status bei Kindern im
Vorschulalter: Validierung einer
Spielaufgabe zur Erfassung von
Verantwortlichkeitszuschreibungen und
Emotionen bei Kindern (SAVE).
Zeitschrift für Entwicklungspsychologie
und Pädagogische Psychologie, 39(4),
177–186. https://doi.org/10.1026/0049-
8637.39.4.177
Psychopathie
aus bio-psycho-sozialer Perspektive
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Article
Previous studies in social and developmental psychology have shown that rejected and aggressive children tend to interpret ambiguous behavior of their peers in a more hostile way (Dodge, 1980). This study with N = 115 kindergarden children developed a procedure (SAVE) that allows the assessment of attributions in pre-school children with respect to negative interpersonal situations. Furthermore, the SAVE is validated by means of a study assessing (1) the sociometric status (Moreno, 1954) as well as (2) the caretakers’ impressions of the aggressive behavior of these children. In line with our hypotheses, the results confirm that children who attributed more responsibility to other individuals in negative situations tended to feel more anger and to behave more aggressively in ambivalent situations. Moreover, these children were rejected by their peers with a significantly higher probability. The results are discussed with respect to the usefulness of the proposed SAVE-technique and implications for possible interventions.